Part 10
Dann sprach sie das Dankgebet und hob die Tafel auf.
Der Sohn küßte ihr die Hand. »Leb wohl, Mama, ich muß eilen! Auf Wiedersehen, Fräulein Eichel! Bitte, tu' mir die Liebe, Mama, und bleibe nicht etwa auf, es kann sehr spät werden, bis ich komme!«
»Nein, ich gehe zu Bett, dafür sorgt schon Fräulein Eichel!«
Er nickte der Gesellschafterin zu. »Ja, tun Sie das bitte, Fräulein Eichel!«
»Sie können sich auf mich verlassen, Herr Baron!«
»Übrigens, Mama, ehe ich's vergesse, darf ich Montag in acht Tagen Schenker mitbringen? Er ist Feuer und Flamme für die Sache, und wir dürfen nicht vergessen, daß er es war, der dem Gedanken zuerst Ausdruck gab. Wenn die Frage auch in der Luft lag, die erste Anregung danken wir ihm!«
»Aber selbstverständlich, Karl Heinrich! Daß ich daran selbst noch nicht dachte! Er ist mir wichtiger als alle anderen, mit seinem gesunden Urteil, seinem schlichten Christentum!«
»Und seiner Gründlichkeit, Exzellenz,« warf Fräulein Eichel ein. »Wenn er etwas durchsetzen will, läßt er nicht locker!«
Herr von Kambach knöpfte sich den Pelz zu. »Ob Friedrich zurück ist?«
»Er kommt gerade herauf.«
»Herr Baron, der Kraftwagen wartet.«
»Danke!« Er griff zum Zylinder. »Leb wohl, Mama! Fräulein Eichel, Sie sind dafür verantwortlich, daß meine Mutter um zehn zu Bett geht!« -- --
* * * * *
Auf der verschneiten Straße lag der letzte Sonnenstrahl.
Frau von Kambach stand am Fenster und sah dem Sohne nach. Eben schloß Friedrich den Kraftwagen und fort ging's.
Da hob sie den Blick.
Ein rosiger Hauch zog über Erker und First, wie ein feiner duftiger Schleier. Die alte Frau achtete nicht darauf. Ihre Gedanken waren noch ganz bei dem großen Werk, dem sie mit ihrer letzten Lebenskraft diente, bei dem Manne, dessen Feuergeist seine Zeit überflügeln wollte. Würde seine Führerschaft der still beginnenden Arbeit zum Segen werden? Würde die lohende Glut dieser starken Seele nicht verheerend wirken, wo mit ruhiger Hand gebaut werden sollte? Sie wollte ihn ja nicht anders. Er war ein ganzer Mann, ein ganzer Christ, einer, der sich zum Kreuz bekannte, wie wenige. Der, ohne rechts und links zu blicken, seinem Ziel entgegenwanderte, unbekümmert um das, was ihm in den Weg kam. Das Lied von dem tapferen Schwaben paßte auf ihn, aber dieser Schwabe verstand auch das Dreinschlagen, und wo sein Schwert hintraf, da wuchs kein Gras wieder. Das war die heilige Rücksichtslosigkeit der Kambacher in Glaubenssachen.
Und trotzdem, heute zum erstenmal, aber immer wiederkehrend der Gedanke: ist er hier am Platz? Selbst ein Petrus mußte sich von seinem Herrn den Verweis erteilen lassen: ›Stecke dein Schwert in die Scheide!‹ -- Es gab mancherlei Gaben, Kräfte, Ämter, aber eins war nicht für alle! -- --
Wenige Augenblicke, nachdem sie ihm gesagt, daß man ihm eine führende Stellung zugedacht, war der Zweifel in ihrer Seele aufgestiegen und raunte und flüsterte: ›ist's wohl getan?‹
Und Mutterliebe und Mutterstolz kämpften mit Pflicht und Recht.
Es war kein leichter Kampf. Es galt ein Abwägen, peinlich genau, vor dem Richtstuhl des Gewissens. Aber immer wieder kam die greise Frau zu dem Ergebnis: trotz alledem, und gerade darum! Doch sie traute dem eigenen Empfinden nicht, immer wieder machte sie sich hart, immer wieder sagte sie sich: du bist seine Mutter! Und ein heißes Gebet stieg aus ihrer Seele: ›Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre!‹
Die Schatten dunkelten. Über die weiße Straße breitete sich der Dämmerung violetter Samt. Die Mondsichel glänzte silbern über den Dächern.
»Trotz alledem und gerade darum!« -- Ja, sie brauchten einen Starken, einen, der im Namen des höchsten Gottes kam mit Schleuder und Stein. Einen, der glaubensstark, die Bibel in der Hand, Weltweisen und Kirchenfürsten entgegentrat mit einem unerschrockenen: ›Es stehet geschrieben!‹ Einen, der's nicht litt, daß sie das Kreuz antasteten, der in heiligem Zorn die angebotene Rechte fortstieß, die sich frevelnd nach des Heilandes Ehrenkrone ausstreckte und im selben Augenblick, als sei nichts geschehen, wahrer Jüngerschaft ihr Schutz- und Trutzbündnis anbot. Einen, der klipp und klar erklärte: ›Wir erkennen die Gleichberechtigung der Richtungen nicht an! Was ihr Richtungen nennt, sind verschiedene Religionen, die sich wie Wasser und Feuer scheiden! Hie Christentum, hie modernes Heidentum!‹
›Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ -- Das war das strikte unumstößliche Herrenwort, die heilige Losung für die Eroberung der Welt im Zeichen des Kreuzes. Nein, -- mochte er manchem unbequem werden, mochte er viele vor den Kopf stoßen, hier waren keine Halben zu brauchen. Es schadete auch nichts, wenn er einmal wetterte und dreinschlug, schadete nichts, wenn er, wie heute mittag, erklärte: ›Wenn's so weiter geht, liegt Deutschland nächstens im Chausseegraben!‹, schadete nichts, wenn er noch ganz andere Sachen sagte! Das war alles nur Beiwerk, das dem einen gefiel und dem anderen nicht, die Hauptsache war die Persönlichkeit. Die aber war aus einem Guß: ein ganzer Mann, ein ganzer Christ!
Sie atmete auf. Wie ein Alp fiel's ihr von der Seele.
Mit glänzenden Augen sah sie dem scheidenden Tage nach.
Da flammte drüben unter dem Dach ein Licht auf, und noch eins, und wieder eins. Ein verspätetes Christbäumchen, das die Absicht zu haben schien, oben in der kleinen Dachkammer der alten Näherin das Osterfest zu feiern, sandte der Edelfrau seinen leuchtenden Gruß.
Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie eine Antwort auf ihr Fragen strahlten ihr die Lichter der Weihnacht entgegen. Sie aber trat mit befreiter Seele in den hohen Schein der Ewigkeit. ›Trotz alledem, und gerade darum!‹
Achtes Kapitel.
Allein.
Weißt du, wie's ist, wenn in tiefer Nacht Kein Mensch noch Engel deiner gedenkt? Wenn niemand nach deiner Seele fragt, Wenn sich kein Herz in deines versenkt? Wenn droben der Nebel das Kreuz verhüllt, Wenn kein Blümlein duftet im Felsgestein, -- Verstehst du's, weißt du es, was das heißt: Allein sein, -- mutterseelenallein?
Eine weiße sternklare Nacht ging über der Mark auf, über ihren verträumten Schlössern und altertümlichen Kleinstädten, ihren Kiefernwäldern und stillen Seen.
Kein Lüftchen regte sich. Leise hüllte der Rauhreif die schlafenden Dörfer in seinen weißen Spitzenschleier. -- --
Über Haus Kambach stand der Vollmond, groß und klar. Breit und wuchtig lag das Herrenhaus da, wie ein starker Mauerwall schirmte es das schlafende Dorf und die ragende Kirche, -- ein Bild zäher Bodenständigkeit und treu bewahrten ehrwürdigen Erbes. Der Schnee flimmerte. Es war eiskalt. Auf der Dorfstraße keine Menschenseele. Alles saß drinnen um die Feuerstätten oder in den Spinnstuben.
Eine schmale Spur führte zwischen den strohgedeckten Häusern auf die Pfarre zu. Die Sommerrose war bis unter das Dach geklettert, leise schwankten die zarten Zweige vor dem hellen Fenster der Studierstube. Sonst war's dunkel im Haus. Still und einsam lag es unter der Last des Schnees, vom breiten Geäst der alten Linde überdacht.
Hinter den weißen Vorhängen sah man einen auf und nieder schreiten. Der immer wiederkehrende hastende Schatten brachte etwas Fremdes in die nächtliche Winterstille, etwas vom Kampf des Tages.
Auf und nieder ging's, auf und nieder. -- --
Es mußte etwas Sonderliches sein, das dem Manne drinnen die Ruhe nahm. Abend für Abend konnte man Pastor Wendler, über seine Bücher gebeugt, am Schreibtisch sitzen sehen, ohne seine Stellung im geringsten zu verändern, -- was trieb ihn heut in dem engen Raum hin und her?
In den letzten Tagen waren allerhand Gerüchte über ihn verbreitet worden, -- der Gutsherr habe sich mit ihm überworfen, er verließe Kambach und dergleichen mehr. Dann hieß es wieder, an dem allen sei kein wahres Wort.
Der rastlose Wanderer drinnen wußte nicht, was über ihn geredet wurde, und wollt's auch nicht wissen. Menschen, die durch den Sturm schreiten, fragen nicht nach fallendem Laube und welkenden Blüten. Sie brauchen ihre ganze Kraft, ihren ganzen Willen im Kampfe gegen die Naturgewalten. Das Kleine wird ihnen klein, das Große groß. Achtlos zertreten sie den Halm am Wege, erst wenn die greisen Schildträger verklungener Zeiten, vom Sturm gefällt, zur Rechten und Linken niederbrechen, wenn Bergbachgebraus und Föhrenrauschen verstummen und das große Schweigen die Toten ehrt, dann, erst dann verhalten sie den eilenden Schritt, und das Auge fragt, was der Mund verschweigt: ›Wann kommt die Reihe an mich?‹ Doch die Antwort bleibt aus; denn die Nacht ist noch nicht vorüber.
Sie stürmen weiter. Mit fiebernden Sinnen, mit keuchender Brust, in den Adern die Siedeglut des Willens zur Macht, zum Leben. Aber an ihrem hörnernen Kleide haftet ein Verhängnis. Trifft der Wurfspeer des Todes die Schulter, ist er Sieger. -- -- --
An der Bahre der Waldwächter erbeben die Sinne; ein heimlicher Sprung, fein wie Glasgespinst, geht durch die Seele, ein leiser Schmerzenslaut verweht -- regte der Wind zerrissene Saiten? -- --
Kurt Wendler war des Wanderns müde geworden und hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Ein tiefer Schmerz lagerte auf seiner Stirn, eine Unrast beherrschte sein Wesen, die vergeblich nach einem Ausweg suchte.
Vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel, aber er blickte darüber hinweg auf das Bild eines hübschen, etwa sechzehnjährigen Knaben. Ein echtes rechtes Jungensbild war's, voll Natürlichkeit und Frische: Eberhard Kambach. Wie die großen nachdenklichen Kinderaugen ihn vorwurfsvoll anschauten! Noch niemals war er diesem Ausdruck begegnet -- oder doch? Herrgott -- ja -- einmal vor drei Tagen, in der Konfirmandenstunde. Da hatten diese Augen ihn angeschaut, als ob er dem Kinde etwas geraubt hätte, etwas, das ihm heiliger war, als alles andere auf Erden, als Vater- und Mutterliebe, als der kleine fröhliche Kamerad, an den er sein Herz gehängt. Zum erstenmal hatten sie den Lehrer zornig angeblitzt, als wollten sie ihm zurufen: ›Glaub', was du willst! Ich glaub', was Vater und Mutter glauben, die wissen's ganz genau, wie's in der Bibel steht! Ich laß mir nichts wegnehmen!‹ Aber er hatte die stumme Mahnung unbeachtet gelassen, der Trotz war über ihn gekommen. Er hatte es bisher mit dem Worte gehalten:
›Das Beste, was du wissen mußt, Darfst du den Buben doch nicht sagen!‹
Nun sollten sie's wissen, selbst auf die Gefahr hin, daß es ihn Amt und Brot kostete. Nichts Halbes wollte er ihnen mehr bringen, nichts Veraltetes, Versteinertes, sondern Leben, Entwicklung, Wirklichkeit! Vor allem fort mit dem alten orthodoxen Gottesbegriff, mit der Christusgestalt des Supranaturalismus, dieser Unmöglichkeit aller Unmöglichkeiten!
Und dann war jene Szene gekommen. Die bloße Erinnerung daran trieb ihm das Blut zum Herzen. Seine Behauptung, Christus habe sich an keiner Stelle in der ganzen Bibel zu seiner ewigen Gottessohnschaft bekannt, war gefallen. Der kleine Inspektorssohn hatte auf das eidliche Zeugnis vor Kaiphas hingewiesen. Achtzig helle fragende Kinderaugen blickten erwartungsvoll zu ihm auf.
»Dann hat Jesus sich eben geirrt!« Ja, so hatte er gesprochen. Es war ihm selbst eigen ums Herz gewesen, als er die Worte, die ein Jatho in öffentlicher Versammlung geredet, an dieser Stelle wiederholte. Die Kambacher Dorfbuben waren wahrhaftig die letzten, die für diese feine Philosophie reif waren. Doch das machte nichts. Borsdorfer Äpfel reiften auch nicht an einem Tage.
Dann war's gekommen, was ihm an der Seele nagte.
Dicht unter dem Lehrstuhl klang ein heißes bitterliches Schluchzen, ein Schluchzen aus allen Quellen der Seele. Der stille vornehme Knabe sprang auf und rief in leidenschaftlichem Schmerz dem Lehrer zu: »Das ist nicht wahr, Herr Pastor!« Damit stürzte er hinaus.
Keiner hielt ihn zurück. Wie ein Bann lag's auf der kleinen Schar.
Es blieb Pastor Wendler nichts anderes übrig, als die Konfirmandenstunde zu schließen.
Das war vor wenigen Tagen gewesen.
Eine Stunde nach dem Vorfall war Herr von Kambach im Pastorat. Kurz und bündig, wie es seine Art war, erklärte er Wendler, daß sein Sohn seine Konfirmandenstunden von nun an nicht mehr besuchen werde. In der Gesamtfrage werde er als Patron entscheiden. Nur so viel wolle er ihm, um jedes Mißverständnis auszuschließen, schon heute sagen, daß für sie beide nebeneinander kein Raum in der Kambacher Kirche mehr sei. Das war deutsch gesprochen.
Aber eines berührte der Gutsherr mit keinem Wort: die Ungezogenheit Eberhards in Gegenwart der Klasse. Pastor Wendler wies darauf hin.
Das Antlitz des Kambachers ward hart wie Stahl. »Dafür soll ich den Jungen schelten? Zum Kuckuck, Herr Pastor, ist bei mir 'ne Schraube los oder bei Ihnen? -- Wenn in einer Versammlung eine Majestätsbeleidigung ausgesprochen wird, so erklärt man -- vorausgesetzt, daß die Herrschaften nicht schon samt und sonders als Sozialdemokraten bekannt sind, -- den Betreffenden für einen Lumpen und befördert ihn an die frische Luft. Sie haben die allerhöchste Majestät vor unmündigen Kindern beleidigt, und man hat Sie hübsch auf Ihrem Lehrstuhl gelassen. Von Rechts wegen hätten Sie ihn räumen müssen. Tatsache ist, daß das nicht geschehen ist. Und nun verlangen Sie noch obendrein, daß Ihre Konfirmanden, die doch schließlich keine Wickelkinder mehr sind, Amen sagen, wenn Sie erklären, Christus sei nicht Gottes Sohn!«
»Natürlich ist er Gottes Sohn, aber nicht in dem Sinne wie ..«
»Ja, ja, ich weiß schon, ›die reinste Menschenblüte, von Gottes Sonne geküßt‹, -- ›höchste Vergöttlichung, unmittelbarste Vermittlung transzendenter Werte‹ -- ich danke für die liberalen Kamellen, Verehrtester! Ihren zurechtgestutzten Heiland kann unsereins im Leben nicht gebrauchen, und im Sterben erst recht nicht! Ihr Streben und Forschen in allen Ehren, -- aber wir Positiven forschen auch, -- glauben Sie ja nicht, daß wir so in den Tag hineinleben, -- denkt nicht dran, wir vergessen nur nicht, wo unser kleiner armseliger Menschenverstand ein Ende hat, und bekrittelten nicht das Wunder der Wunder, die Person unseres Herrn. Das aber tun Sie! Und nun setzen Sie Ihrem Tun die Krone auf und tragen das Gift durch Predigt und Konfirmandenstunde ins Volk und verwahren sich dann noch dagegen, wenn ein armes Kind, dem Sie seinen Heiland nehmen wollen, Ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagt.«
»Es hätte nicht in dieser Form geschehen dürfen!«
»Zum Donnerwetter! Form hin, Form her!« Er schlug auf den Tisch, daß es krachte. »Ich hätt's Ihnen gegönnt, daß die Bengels Sie ausgepfiffen hätten!«
»Herr Baron, ich muß aber doch sehr bitten ...«
»Daß ich das Lokal verlasse? Mit Vergnügen! Nehmen Sie's nicht übel, daß ich deutlich wurde, -- ich bin nun einmal nicht für die Leisetreterei von heutzutage. Die Kambacher sprechen lieber Deutsch wie Französisch. Eberhard steckt's ja, gottlob, auch im Blute, der Schlingel hat Rasse! So, nun wissen Sie's. Sagen mußt' ich die ganze Wahrheit schon deshalb, verehrter Herr Pastor, weil ich Ihnen gegenüber die Pflichten des Patrons nicht vergessen darf. Sie könnten mir sonst mit Recht die bittersten Vorwürfe machen, ganz davon abgesehen, daß ich für mich und mein Haus jede liberale Rutschpartie dankend ablehne.« Er reichte ihm, als sei nichts geschehen, die Hand. »Gott befohlen!« Und fort war er.
Wie betäubt stand Pastor Wendler da. Immer zog er bei diesem Manne den kürzeren. War's die rasende Lebhaftigkeit, die Herrennatur, die keine andere Meinung aufkommen ließ? Aber er selber war doch auch nicht ums Wort verlegen und wußte was er wollte. Warum schrumpfte denn, sobald Herr von Kambach auf der Bildfläche erschien, sein leuchtender wissenschaftlicher Bau wie eine welkende ›Königin der Nacht‹ zusammen? Sonderbar! Eigentlich hätte er ihn doch auf Matt setzen müssen, weil er mit der Wissenschaft auf dem Gebiet des Glaubens nichts anzufangen wußte. Und doch erkannte er sie sonst an. Nur hier nicht. Er wußte eine ganze Menge, war sehr belesen, hielt ganz vorzügliche politische und soziale Reden, war in den modernen Weltanschauungsfragen stets auf dem laufenden, trotzdem -- Glaube und Wissenschaft blieben getrennte Gebiete. Anders tat es die alte Schule eben nicht. Aber das Christentum des Kambachers war ebensowenig tote Orthodoxie wie das seiner Mutter und des alten Schenker. Im Gegenteil! Was steckte für Leben darin! Er war fest davon überzeugt, daß diese drei Menschen um ihres Glaubens willen große schwere Opfer bringen würden! Warum mußten denn gerade sie seine Gegner sein, die einzigen Positiven seiner Bekanntschaft, die Eindruck auf ihn machten, die ihm unbegrenzten Respekt abzwangen!? Es war zum Tollwerden!
Seine Gedanken wanderten. An die Seite der greisen Landedelfrau sah er eine junge kräftige Frauengestalt treten. Mit den Füßen stand sie auf der Erde, ihre Hände taten Werktagsarbeit, aber die klare Stirn umleuchtete Morgenglanz. Es gibt Sonntagskinder, die hellen Auges, ein Sträußchen am Hute über die Berge wandern und tausend Herrlichkeiten schauen, die anderen Sterblichen verborgen bleiben. Solch ein Sonntagskind war der treue Hausgeist der alten Exzellenz, Fräulein Jutta Eichel.
Es war in jener Zeit gewesen, wo er noch viel in Dreilinden verkehrte, als Pastor Wendler plötzlich die Sehnsucht gepackt, den Sonnenschein, der von der schlichten freundlichen Gestalt ausging, in sein einsames Pfarrhaus zu tragen. An einem schönen Herbstabend betrat er den Dreilindener Gutshof. Die alte Exzellenz war ausgefahren. Sie, die er suchte, stand in der Halle, die letzten Rosen des Jahres in einer venetianischen Schale ordnend.
Die Lichter des scheidenden Tages umspielten die Mädchengestalt und die purpurnen Blüten. Heimlich spann die Dämmerung ihre Schleier um den traulichen Kamin und das eichene Gestühl aus der Väter Zeiten. Ein paar Rosenblätter waren auf den breiten geklöppelten Einsatz der leinenen Tischdecke gefallen; wie Blutstropfen leuchteten sie in den goldenen Abend hinaus.
Er aber stand im Türrahmen und betrachtete still das feine stimmungsvolle Bild. ›Wie ein Kunstwerk der alten niederländischen Schule!‹ zog es ihm durch den Sinn.
Da hob sie den Kopf.
Ihre Blicke trafen sich. Auf ihrem Antlitz lag's wie der Wiederschein der roten Rosen.
Regungslos verharrte er im Schein des sinkenden Abends. Wie ein Schattenbild hob sich die hohe Gestalt vom lichten Himmel.
Sie aber stand, die späten Blüten in den Händen, im dunklen Auge flehende Abwehr.
Aber er merkte es nicht. Er sah nur das Ganze, das Bild des niederländischen Meisters.
Dann trat er neben sie. Sie solle sich nicht stören lassen. Ganz obenhin sagte er's. Sie empfanden es beide. Zögernd steckte sie die letzte Knospe zwischen die schwellenden Blüten.
»Ich darf's gleich hinübertragen?«
Er folgte ihr in das Wohnzimmer der Hausfrau, wo sie die Rosenschale unter ein großes Kruzifix, eines jener herrlichen Schnitzwerke der Frauen Südtirols, stellte.
»Lieben Sie die katholische Kunst?« fragte er.
»Ich sah nie einen Kruzifixus wie diesen,« erwiderte sie, zu dem dorngekrönten Antlitz aufblickend. »Soll ich den Glauben verachten, der sich zu demselben Herrn und Heiland bekennt wie ich?«
Er zuckte die Achseln.
»Würden Sie je katholisch werden?«
»Niemals,« rief sie lebhaft. »Das römische System stößt mich ab. Aber mit dem einzelnen Katholiken fühle ich mich, sofern er ein wahrhaftiger Christ ist, auf demselben Heilsgrunde stehend, einig in Glauben und Hoffnung.«
Er sah sie mit einem eigenen Blick an. In seinen Augen stand eine heiße Frage. Bis in die Seele drang sie ihr.
Wieder sah sie zum Kreuz empor. Und während sie sich in den Anblick der edlen Züge versenkte, kam ein heiliger Mut über sie, eine nie gekannte Kraft. Voll und klar wandte sie dem Manne das dunkle Auge zu und sagte mit fester Stimme: »Tausendmal näher steht mir der Katholik, der sich zu seinem Heiland und Erlöser als dem ewigen Gottessohn bekennt, als der Vertreter der modernen Theologie, der die Gottessohnschaft Christi leugnet!«
Wie ein Schlag ins Gesicht traf ihn ihr Wort. Er hatte sie verstanden. Eine unüberbrückbare Kluft hatte sie zwischen ihnen aufgerichtet. Und doch wußte er's, daß sie ihn liebte. Trotzdem hieß sie ihn gehen.
Eine grenzenlose Bitterkeit stieg in ihm auf, ein unbezwingbarer Neid nach dem Gut dieser stillen starken Menschen, die, ohne rechts und links zu blicken, ihrem Ziele zuwanderten. Eine Ruh' lag über diesen Gestalten, über diesen Trägern innerer Kraft und heiligen Segens. Warum besaß er sie nicht?
Weil eine solche Ruh' unmöglich, weil diese Menschen Schwärmer waren. Trotzig gab er seiner Seele die Antwort.
Arm und einsam war er ausgegangen, sein spätes Glück zu suchen, ärmer und einsamer noch kehrte er heim.
Und dann kamen die langen Winter, und der geliebte Pfad lag verschneit! -- -- --
Mutterseelenallein saß er mit seinen Büchern in dem kahlen Studiergemach.
Nur die vorwurfsvollen Augen des kleinen Junkers blickten ihn an.
Allein -- mutterseelenallein, und draußen der Pfad verschneit -- -- Nach einem uralten Liebeslied klang's, nach der zarten poetischen Stimmung deutscher Vergangenheit! Im Kamin summte der Nachtwind die Melodie dazu, weich und sehnsüchtig, als klagte eine Äolsharfe.
Dann klang's aus anderen Pfeifen, fremd und sieghaft, als fegte die wilde Jagd übers Dach. -- --
Plötzlich Stille, kein Laut mehr auf weiter Heide. -- --
Und dann, was war das?
Er lauschte hinaus.
Aus weiter Ferne zog's durch das große Schweigen herüber, wie Meeresbrausen, wie der Pilgerchor ausziehender Christen, Orgeltöne, tief und gewaltig, das uralte halbvergessene Kirchenlied, das die mittelalterliche Gemeinde in den heiligen Nächten gesungen:
›Es kommt ein Schiff geladen Bis an sein'n höchsten Bord -- Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden, Des Vaters ew'ges Wort!‹
Er fuhr auf. Was hatte dies Lied mit seiner Einsamkeit, seiner Verlassenheit zu tun? Zum Tollwerden waren die Winternächte in dem hundertjährigen Pfarrhause mit seinen altmodischen Kaminen! Was Wunder, daß der Nachtwind sich drin verfing und droben seine Psalter sang! Wenn dann auch noch das verflixte Käuzchen seine Jeremiaden anfing, -- um aus der Haut zu fahren war's! Aber heut' Nacht war's dem Totenvogel wohl zu kalt. So hatte er wenigstens davor Ruhe.
›Daß nicht unter dir gefunden werde, der auf Vogelgeschrei achte!‹ Ja, ja, er wußte es. Aber es war nun einmal nicht angenehm, wenn die Kreatur draußen die halbe Nacht wimmerte. -- --
›Es kommt ein Schiff geladen Bis an sein'n höchsten Bord -- --‹
Wieder die Glockentöne!
Es war doch vorhin ganz klar und still gewesen? Ob das Wetter umschlug? Nein, er kannte den Ton, das war Nordostwind. Oder doch nicht?
›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden, Des Vaters ew'ges Wort!‹
Die blauen Kambachaugen blickten herüber. Ja, gewiß, er leugnete es keinen Augenblick, er hatte es vor der ganzen Klasse gesagt und würde es, wenn's sein müßte, vor dem Konsistorium wiederholen: ›Dann hat Jesus sich eben geirrt!‹
›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- -- Knabenlippen sprachen es trotzig und hart.
›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden, Des Vaters ew'ges Wort!‹
»Zum Donnerwetter!« Er sprang empor und riß das Fenster auf.
Totenstill lag der weiße Garten in winterlicher Schönheit. Drüben träumte, tief eingeschneit, die Kirche im Kranz ihrer Linden, Hütt' an Hüttlein geschmiegt zu ihren Füßen, fern in bräutlicher Reinheit die märkische Heide.
Aber hinter dem Gutshaus in den Kiefernforsten summte der Nachtwind in den Kronen. Immer dasselbe Lied, jenen uralten, längst verklungenen Choral. Seltsam, -- wie die Einbildung ihre Schleier wob, wie sie Menschengeist und Windeswehen in ihren Dienst zwang ...
›Der Wind brauset, wo er will!‹
Zum Kuckuck! Warum denn immer gleich die Bibel? Das war doch ein sehr natürlich zu erklärender Vorgang. Wetterumschlag -- Nerven, -- man war doch auch Stimmungen unterworfen -- das Nachtgespräch mit Nikodemus hatte zudem neben großer sprachlicher Schönheit den Vorzug, rein persönlichen Charakter an sich zu tragen. Man konnte es so oder so auffassen. Ja, gewiß, so oder so!