Part 11
Drüben holte die alte Turmuhr zum Schlage aus.
Zwölf? Na, ja. Es war Zeit, daß man zu Bett ging. --
Es kam alles von dem ewigen Alleinsein her. Warum hatte Jutta Eichel nicht ja sagen können? Sie liebte ihn doch. Er wußte es ganz genau. Die Folge war, daß sie sich und ihn unglücklich machte. War das recht?
›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden, Des Vaters ew'ges Wort!‹
Er schlug das Fenster zu. Was hatte das mit der Ehe zu tun? Gar nichts. Aber sie dachte anders. Er wußte es wohl.
Und es hatte Stunden gegeben, wo er es Jutta Eichel sehr hoch angerechnet, daß sie die letzten Folgerungen ihrer Überzeugung zog. Trotzdem, -- wenn die Engigkeit der Positiven ihren Höhepunkt nicht bald überschritten hatte, hörte ja jedes Zusammengehen auf.
Er zuckte die Achseln.
Zwischen Kambach und Dreilinden hatte es bereits aufgehört.
Ein Seufzer verwehte.
Die Nacht breitete ihre Schatten über das heilige Buch -- --
Er nahm die Lampe und ging hinaus. Als er die Diele überschritt, hörte er draußen ein Geräusch auf den Stufen. Nervös wandte er sich um.
Da gellte auch schon die Nachtglocke durch das stille Haus.
Er öffnete.
Vor ihm stand in seinem großen Dienermantel der alte Schenker.
»Kommen Sie mit, so rasch Sie können, Herr Pastor! Der junge Herr liegt schwer krank an Lungenentzündung und will Sie sprechen!«
Sehr kurz und bestimmt klang's. Ganz Schenkersche Art. Aber ein gewisser Einschlag, den er sonst bei dem alten Manne noch nicht vermißt, fehlte: die Ehrerbietung vor dem geistlichen Amt. Oder kam es ihm nur so vor? In dieser Nacht war alles möglich.
»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?«
»Bitte, Herr Pastor! Ick erzähl's Ihnen unterwegens!«
Und Wendler fuhr in den Mantel, nahm den Schlapphut vom Nagel und ging mit Schenkersch Vadder in die Nacht hinaus. Als die Haushälterin, durch die Klingel geweckt, endlich zum Vorschein kam, fand sie ein paar Schneeabdrücke auf den Fliesen und den Platz, wo des Pastors Hut und Mantel hingen, leer.
»Es wird die Frau des Häuslers sein, die schon seit drei Tagen im Sterben liegt,« murmelte sie vor sich hin. Und das flackernde Licht in der Rechten, wanderte sie müden Schrittes den Weg, den sie gekommen, über die alte knarrende Treppe zurück. -- --
* * * * *
»Also Lungenentzündung?«
»Ja, Herr Pastor. Herr Sanitätsrat Elsasser schüttelte gleich das erstemal, als er kam, den Kopf. Wir mußten sofort nach Berlin drahten. Herr Oberstallmeister wird mit dem Nachtzug erwartet. Als Herr Sanitätsrat vor einer halben Stunde noch Herrn Doktor Kruse mitbrachte, erklärten beide, es sei keine Hoffnung. Die Krankheit habe gleich zu heftig eingesetzt, gegen eine so schwere Lungenentzündung sei menschliche Kunst machtlos.«
Hart und scharf klang Franz Schenkers Stimme.
»Wie das Unglück geschehen is?« Er zuckte die Achseln. »In den Tagen, wo der junge Herr allein war, is nichts vorgefallen! Mamsell achtet auf ihn, als wär's 'n Prinz, und ick hab' auch meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Der Gedanke wird dem gnädigen Herrn gar nich kommen, daß in den Tagen etwas versäumt worden is, das is ausgeschlossen, gänzlich ausgeschlossen!« Die weiße Kammerdienerweste strahlte.
»Ja, aber, was ist denn geschehen?«
Wieder jenes schweigende Achselzucken, jenes bedeutsame Wiegen des weißen Kopfes.
»Mein Gott, so reden Sie doch!«
»Ja, Herr Pastor, wenn ick offen und ehrlich meine Meinung sagen soll, und anders tu' ick's nich, -- das ganze Dorf weiß es, daß Schenkersch olle Vadder es nich anders tut -- dann kann ick nur sagen: das war vorige Woche nach die Konfirmandenstunde! Erst die furchtbare Aufregung -- ick hab' das Kind ja in meinen ganzen Leben nich so gesehen, -- und dann is der junge Herr nachmittags bei den scharfen Ostwind noch Schlittschuh gelaufen. Da is das Unglück geschehen! Erst die Aufregung, und dann hinaus in den schneidenden Wind -- kein Wunder, Herr Pastor!«
Schweigend ging Wendler neben dem Alten her.
»Ick hab' das ja längst kommen sehen,« brummte Schenker vor sich hin.
»Was haben Sie kommen sehen?«
Schenker stellte sich trotz der bisherigen Eile mitten auf die Dorfstraße hin. Das bedeutete eine längere Rede mit erhobener Stimme. Denn das Schenkersche Organ war auf die Vorgänge des Lebens abgestimmt. Je wichtiger die Sache, desto durchdringender die Stimme. Es kam vor, daß Schenker einem guten Freunde mitten auf der Dorfstraße unter dem Siegel der Verschwiegenheit die tiefsten Geheimnisse ins Ohr brüllte, daß er sich vierundzwanzig Stunden später sehr wunderte, daß diese Geheimnisse ihren Weg durch alle Spinnstuben genommen und schließlich in der Herrenküche bei Mamsell angelangt waren, daß Mamsell sich den Alten vornahm und wegen seiner Redseligkeit gehörig herunterputzte, das alles konnte vorkommen und immer wieder vorkommen, und trotzdem blieb es beim alten.
Pastor Wendler war schon mehr als ein Schenkersches Geheimnis auf der Kambacher Dorfstraße anvertraut worden. Doch in dieser Nacht hatte er eine entschiedene Abneigung gegen alles Vertrauliche.
»Kommen Sie,« sagte er, »es ist gleich halb eins.«
Aber Schenker blieb stehen.
»Da Sie 's einmal durchaus wissen wollen, wo sich unser junger Herr die Lungenentzündung geholt hat, will ick's Ihnen nich verhehlen: in ~Ihre~ Konfirmandenstunde! Mehr brauch' ick wohl nich zu sagen! Inspektors haben mir die Geschichte erzählt, die wissen alles von ihren Wilhelm!«
Er stampfte weiter durch den Schnee.
Jetzt blieb der Pastor stehen.
»Und Sie glauben die Geschichte wirklich so, wie die dummen Jungens sie erzählen, Herr Schenker? Warum ist denn keiner zu mir gekommen und hat mich gefragt, wie die Sache sich verhält?«
Schenker wandte erstaunt den Kopf. »Die Jungens lügen nich!«
»So. Aber es sind Kinder.«
»Mag sein. Wir Großen kennen Sie aber auch, Herr Pastor! Kurzum -- es wundert mich nich im geringsten, wenn Sie glauben, der Herr Christus habe sich geirrt, wenn er sich für Gottes Sohn gehalten hätte, -- so, wie Sie sind, können Sie es gar nich glauben, -- aber daß Sie so etwas unsere Kinder lehren, -- das is stark, das is unerhört! Wie Sie's vor Gott verantworten wollen, is Ihre Sache, aber das kann ick Ihnen sagen: Ihre Kirche is nächsten Sonntag leer!«
Sie waren vor dem Gutshause angelangt.
»Ich will Ihnen in Anbetracht der Erregung, in der Sie sich naturgemäß befinden, die Art und Weise, in der Sie zu mir gesprochen haben, nicht nachtragen,« sagte der Geistliche. »Später, wenn Sie ruhiger geworden sind, sprechen wir noch einmal darüber!«
Er trat ein.
»Ick wüßte nich, was Sie mir nachtragen sollten, Herr Pastor,« klang die alte Stimme neben ihm. »Ick hab' die Wahrheit gesagt! Wenn die hart war, is es nich meine Schuld!«
Wendler zuckte die Achseln. Das Herz war ihm zum Zerspringen schwer. -- -- --
Oben in dem weiten, matt erhellten Raum lag Eberhard Kambach in hohem Fieber in den Kissen. Als Pastor Wendler eintrat, flog ein Lächeln über sein Gesicht, mühsam versuchte er sich aufzurichten.
»Eberhard!« Der Geistliche hielt die heiße Hand in der seinen. Er wollte weitersprechen und konnte nicht.
Da klang's mit matter Stimme zu ihm empor: »Herr Pastor, ich hätt' nicht so heftig werden dürfen neulich in der letzten Stunde! Das, was ich sagte, kann ich nicht zurücknehmen, denn, denn -- es ist doch wahr, daß der Herr Jesus Gottes Sohn ist!« Die großen Augen sahen flehend zu ihm auf. »Was sollt' ich jetzt wohl anfangen, wenn er's nicht wäre, er könnte ja nicht mein Erlöser sein.«
Sein Atem ging schwer. Eine Pause entstand.
»Aber mein Ton war ungehörig,« sagte er dann, »wollen Sie mir verzeihen?«
Ermüdet lehnte er sich zurück.
Tief erschüttert stand Wendler da.
»Verzeihen Sie mir,« klang's ein zweites Mal aus den Kissen.
Er wandte sich ab. -- »Eberhard -- ich -- ich hab' dir nichts zu verzeihen!«
In die blauen Augen trat ein helles Leuchten. »Herr Pastor, wissen Sie's jetzt auch?« In atemloser Spannung hing der Blick des todkranken Knaben an dem geliebten Antlitz.
»So wie du weiß ich's nicht, Eberhard!« Mühsam, als sei in der Seele etwas in Scherben gebrochen, kam's von den Lippen des Mannes.
»Aber Sie müssen's wissen, Herr Pastor, so wie ich's weiß, daß der Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten brauche.« Die fieberheißen Hände umklammerten Wendlers Rechte. Die Stimme ward schwächer.
Er kniete neben dem Kranken nieder.
»Eberhard, vergib mir, daß ich jenes Wort sprach, ich hätt' es nicht sprechen dürfen -- ich wußte -- ich nahm dir etwas!«
»Sie haben mir nichts genommen!«
Wieder war's still.
»Vergib mir,« bat der Pastor.
Das Rot auf dem jungen Gesicht ward noch einen Schein dunkler. Leise drückte Eberhard Kambach die Hand seines Lehrers. Der verstand die zarte Art dieses Vergebens und dankte es schweigend dem sterbenden Kinde.
»Ob die anderen Jungens wohl einmal für mich aufstehen würden?« klang es leise an sein Ohr. »Morgen früh ist's vielleicht zu spät! Ich möchte so gern noch ein Lied hören.«
»Ich will's ihnen sagen!« Wendler erhob sich. »Was sollen sie denn singen, Eberhard?«
»Das ew'ge Licht geht da herein ...«
Wieder jenes wunderbare Aufleuchten der blauen Augen.
Über die Züge des Mannes flog ein Staunen. War das der Tod? Woher kam dem Jungen in der schwersten Stunde der selige Glaube an das Licht der Weihnacht? Das Wort frommer Eltern allein konnte solchen Glaubens Grund nicht sein, und hätt' er fürs Leben gereicht -- im Tode? Nein. Autoritätsglaube war etwas Ehrfurchtgebietendes, -- Lebenskräfte barg er nicht. Er war kein Glaube im tiefsten wirklichsten Sinne. Und gewaltsam drängte es auf ihn ein: was hülf' dir dein Glaube, wenn du in diesem Augenblick sterben solltest? würdest du im Glanz deines Sterns still und unverzagt den letzten, dunklen Weg wandern?
Eine große rücksichtslose Ehrlichkeit kam über ihn. »Nein, tausendmal nein,« rief er seiner Seele zu, seinen Sinnen, die sich selbst in dieser Stunde noch mit Fleisch und Blut besprechen wollten, mit Weltklugheit und Gelehrsamkeit, mit der Weisheit, die sich Theologia nannte.
Kurt Wendler erklärte sich am Sterbelager eines Kindes bankrott. -- --
Ein leises Geräusch an der Tür ließ ihn aufblicken. Auf der Schwelle stand eine hohe Gestalt im Pelz.
»Vater!« rief Eberhard Kambach und richtete sich auf -- dann flog sein Blick von einem zum anderen, die blauen Augen baten für den Mann, den er vor wenig Tagen in heißem Schmerz bei dem Vater verklagt.
Aber der Oberstallmeister trug den Kampf um sein Allerheiligstes nicht an das Sterbelager seines Kindes. Er hatte genug gesehen.
Im Innersten erschüttert, aber äußerlich gefaßt, trat er an das Bett seines Lieblings und strich ihm in wortlosem Schmerz über den dunklen Kopf. Dann reichte er dem Geistlichen mit festem Druck die Hand. Eine Sekunde lang sahen sich die beiden Männer in die Augen. -- --
* * * * *
Vom Kirchturm schlug es halb zwei, als Pastor Wendler von Haus zu Haus wanderte und den Knabenchor weckte. Dann ging er zum Kantor.
Die hellen Tränen rannen dem treuen Manne über die Wangen, -- am heiligen Abend hatte der Sohn seines Gutsherrn das alte Weihnachtslied noch mitgesungen. Nun sollt's ihn auf der letzten Fahrt geleiten.
Abschiednehmend reichte er dem Pfarrer die Hand und schritt seiner kleinen Sängerschar voran dem Schlosse zu.
Eine Viertelstunde mochte vergangen sein. Da klangen die Knabenstimmen glockenhell zu den stillen Fenstern empor:
»Das ew'ge Licht geht da herein, Gibt der Welt ein'n neuen Schein! Es leucht't wohl mitten in der Nacht, Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis!
Das hat er alles uns getan, Sein groß' Lieb' zu zeigen an; Dess' freu' sich alle Christenheit Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!«
Über die weiße Heide schwebten die letzten Akkorde, als wollten sie eines Kindes Seele, die in mondheller Nacht die Flügel gebreitet, hinübergeleiten ins ewige Licht. -- -- --
Dann kein Laut mehr.
Eine Sternschnuppe ging leuchtend nieder. Auf einem kurzen stillen Erdenwege blieb ihr heller Schein liegen.
Neuntes Kapitel.
Bankrott.
Gottesleugnung ist eine Entgleisung des Willens! Wille, der weiß, was er will, sucht und erkennt seinen Gott.
»So wie Sie sind, können Sie es nicht glauben!« Die stille verschneite Nacht hatte die Worte, die der Mann aus dem Volke mit schlichter Ehrlichkeit geredet, gehört und leise, leise nachgesprochen.
Der Tauwind trug sie auf weichen Flügeln die Dorfstraße entlang und sang sie über einsamer Schwelle.
Die Mauern des alten Hauses hatten sie vernommen und gaben sie weiter.
Und eine unsichtbare heilige Hand schrieb sie im Sturmeswehen mit eisernem Griffel an die Wände eines engen Kämmerleins.
Taghell ward's drinnen vom Schein der ewigen Lampe.
›So wie du bist, kannst du es nicht glauben!‹
Ein hartes unwiderrufliches Menetekel, eine Stimme, die kein Mensch zum Schweigen brachte!
Männer und Frauen kamen vorüber und sahen die güldene Ampel, vom Nachtwind bewegt, und fragten, was sie bedeute.
›Das ist das Gewissen!‹ erwiderte die Stimme. ›Auch in euren Seelen brennt die ewige Lampe -- seid ihr blind geworden?‹
Aber sie zogen lachend weiter.
Nur einer lachte nicht. Der Mann drinnen, den das Wort anging. Er trug es in die Stunden des Tages, in Leben und Arbeit. Auf seinen Krankenbesuchen begleitete es ihn, die Augen der Sterbenden riefen es ihm zu. Und tief im Grunde der Seele meißelten unsichtbare Hände, als wollten sie mit Gewalt die steinernen Wände sprengen: ›So -- wie -- du -- bist --, -- -- kannst du es nicht!‹
Arbeiteten drinnen Berserkerfäuste? Spalteten Giganten hart und leidenschaftslos das Gestein? Er wußte es nicht. Aber das wußte er, daß ihn die Unrast der Seele zerrieb.
Wieder war's Abend geworden. Er hatte gewartet, ob vom Herrenhause nach ihm geschickt werde, aber es kam niemand. Morgens früh war ihm der Todesfall gemeldet worden. Er war ins Schloß gegangen, hatte den Gutsherrn aber nicht getroffen. Dann hatte er zu Hause vergeblich gewartet. Ob man ihn nicht wollte? Vermutlich. Der Oberstallmeister zog die Folgerungen aus seinem Christentum. Hätte er -- Kurt Wendler -- in diesem Augenblick hungernd oder dürstend an seine Tür geklopft, er hätte ihn gespeist und getränkt, aber das Wort vom Auferstehen und Leben durfte der Irrlehrer nicht am Grabe seines Kindes sprechen. Auf dem Gebiet der Liebe würde Karl Heinrich von Kambach, ob's noch so schwer war, immer Zugeständnisse machen, auf dem Gebiet der Glaubenstreue und des Bekenntnisses nie. Darin lag aber auch seine Stärke. Und der Pfarrer nahm vor der rücksichtslosen und doch so vornehmen Gegnerschaft im stillen den Hut ab. Es lag etwas in dieser wurzelechten Treue, in dieser bodenständigen aufrechten wahrhaft innerlichen Kraft, das größer war, edler, als der Adel des Blutes. -- --
Wenn Schenker doch wenigstens einmal käme! Der war an allem schuld. Der hatte ihn mit seinem übereilten Wort den Stock zwischen die Füße geworfen! Ja, er!
Übereilt? Das war Schenker eigentlich nicht. Wenigstens vertrat er immer, was er sagte. Und lag nicht eine gewisse Wahrheit in seinem Wort?
›So -- wie -- du -- bist -- kannst du es nicht glauben!‹
Wieder das Feilen, das rastlose Hämmern. -- --
Da -- was war das? Er schreckte auf.
Eine Schneelast kam mit Donnergetöse das alte Giebeldach herunter. So weit war er schon, daß ihn so etwas zusammenfahren ließ. Nerven. -- --
Unsinn! -- Er machte sich hart. Jetzt Schluß. So ging's nicht weiter. Mannesstolz und Manneskraft erwachten, die Sehnsucht, mit dem Feinde die Klingen zu kreuzen.
›So, wie du bist!‹
Herr Gott im Himmel, er wollt' es ja gar nicht glauben! Warum wurde ihm denn fortwährend vorgeworfen, er könne es nicht? Er konnte es wohl! Aber es wäre gegen seine Überzeugung gegangen. Nicht Eigensinn oder Mangel an Einsicht oder gar theologische Ungebildetheit -- er wußte mehr wie mancher Positive -- hielten ihn zurück, sondern lediglich die Tatsache, daß er eine veraltete Form nicht anerkennen konnte und wollte. Denn wahres Christentum durfte nicht in dem Sinne christozentrisch aufgefaßt werden, wie der Supranaturalismus es tat. Entsprach das leuchtende, von oben verklärte, von Gott geweihte, von seinem Hauch erfüllte, den Menschen beseligende befreiende Jesusbild nicht tausendmal mehr der Wahrheit, als jene geheimnisvolle Vorstellung des Offenbarungsglaubens? Ganz gewiß! Hier herrschte Freiheit, dort Gebundenheit, hier Entwicklung, dort Formelwesen ohne Leben und Geist. Und eine Einseitigkeit, die sich jedem Fortschritt verschloß, sammelte sich zum Kreuzzug gegen die ›Irrlehre‹. Volk wider Volk! Darauf kam's hinaus! Das war das Traurige. Die starre ablehnende Haltung auf positiver Seite war daran schuld, die Weigerung, die angebotene Bruderhand zu ergreifen.
Finster vor sich niederblickend, saß er da. Wenige Stunden noch und der Augenblick kehrte wieder, wo er sich vor vierundzwanzig Stunden am Sterbebett eines Kindes bankrott erklärt. Und heute? Das war eben Überreiztheit der Nerven gewesen! Kein Wunder! Was war gestern alles auf ihn eingestürmt! Jetzt, wo eine gewisse Entspannung eintrat, wo er Welt und Dinge mit anderen Augen zu betrachten anfing, konnte er diese Erklärung nicht aufrecht erhalten. Nein, nein, er war nicht bankrott, er dachte nicht daran. Die Glaubensgewißheit der Positiven war nicht größer, als die der Liberalen, -- zuletzt standen sie beide vor einer verschlossenen Tür.
Oder nicht?
›Aber Sie müssen es wissen, Herr Pastor, -- so wie ich es weiß, daß der Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten brauche!‹ So hatte ein fünfzehnjähriger Konfirmand angesichts des Todes gesprochen! -- --
Pastor Wendler seufzte.
›So -- wie -- du -- jetzt -- bist!‹? -- --
Er sprang auf, griff zu Hut und Wettermantel und trat in die Dämmerung hinaus.
Der Tauschnee spritzte. Aus den Dachrinnen kam das Wasser in Bächen herab. Es war ein Kunststück, aus dem Hause zu kommen.
Ziellos wanderte er die Dorfstraße entlang, in der Richtung nach dem Gutshause zu. Er gestand sich's nicht ein, daß es ihn mit magnetischer Kraft in den stillen Raum zog, wo der kleine Junker den letzten Schlaf schlief. Und doch war's so.
Als er sich dem Park näherte, sah er einen Wagen vorfahren. Im hellen Schein der Laterne erkannte er mehrere verschleierte Gestalten, darunter eine auffallend große, vom Alter gebeugte Frau, Exzellenz von Kambach. Ein Stich ging ihm durchs Herz, -- er kehrte um. -- --
Mitten im Dorf blieb er stehen. Was hatte er dieser Frau eigentlich getan, daß er gewissermaßen die Flucht vor ihr ergriff?
›So -- wie -- du -- bist -- --‹
›Dann hat sich Jesus eben geirrt -- --‹
Und drüben lag ein junges blühendes Menschenleben auf der Bahre -- ihres Herzens Freude und Wonne.
Das Hämmern und Feilen begann von neuem.
›Das ist dein Werk -- --‹
›Unsinn -- Lungenentzündung -- --‹
›Und das andere -- das -- das!?‹
›Mein eigener Enkel ist unter Ihren diesjährigen Konfirmanden, Herr Pastor, es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind nicht verführt werde!‹ Als sei es gestern gewesen, klang ihm die alte zitternde Stimme im Ohr.
Und dann hörte er eine andere. Mühsam brachte sie die Worte heraus. Dem todkranken Kinde gehörte sie an, das sich still zum Sterben niedergelegt: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ Ein sieghaftes königliches Wort, ein Bekenntnis heiliger Glaubensgewißheit, aber auch ein rückhaltloser Hinweis auf die Ohnmacht und Armseligkeit des Mannes, zu dessen Füßen dies Kind gesessen. Es war der Ertrag seiner Konfirmandenstunde: die Zurechtweisung aus dem Munde eines Fünfzehnjährigen: ›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- Die stolze Erklärung angesichts des Todes: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ -- Nichts gegeben -- nichts genommen! Wahrhaftig, eine reiche Ernte! Trotz der christlichen Weihe des jesuzentrischen Liberalismus, trotz seines reformatorischen Unterbaus, trotz des Hinweises auf den Vater im Himmel, auf die ewige Heimat und des Zeugnisses von Jesu von Nazareth! Trotz alledem! Er konnte diesen Mangel nicht leugnen.
Den Kopf gesenkt, wanderte er raschen Schrittes die Dorfstraße entlang. Mancher der Vorübergehenden, der ihn trotz der Dunkelheit erkannte, blieb stehen und schaute seinem Pfarrer verwundert nach. -- --
* * * * *
»Ja, sehen Sie, lieber Schenker, das ist eben die Gefahr an diesem jesuzentrischen Liberalismus! Den Kern des Christentums, den Glauben an Christi Kreuzestod und Auferstehen, den Frieden der Sündenvergebung durch sein Blut löst er heraus und reicht uns die leere Schale!«
Schwer und wuchtig klangen die Worte durch die Nachtstille.
Wie angewurzelt stand der Pfarrer. Hatte sich alles gegen ihn verschworen, waren die Geister der Mitternacht erwacht, ihn zu narren? -- Spuk? -- Unsinn! -- Und doch! Was war das? Was bedeutete das? Mitten in seine Grübeleien klang eine Antwort, die -- die --
Dicht vor ihm wanderten zwei Männer durch den Schnee. Daß er sie nicht früher bemerkt hatte -- --
Der alte Schenker war's und ein Geistlicher aus Drachenburg, der im Schloß verkehrte und mit dem Inspektor befreundet war. Wendler kannte ihn wenig. Pastor Krug gehörte dem äußersten Flügel der positiven Rechten an.
»Herr Pastor, was heißt das eigentlich: Jesuzentrischer Liberalismus?« hörte Wendler jetzt Schenkersch Vadder fragen.
»Dem bibelgläubigen Christentum ist Christus der ewige Sohn des lebendigen Gottes, der um unserer Sünde willen Gekreuzigte, und um unserer Gerechtigkeit willen Auferweckte, der Wesensinhalt und Mittelpunkt des Glaubens,« antwortete Pastor Krug. »Diese auf Tatsachen der Schrift gegründete Glaubensstellung ist ~christozentrisch~. Denn unser Heil steht und fällt mit Christo dem Gekreuzigten und Auferstandenen, dem ewigen und lebendigen Sohne Gottes. -- Im Gegensatz hierzu steht der jesuzentrische Liberalismus, der den Heiland wohl als höchstbegnadeten Gottmenschen ansieht, aber immer doch nur als den Gottmenschen, auf den jeder Mensch angelegt ist. In der Person Jesu, sagen die Liberalen, sei der Gottmensch am schärfsten herausgearbeitet, in ihm spiegele sich die Gottheit am klarsten wieder. Darum nennen sie ihn auch Gottes eingeborenen Sohn, d. h. den Träger göttlichen Lebens, weil sein menschliches Leben allein auf Gott gerichtet gewesen sei. Und doch kommt das alles auf Gottesleugnung heraus, auf die Leugnung der Gottheit Christi. Wer aber den Sohn nicht hat, der hat auch den Vater nicht! Das wird auf jener Seite so oft vergessen. Ich kann mir nicht helfen, es kommt mir immer vor, als fehle der Wille oder als sei ihm eine falsche Richtung gegeben worden!«
»Ja, in Unordnung is da was, Herr Pastor! Ick versteh's auch nicht! Ick weiß doch, daß ick einen Heiland brauch', wie werd' ick denn so dumm sein und ihn nicht haben wollen!«
»Oder ihn mir nach meinem eigenen kleinen Verstande zurechtmachen,« ergänzte Pastor Krug. »Als ob wir den Heiland der Liberalen gebrauchen könnten! Gott versöhnen kann er uns nicht, weil er ein Mensch ist und bleibt, und seine ganze Persönlichkeit der Vergangenheit angehört und darum nicht ewig ist. Wenn Jesus auch auf liberaler Seite als Helfer, Erretter und Heiland verehrt wird, so wissen wir darum doch ganz genau, was wir von dieser Jesusverehrung zu halten haben. Zu der Versöhnung durch sein Blut, zur Vergebung der Sünden bekennt sie sich nicht, von Leben und Seligkeit kann sie im ewigen Sinne nichts wissen. Diese Auffassung nennt man ~jesuzentrisch~. -- Habe ich mich klar ausgedrückt, Herr Schenker?«
»Gewiß, Herr Pastor, ick danke Ihnen vielmals. Die Sache selbst wußt' ick natürlich. Nur den Unterschied zwischen jesuzentrisch und christozentrisch kannt' ick nich. Wo soll unsereins das auch her wissen!«