Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 9

Chapter 93,699 wordsPublic domain

Der Oberstallmeister fuhr empor. »Was meinst du, Mama?«

»Ach, ich möchte keinen unbegründeten Verdacht aussprechen!«

»Ist auch nicht nötig, ich kann's mir schon denken!« Er zuckte die Achseln. »Beweise fehlen mir auch.«

In ihrem Gedächtnis war eine kleine Begebenheit lebendig geworden, -- nein, keine Begebenheit, nur ein flüchtiges Bild, ein kaum zutage tretender und doch ihrem scharfen Auge nicht unbemerkt gebliebener Zug, der mit kurzem Federstrich den ganzen Menschen zeichnete. Kein verhängnisvolles Wort, keine bezeichnende Bemerkung -- nichts -- nichts weiter als die Art und Weise, wie der Drachenburger Ulan eine Berliner Schauspielerin begrüßt hatte. Es war keine von den vielen, allzu vielen, ein eisiger Blick hatte ihn in die Schranken gewiesen -- aber die alte Exzellenz wußte genug. Ein Mann, der durch einen einzigen Blick eine Frau erniedrigen konnte, war kein Edelmann. Und Exzellenz von Kambach hatte es aufs tiefste beklagt, daß sie diesen Augenblick nicht vor der Hochzeit ihrer Enkelin erlebt. Geredet, gewarnt worden war viel, aber Tatsachen, Beweise hatten gefehlt.

»Ja, Mamachen, du kannst es dir wohl denken, worauf ich hinaus will,« begann Herr von Kambach aufs neue.

Sie blickte ihn ernst an. »Vermittlerin? Karl Heinrich, du weißt, ich halte nichts davon.«

Er räusperte sich. »Es ist ein Unterschied, Mama, ob ein Mann das tut, oder eine Frau in deinem Alter und von deiner Art. Vor mir hat Wolf Dietrich Dampf, vor seinem Großvater Respekt, meinetwegen Hochachtung und einen Rest kindlicher Ergebenheit. Für dich aber hat er eine unbegrenzte Verehrung. Das liegt in deiner Person, -- in der wunderbaren Vereinigung von männlicher Kraft und zartestem weiblichen Empfinden. Verzeih, aber das mußte gesagt werden. Und dann noch eins -- es ist dein Christentum, das immer wieder Tat wird, meinst du, das mache ihm keinen Eindruck? Man braucht ja nur einen flüchtigen Einblick in dein Leben und Schaffen zu tun. Es ist der letzte Rest eines guten Kerns, der Bühler nicht nur kühle Hochachtung abnötigt, sondern ihm das Herz warm macht. Du könntest ihn um den Finger wickeln, Mama!«

»Vorübergehend vielleicht, auf die Dauer nicht. Er ist zu leichtsinnig veranlagt! Unsere ganze gesellschaftliche Umwelt kommt dazu. Sie färbt ab. Nur ganze Menschen, Persönlichkeiten, die auf sich achten, die ihr Innenleben im Auge haben, die vor Gott wandeln, bleiben unberührt von den Einflüssen einer gefährlichen Umgebung, die anderen gehen zugrunde. Wolf Dietrich ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Er ist die Frucht einer Zeit, die mit dem Persönlichkeitsbegriff spielt. Denn sie bringt gerade das Gegenteil von dem hervor, was sie fordert: Determinismus. Ich wenigstens vermag die Arbeit, die im letzten Grunde nur zum Vorteil der Einzelperson geschieht, nicht mit meinen Persönlichkeitsidealen zu vereinen.«

Der Sohn nickte zustimmend. »Ja, es ist eine Schande für uns, daß solche Leute des Königs Rock tragen. Eine größere Verkennung des monarchischen Gedankens gibt es kaum, wie die Verbreitung entgotteter Weltanschauungen in der Armee.«

Beide schwiegen.

»Ja, Karl Heinrich,« sagte die alte Dame endlich, »du kennst meine Ansicht. Ich glaube ja nicht, daß durch Reden und Vorstellungen viel geändert wird. Aber ich will, wenn die Gelegenheit sich bietet, gerne auf deinen Schwiegersohn einzuwirken versuchen.«

»Danke, Mama.« Erleichtert klang's.

»Wenn es nur hilft, Karl Heinrich!«

Er sah nach der Uhr. »Um halb drei ist eine Sitzung des Bundes der Landwirte, nachher geselliges Zusammensein, -- verzeih, wir essen um halb zwei, nicht wahr?«

»Gewöhnlich essen wir um halb zwei,« entgegnete Frau von Kambach, »aber bitte, bestimme ganz, wie es dir paßt. Willst du nicht überhaupt erst frühstücken?«

»Nein, danke. Ich möchte erst alles mit dir besprechen. Ändere deine Tagesordnung ja nicht, es paßt alles sehr gut. -- Also, bitte, erschrick nicht -- ich habe Eberhard aus den Konfirmandenunterricht nehmen müssen!«

Nein, sie erschrak nicht. Sie blieb sogar merkwürdig ruhig. Aber ein tiefer Schmerzenszug trat in ihr klares Frauengesicht. »Also wirklich?« sagte sie leise.

»Du hast darauf gewartet?«

Sie nickte.

»Ich hätte es mir denken können,« meinte er.

»Ich hatte am Tage nach Ilses Hochzeit ein Gespräch mit Pastor Wendler über seine Predigt,« sagte sie. »Und was ich da hörte, war derartig, daß ich mich auf alles gefaßt machte. Ich hätte gerne mit dir darüber gesprochen, aber damals hatten wir keinen ungestörten Augenblick, und während der kurzen Zeit, die ich im November in Dreilinden war, haben wir uns ja kaum gesehen. Schreiben wollte ich nicht in der Sache. Außerdem wußte ich, daß du in bezug auf Wendlers Konfirmandenunterricht längst Bedenken hegtest. Auch hattest du die Predigt ja gehört.«

»Ja, gewiß. Wären meine Bedenken damals, als der Konfirmandenunterricht begann, so stark gewesen wie in letzter Zeit, ich hätte den Jungen gar nicht erst hingehen lassen. Der Anfang des Unterrichts liegt ja Fünfvierteljahr zurück, Mama! Gerade im letzten Jahr ist aber eine große Veränderung mit Wendler vor sich gegangen.«

Sie nickte gedankenverloren.

»Eberhard ist ja sehr verschlossen,« fuhr der Kambacher fort. »Zum Teil ist es auch angeborene Vornehmheit, daß sich der Junge niemals ein Urteil über seine Lehrer erlaubt. Ich weiß, daß er unter den beiden letzten Hauslehrern geradezu gelitten hat, -- trotzdem niemals ein Wort der Klage! Es hat mich wirklich gefreut!! Aber dies war zuviel. Ich hatte ihm schon ein paarmal angemerkt, daß nicht alles in Ordnung war, aber er sagte nichts. Und dann kam er plötzlich gestern zu mir, ganz aus dem Häuschen vor Kummer und Enttäuschung. Was war geschehen? Wendler richtet die Frage: ›Was ist Glaube?‹ an die Jungens, und Eberhard antwortet: ›Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet!‹ Da schüttelt Wendler den Kopf: ›Mein guter Junge, das ist ein Bibelwort, es ist in diesem Falle aber nicht am Platz! Die Frage muß wissenschaftlich beantwortet werden!‹ -- Aber es kommt noch viel schlimmer! -- Nun stelle dir die armen Kinder vor, Mama! Es sind in diesem Jahr mehrere Knaben aus sogenannten besseren Familien darunter, Honoratiorensöhne, der Älteste von meinem Inspektor, dein Dreilindener hat auch einen dabei, -- alles Kinder aus guten christlichen Familien, die solche Ansichten zum mindesten irreführen müssen, abgesehen von Eberhard und dem kleinen Riddeck. Knaben von fünfzehn und sechzehn Jahren, welche nichts anderes kennen gelernt haben als das unumstößliche Christenbekenntnis eines frommen Elternhauses, sind natürlich wie vor den Kopf geschlagen, wenn ein Mann wie Wendler, zu dem sie emporgesehen, solche Behauptungen aufstellt. Ich mache mir heute die bittersten Vorwürfe, daß ich Eberhard nicht gleich damals im Herbst vorm Jahr fortgegeben habe. Dann wäre dieser Unterricht einfach weggefallen. Denn ich kann's nicht leugnen, ich hab' mir manchmal Sorgen gemacht, dann aber sagte ich mir: ›Du bist sehr streng positiv erzogen! Vergiß nicht, daß auch die Orthodoxie ihre Mängel hat, ihre Schärfen, ihre Engigkeit!‹ Das hab' ich mir gesagt, Mama! Und in diesem Bestreben bin ich in meiner menschlichen Rücksicht zu weit gegangen. Ich habe gerecht und milde sein wollen, aber ich war's am verkehrten Ende. Im Blick auf das große Ganze ist mein Urteil klar geblieben, was die letzten Ergebnisse des Liberalismus sind, hab' ich immer gewußt, aber ich habe die Folgerungen in bezug auf die Einzelperson nicht genügend gezogen. Denn es handelt sich nicht um irgendwelche Nebenfragen, sondern um den Kern unseres Bekenntnisses, um die Frage nach der Person des Herrn. Das hab' ich nicht scharf genug ins Auge gefaßt. Nun hab' ich die Bescherung. Gibt man dem Liberalismus den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Zuerst war Wendler bescheiden und vorsichtig -- jetzt erklärt er in der Konfirmandenstunde, es stehe in der ganzen Bibel kein Wort davon, daß Christus der Sohn Gottes sei. Der Dreilindener Inspektorssohn hat ganz mutig den Finger aufgehoben und an das eidliche Bekenntnis vor Kaiphas erinnert. Da hat der Mensch die Stirn, dem Jungen zu antworten: ›Dann hat Jesus sich eben geirrt!‹« Er atmete schwer.

»Jatho!« sagte seine Mutter.

Er stützte den Kopf in die Hand. »Mama, das wäre mir nicht passiert, wenn Thea noch lebte,« sagte er gepreßt.

Mit mütterlicher Liebe blickte die alte Exzellenz auf den Sohn. In gewissem Sinne hatte er recht. Aber doch nicht ganz. Gott hatte ihn doch diesen Weg geführt, das genügte ihr.

Sie sagte es ihm.

»Gewiß,« entgegnete er, »das ist auch mir die Hauptsache. Aber gerade in Glaubensfragen bedürfen wir der weiblichen Ergänzung. Du siehst es hier doch wieder. Thea hätte mich bestimmt verhindert, Eberhard in Kambach konfirmieren zu lassen. Und du hättest es, wärest du dauernd bei mir, auch getan. Wendler hat übrigens einen heiligen Respekt vor dir. In den paar Sommerwochen, wo du in Dreilinden bist, nimmt er sich in acht!«

»Das konnte man an dem Sonntag nach Ilses Hochzeit nicht behaupten.«

»Nee, eigentlich nicht. Er hat sich gegen den Inspektor sehr erfreut geäußert, daß du nach den anstrengenden Tagen noch zur Kirche gekommen seiest, er wird also wohl nicht damit gerechnet haben.«

Sie lachte. »Also eine Überrumpelung?«

»Scheint so. Du hattest dich ja auch so gesetzt, daß man dich von der Kanzel aus kaum sehen konnte.«

»Die Sonne blendete mich.«

Auf dem Schreibtisch schlug eine kleine bronzene Standuhr.

»Willst du wirklich nicht frühstücken? Ein Glas Portwein? Es ist noch eine volle Stunde Zeit bis zum Essen.«

»Danke, Mama, ich habe keinen Hunger. Auch liegt mir viel daran, erst alles mit dir durchzusprechen, wenn du erlaubst.«

»Aber du hast heute noch viel vor. Ich finde, du siehst angegriffen aus.«

»Bei der Hetzerei kein Wunder! Kaum war ich vom zweiten Hofball zurück, so kam dies! Ich hatte den Kopf voll wegen Ilse -- noch nicht einmal mit dir hatte ich davon sprechen können! Kaum weiß ich, welches von beiden mir schwerer wird, das mit ihr oder Eberhard! Hier sehe ich wenigstens einen Ausweg, in der Bühlerschen Sache nicht. Daher fällt sie mir so auf die Nerven!« Er seufzte.

Zum erstenmal erschien der Mutter sein Gesicht gealtert, die Züge schlaff, die Augen müde. Diese sprühenden, trotzigen, sieghaften Kambachaugen! -- Ihre Gedanken wanderten. Wann hatte sie bei ihrem Fritz Karl zum erstenmal diese Müdigkeit bemerkt? Sie sann nach. Richtig -- als Bismarck ging! -- Gott! König! Vaterland! Das war's. Damit waren diese Männer verwachsen, das machte sie jauchzen, das war ihre Lust, aber auch ihre tiefste Herzenssorge! Mancher hätte gewiß gefragt, was das mit Familiennöten zu tun habe. Es handelte sich eben im letzten Grunde um mehr als Familiennöte, um Größeres, Überweltliches. In irdisches Gewand gehüllte Ewigkeitswerte standen auf dem Spiel. Ob die feinen goldenen Fäden, von einem Ufer zum anderen gespannt, auch fernerhin die Verbindung zwischen Himmel und Erde bilden würden, ob die drahtlose Telegraphie zwischen Gott und der Seele bestehen blieb oder jäh zerrissen ward, darum ging's! Dieselben Fäden aber schlangen sich um Thron und Altar. Königstreue und Vaterlandsliebe wurzelten im Gottesglauben, des Glaubens Pflegerin aber war die deutsche Familie. Ob dem behüteten Kinde des Landadels durch liberale Torheit der erste Zweifel in die junge Seele getragen wurde, ob eine zartgewöhnte Frau in ihrer Ehe unter den Folgen allgemeinen Niedergangs litt -- es kam auf dasselbe heraus, -- auf die riesenhafte Gesamtgefahr, die Deutschland bedrohte. Noch galt die alte heilige Losung -- wie lange noch? -- Durch die Seele der greisen Edelfrau zog Herders mahnendes Dichterwort. Immer wieder stand es über den großen völkischen und religiösen Fragen, immer wieder gab es dem Einzelleben seine ernste Unterschrift: ›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge -- waren nicht, wie wir jetzt sind!‹ Im eigenen Hause sah Sabine von Kambach das Unheil anheben -- wo wollt's hinaus? -- --

»Ich komme nun mit einer großen Bitte, Mama,« begann der Oberstallmeister aufs neue. »Willst du Eberhard ein paar Tage bei dir aufnehmen, bis ich eine geeignete Unterkunft für ihn gefunden habe? Ich will ihn hier bei Jakobi konfirmieren lassen. Vielleicht nimmt er ihn selbst ins Haus, das wäre mir das liebste.«

»Kann er nicht bei mir bleiben? Du weißt, welche Freude du mir damit machen würdest!«

»Ich danke dir herzlich, Mama, ich habe den Gedanken selbst erwogen. Aber ein fast sechzehnjähriger Junge gehört in männliche Hände. Es wird mir schwer genug, ihn jetzt fortzugeben, doch was hilft's? Aber wenn du ihn aufnehmen willst, bis das Weitere geregelt ist, bin ich dir sehr dankbar!«

Die alte Frau nickte dem Sohne freundlich zu. Natürlich verstand sie ihn. Er hatte ganz recht. Da mußte das Großmutterherz schweigen.

»Was hat Wendler denn gesagt?« fragte sie.

»Eigentlich nichts. Er gab sofort zu, die beiden Bemerkungen gemacht zu haben. Ehrlich war er ja immer, darauf setze ich überhaupt meine letzte Hoffnung. Ein ehrlicher Mensch kann nicht an der Wahrheit vorüber. Allerdings tut der Liberalismus ja alles, um sie seinen Anhängern zu verschleiern. -- Meine Aufgabe war natürlich keine leichte! Es ist sehr schwer, zu einem Geistlichen zu sagen: ›Was mein Kind von Ihnen empfangen hat, ist Irrlehre!‹ Tausendmal lieber hätte ich gesagt: ›Sie predigen unter aller Kanone!‹«

Frau von Kambach lachte. »Das sieht dir ähnlich!«

»Ja, ich bin nun einmal ein alter Soldat!«

Ein rascher Schritt klang im Nebenzimmer auf dem Teppich.

»Ach, bitte, Fräulein Eichel, einen Augenblick!« rief Exzellenz von Kambach.

Die Gesellschaftsdame erschien auf der Schwelle. Ein frisches angenehm aussehendes Mädchen, Mitte der dreißig.

Herr von Kambach erhob sich. »Guten Tag, Fräulein Eichel!«

»Guten Tag, Herr Baron!«

Sie schüttelten sich freundschaftlich die Hände.

»Geht's Ihnen gut?« fragte er.

»Danke, ausgezeichnet!«

»Bitte, Fräulein Eichel,« sagte Frau von Kambach, »schicken Sie doch Friedrich vor Tisch noch einmal zu Frau von Schink hinüber, ich käme zwischen vier und fünf zu ihr.«

»Er darf dann wohl gleich zur Post gehen, Exzellenz?« Die braunen Augen sahen auf die Standuhr. »Es ist noch früh genug!«

»Dann geben Sie ihm bitte meine Briefe mit!« Frau Sabine sah zum Schreibtisch hinüber. »Einen an die Stadtmission, einen an Graf Bühler und zwei Karten! -- Danke!«

Sie waren wieder allein.

»So, Mama, nun aber endlich zu dir!« Der Oberstallmeister hatte seinen Platz wieder eingenommen. »Du siehst gut aus.«

»Danke, ich bin auch recht frisch!«

»Das freut mich! -- Und was macht der Bund? Ich habe mich leider bisher so wenig darum kümmern können.«

»Vorläufig ist es noch keiner. Wir sammeln uns erst. Vor allen Dingen brauchen wir Geld. Eine hübsche Summe hat Frau von Schink uns zugesagt. Dann fehlt uns immer noch der Direktor. Jeden können wir nicht gebrauchen. Der Mann muß eine Persönlichkeit aus einem Guß sein, erste Bedingung ist natürlich: ganz positiv. Die leiseste Neigung zur Mittelpartei würde ihn für unsere Zwecke unmöglich machen. Daneben sind Organisationstalent, rednerische Begabung und der rechte Überblick auf sozialem, völkischem und kirchlichem Gebiet notwendig, vor allem aber volles Verständnis für den ganzen bitteren Ernst der Zeit und ein brennendes Herz für die Not unseres Volkes und unserer Kirche. Darum kann es nur ein Mann sein, dem sein Christenglaube Lebensbesitz geworden, der die Kämpfe der Zeit aus eigener Erfahrung kennt. Einen Träger toter Orthodoxie können wir nicht gebrauchen. An einer solchen Wahl würden gerade die Kreise, auf die wir rechnen, Anstoß nehmen!«

»Das unterschreibe ich alles, Mamachen. Ich fürchte nur eins. Bei ~den~ Anforderungen kannst du dir gleich den Engel Gabriel bestellen. Auf dieser Welt wirst du schwerlich finden, was du suchst!«

»Doch, Karl Heinrich! Nur Geduld!«

»Soll es ein Pastor sein?«

»Das ist nicht nötig. Es muß vor allem ein ~Mann~ sein!«

»Wir haben ja große Auswahl!«

»Ach, Karl Heinrich, spotte nicht! Du selbst kommst unbedingt in den Vorstand, bitte, nimm die Sache also ernst.«

»Das tue ich, Mama. Mein ganzes Interesse gehört ihr. Nur was die Männlichkeit von heute anbetrifft ...«

»Gewiß, du hast ganz recht, wir haben mehr Waschlappen, als Männer! Aber die Männer, die wir haben, müssen heran. Mir ist übrigens gar nicht bange um die rechte Persönlichkeit. Wir müssen nur warten lernen. Alles, was bis jetzt in Vorschlag gebracht worden ist, scheint den Herren, welche die Sache vorläufig in die Hand genommen haben, ungeeignet, und ich kann ihnen nur zustimmen. Weißt du nicht jemand?«

Er zuckte die Achseln.

»Für den Direktorposten? Nein, Mama. -- In den engeren Vorstand würde ich Brelow wählen. Ich will mir aber die Sache durch den Kopf gehen lassen.«

»Ja, bitte, tu das!«

»Einfach ist die Geschichte nicht,« meinte er. »Es ist ja alles Friedenspartei -- zum Teil aus reiner Unklarheit und Begriffsverschwommenheit!«

»Gerade deshalb ist ein fester Zusammenschluß der bibelgläubigen Kreise so nötig,« sagte Frau von Kambach.

Er nickte. »Gewiß, Mama! Ich betrachte ihn sogar als eine Lebensbedingung für unser Volk. Diese Arbeit ~muß~ getan werden. Sie ist der letzte Sturmlauf, der letzte Rettungsversuch, das letzte Aufgebot. Mißlingt diese Mobilmachung, so liegt Deutschland im Chausseegraben! Das klingt sehr hochtrabend, als betrachteten wir uns als die einzigen Volkserretter. Aber nach Abstrich alles Persönlichen ist das Werk, das hier getrieben werden soll, die alleinige Handhabe gegen den deutschen Verfall. Denn das einzige, was uns noch wieder auf die Beine helfen kann, ist die Rückkehr zu dem lebendigen Gott und seinem Wort. Das aber wollen unsere Gegner naturgemäß verhindern. Zum Teil unbewußt. Die innerweltliche Weltanschauung hat leider schon viele Opfer gefordert. Darum heißt die Losung: Kampf! Und zwar Kampf bis aufs Messer. Gerade diesen Gesichtspunkt wird man im anderen Lager für unbiblisch erklären trotz des Herrenwortes: ›Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ -- Und nicht nur dort. Fromme Kreise, auf die wir gerne rechneten, werden uns mißverstehen. Kreise, welche mit vorbildlicher Treue Einzelseelsorge treiben, die aber in der Stille ihrer Friedensarbeit den Blick für das große Ganze verlieren, für das Elend der Massen; denen darum das Verständnis dafür abgeht, daß der Kampf gegen den großen völkischen Abfall mit anderen Waffen geführt werden muß, als der Kampf um die einzelne Seele, mit anderen Worten: daß es hier eine Arbeit gilt, die man nicht in Glacéhandschuhen tun kann. Wir würden ja auch nicht fertig, wenn wir jedem Landstreicher erst eine feierliche Einladung schicken wollten, -- die Leute kommen eben nur, wenn man sie ~holt~. Natürlich wird da manches Gelichter mit unterlaufen, -- mein Himmel, das ist nicht zu ändern, da tritt eben das Wort vom Unkraut unter dem Weizen in Kraft. Also -- ohne große Volksversammlungen in Riesensälen -- hier in Berlin am besten in einem großen Zentrumslokal, geschickt organisiert, vorher natürlich, -- verzeih den Ausdruck, -- die nötige Reklame in der großen Öffentlichkeit, -- ohne das alles kommen wir nicht vom Fleck, Mama! Man mag die Sache ansehen, wie man will. Christus hat gesagt: ›Gehet hin in alle Welt!‹, aber er hat nicht gesagt, daß Deutschland nicht mit dazu gehöre. Und wenn wir zu Hinz und Kunz gehen und bei Schulz und Müller Seelsorge treiben, so ist das alles recht schön und gut, aber den Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ erfüllen wir damit noch lange nicht! Und doch wird die Erfüllung dieses Befehls einmal von uns gefordert werden. Wir müssen also mit einer starken Gegnerschaft rechnen, mit mancher Ablehnung, -- nicht zuletzt mit der Ablehnung der Kirche!«

»Mit der Ablehnung der Kirche?« unterbrach ihn seine Mutter.

»Gewiß, Mama. Die Kirche ist -- mittelparteilich! -- Ich halte ihr die Treue, solange ich es mit meinem Bekenntnis vereinen kann, oder bis man mich hinaussetzt. Aber Zugeständnisse mache ich nicht. Der Liberalismus ist Luft für mich. Ich fordere als bibelgläubiger Christ reinliche Scheidung. Das sind ja auch die Grundforderungen der Bundessatzungen!«

Sie nickte.

»Na also. Glaubst du, daß man oben sehr entzückt davon sein wird, wo man nichts als ehrfurchtsvolle Leisetreterei gewöhnt ist?« Er zuckte die Achseln. »Das nächste wird sein, daß die Presse, -- vielleicht auch die paar großen konservativen Tageszeitungen, die wir noch haben, uns totschweigen! Wir stecken ja auch noch in den Windeln und können nichts verlangen! Macht nichts! Wird schon kommen! In zwei, drei Jahren sind wir den Herrschaften schon unbequemer, und in zehn Jahren? -- Wenn wir nur einen Luther hätten, der uns die Fahne vorantrüge!«

Seine Augen blitzten. Er war wieder ganz der Alte.

Sie sah ihn lächelnd an. »Parteipolitik darf aber nicht bei uns getrieben werden!«

»Gott bewahre uns davor!«

»Es ist aber nicht ganz leicht, sie völlig auszuschalten,« entgegnete sie.

Er sah sie ernst an. »Es ist das erste, was die Satzungen betonen müssen, daß wir sie ausschalten!«

»Und wenn ein Heißsporn sie trotzdem hineinträgt?«

»Dann raus mit ihm an die frische Luft!«

Der Diener erschien auf der Schwelle.

»Karl Heinrich, wir müssen essen. Es wird sonst zu spät für dich!«

Er stand auf und bot ihr den Arm. Auf den Krückstock gestützt, richtete sie sich zu ihrer ganzen Höhe empor und ließ sich von dem Sohne ins Speisezimmer führen, wo Fräulein Eichel wartete.

»Sibylle ist nach Drachenburg zu den Geschwistern gefahren,« erklärte die Hausfrau die Abwesenheit des Gastes.

»Möchte sie ihrem Bruder einmal gründlich den Kopf waschen,« murmelte der Oberstallmeister vor sich hin.

Nach dem Tischgebet sagte seine Mutter: »Ist es dir recht, wenn wir in nächster Zeit eine größere Sitzung in der Bundesangelegenheit in meinem Hause anberaumen?«

»Wann?«

»Montag in acht Tagen.«

»Ja. Das paßt.«

»Am liebsten wär's mir, du hieltest einen kurzen zusammenfassenden Vortrag über Grundsätze und Gestaltung des Bundes. Das ist noch nicht klar ausgesprochen worden. Eine Frau kann das nicht.«

»Aber Exzellenz!« Fräulein Eichels braune Augen blitzten schelmisch.

»Nein, das muß ein Mann tun. Sie wissen recht gut, liebe Eichel, daß ich redende Frauen nicht leiden kann.«

»Nun ja, in Volksversammlungen, Exzellenz.«

»Ich gebe zu,« sagte die alte Dame, »daß die Frau unter bestimmten Voraussetzungen nicht nur reden darf, sondern muß -- überall da, wo bestimmte weibliche Arbeitsgebiete betreten werden, zumal da, wo nur das Weib zum Weibe sprechen darf, ist die Frau am Platze. Aber nicht da, wo sie dem Manne das Wort entzieht. Das ist Grenzüberschreitung, und von da ist's nicht mehr weit zur Frauenemanzipation! Ja, ja, liebe Eichel!« Sie nickte ihrem treuen Hausgeist, dessen Tatendurst ihr manchmal etwas zu viel wurde, freundlich zu. »Unser Arbeitsfeld ist groß genug, nur keine Gebietserweiterung!«

Fräulein Eichel lachte. »Ich bin ja so bodenständig wie ein alter Krautjunker, Exzellenz.«

»Ja, ich kenne Sie, Eichelchen!« -- --

»Der Vortrag will mir nicht recht in den Sinn,« sagte Herr von Kambach nach kurzem Schweigen.

»Nun, dann sag's in ein paar Worten. Ich möchte nur um der Sache selbst und um aller derer willen, die ihr dienen wollen, daß das Programm jetzt möglichst bis ins kleinste festgelegt wird.«

Er nickte nachdenklich.

»Man könnte das ganze Programm in das Wort zusammenfassen: ›Seid das Salz der Erde, seid die Kraft des Volkes, das Licht der Welt, das Blut der Kirche!‹ Das besagt alles. Aber du hast recht: Wir brauchen die irdische Form auch im Dienste der Ewigkeit. Kannst du mir vielleicht ein paar Aufzeichnungen machen, Mama? Heute abend wird's wohl spät werden, aber ich bin ja doch noch bis übermorgen hier, dann besprechen wir das Weitere, wenn es dir paßt!« Er sah auf die Uhr. »Darf Friedrich mir einen Kraftwagen holen? Ich komme sonst zu spät.«

Sie drückte auf den Knopf der Elektrischen und gab dem eintretenden Diener ihre Befehle.