Vom köstlichen Humor

Part 7

Chapter 73,841 wordsPublic domain

»Wo is Onkel Hartig?« fragten die Kinder, als daheim, beim Abendbrot, sein Platz am Tische leer blieb und Stine schweigend seinen Teller beiseite stellte. Es war nicht so heiter wie sonst; die Mutter saß still und der Vater machte viele laute Witze, über die er nachher ganz allein lachen mußte, denn die Kinder verstanden sie nicht. Tönnies zog seiner Frau, da sie nicht hinhörte, alle Nadeln aus dem wollenen Gestrick und schlug Anna mit der halbfertigen Unterjacke um die Ohren, aber es half alles nicht, sie wurden nicht lustiger davon. »Wo ist denn eigentlich Onkel Hartig?« fragten den nächsten Tag und immer eindringlicher die Kinder, und schließlich kam es heraus, daß er sich in St. Pauli ein Zimmer für vierzehn Tage gemietet habe, -- dann ging die Maria da Gloria wieder auf ihre weite Fahrt. Über den Grund zu einer so außerordentlichen Maßregel sprachen die Gatten nicht, aber der Kapitän wurde »quirrig[45]« und Stine hatte oftmals rote Augen. Holert besaß ja ein eigenes Haus in Blankenese, -- warum konnte er nicht dort wohnen, wenn er seinem Schwager aus dem Wege gehen wollte? Vielleicht, weil das Haus nur einige Treppen höher lag, als Tönnies', weil die Gärten beinahe aneinander stießen? Es war nur gut, daß Stine so wenig Zeit zum Grübeln hatte, -- die bevorstehende Abreise hielt sie in Atem. Da gab es zu bessern, zu flicken, Strümpfe zu stopfen, vor allen Dingen zu waschen. Was sich in acht Monaten in der Wäschekammer des Kapitäns angesammelt hatte, es war unglaublich -- zumal, da die Tropen täglich doppelt das frische Weißzeug verlangen. Das tanzte und blähte sich im Winde auf den Leinen an der Strandbleiche, das schimmerte in augenblendendem Weiß von dem kurzen Grase, das quoll immer von neuem aus der Waschbalje[46] der zwei eifrigen Helferinnen hervor, das füllte die Umgebung des Hauses mit Seifengeruch und feuchtem Qualm und brenzligem Plättdunst, und immer war noch der Boden der Kisten nicht zu sehen, -- der ~Kisten~, denn der guten Schwester erschien es selbstverständlich, daß sie auch den Bruder versorgte, bis einmal eine junge Frau die Last auf ihre Schultern nähme. Und immer wieder, wenn sie an diese Zukünftige dachte, kehrte ihr Wunsch zu Manga Dehn zurück. An die Braut im Taschenbuch hatte sie keinen Glauben, und daß Hartig das besprochene Bild trotzdem nicht zeigen wollte, konnte sie ihm völlig nachfühlen. Freilich hätte er sich damit von all den halb scherzenden Anschuldigungen seines Schwagers sogleich reinigen können, aber -- und darin teilte sie ihres Bruders Empfindung -- wenn man einem Menschen gut ist, fordert man von ihm keinen Beweis der Ehrlichkeit. Das hatte Fräulein Dehn auch nicht getan, Fräulein Dehn war überhaupt eine kleine fixe Deern, die so leicht nicht irre zu machen war -- Fräulein Dehn -- und mitten in diesen Gedankensprüngen, denen sich Stine überließ, während sie die blauen Tuchröcke und Westen ihres Mannes von der Zeugleine nahm -- stand plötzlich Manga Dehn vor ihr auf der Bleiche und sah sie mit ihren klugen braunen Augen schelmisch und freundlich an.

»Herrjes, wo kommen Sie her!« rief Frau Tönnies in angenehmer Überraschung. »Nee, mich müssen Sie nich angucken, ich seh' so aus!«

Das junge Mädchen begann trotz der Handschuhe beim Wäscheabnehmen zu helfen.

»Sind Ihre Herren schon wieder weg, Frau Tönnies?«

Sie hielt zwar den Beweis in Händen, daß dem nicht so war, aber ein ganz klein wenig Heuchelei ist doch am Ende keine Sünde. Ihre Überraschung war auch nur mäßig, als Frau Stine die Frage verneinte. »Mich wundert bloß, daß Sie über die Ankunfts- und Abgangszeiten der Dampfer von Ihrer Linie so wenig unterrichtet sind.«

Ja, wie sollte Manga Dehn das wissen? »Ist das der Beutel für die Kneifen[47], Frau Tönnies?« fragte sie eifrig. »Mein Gott, was ist denn das für'n Riesenrock, der hier hängt? Das is ja 'n wahres Gebäude.«

Die Kapitänsfrau seufzte, während sie das unendlich lange und schwere Kleidungsstück aus blauem Tuch, mit Flanell gefüttert, sorgfältig befühlte.

»Gottlob, endlich is er trocken! Der hat 'n Gewicht! Na, wissen Sie nich, was das is, Fräulein Dehn? Das is meinem Mann sein Südwester. Wenn das Wetter so recht furchtbar schlecht is, auf der Nordsee und in der Magelhanstraße, dann wird der angezogen! Wenn mein Mann so'n ganzen Tag auf der Kommandobrücke steht und die Seen man immer so auf Deck sprützen! Der is immer ganz steif von Sott und Seewasser, wenn er ihn mitbringt. Wissen Sie, wie meine Waschfrauen ihn nennen? Die sagen da bloß ›dat Undeert‹ zu, weil sie ihn so schlecht regieren können, da waschen sie immer mit zwei Mann an, 'n halben Tag. Und nu hab' ich noch so'n Ärger --«

Frau Tönnies brach plötzlich ab, das junge Mädchen von der Seite musternd, das spielend die Hand in den dicken weiten Ärmel gesteckt hatte.

»Hat Ihr Bruder keinen solchen Rock? Haben den nur die Kapitäne?«

»Na, wenn Sie selbst von ihm anfangen, Fräulein Dehn, denn is das gut -- ich dachte, das wär' Ihnen vielleicht unangenehm.«

»O, warum meinen Sie das, Frau Tönnies?«

»Ja, ich mein' man! Mein Bruder is ganz komisch seit dem Tag auf dem Schiff! Wir haben immer soviel von'nander gehalten, aber nu -- nich mit Augen kriegt man ihn zu sehen, und wenn er 'mal kommt, denn guckt er die ganze Zeit nach der Uhr oder nach der Tür, immer als wenn da was 'reinkommen soll, und sprechen tut er nich ~so~viel.« Die Frau tat einen tiefen Seufzer. »Wenn sie man erst in gutem wieder weg wären, man hat bloß sein Unangenehmes von den Mannsleuten.« Sie wischte sich die Augen.

»O, Frau Tönnies, Sie hatten sich doch so gefreut!« rief Manga mit sanftem Vorwurf.

Die Frau setzte die Arme in die Hüften. »Mein liebes Fräulein, Sie haben gut sprechen, Sie sitzen da nich so zwischen wie ich. Ich soll das doch man all bereißen, und ich tu' das ja auch von Herzen gern, all die Jahre, was sag' ich, all die Jahren hab' ich das für meinen Bruder mit getan.«

»Was ist denn passiert, liebe Frau Tönnies?« Das junge Mädchen legte ihr freundlich den Arm um die Schultern. Die Frau sah weinerlich zu ihr auf: »Gestern abend -- in vier Tagen wollen sie weg -- kommt mein lieber Hartig angewackelt: ›Ja, Stine, so und so, und eine Kiste Wäsche, die hab' ich rein vergessen, aber nu mach' man zu, daß du sie noch gewaschen kriegst.‹ Rehrsch stand dabei: ›Ick kunn mi rein dodargern,‹ sagt sie, ›nu kummt de ook noch an mit sin ol Undeert, un ick kann nich, ick mutt op'n Süllbarg ut Waschen gahn.‹«

»Aber er muß den Rock doch haben,« fiel das Mädchen voll Eifer ein. Frau Tönnies schnäuzte sich bekümmert.

»Is all recht gut, aber das geht man nich. Erst stolpert er 'rum wie so'n Drömklas, und nu kommt er damit zu Gange. Die zwei Waschfrauen sind die ganze Woche versagt, und ich mit Kathrin haben noch reichlich zu plätten --«

»Aber was soll er denn in dem schlechten Wetter ohne den Südwester anfangen?« Mitleid und Unruhe spiegelten sich in Mangas zärtlichen Augen. »Er hat es doch nu 'mal vergessen --« sie errötete und spielte mit einer Windenranke, die an der Dornhecke aufgeklommen war. »Frau Tönnies, bitte, lassen Sie mich das Untier waschen.«

»Achhott, Fräulein Dehn,« rief die Kapitänsfrau und gab ihr einen kleinen Stoß, »schnacken Sie doch nich.« Aber das Mädchen sah sie voll liebreicher Entschlossenheit an. »Es ist mein Ernst, und Sie sollen sehen, daß ich es ganz gut machen werde. Wenn ich will, kann ich den ganzen Tag hier bleiben, Papa kommt nicht zu Tisch, und Berta und Minna sind heute bei Großmutter eingeladen. Geben Sie mir nur ein altes Kleid und eine große Schürze -- ist schon Feuer im Waschhaus?« Und mit eiliger Miene riß sie den Hut herunter. Frau Tönnies sträubte sich sehr. »Wenn Sie doch helfen wollen, denn plätten Sie mit, denn wasch' ich den Rock«, sagte sie endlich.

Aber Manga Dehn schüttelte eigensinnig das Köpfchen. Nein, das Plätten verstand sie weniger, dagegen würde ihr's gar keine Mühe sein, den Südwester rein zu bekommen. »Mit dem größten Vergnügen,« wiederholte sie fröhlich, »o ich habe Kräfte, das wissen Sie nur nicht.«

Die Kapitänsfrau ließ sie endlich gewähren. »Ich denk' auch so,« sagte sie, »wenn Sie nu 'n Seemann geheiratet hätten, -- Gott, es hätt' ja doch angehen können -- und da wär' gerade keine Hilfe zu kriegen gewesen, dann hätten Sie das am Ende auch 'mal selbst getan.«

Manga nickte aus Leibeskräften. Eh' eine Viertelstunde verging, stand sie, in ein Aschenbrödel verwandelt, im luftigen Waschhause und bürstete und seifte an dem ungebärdigen Kleidungsstück mit sprühenden Augen und dunkelroten Backen. Sie hatte durch eine sinnreiche Vorrichtung die dicken Falten ausgebreitet vor sich, und wenn Frau Tönnies zuweilen nach ihr sah, freute sie sich, wie die »kleine fixe Deern« so gut allein fertig wurde. »Na, wenn das Hartig sähe«, sagte sie.

Die niedliche Wäscherin hielt inne. »Bitte, das versprechen Sie mir, Ihr Bruder soll es nicht wissen! -- Ist er schon öffentlich verlobt, Frau Tönnies?«

»Ach, glauben Sie doch den dummen Kram nich, Fräulein Dehn«, war die ärgerliche Antwort. »Hartig hat 'mal wieder Jux gemacht! Er is 'n großen Slöpendriwer[48].«

Ein befreites heiteres Lachen scholl hinter der Waschbalje vor.

»Was er nicht sagen will, das kriegt man, glaub' ich, nicht aus ihm 'raus.«

»Hat er Ihnen schon den Sonnenschirm wiedergebracht?« sagte die Frau.

»Den Sonnenschirm? Nein!« versetzte hocherstaunt das Mädchen. »Ich bin eigentlich deswegen hergekommen. Und den hat Herr Holert?«

Frau Tönnies fühlte nach ihren Lippen, sie hatte das Gefühl, sie sich verbrannt zu haben. »Na so«, sagte sie, schnell weggehend, und ließ die Kleine mit ihrer Arbeit und ihrem Grübeln zurück. Es war am Ende gar kein Grübeln zu nennen, so wenig wie ihr die schwere, anstrengende, langwierige Wäscherei eine Mühe deuchte. »Er hat meinen Sonnenschirm, und ich wasche seinen Rock«, weiter war es nichts, und diese zwei nüchternen Sätze bedeuteten ihr gleichwohl einen wahren Abgrund von Seligkeit, und sie ward nicht müde, sie sich immer wieder vorzusagen.

Kaum gönnte sie sich Zeit zum Essen, als Frau Tönnies zu Mittag rief. Der Kapitän war zum Glück nicht da, so kurz vor der Abfahrt hatte er bis gegen Abend in Hamburg zu tun. Die Sonnenstunden waren heiß. Gerade aufs Waschhaus fielen die senkrechten Strahlen, und in den Blättern des Efeus, der das kleine weiße Bauwerk umrankte, rührte sich kein Lüftchen. Die Tür stand weit offen, über den Waschtrog hinweg sah man bei jedem Aufblick den glanzumflossenen bläulichen Strom, der hinauszieht, hinaus ins Meer, mit seinen großen breiten Wellen. Bald wird er auch die »Maria da Gloria« wieder dort hinuntertragen, und Kapitän und Steuermann werden an der rechten Stelle sein. Vor Blankenese wird die Dampfpfeife grüßen, die Mannschaft wird Hurra schreien, -- aber die Nachgebliebenen am Strande, die werden weinen. Das Mädchen fühlte ihre Augen übergehen. Sie mußte sie abwenden von der glitzernden Fläche, die so viel Frohsinn und Kraft gleichgültig weggleiten ließ in das rauhe, verräterische Meer.

Ein Schritt auf der Gartentreppe erschreckte sie, -- das waren keine Kindertritte, die dort den ganzen Vormittag herauf- und hinabgelaufen waren. Mit der nassen Hand zog sie die Tür zu und spähte durch die Ritze. Ach so, der Briefträger war's, -- sie hörte ihn ans Fenster der Wohnstube klopfen und Frau Tönnies rufen. Bald darauf erschien die Kapitänsfrau bei der Waschbalje, eine Karte schwenkend.

»Fräulein Dehn, nu denken Sie 'mal, nu soll ich mit meinem Mann nach der Elbschloßbrauerei. Er schreibt mir eben, wir wollen uns da treffen! Wenn Sie fertig wären, könnten Sie 'n büschen mitgehn, denn nehm' ich Hinrich und Anna auch mit; sonst laß ich die Gören zu Haus.«

»Nein, ich bin nicht fertig, Frau Tönnies, ich hab' noch 'n paar Stunden hier an den Ärmeln zu tun.«

»Na, und ich soll nu so vom Plätten weglaufen!« Die Frau lachte aufgeregt. »Wissen Sie, ich würd' es gar nich tun, aber denn denk' ich wieder so: wie selten kannst 'mal mit deinem Mann ausgehn, und nu sollst ihm das abschlagen? Und denn kann ich das nich und kann das nich!« Sie lachte wieder. »Ach Gott, und wenn ich das nu geradeaus sagen soll, -- ja, ich geh' gern 'mal mit meinem Mann los! Besonders, wenn die Gören nicht mit sind! Das is denn, als wenn wir wieder jung verheiratet wären. Tönnies sagt das auch immer.«

Manga blickte sie freundlich und verwundert an. So vergnügt hatte sie die gute Frau noch gar nicht gesehen.

»Wie freut mich das für Sie!« rief sie warm.

»Aber Ihretwegen, Fräulein, is mir das furchtbar unangenehm, -- es is ja die verkehrte Welt, die Hausfrau geht aus Schwieren[49], und der Besuch muß die Arbeit tun! Nee, es geht nich.«

Natürlich überzeugte das Mädchen sie, daß es ausgezeichnet gehe. »Nach dem Abendbrot, -- ich esse mit den Kindern, und Kathrin ist ja so zuverlässig, fahr' ich nach Hause und werde wohl wie ein Dachs schlafen nach der Arbeit«, lachte sie.

»Und ich plätt' gern 'mal die Nacht durch, da kommt es mir denn auch nich auf an!« Leichtfüßig wie ein ganz junges Mädchen hüpfte Frau Tönnies davon, um sich anzukleiden.

Manga Dehn hörte sie zum Abschied die Kinder ermahnen, Kathrin Verhaltungsregeln geben und sah noch einmal ihre geputzte Gestalt zu sich hereingucken.

»Heute bin ich auch in Hell, nich einmal den ganzen Sommer hab' ich dies lila Kleid angehabt! Schade, daß Sie nich mitgehn. Lassen Sie sich man nich die Zeit lang werden, -- mein Bruder is das gar nich wert, daß --«

»Ich tu' es gern! Viel Vergnügen!« Dann blieb die kleine Wäscherin wieder allein.

Herrlich wurde der Himmel, wie die Sonne sich senkte. Gradeaus, nach Süden, stand er voll roter Wolken, klar und hochgelb war er im Westen. Wie ein ungeheurer, in schönen Falten wogender, seidener Mantel war die Elbe; hier blau mit kupferroten Punkten, dort seegrün mit Goldstaub bestreut. An der Brüstung des Gartens versuchten die Wellen eine kleine Brandung zu schlagen und plätscherten und spritzten hoch hinauf. Die Stimmen der Kinder verklangen in der Ferne, in den hohen Birnbäumen hinter dem Waschhaus zwitscherten die Spatzen, eine Walzermelodie vom Süllberg tänzelte durch die Stille wie ein ausgelassener Schmetterling: die schrillen Töne einer Handharmonika fuhren manchmal dazwischen aus einem der verankerten Fischerewer, an denen die bleichen Lichtlein wie zitternde Sterne entglommen. Manga Dehn horchte, wusch und träumte dabei. -- --

»Na, Fräulein, was machen Sie denn da?« fragte es plötzlich zum kleinen oberen Fenster herein. Hartig Holert war über den Berg gekommen und stand auf den letzten Stufen der Treppe, die am Waschhaus vorüber führte. Ein zufälliger Blick hatte ihm den von Abendlicht übergossenen Kopf da drinnen gezeigt.

Das Mädchen stand sprachlos, -- das blaue Tuchgebäude war ihren Händen entglitten, Tränen der Scham und des jähen Erschreckens traten ihr in die Augen. Ihr Herz war schwer, als sei sie über einem Verbrechen betroffen worden.

»Das is doch keine Arbeit für Sie!« sagte der Steuermann, nun am Türeingang. »Was haben Sie da vor?« Er sprach leise, ungläubig, mit belegter Stimme.

Manga erhob zaghaft den Blick. »Ich wollte Ihrer Schwester helfen«, stotterte sie.

»Und Stine leidet das?« Er versuchte die Stirn zu runzeln, aber ein unwillkürliches Lächeln umspielte seinen Mund. Es war die Freude, die hervorbrach.

»Stine ist aus.«

»Auch noch! Süh, das is ja nett! Und Sie können hier waschen!«

»Sie müssen das Un-, -- den Südwester ja doch haben --«

»Was?« rief der Steuermann und trat einen Schritt näher, nun auch rot und bestürzt, »Sie sind bei ~meinem~ Rock zu Gange?«

Eine lange Pause folgte. Das Mädchen blickte zu Boden, und der Steuermann sah stramm und unentwegt in die Waschbalje, als ob nun er der Ertappte sei. »Sehn Sie 'mal! Das hatt' ich ja gar nich gedacht, daß Sie auch waschen können,« murmelte er vor sich hin.

»Die Ärmel sind noch nicht ganz rein«, war die ebenso gemurmelte Antwort.

»Achhott, das kann ich ja gar nich verlangen!« Die ungeschickten Worte waren von einem so warmen Ausblick begleitet, daß sie dem Mädchen sehr schön vorkamen. Sie lächelte. Hartig legte die Hände auf den Rand der Waschbalje, hinter der sie stand.

»Darum sind Sie nich zu Hause gewesen heute!«

»Ach, Sie waren bei uns?«

»Ich mußte Ihnen doch endlich 'mal -- allmählich 'mal -- Ihren Sonnenschirm wiederbringen -- sechsmal bin ich all auf Ihrer Treppe gewesen,« -- er errötete wie ein Knabe -- »ich mocht' immer nich 'reinkommen.«

»Ach, Herr Holert!« rief Manga froh überrascht.

Er guckte angelegentlich in die Seifenlauge.

»Ich weiß nämlich nich, ob Sie Ihren Sonnenschirm nu so leiden mögen,« platzte er endlich heraus, »am Ende mögen Sie das nich!« Und als das Mädchen ihn fragend ansah, erhob er beschwichtigend die Hand: »Denn müssen Sie das nich für ungut nehmen, denn kann das leicht geändert werden, -- das is all zum Abschrauben.«

»Wie?« lispelte das Mädchen. Er fuhr aus der Tür, kam mit einem schmalen, langen Paket zurück, drückte es Manga in die Hände und stürmte mit einem Seufzer davon.

Lächelnd und zitternd riß die Kleine die Hülle herunter, -- richtig, da war ihr Schirm, ihr Schirm mit dem weißen Griff und dem Monogramm. Aber was für Buchstaben waren denn das? Ein goldenes verschlungenes +M+ und +H+? Überrascht wiederholte sie laut: »+M. H.+? +M. H.+?«

Zum Fenster herein kam eine Hand, ein Päckchen darin -- die andere Krücke.

»Hier ist das andere -- wie Sie das nu wollen«, sagte eine erstickte Stimme. Sie nahm es -- aber sie öffnete kaum, an ihrem erglühten Gesichtchen erkannte er, daß sie begriffen hatte. Nun hob sie mit einem Schelmenblick die weiße Krücke mit dem blanken, nagelneuen +M. H.+ zu dem Fenster empor und machte eine kleine winkende Bewegung. Augenblicklich war er drinnen, ihre Augen suchten sich, ihre Arme streckten sich einander entgegen, mit einem Laut zwischen Weh und Entzücken fielen sie sich hinter der Waschbalje um den Hals. Sie hatten sich zu lange nacheinander gesehnt, um nun nicht die Gewißheit stürmisch festzuhalten. Das Mädchen richtete sich zuerst auf. »Nun muß ich aber den Rock fertig waschen.« Hartig hielt sie fest.

»Das Beste weißt du noch nich.«

»Doch, das Beste weiß ich!« Und sie schmiegte sich wieder an ihn.

»Ich fahr' nich mit der ›Maria‹. Der Rock hat noch drei Tage länger Zeit.«

»Ach, das Weggehn!« seufzte das Mädchen verwirrt.

»Ich komm' wieder, Manga! Du, Kaptän Sundblad is krank, alt is er ja auch, ich fahr' probeweise als Kapitän der ›Holsatia‹, und man kann ja nicht wissen -- das kann ja sein -- vielleicht hab' ich Glück, daß sie mich ganz behalten!« Enttäuscht blickte er sie an: »Und nun freut sie sich nich mal, daß ihr Mann Kaptän is! Meinst, ich wär' sonst mit dem Monogramm angekommen?« Er rüttelte sie ein bißchen am Arm. »Wenn ich mit dir könnte!« sagte sie mit fließenden Tränen. Dann, als auch ihm die Augen naß wurden, ermannte sie sich.

»Ich muß wohl ins Haus jetzt --« sie blickte an sich nieder -- »ich will mich schnell umziehen.«

»Kommst du gleich wieder? Ich zeig' dir noch was.«

Und als sie in ihren eigenen zierlichen Sommerkleidern zum Vorschein kam, wies er die Stufen hinter dem Waschhause hinauf: »Da oben.« Neben einander erklommen sie die schiefen holprigen Steinstufen, bis sie zu einem großen grünen verwilderten Garten anlangten, ohne andere Blumen, als ein paar wilde Mohnkelche, die sich im Abendwind wiegten. Aber an der Hecke standen große Obstbäume und in der Mitte, unter Obstbäumen, ein niedriges weißgraues Häuschen mit einer grünen Tür und grünen Fensterladen. Lebhafter aber, als der tote Anstrich schimmerte das moosige Schindeldach, gelbgrün und bräunlich, und gerade auf dem First blühten zwei Kornblumen, und Hartig faßte nach der kleinen rotgewaschenen Hand: »Guck, Manga, das is dein Haus. Klein und einfach, aber solide. Alles im Tagelohn gebaut, hat mein Vater gesagt.«

Ein unvergleichlicher Rundblick tat sich auf. Rechts am Strande die grünen und roten Dächer des Dorfes, in Terrassen aufsteigend. Nach links, halb versteckt von den Baumkronen des Bauerschen Parks, das Dörfchen Mühlenberg. Vorn aber der große, still flutende, verkehrsreiche Strom, dunkelblau jetzt, nach Sonnenuntergang, mit den ziehenden Schiffen und den sternengleich leuchtenden verstreuten Lichtern an den vor Anker liegenden Fischerewern. In stiller Feierlichkeit, mit verschlungenen Armen stand das junge Paar und staunte hinunter und drückte sich fester die Hände.

»Anderswo is all nich Blankenese,« sagte Hartig kopfnickend, nachdenklich -- »das is es, darum kommen wir auch immer wieder.« -- -- -- --

Der Vater des Mädchens gab unverhofft schnell seine Einwilligung, Stine war so glücklich, als habe sie statt des Bruders einen Sohn verlobt, die Kinder bejubelten die neue Tante -- nur Kapitän Tönnies zeigte sich äußerst verdutzt und infolgedessen bedenklich. »Der Mensch hat ja schon eine Braut,« rief er endlich erbost, »visitieren Sie doch sein Taschenbuch, das ist ja woll das wenigste, was Sie verlangen können.«

Aber Hartig ließ sich nicht wieder aus der Fassung bringen. Er steckte beide Hände in die Taschen, machte eine Schelmenmiene und sagte: »Wokein? Ick? As ick? Ach, Tönnies, dat bün ick je gor nich west.«

Auch Manga Dehn hatte lächelnd und zuversichtlich abgewehrt. Ein bißchen ernster wurde ihr Gesicht, als sie mit ihrem Verlobten allein war.

»Was hat er eigentlich damals und heute mit dem Bilde gemeint?« fragte sie befangen.

»O gor nix! Mußt nich so neugierig sein, Manga. Soll ich denn gar nichts für mich behalten?« Seine blauen Augen flimmerten. Da zog sich das Mädchen in eine Ecke zurück und brach in Tränen aus. Eine Weile ging er mit großen Schritten hin und her und ließ sie weinen. Plötzlich riß er seine Brieftasche heraus, gab sie Manga und wollte die Stube verlassen. Aber Manga litt es nicht. Ohne das Taschenbuch weiter anzusehen, drängte sie es ihm wieder auf: »Bitte, sei mir nicht böse, ich will es gar nicht.« Mit freudiger Genugtuung nahm er sein Eigentum zurück.

»Zu unserer silbernen Hochzeit sollst es haben! Das' früh genug. Was Unrechtes is es nich.«

Und dabei hat sich Manga Dehn beruhigt und weiß noch heute nicht, wer es ist, dessen Bild ihr hartnäckiger Mann auf dem Herzen trägt. Es könnte sie nur ~glücklich~ machen, wenn sie's sähe, dies freundliche Mädchenbild mit den hängenden Zöpfen, das Hartig Holert in heimlichem Übermut seiner Schwester einst aus dem Album genommen -- aber der Kapitän zeigt's nicht -- er ist eben noch nie jemandem, auch seiner Frau nicht, zu Füßen gefallen.

Balduin Groller,

Die Tante und der Onkel.

Eine Entlarvung.

Die Tante und der Onkel.

I.

»Lieber Alter! Es ist hohe Zeit, vernünftig zu werden. Meine Examina habe ich, wie Du weißt, längst mit Glanz bestanden, auch die Spitalspraxis habe ich glücklich hinter mir. Nun will ich mich auf eigene Rechnung und Gefahr als Heilkünstler seßhaft machen, und nicht länger soll der großen Öffentlichkeit der Segen meiner ärztlichen Kunst vorenthalten bleiben. Wo läßt man sich nieder? Ich stimme für Gerolstein; dort bist wenigstens Du, das ist schon etwas. Wäre dort etwas zu machen? Erfreut Ihr Euch eines recht zahlreichen Krankenbestandes; gibt es erfreuliche Aussichten auf irgendwelche Pestilenzien, oder seid Ihr dort alle beklagenswert gesund? Es bittet um einige beruhigende Zeilen

Dein alter treuer Fridolin.«

Der »liebe Alte«, an den vorstehende Zeilen gerichtet waren, war ein junger Rechtsanwalt, Verteidiger in Strafsachen, +Dr.+ Arnold Winter, der dem verbrecherischen Teile der Menschheit von Gerolstein seine guten Dienste zur Verfügung hielt. Im Hinblick auf die Zukunftshoffnungen der beiden Freunde muß es aber hier schon mit Betrübnis ausgesprochen werden, daß im Großherzogtum Gerolstein die Menschen nicht nur von einer unausstehlich robusten Gesundheit waren, sondern daß sie sich auch einer Tugendhaftigkeit befleißigten, die auf die Dauer einen jungen ungeduldigen Verteidiger in Strafsachen unfehlbar zur Verzweiflung bringen mußte.