Vom köstlichen Humor

Part 5

Chapter 53,872 wordsPublic domain

Der Junge entsprang ihr in großen Sätzen, obgleich es noch zu früh war; im Hineingehen kamen ihr auch schon die übrigen Kinder entgegen. Fräulein Dehn ging gerade auf Frau Tönnies zu, die mit krauser Stirn die Tassen ineinander stellte.

»Und nun machen Sie kein böses Gesicht, kommen Sie auf den Balkon; haben Sie nicht eine Arbeit für mich?«

»Ach, Sie sind sehr freundlich; herrjes ja, ich hab' 'n Dutzend feine Taschentücher für meinen Mann, aber Sie wissen woll, ich hab' sie auf der Maschine gesäumt, und nu hängen noch all die alten Fäden beizu; die muß ich befestigen.«

Auf dem Balkon über den Kronen der Espen, die keinen Augenblick Ruhe gaben, war es windig, aber doch nicht schwül, wie im Zimmer. Und die Luft war so schmeckbar frisch und so voll von Gerüchen. Teer, Laub, Tang, nasser Sand, Heu, Fische, Reseda, Levkoyen und Tauwerk, -- alles duftete durcheinander, so stark es konnte.

»Hier ist es schön!« Manga blickte entzückt über die weite, grün umrahmte Wasserfläche, die dunkel und drohend genug aussah. »Ich möchte immer in Blankenese bleiben.« Sie guckte schnell beiseite, als das heraus war.

»Ja, Fräulein Dehn, heiraten Sie 'n Blankneser, das is die beste Richtigkeit.« Frau Tönnies war auch befangen; nach einer Weile sagte sie, die Augen fest auf ihrer Arbeit: »Nee, ich muß Ihnen noch sagen, wie das zusammenhängt! Das scheniert mich, daß Sie nu am Ende denken -- -- und sehn Sie 'mal, mein Bruder Hartig is je so'n komischer Mensch! Wenn nu mein Mann ankommt, und ich lauf' ihm denn entgegen, -- drinnen auf 'n Vorplatz, denn '~raus~kommen darf ich nich, nee -- das mag er nich, -- denn spitzt mein Bruder immer von junges Brautpaar und so, und es is ja auch wahr, bei uns Seemannsfrauen bleibt es immer neu, weil wir man immer so'n kurze Zeit zusammen sind, und denn in 'n Ruff[24] wieder weg. ›Nimm dir auch eine,‹ sag' ich denn immer, und er sagt denn: ›Da hew ick keen Tied to.‹«

Manga Dehn hatte ganz das Aufziehen des Fadens vergessen, und ihre kleine feste Hand zitterte.

»Hat er denn so schrecklich viel zu tun?« fragte sie halblaut.

»Ach, keine Idee! Er is 'n Bangbüx! Er is man bloß ängstlich, daß er sich 'n Korb holen könnte; 'n büschen großschnutig is er immer gewesen, aber so ganz in aller Heimlichkeit.« Frau Tönnies griff verstohlen nach Mangas Arm: »Na, Sie wissen woll, man macht 'mal Spaß, und so sagte ich denn: Wenn du die kleine Dehn, den Inspektor seine Tochter, kriegen könntest, das wär' 'mal nett.«

»Ach, Frau Tönnies, er mag mich ja nich leiden,« flüsterte das junge Mädchen, und große Tränen traten ihr in die Augen; sie wendete sich ab.

Die Frau hatte gar nicht den Kopf erhoben, hatte nichts gesehn.

»Ich kann nich klug aus dem Jung werden, -- ich glaube, es is bloß, weil Sie nu die Tochter von dem Inspektor sind! ›Meinst, ich will mich da anschmeicheln?‹ sagt er, ›komm mir nich mit so'n Kram. Lieber bleib' ich Junggesell, als daß ich mir nachsagen laß, ich bin einem darum zu Füßen gefallen.‹«

Das junge Mädchen klappte die Schere auf und zu, sie sah sehr traurig aus.

»Na, Frau Tönnies, nu will ich nach Hause gehn. Ich glaube, die Ewer drehn sich schon.« Sie stand auf und zog ihre schwarzen Filethandschuhe aus der Tasche.

Die Kapitänsfrau erhob sich gleichfalls. »Herrjes, is' wahr? Kommen Sie, wir holen 'mal flink das Fernrohr, -- ach, bleiben Sie man, bis das Schiff vorbeikommt! was wollen Sie nu miteins weglaufen!«

Die Kinder riefen und winkten vom Strand herauf. Frau Tönnies zog das Mädchen eilig an der Hand nach: »Wir setzen uns in'n Sand, zwischen die Weiden, kommen Sie.« Ein paar seegrasgefüllte Bankkissen wurden auf den feuchten Strand gelegt, das niedrige Weidengesträuch, an dem schon viele gelbe Blätter hingen, deckte den Rücken. Der Wind war hoch. Abgerissene Kirschbaumzweige und Grasbüschel wurden in Menge angetrieben. »Die kommen von der Lühe, gegenüber, ja das heißt mit Recht: Kirschenland.«

Die Kinder umringten sie, wollten alle zugleich durchs Fernrohr sehen. Zwischen der Mutter und Hinrich hatte eine stumme Aussöhnung stattgefunden, der Junge ließ sich jetzt dienstfertig als Tisch und Stützpunkt für das Teleskop gebrauchen.

»Fräulein, Sie müssen aber orrendlich mit Hurra schreien!«

»Und tüchtig wedeln!«

»Ob Papa woll'n +blue-light+ abbrennt, wenn er vorbei kommt?«

»Ach, Schnack, das tut er ja bloß nachts.«

»Mama, ich möcht gern 'n paar Steine in die Elbe smeißen, aber denn geht es nich, denn wird sie zu voll!«

»Läuft die ganze Elbe über,« meinte der kleine Jasper.

»Paßt auf, jetzt kommt 'n großer Kasten! Ach so, es is bloß die ›Cobra‹! Hui, wie voll: das krimmelt und wimmelt orrendlich! Wahrt jug, die macht Wellen! Dat giwt natte Fäut!«

Alles flüchtete zwischen die Weiden hinein, der älteste Junge aber sprang plötzlich in ein kleines Fischerboot auf dem Strande, das mit zwei Knaben besetzt war und trieb es mit ein paar kräftigen Stößen weiter ins Fahrwasser hinaus.

»Hinrich! Hinrich! was machst du?« rief Manga Dehn. Frau Tönnies lächelte wohlgefällig.

»Lassen Sie ihn man, wenn die Wellen so hohl gehn, denn hätt' das Boot leicht umschlagen können hier im flachen Wasser. So was muß er all wissen, dafür is er 'n Seemannssohn.«

Als die Brandung vorüber war, die hoch hinauf ein schäumendes lehmfarbenes Wasser trieb, kehrte der Junge mit dem Boot zurück.

»Kiek, Mutter, wieviel Land uns das abreißt! Unser Stack[25] liegt schon ganz draußen. Onkel Hartig sagt es auch immer. Du, wenn Vater jetzt grade gekommen wär', ich wär' dreist 'n büschen nach ihm 'ran gerudert.« Schiffe auf Schiffe kamen, atemlos pustende Schlepper, hinter denen herrliche Vollschiffe entlang glitten. Lange, langweilig aneinandergekoppelte Schuten voll Sand, -- Schlick, der weiter drunten im Strombett ausgebaggert worden, kaum mit dem Bord übers Wasser ragend, eine eintönige graue Linie. Der kleine weiße Stader Dampfer, als richtiger Elbomnibus voll von Passagieren, kam zweimal, abwärts und aufwärts vorüber; die Finkenwärder Fischerewer mit ihren roten, die Blankeneser mit ihren weißen Segeln huschten mit schnellem Flügelschlag hin und her.

»Das ist 'n Woermannscher, 'n Afrikaner, der große graue Dampfer, der da kommt! Wenn nu man endlich auch die ›Maria da Gloria‹ käme!« Die Kinder traten von einem Fuß auf den andern, um ihre Ungeduld irgendwie auszulassen, nur die kleinsten wühlten friedlich im Sande, und die Mutter blickte fast ununterbrochen durchs Fernrohr. Das junge Mädchen hatte sich unbemerkt in den Hintergrund zurückgezogen und sah in sehnsüchtiger Erwartung nach Westen, da wo der Himmel mit dem Wasser zusammenrann. Ein lichtes, gelblich-graues Gewölk schwebte dort umher, durch das von Zeit zu Zeit die Sonne heiß leuchtend hervorbrach.

Schräg fielen ihre Strahlen über die Wolken, es sah aus, als regne es in der Ferne. Wo der Schein durch die Lücken der Dunstmassen das Wasser traf, bildete er glänzende Lichtinseln, so scharf umgrenzt, so blendend, daß die Augen tränten, wenn sie darauf trafen. Endlich verschwammen alle Lichtflecke ineinander, und die ganze ferne Elbe erschien wie ein geschliffener Schild von Stahl. Ein leichtes schwarzes Rauchfähnchen kräuselte empor, als ob dort hinten der alte Stromgott sich eine Nachmittagszigarre angezündet habe, -- der Himmel war klar geworden.

»Papa kommt! Papa kommt! das is die ›Maria da Gloria!‹ Gewiß, Mutter, das sind die zwei Schornsteine, siehst du's denn nicht? Die zwei schwarzen Schornsteine! Anna, hol' unsre neuen Hüte, aber schnell! Die ›Maria‹ hat Fahrt! Der Wind hilft auch mit, der is ganz westlich geworden.

Sollen wir auf das Bollwerk laufen oder hier stehen bleiben, Mutter? Da, jetzt grüßt sie schon! Junge, wie fein sie sich gemacht hat! Mietje kuck, da kommt Papa! Lauter Wimpel und Flaggen! Kriegt eure Taschentücher raus! So, nu man los: Hurra! hurra! hurra! Und noch einmal -- -- und noch einmal! Siehst du Papa? Mutter, ich kann sehn, wie er den Mund aufmacht, wenn er hurra schreit! Da, auf 'm Achterdeck! Und Onkel Hartig schwenkt seinen Panama, siehst es woll, Jürgen? Hurra! hurra! hurra!«

Es war ein herzerquickender Anblick, das sauber gemalte, schwarz und rot leuchtende Dampfschiff, tief im Wasser, denn es kam voller Fracht, alle Rahen behangen mit Wimpeln und Fähnchen, die in der Abendsonne strahlten. Es war ein herzerquickender Lärm, das Heulen der Dampfpfeife, und das Hurraschreien hüben und drüben, dort aus den kräftigen Männerkehlen, die jubelnd den grünen Heimatstrand begrüßten, hier die hellen Kinderstimmen, in die sich die der Mutter zaghaft nur mischte, denn Frau Tönnies weinte dabei und hielt Mietje empor, hoch auf dem Arm, und das waren zwei gewichtige Hindernisse zum vollen Ausschreien, die Rührung und das unruhig sich hin und her werfende Kind.

Ganz langsam, unter fortwährendem Hurrarufen zog sich das Schiff heran; nun war es gerade der Gruppe am Strand gegenüber, nun schon ein bißchen weiter links, nun immer mehr links, nun war nur noch der hintere Schornstein unverkürzt zu sehen, nun glühte die Sonne auf der Reederflagge am Toppmast, nun auf der Hamburger am Hintersteven, daß die drei Türme auf dem blutroten Grunde wie Silber glänzten, nun verhallte allmählich das Pfeifen der Sirene, nun kamen langsam die ersten Wellen vom Schlag der Schraube herübergerollt, und nun war bald alles versunken in dem goldgrauen Nebel, hinter dem Hamburg liegt, und nur ein dünnes schwärzliches Rauchwölkchen stand jetzt noch eine Weile im Osten, wie es vorher im Westen gestanden.

»Na, gottlob, gottlob!« seufzte Frau Tönnies und drückte Mietje noch einmal an sich, ehe sie das Kind auf den Boden setzte. »Nu man flink, Kinder, daß ihr die neuen Stiefel ankriegt, und ich muß den Rochen aufsetzen -- in zwei Stunden kann Papa und Onkel Hartig hier sein.« Plötzlich schien ihr etwas einzufallen. Sie kehrte auf halbem Wege um. »Hinrich, mein guten Jung, wo is denn Fräulein Dehn geblieben?«

Als ob sie die Frage gehört, tauchte Manga Dehn aus dem Weidengestrüpp weiter oben auf. Ihre Backen waren glühend rot, und die Sonne machte ihre braunen Augen ganz durchscheinend; Hinrich starrte sie bewundernd an.

»Frau Tönnies, ich bin auch so -- so recht glücklich. Sie haben solchen guten Mann, Frau Tönnies.«

»Ach ja, einen guten Mann habe ich,« sagte die Kapitänsfrau und lächelte tränenselig, »und sehen Sie, man kann doch jedesmal von Glück sagen, wenn einer wohl und munter wiederkommt von das alte Zentral«[26]. Sie mußte ihre Tränen abwischen. »Und Sie sind auch so'n liebevolles Fräulein, und wenn das nach mir ginge -- haben Sie meinen Bruder gesehen? Er hatte 'n weißen Hut auf.«

»Ich hab' alles gesehen! Das ganze Schiff! Adieu, Frau Tönnies, nu wünsch' ich viel Vergnügen, und grüßen Sie Ihren guten Kapitän, und wenn Sie allein sind« -- Manga blickte blinzelnd zu Boden -- »denn komm' ich 'mal wieder.« Sie drückte ihr die Hand, küßte Mietje und streichelte die andren. »Halt' dich gut, Hinrich, 'djüs Anna! Nein, nicht mitgehn, seht lieber zu, daß ihr Mama was helfen könnt, die hat noch viel zu tun! Meinen Sonnenschirm? Ach laßt nur, den kann ich mir 'n andermal holen.«

Einen Augenblick stutzte sie bei ihren eigenen Worten, ein schelmischer Blick flog aus ihren hübschen klugen Augen in das arglose gesunde Frauengesicht vor ihr, das zu allem »ja« nickte. Dann flatterte das sommerliche Kleidchen wieder den Strandweg entlang, leuchtete noch einmal als weißrosige Blüte zwischen den schwarzen Männerröcken auf der Dampfschiffbrücke, und dann nahm der kleine Stader Dampfer sie auf, der sich eben mit einem klagenden Abschiedswinseln in Bewegung setzte.

»Schade, Hartig is man dumm, sonst so'n kleine nette Deern,« sagte Frau Tönnies vor sich hin, während sie den ungestalten eckigen Fisch in Stücke zerhieb und große Hände voll Salz in den bereitstehenden Grapen mit siedendem Wasser warf. »Wenn der Rochen nu man nich zäh is! Wenn sie nu man nich eher kommen, als bis er gar is!«

Nein, Frau Tönnies hatte alles gut berechnet -- der Fisch war butterweich, und das erste Lob des Kapitäns bei seiner Heimkehr galt der Kochkunst seiner Blankeneserin, die doch einzig in der Welt solche Fische zu kochen verstehe! Es war ein beglücktes Wiedersehn und ein prächtiges gemeinsames Mahl; alle Kinder mit um den Tisch und Mietje auf ihres Vaters Schoß; das wollte der Kapitän nicht anders, denn die »kleine dumme Deern« hatte sich vor seinem großen Bart gefürchtet und durchaus Onkel Hartig Papa nennen wollen. Onkel Hartig hatte zwar auch einen großen blonden Bart, aber seine lustigen blauen Augen hatten nicht den durchdringenden Blick des Kapitäns Tönnies, und seine Stimme war weich und leise, während der Schwager auch zu Hause und mit den Kindern das Kommandieren nicht lassen konnte. Neben dem kurzbeinigen, braunen Tönnies sah der lange und breitschulterige Hartig Holert wie ein großer Junge aus, obgleich sein Kopf mit dem krausen blonden Haar etwas Löwenartiges hatte. Nur in der Haltung, hintenüber gebeugt, die Hände in den Taschen, lag ein eigensinniges Selbstbewußtsein, daß seinem Fortkommen von Jugend auf hinderlich gewesen. Die Furcht, daß er irgend jemand »zu Füßen fallen solle«, wie er es ausdrückte, um eines Vorteils willen, hatte zur Folge, daß er auch die kleinste Verbindlichkeit des Benehmens scheute und wortkarg und trotzig vor allen denen begegnete, die seine Vorgesetzten waren und ihn hätten fördern können. So war es denn auch gekommen, daß er nun unter dem Schwager als erster Steuermann diente. Hier war wenigstens keine Gelegenheit, »sich anzuschmeicheln«.

»Smart is er nich, dein Bruder Hartig,« sagte Tönnies oft zu seiner Frau, »wenn er nich so'n fixer Kerl wär', mit ›+Smartness+‹ hätt' er sich nich bis zum Offizier gebracht; aber da wird er nu woll auch stehn bleiben.« Aber wenn seine Frau dann bekümmert aussehen wollte, strich er ihr übers Gesicht: »Sei man still, das' all man halb so schlimm, du bist je auch nich smart und hast mich doch zum Mann gekriegt.« Und dann lachten sie zusammen und erzählten sich zum wievielten Male die Geschichte ihrer Liebe am Bord des »Fotheringay«, wo er noch zweiter Steuermann war und sie nach Plymouth fuhr, um ihre Verwandten zu besuchen.

»Wenn du denn morgens so früh schon auf Deck warst und immer so patent angezogen und mit 'n Arbeit in der Hand, -- Junge, sag' ich zu mir, das' n' kleine süße, stille Deern, das gibt 'n saubere, fleißige Frau. Kein büschen seekrank, keine Anstellerei, wie die meisten Passagierinnen das machen, die immerlos stöhnen oder kreischen oder lachen wie die richtigen Grienaapen[27], -- du, solche hätt' ich nich genommen, und wenn sie 'n Sack voll Geld gehabt hätt'! Morgens Klock zehn noch in der Kabine auf der faulen Haut, und um Mittag kaum die Nase 'rausgestreckt, mit ungemachtem Haar und Morgenrock und Schlarren[28] auf'n Deck 'rumzufaulenzen, wie wir diesmal 'n paar wieder gehabt haben! ›Kapitän, hier zieht es! und hier rollt das Schiff zu sehr, und hier stößt die Maschine,‹ weet Gott wat all! -- Bloß 'n büschen freundlicher hätt'st mit mir sein können, ich wußt' ja gar nich, wie ich da eigentlich an war. Ich hab' immer an meinen Knöpfen abgezählt: mag sie dich leiden oder mag sie dich nich. Aber zuletzt im Kartenzimmer --«

»Wie du die Sonne genommen hattest[29],« fiel Frau Tönnies glücklich ein.

»Ja, daß du da immer 'reinkamst -- wo du nichts verloren hattest, und denn gleich weggeguckt, wenn ~ich~ die Tür aufmachte -- schwubb den Kopf umgedreht! Aber daß du rot geworden warst, hatt' ich doch gesehen.«

Viel Zeit freilich zu diesen vergnüglichen Rückblicken und vertrautem Beisammensein hatte das Ehepaar nicht. Die ersten vierzehn Tage vergingen wie ein Tag und waren reich durch Bewegung und Arbeit ausgefüllt. Tönnies und Holert hatten mit dem Löschen der Fracht vollauf zu tun, mußten täglich an der Hamburger Börse erscheinen und wegen neuer Ladung mit den Reedern verhandeln, es gab neue Anmusterungen zu besorgen, -- endlich mußte das Schiff ins Dock gebracht werden, weil es gar zu stark »angewachsen« war.

»Ganze Buschen sitzen an'n Boden, daß man das Schiff gar nich mehr durchs Wasser schleppen kann«, erzählte Hartig seinem ältesten Neffen, der immer um ihn herum war. »Weißt nich, was das is? Na, ihr könnt uns 'mal morgen an Bord besuchen, mit alle Mann hoch. Wat seggst du, Kaptein?« Er schlug seinem Schwager kräftig auf die Schulter. Ein weniger gedrungener Mann als Tönnies wäre wohl unter der Liebkosung zusammengeknickt. Der aber wandte sein braunes Gesicht lächelnd herum: »+All right+, wenn Onkel Holert euch da traktieren will?«

»Ho, das wollen wir woll kriegen! Was, Hinrich?«

Hartig war den Kindern gegenüber von unerschütterlicher Munterkeit. Sie waren seine Lieblinge, denn zu ihnen durfte man freundlich sein, ohne daß es aussehen konnte, als »würfe man mit der Wurst nach dem Schinken«. Sie vergaßen zu danken, wenn er ihnen etwas schenkte, aber sie sprangen vor Freude, wenn er sie mitnahm oder sich sonst mit ihnen beschäftigte. Dagegen war der Riese machtlos. Auch heute war großer Jubel. Frau Tönnies strahlte mit ihren Kindern um die Wette. Ein Besuch an Bord der »Maria da Gloria« gehörte zu den seltenen Genüssen ihres einfachen Lebens, aber unerbeten, ganz von selbst mußte es kommen. Darin war sie wie ihr Bruder. »Wenn ich das Papa sag', und nachher is ihm das nich recht, und er sagt am Ende doch ja, weil er uns das nich abschlagen mag, denn is mir das furchtbar unangenehm; ich tu' das ja tausend gern, und die Kinder sind da ja ganz auf versteuert, daß sie ihrem Papa sein Schiff besehn wollen, aber den Mund mag ich mir da nich um verbrennen.« Frau Tönnies graute vor der Möglichkeit des »Mundverbrennens« ebensosehr, wie ihrem Bruder vor dem Fußfall; man sah es auch ihren Lippen an, sie waren immer ein bißchen schmal zusammengedrückt, was ihrem sonst so offenem Gesicht einen ängstlich-vorsichtigen Ausdruck gab. Nun aber legte sie mit großer Genugtuung die Ausgehkleider der Kinder zurecht und prüfte ihr eigenes neues Schwarzseidenes, das, wie sie lobend hervorhob, so »dick und so hart wie'n Brett sei, was den Stoff anbetreffe«.

Hartig Holert guckte gedankenlos mit in den Kleiderschrank; auf einmal aber bekamen seine Augen Leben. Er faßte mit der breiten Hand vorsichtig in die Ecke des Schrankes und brachte zwischen Daumen und Zeigefinger ein zierliches, spitzenbesetztes Sonnenschirmchen mit einem weißen Griff heraus, auf dem ein goldenes +M. D.+ glänzte.

»Hallo!« sagte er, und eine Art von Rührung, von Wiedersehensfreude lag in dem Ausruf.

Frau Tönnies nahm ihm das kleine Ding mit ängstlicher Eile ab. »Herrjes, Hartig, brich man bloß den Schirm nich kaputt. Der hört Fräulein Dehn zu.«

Hartig fuhr von dem Schrank zurück und schüttelte erschrocken seine Hand. Ob im Ernst oder Scherz, das war seinem Gesichte nicht anzusehen.

»So is dat! Na, kannst es je man gleich sagen, Stine.« Und mit großen Schritten machte er sich aus dem Staube. Die Treppe knarrte unter seinem Gewicht. Plötzlich schien seiner Schwester ein Einfall zu kommen.

»Hartig, hör doch 'mal!« Obgleich er schon auf der vierten Treppenstufe hielt, reichte sein großer heller Kopf doch noch bis in den dämmrigen Vorplatz, als er sich umwandte.

»Na, Stine, min Deern?«

»Du, ich denk' eben, sie hat ihn hier vergessen, aber nu braucht sie ihn am Ende -- du bist ja bei Inspektor Dehn bekannt.«

Hartig sah sehr einfältig drein. »Ja, denn laß sie ihn man holen. Wat geiht mi dat an?«

»Kannst ihn nich mit hin nehmen, Jung?«

Holert kam eine Stufe näher. »Ja, das wär' nüdlich, Stine, ich nu so mit'n seidenen Sonnensegel überm Kopf! Haben Sie sonst noch Smerzen, Madam?« Er lachte, daß die Bruthenne, die im oberen Bodenraum auf ihren Eiern saß, vor Schrecken vom Nest flog und laut gackerte. Frau Tönnies lachte auch, wollte sich's aber nicht merken lassen.

»Achhott, Jung, wenn ich ihn dir nu fein in Seidenpapier einwickel', und du gibst ihn bloß ab?«

Holert wurde ernst. »Stine, du büst je woll 'n beten dull! Wat hew ick mit so'n Kram to kriegen? Mit den Inspektor dor heet dat: goden Dag und goden Weg.« Er zog mit der Hand eine schnurgerade symbolische Linie zwischen sich und dem Inspektor durch die Luft. »Adjüs, Stine!«

Er ging aber nicht, sondern wiegte sich, die Hände in den Taschen, auf den Zehenspitzen auf und ab.

Seine Schwester stellte sich ganz mit dem Gesicht in den Schrank hinein und strich an ihrem seidenen Kleide herum.

»'n kleine nüdliche Deern is das so weit, Hartig.«

Der Seemann legte die Hand ans Ohr und kniff ein Auge zu. »Wokein[30], Stine?«

»Herrjes, Jung, Inspektor Dehn seine Tochter.«

»Er hat ja drei Stück, Deern.«

»Ach, Hartig, die zwei andren gehn ja noch in Schule.« Frau Tönnies sprach beharrlich in den Kleiderschrank, so daß ihre Stimme einen dumpfen fernen Klang bekam.

Hartig Holert rüttelte am Treppengeländer und pfiff gedankenvoll vor sich hin.

»Du, Jung, ich glaub', sie mag dich leiden.« Der Steuermann brach in ein heftiges gezwungenes Lachen aus.

»Wat du klok[31] büst.«

»Ich glaub' das ganz gewiß.« Stine hätte ihre Mitteilung unterstützen können, wenn sie zu Hartig hingegangen wäre und den Arm um seinen Hals gelegt hätte, -- aber sich mit seinem Bruder handgemein machen, das war in ihrer Familie keine Mode. Er schien auch schon übergenug von der Vertraulichkeit zu haben, denn er machte ein paar Schritte treppabwärts. Doch kehrte er noch einmal um und sagte obenhin: »Na, heb' den Schirm man gut auf -- wenn die Gören bei den Schrank gehn --«

Frau Tönnies warf sich in die Brust: »Meine Gören sollten bei meinen Kleiderschrank gehn? Der is ja immer zugeschlossen.«

Der große Mensch sah vor sich nieder. »Sonst, wenn er da am Ende nich sicher steht -- --«

»Herrjes, setz' du ihn weg!« rief die Schwester erfreut, und eilig wollte sie ihn ihm in die Hand drücken. Aber, sei es, daß er aus Verlegenheit nicht zugreifen mochte, oder daß ihm das Ding zu zerbrechlich aussah, -- das Schirmchen fiel zu Boden, und der hübsche weiße Griff mit den goldenen Anfangsbuchstaben sprang entzwei. Frau Tönnies schlug die Hände zusammen, Hartig wurde blaß und blickte hilflos auf das Unheil. Dann sah er seine Schwester an, und eine rote Wolke zog über seine ungebräunte Stirn.

»Bün ick dat west?« murmelte er sehr erschrocken. »Is dat lüttje nüdliche Dings ganz entzwei?«

Er getraute sich nicht, die Stücke aufzusammeln, Frau Tönnies tat es und stieß dabei bedauernde Seufzer aus. »Er stand da nu so gut! Hätt' ich ihn doch stehn lassen!« Dann, als sie ihres Bruders reuevolle Miene sah, der den Kopf hängen ließ, als sei ihm ein Unglück widerfahren, richtete sie sich stramm auf: »Dat kann woll wedder makt warr'n. Komm, mein Jung, bring' ihn man miteins hin! Bei Klintwort im Laden, oben in der Hauptstraße.« Sie suchte hastig ein Papier hervor.

Der Seemann stand noch eine Weile bedenklich und kopfschüttelnd. »Ick wull dat nu recht good maken, und nu mutt mi düt passieren.« Die Schwester schob ihm das Päckchen untern Arm. »Je, denn mutt ick da je nu doch woll mit los.« Seufzend und mit spitzen Fingern trug er das verhängnisvolle Paket in seine Kammer.

»Tönnies,« sagte abends die Kapitänsfrau, als sie mit ihrem Mann allein war, »is es dir recht, wenn ich morgen die kleine Dehn mitnehmen tu'? Sie hat mich da all immer um gebeten.«

Der Kapitän nickte bereitwillig. »Ein Frauenzimmer mehr oder weniger, da kommt es denn auch nicht auf an. Und Dehn seine is 'n kleine hübsche Deern, das bringt Glück an Bord.«

Frau Stine räusperte sich: »Wenn das so meinem Bruder seine Frau werden täte, Tönnies?«

Der Mann lachte. »Aha, nu soll der auch dran glauben. Je, hör' 'mal, Stine, er sagte neulich, er hätte schon 'ne Braut.«

»Wo kann's angehn!« Die Frau wurde rot vor ärgerlicher Überraschung. Sie wollte es durchaus nicht zugeben. »Er hat da woll man seine Putzen[32] mit betrieben; er kann das so natürlich machen, als wenn das sein Ernst is, und denn nachher is' doch man all 'n Jux gewesen.«