Vom köstlichen Humor

Part 8

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+Dr.+ Arnold Winter setzte sich nach Empfang des Schreibens sofort hin, um es zu beantworten -- Zeit hatte er ja. Er schrieb:

»Mein lieber Junge!

Als ich den Ausdruck Deiner Herzensmeinung las, daß es hohe Zeit sei, vernünftig zu werden, habe ich mich einer lebhaften Besorgnis nicht erwehren können, daß Du nun wieder einen tollen Streich vorhast. Die Sache war von vornherein verdächtig, und daß meine Besorgnis eine nur zu wohlbegründete war, das zeigte sich dann sofort, als Du die Absicht aussprachest, Dich in Gerolstein anzusiedeln. Wäre ich selbst ein vernünftiger Mensch, so müßte ich Dir folgendes antworten: Trinke zunächst einige Gläser Wasser, und dann verschreibe Dir ein beruhigendes Mittel, hierauf begib Dich freiwillig aufs Beobachtungszimmer. -- Ich halte den Fall für keinen unheilbaren und hoffe noch auf eine gute Besserung.

Da ich aber in erster Linie Dein Freund und Gesinnungsgenosse, also ~nicht~ ein vernünftiger Mensch bin, so sage ich einfach: komm! Ich müßte ein schlechter Freund sein, wenn ich Dir bei einem dummen Streiche meine schätzbare Mithilfe versagen wollte. Auch bei mir ist der Wunsch der Vater des Gedankens; ich möchte Dich bei mir haben. +Solamen miseris socios habuisse malorum.+ Ich weiß, man kann statt +miseris+ auch +miserum+ sagen; Du siehst also, ich bin ein gemeldeter Binsch. Letzteres soll ein Witz sein und eigentlich ›gebildeter Mensch‹ heißen. Du rümpfst die Nase und findest den Witz etwas mäßig, aber ich versichere Dich, für unsere Gerolsteiner Verhältnisse ist er gerade großartig genug.

Ich werde Dich also hier haben, und ›das freut dem Schwerte sehr‹ -- das Schwert bin ich. Vor gar zu argen Enttäuschungen möchte ich Dich aber doch bewahrt wissen. Der allgemeine Gesundheitszustand ist ein von Deinem Standpunkte aus überaus beklagenswerter und wenn nicht von Zeit zu Zeit ein paar ~Ärzte~ Hungers stürben, so käme die Statistik gar nicht zu ihrem Recht, die mit Fug beanspruchen darf, daß auch das Großherzogtum Gerolstein sein Kontingent zur allgemeinen Sterblichkeit stelle.

Wir sind aber unserer so wenige der getreuen Untertanen unseres erlauchten Herrscherhauses, daß es höchst unpatriotisch von uns wäre, wegzusterben wie die Fliegen. Das tun wir nicht; und das darfst auch Du uns nicht verargen; denn mit ganz toten Gerolsteinern ist auch Dir nicht gedient. Ganz und gar aussichtslos ist die Sache doch nicht für Dich, nur muß sie richtig in die Hand genommen werden. Wir müssen uns von vornherein auf den Standpunkt stellen, das Du die Gerolsteiner nicht brauchst, sondern daß sie sich eine Ehre daraus zu machen haben, wenn Du die Gewogenheit hast, ihnen ein Purgiermittel zu verschreiben. Du bist jung und hast die Mittel, mit einem gediegenen Glanz aufzutreten, dann mit einem gewissen Glanz zuzuwarten, und das heißt nichts anderes, als sich mit einem gewissen Glanz den Anschein geben, als hätte man furchtbar viel zu tun. Es gibt gewisse kleine Vorbedingungen -- dann geht alles. Jung muß man sein, schön muß man sehn, und Glück muß man haben. Jung bist Du; die Schönheit -- nun, wir wollen nicht streiten, sagen wir also: so so! -- aber Glück hast Du entschieden, denn Du bist vollständig unvermählt. Dir zuliebe werden also die töchtergesegneten Mütter Gerolsteins zwar auch krank werden und mit Vergnügen auch ihre Männer und Kinder krank machen. Es sind sogar künstlich erzeugte Epidemien nicht ganz ausgeschlossen.

+Quae cum ita sint+ -- komm, siehe, siege! Du siehst, ich bin Dein würdiger Freund, und es fehlt mir nicht an Argumenten, eine große Dummheit, die Du vorhast, zu beschönigen. Ich mache mich sogar auf weitere und größere Dummheiten gefaßt, wenn Du einmal hier sein wirst, und erkläre jetzt schon meine freundschaftliche Bereitwilligkeit, Dir wacker zur Seite stehen und tapfer mittun zu wollen. Solltest Du es zu arg treiben, so weißt Du, daß ich Verteidiger in Strafsachen bin, und kennst meine Adresse. Ich garantiere Dir eine Verteidigungsrede vor dem Schöffengericht, die Dir einen hohen künstlerischen Genuß bereiten soll.

+Ad vocem+ Verteidiger in Strafsachen! Du hast mich gar nicht gefragt, wie's mir geht. Oh, mein Freund! Wenn ein Verteidiger in Strafsachen so lange und so schöne Briefe schreibt!! Glaubst Du, daß sich hier die Leute zu einem halbwegs anständigen Meuchelmord aufraffen können oder wenigstens zu einem reputierlichen Totschlag unter erschwerenden Umständen? Keine Idee! Unsere Gauner bringen unsere ganze Rechtswissenschaft in Mißkredit, und mein großartiges Talent ist in Gefahr, zu verkümmern. Haben die Römer die Rechtswissenschaft darum auf eine so hohe Stufe gebracht, haben Savigny, Mittermayer, Glaser, Unger, Ihering darum gelehrt und gewirkt, daß ich mich, wenn's hoch kommt, mit einer nächtlichen Ruhestörung, mit einer in der Hitze des häuslichen Gefechtes von der Hausfrau in ihrer Ehre gekränkten Köchin oder mit einem Schafskopf, der ein Taschentuch zieht, wo er eine eiserne Kasse erbrechen könnte, herumschlagen muß? Ich sage Dir, mein Junge, ich habe massenhaft Zeit, und wenn ein Verteidiger in Strafsachen so viel Zeit hat, so sollte er sich eigentlich aufhängen, oder er muß seine Zuflucht dazu nehmen, sehr lange und sehr geistreiche Briefe zu schreiben. Ich habe mich, wie Du siehst, zu letzterem entschlossen.

Noch ein Argument für die Dummheit, an welcher ich mich nun mitschuldig mache: Du kommst aus der Reichshauptstadt. Das wird den guten Gerolsteinern riesig imponieren. Mehr weiß ich mit dem besten Willen zugunsten Deiner Absichten und meiner Wünsche nicht vorzubringen. Also die Erfolge warten auf Dich: Komm und hole sie!

Dein schiefgewickelter Freund

Arnold.«

Zwei Tage später erhielt Arnold folgende Karte:

»! Jeder Mensch hat das Recht, einmal im Leben einen entscheidenden dummen Streich zu begehen. Es ist beschlossene Sache, ich komme nach Gerolstein. Nächste Woche wird gestartet.

Dein F.«

Die umgehende Antwort lautete:

»!! Gewiß hat jeder Mensch gewisse Rechte, aber es gibt gewisse Menschen, die von ihren Rechten einen unbescheidenen Gebrauch zu machen pflegen. Versuche doch nicht, mir einzureden, daß es bei dieser ~einen~ großen Dummheit sein Bewenden haben werde. Man kommt nicht ohne Grund nach Gerolstein, um sich da seßhaft zu machen. Da steckt etwas dahinter, und ich sehe in der zukünftigen Zeiten Schoße noch weitere pyramidale Dummheiten schlummern. Je ärger, desto besser; wofür wäre ich sonst

Dein Freund A.«

Darauf kam noch eine Erwiderung:

»Es ist doch gut, daß Du Dich nicht aufgehängt hast. Wäre schade gewesen! Deine Vermutungen zeigen, daß Du ein brauchbarer Kriminalist zu sein scheinst. Dein Verdacht ist vollkommen begründet; es steckt wirklich etwas dahinter. Was kann das sein, Du großer Kriminalist?

Auf Wiedersehen!

Dein F.«

Abgeschlossen wurde dieser Briefwechsel durch folgende Zeilen:

»Ich weiß genug. Wenn sie nur wenigstens schön ist. Diskreten Rat und Hilfe sollst Du bei mir finden. Die mildernden Umstände willst Du mir wohl mündlich auseinandersetzen.

Ich drücke dich an meinen Busen!

Dein A.«

II.

+Cherchez la femme!+ hatte sich Arnold gedacht, als er, nach den Motiven für einen hervorragend dummen Streich forschend, zu dem Schlusse kam: Da steckt etwas dahinter, und das war so gekommen:

+Dr.+ Friedrich Bruckner -- von seinen Freunden immer nur Fridolin genannt -- hatte seine Zeit als Sekundar-Arzt im städtischen Hospital abgedient, und aus Freude darüber bewilligte er nun sich selbst einen Urlaub. Man war im Hochsommer, das Wetter war schön, und alles war dem Unternehmen günstig. Das Unternehmen aber sollte in einem achttägigen großen Nichtstun bestehen. Fridolin -- wir zählen zu seinen Freunden und haben das Recht, ihn so zu nennen, -- Fridolin hatte sich für eine Reise in die Sächsische Schweiz entschlossen.

Er war allein ausgezogen, hatte die Bastei »bestiegen« und den Lilienstein, hatte sich persönlich von der Uneinnehmbarkeit der Festung Königstein und von der Tiefe des Festungsbrunnens überzeugt und hatte aus wissenschaftlichem Interesse sogar das große Irrenhaus besucht, das dort irgendwo bei Pirna auf oder an dem Sonnenstein liegt. Dort irgendwo herum muß es liegen; ich habe es selbst gesehen, es ist nur schon ein bißchen lange her.

Die Nachmittagssonne brannte heiß hernieder; ein Interesse, scharf auszuschreiten, hatte er nicht; denn die Sächsische Schweiz gefiel ihm ganz gut, und er war nicht sicher, ob er sie nicht durch einen scharfen Marsch sehr bald hinter sich haben würde; so gab er denn gern einem Ruhebedürfnis nach, als er ein verlockendes Plätzchen entdeckte, wo es sich voraussichtlich gut ruhen ließ. Es war ein winziger Rasenfleck, von Haselstauden umgeben, die genügenden Schatten boten. Das Plätzchen lag in einer Vertiefung ganz in der Nähe der wohlgepflegten Bergstraße, die aber von Buschwerk an der Seite bestanden und so von Fridolins Ruhestätte aus für das Auge verdeckt war. Ebenso war sein stilles Versteck in der Tiefe neben der Straße von dieser selbst aus nicht zu erblicken.

Da lag er nun auf dem Rücken im Grase, blickte zum wolkenlosen Himmel empor und machte sich im übrigen ganz vernünftige Gedanken. Er überlegte, wie und wo er nun seine ärztliche Praxis beginnen und sich auf die eigenen Füße stellen solle. In der Hauptstadt gab es Ärzte genug, und er hatte verhältnismäßig wenig Bekanntschaften. Sehr verlockend waren da die Aussichten nicht. Sollte er irgendwo aufs Land ziehen oder Badearzt werden? Beides hatte vieles für und noch mehr gegen sich.

Während er so nachsann, begab sich etwas Sonderbares und Unerwartetes: in den Sträuchern ihm zu Häupten raschelte es plötzlich, und im nächsten Augenblicke fiel oder sprang etwas mit voller Wucht auf ihn herab, was sich bei näherer Besichtigung als eine junge Dame entpuppte. Der Anprall, den Fridolin auszuhalten hatte, war kein sehr sanfter, und so klang denn auch seine Stimme nicht sehr freundlich, als er ausrief:

»Erlauben Sie, mein Fräulein, man springt doch nicht den Leuten so auf die Bäuche!«

Die junge Dame war neben ihm ins Gras gesunken und blickte mit dem Ausdruck der Todesangst und des Entsetzens auf ihn.

»Um Gottes willen!« rief sie atemlos. »Ich bitte um -- schützen Sie -- ach, ich kann nicht mehr!« Dann schloß sie die Augen, und ihr Kopf sank ins Gras; sie war ohnmächtig.

Fridolin erhob sich rasch und bettete sie bequem auf jene Stelle, wo er selbst gelegen; dann warf er einen Blick hinauf, ob da noch ein weiterer Segen von oben nachfolgen werde, und wandte sich nun, als alles still blieb, der Ohnmächtigen zu. Das Unerwartete der Lage und ihre Abenteuerlichkeit beschäftigte ihn zunächst gar nicht, er fühlte sich in diesem Augenblicke nur als Arzt. In weniger als einer Minute hatte er die Bewußtlose wieder zu sich gebracht.

»So, mein Fräulein«, sprach er sie an, als sie die Augen aufschlug. »Jetzt nehmen Sie ein Tröpfchen Kognak aus meiner Feldflasche. So ist's gut! Und nun machen Sie es sich so bequem als es nur geht.«

»Ich danke, mir ist jetzt schon wieder ganz wohl«, erwiderte die junge Dame mit matter Stimme.

»Sie sehen mich doch noch immer an wie ein abgestochenes Hühnchen, mein Fräulein. Lockern Sie nur ruhig am Kleid, was Sie noch lockern können -- ich bin Arzt. Einen Knopf am Halse da habe ich Ihnen ohnedies schon abgerissen.«

»Es ist wirklich nicht mehr nötig; es wird mir schon besser. Ich war nur so fürchterlich erschrocken.«

»Nun, Gott sei Dank,« sagte Fridolin beruhigend, »jetzt kehrt schon die Farbe wieder. Wer wird denn auch gleich so erschrecken! Haben Sie mich denn für einen Mörder gehalten?«

»Es war nicht nur das, obschon ich auch darüber zu Tode erschrocken bin, sondern was vorhergegangen ist -- es war entsetzlich!«

»Beruhigen Sie sich nur, Fräulein«, sagte Fridolin lächelnd. »In der Sächsischen Schweiz wandelt man doch etwas sicherer, als in den Abruzzen. Es gibt hier wirklich keine Räuber und Mörder, und jetzt bin endlich auch ich da, -- mein Name ist +Dr.+ Friedrich Bruckner -- und mein starker Arm wird Sie vor allen weiteren Gefahren beschützen. Es scheint aber, daß mein Heldenmut und meine besten Absichten, für Sie zu sterben, vollkommen überflüssig sind. Denn ich sehe -- leider! -- keine Gefahren; es rührt sich nichts weit und breit.«

»Ich heiße Käthe Selters«, erwiderte die junge Dame, zunächst Fridolins Vorstellung beantwortend; dann fuhr sie ängstlich fort: »Hören Sie wirklich nichts? Ach, ich habe eine solche Angst ausgestanden! Ich weiß nicht, soll ich Ihnen erst danken oder erst um Entschuldigung bitten -- ich bin ganz verwirrt. Vor allem aber: wo ist meine Tante; was ist aus meiner Tante geworden?«

»Eine Tante haben Sie auch? Da wollen wir doch gleich nach der Tante sehen!« Fridolin kroch die Böschung zur Straße hinauf und ließ seine Blicke nach allen Richtungen hin schweifen.

»Fräulein Käthe!« rief er hinunter. »Es ist weit und breit weder eine Tante noch sonst irgendein Menschenskind zu sehen.«

Käthe wollte sich darauf rasch erheben, aber Fridolin, der mit einem Sprunge wieder bei ihr war, verhinderte das.

»Sie dürfen jetzt nicht aufstehen, Fräulein Käthe«, dekretierte er. »Ihr kleiner Ohnmachtsanfall hat nicht viel zu bedeuten, aber jetzt müssen Sie doch ein Viertelstündchen ruhig sitzen bleiben. Wenn Sie sich jetzt gleich wieder gewaltsam aufraffen, dann werden sich sehr heftige Kopfschmerzen einstellen, die Sie heute den ganzen Tag und vielleicht auch noch morgen quälen werden, während die Sache ganz bedeutungslos und ohne Nachwirkung bleiben wird, wenn Sie sich jetzt genügend ausruhen.«

»Aber meine Tante --.«

»Ihre Tante ist gewiß eine ausgezeichnete Dame und wird nicht wollen, daß Sie sich krank machen.«

»Es könnte ihr aber etwas geschehen sein!«

»Tanten geschieht gewöhnlich nichts; ich weiß das.« Käthe mußte lachen über den mit solcher Sicherheit vorgebrachten Erfahrungssatz. So gern sie nun auch gleich wieder aufgebrochen wäre, so taten ihr doch die Ruhe und das Gefühl der Sicherheit nach dem Schrecken so wohl, daß sie sich bestimmen ließ, noch ein Weilchen sitzen zu bleiben.

»Dazu kommt noch,« fuhr Fridolin fort, »daß ich Ihnen einfach befehle, sich vor allen Dingen erst ein bißchen zu erholen, ehe wir wieder aufbrechen. Ich bin Arzt, und in gewissen Fällen hat der Arzt mehr zu befehlen als der Kaiser. Einen solchen Fall haben wir hier, also: schön sitzen geblieben! Wollen Sie noch einen Schluck Kognak?«

»Nein, ich danke. Mir ist jetzt wirklich schon ganz gut.«

»Das sehe ich. Ihr Aussehen -- alle Achtung, Fräulein Käthe! Als Arzt kann ich nur noch ein geringes Interesse für Sie aufbringen, aber zum Glück ist man nicht nur Arzt -- +homo sum+!«

»So heißt ein Roman von Ebers.«

»Allen Respekt vor Ihrer Literaturkenntnis, Fräulein Käthe, aber mein Roman hier ist mir lieber!«

»Wenn nur die Tante --«

»Ja, die Tanten! Ich kann der Tante nicht helfen, weil ich jetzt Sie retten muß. Jetzt verlange ich nur noch zehn Minuten Aufenthalt. Man kann doch nicht bescheidener sein. Jetzt erzählen Sie, aber ruhig und ohne sich aufzuregen, was Sie eigentlich so in Schrecken versetzt hat.«

»Ach, es war schrecklich, und den ganzen Ausflug hat es uns verdorben. Wir wollten uns die Festung Königstein ansehen. Sie wissen, daß sie sehr merkwürdig ist. Sie ist nämlich uneinnehmbar --«

»Jawohl, und hat einen sehr tiefen Brunnen.«

»Richtig; und ein Fenster hat sie auch --«

»Allerdings ein Fenster, bei welchem August der Starke zwei Trompeter mit je einer Hand über den Abgrund hinausgehalten hat.«

»Und dann die Geschichte mit den silbernen Kanonenkugeln!«

»Die kenne ich noch nicht«, gestand Fridolin beschämt.

»Die war so -- ach Gott, wenn nur die Tante --!«

»Die Geschichte von den silbernen Kanonenkugeln will ich wissen!«

»Als Napoleon I. die Festung Königstein beschie ßen wollte, da trugen die Kanonen nicht bis hinauf zur Festung. Da dachte sich Napoleon, daß es vielleicht mit silbernen Kanonenkugeln besser gehen werde, und er ließ silberne Kanonenkugeln gießen, aber die flogen auch nicht so weit, sondern fielen alle in die Elbe, wo sie jetzt noch liegen.«

»Das ist ja eine ungemein belehrende Geschichte; ist sie auch wahr?«

»Unser Führer aus Schandau hat sie uns erzählt.«

»Er persönlich? Dann wird sie wohl wahr sein. Nun und weiter?«

»Wie wir nun den Weg hinaufgingen, die Tante und ich, -- ach, du meine Güte, da fällt mir wieder die Tante ein!«

»Jetzt hübsch bei der Stange geblieben! -- Was geschah da?«

»Da hörten wir von weitem schon ein unaufhörliches, entsetzenerregendes Geschrei. Die Tante meinte, daß da wahrscheinlich ein Wahnsinniger transportiert werde, denn es gäbe hier in der Nähe ein großes Irrenhaus. Wir waren sehr erschrocken und wußten uns nicht zu helfen, denn das markerschütternde Geschrei kam immer näher. Zurücklaufen konnten wir nicht, denn der Wagen, in welchem der Irrsinnige gebracht wurde, war schon sichtbar, und er hätte uns sicher eingeholt, und so mußten wir dem Wagen entgegengehen, um ihn an uns vorüberziehen zu lassen. Wir zitterten beide, und die Tante war ganz blaß. Da, als der Wagen in unsere Nähe kam, da entsprang der Wahnsinnige plötzlich seinen Wärtern und lief auf uns zu. Weiter weiß ich eigentlich nichts mehr. Ich hörte noch die Tante aufschreien, und dann lief ich, was ich laufen konnte, -- wie weit und wie lang, das weiß ich nicht -- und ich kam erst zu mir, als ich hier neben Ihnen im Grase lag.«

»Der Himmel meint es gnädig mit mir,« sagte Fridolin, »er läßt mir die Patientinnen in den Schoß fallen.«

»Ach, ich bin so glücklich, daß Sie da sind, Herr Doktor!« erklärte Käthe treuherzig. »Vollenden Sie Ihr gutes Werk und helfen Sie mir jetzt die Tante suchen.«

»Ihr Aussehen zeigt mir, Fräulein Käthe, daß meine ärztliche Mission beendet ist. Lassen Sie sich den Vorfall nicht zu nahe gehen und -- jetzt wollen wir die Tante suchen!«

Das Aussehen Käthes! Fridolin hatte sich jetzt erst volle Rechenschaft darüber gegeben. So jung er war, so hatte er sich doch schon ganz in die richtige ärztliche Anschauungsweise eingelebt, und er sah, wo seine Hilfe in Anspruch genommen wurde, immer nur mit dem Auge des Arztes, der im Dienste selbst ästhetischen oder sonstigen subjektiven Regun gen sehr wenig zugänglich ist. Jetzt aber, da der schwierige medizinische Fall als vollkommen abgetan und erledigt anzusehen war, drang es ihm doch ins Bewußtsein, was das für ein gottbegnadetes, liebliches Geschöpf sei, das ihm da der Himmel von oben herab gesandt hatte.

Er war sich früher nie recht klar darüber geworden, ob seine Schwärmerei für Blond größer sei oder für Schwarz. Er selbst hatte einen kastanienbraunen Vollbart und kastanienbraunes Haar und wußte nur das eine, daß er sich für seine Person niemals in eine Dame mit kastanienbraunem Haar verlieben könnte, aber ob Blond für ihn die richtige Komplementärfarbe sei oder Schwarz, darüber hatte er zu keiner Entscheidung gelangen können. Nun war ihm plötzlich ein Licht aufgegangen, und das gleich in voller Glorie. Er begriff nicht, wie es da überhaupt ein Schwanken habe geben können. Blond allein ist das Richtige, und Schwarz ist vollkommen überflüssig auf der Welt. Aber auch Blond an sich tat es nicht; es gehörten die herrliche, anmutvolle Gestalt Käthes, ihre lieben, guten, blauen Augen, ihre blühende Gesichtsfarbe und der süße Mund dazu.

Mit einem Male war es ihm ungeheuer klar geworden, daß er ein unglaublicher Esel gewesen sei, wenn er in diesem Punkte habe schwanken können. Er hatte nur die eine Entschuldigung für sich, daß er es nicht besser gewußt habe; jetzt aber wußte er es.

Sie machten sich jetzt also auf, die Tante zu suchen. Die Sächsische Schweiz ist nicht groß, aber deshalb ist es doch keine so einfache Sache, in ihr Tanten zu suchen. Straße auf und Straße ab war nichts zu sehen, und Käthe vermochte durchaus nicht anzugeben, nach welcher Richtung die Tante wohl gelaufen sein konnte. Man mußte also kombinieren.

Eine Kavallerieabteilung, meinte Fridolin, würde sowohl beim Angriff wie auf der Flucht, wenn sie die freie Wahl hat, lieber bergauf als bergab dahinstürmen; man hat aber keinen Grund, dasselbe auch von fliehenden Tanten vorauszusetzen. Man muß im Gegenteil eher annehmen, daß eine in die Flucht geschlagene Tante sich lieber bergabwärts wenden wird.

Käthe konnte gegen diese Annahme keine stichhaltigen Argumente vorbringen, und so schritten denn die beiden zu Tale, immer scharf auslugend, ob sie die Verlorene nicht erspähen könnten; aber die Bemühungen blieben erfolglos. Fridolin tat noch ein übriges und ließ, so laut er nur konnte, seine schöne Stimme erschallen, aber es war immer nur das den Reisenden der Sächsischen Schweiz nicht einmal separat aufgerechnete Echo, das seine zärtlichen Rufe »Tante, teuerste Tante!« beantwortete.

Einmal, wo der Weg sich gabelte, da zeigte sich zur Linken in der Ferne, wie Käthe wahrnahm, etwas, was ganz gut eine Tante hätte sein können, aber -- der Genius der Menschheit wird ersucht, hier sein Antlitz zu verhüllen, -- Fridolin erklärte dagegen auf das bestimmteste, daß zur ~Rechten~ etwas durch die Zweige geschimmert habe, was ganz und gar einen tantenmäßigen Charakter gehabt habe. Die Menschen sind schlecht. Was Fridolin gesehen hatte, das war ein Omnibus, aber keine Tante, und Fridolin, der Ruchlose, hatte es in Wahrheit überhaupt nicht sehr dringend mit der Auffindung der Tante.

So sind die Männer! Und so ist die Welt!

Als man dann endlich nach einem längeren Dauerlauf darauf gekommen war, was die Weisen aller Zeiten schon wußten, daß zwischen einer Tante und einem Omnibus ein großer Unterschied ist, da war Fridolin sofort dienstfertigst bereit, umzukehren und auf dem anderen Wege der von Käthe angedeuteten Spur nachzugehen. Er glaubte, das beruhigt tun zu können; denn inzwischen war viel Zeit vergangen, und er taxierte die Schnelligkeit einer fliehenden Tante ziemlich hoch. Es war alles in allem ziemlich unwahrscheinlich geworden, daß sie noch ein geholt werden könnte. Dabei tat Fridolin doch immer ungeheuer eifrig im Suchen, und er verfehlte nicht, jedes sächsische Bäuerlein, das ihnen begegnete -- es verschlug ihm auch nichts, wenn es gerade eine Bäuerin, alt oder jung, oder sonst ein Menschenskind war --, zu fragen, ob sie keine Tante gesehen hätten. Käthe schämte sich dann immer furchtbar und bat ihn schließlich, diese Nachforschungen freundlichst einstellen zu wollen.

So dämmerte der Abend heran, und die Tante war noch immer nicht gefunden. Käthe war dem Weinen näher als dem Lachen, aber Fridolin tröstete sie tapfer, und er konnte es leicht tun; denn er war bei weitem nicht so wehmütig gestimmt wie sie. Sie waren von dem langen Suchen müde und hungrig geworden, und so konnte Käthe nichts Ernstliches dawider haben, als Fridolin vorschlug, in einer freundlichen Gastwirtschaft an der Elbe, die jetzt in Sicht war, das wohlverdiente Abendbrot einzunehmen. Dabei könne man ja ganz gut beraten, was nun weiter zu geschehen habe.

»Das sage ich aber gleich,« erwiderte Käthe auf diesen Vorschlag, »ich habe nicht einen Pfennig bei mir!«

»Das tut nichts; dann werde eben nur ich gut essen und trinken, und Sie werden mir zusehen!«

Käthe sah ihren Begleiter an. »Etwas werden Sie mir aber doch auch geben«, sagte sie schüchtern. »Ich bin sehr hungrig und sehr durstig!«

»Wenn Sie brav sind, dürfen Sie schon mithalten, Fräulein Käthe.«

»Die Tante wird Ihnen dann schon alles --«

»Jetzt lassen Sie mir endlich die Tante aus dem Spiel! Wir werden zusammen essen, und bei dieser Gelegenheit werde ich gleich Erfahrungen darüber sammeln, was es heißt, eine Frau ernähren!«

Fridolin hatte lauter gute Sachen bestellt, und sie waren auch gut, und die Flasche Moselblümchen, die sie zu ihrem herrlichen Mahle tranken, mundete ihnen auch ganz ausgezeichnet. Sie saßen an einem Tische im Freien unter einer Linde und hatten freien Ausblick auf die Elbe.

»Schön ist's da!« rief Käthe, die in voller Lebensfreudigkeit auf einige Minuten all ihre Sorge samt der Tante vergessen hatte. »Gefällt Ihnen die Sächsische Schweiz auch so gut?«