Vom köstlichen Humor

Part 6

Chapter 63,714 wordsPublic domain

Das nahm nun der Kapitän beinah krumm, daß Hartig Holert, der so gar nicht smart war, ihn hätte zum Narren haben können! »Stine, was ich dir sag', er hat da 'ne Photographie in seinem Taschenbuch und beguckte sie gerade sehr genau, als ich in seine Kammer kam.«

»Hast du sie denn gesehn? Wie sah sie denn aus, Tönnies?« Stine rückte unruhig näher.

»Je, zeigen wollt' er sie ja nich, er is ja so'n ollen Dwarsdriever[33], de ümmer na sin eegen Kopp gahn mutt. Als ich da mehr von wissen wollte, sagte er, die Sache wär' nämlich, die Braut wüßte da noch gar nichts von ab, aber mit ihm wär' allens in Richtigkeit.« Die Gatten lachten um die Wette.

»Wenn du auf der ›Maria da Gloria‹ 'n Heiratskontor einrichten willst, denn such' dir man 'n ander Paar aus -- din Broder hett all sin Bekummst[34],« meinte Tönnies.

»Ehe er die drei Reifen nich hat, eher heirat' er nich,« sagte Stine zuversichtlich, »dafür kenn' ich ihn.«

»Denn ward he woll sitten blieben, -- he hett dulle Küren[35].« Mit einem bedeutsamen Gähnen unterbrach der Kapitän die Unterhaltung. -- --

Am andern Morgen wanderte ein langer Zug, Frau Tönnies mit allen Neunen, nach dem Pinnasberge am Hamburger Hafen, um Fräulein Dehn abzuholen. Der Kapitän und der Steuermann, die schon um sieben Uhr früh nach Hamburg gefahren waren, wollten sie auf den Vorsetzen an der Landungsbrücke treffen, wie die Kinder dem jungen Mädchen jubelnd entgegenschrien.

»Erst sind wir mit 'n Stader Dampfer von Blanknese 'raufgefahren, und nu fahren wir mit der Ringbahn nach'm Steinhöft, und denn fahren wir mit 'n Fährdampfer nach'n Dock auf'n Reiherstieg 'rüber! Mit drei Dinger fahren wir heute, Tante Manga!«

»Junge, das is fein!« rief Klaus und schnalzte mit der Zunge.

»Ja, ich freu' mir da auch recht zu«, sagte der kleine stämmige Jasper mit bedächtigem Händefalten.

»Jasper Dickwust[36]!« lachten und spotteten die Kinder und tanzten um den drolligen Kleinen herum.

Manga Dehn war fast ebenso wirbelig wie die Kinder. Sie sagte nicht viel, aber in ihren braunen Augen sprühten helle Goldpünktchen, und ein lebhaftes Rosenrot färbte die runden Wangen. Im Nu hatte sie ihr graues Hauskleidchen abgestreift und das blumige, helle übergeworfen. Ein weißer Strohhut mit einer schönen Straußenfeder, die einmal ein seefahrender Onkel direkt aus Afrika mitgebracht, deckte den glänzenden Flechtenknoten; die weiße Stirn mit den krausen braunen Löckchen war frei.

»Wie süß von Ihnen, daß Sie mich mitnehmen wollen!« Manga umarmte Frau Tönnies, aber die Sache gelang nur zur Hälfte; die Gegenbewegung fehlte, Stine war nicht impulsiv.

»Na, fragen brauchen Sie gar nich, ob Sie mit dürfen, nich?« fragte sie etwas abwehrend. »Ihr Papa is im Kontor und Ihre Schwestern in Schule, und das Mädchen kocht das Mittagessen! Süh so, Fräulein Dehn kann woll lachen.«

Manga entschuldigte sich sehr wegen ihrer bequemen Verhältnisse. »Schön soll es sein? Furchtbar langweilig ist es, Frau Tönnies! Aber ohne Mädchen, das will Papa nicht, dann wär' ich ja ganz allein.«

Das halbdunkle, steifmöblierte Zimmer war kein richtiger Hintergrund für die helle mädchenhafte Gestalt; das fiel wohl auch Frau Tönnies auf. Sie musterte bedenklich das sommerliche Kleid.

»Herrjes, so hell sind Sie? Nee, ich bin ganz dunkel, ich bin immer für das Praktische. Ziehn Sie man lieber 'n Regenmantel über, auf den alten Fährdampfern is das immer furchtbar schmutzig, nichts wie Sott[37]!«

Das junge Mädchen ließ die Lippe hängen; schönes Wetter, eine liebe Begegnung in Aussicht, und dazu -- einen Regenmantel! »Ich nehm' ihn übern Arm,« sagte sie mit abbittendem Lächeln, -- »und nun noch den Sonnenschirm!«

Frau Tönnies wurde verlegen. »Je, mitgebracht hab' ich ihn nich,« platzte sie heraus, »weil --«

Aber natürlich nicht! Wer konnte Frau Tönnies so etwas zumuten! Fräulein Dehn war ganz entsetzt bei dem bloßen Gedanken daran und sah durchaus keine Notwendigkeit ein, den Sonnenschirm fürs erste wieder zu bekommen.

»Nehmen Sie meinen so lange«, bemerkte die Frau, die von der Vorstellung des zerbrochenen Schirms gepeinigt wurde, und durch dies Anerbieten, das natürlich nicht angenommen ward, einen wahren Dankeswirbel in der bewegten Seele des jungen Mädchens verursachte.

Mietje zwischen den zwei Erwachsenen, Jasper zwischen den ältesten Kindern, die fünf anderen im Gänsemarsch hinterdrein, so langten sie endlich bei den Männern an, die mit etwas genierten Gesichtern den Hut zogen.

»Mama, Onkel hat zwei große weiße Tüten, da sind gewiß Kuchen in«, flüsterte Anna.

»Rohmtorten[38]«, sagte Jürgen in Phitjes Ohr. Ein erwartungsvolles Lächeln sprang von einem Kindergesicht aufs andere über. »Jasper, Dickwust, zieh' deine Beine 'n büschen nach, Onkel hat Rohmtorten.«

Kapitän Tönnies begrüßte Fräulein Dehn mit viel Galanterie, trat sofort an ihre Seite und nahm sie, lebhaft sprechend und lachend, ganz in Beschlag. Nach den Kindern sah er nicht viel hin -- auf der Straße und vor Fremden fand er oft, daß neun Kinder zu haben doch ein bißchen unschicklich sei. Hartig war halb durch Tönnies', halb durch eigene Schuld weit hinten geblieben und steckte mit befangener Miene seiner Schwester die Kuchentüten zu: »Nu trag' du sie man, nu mag ich das nich mehr.« Und dann flüsterte er, ganz beklommen: »Du, sag' ihr man nich, daß ich ihren Schirm kaputt gemacht hab', sonst geh' ich direkt nach Hause.«

Beim Einsteigen ins Fährboot waren Tönnies und Manga Dehn die ersten; sie saßen schon auf den niedrigen Holzbänken, über deren Unsauberkeit der Kapitän eine laute Rede hielt, als die übrigen dazu kamen. Hartig mit Mietje auf dem Arm warf einen kurzen unmutigen Blick auf Tönnies' glänzendes Antlitz, dann stellte er sich am entgegengesetzten Ende des kleinen Dampfers mit dem Rücken gegen die Maschine und sah starr in das gelbgraue Wasser, das hier und da von schwimmendem Petroleum in allen Regenbogenfarben spielte. Hinrich stand neben ihm, aber heute bekam er nur kurze Antworten. Er folgte mit den Augen einem winzigen Fahrzeuge, das schnell wie ein summender Käfer mit rotstreifigen Flügeldecken zwischen den massigen, schweren, dunklen Schiffskörpern dahinschoß.

»Guck 'mal, Onkel, so'n kleine Petroleumbarkaß[39], die möcht' ich woll haben, kost' man 12 bis 15000 Mark, sagt Papa.« Und als der sonst so freundliche Hartig stumm blieb, verstummte auch der Knabe, bis das Boot am Werftplatz landete. Immer noch war der Kapitän mit dem Fräulein voran -- Manga aber verlangsamte zuweilen ihren Schritt und schien nur mit halbem Ohr zu hören. Sie blickte nicht mehr so munter wie vorhin; oft wandte sie den Kopf. »Ihre Frau ist so weit zurückgeblieben, wir müssen wohl 'n bißchen warten.«

»Ach, Stine läuft mir nicht weg,« lachte Tönnies, »die Frauenzimmer sind anhängliche Geschöpfe, kommen Sie man.«

»Die kleinen Kinder --« begann das Fräulein und sah sich abermals um.

»Die sind auch an Brot gewöhnt, die wollen woll zulaufen, +go ahead, go ahead+!« Er machte eine seiner kurzen energischen Kopfbewegungen, die sowohl ihr wie den Kindern galt. Das Mädchen gehorchte mechanisch, mußte auch, um Tönnies' Worte zu verstehen, dicht neben ihm bleiben. Denn der ohrenbetäubende Lärm, der von den vielen Ambossen, besonders aber vom Maschinenhause hertönte, zerriß die Unterhaltung, wenn man sich nur ein wenig voneinander entfernte. Dazu zwangen die Schienengeleise, die quer über die Arbeitsstätte liefen, die aufgestellten Maschinen in vollem Betriebe, die Eisenplatten und Schraubenschäfte, die den nassen Boden bedeckten, fortwährend zum Ausbiegen, Sichbücken, Zurseitespringen. »Wir machen das so«, sagte der Kapitän zuletzt und zog Manga Dehns Arm, den er schon längere Zeit festgehalten, durch den seinigen, ohne die allerliebste Schmollmiene der Kleinen zu beachten. »So können Sie nich fallen und mir nich auskratzen, was Sie, glaub' ich, furchtbar gern möchten. Nu, Augen geradeaus, da haben wir die ›Maria da Gloria‹, da steht sie, frei auf den eisernen Schlagbetten, -- en anständiger Kasten, was?«

Beim Anblick des riesigen, in frischem rotem und schwarzem Anstrich leuchtenden Dampfers, der sich wie ein hohes Haus vor ihren Augen aufbaute, brachen die Kinder in ein verwundertes Jubeln aus. Nun blieb auch der Kapitän stehn und lachte den Nachkommenden entgegen: »Na, wie gefällt euch das junge Brautpaar?« sagte er mit einem schadenfrohen Blinzeln zu Hartig hinüber, indem er Mangas widerstrebenden Arm mit Herausforderung fester unter den seinen schob.

Frau Tönnies nickte süßsäuerlich. »Süh, das is ja nett, denn bin ich woll ganz ausgetan?« Es sollte ein Scherz sein, aber er wäre ihr besser gelungen, wenn das junge Mädchen nicht das helle Kleid angehabt hätte, -- sie sah ein bißchen zu niedlich aus. Hartig Holert aber, mit vor Unmut wetterleuchtender Stirn, wandte die Augen ab, als ob ihm der Augenblick weh tue.

»Komm, Hinrich, du wolltest ja sehen, was an so'n Schiff anwächst, guck, hier liegt es noch, all die rötlichen Dinger, Seepocken heißen sie.«

Er nahm den Jungen an die Hand, und der ganze Zug marschierte rund um den Kiel, zuletzt drunter durch, um die Kalkgehäuse aufzusammeln, die muschelartigen feingerippten Zapfen, die den Kupferboden des Schiffes bedeckt hatten und nun abgekratzt worden waren. Mit einem plötzlichen Entschlusse, der ihr alles Blut ins Gesicht trieb, zog Manga Dehn ihren Arm aus dem des Kapitäns und trat zu den Kindern.

»Zeigt mir das auch 'mal, bitte, Hinrich.«

Tönnies tat, als wolle er sie wieder einfangen: »Fräulein Dehn, wahren Sie sich bloß vor meinem Steuermann«, warnte er laut.

»Warum?« rief das junge Mädchen, den Kopf aufwerfend, daß all die Löckchen um ihre Stirn bebten.

»O, das is'n böser Mensch, der is so furchtbar hinter den nüdlichen Mädchen her. Is' nich wahr, Hartig?«

»Gott sei Dank, nee!« brummte Holert mit grober Stimme, indem er die Handvoll Balanusschalen zurückzog, die er gerade dem Fräulein hatte zeigen wollen. In etwas gesunkener Stimmung gingen sie den Weg zurück, bis zu der Treppe, die über eine hohe, lange, frei in der Luft schwebende Brücke auf das Schiff führte. Stine trug Mietje, Hartig hob Jasper auf seinen Arm, der Kapitän, die Hände auf dem Rücken, marschierte voran, Manga Dehn führte Phitje und Jürgen und klammerte sich mehr an die Kinder, als daß es umgekehrt gewesen wäre. Als sie das Deck betraten, kam ihnen bellend und freudewinselnd der kleine graubraune fuchsköpfige Hund entgegen, den sie aus Südamerika mitgebracht hatten.

»Die Feuerländer Hunde bellen auch? Wie merkwürdig! Alle Hunde sprechen eine Sprache! Denk' 'mal, Mama.«

»Nu trinken wir 'mal erst Kaffee,« sagte der Kapitän, der mit dem Betreten seines schwimmenden Hauses auch die Vaterrolle wieder aufnahm, »nu man alle in den Speisesaal; Stine, gib den Kuchen her, der Steward kann ihn auf'n Teller legen.«

Hartig schmiß eine Tüte klatschend auf den Tisch, Tönnies lachte spöttisch und mißbilligend. »Was spielst du denn heute für 'n Zwickel[40]?« sagte er halblaut zu ihm.

Ein breites: »Lat mi in Ruh'!« war die Antwort. Verstohlen blickte er dabei nach dem Mädchen, das die Schlingpflanzen auf dem Marmortischchen bewunderte und sich gleichzeitig vor dem Spiegel, den die grünen Blätter einrahmten, den Hut abnahm und das Haar glättete.

Plötzlich hörte er ihre Stimme in ganz ergriffenem Tone sagen: »Bitte, was sind denn das für Gewächse, Herr -- Herr Holert?«

Er blinzelte heftig vor Überraschung, sein Gesicht erhellte sich. »+Sweet potatoes+[41], Fräulein Dehn«, sagte er unbehilflich über die Schulter weg.

Manga steckte einen losgegangenen Zopf fest. »Sehn Sie 'mal, kommen sie aus ~diesen~ Knollen?«

Nun mußte er doch an ihre Seite treten. »Ja, da wachsen sie 'raus, und denn so hoch.« Beide erhoben die Augen und erblickten sich nebeneinander im Spiegel, beide mit errötenden, frohbeklommenen Gesichtern. Einen kurzen, verräterischen Augenblick sahen sie sich in die Augen, prüfend, vorsichtig.

Da schlug Kapitän Tönnies seinem Schwager von hinten auf den Rücken. »Junge, verguck' dich nich! Fräulein Dehn, lassen Sie sich nichts weismachen, he lüggt[42].«

Der Steuermann sah Tönnies ins Gesicht, als könnt' er ihn erwürgen. Sein Humor war ihm gänzlich abhanden gekommen. Es war gerade keine Liebkosung, was er murmelte, wie er beiseite trat.

»Pfui, Kapitän Tönnies,« sagte Manga leise, »das ist gar nicht nett von Ihnen. Herr Holert hat es übelgenommen.«

Diese Vorstellung amüsierte den kleinen braunen Mann außerordentlich. »Na ward' good! Nu krieg' ich noch Ausschelte zu! Was ich Ihnen sag', Fräulein, der Mann is gefährlich! Wenn er so steht und die Zunge im Mund hält, -- denn is das viel ärger, als wenn ein anderer Ihnen den Sirop fingerdick aufstreicht, glauben Sie mir.«

Der Kaffee erschien, hereingetragen von einem freundlich grinsenden jungen Mulatten, über dessen Anblick die Kinder fast die Rahmtorten vergaßen. Fräulein Dehn setzte sich dicht neben Frau Tönnies mit dem unerschütterlichen Vorsatz, ihr nicht wieder von der Seite zu weichen, ein Vorsatz, der in Gestalt eines kleinen trotzigen und kampfmutigen Lächelns gegen den braunen Kapitän beständig um ihre roten Lippen schwebte und sie für Hartig zu einem reizenderen Anblick machte als je.

Tönnies war sehr liebenswürdig nach rechts und links. »Stine, dein Kaffee schmeckt besser, alles was recht is«, bemerkte er zu seiner Frau. »Junge, bedien' dich, du weißt ja selbst, daß es bezahlt is«, damit schob er seinem Schwager den Kuchenteller zu. --

»Das haben wir schon wieder 'mal gehabt«, seufzte Stine, als sie sich erhoben. Mit aufmerksamen Blicken, wie um sich alles recht einzuprägen, ging sie umher. Der Kapitän hatte sich allmählich zu ihr gefunden. »Ich muß auch 'mal in deine Kammer, Tönnies«, sagte sie sanft.

»Ja, das tu' du man, da find'st du 'n ganze bekannte Gesellschaft.« Er öffnete die spiegelblanke Tür und zog sie mit sich herein. Manga sah das Ehepaar vor dem bankartigen Sofa stehen; die Wand darüber war ganz mit Photographien bepflastert.

»So sahst du damals aus, Stine.«

»So sah ich damals aus.«

»Und das kriegte ich mit auf meine Hochzeitsreise, die ich man leider allein machen mußte.«

»Und da bist du als Bräutigam.«

Leise schlich das junge Mädchen von der Tür weg und zog ein paar der Kinder mit sich, die hineingewollt hatten.

»Scht! Papa und Mama haben was zu sprechen.«

Bald aber wurde sie gerufen: »Fräulein Dehn, gucken Sie 'mal, da war Hinrich zwei Jahr, sieht er nich ganz aus, wie Mietje jetzt?« Und der Kapitän hielt sein jüngstes Kind auf den Armen und wiegte es auf und ab, und Stine verglich es mit der Photographie.

Inzwischen schlenderte der Steuermann auf dem Deck umher und witschte alle Augenblicke in seine Kajüte. Dort auf dem festgeschrobenen Tischchen lag ein Paket, ein Gegenstand in rosa Seidenpapier gewickelt, länglich schmal. Den mußte er immer betrachten, betasten, -- zweimal hatte er ihn schon draußen gehabt, ihn aber immer wieder zurückgetragen. Als er das geheimnisvolle Etwas wieder einmal mit zärtlichen und doch scheuen Blicken liebkoste, stolperte Anna herein und wollte durchaus wissen, ob das etwas Mitgebrachtes für sie sei. Mit desperater Miene drängte er das Kind hinaus und verschloß die Kammer hinter sich, -- den Schlüssel versenkte er tief in die Tasche. Anna betrachtete ihn aufmerksam: »Onkel, du hast heute immer 'n roten Kopf, und Tante Manga hat auch 'n roten Kopf, -- ich weiß aber woll warum!« setzte sie mit schlauem Gesicht hinzu.

Ungnädig schob der Mann die Kleine beiseite: »Klooksnut[43].«

»Ich weiß es doch! Ich weiß es doch! Von Tante Manga weiß ich es doch! Etsch, etsch, Tante Manga!« Sie umsprang das Fräulein, das zufällig herangekommen war und eine Belehrung über den Schraubenschaft haben wollte, dessen Tunnel drunten im Schiffsraum aufgedeckt lag, weil daran gearbeitet wurde.

»Ich weiß, warum du so'n roten Kopf hast!« schrie ihr das Kind entgegen, »soll ich es 'mal sagen?«

»Komm, du bist unartig!« Aber es war vergebens, daß ihr der Mund zugehalten ward. »Weil du all den Rohm[44] in deine Tasse gegossen hast, und weil Onkel gar nichts gekriegt hat, kein büschen Haut«, rief Anna mit vor Bosheit funkelnden Augen. Aber nun setzte es einen Klaps. Wenn Hartig einmal zuschlug, geschah es nicht allzu sanft, -- -- weinend zog sich der Naseweis hinter einen der Ventilatoren zurück, die wie Riesentrompeten aus dem Deck aufragten.

»Hab' ich Ihnen wirklich alles weggenommen?« fragte Manga und machte ein ganz verlegenes Gesicht. Aber der Steuermann ging gar nicht auf den Unsinn ein.

»Nee, Fräulein, das kriegen wir woll, fallen Sie bloß nicht über den Kohlenbunker! Je, was ich sagen wollte, möchten Sie nich mal mitfahren?« Der bewegte Ton sagte viel mehr, als die Worte.

»O, Herr Holert --« sie legte die Hände zusammen.

»Wollen Sie mal das Navigationszimmer sehen? Ach -- aber das kennen Sie ja alles! Na, schad't nix -- sehn Sie, hier sitzt man oft eingesperrt, fünf, sechs Tage, Tag und Nacht, wenn wir Nebel haben auf der Nordsee oder im Kanal, oder wenn sonst schlechtes Wetter is. Und schlecht Wetter is ja Gott sei Dank oft, sonst wär' es auch zu langweilig.« Er lächelte sanft, während er seine große Gestalt kampfbereit reckte. Dann schlug er die Augen nieder. »Die Sache is man, solange einer nich als Oberster auf der Kommandobrücke steht, solange darf er ja nich seinen Mund aufmachen.«

»O darum --« fiel Manga ein. Ein dankbarer Blick traf sie warm und verwirrend.

»Und sehn Sie, Fräulein, das kommt ja vor, daß einer kein Glück hat und bleibt sein lebelang auf denselbigen Stand bestehn --«

»Harrijees!« erscholl plötzlich die joviale Stimme des Kapitäns, »der is all wieder bei dem jungen Mädchen! Nu guck einer den Steuermann an, der hat's hintern Ohren, dat segg ick ja.« Stine wollte ihren Mann zurückzupfen, aber er ließ sich nicht halten. »Nee, laß mich doch, jetzt muß der Fuchs aus'm Loch heraus! Fräulein Manga, soll ich Ihnen was sagen? Ihnen geht er mit Rohmtorten unter die Augen und spielt hier Musche Nüdlich, sowie man den Rücken dreht, und in seinem Taschenbuch auf dem wärmsten Platz hat er ein Bild von --«

»Halt deinen Mund, Kaptein!« rief Hartig drohend und fäusteballend.

Tönnies rümpfte die Lippe: »Hier bin ich Herr, min goode Jung! Kannst keinen Spaß verstehn, Stüermann? Jawoll, Fräulein, er hat 'ne Braut, tun Sie man nich, als wenn Sie mir dafür den Kopf abreißen wollten.«

»Du lügst ja«, sagte Holert mit weißen Lippen.

»Hartig, mußt nich!« bat ihn seine Schwester.

»Wenn es nich wahr is, denn zeig' doch 'mal das Bild in deinem Taschenbuch!« reizte der Kapitän.

Hartig unterdrückte einen Fluch. »Es is ja man Spaß gewesen.« Er versuchte zu lachen.

»Dat segg ick ja, Tönnies«, fiel ängstlich die Frau ein.

»Spaß? Na, denn zeig' doch das Bild!« Hartig warf einen flehenden Blick nach dem jungen Mädchen, aber Manga guckte über den Schiffsbord nach dem Werftplatz, als gehe ~sie~ nicht im geringsten an, was hier gesprochen wurde.

»Dat muchst du woll, -- ward aber nix ut!«

»Denn zeig' es Fräulein Dehn mal!« höhnte der Kapitän. Das Mädchen wendete sich halb gegen sie.

»O meinetwegen sollen Sie sich nicht bemühen.« Eine hastige kleine Handbewegung nach der Uhr: »Ich muß auch wohl nach Hause, sonst kommt Papa früher als ich zu Tisch.«

»Ja, so bei kleinem müssen wir auch woll --« begann Stine niedergeschlagen. Die großen starren Augen der Kinder, die wohl auch fühlten, daß hier aus dem Scherz Ernst geworden war, trieben sie zum Aufbruch.

Manga Dehn ging eiligen Schrittes hinunter in den Speisesaal, wo noch ihr Hut lag. Auf der Treppe sah sie sich ein ganz klein wenig um, ob ihr niemand folge, doch war keiner zu sehen. Sie schluchzte ein-, zweimal, rieb heftig ihre Augen, drückte sich den Hut auf den Kopf und stieg wieder aufs Verdeck, geblendet von der Sonne, wie es schien, denn sie hatte nun die Krempe tief in die Stirn geschoben. Diesmal hatte sie nicht in den Spiegel gesehen. Der Kapitän und seine Frau schienen inzwischen auch eine kleine Auseinandersetzung gehabt zu haben, Tönnies sah nicht ganz so selbstgewiß aus wie gewöhnlich, und auf Stines Backen brannten zwei hochrote Flecken.

»Danke vielmal! Danke für alles«, sagte Manga herantretend. Ihre forschenden Augen hatten schon bemerkt, daß die Hauptperson verschwunden war. »Nun will ich den Regenmantel überziehen. Danke, Herr Tönnies, Sie brauchen mir nicht zu helfen, ich kann ganz allein.« Auch die Rückbegleitung über den Werftplatz verbat sie sich. Sie finde schon allein zurück und wolle Frau Stine nicht hetzen. Sowie sie freie Bahn vor sich sah, brachen die Tränen hervor, aber zwischen den schwarzen, sie neugierig anstarrenden Schiffsbauleuten schluckte sie tapfer hinunter, was ihnen hätte auffallen können. Auch auf dem Fährboot galt es, sich zusammennehmen, und nun gar zu Hause, wo der Vater mit ihr zusammen eintraf. Und dann waren die Schwestern da, und sie mußte ihnen bei den Schularbeiten helfen und mit ihnen Puppenzeug nähen. Erst als alles in der Wohnung schlief, hätte sie Zeit zum Weinen gehabt, aber da war der erste Kummer vorbei, und ganz andere Gedanken kamen ihr, die gar nicht traurig waren. Sie wollte den Mann, den sie nun einmal lieb hatte, lieb behalten, das schwor sie sich zu mit gefaltenen Händen. Er würde doch nicht schlechter darum, weil er eine andere liebte? Und am Ende ist es nicht einmal wahr, dachte sie zuletzt in neu erwachender oder nie ganz erstorbener Hoffnung. »Wenn einer von den beiden gelogen hat, warum soll es gerade Hartig gewesen sein, der so offene Augen hat, wie ein Knabe, und der überhaupt der allerbeste Mensch ist, den ich kenne! Kapitän Tönnies dagegen ist durchaus nicht so nett, wie ich immer gedacht habe, und wenn er doch 'mal mein Schwager werden sollte« -- hier mußte Manga Dehn über sich selbst lachen, und so kam es, daß auch die letzte Spur der Tränen von ihren Wimpern verschwand, und daß der Morgen ein heiteres Gesichtchen vorfand, dem die warme Innigkeit einen vertieften Reiz verlieh.

Die Frauen wissen sich eben am besten mit der Liebe abzufinden. Lieben sie nicht für einen andren, so lieben sie für sich und sind glücklich dabei, wenigstens in der Jugend. Die Männer dagegen --

»Wo ist Onkel?« riefen die Kinder, als sie zögernd und unwillig von dem schönen Schiffe Abschied nehmen sollten. »Wo ist Onkel Hartig geblieben?« Und sie guckten in den Maschinenraum, den der Schornstein, bis auf einen Gang rundherum, mit seinem großen roten Schmerbauch ausfüllte, in das Rauchzimmer mit den bequemen Ledersofas, ja sogar in die luftige, aus Sparren zusammengeschlagene Fruchtkammer auf dem Halbdeck und in die schwarzen Kohlenbunker. Plötzlich lief Anna mit der Miene eines horchenden Kobolds an seine Kammer und legte ihr Ohr ans Schlüsselloch, dann auch das Auge.

»Onkel hat sich eingeschlossen, er macht gar nicht auf! Der Schlüssel steckt inwendig, ich hab' es ganz deutlich gesehen«, berichtete sie, glücklich über ihre Schlauheit.

»Er hat woll was zu tun«, sagte die Mutter und trieb die Kinder vorwärts. Daß sie nicht sehen konnten, was Hartig Holert zu tun hatte, war freilich gut. Längelang ausgestreckt lag er auf seinem niedren Bette und weinte wie ein kranker Säugling. Freilich besaß er mächtige Glieder und ein unerschrockenes Herz. Mehr als einmal war er in Lebensgefahr gewesen, -- mit kaltblütiger Entschlossenheit hatte er schnell das Zweckmäßige erkannt und ausgeführt. Mit Gefühlen zu kämpfen, statt mit widrigem Winde, blindmachendem Nebel und brüllender See, das war er nicht gewohnt. Hier war er wehrlos.