Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 13

Chapter 133,459 wordsPublic domain

Sie neigte sich über das junge Mädchen. »Nun, Billy, ist's denn so schwer zu sagen?«

»Ach, Exzellenz, ich -- ich weiß ja nicht, ob ich's sagen darf!«

Einen Augenblick war's still. Dann fragte Frau von Kambach mit weicher Stimme: »Harro?«

Sibylle nickte.

»Ja,« sagte sie leise und schmiegte ihr heißes Gesicht an die schmalen Frauenhände. Und dann kam eine Ruh' über sie, die sie nie gekannt. Sie wußte, jetzt konnte sie alles sagen und fragen. An dies Herz konnte sie getrost ihre Sorgen legen, aus diesen lieben Händen wollte sie den Segen empfangen für ihren Weg in Glück und Leid. Ja, auch im Leid! Und zagend kam sie von ihren Lippen, die bange schwere Frage nach dem Glauben des geliebten Mannes.

Frau Sabine antwortete nicht sogleich. Vor ihrem Geiste stand das ritterliche Bild ihres Enkels, und in ihrer Seele klangen seine Worte wieder: ›Soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!‹

Sie wußte, dieser Schwur war ihm heilig. Ob das Leben mit seiner Lust seine Sinne je und dann gefangen nahm, er war ihm heilig. Denn das, was ihn bisher gehindert hatte, ein ganzer Mann und ein Christ zu werden, war lediglich der Wille -- der angekränkelte verweichlichte, seiner Kraft beraubte Wille, der den alten kategorischen Imperativ ›Du sollst!‹ verneinte -- keine unedle Art, im Gegenteil, als ein rechter Kambach besaß er ein Stück wahrhaftiger innerer Vornehmheit -- was hier fehlte, war der Wille. Aber diese Tatsache sagte viel, alles. Sie war der Maßstab für den ganzen Menschen. Trotzdem stieg im Herzen der Großmutter immer wieder die Hoffnung auf, daß die gute alte Art auch hier ihr Recht geltend machen werde. Und diese Hoffnung sprach sie aus. Ohne das gegenwärtige Bild zu verschleiern. Ohne der Jungen zu verhehlen, daß ihres Enkels Weltanschauung eine höchst moderne sei, daß man von Religion wohl kaum bei ihm reden könne. Daß seine Wagnerverehrung ihn vielmehr zu Schopenhauer und Nietzsche treibe.

Sibylle war sehr ernst bei ihren Worten geworden.

»Und trotzdem hoffen Exzellenz?«

»Ja, das tue ich. Er kann die gesunde Kambachsche Natur auf die Dauer nicht ganz verleugnen, einmal muß sie zum Durchbruch kommen. Außerdem nimmt unser Herrgott einen jeden von uns früher oder später in seine Schule!«

Wieder war's still im Zimmer, nur die Biene flog summend von Kelch zu Kelch.

»Und ich?« fragte das junge Mädchen.

Frau Sabine zögerte. Sie fühlte die Riesenverantwortung, die das Weib dem Weibe auferlegte. Sie wußte, Sibylle würde sich an ihre Antwort klammern, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, -- wußte, wie stark ihr Einfluß gerade auf junge Menschen war, wußte, wie stark er hier war, und hütete sich, ihn in einer Form geltend zu machen, die nur das eigene Gewissen vorschreiben durfte.

»Sünde ist's nicht, wenn eine Frau einen Mann heiratet, der nicht mit ihr auf einem Glaubensgrunde steht,« erwiderte sie. »Ob's leicht ist, ob's glücklich macht, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist's ein Wagnis, welches viel Mut und Gottvertrauen fordert. Keinenfalls aber soll die Frau ihrer Liebe die Kraft beimessen, den Unglauben des Mannes zu überwinden. Das hieße die Rechnung ohne den Wirt machen. Denn das ist kein Glaube, der einem anderen zuliebe seine Überzeugung zu wechseln wähnt, -- das ist eingebildeter Glaube. Mann und Weib sind keine Kinder, bei denen Autoritätsglaube den ersten Grund legt, sondern reife Menschen. Wer aber plötzlich einem Weibe zuliebe seine ganz freie Weltanschauung aufgibt und sich zu dem lebendigen Gott bekennt, darf sich nicht wundern, wenn einem Zweifel an diesem Glauben aufsteigen. Er ist zum mindesten eine überraschende Erscheinung. Ich für meine Person habe in derartigen Fällen gewöhnlich die Erfahrung gemacht, daß solche Männer überhaupt keine ordentlichen Männer waren!«

Sibylle hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten ihrer alten Freundin gelauscht. Ein schelmisches Lächeln huschte über ihre Züge. »Es ist aber auch ein Kunststück, in den Augen Eurer Exzellenz ein ordentlicher Mann zu sein!«

Frau von Kambach lachte herzlich. »Ach wirklich, Billy? Desto besser! Auf diesem Gebiet müssen hohe Anforderungen gestellt werden. Sind sie denn aber soviel höher als die, welche ich an die Frau stelle?«

»Ja,« klang die ehrliche Antwort.

Die andere schüttelte den weißen Kopf. »Nein, Liebling, das ist ein Irrtum. Vielleicht haben die letzten Wochen mit ihren Kirchen- und Wahlkämpfen die Frage nach dem Manne in den Vordergrund gestellt und Bilder entrollt, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben, -- aber meine Stellung zur Frauenfrage kann wohl kaum ernster sein, als sie ist. Ich will ganz von den Frauen absehen, -- ob sie aus den höchsten Kreisen stammen oder aus dem Volk, -- deren wir uns schämen müssen, -- die scheiden, wo es den Kampf um die höchsten Güter gilt, aus, -- aber das wird sich keine von uns verhehlen, daß gerade ~die~ Frauen, mit denen wir rechnen müssen, vielfach nicht auf dem Posten sind. Die gebildeten christlich sein wollenden Frauen von heute sind oft von einer Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, wie sie nicht schlimmer sein können. Und gerade die Frauen unserer Kreise sind es, -- es wird einem himmelangst, wenn man sich sagen muß: das sind deutsche Gattinnen und Mütter, das sind die, welche es werden wollen!«

Sibylle senkte den Kopf. »Verzeihung, Exzellenz, ich seh's ein, wieviel ich noch lernen muß!« Sie küßte die Hand der Greisin. »Ich bin ja so dankbar, daß ich hier sein darf!« Und dann kam's wie ein Angstruf von den jungen Lippen: »Wenn ich nur nicht auch so werde!«

»Noch sind Sie es nicht, und die Anlage dazu haben Sie, soweit ich es beurteilen kann, auch nicht, aber seien Sie auf der Hut, wir leben ~in~ der Welt!«

Sibylle nickte. »Ja, ich weiß, die Welt färbt ab! Wie oft hab' ich das schon gemerkt!« Zögernd setzte sie hinzu: »Mama sagt mir das ja nicht, die sieht nur darauf, daß ich gut angezogen bin und viel tanze. Aber wenn Exzellenz es mir sagten, wenn ich mich ändern soll, -- wenn Exzellenz wüßten, wie dankbar ich wäre, ich kann's nicht sagen, wie sehr!«

Die alte Frau blickte still auf ihren Liebling. In ihren Augen glänzten Tränen.

»Wollen Exzellenz es tun?« fragte die Junge.

»Ja,« klang die schlichte Antwort.

Und Sibylle Bühler war sie genug. -- -- --

Die Dämmerung wob ihre Schleier um das Frühlingsbild in der großen Stadt, um ihre Gärten und Höfe.

In das trauliche Hinterzimmer blickte die feine goldene Mondsichel.

»Sünde ist's nicht?« klang's noch einmal hinter den Goldlackstauden, aber diesmal kam's fragend von scheuen Mädchenlippen.

»Der ungläubige Mann ist geheiligt durch das Weib, schreibt Paulus den Korinthern,« erwiderte Frau Sabine. »Das bleibt bestehen, leugnet aber die Schwere der Frage nicht ab. Die Antwort muß die Liebe geben.«

Sie nahm den dunklen Mädchenkopf in beide Hände und sah tief in die nachtschwarzen Augen.

Sibylle Bühler war blaß geworden, aber ihre Stimme war fest und klar, als sie Harro von Kambachs Großmutter die Antwort gab. Es war die größte, die ein Frauenherz geben kann: »Ich liebe ihn!«

* * * * *

Feierstille waltete. Auf dem jungen Haupt lagen segnend die alten Hände.

Der Frühlingswind stahl sich durchs offene Fenster und huschte über die Saiten der Stradivariusgeige. -- --

Und durch die Dämmerung zog klingend und singend, leise wie ein Hauch, -- ein Ton. -- --

Elftes Kapitel.

Um die Volksseele.

Sag' an, wo ist der streitbare Held, Der stolz im Kampf deine Farbe trägt? Der sein rotes Herzblut für dich verspritzt, Der dir sein Leben zu Füßen legt?

Wem steht es geschrieben in Herz und Sinn, Daß Heimatliebe im Himmel wohnt, Daß sie im Glanze der Ewigkeit, Über den goldenen Sternen thront?

Deutschland, ich wollte, ich wäre ein Mann, -- Bei Gott! Mein Schwert führt' ich ritterlich. Und kämpfte als ein streitbarer Held Um die Königskrone, -- um dich -- um dich!

Schenkersch Vadder war in Berlin, oder richtiger gesagt in der Dorotheenstraße. Denn Berlin war ihm ein Greuel. Diese Überfülle auf Straßen und Plätzen, dieser Lärm Tag und Nacht, dies Treiben und Hasten entsprach nicht seinem gediegenen Kammerdienercharakter. Und vor allem diese Gesellschaft! Gewiß, man traf auch aristokratische Einfachheit, Menschen, die sich ins Privatleben zurückgezogen, Gestalten aus der Hofgesellschaft, Landadel, -- aber das war eben nicht das eigentliche Berlin, war nicht Berlin +W+! Was z. B. alles auf dem Potsdamer Platz und in der Leipziger Straße herumlief, -- man hätt' es nicht für möglich gehalten! Nun, ja, man kam eben vom Dorf, da gab es, Gott sei Dank, so etwas noch nicht! Und in Kambach würd's auch niemals so weit kommen! Frauen, wie er sie heute morgen bei der Ankunft auf dem Bahnhof gesehen, hätten sich nicht auf der Dorfstraße blicken lassen dürfen, -- Kleider wie ein Futteral, -- er hatte heute morgen fortwährend auf den Augenblick gewartet, wo eine Naht platzen würde, -- himmelhohe Absätze mit ›Edelsteinen‹ besetzt, Patschuliduft, -- Schenker hatte von der Köchin der alten Exzellenz erfahren, das nenne man ›elegant-mondän‹. Das hieß jedenfalls soviel wie ›überelegant‹. Malvine wußte es nicht genau, man konnte sich ja schließlich auch sein Teil denken. Die Männer sahen dementsprechend aus. Schenker hatte nur immer den weißen Kopf geschüttelt, -- »na, denn man zu, det kann ja noch nett werden!« Der Alte war froh, als er glücklich in der Dorotheenstraße angelangt war. Aber als Sibylle Bühler in ihrer vornehmen Schönheit vor ihm stand und ihn freundlich begrüßte, konnt' er's nicht lassen, Vergleiche zu ziehen. Warum gab es so etwas nur noch vereinzelt, eigentlich nur noch auf alten märkischen Schlössern? Und während er Herrn von Kambachs Koffer auspackte, dachte er über die Frauenfrage nach. Es war doch eine heikle Sache! Gut, daß diese Weiber in Berlin wohnten und nicht in Kambach, -- na, der olle Schenker war schließlich auch noch da, und schlimmstenfalls gab's Reitpeitschen!

Und das großstädtische Straßenbild blieb in der Seele des Greises haften. --

Vor zwanzig Jahren wäre das alles nicht möglich gewesen! Und doch war's nur ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde. Ihn schauderte. Immer gewisser ward's ihm: sein schönes heißgeliebtes Vaterland war das reine Babel geworden. Vor einiger Zeit hatte er in Drachenburg in einer christlichen Versammlung gehört, Paris sei nichts gegen die Friedrichstraße. Damals hatte er sich über die übertriebene Äußerung geärgert, -- heut glaubte er sie. Herrgott, wo sollte das hinführen? Ging es so weiter, so verfaulte Deutschland bei lebendigem Leibe! Ein Glück und Segen, daß man endlich anfing, die Scheuklappen abzulegen, daß sich Männer und Frauen fanden, die auf die Pestbeule ihres Volkes hinwiesen und erklärten: ›Da hapert's!‹ Hoffentlich war's noch nicht zu spät!

»Ach was! Daß du das schändliche Sorgen nicht lassen kannst, Schenkersch Vadder! -- Aber das viele Geld, das zur Gründung des Bundes nötig is, und was sonst drum und dran bummelt! -- Schenker, wat du da seist, is einfach Quatsch!! Du kennst genug Geschichten, wo Gott der Herr sich einfach seine Leute rangekriegt hat, und wenn das nötige Geld nich da war, hat er's ihnen geschenkt und dann wieder aus der Tasche geholt für seine Sache! Also -- bitte!«

Und die treue Seele, die sich in den langen stillen Stunden im Kambacher Gutshause angewöhnt, in allen Tonarten Selbstgespräche zu führen, vergaß, daß die Wände in der Dorotheenstraße dünner waren, und hielt ihrem alten Adam eine Moralpredigt nach allen Regeln der Kunst.

Aber nebenan saß ein dankbarer Zuhörer und freute sich, daß es noch solch kernige Art im deutschen Vaterlande gab, deren engere Heimat seine alte Mark war.

Leise erhob er sich und öffnete die Tür zum angrenzenden Zimmer. Dort saß Exzellenz von Kambach rechnend am Schreibtisch.

»Bitte, Mamachen, komm einen Augenblick herein und hör' dir Schenkers Selbstgespräch an! Es ist zu köstlich!«

Sie sah überrascht auf. Zum erstenmal, seit sein Kind zu Grabe getragen war, hörte sie den alten fröhlichen Ton.

»Von dem können wir lernen! 's ist doch was Prachtvolles um die märkische Art. Aber bitte, komm, sonst entgeht uns das Beste!« Der Oberstallmeister bot seiner Mutter den Arm. »Daß er uns nur nicht hört, der Kerl hat noch immer Ohren wie 'n Luchs!«

Und dann standen sie vor der angelehnten Tür hinter dem Vorhang. --

»Wenn Malwine das ›elegant-mondän‹ nennt, so is sie eben so'n Schaf, wie alle anderen,« sagte drinnen die alte Stimme in bestimmtem Ton. »Elegant? Was elegant is, weiß der olle Schenker ganz genau -- Gräfin Bühler is elegant -- das heißt die junge -- Gott bewahr' einen vor der aufgedonnerten Mama, -- is ja gar keine Bühler, is 'ne Firlemontsche!« Er lachte kurz in sich hinein. »Aber Gräfin Sibylle! Die sollten sie man ordentlich ran kriegen zur Bundesarbeit. Schade, daß sie noch so jung is! -- -- Ja -- und nu -- mondän! Eigentlich müßt' ick doch wissen, was das heißt, schon damit ick drüber reden kann!«

Stille folgte. Ein paar Schritte.

»Hier war doch sonst 'n Fremdwörterbuch, oder so was in der Fremdenstube!«

Die Tür des Bücherschrankes ging. Ab und an ein Geräusch, als zöge eine unkundige Hand ein Buch aus dem Fach.

Dann wieder die alte Stimme: »+Mondain, m.+ (sp. mongdäng) ein weltlich gesinnter Mensch! -- Na, das hab' ick doch von Anfang an geseit! Das gehört also mit zu den ganzen Kram. Die Geburtenverhütung, die Unsittlichkeit, die Frechheit gegen die Obrigkeit, die Verachtung von Gottes Wort, das alles is verwandt mit die Gesellschaft, mit die verrückte Kleidermode, mit die Edelsteine an den Stelzenabsätzen! Is ja Glas, nix weiter, aber es soll was vorstellen! Wenn so'n Frauenzimmer mal Kobolz aus der Straßenbahn schießt, -- daß du dich nich unterstehst, und die etwa aufsammelst, Schenker! Wenigstens wasch dir nachher die Hände, sonst denkt deine alte Exzellenz, du brauchst Patschuli, und wärst hier in Berlin +mong-+, +mong-+, +mongdain+ geworden, elegant-+mongdain+!«

Ein helles Gelächter ließ den Alten aufschrecken. Auf der Schwelle standen Mutter und Sohn.

»Nein, mein guter Schenker, das wird Ihre alte Exzellenz niemals von Ihnen denken! Wir kennen uns!«

Schenker war einen Augenblick regelrecht verlegen. Das kam selten vor. Aber wenn's vorkam, hatte es seinen guten Grund. Zu dumm, diese dünnen Wände in der Großstadt! Na, nu war's geschehen! -- Vielleicht war's seinem inwendigen Menschen nötig, daß er sich mal gründlich lächerlich machte. Es war dasselbe, als wenn Mamsell in Kambach von dem dösigen Hausmädchen sagte: ›Ab und an 'n tüchtiges Donnerwetter -- dann geht's wieder 'ne Weile!‹ Vielleicht dachte der liebe Gott ähnlich über ihn. Und aus dieser Empfindung heraus und mit der leisen Anwandlung eines schlechten Gewissens wegen seiner unbarmherzigen Gesinnung gegenüber der Berliner Halbweltsdame kämpfend, sagte er:

»Exzellenz, ick bin doch auch man bloß 'n sündiger Mensch! Wenn ick dauernd mit die Gesellschaft verkehrte, dann weiß ick wahrhaftig nich, was dabei herauskäme!«

Ein leichter Schritt klang im Nebenzimmer: Fräulein Eichel.

»Frau von Schink läßt fragen, ob es dabei bliebe, daß die Sitzung um vier Uhr wäre, Exzellenz?«

»Punkt vier Uhr. Können wir schon Tee bekommen, liebe Eichel? Es wird sonst zu spät!«

»Es ist alles fertig, Exzellenz!«

»Danke.« Sie nickte dem alten Diener freundlich zu. ›Um dich bin ich nicht bange,‹ sagten die hellen Augen.

Und dann klappte der Krückstock auf den Dielen. -- --

* * * * *

In dem hell erleuchteten behaglichen Salon Exzellenz von Kambachs hatte sich ein Kreis von etwa dreißig Personen zusammengefunden. Eine Gesellschaft aus allen Volksschichten. Hoher Adel, weißhaarige Generäle, einige Geistliche, Herren aus dem Kaufmannsstande, eine Anzahl Damen, ein paar schlichte bürgerliche Gestalten, mehrere Leute aus dem Volk. Ein scheinbar wahllos zusammengewürfelter Kreis. Nur der Eingeweihte wußte, daß die Einzelgestalt ihre besondere Bedeutung hatte, daß hier Persönlichkeiten und Werte abgeschätzt worden waren, daß keiner gekommen, und ob es der Bescheidenste, Geringste war, bei dessen Erscheinen man nicht des Wortes gedenken durfte: ›Es sind mancherlei Ämter.‹

Ein eigenartiges interessantes Bild bot das schlichte Frauengemach dem, der gelernt, den Blick auf das Überweltliche zu richten, der die großen Tagesfragen in den hohen Schein der Ewigkeit rückte, der im Menschenantlitz zu lesen verstand, der nicht irgendeinen vaterlandslosen Gesellen in seinem Weggenossen erblickte, sondern die heilige Frage auf brennender Lippe trug: ›Von wannen bist du?‹ Eine unausgesprochene Zusammengehörigkeit schien diesen Kreis zur festen Gemeinschaft zu verbinden, ein zäher Kitt das junge noch ungefestigte Werk zusammenzuhalten. Und an der Wiege des neugeborenen Kindes die ehrwürdigen Paten, zwei Menschen aus ganz verschiedenen Gesellschaftskreisen, ganz verschiedenen äußeren Verhältnissen, Gestalten aus einer Zeit, an der das Geschlecht von heute in großen Scharen achselzuckend vorüberging -- eine fünfundsiebzigjährige märkische Landedelfrau und ein einfacher Häuslerssohn aus dem Spreewald, der im Dienst seines Herrn in Ehren weiß geworden war.

Schenker hatte sich zwar mit Händen und Füßen, und nicht zum wenigsten mit seinem schlagfertigen Mundwerk dagegen gewehrt, als man ihm einen regelrechten Ehrenplatz einräumen wollte; aber Frau von Kambach hatte kurz und bündig erklärt: »Keine Redensarten, Schenker! Es muß alles seine Ordnung haben. Sie sind der erste gewesen, der die Frage angeregt hat!«

Und er hatte alles über sich ergehen lassen. Denn in einem früheren ähnlichen Falle hatte ihm seine alte Exzellenz, als er ihr zuviel geredet, einfach erwidert: ›Schenker, das ist Quatsch!‹ Und das wollte er nicht gern zum zweitenmal hören. Einmal hatte er es sich ja schon selber gesagt, das war aber etwas anderes. Schließlich hatte er doch auch weiße Haare und war ein alter Kammerdiener. --

Allgemeine Überraschung und Freude herrschte, als sich in dem Augenblick, wo Herr von Kambach die Sitzung eröffnen wollte, noch einmal die Tür auftat, und der ehrwürdige Graf Bühler, auf dessen Erscheinen man wegen eines kaum überstandenen Ischiasanfalles nicht gerechnet hatte, auf den Arm seiner Enkelin gestützt hereintrat. Graf und Gräfin Brelow, die mit dem alten Herren zusammen gereist waren, folgten. Lächelnd winkte der Erblandmarschall den Anwesenden zu.

»Guten Tag, alle miteinander! Sitzen bleiben! Leute, die zu spät kommen, gehören in den Winkel!« Eine Mahnung, die allerdings wenig Anklang zu finden schien, denn alles wollte dem greisen Standesherrn die Hand drücken.

Dann endlich Stühlerücken, Stille, Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

Einer der anwesenden Geistlichen sprach ein kurzes Gebet, worauf der Oberstallmeister die Erschienenen begrüßte:

»›Hüte, starkes Volk der Ehre Manneswort und Weibesreinheit, Kindeslust und Greiseslehre, Kraft und Huld in steter Einheit! Stolz und fest und treu bewache Vaterland und Muttersprache!‹

Mit diesen Worten Peter Roseggers heiße ich Sie, meine verehrten Anwesenden, in dieser Stunde im Namen meiner Mutter willkommen! Was uns hier zusammenführt, ist jedem von uns bekannt! Trotzdem ist der Wunsch laut geworden, daß, bevor wir die Grundforderungen des Werkes, das wir im Namen Gottes beginnen, festlegen, noch einmal klipp und und klar ausgesprochen werde, was wir eigentlich wollen. Manch einer wird denken: ›Wieder 'n neuer Verein, der sich berufen fühlt, Deutschland aus dem Morast zu ziehen, und nachher verläuft die Sache im Sande, oder es bleibt bei begeisterten Aufrufen und großartigen Tagungen, bei Beschlüssen, die niemals Wirklichkeit werden!‹ -- Lassen wir die Leute denken, was sie wollen! Erstens fahren wir niemand in die Parade, und zweitens sind wir kein neuer Verein, sondern ein Bund. Aus dem Morast ziehen wollen wir Deutschland allerdings mit Gottes Hilfe und der Hilfe anderer Leute. Denn wir wollen nicht trennen, sondern sammeln. Alles, was vorhanden ist, was seit Wichern und Stöcker auf dem Gebiet der Inneren Mission geleistet ist, wollen wir zusammenschließen zu einem großen starken Ganzen. Der ›Bund bibelgläubiger Christen‹ soll ein ~Volksbund~ sein. Denn wir haben bisher wohl Offizierskompagnien, aber keine Soldatenregimenter. Ohne sie aber können wir nicht in den Kampf ziehen. Ungezählte Einzelgefechte haben stattgefunden, mit Mut und Ausdauer ist hier und dort gestritten worden. Aber unsere Zeit fordert große schwere Entscheidungskämpfe, welche keine Zersplitterung ertragen. Darum heißt es sammeln, was an Kräften vorhanden ist, darum heißt es in geschlossenen Reihen zum Angriff vorgehen. Wie vor hundert Jahren in dem heißen Ringen um äußere Freiheit, muß es auch heute im Kampf um Deutschlands heiligste ewige Güter heißen: das Volk steht auf. Ja, ~das Volk~ soll aufstehen, ~das Volk~ soll sich erheben wie ein Mann, ~das Volk~ soll dem Volke zeigen, daß es noch Mark in den Knochen hat, daß es noch wahrhaftiges Deutschtum, wahrhaftiges Christentum gibt, -- ~das Volk~ soll dem Volke helfen. Mit einem Wort -- wir brauchen eine christliche ~Volksmission~! Deutschland rühmt sich seiner blühenden Kultur, aber daß diese Kultur keine Sittlichkeit mehr kennt, daß unser Volk bei lebendigem Leibe verfault, scheint Nebensache zu sein! Es ist eine Schande, wie weit wir heruntergekommen sind! -- --

Aus diesem Sumpf aber kann uns nur eines retten: der Neuaufbau des christlichen Familienlebens. Denn das Haus ist die Geburtsstätte kommenden nationalen Glücks oder Unglücks; es bildet die Grundlage zukünftiger Völkergeschichte. Sind die Familien aber entchristlicht, so setzt sofort der sittliche Bankrott und damit der völkische Verfall ein.

Das Wort Roseggers, das ich Ihnen zurief, betont zwar nicht die Notwendigkeit christlicher Waffenrüstung, aber es schließt sie als heilige Selbstverständlichkeit ein. Denn echtes Deutschtum, Vaterlandsliebe, Mannesehre, Frauenreinheit, Schutz der Sitte und des Herdfeuers sind nur da vorhanden, wo das Christentum die Wurzel des Volkslebens ist. Wird es ausgeschaltet, geht die Sittlichkeit verloren, und das Volk versumpft. Bei uns in Deutschland ist diese Zersetzung im vollen Gange. Ich wiederhole: seit der Feind am Werke ist, die Grundlagen unseres Volkslebens zu untergraben, seit er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln das Christentum angreift, ist diese Zersetzung im vollen Gange. Daß unsere Gegner aber in der Wahl ihrer Mittel nicht ängstlich sind, ist nichts Neues. ›Die Verlästerung des Namens Gottes ist nötig, um der Religion den Garaus zu machen!‹ erklärt Liebknecht. Das ist deutlich geredet. Wir wissen wenigstens, mit wem wir es zu tun haben!