Part 9
»Oh, auf die Sächsische Schweiz lasse ich nichts kommen! Sie ist klein, aber so nett und reinlich! Sie nimmt, immer innerhalb ihres Taschenformates, so kühne und so romantische Anläufe. Wenn man ihre gewagten Formationen ansieht, möchte man immer die +p. t.+ Reisenden ersuchen, nichts von der Sächsischen Schweiz abzubrechen.«
»Sie schneiden wenigstens nicht auf,« sagte Käthe lachend, »Sie schneiden herunter!«
Fridolin erklärte: »Wenn ich bei der Regierung etwas dreinzureden hätte, so würde ich ein großes Etui machen lassen, und damit die Sächsische Schweiz jeden Abend sorglich zudecken lassen, daß ihr in der Nacht nichts geschieht.«
»Und den Mond würden Sie wahrscheinlich frisch versilbern lassen«, meinte Käthe, auf den gerade mit voller roter Scheibe am Horizont aufsteigenden Mond deutend.
»Nein, der ist echt und dauerhaft genug versilbert, Fräulein Käthe. Warten Sie nur noch ein Viertelstündchen, und Sie werden sehen, was für prächtigen silbernen Schein er auf die Elbe werfen wird.«
Jetzt, da vom Mond gesprochen wurde, fiel Käthe ihre Lage wieder aufs Herz.
»Um des Himmels willen!« rief sie, »die Nacht bricht heran, und ich weiß nicht, was mit mir geschehen soll.«
»Das müssen wir eben jetzt vernünftig überlegen. Denn daß wir die Tante heute noch finden, das glaube ich nun selber nicht mehr.«
»Glauben Sie wirklich?«
»Ich möchte sagen, ich ~weiß~ es. Um diese Zeit werden Tanten nicht mehr gefunden.«
»Was soll ich nun aber tun?« sagte das junge Mädchen verzweifelt.
»Vor allen Dingen nicht weinen! Bin ich denn nicht da?«
»Das ist ja nur um so schlimmer!«
»Ah, um so schlimmer? Das wußte ich nicht. Dann habe ich die Ehre, mich höflichst zu empfehlen!«
»Aber, Herr Doktor, so bleiben Sie doch sitzen! Mein Gott!«
»Sie haben mich beleidigt; ich gehe!«
»Ich habe Sie nicht beleidigt; ich bin Ihnen ja so zu Dank verpflichtet! Sehen Sie denn nicht ein --«
»Ich sehe alles ein, wenn Sie mir versprechen, nicht wieder so ein desperates Gesicht zu machen, wie eben jetzt. Wir müssen jetzt ins klare kommen, was wir mit Ihnen anfangen, und wo wir Sie unterbringen sollen. Stellen wir einmal den Tatbestand fest: Sie kamen mit Ihrer Tante aus Dresden. Wir fahren nach Dresden zurück, und ich bringe Sie heim. Sie sehen, das Unglück ist nicht gar so groß!«
»Ich habe ja gar kein Heim in Dresden! Ich war in Dresden in einem Pensionat, und da ich diesem nun entwachsen war, ist die Tante gekommen, mich herauszunehmen«, erklärte das junge Mädchen.
»Wo ist sie denn hergekommen, die Tante?«
»Aus Gerolstein; wir sind Gerolsteiner. Warum verbeugen Sie sich denn? Da ist doch nichts so Großes dabei!«
»Alle Achtung vor Gerolstein! Weiter; Sie könnten doch auf einen Tag zurück in die Pension?«
»Das geht nicht; die Ferien haben begonnen, das Pensionat ist zugesperrt.«
»Die Sache wird kritisch. Wo hat denn Ihre Tante residiert, als sie Sie abholte?«
»In einem Hotel; ich glaube, es hieß ›Zum Kronprinzen‹.«
»Und wohin wollten Sie jetzt, nach genossener Sächsischer Schweiz; zurück nach Gerolstein?«
»Oh, bewahre! Da wollten wir nach Wien, dann nach Salzburg, nach Tirol, dann in die wirkliche Schweiz, darauf nach Paris und London und schließlich über Holland und die Rheinstädte zurück nach Gerolstein.«
»Es ist nicht wenig, was Sie da vorhaben! Und da irgendwohin soll ich Sie nun bringen: nach Tirol, nach London oder nach Holland? Die Sache ist nicht so einfach!«
Käthe bot das Bild der vollsten Ratlosigkeit; unschlüssig sah sie zu ihrem Gefährten auf, und dabei schossen ihr die Tränen in die Augen.
»Nicht weinen, Fräulein Käthe!« rief Fridolin verweisend, »sonst gehe ich sofort auf und davon! Untersuchen wir weiter: Wo hatten Sie hier in der Sächsischen Schweiz Station gemacht?«
»Nirgends; wir sind heute früh von Dresden abgefahren, und wir wollten heute in der Sächsischen Schweiz übernachten.«
»Sie wissen nicht, wo?«
»Nein. Die Tante war die Reisemarschallin; sie hatte alles bestimmt, und ich hatte nach nichts gefragt.«
»Ihr Gepäck ist inzwischen nach Wien vorausgeschickt worden?«
»Jawohl!«
»Sie wissen aber nicht, an welches Hotel?«
»Ich weiß es nicht! Ich war so kindisch, mich um gar nichts zu kümmern; ich habe mich von der Tante einfach mitnehmen lassen.«
Fridolin überlegte; er wußte in der Tat nicht, was nun geschehen sollte.
»Wenn man nur«, nahm er nach einer Weile wieder das Wort, »das Vergnügen hätte, die Frau Tante zu kennen, dann könnte man auf Grund der Kenntnis ihrer Charakteranlage vielleicht auf eine richtige Vermutung kommen, was ~sie~ nun wohl anfangen wird. Was glauben Sie, Fräulein Käthe, daß die Tante jetzt tun wird?«
»Ängstigen wird sie sich!«
»Das dürfte richtig sein, aber diese Vermutung wird nicht ausreichen, uns auf ihre Spur zu leiten. Überlegen wir: Sie kann verschiedenes tun. Die Sächsische Schweiz noch weiterhin zu besichtigen, dazu dürfte ihr die Lust vergangen sein. Sie könnte also die Reise fortsetzen und nach Wien fahren, in der Hoffnung, daß Sie nachkommen würden. Das hätte ja etwas für sich. Wenn man aber bedenkt, daß Sie vollständig mittellos und dann auch im unklaren über das eigentliche Wiener Reiseziel sind, und die Tante das auch wohl weiß oder doch vermuten kann, so muß man es als nahezu gewiß ansehen, daß sie nicht nach Wien gefahren ist oder fahren wird ohne Sie. Sie könnte auch auf den Gedanken gekommen sein, nach dem verunglückten Anfang den ganzen großen Plan aufzugeben und direkt nach Gerolstein zurückzufahren. Damit hätte sie die Flinte ins Korn geworfen, und das tun Tanten gewöhnlich nicht. Ich glaube vielmehr, daß auch sie überlegen wird, worauf wohl ihre geliebte Nichte zunächst verfallen könnte, und da, denke ich, liegt nichts näher, als daß die geliebte Nichte mit möglichster Beschleunigung dahin zurückkehren wird, von wannen Sie beide heute morgen aufgebrochen sind. Ich denke demnach, daß wir jetzt nach Dresden zurückfahren, und daß wir Sie zunächst der Obhut der Gattin des Hoteliers vom ›Kronprinzen‹ übergeben. Da in der Regel jeder Hotelier verheiratet ist, wird sich dort gewiß eine solche Gattin vorfinden.«
Käthe hatte in ihrer Trübsal nichts Besseres vorzuschlagen, und so wurde denn der nächste Zug bestiegen, der sie nach kurzer Fahrt nach Dresden brachte.
»Wenn nun aber die Tante nicht auf den Gedanken verfällt, nach Dresden zurückzufahren?« meinte Käthe ängstlich, als sie in Dresden vom Bahnhof ihre Schritte nach dem Hotel lenkten; Käthe hatte es nämlich entschieden abgelehnt, für die kurze Strecke einen Wagen zu benutzen.
»Dann ist das Unglück noch immer nicht groß,« beruhigte sie Fridolin, »für die Nacht werden Sie bei der Wirtin geborgen und behütet sein. Kommt bis morgen von der Tante kein Lebenszeichen, dann wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als daß Sie nach Hause, nach Gerolstein reisen. Das ist eine Fahrt von wenigen Stunden, und übrigens bleibe ich immer in der Nähe zu Ihren Diensten bereit. Jedenfalls werden wir aber morgen in aller Frühe an Ihre Eltern in Gerolstein telegraphieren, ob sie etwas vom Verbleib der Tante wissen.«
»Ich habe keine Eltern mehr.«
»Aber ein Heim haben Sie doch dort?«
»Ja, bei meinem Onkel.«
»Ach, beim Gatten unserer vortrefflichen Tante?«
»Nein, sie ist die Schwester meines Onkels.«
»Sie sind so allein auf der Welt, Fräulein Käthe! Und nun haben Sie sogar nur noch mich als Beschützer!«
»Es ist ein Glück, daß Sie sich meiner angenommen haben, Herr Doktor. Ich wäre sonst in einer fürchterlichen Verlegenheit gewesen. Sie waren so lieb zu mir -- wie soll ich Ihnen nur danken?«
»Zu bedanken habe ich mich bei Ihnen, Fräulein Käthe!«
»Sie? Wofür denn?«
»Oh, für eine ganze Masse! Zunächst dafür, daß Sie überhaupt auf der Welt sind; das ist ein ausnehmend hübscher Zug von Ihnen. Und damit ist eigentlich alles gesagt.«
»Sie machen sich lustig über mich, Herr Doktor!«
»Bin ich ein Unmensch? Nein, Fräulein Käthe, mir ist sehr ernst zumute. Ich werde Ihnen eine der schönsten Erinnerungen meines Lebens zu danken haben. Der Tag war so schön! Sagen Sie selbst, Fräulein Käthe, wenn Sie von der Tante absehen, tut es Ihnen leid, diese Stunden mit mir verbracht zu haben?«
»O nein, Herr Doktor, leid tut es mir gar nicht, ich fürchte mich nur so!«
»Es ist doch schade, daß die Welt so groß ist. Morgen fahren Sie nach Gerolstein oder, wenn es gut geht, nach Wien, nach Frankreich, -- Gott weiß, wohin noch? -- mich wird mein Beruf nach irgendeinem anderen Erdenwinkel verschlagen. Wir werden uns also höchstwahrscheinlich nie wiedersehen!«
»Das ist aber schade!« sagte Käthe leise, und dann erschrak sie über ihre Worte und wurde ganz rot. Fridolin konnte letzteres aber nicht bemerken, denn sie schritten nun durch ein kleines Birkenwäldchen, durch welches der Weg vom Neustädter Bahnhof nach der Stadt führte. Den Sinn der Äußerung griff aber Fridolin doch auf, und er erfüllte ihn mit stiller Freude.
»Sie werden drei Monate auf der Reise sein«, nahm er nach einer Weile wieder das Wort. »Bis Sie zurückkommen, werden Sie mich längst vergessen haben.«
»Nein, Herr Doktor, das werde ich nicht!« erklärte Käthe bestimmt.
»Sie werden!«
»Gewiß nicht!«
»Ist es nun nicht jammerschade, Fräulein Käthe, daß wir so auf Nimmerwiedersehen auseinander sollen?«
»Können Sie nicht einmal nach Gerolstein kommen?« fragte die kluge Käthe.
»Wer weiß, ob das jemals möglich sein wird!« erwiderte Fridolin mit sehr tragischem Ausdruck, obschon ihm gerade in diesem Momente die Idee blitzartig auftauchte, daß er früher in Gerolstein sein werde als Käthe. Sein Freund Arnold fiel ihm ein; damit war eine Anknüpfung geboten, und so reifte in einem Augenblicke ein Entschluß in einer Lebensfrage, die ihn so lange beschäftigt hatte, ohne daß er zu einer Entscheidung hätte kommen können. Er war sehr rasch mit sich im klaren, daß er seine Zelte in Gerolstein aufschlagen werde, aber er hielt es für angemessen, darüber jetzt noch nichts verlauten zu lassen. Mit einer Regung von Entzücken hatte er es wahrgenommen, daß Käthe durch den bevorstehenden Abschied von ihm selbst elegisch gestimmt wurde, und er war nicht selbstlos genug, sich die Freude dieses Eindrucks zu verkümmern.
»Wer weiß, ob wir uns im Leben jemals wiedersehen!« rief er mit einem Seufzer, trotzdem er sich im stillen schon jubelnd die sichere Freude des Wiedersehens ausmalte. »Ihnen freilich ist das vollkommen gleichgültig, Fräulein Käthe; Sie werden in Wien und in Paris an ganz andere Dinge zu denken haben als an Ihren armen Reisegefährten, dem eine freundliche Laune des Geschickes gestattete, einige Stunden in Ihrer Nähe zu sein; und wenn Sie zurückkommen, dann wird auch die letzte Erinnerung an mich verwischt sein!«
»Ich werde Sie wirklich nicht vergessen, Herr Doktor, ganz gewiß nicht!«
»Oh, ich weiß das besser!«
»Das können Sie nicht besser wissen!«
»Es ist doch so, wie ich sage. Ich bin ein phänomenaler Pechvogel! Das Schicksal hätte Sie mir nicht über den Weg schicken sollen!«
»Jetzt bedauern Sie es auch noch!«
»Habe ich nicht alle Ursache dazu?«
»Ich denke und fühle anders als Sie, Herr Doktor. Ich mache mir das Herz nicht schwer mit dem, was vielleicht hätte sein können; ich freue mich an dem, was ist und was wirklich war.«
»Fräulein Käthe?«
»Herr Doktor?«
»Ich möchte Ihnen etwas sagen.«
»Ich fürchte mich in diesem Wäldchen, es ist so finster.«
»Jetzt fürchten Sie sich schon wieder! Bin ich denn nicht da?«
»Ich weiß nicht, ich möchte wieder unter Menschen sein.«
»Und gerade davor fürchte ich mich! Fräulein Käthe! Wir kommen ja gleich unter Menschen! -- Ich glaube, wir sollten Abschied nehmen voneinander, bevor wir unter all die fremden Leute kommen, die uns so gar nichts angehen.«
»Herr Doktor, Sie waren bisher so ritterlich mit mir --« sagte Käthe nun ängstlich stockend.
»Ist das unritterlich, wenn ich Ihnen zum Abschied sagen möchte: Fräulein Käthe, Sie sind das reizendste Menschenskind, das mir bisher vorgekommen ist. Ist das unritterlich? Antworten Sie!«
»Nein, das ist noch nicht unritterlich.«
»Ist es unritterlich, wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie sehr lieb habe?«
»Herr Doktor!«
»Ist es unritterlich?«
»N--ein -- ich glaube, -- es ist nicht unritterlich.«
»Wenn ich Sie frage, ob Sie mir ein wenig -- ein ganz klein bißchen -- gut sein können?«
»Herr Doktor, -- ich bitte Sie --«
»Ist es unritterlich?«
»Ich weiß nicht, ob --«
»Sie können sich's ja vereinfachen, können sagen, daß ich Ihnen gleichgültig bin; dann sind Sie von aller Verlegenheit befreit!«
»Das möchte ich nicht sagen, Herr Doktor!«
Damit hatte er aber auch schon ihre Hand gefaßt und flehte nun um einen Abschiedskuß.
»Das geht nicht!« erklärte Käthe auf das bestimmteste.
»Ich versichere Sie, es geht; es kommt nur auf einen Versuch an! Sehen Sie, weit und breit ist kein Mensch, und stockfinster ist es auch. Käthe!«
»Ich sage ja so schon nichts mehr«, erwiderte sie und hielt zitternd still, als er seinen Arm um ihre Schulter legte und sein Gesicht dem ihrigen nahebrachte.
»Jetzt wäre es unritterlich, wenn ich ihn mir nehmen wollte,« sprach er leise zu ihr, »du mußt ihn mir freiwillig geben, Käthe!«
Und sie gab ihn, zitternd zwar, aber doch freiwillig, und als er dann sich noch einige dazu nahm, da war das weder ritterlich noch unritterlich, sondern einfach natürlich. --
»Jetzt bist du mir verfallen, Käthe! Jetzt mußt du mich lieb haben, ob du willst oder nicht. Nun, habe ich recht?«
»Vielleicht!«
»Ist dir nicht bange, Käthe, daß wir jetzt weltenweit auseinandergehen sollen?«
»Wenn du mich lieb hast, dann wirst du mich suchen -- und mich finden!«
Als sie dann nach einigen Minuten im Hotel anlangten, da war die Tante schon da. Sie war ganz munter und hatte nur etwas verweinte Augen.
III.
So war Fridolin nach Gerolstein geraten. Man wird seinen Entschluß begreifen. Der Himmel hatte ihm, gerade da er schwankte und im Zweifel war über seine Zukunftspläne, ein zu deutliches Zeichen herabgesandt. Er hatte Käthe von seinen Absichten nichts verraten; sie hatten auch -- von wegen der Tante! -- nicht verabredet, sich zu schreiben. Sie waren voneinander geschieden in gegenseitigem Vertrauen, daß sie doch wieder zusammenkommen würden. Käthe hatte für das zuversichtliche Vertrauen die Formel gefunden: Du wirst mich suchen -- und mich finden!
Sehr entzückt war Fridolin von Gerolstein, der Hauptstadt des berühmten Großherzogtums, gerade nicht. Er hatte sich dort mit Hilfe seines Freundes eingerichtet und gab sich alle Mühe, sich ordentlich einzuleben, um nach Verlauf von drei Monaten, wenn Käthe zurückkehren sollte, schon ein vollkommener und gerechter Gerolsteiner zu sein. Vor Arnold, seinem besten Freunde, hatte er aus seinem sommerlichen Abenteuer in der Sächsischen Schweiz, dem eigentlichen Beweggrund des raschen Entschlusses seiner Übersiedelung, und aus seinen Glückshoffnungen kein Geheimnis gemacht; nur den Namen Käthes wollte er nicht preisgeben, so sehr auch sein Freund Arnold, aus praktischen Gründen, wie er sagte, ihn zu wissen begehrte.
Es ging also soweit ganz gut in Gerolstein, nur etwas langweilig fand es Fridolin. Aber die Zeit verging doch, und als drei Monate um waren, da war er ganz gewaltig aufgeregt; denn nun konnte ihm jeder Tag eine Begegnung mit Käthe bringen. Gerolstein war nicht so groß, daß ein schönes Mädchen dort lange unentdeckt hätte bleiben können. Die wird Augen machen! Fridolin lächelte, als er sich die Überraschung Käthes ausmalte, wenn sie ihn so ganz unvermutet in Gerolstein wiedersehen würde.
In seiner Unruhe und Aufregung der Erwartung kam ihm ein Zwischenfall sehr gelegen, der nicht nur seinen Gedanken eine Ablenkung schaffte, sondern auch günstige Aussichten für die Zukunft bot. Schon war es ihm allerdings gelungen, sich für die verhältnismäßig sehr kurze Zeit eine ganz annehmbare ärztliche Praxis zu verschaffen, aber die Gelegenheit, die sich ihm nun eröffnete, war ganz danach angetan, ihn mit einem gewaltigen Ruck vorwärts zu bringen.
Er sah gerade zum Fenster seines Ordinationszimmers hinaus, als er eine herrschaftliche Equipage vor seinem Hause halten sah. Ein livrierter Bedienter sprang vom Bock und stand zwei Minuten später vor ihm, um ihm einen Brief zu überreichen. Schon der Umschlag verriet, daß der Brief aus dem Ministerpräsidium herrühre, und der Briefbogen trug den offiziellen Vermerk des hohen Ministerpräsidiums. Geschrieben war aber der Brief nicht vom Ministerpräsidenten, sondern von seinem Freunde Arnold. Das Schreiben lautete:
»Ich bin soeben beim Ministerpräsidenten und mit ihm in einen großartigen Kriminalfall vertieft. Zur vollständigen Vernichtung des Übeltäters brauchen wir aber auch einen ärztlichen Befund. -- Der Geh. Hof-, Staats- und Medizinalrat, der hier zu intervenieren hätte, ist glücklicherweise auf Urlaub, und da habe ich mir denn erlaubt, Dich als eine wahre Leuchte der Wissenschaft zu empfehlen. Wirf Dich also in Deinen schönsten Frack, sodann in den Galawagen, den wir Dir hiermit schicken, und lasse Dich schleunigst bei Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten Besenbeck melden, wo wir Dich erwarten.
Dein wohlaffektionierter F.«
Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten war am Tage vorher zu später Abendstunde etwas sehr, sehr Unangenehmes passiert. Er hatte darauf eine schlechte Nacht verbracht und ließ gleich am Morgen den Rechtsanwalt +Dr.+ Arnold Winter zu sich bescheiden, den er im Bette empfing.
Der Fall war kritisch: Ein Radfahrer hatte den generalgewaltigen Lenker der inneren und äußeren Politik Gerolsteins über den Haufen gerannt und ihm dabei nicht nur einen unheilbaren Riß in die ministerielle Hose beigebracht, sondern auch wahrscheinlich -- er hatte solche Schmerzen in der Seite -- eine Rippe gebrochen. Er hatte die Radfahrer schon lange auf dem Zuge, und das nicht ohne Grund; denn alles Böse im Staate kam von den Radfahrern. Der Bestand des dortigen Radfahrerklubs war eine stete Verhöhnung der Großmachtsstellung Gerolsteins. Alle Augenblicke hatten sie Gerolsteiner Meisterschaften auszuschreiben, und das waren lauter Infamien. Einmal war es die Meisterschaft »Quer durch Gerolstein«, dann die Meisterschaft »Um das Großherzogtum herum«, und wenn sie des Morgens gestartet hatten, so waren sie mit ihren Kämpfen immer so rasch fertig, daß sie die Siegesfeier noch immer an demselben Tage bei einem ~Früh~schoppen begehen konnten. Solche Bosheiten begeht man nicht in einem Kulturstaate, der sich der Segnungen der Zivilisation erfreut.
Das war aber noch nicht einmal alles. Gerolstein besaß zwei Zeitungen: den »Staats-, Hof- und Haus-Anzeiger« und das »Morgenblatt«. Den »Staats-, Hof- und Haus-Anzeiger«, der so gut ministeriell gesinnt war, wollte aber kein Mensch lesen, und das kam wieder dem unbequemen »Morgenblatt« zugute. Und wie ein Unglück nie allein kommt, mußte der Redakteur des »Morgenblattes« gleichzeitig auch der Präsident des Gerolsteiner Radfahrervereins sein. Man mußte nur wissen, was das heißt! Damit war die ganze Radfahrerei eine politische, und zwar eine oppositionelle Sache geworden, die Sr. Exzellenz Tag für Tag das Leben verbitterte.
Wissen Sie, welchen Namen die Radfahrer ihrem Vereine beigelegt hatten? »Gerolsteiner Radfahrerklub ›Die Numidier‹!« »Die Numidier?« Warum »Die Numidier«? Die alten Numidier an der Nordküste Afrikas hatten sicher keine Ahnung vom Veloziped, und ganz gewiß hatten weder König Masinissa, noch Jugurtha und Juba Radfahrer als Ordonnanzen mit im Felde. Warum also »Numidier«? Ein vernünftiger Mensch konnte von selbst gar nicht darauf kommen, aber in Gerolstein wußte man es ganz gut, -- es steckte eine große Bosheit dahinter.
Se. Exzellenz der Ministerpräsident war bei der Opposition nicht beliebt -- das ist nun einmal nicht anders; Ministerpräsidenten sind bei der Opposition niemals beliebt -- und sie setzte ihm zu mit Keulenschlägen, wo es anging, und wo das nicht anging, wenigstens mit Nadelstichen. Keine historische Persönlichkeit wurde im »Morgenblatt« so oft und mit solcher Vorliebe erwähnt wie der wackere +Numa Pompilius+, der zweite König Roms, und so oft +Numa Pompilius+ im Leitartikel oder im Feuilleton oder unter den Tagesnotizen erwähnt war, lachte ganz Gerolstein, und nur Se. Exzellenz war über alle Maßen wütend. Denn unter +Numa Pompilius+ war immer ~er~ gemeint. Die verruchten Zeitungsschreiber hatten ihm den Spitznamen aufgebracht und diesen auch gleich eingebürgert; dabei waren aber ihre Beziehungen immer so fein und immer auch scheinbar so harmlos, daß eine hohe Behörde ihnen nicht recht zu Leibe konnte. Es war geradezu niederträchtig.
+Numa Pompilius+ wäre ja an sich ein Ehrentitel gewesen, aber man hatte dem Herrn Minister diesen Titel nicht darum taxfrei verliehen, um damit seine staatsmännische Einsicht zu kennzeichnen, sondern mehr um die Quelle seiner politischen Weisheit anzudeuten. +Egeria+ war eine sehr geschätzte Quellgöttin des römischen Altertumes, und man wußte, daß auch der Gerolsteiner +Numa Pompilius+ von einer Gerolsteiner +Egeria+ beraten wurde.
Ministerpräsident Besenbeck war Witwer; die schöne Baronin Waltersheim war Witwe. Der Ministerpräsident hatte ein etwas zur Verfettung neigendes, im übrigen aber tieffühlendes Herz, und die schöne Witwe hatte es ihm angetan.
Er hätte ihr auch schon längst die Hand zum ewigen Bunde gereicht, wenn seine zarten Beziehungen zu ihr nicht voreilig ruchbar geworden wären. Man kannte die schöne Baronin in Gerolstein und wußte, daß sie eine geistvolle Frau sei, die Neigung zur Politik habe. Das wußte man; das übrige war Kombination, daß nämlich sie den Minister beherrschte und daß so eigentlich sie über Gerolstein herrschte. Also nur, weil eine weise +Egeria+ da war, wurde ~er~ +Numa Pompilius+ genannt, aus keinem anderen Grunde. Als aber der Name einmal aufgekommen war, da tat der Exzellenzherr in seiner Erbitterung, wie schon so oft in seinem Leben, das Ungeschickteste, was in dem gegebenen Falle zu tun war. Anstatt kurzen Prozeß zu machen und die Dame seines etwas zur Fettsucht neigenden Herzens vom Fleck weg zu heiraten, glaubte er seine Beziehungen zu der schönen und klugen Frau, ohne sie aufzugeben, möglichst verheimlichen zu sollen. Als ob das in Gerolstein nur so gegangen wäre!
Jetzt war die Analogie mit +Numa Pompilius+ und +Egeria+ erst recht hergestellt. Unter solchen Umständen erregte es ein heiteres Aufsehen, als sich eines schönen Tages der Radfahrerklub »Die Numidier« auftat. Man wußte zwar auch in Gerolstein, daß die Numidier mit +Numa Pompilius+ nichts zu tun hatten, aber die Ideenverbindung war doch durch den Klang der Namen hergestellt, und das genügte. Die hohe Behörde hatte allerdings den Versuch gemacht, der Konstituierung des Klubs Schwierigkeiten in den Weg zu legen und Einsprache gegen die seltsame Bezeichnung der »Numidier« zu erheben, aber die Proponenten bestanden auf ihrem Vorhaben unter dem Hinweis, daß sie ebenso streitbar und tapfer »im Dienste des Vaterlandes« sein wollten wie die wirklichen Numidier, über welche sie die erforderlichen historischen Kenntnisse bei der hohen Behörde in vollem Umfange mit patriotischer Befriedigung voraussetzten -- und da war dann eigentlich nichts mehr zu machen. Der Verein mußte bewilligt werden. Die guten Gerolsteiner unterhielten sich aber vortrefflich bei dem Gedanken, daß sich die »Numidier« nun als eine Art Leibgarde für +Numa Pompilius+ aufspielten, obschon sie dieser bitter haßte. Nach alledem kann man sich denken, wie der Herr Ministerpräsident es aufnahm, als ihn einer der »Numidier« nächtlicherweile über den Haufen rannte, ihm die Hose zerriß, wobei auch noch das ministerielle Knie aufgeschunden wurde, und ihm nicht nur eine Rippenverletzung beibrachte, sondern ihn zu alledem auch noch grob anfuhr.