Part 15
»Darf ich mit ganz gehorsamsten Dank den Worten unserer hochverehrten Exzellenz von Kambach, die wohl uns allen aus der Seele gesprochen waren, die Bitte hinzufügen, daß die Arbeit der Frau die Theaterfrage umschließt? Ich meine nicht die Frage als solche, sondern die Frage weiblicher Fürsorge, den Theaterangestellten gegenüber. Sie ist sehr schwer zu lösen, ich möchte heute darum nur bitten, sich derselben später zu erinnern.«
Ein biederer Bäckermeister empfahl, den Kinos zu Leibe zu gehen. »An diesem Gift geht Deutschland zugrunde,« schloß er seine kurze kernige Ausführung.
»Gewiß,« bestätigte ein Arbeiter, der in Exzellenz von Kambachs Garten Schnee geschaufelt, »die Kinos sind 'n Verderb, aber die Schundliteratur is noch schlimmer. An das, was ich tagtäglich sehe und höre, gewöhn' ich mir, und schließlich tut' ich ins selbe Horn. Das is nich nur bei uns kleinen Leuten so, das is dieselbe Geschichte bei Herrschaften. Hier nimmt mich ja keiner meine unverblümte Aussprache übel, darum red' ich frei von der Leber weg!«
»Sehr richtig,« klang's dazwischen, und der Alte schloß ermuntert: »Das Jux, was unsere Kinder da vorgesetzt kriegen, sollte man lieber gleich in'n Müllkasten schütten!«
»Glauben Sie, daß die moderne Jugend sich ihr Futter nehmen läßt,« rief ein Charlottenburger Kirchenältester, »die buddelt ihr Konfekt wieder aus! Mit allen Hunden gehetzt ist die Gesellschaft! Aber das Ganze ist daran schuld; wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen!«
»Die Sittlichkeitsfrage ist überhaupt so weit verzweigt, daß sie später zur Aufgabe eines besonderen Ausschusses gemacht werden sollte,« sagte Graf Brelow. »Zu den Gefahren, welche die Herren Vorredner anführten, gesellt sich noch manches andere. Abgesehen von der Unzucht an sich, möchte ich heute nur auf einige Punkte aufmerksam machen. Es sind die Schankwirtschaften, die Büchereien und die Sonntagsentheiligung.«
»Je mehr Einzelschäden wir zusammentragen, um so trüber gestaltet sich das Gesamtbild,« meinte Exzellenz von Kambachs Hausarzt, der weißhaarige Geheimrat Groner. »Aber wir wollen keine Vogelstraußpolitik treiben, wir fordern die Wahrheit. Nur wer seinen Gegner kennt, kann ihn recht bekämpfen. Und wir haben ihn erkannt: Wir wissen, daß der riesenhafte Kampf, den Deutschland heute kämpft, der Kampf zwischen Glauben und Unglauben ist, zwischen dem lebendigen Gott und dem toten Götzen Mammon, -- mögen die Einzelschäden auftauchen, wo und wann sie wollen, mögen sie heißen, wie sie wollen, ihre Fäden laufen zusammen in der Abkehr von Gott, in der Feindschaft wider das Kreuz. Darum der Sittenverfall im deutschen Land. Denn das Volk, das den Glauben an einen persönlichen lebendigen Gott verwirft, muß von der Höhe seiner Kultur in die Tiefe stürzen, ob es der Antike angehört oder sich als Weltanschauung des modernen Heidentums monistisch zurechtstutzt. Daß der Bund das offen bei Namen nennt, daß er das geringste Zugeständnis nach links, daß er die sogenannte ›Gleichberechtigung der Richtungen‹ glatt ablehnt, wird ihm viele zu Gegnern machen, die einer gemäßigteren Losung vielleicht gerne zugestimmt hätten. Aber lassen wir uns nicht irremachen. Gerade in dieser Stellung liegt unsere Kraft. Denn nicht nur unsere Ewigkeit gründet sich einzig und allein auf die geoffenbarten Heilstatsachen, auf den Glauben an Jesum Christum, den gekreuzigten und auferstandenen ewigen Sohn des lebendigen Gottes, auch unseres Volkes Erdenglück und Zukunft stehen und fallen mit seiner Stellungnahme zum Kreuz. Darum, -- wollen wir in Wahrheit Deutschlands Helfer sein, so muß es heißen: ›Landgraf, werde hart!‹ Hart gegenüber jeder Falschmünzerei, wie sie auch heiße, hart gegenüber dem Feinde, der unserem Volke die Grundlagen seines Christenglaubens untergraben will. Und nicht nur heilige Abwehr gilt's, sondern, wie uns vorhin so treffend gesagt wurde: Gegenmobilmachung, Angriff. Das biblische Evangelium in das nationale und sittliche Volksleben, in das kirchliche, in das Familien- und Einzelleben, hineinzutragen oder das verlöschende neu zu entfachen, das ist die Aufgabe der Bekenner und Bekennerinnen Jesu Christi.
Möchte jeder von uns an seinem Teil, von der Liebe regiert, vom Geiste Gottes geleitet, dazu beitragen, diese gewaltige Aufgabe zu lösen!«
Oberstallmeister von Kambach ergriff das Wort.
»Mit herzlichem Dank für die mancherlei wertvolle Anregung möchte ich noch auf eins hinweisen, das ich vorhin außer acht gelassen habe, das aber auf unserm Programm nicht vergessen werden darf: der Bund lehnt jede Parteipolitik grundsätzlich ab. Nicht, daß er sich seines Einflusses auf die Politik als solche begeben will. Es ist ein Irrtum, Religion und Politik zu scheiden. Politische Verhältnisse sind nicht, -- wie viele glauben -- allein entscheidend für nationales Glück oder Unglück. Sie sind Werkzeuge Gottes, die in seinen Händen Zuchtruten oder Gnadenerweise werden, -- ganz gewiß! Aber der tiefste Grund völkischer Reaktion liegt lediglich in der Stellungnahme zu dem persönlichen Gott. Darum können und dürfen wir Christentum und Politik nicht trennen. Nur Parteipolitik gehört nicht hierher.
Ich schließe mit einem Wort Spurgeons: ›Der Teufel hat nie ein größeres Kunststück ausgeführt, als da er den gläubigen Christen weismachte, die Religion gehöre nicht in die Politik. Ich wüßte kein Gebiet, wo sie mehr hineingehörte!‹ -- Darum vorwärts in der Kraft des Kreuzes, im Namen Gottes!«
»Bravo!!« klang's einstimmig von allen Seiten. »Sehr richtig!«
Der alte Bühler blickte auf die Uhr, nickte dem Oberstallmeister zu und sagte: »Da wir die wirtschaftliche Frage morgen in einer Sondersitzung behandeln wollen, darf ich vielleicht mit Rücksicht auf unsere gütige Wirtin den Schluß der Sitzung beantragen. Nur noch eine Frage. Haben wir eigentlich einen Direktor in Aussicht?«
»Bis jetzt noch nicht, Erlaucht. Meine Mutter und ich haben uns die größte Mühe gegeben, aber die Persönlichkeit für diesen Posten ist nicht so leicht zu finden. Ich wäre sehr dankbar für jeden Hinweis. Da wir nicht eher an die Öffentlichkeit treten können, wäre eine baldige Erledigung der Frage dringend erwünscht.«
»Nur keine Übereilung, Karl Heinrich,« sagte Frau Sabine. »Wir brauchen eine Persönlichkeit aus einem Guß.«
»Sei unbesorgt, Mama. Einen, der für liberale Rutschpartien zu haben ist, nehmen wir nicht.«
Sie lächelte. Das wußte sie wohl. Dafür stand ein Kambach an der Spitze. Aber es gab viel zu bedenken bei dieser Wahl. Sie war ihr längst ein heiliges Gebetsanliegen.
* * * * *
Die Sitzung war geschlossen. Es war still geworden im Hause. Die müde Greisin bedurfte der Ruhe. Sibylle ging in ein Konzert. Der Oberstallmeister wollte noch einen alten Freund aufsuchen.
»Hab' ich dir eigentlich schon erzählt, Mama, daß Pastor Wendler sehr krank an einer Art gastrischem Fieber ist?« fragte er abschiednehmend. »Die Aufregungen der letzten Zeit sollen daran schuld sein, vor allem die Geschichte mit der Lehrerfrau. Daß er die Rede an Eberhards Sarg nicht halten konnte, war ja klar, aber leicht war's nicht für mich, als ich ein paar Tage danach von seiner Erkrankung erfuhr. Er hat sich gleich nach Drachenburg ins Krankenhaus begeben. Zweimal war ich da, wurde aber nicht vorgelassen. In den letzten Tagen habe ich nichts gehört. Übermorgen will ich in Drachenburg einen Zug überschlagen und noch einmal versuchen, ihn zu sehen.«
Sie hatte ihm aufmerksam zugehört.
»Ja, tu' das!« bat sie. Ihre ganze Seele lag in den Worten.
Er küßte ihre Hand.
»Versprich dir nicht zuviel davon, Mama!«
»Geh' nur, Karl Heinrich!« --
Und dann rüstete sie sich zur Nacht.
Beim Schein der Lampe saß sie, das weiße Haupt über die Bibel geneigt.
›Es war aber ein Jünger zu Damaskus, mit Namen Ananias. Zu dem sprach der Herr im Gesicht: ›Ananias!‹ Und er sprach: ›Hier bin ich, Herr!‹ Der Herr sprach zu ihm: ›Stehe auf und gehe hin in die Gasse, die da heißt die Richtige, und frage in dem Hause des Judas nach einem, namens Saul, von Tarsus; denn siehe, er betet.‹
Von den Türmen riefen die Uhren. Die Greisin schloß das heilige Buch und trat ans Fenster. Sterngefunkel grüßte die Erde.
Sie blickte empor.
›Denn siehe, er betet!‹ --
Ihre Seele breitete die Flügel und zog durch die schlafenden Lande, höher, immer höher hinan. Wege, die nur der Glaube kennt, die nur der Glaube geht.
Ein hoher Schein stand über dem Werk des vergangenen Tages, bis in die Ewigkeit ihres Volkes hinein reichte die Arbeit, um die sich eine kleine Schar deutscher Männer und Frauen zum erstenmal gesammelt.
Und Glaube war's, der in leuchtender Märznacht die Spule ergriff und den Webstuhl umschritt, der mit feinen goldenen Fäden das Geschick eines Starken mit seines Volkes Geschichte verknüpfte.
Zwölftes Kapitel.
Der alte Krückstock.
Es klingt ein Ton in den Garten hinaus: Großmutters Krückstock wandert durchs Haus.
Großmutters Krückstock, verbraucht und alt -- Es naht die liebe gebeugte Gestalt.
Die alte Zeit tritt leise herein, Erinnerung webt ihren Schleier fein.
Ein welkes Myrtenkränzlein erblüht, Gelbveiglein duftet, der Thymian glüht.
Die Spindel schnurrt, das Märchen wird wach Und huscht verstohlen durchs stille Gemach.
Zieht aber feiernd der Mond herauf, Schlagen greise Hände die Bibel auf.
Dann spricht die Ahne das Nachtgebet -- Es scharrt der Krückstock -- ›Kind, -- es ist spät!‹
Frühlingszauber in der märkischen Heide! Singen und Klingen über Sumpf und Sand, über dem stillen schwermütigen Lande mit seinen verträumten Seen und sonnigen Hügeln! Lerchen jubelten in den Lüften, Schwalbenschwänze und Feuerfalter gaukelten über bunten Ackerkräutern. Und ein Surren und Summen ringsum in Gras und Farn, über junger Saat und blühenden Sträuchern. Der ganze Zauber des märkischen Tieflandes, dessen sanft gewellte Heidstrecken und leuchtende Fernblicke die arme nordische Ebene so wunderlieblich schmückten, war vom Winterschlafe erwacht und grüßte die Heimat. Und das junge Leben und Weben in Wald und Wiese war schön, wie ein Stück Sonntagsfreude!
Hell und freundlich grüßte das Gutshaus, vom goldenen Schleier knospender Linden umweht, herüber. Breit und behaglich lag's im Kranz strohgedeckter Scheunen. Die Fenster blinkten in der Sonne, als brennte das Haus, ein warmer Schein spielte um das alte Schieferdach. Goldlack und allerhand altmodische Blumen dufteten hinter den weißen Mullgardinen, eine Gartenbank aus dem vorigen Jahrhundert erzählte ein Stück Familiengeschichte, und hochgemut grüßte der Hausspruch über dem Eingang:
›Gott, wer zu dir sich stellet, Hat sicher sich gestellt, Wer sich zu dir gesellet, Der hat sich gut gesellt!‹[4]
Das war der Witwensitz der Frauen von Kambach. Wie ein stiller Zeuge ihrer starken stillen bodenständigen Art, ragte der schlichte Bau ins märkische Land hinaus.
Hinter dem Hause, wo der Garten sich in Wiesen verlor, war alles veilchenblau, und süßer Duft wehte über den Wegen. Weit hinaus schaute das Auge. Wie ein feiner duftiger Aquarell lag die überschwemmte Ebene im Sonnenglanz. Der Birken lichtgrüne Schleier wehten über dem Moor, und das weiße Sumpfgras blühte. Weiterhin eine zerzauste Kiefernkrone über sprossendem Schilf und blühendem Dorn, dahinter die Ferne, duftig wie ein Hauch. Keine feste Linie mehr, -- ein Traum von rosa Heidhügeln, von blauen Seen und lauschigen Wasserstraßen, von efeuumsponnenen Domen, verwitterten Edelsitzen und verlassenen Kirchhöfen, -- Fontanes tiefsinnige Poesie war erwacht und grüßte die Heimat! -- --
Zwei Frauen saßen auf der Bank in der Sonne. Eine alte und eine junge. Die Greisin blickte sinnend in die Weite, die andere schaute vor sich nieder, als quäle sie des Lebens Alltäglichkeit. Ein unsäglich schwermütiger Zug lag in dem schönen Antlitz der jungen Frau, die in wenig Monden zum erstenmal Mutter werden sollte, ein abgrundtiefes Leid. Und die Alte im weißen Haar fühlte: es war eine von den Lasten, denen morgens der erste Gedanke gilt, die abends die letzte Träne befeuchtet, die sich in der Stille der Mitternacht auf die Seele legen wie ein Alp.
Das härteste aber war: dem jungen Weibe fehlte die Tragkraft. Es gibt Frauen, die wie ein klarer rascher Bach ihre Stärke an des Lebens Last erproben, die, je länger, je mehr, die Kunst des Tragens lernen, deren Spannkraft unter ihrer Bürde wächst -- Ilse Bühler gehörte nicht zu ihnen. Sie welkte unter ihrer Last dahin. Mühselig schleppte sie sich von einem Tag zum anderen. Nur die Hoffnung hielt sie noch aufrecht: ›Es ist ein Übergang! Wenn er sein Kind in den Armen hält, wenn ich ihm wieder bin, was ich ihm einst in den ersten Tagen der Ehe war: die jugendschöne, sonnige Frau, -- dann, dann wird's sein wie einst!‹ -- Und sie vergaß über ihrer brennenden Weibessehnsucht, wie tief sie sich selbst und den Mann, den sie liebte, mit diesem Gedanken erniedrigte, wie sie, auf die innerste, seelische Gemeinschaft verzichtend, das Allerheiligste der Ehe entweihte und veräußerlichte, vergaß vor allem, daß diese Hoffnung ein Trugbild war, die angesichts der Wirklichkeit in nichts zerrinnen mußte, -- vergaß, daß Wolf Dietrich weniger Augenblicksmensch, als kalter berechnender Selbstling war. Einem bösen schlimmen Wort aber, das er in schwerer Stunde zu ihr gesprochen, glaubten Frauenliebe und Weibessehnsucht seinen schärfsten Stachel nehmen zu dürfen, -- es war nicht so gemeint, er sprach's in der Erregung! Aber es war so gemeint. Klar und deutlich hatte er's ausgesprochen: ›Ich will keine Kinder, höchstens dies eine; wozu habe ich eine schöne Frau? Dazu stehe ich nicht in einem eleganten Regiment!‹ -- Wohl gab es Stunden, wo die wahre Erkenntnis in der Seele der jungen Gräfin erwachte und sie zu erdrücken drohte. Aber bisher war's ihr wieder und wieder gelungen, die Schatten, die ihr Glück verdunkeln wollten, zu verscheuchen. Nur in letzter Zeit und besonders in dem stillen Dreilinden, wo sie während Fräulein Eichel's kurzem Urlaub der Großmutter Gesellschaft leistete, legten sich die Gedanken wie ein Bann auf ihr Herz.
›Es sind Nerven,‹ sagte sie sich und schob sie beiseite.
Aber sie kamen wieder und wurden ihr zur Qual. -- --
Ilse Bühler war nicht im landläufigen Sinne oberflächlich. Sie hätte mit dem Manne, den sie liebte, hellen Auges trocknes Brot gegessen, und gehörte nicht zu den jungen Frauen, die nur nach Tand und Vergnügen fragen. Dafür hatten schon Elternhaus und Erziehung gesorgt. Aber ihrem Wesen fehlte die Tiefe und darum die Kraft. Was ihr Vater vorausgesehen, traf -- viel früher als er's erwartet -- ein: sie ging an dem Wesen ihres Mannes zugrunde. Nicht stark genug, um dem Sturm zu trotzen, ward ihr die gemeinsame Not zu schwer. Es kam hinzu, daß ihr das tiefste religiöse Bedürfnis fehlte. So blieb ihr Leben arm und leer, und die Zeit, die ihrer Seele zur Festigung hätte dienen können, verstrich ungenützt. Sie verstand das Kreuz nicht, darum vermochte sie nicht, es im Glauben zu umfassen.
»Wenn er sich nur ein einziges Mal auf das Kind gefreut hätte,« sagte sie mit erstickter Stimme und wandte das Gesicht zur Seite.
Exzellenz von Kambach schwieg. Was sollte sie sagen? Ihre Sorgen waren viel ernsterer Art als die ihrer Enkelin, welche glaubte, die Entfremdung ihres Gatten allein in den augenblicklichen äußeren Verhältnissen suchen zu sollen. Die Großmutter blickte tiefer. Abgesehen davon, daß Roselius in den letzten Wochen öfter bei ihr gewesen und eingehend mit ihr über den Kameraden, in dessen Hause er seit seiner Verheiratung viel verkehrte, gesprochen, hatte sie selber längst mit dem feinen Gefühl der reifen Frau bemerkt, daß diese Ehe nie eine glückliche werden würde. Bühlers leichtlebiger und leidenschaftlicher Charakter forderte sprühende Sinne. Die zarte Hingabe seiner Frau mußte seinem Wesen auf die Dauer nicht nur widersprechen, sondern die Gatten einander entfremden. Ilses Vater hatte das alles vorausgesehen und sie gewarnt. Aber in ihrer blinden Liebe zu dem schönen ritterlichen Manne hatte sie seine Worte in den Wind geschlagen. Nun war das Unglück da. Was ihn in einem kurzen Brautstand entzückt, was seinem eitlen Charakter vorübergehend geschmeichelt, langweilte Bühler auf die Dauer. Er wußte selbst nicht warum. Daß die Reinheit der Frau, die er an sich gebunden, seine Seele immer wieder an empfindlicher Stelle traf, gestand er sich nicht ein. Und doch war dies der tiefste letzte Grund, daß er sich immer mehr von ihr zurückzog. Er hatte die Braut in seiner Art geliebt, d. h. seine Leidenschaft hatte sich an ihrer Schönheit berauscht. Die Ehe, Ilses schonungsbedürftiger Zustand, die Enttäuschung, mit seiner jungen Gattin nicht bei Hofe glänzen zu können, der Gedanke, ›übers Jahr ist's vielleicht nicht anders!‹ -- das alles reizte und verstimmte ihn. Und nicht gewohnt, sich in Zucht zu nehmen, ließ er seine Launen an ihr aus und ging seine eigenen Wege. Wohin die aber führten, ward der greisen Exzellenz je länger, je mehr zur Gewißheit.
»Manchmal überkommt mich eine wahre Angst vor der Zukunft, Großmama,« klang's leise und gepreßt an ihrer Seite. »Ich glaube, Wolf Dietrich wäre entsetzt, wenn wir mehr als ein Kind bekämen ...«
»Mit dieser Möglichkeit wird er sich doch aber abfinden müssen.«
Einen Augenblick war's still. In die blassen Wangen der jungen Frau stieg flammende Röte. Sie wandte sich ab. »Ich glaube nicht, daß er das tut,« sagte sie mit zerdrückter Stimme.
»Ilse!« Die alte Dame legte die Hand schwer auf den Arm der jungen. »Und -- und du?«
»Ich -- ich muß gehorchen!« klang tonlos die Antwort.
Wieder war's still.
Mit gefurchter Stirn blickte die Greisin in den Frühlingstag hinaus.
Ein abgrundtiefes Frauenleid lag vor ihr ausgebreitet, das Martyrium des Weibes, dessen tiefstes Empfinden noch wurzelecht, dessen Sehnsucht noch rein und natürlich ist. Und gerade sie, deren Seele ungefestigt war, deren Charakter erst reifen sollte in der Schule des Lebens, die in dieser Stunde nichts besaß, als die Sehnsucht, ihr Kindlein ans Herz zu drücken, gerade sie mußte die Verachtung der Mutterschaft aufs tiefste kränken.
Und dann klangen Worte neben ihr, die sie trotz allem, was sie in den letzten Wochen erlebt, nicht für möglich gehalten, -- leise und scheu, unter dem Druck tiefsten Leides: »Eigentlich -- wollte er's schon diesmal nicht!«
Es ging über die Kraft der Sprecherin. Sie barg das Gesicht in den Händen und schluchzte wie ein Kind.
Sprachlos saß Frau von Kambach da. In ihrer Seele lohte der Zorn. War's menschenmöglich, daß das von einem Bühler gesagt wurde? Von einem märkischen Edelmann? Einem Christen? Ach, das war ja die Ursache aller Not -- er war kein Christ! Ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde war dies Leid, das ihr besonders schwer auf die Seele fallen mußte.
Die Ursache des großen völkischen Niederganges umschloß das schwere Einzelurteil: kein Christ! Und es wollte etwas in dem alten treuen Herzen zerspringen bei dem Gedanken: ›Von oben nach unten! An dem Kindermord in unserem Vaterland sind schuldig, die deines Blutes sind -- wir, der deutsche Adel!‹
Wo wollt's hinaus? Stand die Welt auf dem Kopf, daß alles, was sonst hoch und heilig gehalten ward, mit Füßen getreten wurde? Und in tausend und abertausend Fällen, wie hier, aus dem leichtfertigsten oberflächlichsten Grunde, -- um Frauenschönheit, um Spiel und Tanz, um bequemes Leben! -- Diesmal hatten sich Mutterhände schützend über die Wiege eines mit heißer Sehnsucht erwarteten Kindleins gebreitet, -- übers Jahr würde es heißen: ›Ich muß gehorchen!‹ -- Aber wie oft war's gerade das Weib, das sich seiner höchsten Würde in unfaßlicher Leichtfertigkeit entäußerte und sich seines heiligsten Dienstes mit der schamlosen Begründung weigerte: ›Ich will mir nicht die Saison verderben!‹ So sprachen deutsche Frauen!
Der greisen Brandenburgerin war's oft ums Herz, als habe sie keine Heimat mehr, als sei das Land, darin sie lebe, ein fremdes, mit neuen Sitten, neuen Bräuchen und -- das war das Schwerste, Unerträglichste -- neuem Glauben. Denn nie wär's so weit gekommen, hätte Deutschland nicht seines Gottes vergessen! Aber der Abfall vom Kreuz konnte nur Entsittlichung bringen, und der Geburtenrückgang war ihre erste Frucht. Ein religiös sittlicher Schaden der Ruin eines ganzen Volkes! -- --
Ihre Gedanken kehrten zum eigenen zurück. Mit zitterndem Arm umschlang sie die Enkelin.
Da legte Ilse Bühler den Kopf an die Schulter der Großmutter und weinte sich satt.
Sanft strich Frau Sabine über das blonde Haar.
Was war in ein paar Monaten aus dem blühenden Mädchen geworden? Eine müde überzarte Frau, deren Gesundheit schon jetzt Grund zu ernster Sorge gab. Ihre Gedanken wanderten. Könnte sie Ilse, um ihr die täglichen Aufregungen fern zu halten, wenigstens in den beiden nächsten Monaten zu sich nehmen! Bühler kam in diesen Tagen, um seine Frau wieder abzuholen. Sie wollte mit ihm sprechen. Aber Ilse sollte nichts vorher erfahren.
Grundsätzlich war Frau von Kambach freilich gegen diesen Gedanken. Aber so, wie die Dinge lagen, erkannte sie ihn beinahe als eine Lebensforderung. Denn wer sollte sich in jener Zeit der jungen Frau annehmen? Eine Mutter hatte sie nicht; Gräfin Bühlers für ein Krankenzimmer vollständig ungeschulte Persönlichkeit hätte mehr geschadet als genützt, auf andere Verwandte war nicht zu rechnen; Sibylle war seit einigen Tagen Harros Braut, und sie selbst mit ihren Altersbeschwerden, ihrem ungelenken Körper paßte nicht mehr in den Rahmen einer jungen Häuslichkeit. Hier aber in der Stille des kleinen Dreilindens, in Fräulein Eichels treuer Pflege war mehr Aussicht, der zarten Frau in schweren Tagen zu helfen, als in Drachenburg oder Kambach. Das wollte sie dem Enkel sagen und zugleich die Gelegenheit benutzen, ihm noch einmal ins Gewissen zu reden. Ob viel dabei herauskommen würde, war eine andere Frage, doch sie sagte sich: ›Dann hast du wenigstens deine Pflicht als Großmutter erfüllt!‹
Aber während sie sinnend in die Weite blickte, erwachte ein Zweifel in ihrer Seele: würde Ilse dieser Gedanke nicht verletzen, würde sie ihn nicht zurückweisen? Sie sah auf die Enkelin nieder. Sie war ruhiger geworden, aber der gesenkte Kopf mit der schweren blonden Flechtenkrone lehnte noch immer an ihrer Schulter.
Schweigend hielt sie sie umfaßt.
Sie hatte ihr nichts Neues zu sagen. Den Rat, fest auf Gott zu vertrauen, hatte sie ihr wieder und wieder gegeben, auch heute noch. Ilse hatte auch versucht, sich an den treuen Worten der Großmutter aufzurichten, aber ihre zarte empfindsame Natur war nicht stark genug, um über irdische Not hinwegzublicken. Es kam hinzu, daß ihre Stimmung von ihrem Befinden abhängig war, daß ihr nervöser Zustand sie Schein und Sein nicht mehr unterscheiden ließ.
Trotzdem war Frau von Kambach überrascht, als sie, sich aufrichtend, sagte: »Großmutter, ich hab' eine große Bitte an dich! Du wirst sie vielleicht nicht verstehen und mich abweisen, wirst sagen: ›Die Frau gehört in das Haus ihres Mannes!‹ Das tut sie auch. Aber, Großmutter, -- ich -- ich kann nicht mehr, körperlich und seelisch nicht!! Wenn ich eine Weile Ruhe hätte, würd's wieder gehen, aber jetzt in dieser Verfassung dies Leben ertragen« -- sie brach, über die eigenen Worte erschreckend, jäh ab.
Aber die Großmutter legte ihre schlanke feine Hand auf die der jungen Offiziersfrau.
»Weiter, Ilse!«
Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann sagte Ilse Bühler tief errötend: »Großmama, laß mich hier bleiben, bis alles vorüber ist!«
Frau von Kambach antwortete nicht. Dieselben Wege, die sie in fürsorgender Liebe gewandert war, ging eine andere in unüberwindlicher Furcht.
Und das Warum stockte der alten Frau auf der Lippe. Aber dann machte sie sich stark und sprach's dennoch aus.