Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 12

Chapter 123,826 wordsPublic domain

»Sie sehen, warum die liberale Theologie keinen Boden unter den Füßen hat,« fuhr der Geistliche fort. »Sie wurzelt letzten Endes, wenn sie es auch nie zugeben wird, in dieser Erde. Daher ist sie auch zum Teil an der Entsittlichung unseres Volkes schuld. Denn wo keine Ewigkeitshoffnung ist, da ist auch keine Sittlichkeit. Das ist die natürliche Folge. Man kann sich daher gar nicht über die kirchlich-liberale Freundschaft mit den Monisten wundern!«

»Monisten?« Schenkers Weisheit war am Ende. »Die glauben gar nichts!?«

Pastor Krug lachte. »Sie behaupten, sehr viel zu glauben, aber wenn man's bei Lichte besieht, kommt allerdings wenig dabei heraus. Sie glauben jedenfalls an keinen persönlichen Gott.«

»Det sei ick doch!« platzte Schenker heraus. »Verzeihen Sie, Herr Pastor, aber meine Frau und ick sprechen immer Platt, da geht's mich dann wie eben!«

Der Geistliche nickte.

»Und dann wundert man sich noch, wenn solche Sachen vorkommen, wie mit der armen jungen Lehrersfrau in Dambeck! Ick kann nur sagen, ick würd' mir bei der ersten besten Gelegenheit, ja, sobald mir das Leben irgendwie unbequem würde, eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ick keine Ewigkeitshoffnung hätte, wenn ick nich wüßte: du bist um Christi willen bei Gott in Gnaden!«

»Wann ist es denn geschehen?«

»Heute nachmittag hat sie sich erschossen. Kein Mensch weiß, wo sie die Pistole herbekommen hat! Graf Brelow war vorhin im Schloß. Der Kutscher hat mir die Geschichte erzählt. Gewundert hab' ick mir ja weiter nich. Was die Frau für Zeug las, -- ach, du meine Güte! Warum unser Herr Pastor ihr auch solche Bücher gegeben hat?«

»Wendler?«

Der Alte nickte.

»Was hat er ihr denn gegeben?« fragte der Geistliche. »Können Sie mir nicht die Titel nennen?«

»Die hab' ick vergessen, Herr Pastor. In den Brief, den sie geschrieben hat, stand das ja alles drin, aber ick hab's wahrhaftig wieder vergessen. Da fällt mir ein, Herr Petzold soll von Volksbüchern gesprochen haben. Es müssen aber doch wohl Bücher gewesen sein, die unsereins, der die liberalen Schliche nich kennt, irreführen. Und dann hat er auch noch zu Mirow gesagt, wenn er 'ne blasse Ahnung gehabt hätte, daß seine Frau so was läse, so wäre er ganz gehörig dagegen eingeschritten. Er hätte wohl gewußt, daß sie viel und gern gelesen hätte, aber gegen die Bücher, die er bei ihr gesehen, hätte er nichts einwenden können. Det hätte sie ihm verheimlicht, daß sie solche Sachen im Hause gehabt hat. Es sei gar kein Wunder, daß es so gekommen sei. Eine Frau wie seine Louise, die schon von Haus aus nich gerade fromm gewesen sei, könne unmöglich, noch dazu in schwerer Zeit, durch solche Bücher zum Glauben kommen. Sie erregten nur Zweifel. Ja, Herr Pastor, wenn's so steht, hat er ja ganz recht! Is wahrhaftig kein Wunder, daß die arme Seele sich schließlich ein Leid angetan hat!« Und der Alte stampfte ingrimmig durch den Schnee. »Der hat schon mancherlei auf'n Gewissen. Bei unsern jungen Herrn is doch auch die Aufregung von wegen die Konfirmandenstunde mit schuld. Nee, Herr Pastor, allens was recht is, -- aber, wat to dull is, dat is to dull!«

Einen Augenblick war's still, dann begann der Alte von neuem: »Was der Dambecker Kutscher is, der hat mir vorhin, wie Herr Pastor mit Herrn Grafen oben waren, die Petzoldsche Geschichte haarklein erzählt. Sein Großvater hat schon in Brelowschen Diensten gestanden, er kennt das ganze Dorf. Seine Enkel gehen bei Herrn Petzold in die Schule. So is es gekommen, daß er öfter mit ihm gesprochen hat, und daß Herr Petzold dem alten Mirow sein Herz ausschüttete. Der Frau war nichts gut genug. In mein' ganzen langen Leben hab' ich noch keine so feine Dorfschullehrerwohnung gesehen. Und dann die Kleider! Die Dambecker Frau Gräfin ging nich so fein angezogen wie Frau Petzold! -- Und die Leserei! Natürlich litt der Haushalt darunter; die Frau soll ja nich von die Bücher wegzubringen gewesen sein. So is das Unglück geschehen! -- -- Herr Pastor, wir Kambacher haben ja die Händler mit ihren schmutzigen Mitteln immer wieder an die frische Luft gesetzt und feste verhauen, -- ick hab' selbst dabei geholfen, und solange meine alten Knochen ihre Schuldigkeit tun, soll der olle Schenker nich dabei fehlen! In Dambeck scheinen sie nich so scharf vorgegangen zu sein. Daher is die Geschichte da wohl so eingerissen. Im Falle Petzold scheint die Sache so zu liegen. Er ist 'n fleißiger arbeitsamer Mann, der seine Freude an seinen beiden Kindern hat und so was nie mitmachen würde. Aber sie hat alles in Staat angelegt und sich nich um Gottes Ordnung gekümmert. Kurz und gut, Herr Pastor, Frau Petzold hat an ihren zwei Kindern genug gehabt. Und wie die Versuchung an sie herangetreten is, da hat sie nicht widerstehen können. Der Mann hat auch hiervon keine Ahnung gehabt. Wie die Frau dann kränker und kränker geworden is, hat er Verdacht geschöpft. Aber sie hat nich mit der Sprache herausgewollt. Erst in dem Brief, den sie vor ihrem Tode an ihn geschrieben hat, is alles gesagt -- -- das Schreiben soll eine schwere Selbstanklage enthalten, -- Herr Petzold hat es dem alten Mirow gezeigt -- ihres Gottes habe sie vergessen, schreibt die Frau, ihre heiligsten Pflichten habe sie versäumt. Schon als Mädchen habe sie allerlei zusammengelesen, besonders eine Menge Bücher von einen sehr berühmten Irrlehrer, -- ick hab' den Namen vergessen, mit 'n N fing er an ...«

»Nietzsche?« fragte der Geistliche.

»Is gerne möglich, Herr Pastor! Der alte Mirow wußte es selbst nich mehr genau! -- Na, das is jedenfalls ganz was Schlimmes gewesen, und Herr Pastor Wendler hat sie durch die Volksbücher davon heilen wollen. Was dabei herausgekommen is, sehen wir ja! Er hat es gewiß treu gemeint, aber was die liberale Lehre is, die hat nu mal keine Kraft. Traurig! Die Frau hat geschrieben, ihr Unglaube habe sie arm gemacht, so arm, daß sie nun, wo sie krank und siech sei, nich mehr leben könne. Das Leben habe ja auch keinen Zweck; denn nach dem, was Herr Pastor Wendler ihr gesagt, und was in den Büchern stehe, die er ihr geliehen, könne es, wenn man's recht bedenke, keine Ewigkeit geben. Es sei sonst ja alles recht schön und gut, was darin stehe, aber Trost biete es nich, wenigstens nich, wenn man so schwer gefehlt habe, und Ewigkeitshoffnung könne man erst recht nich daraus schöpfen! -- Dann hat sie noch einen Brief an Pastor Wendler geschrieben ...«

Sie waren vor Schenkers Häuschen angelangt. Hinter blühenden Geranienstöcken saß eine weißhaarige Frau bei der Lampe am Spinnrad. Sie sah traurig aus. Das Leid drüben im Gutshause lastete auf der treuen Seele.

Pastor Krug reichte dem alten Kammerdiener die Hand.

»Gott befohlen, Herr Schenker! Ein trauriges Wiedersehen heute!« Er wandte sich um. »Was war das?«

Schenker drehte den Kopf.

Eine hohe Gestalt im Wettermantel enteilte im Nebel.

»Um Gotteswillen, das is ja unser Herr Pastor!«

»Der ist uns doch nicht begegnet,« meinte der Geistliche.

»Nein, nein, er is uns nich begegnet,« rief der Alte erregt. »Er muß hinter uns hergegangen sein -- er hat alles gehört!«

»Vielleicht sollte er's hören,« sagte Pastor Krug und ging den Weg, den er gekommen, dem Inspektorhause zu, wo sein Wagen wartete.

Eine halbe Stunde später war er auf dem Heimwege.

In den Tagelöhnerwohnungen war noch Licht. Heimlich glühte es hinter den kleinen Scheiben, hinter dem Grün der Myrten und den roten Stauden des ›fleißigen Lieschen‹. Nur die Pfarre lag dunkel und still unter der schirmenden Krone der Sommerlinde.

Einen Augenblick war's ihm, als müsse er an die Tür des Mannes klopfen, der da drinnen den schwersten Kampf seines Lebens kämpfte, aber dann sagte er sich: ›Nein. In der Stunde, da Gott uns zerbricht, scheidet das Menschliche aus. Auch menschliche Treue. Es gibt Kämpfe, die der Mensch allein kämpft.‹ Und im Herzen das Gebet, daß der Wille eines Starken sich dem Stärksten beuge, fuhr er durch die feiernde Heide seiner abgeschiedenen Pfarre zu.

Sein Entschluß reute ihn nicht. Er wußte es aus eigener, tief innerlicher Erfahrung: jenes heilige ›Ich will!‹ war das Größte, Ureigenste, Persönlichste im Menschen! Es war der höchste Freiheitsakt, den eine Seele vollzog, wenn sie erklärte: ›Ich will aus dem Staube, will ans Licht, will zu dir, näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!‹ Eine Umwertung aller Werte barg diese Tat, und der oft mißdeutete alte Spruch ward Ewigkeitswahrheit: ›Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!‹

Zehntes Kapitel.

Ein Ton.

Ich hab' eine Mutter und hab' sie nicht! -- An ihr Festgewand, an ihr schimmernd' Geschmeid Denkt sie zu aller Stunde und Zeit; An ihres Haares seidene Pracht, An ihrer Augen leuchtende Nacht, An die roten Rosen an ihrer Brust, An Erdenliebe und Erdenlust, An Glück und Liebe und Sonnenschein, An tausend lachende Melodei'n, An alles, was einst in Scherben bricht! -- Ob ihres Kindes verlassene Seele Den Durst gestillt an lebendiger Quelle, Danach fragt sie nicht!

Ein weicher linder Tag war's, einer von jenen neuen Frühlingsboten, die alles versprechen und nichts halten. Um die Dächer flog der Tauwind, sein Lenzlied singend, und der Tropfenfall unten auf den Steinen schlug den Takt dazu. Aber in der südlich milden Luft lag's wie ein Traum von Veilchenduft und Zentifolienblüte, wie eine große Sehnsucht nach der bräutlichen Pracht weißer Narzissen. In den Blumenhallen standen sie in dichten Sträußen, auf dem Potsdamer Platz, an den Straßenecken lockten sie die Vorübergehenden. Schon küßte die Sonne drüben im Tiergarten ihre Schwestern wach. Von jeher hatte sich der Frühling beeilt, nach Berlin zu kommen. -- --

Aus den offenen Fenstern eines hellen Gartenzimmers in der Dorotheenstraße klang eine Frauenstimme. Wie ein Trauerschleier lag's über dem Liede, über dem weichen vollen Alt. Ein seltsames Lied war's, auf einen einzigen Ton gestimmt. Aber die Klänge eines edlen Instruments gaben dem wunderbaren Sang ihr vielstimmiges Geleit, wie ein Kirchenchor der Stimme eines Engels. Es war das Lied des Meisters Peter Cornelius aus seinem ergreifenden Werk ›Trauer und Trost‹: ein Ton.

Zart wie ein Hauch schwebte es durch den stillen Raum in den lachenden Vorfrühling hinaus, ein Allerseelenlied, von Tränen betaut, von Ewigkeitshoffnung getragen:

›Mir klingt ein Ton so wunderbar, In Herz und Sinnen immerdar.

Ist es der Hauch, der dir entschwebt, Als einmal noch dein Mund gebebt?

Ist es des Glöckleins trüber Klang, Der dir gefolgt den Weg entlang?

Mir klingt der Ton so voll und rein, Als schlöß er deine Seele ein. --

Als stiegest liebend nieder du Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹

Der letzte Ton war verklungen. Sinnend blickte ein dunkeläugiges Mädchen auf die Noten. Die schlanken schmalen Hände ruhten auf den Tasten.

›Als stiegest liebend nieder du Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹[2]

flüsterte sie und ihre Augen schimmerten in Tränen.

Vor ihrer Seele stieg ein Bild auf: eine schlanke Knabengestalt mit blauen Augen und blondem Haar, mit hellem Sinn und klarem Blick -- der junge Adel, wie er leibte und lebte. Nun lag das blühende hoffnungsvolle Menschenleben im Grabe. Wie ein Held war dies Kind den letzten dunklen Weg gegangen, den Jubelpsalter der Weihnacht auf den Lippen.

Wieder wurden die Töne unter dem Druck der Mädchenhände lebendig, wieder klang die helle Stimme. Aber über diesem Liede lag kein Schleier. Leise zwar, unter den Tränen frischen Schmerzes, aber dennoch froh wie ein Kind im Schein der Christnacht sang Sibylle Bühler, alles um sich her vergessend, das holde weihnachtliche Lied:

›Das ew'ge Licht geht da herein, Gibt der Welt ein'n neuen Schein! Es leucht't wohl mitten in der Nacht Und uns des Lichtes Kinder macht, -- Kyrieleis!‹

Das Lieblingslied ihres kleinen frohen Kameraden war ja auch das ihre. Wie oft hatten sie es zusammen gesungen!

›Und uns des Lichtes Kinder macht‹ --

zog es in den goldenen Mittag hinaus. Dann war es still in der hellen Gartenstube der Dorotheenstraße.

Träumend saß Sibylle Bühler im Schein der Märzsonne. Sie hatte es nicht bemerkt, daß sich leise die Tür öffnete, daß eine Frauengestalt in Trauerkleidern, auf den Krückstock gestützt, von der Schwelle herüberlauschte. Frau von Kambach war älter geworden in den letzten Wochen. Der Tod des jungen hoffnungsvollen Enkels hatte sie schwer getroffen. Die ersten Tage nach dem Begräbnis hatten Sibylle und Fräulein Eichel sogar einen körperlichen Zusammenbruch befürchtet. Aber der glaubensstarke Geist siegte über die Schwäche des Leibes. Nur die körperliche Widerstandskraft ging der Greisin in jenen Tagen verloren. Die Spannkraft des Geistes, die ihrem Wesen seine wunderbare Frische gab, kehrte mit der Teilnahme am Leben und an den Fragen des Tages zurück. Aber die geplante Bundessitzung hatte doch hinausgeschoben werden müssen, auch aus Rücksicht auf Herrn von Kambach, der an dem festgesetzten Tage nicht hatte kommen können.

Die Rechte fest auf den Krückstock gestützt, stand Frau Sabine da. Über das welke Gesicht liefen die hellen Tränen. Leise schluchzte sie auf.

Sibylle wandte den Kopf. Ein heißes Erschrecken flog über ihre Züge.

»Exzellenz!«

Sie sprang auf und eilte auf die alte Dame zu.

»Verzeihung, Exzellenz!«

Sie neigte sich über die zitternde Hand und küßte sie. »Was hab' ich getan, -- ich -- hatte ja keine Ahnung!«

Frau von Kambach sah das junge Mädchen groß an.

»Aber liebes Kind, was sollten Sie mir getan haben, ich wüßte es wirklich nicht!«

Sibylle kämpfte mit den Tränen. »Ich hätte diese beiden Lieder nicht singen sollen, Exzellenz!«

Die alte Dame schüttelte den Kopf.

»Das versteh' ich nicht, liebe Sibylle! Kommen Sie, wir wollen uns ans Fenster setzen, die Sonne scheint so schön herein! Das Stehen wird mir noch schwer!«

Sie legte den Arm in den ihres Gastes und ließ sich zu dem behaglichen weißen Peddigrohrsessel am Fenster führen. Dort nahm sie Platz, Sibylle aber setzte sich, wie sie es liebte, auf eine Fußbank und lehnte den dunklen Kopf an die Knie der alten Frau.

Der Himmel blaute und der Goldlack duftete, die Sonne umspielte das feine stimmungsvolle Bild mit ihren Lichtern.

»Ich hätt's nicht tun sollen,« sagte das Mädchen noch einmal und schmiegte die rosige Wange an die alten Hände, -- »es war zu früh -- besonders das Lied vom ew'gen Licht,« sie stockte -- »Verzeihung, Exzellenz!« Und sie hob das schöne erregte Gesicht zu der Greisin empor.

Freundlich strich Frau von Kambach über das duftige Haar. »Aber Billy, glauben Sie wirklich, daß es mich traurig macht, dies Lied zu hören? Die schönste Erinnerung an meinen lieben Jungen ist damit verknüpft. Ich hatte Sie schon bitten wollen, es einmal zu singen, Sie haben mir also einen Wunsch erfüllt!«

»Ich dachte, Exzellenz ...« sie zauderte.

»Was dachten Sie, Kind?«

Sibylle errötete.

»Ach -- ich mußte an Mama denken! Da hätt' ich's nicht gedurft! Als Papa damals in Bühl starb, ließ er sich vom Kirchenchor ›Wenn ich einmal soll scheiden‹ vorsingen. Ich fühlte es Mama an, daß es ihr schrecklich war. Hinterher haben wir es nie mehr singen dürfen, und es war doch Papas Lieblingslied. Ich glaube,« wieder stockte sie, »Mama will nicht an den Tod erinnert sein. Aber das sag' ich nur Eurer Exzellenz!«

Über ihre Züge huschte ein schmerzliches Lächeln, als wollte sie das tiefste Vermissen verbergen, die große unerfüllte Sehnsucht: ›Ich hab' eine Mutter -- und hab' sie nicht!‹

Und dann legte sie plötzlich den Kopf in den Schoß der alten Frau und weinte bitterlich.

Die Greisin verstand dies Weinen. Wie ein lang zurückgehaltener Quell durchbrach es alle Dämme und überflutete alle Hindernisse. Unaufhaltsam trieb und drängte es empor aus der Enge innerer Gebundenheit zur Freiheit, aus der Heimatlosigkeit in den Hafen.

Sibylle war ein Charakter, war trotz ihrer Jugend eine Persönlichkeit. Denn sie besaß wahres Christentum. Am Sterbebette des Vaters hatte sie zuerst seine Kraft erfahren und später, je länger je mehr erlebt, daß das alte heilige Erbteil der Bühlers Leben und Seligkeit barg. Unbewußt begann sie sich innerlich von der Mutter zu lösen. Schon das tief angelegte gemütvolle Kind hatte, ohne sich darüber klar zu werden, unter dieser Frau gelitten. Seine kleine Seele hatte gedarbt. Seinem Leben hatte nicht nur wahre Mutterliebe gefehlt, sondern das Heiligste, was Mutterliebe einem Kinde bringen kann: Religion. So kam es, daß sich das heranwachsende Mädchen, ohne sich dessen bewußt zu werden, immer mehr von der Frau entfernte, die von Weltlust und Vergnügen lebte. Aber das Weib, zumal das junge werdende, bedarf in Lust und Last des Lebens des Weibes. Die Liebe ihres Großvaters, dessen edle, wahrhaft christliche Persönlichkeit von jeher einen starken Einfluß auf sie ausgeübt, ersetzte Sibylle Bühler die Mutter nicht. Ganz davon abgesehen, daß ihr stark ausgeprägtes Pflichtgefühl sie immer wieder zu der oberflächlichen Frau zurücktrieb, sie immer aufs neue mahnte, ihr die Seele zu erschließen und bei ihr zu suchen, was sie brauchte. Sie mühte sich vergeblich. Gräfin Bühler hatte nichts zu vergeben. Aber die Bande des Blutes waren zu stark. Ganz kam Sibylle innerlich von ihrer Mutter nicht los. Immer wieder suchte sie die Ursache der Entfremdung bei sich, immer wieder glaubte sie, sie bei sich zu finden. Das brachte Zwiespalt und Unruhe in ihre Seele, das nahm ihr in vielen Fällen die Klarheit des Urteils und verschob die feinen Grenzlinien von Pflicht und Recht. Das brachte ihr die Gefahr sittlicher Begriffsverwirrung im zartesten innerlichsten Sinne. Sie gab und gab, aber ihre Schätze wurden nicht genommen. Das ließ sie irrewerden an weiblicher Eigenart, an dem wahren Wesen der Frau. Und es erstarrte etwas in ihr, als sie das, was jedem echten Weibe eigen, bei der Frau, die ihr das Leben gegeben, nicht fand, als sie erkannte, daß ihrer Mutter die Mütterlichkeit fehlte. Exzellenz von Kambach wußte dies alles, ohne daß man es ihr gesagt. Sie fühlte, daß die Kluft zwischen den beiden Frauen unüberbrückbar sei. Und ihre Liebe zu dem holden Geschöpf, das in den letzten Wochen ihr stilles Leben mit seinem Frohsinn verschönt, wuchs.

»Es ist hier alles so anders als zu Hause,« klang es stockend zu ihr empor, »so wie ich's lieb', Exzellenz, und wie ich's mir im stillen so oft wünsche. Aber zu Hause wird es nie so sein. Mama ist ganz anders erzogen. Sie ist eben eine Firlemont, das entschuldigt ja alles. Wenn das ganze Leben bei uns nur einen Schmerz für mich bedeutete, ein Entbehren, so wär's ja ganz selbstverständlich, daß ich es, ohne ein Wort darüber zu verlieren, ertrüge; denn ich gehöre zu meiner Mutter, aber -- aber,« und Sibylle Bühler quälte sich um den Ausdruck, »es wirkt verflachend auf mich! -- Wenn ich in Bühl oder hier etwas innerlich empfangen habe, das wertvoller ist, als all der Tand und Schein, der uns umgibt, wenn ich reicher heimgekommen bin, als ich fortging, -- ein paar Wochen, Exzellenz, und ich hab's verloren! Es ist, als färbte die Umgebung auf mich ab!« Ein Beben ging durch den schlanken Körper. »Alles leidet darunter,« fügte sie leise hinzu, »mein ganzes Sein, mein Innenleben, mein Gebet ...«

Sie schwieg. Den Kopf an die Knie der Greisin gelehnt, weinte sie leise vor sich hin.

Frau von Kambach wußte, das war noch nicht alles. Aber sie konnte warten.

»Wegen der beiden Lieder,« sagte sie freundlich, »dürfen Sie sich nicht grämen! Im Gegenteil, die möchte ich noch oft hören. Sehen Sie, Kind, Ihre Mutter tut mir leid. Rasse, Erziehung, Veranlagung haben sie zu dem gemacht, was sie ist. All der äußere Schimmer, der sie umgibt, all die Unrast, die sie hierhin und dorthin treibt, ihr ganzes Wesen ist für mich der Beweis dafür, daß sie mit heißer Sehnsucht etwas sucht, aber -- auf falsche Art, an verkehrten Stellen. Sie ersehnt, ohne es zu wissen, dasselbe wie wir, begnügt sich aber mit kümmerlichen Ersatzmitteln, weil der Weg zu der einen köstlichen Perle ihr zu steil ist.«

»Wenn Mama nicht fortwährend Unterhaltung hat, ist sie todunglücklich,« sagte das junge Mädchen.

»Sehen Sie! Das ist es. Irgendwo muß der Mensch seinen Durst stillen. Da sie aber die lebendige Quelle nicht kennt, läßt sie sich von tausend Stimmen locken. Unser Leben muß aber auf ~einen~ Ton gestimmt sein, gerad' wie das schöne Lied von Peter Cornelius, das Sie vorhin sangen. Wenn dieser eine Ton hindurchgeht, dann gibt's keinen Mißklang mehr, dann hat unser Leid seinen Stachel verloren und unsere Freude ist verklärt. Nicht wahr, jetzt verstehen Sie auch, warum ich das Lied vom ewigen Licht so liebe! Nicht nur, weil es Eberhards Lieblingslied war und ihn in der Sterbestunde erquickt hat, sondern weil seine Ewigkeitswahrheit auch mein Sterben erhellen wird!«

Sie schwieg.

Kein Laut ging durch den stillen Raum. Nur ein verirrtes Bienchen, von der Frühlingssonne wachgeküßt, summte über den Blumen. --

Die Greisin wartete noch immer. Sie wußte, auf der jungen Seele lastete etwas, das sie nicht länger allein tragen konnte.

Harro Kambach war zum Luftschifferbataillon abkommandiert und kam, seit er in Berlin war, fast jeden Tag in das Haus seiner Großmutter. Die alte Dame wußte, wem diese Besuche galten. Sie zu hindern, lag kein Anlaß vor. Aber manche Nacht lag sie wach und sann und sann, ob's ein Glück sei, wenn die Wege der beiden Menschen sich einen würden. Ihre Gedanken kamen nicht zum Abschluß. Was sie schon im Herbst gefürchtet, als der Enkel sie gebeten, die Hände über seine Liebe zu breiten, bestand noch heute. Dem Manne konnte diese Verbindung zum Segen gereichen, kam's anders, so war nicht nur ein Frauenherz seines Glückes beraubt, sondern auch das Allerheiligste der Ehe, die innerste seelische Gemeinschaft zerstört. Und was dann? -- --

Noch eines kam hinzu. Sibylle war ihr nicht ganz klar. Sie hatte das Gefühl, hier ringt eine Seele um die Antwort auf eine große heilige Frage. Und diese Antwort blieb aus. Der greisen Frau ward's zur immer stärkeren Gewißheit: entweder treibt die Glaubensfrage hier Mann und Weib auseinander oder der Mann wird geheiligt durch das Weib. Aber einer Sibylle Bühler gegenüber durfte der Einfluß der Frau nicht zu stark betont werden und noch weniger die Möglichkeit seines Erfolges. Ihr starker zielbewußter Geist würde Gefahr laufen, eigene Kraft und eigenen Wert zu überschätzen. In dem Bewußtsein der Überlegenheit würde ihr verloren gehen, was dem Weibe gehörte. Und das durfte nicht sein! Der stille Wandel der Frau, der ungesucht und ungewollt einem schwankenden Manne Führerdienste leistet, durfte nichts von seiner Eigenart einbüßen. Damit wäre dem Manne nicht geholfen worden, die Frau aber hätte sich selbst und ihre heiligste Mitgift verloren. Und je länger die Lebenserfahrene die beiden Menschen beieinander sah, um so mehr ward ihr Sibyllens Zurückhaltung erklärlich -- ein unausgesprochenes Etwas im Wesen des Mannes ließ sie zaudern. Das machte sie unsicher. Das legte ihr einen Bann aufs Herz. Darum saß sie noch immer schweigend zu ihren Füßen, darum sprach sie nicht weiter. Nur ihre Zurückhaltung verhinderte Harros Werbung, das wußte Sibylle so gut wie Exzellenz von Kambach. Und eine las nach Frauenart in der Seele der anderen -- -- --

Aber der Greisin ward das Schweigen schwer. In ihrem langen Leben war ihr viel Vertrauen geschenkt, die schwersten Lasten waren ihr auf Herz und Gewissen gelegt worden, nicht nur von Kindern und Enkeln. Und dies junge schöne Geschöpf, das sonst mit allem zu ihr kam, schwieg. Doch sie hatte ein feines Verständnis für dies Schweigen. Sie besaß nicht nur Lebensklugheit und Menschenkenntnis, sondern Herzenstakt.

Geduldig wartete sie.

Doch Sibylle Bühler brachte das Bekenntnis ihrer Liebe nicht über die Lippen.

›Sie hat eine Mutter und hat sie nicht!‹ zog es der alten Frau durch die Seele, und sie ehrte den scheuen Stolz.

Nachdenklich blickte sie hinaus. In ihrer Seele erwachte die Vergangenheit, die eigene Jugend mit ihrem Glück. Sie hatte es leichter gehabt als Sibylle Bühler. --

Da klang wieder das heiße bitterliche Weinen zu ihr empor.