Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 14

Chapter 143,533 wordsPublic domain

Aber unsere Gegner sollen es auch wissen. Darum zugefaßt und aus dem Schlamm geholt, was sich noch herausholen läßt! Nur keine Glacéhandschuhe angezogen, -- sonst kommen wir nicht weit! Denn es geht ums Ganze. Wir brauchen Ellenbogenfreiheit! Ohne Püffe geht's nicht ab. Der Kampf, in den wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen Linie, eine Gegenmobilmachung wider die Mächte des Unglaubens und des Halbglaubens, des modernen Heidentums in all seinen Erscheinungen. Leicht wird's nicht sein! Aber wenn der Feind erklärt: ›Der Begriff ›Gott‹ muß zerstört werden, denn er ist der Grundstein einer verderbten Zivilisation,‹[3] -- so haben wir ihm als Christen eine Antwort zu geben, die er sich nicht hinter den Spiegel steckt. Also hinein ins Gefecht! Nur keine Müdigkeit vorgeschützt, nur nicht an die eigene Bequemlichkeit gedacht! Wir können nur ganze Menschen brauchen, ganze Christen! Kein rechter Kämpfer, der abseits steht: ›was geht's mich an?‹ Es gilt unseren höchsten ~Gemeinbesitz~ schirmen, unsere ~gemeinsamen~ völkischen sozialen und religiösen Kleinodien retten. Darum die zwingende Notwendigkeit der geschlossenen, festgefügten Macht des bibelgläubigen, deutschen Protestantismus. Das christliche Zusammengehörigkeitsbewußtsein ist eingeschlafen, -- unsere Sache ist es, unser Volk aus diesem verhängnisvollen Dornröschenschlummer zu erwecken! Das ist -- kurz zusammengefaßt -- unsere Aufgabe!

Über Form und Art unserer Kampfesweise, über die Einzelarbeit, vom Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachtet, eine vorläufige Einigung zu erzielen, schlage ich Ihnen eine Besprechung vor.

Ehe wir beginnen, erlaube ich mir, Ihnen als vorläufige Arbeitsziele des Bundes folgende Aufstellung der Hauptpunkte vorzulegen.« Herr von Kambach nahm ein vor ihm liegendes Blatt vom Tisch und las:

»1. Es gilt die Zusammenfassung aller, im deutschen Volk noch vorhandenen biblisch-sittlichen Lebenskräfte zur Stärkung christlicher Weltanschauung und zum inneren Ausbau gesunden Volkslebens.

2. Es gilt eine umfassende Aufklärungsarbeit über die Pflichten der gläubigen evangelischen Gruppe im christlichen nationalen und sozialen Sinne dem deutschen Volke gegenüber.

3. Es gilt den Kampf gegen jede widerchristliche Weltanschauung, wie sie auch heiße, durch Volksversammlungen, Vorträge, Schriften, Flugblätter.

4. Es gilt die grundsätzliche Ablehnung und Bekämpfung ja wenn möglich Ausrottung der widerchristlichen antimonarchischen Presse, der Schundliteratur, des Schmutzes in Wort und Bild.

5. Es gilt die Förderung und Verbreitung der auf christlich-positiver Grundlage stehenden Tageszeitungen und die Gründung einer deutsch-evangelischen Volkspresse.«

Er ließ das Blatt sinken. Die blauen Augen schauten blitzend über den kleinen Kreis.

Da erhob sich Graf Bühler. Es schien, als sei er in den letzten Wochen älter, gebrechlicher geworden. Der Winter ist der Feind der Greise, und der Tod im Nachbarhause hatte seinen Schatten auf den Weg treuer Liebe geworfen. Aber die Adleraugen hatten nichts von ihrem Feuer verloren, und die Sprache war scharf und klingend wie vordem.

»Ich glaube im Namen aller Anwesenden zu handeln, wenn ich Ihnen warm für Ihre Ausführungen danke, mein lieber Kambach,« sagte er herzlich. »Sie haben uns die große Frage in ihren Hauptzügen knapp und zielbewußt dargelegt, haben in schöner klarer Weise ausgesprochen, was wir wollen. Gestützt auf Ihre Ausführungen, auf die Grundforderungen des Arbeitsziels wird es uns möglich sein, das Riesenwerk immer vollkommener zu gestalten und die rechte Form für seinen Ausbau zu finden. Nebenbei gesagt können wir uns in bezug auf letztere den Katholizismus -- mag uns das römische System an sich auch abstoßen -- in unseren späteren Verhandlungen zum Vorbild nehmen.

Ich brauche wohl kaum zu betonen, wie wohltuend es mich berührt, daß der Bund sich unter das Banner der Weltmission stellt. Denn Familienmission und Volksmission sind Weltmission. Nicht nur draußen in den Heidenlanden werden Entscheidungsschlachten geschlagen. Auch unser Vaterland hat eine große heilige Volksmission dringend nötig. Was die Innere Mission in großzügiger Weise begonnen und fortgeführt, bedarf, wie vorhin schon gesagt wurde, des engeren Zusammenschlusses, nicht nur mit gleichartigen Vereinigungen, sondern mit dem Volksganzen, soweit es noch auf dem Boden des biblischen Evangeliums steht. Es geht ums Ganze. Darum gilt es Arbeit im großen Stil, -- Einzelseelsorge allein wird da nicht fertig. Darum dürfen wir, -- so wertvoll gerade uns die Treue im Kleinen, Alltäglichen ist, -- nie vergessen, daß wir Weltmission treiben, daß Deutschland ein Stück Weltgeschichte umfaßt, daß der Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ unser Vaterland nicht ausschließt.«

Einen Augenblick schwieg der Sprecher. Die alten Augen hatten den weitschauenden Blick wandernder Ewigkeitsmenschen, die dem Ziele nahe sind. Und dann klangen seine Worte wie eine Prophezeiung durch den stillen Raum:

»Eine Sage vom Oststrande steht mir vor der Seele. Jahrhunderte alt, grüßt sie wie eine Verheißung diese Stunde.«

In grauer Zeit entsandte das Kloster Amelungsborn den Mönch Berno als Bischof von Schwerin und Apostel der Wenden in die heidnischen Obotritenlande. Aber an der Ostküste stand Satans Stuhl, und harte Arbeit wartete des Westfalen. Ein heißes Ringen begann, ein gewaltiges Roden, ein Kampf, Mann gegen Mann. Doch das Kreuz siegte. Junge Siedelungen winkten, aus dem Grün der Wälder ragten die Einödskirchlein. Hand in Hand mit der Urbarmachung des wilden Landes ging die stille Arbeit der Glaubensboten.

Jahre waren ins Land gezogen. Die Macht des Heidentums war gebrochen.

Am Sankt Johannistag im Jahre des Heils 1186 grüßte der junge Landesherr Heinrich Borwin seine geistlichen Untertanen im Kloster zu Doberan, und Bischof Berno vollzog die Abtweihe.

Sommerschönheit lag über dem Lande, das Korn rauschte, und die Rosen blühten. Aber über der Küste gewitterte es.

Die Nacht stieg herauf.

In der Stunde, da der junge Konvent sich zum ersten Gottesdienst unterm eigenen Dache rüstete, empörte Luzifer die See und die Fürsten der Tiefe rüttelten an den Pforten der Abtei.

Das Ostmeer schlug den schwarzgrünen Mantel um die leuchtenden Schultern und betrat, von der Hölle geführt, siegesgewiß das Land. Aber im Kloster lag der Konvent auf den Knien. Eine Macht, die Berge versetzte und dem Meere gebot, die den Willen des Allmächtigen wandelte, kämpfte wider den Fürsten des Abgrunds -- das Gebet. Näher und näher rauschte die Flut.

»Vor den Stürmen der Nacht, vor dem Toben der Hölle wollest du deine heilige Kirche bewahren und schirmen!« betete Bischof Berno an den Stufen des Altars.

»Von den Mächten der Finsternis, von den bösen Geistern aus der Tiefe wollest du uns erretten! Daß dein Kreuz den Sieg behalte in unseren Landen, wollest du eine Mauer bauen, lieber Herr und Gott, einen heiligen Damm wider alle deine Feinde!«

Näher und näher kam die Flut. Der Sturm zersplitterte die Kirchpforte.

›Einen heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹

Die dritte Nachtwache ging vorüber. Im Glanz der Morgenröte stand der Abt vor dem Kirchenfürsten:

»Komm herüber und schaue die Wunder des Höchsten!«

Und dann standen Mönche und Schiffervolk vor dem Riesenwerk.

Ein gewaltiger Damm schied Meer und Land, eine Mauer aus tausend und abertausend glattgespülten Kieselsteinen, ein Deich, wie ihn das Ostmeer nie geschaut, von unsichtbaren Händen gebaut -- ein Wunder!

Die alte Stimme bebte vor innerer Bewegung.

»Wissen Sie, was das Meer bedeutet?« rief er. »Es ist die zersetzende Macht des Unglaubens, die, von der Hölle aufgepeitscht, unser Volk bedroht. Die Obotritenlande sind Deutschland. -- Und der heilige Damm? Und die Kieselsteine? Das ist die Hauptsache, daß uns das klar ist! Der heilige Damm stellt die Gemeinde Jesu Christi dar, die glattgespülten Kieselsteine ihre durch sein Blut erlösten und gereinigten Glieder. Jeder einzelne Stein eine Menschenseele, ein Glied in der Kette, die den Unglauben eindämmen soll! -- Wie mir ums Herz war, als kürzlich meine Enkeltochter mit dieser Sage zu mir kam, und nach beendeter Lektüre zu mir sagte: ›Großvater, das ist der Bund bibelgläubiger Christen!‹ -- ich kann's Ihnen nicht sagen! Aber eines wünsche ich uns allen in dieser Stunde: daß wir ein heiliger Damm wider die Mächte des Unglaubens werden zur Ehre unseres Herrn und zum Heil unseres Volkes.«

Er setzte sich.

Besorgt ruhte Sibyllens Auge auf ihm. Seine Wangen waren gerötet, und die Hand, die sich auf den Krückstock stützte, zitterte.

Ein Rechtsanwalt erhob sich.

»Anknüpfend an das Wort des Herrn Oberstallmeisters, ›der Kampf, in den wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen Linie, eine Gegenmobilmachung wider die Mächte des Unglaubens und des modernen Heidentums in all ihren Erscheinungen‹, -- möchte ich, um jedes Mißverständnis über die Stellung des Bundes von vornherein auszuschalten, vorschlagen, diese Frage noch besonders zu erläutern. Denn hier gilt es nicht nur den Kampf mit unseren bewußten Gegnern, sondern -- Gott sei's geklagt -- zum großen Teil mit Männern aus dem eigenen Lager. Nichts ist der Kirche der Reformation gefährlicher, als diese Friedenspartei. Denn sie unterstützt den jesuzentrischen Liberalismus, eine Richtung, die wie keine andere versteht, das Schafskleid zu tragen. Wenn unser Arbeitsziel wohl auch keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wird, daß wir zum äußersten Flügel der positiven Rechten gezählt sein wollen, so erscheint es mir trotzdem geboten, unsere Stellungnahme nach dieser Richtung hin besonders klarzustellen. Vielleicht hat einer der Herren Geistlichen die Güte, meine kurzen Worte zu ergänzen.«

Pastor Lehmann, ein starker Fünfziger, mit ausgeprägten Zügen und hellem Blick, ergriff das Wort.

»Gestern abend war ich bei einem Freunde, auf dessen Bundesgenossenschaft ich bestimmt gerechnet hatte. Ich hatte mich getäuscht. Nach einer fast zweistündigen Unterredung erklärte er: ›Nehmt euch nur in acht, daß ihr nicht zu sehr Farbe bekennt!‹ und lehnte es glatt ab, der Frage näherzutreten. Und das war ein positiver Geistlicher. Der Zug der Zeit geht auf Vermittlungspolitik, aus den landeskirchlichen Nöten herausgeboren. Dem heißen Wunsche, den äußeren Bestand der geschichtlich gewordenen Kirche zu retten, entspringt das immer dringender werdende Begehr: ›Schließt euch zusammen, ihr Positiven und Liberalen gegen den gemeinsamen Feind! Der Antichrist steht vor den Toren!‹ -- Aber wir können nicht gegen die Wahrheit! Zugeständnisse auf dem Gebiet der Liebe dürfen wir machen, auf dem Gebiet des Bekenntnisses nicht. Wir halten es mit dem Lutherwort: ›Unsere Liebe ist bereit, für euch zu sterben; wer uns aber an den Glauben greift, der greift uns an den Augapfel.‹ Es ist schlimm genug, daß der antichristliche Geist moderner Weltanschauung eine mit sich selber zerfallene Kirche findet, daß er sich mit vollem Recht auf eine wesensverwandte Gruppe innerhalb der Kirchenmauern berufen kann. Die Antwort der Kirche auf den Angriff des Gegners ist daher eine halbe eingeschränkte, ein Zugeständnis, eine, ob auch unausgesprochene Versöhnung. Aber diese Versöhnung ist Truggold. In Wahrheit bedeutet sie eine Gebietsabtretung. -- Wir würden ja mit Freuden dem brennenden Wunsche des Zusammenschlusses nachkommen, wenn wir es mit unserem Gewissen vereinigen könnten. Es liegt uns darum auch gänzlich fern, über sie zu Gerichte zu sitzen, die von ihrem Standpunkt aus ihr Werk treiben, aber an einem Strang mit einem Subjektivismus ziehen, der, nur nach eigenem Maße messend, an den geoffenbarten Heilstatsachen vorübergeht und die Gestalt Jesu Christi ihrer ewigen Gottheit entkleidet, -- das können wir nicht. Denn es geht um die höchsten Güter, um eine Entchristlichung nicht nur der Kirche, sondern des Christentums.

Wenn darum auch noch Männer aus unserer Mitte dieser Vermittlungspolitik zustimmen zu sollen glauben, so bleibt uns nichts anderes übrig, als uns, ob auch blutenden Herzens, von ihnen zu trennen. Es ist keine Frage, daß wir recht allein dastehen, ja, daß uns unsere eigenen Freunde nicht nur verlassen, sondern angreifen werden, und die offizielle kirchenregimentliche Gnadensonne uns niemals scheinen wird. Wir werden es ertragen um deswillen, der für uns das Kreuz trug. In seiner Kraft stehen wir fest und unentwegt auf dem Grunde unseres Heils, auf dem Boden des wirklichen Christentums. Des Christentums der Bibel, das die Sünde bei Namen nennt und von Gnade lebt! Das die Überwelt kennt, dessen Heiland und Erlöser nicht nur eine gottbegnadete Idealgestalt, sondern der ewige eingeborene Sohn des Vaters ist, Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht von Ewigkeit! Das sein Leben in sich trägt, und seine Wahrheit in alle Lande ruft! Das menschliche Umprägung göttlicher Werte nicht verträgt und für Falschmünzerei erklärt! Das darum auch eine ~wirkliche evangelische~ Kirche fordert! Nicht als staatliche Kultusgemeinschaft, sondern als eine Kultusgemeinschaft, in welcher die Anbetung des Herrn lebendig ist, -- nicht als bloße religiöse Gesinnungsgemeinschaft, sondern als biblische Bekenntnisgemeinschaft. Diese Forderung muß die selbstverständliche Voraussetzung für unsere Arbeit bilden!«

Tiefes Schweigen herrschte.

Jeder ging seinen Gedanken nach.

Da erhob sich ein schlichter Bürstenbinder. »Es ist eine hohe Ehre für uns, daß Christus unsere schwache Kraft in seinen Dienst stellt. Wollen wir aber unserer Arbeit froh und unseres Sieges gewiß bleiben, so gilt zuerst und zuletzt die Arbeit am eigenen Herzen, im eigenen Leben. Wir vergessen angesichts großer Aufgaben so leicht das Kleine, Unscheinbare, und doch ist es maßgebend für unsere Ewigkeit.«

»Ganz recht,« klang's vom anderen Ende des Tisches herüber, »det sei ick doch immer!« Schenker war so mit Leib und Seele bei der Sache, daß er aus Versehen Platt sprach. Für gewöhnlich tat er das nicht im Salon der alten Exzellenz. Aber heute war's etwas anderes. Ganz gleichgültig war's, ob er Platt sprach oder Hochdeutsch. Streng genommen hätte hier ja überhaupt Platt gesprochen werden müssen; denn man war ja bei der Gründung eines Volksbundes. Darum war's auch ganz selbstverständlich, daß Schenker seinen Mund auftat, zumal nach allem, was er in Berlin gesehen. Die Herrschaften hier hatten sich schon daran gewöhnt, um so besser war's, wenn einer vom Lande kam und ihnen über die heillosen Zustände die Augen öffnete, um nicht einen ganz anderen Ausdruck zu gebrauchen. Aber der alte Schenker war ein feiner Kammerdiener, der in allem maßvoll blieb, -- trotz alledem -- besser gepaßt hätte ein anderes Wort --, aber abgesehen von den Kammerdienermanieren war man hier unter Damen.

Hätte ihm einer vor drei Wochen gesagt, er werde in Berlin eine Rede halten, er hätte erwidert: ›Jau sin woll in'n Kopp all 'n bißken schwach?‹, und nun war's mit einemmal höchste Selbstverständlichkeit.

»Exzellenz gestatten,« begann er, sich nach rechts verbeugend, und dann verbesserte er sich: »Exzellenz haben's ja selbst befohlen!« Er wandte sich an die Anwesenden: »Ick würd' ja nich die Unverschämtheit haben, wenn Exzellenz nich heute mittag gesagt hätten: ›Schenker, ich erwarte aber, daß Sie reden!‹ Ick tu' also man bloß meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit! -- Lange will ick die Herrschaften auch nich aufhalten. Nur einen Wunsch hätt' ick. Und den muß ick aussprechen: nämlich, daß die Herren Vorstände gleich von vornherein in der Sittlichkeitsfrage scharf vorgehen. Denn det is 'n Morast, wo'n anständiger Mensch sich gar keine Vorstellung von machen kann. Herr Oberstallmeister hat ganz recht, wenn er sagt, für solche Arbeit taugten keine Glacéhandschuhe. Aber 'ne andere Frage is die, ob man nich lieber welche dazu anzöge.« Er blickte auf sein Gegenüber. »Ich tu's ja nich, gnädiger Herr, ick pack' zu, ick hab' die schmierigen Kerls mit ihren Geburtenverhütungsmitteln eigenhändig verhauen -- aber det muß ick doch sagen -- Schenkersch Vadder hat Reinlichkeitsgefühl, hinterher hab' ich mir gründlich gewaschen! -- Und um nu gleich auf die Großstadt zu kommen -- denn da kommt doch die ganze Geschichte her -- das Weibervolk, was hier herumläuft, ick meine die Frauenzimmer mit den Florstrümpfen und edelsteinbesetzten Absätzen, die sollte der Bund man lieber gleich samt und sonders der Polizei übergeben, das Pack verführt ja nur die anständigen Frauen. Und was die Bundesarbeit anbelangt, so muß die christliche Frau feste rangekriegt werden; denn eher wird's nich anders! Von der Frau hängt's ab, wie das Hauswesen is, wie die Kinder erzogen sind, und ob der Mann ins Wirtshaus rennt oder nich. Das war vorhin sehr schön gesagt von die Familienmission, gnädiger Herr, ick bedanke mich ganz untertänigst für die Aufklärung, so halb und halb hatte ick mich das ja so vorgestellt, aber unsereins versteht nich, sich so fein auszudrücken. Und darum hab' ick noch eine ganz besondere Bitte.«

Er wandte sich an Frau von Kambach.

»Wir alle wissen, daß wir in dieser Sache ohne die Frau nich fertig werden. Es muß daher ganz genau gesagt werden, was wir von ihr erwarten. Und da mein' ick, keine könnte uns das besser auseinandersetzen, als Eure Exzellenz!« Und Schenkersch Vadder machte seine feinste Kammerdienerverbeugung und sagte mit einladender Handbewegung in seiner ehrerbietigen, aber bestimmten Art: »Darf ick bitten, Exzellenz?«

Alles verkniff sich das Lachen.

Drüben an der anderen Seite des Tisches scharrte der Krückstock.

»Schenker! Schenker!« drohte die alte Dame, aber sie erhob sich und wandte sich, die Hände auf den Tisch stützend, ihren Gästen zu.

»Ich bin gebeten worden, in der Frauenfrage das Wort zu ergreifen, und komme, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit, in Versammlungen nicht zu reden, diesem Wunsche nach. Denn diese Versammlung ist nicht öffentlich,« -- ein vielsagender Blick streifte Fräulein Eichel -- »auch stehe ich auf dem eigentlichen Arbeitsgebiet der Frau. Wir wurden vorhin ermahnt, der Treue im Kleinen nicht zu vergessen, der Arbeit am eigenen Herzen. Diese Mahnung gilt uns allen. Aber die Frau hat sie in besonderer Weise zu befolgen, weil sie die Hüterin des Familienlebens ist. Ich freue mich, hier nicht zu Frauen zu sprechen, die durch Reichsgottesarbeit glänzen wollen, sondern zu solchen, denen das Marienwort ›Siehe, ich bin des Herrn Magd!‹ der schönste Stein in ihrer Krone bleibt, deren Dienst Dank ist. Denen darum jeder Gedanke an die heutzutage allgemein gewordene, beliebte Grenzüberschreitung ferneliegt, die das Beste, was die Frau besitzt, ihre Würde und Reinheit, wie eine Königskrone hüten und bewahren. Ich will in dieser kurzen Stunde nicht die schweren Schäden aufdecken, welche die weibliche Grenzüberschreitung bereits geschaffen, -- das sind Dinge, deren Bekämpfung Sache eines besonderen Ausschusses sein werden, die ernsteste Ortsgruppenarbeit fordern, nur das eine will ich hervorheben, daß unser Volk sich an der Vermännlichung und Verbildung der Frau verbluten muß. Denn die Frau ist und bleibt die Pflegerin des Familienlebens und der Sitte, die Seele des deutschen Hauses. Begibt sie sich, dieses königlichen Vorrechts vergessend, auf das Ackerland des Mannes, so verwildert nicht nur ihr eigener Garten, sondern die großen Nationalgüter werden durch ihr Pflichtversäumnis geschädigt. Dann wird Eheirrung das geflügelte Wort, Ehescheidung steht auf der Tagesordnung. Die Weigerung der Mutterschaft führt zum Verbrechen am keimenden Leben. Unzucht verdrängt die Sittlichkeit. Und, Gott sei's geklagt, dahin kommt's nicht erst, so weit sind wir. Hier in die Bresche zu treten, ist Sache der bibelgläubigen deutschen Frau. Der Kampf an der breiten Öffentlichkeit ist Mannespflicht, die fein und still ergänzende Mitarbeiterschaft an dem großen Werk, das wir treiben, ist unsere Sache. Während die Männer das Kreuz in Deutschlands Gaue tragen, sollen wir die heilige Schwelle der Heimat hüten, sollen die Ewigkeitswerte schirmen, die unser irdisch Haus umschließt. Als Jesu Jüngerinnen sollen wir seine Liebe in die ärmste Hütte tragen, die eine köstliche Perle sollen wir unseren irrenden Schwestern bringen, eine starke unzerreißbare Kette sollen wir schließen und uns den unglücklichen Töchtern unserer Zeit entgegenstellen mit einem heiligen: ›Bis hierher und nicht weiter!‹ ~Die Arbeit der Frau ist die vorhin schon erwähnte Familienmission.~ Wie wir sie treiben sollen? Durch Wort und Tat und Wandel, durch unentwegte Treue zu dem Gekreuzigten, durch das Vorbild der durch Gottes Geist geheiligten Persönlichkeit. Es kann darum nicht stark genug unterstrichen werden, daß die Arbeit am eigenen Herzen in erster Linie stehen muß, daß wir uns täglich mit unserem Tun und Lassen unter Gottes Wort stellen. Das muß gerade im Blick auf dies Werk unsere vornehmste Sorge sein, daß wir in Tat und Wahrheit Christen sind. ~Es ist viel wichtiger, daß unter hundert auch nur zehn Hausfrauen ihren Kindern treue betende Mütter, ihren Dienstboten gerechte liebevolle und fürsorgende Herrinnen sind, als daß eine große öffentliche Tagung glänzend verläuft.~ Wir können darum die persönliche Herzensstellung zu Gott und unserem Heilande nicht stark genug betonen. ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel in rechter Richtung‹, sagt Drummond. Ich möchte hinzufügen: daß wir immer mehr diese rechte Richtung gewinnen, ist unsere Lebensaufgabe. Es gibt auch eine heilige Einseitigkeit, nämlich die, welche den Blick unentwegt auf das Kreuz richtet!

Das schöne Dichterwort: ›Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an‹, hat heute etwas von seinem guten Klang verloren. Unsere Sache ist es, die Saiten wieder auf den alten hellen Ton zu stimmen. Darum lassen Sie uns Sorge tragen, daß das Zeugnis des Altmeisters in unserem Leben, unserem Christentum Wahrheit werde, darum lassen Sie uns aber auch nie vergessen, daß nur ~die~ Frau im vornehmsten höchsten Sinne weiß, was sich ziemt, die sich die Antwort auf alle Fragen des Lebens unter dem Kreuz sucht.«

Sie schwieg.

Ehrerbietig stand der alte Schenker auf. »Ich danke untertänigst, Exzellenz!«

Da erhob sich am anderen Ende des Tisches ein Großindustrieller, Herr Wehrmann.

»Anknüpfend an das Drummondsche Wort, das Ew. Exzellenz eben gebrauchten: ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel in rechter Richtung‹, möchte ich daran erinnern, wie schwer es heutzutage, wo das Gold die Welt beherrscht, dem Kaufmann gemacht wird, sich die rechte Haltung der Seele zu bewahren und auf das Leben zu übertragen. Denn ein Christentum, das bloße Weltanschauung ist, und sich nicht durch die Tat bewährt, ist kein wahres Christentum. Nur wer sich nicht vom Geiste der Selbstsucht leiten läßt, wer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit auch im Handel und Wandel durchsetzt, wer jene Fremdkörper, die unser Volk vergiften, erkennt und rücksichtslos bei Namen nennt, verdient den Namen eines ›Großindustriellen‹, eines wahrhaft ›königlichen Kaufmannes‹. Ich kann Ihnen aber sagen, meine verehrten Anwesenden, es kostet einen Kampf, im Erwerbsleben mit solchen Grundsätzen Ernst zu machen, zumal für den jungen ungefestigten Menschen, dem das Neue verlockend entgegentritt. Möchte es dem Bunde gelingen, auch in den vielversuchten Kreisen der Welthandelspolitik dem Christentum immer mehr Eingang zu verschaffen, daß der Glaube die Haltung der Seele werde, daß er Handel und Wandel die rechte Richtung verleihe. Nur die Krämerseele ist dem Golde dienstbar, der ›königliche Kaufmann‹ beherrscht die Schätze der Erde; denn für ihn gilt das Wort: ›Dein, Herr, sind Silber und Gold!‹ Wer aber diesem Herrn dient, der regiert!«

»Bravo! Das sollte unser Vorsitzender werden!« klang es gedämpft herüber und hinüber, während Herr Wehrmann sich setzte.

Oberleutnant von Roselius hatte sich erhoben.