Vom köstlichen Humor

Part 4

Chapter 43,923 wordsPublic domain

Er sah den Mann an und sah um sich -- es war am Markte, und viele Menschen standen in der Nähe -- am liebsten hätte er ihn durch das Asphaltpflaster hindurch mitten in den Grund getrieben. »Du Hans Narr,« zischte er grimmig, »das wartet wohl nur darauf, daß du deine langen Ohren in ihrer natürlichen Größe ausreckst, um sofort daran gehängt zu werden, denn die Dümmsten haben ja immer das größte Glück.« -- Weg war er in die Seitengasse hinein und dann zum Bahnhofe und so nach Hause.

Wenn er nun auch nicht durch bekränzte Pforten einzog, so doch durch ein Spalier von glückseligen Mienen und offenen Armen. Und als er, schon etwas sanfter gestimmt, seine Stube bezog, fand er dort zunächst eine sehr große Kiste mit Kognak, die von seinem Kürassier-Freunde über England geschickt war, und sodann einen dicken Brief vom Regimente, der ihm, weil man nicht erfahren hatte, wo er unterwegs geblieben, hierher nachgesandt war. Mit Befremden öffnete er ihn, da fiel ihm das Eiserne Kreuz entgegen. Die Offiziere und seine ganze Kompagnie gratulierten. Er aber fühlte, daß seine Knie zitterten, und setzte sich und küßte es und zerdrückte eine Träne in seinem Auge.

Das ist die Geschichte von Wilhelm Pickhingst, und wer sie nicht glaubt, der mag ihn selbst fragen (aber vorsichtig, denn der hat noch heute allerlei empfindliche Stellen, und das nicht bloß an den Füßen). Er kann sich die Siegeszeichen ansehen, aber mag ja nicht glauben, daß noch etwas von dem Kognak übrig ist; ein gut Teil hat Jochen Langpaap zugesandt erhalten. Und der Rest? Nun -- man frage sich selbst, wie man es mit demselben an seiner Stelle würde gemacht haben.

Ilse Frapan,

Dat Undeert.

Mit Genehmigung der Verleger ~Gebrüder Paetel~ in ~Berlin~ aus ~Ilse Frapan~ »~Zu Wasser und zu Lande.~«

Geb. M. 5.50.

Dat Undeert.

»Hurra! hurra! hurra! das' recht, Mietje, schrei du man orrendlich mit! Un nu mal op engelsch: +hep! hep! hep! hurrah!+«

»Nee, Hinrich, auf engelsch kann ich das nich,« riefen ein paar Kleinkinderstimmen aus dem dicht am Gartenzaun zusammengedrängten fröhlichen Haufen.

Der größte Junge beugte sich zu den kleineren Geschwistern: »Kannst es nich, Mietje? kannst es nich, Jasper? Na, denn man wieder auf deutsch: ein, zwei, drei, hurra! Mußt auch orrendlich deinen Hut schwenken, Jasper! Süh, so gehört sich das! Und noch einmal: ein, zwei, drei, hurra!«

Sechs weiße Strohhüte mit flatternden schwarzen Bandendchen wurden von sechs hellen, rundlichen Flachsköpfen gerissen und im Kreise geschwenkt und gedreht. Die drei Mädchen unter ihren sechs Brüdern streckten die Puppen in die Höhe und salutierten damit hinaus auf die in hohlen Wellen gehende blauschwarze Elbe, über die wie weiße Silberpunkte die Möwen hin und her schossen. Ein starker Sturm aus Süd fegte über den Blankeneser Strand, und unter dem grollenden grauen Gewitterhimmel standen unbekümmert die hurraschreienden Kinder auf ihrem kleinen, festuntermauerten Bollwerk über dem Fußweg.

»Und noch einmal! Und noch einmal!«

Die neun jungen Kehlen, zwischen zwölf und zwei Jahren, klangen schon etwas rauh von Wind und Wetter und dem angestrengten Rufen. Es galt, den lauten Zusammenhall von schlagenden Wellen und rauschenden Bäumen und flirrendem Sand zu überschreien. Ein wuchtiges Klatschen und Flügelschlagen klang über ihren Köpfen: das war die aufgezogene Flagge vor dem Hause. Wer unten an dem Bollwerk vorüberging, sah nur einen Augenblick verwundert auf die geputzte jubelnde Gruppe; dann, mit einem verständnisvollen Lächeln schritt er weiter. Eben schob sich der dicke Polizeidiener heran: die Hände auf dem Rücken gefaltet, das behagliche Bäuchlein voraus, und vorn, im geöffneten Rocke, allerlei bedeutungsvolle weiße Papiere, auf denen der unstet zuckende Sonnenschein glänzte. Er blieb stehen, blickte lachend hinauf und sagte: »Na, Vadder schall woll hüt opkamen, un ji wölt em herschreen, wat?«

»Ja!« erwiderte der hellstimmige Chor, und Hinrich, der Sprecher und Älteste, setzte hinzu: »Wir üben uns da nu 'n büschen auf ein; die Kleinen können das je sonst nich.«

»Ja, Mietje hat woll vorig Jahr noch nich mitgerufen.«

»Nee! da war sie je man fünfviertel!«

»Na, Gören, denn gröhlt man nich to dull, -- sünst sünd ji an' Enn' hesch[5], wenn't an't Klappen kummt! Wanneer[6] schall Vadder denn opkamen?«

»Hüt Nahmiddag oder morgen fröh, mit de Tide[7].«

»Nee, nee, heut Nachmittag soll er kommen,« riefen die älteren Mädchen und drängten sich heran, und Mietje schüttelte den großen weißlichen Lockenkopf und wiegte mütterlich ihre unförmliche Plünnenpuppe[8] in den dicken rotmarmorierten Ärmchen.

»Morgen früh släft sie noch, denn tann sie ihn nich dut'n Tag sagen.«

»Giev mi 'mal so'n lüttje Mettwust her,« scherzte Petersen und griff nach dem Arm der Kleinen.

»Nee! Sie is mich andewachsen! Laß sie man gern los, sie tönnt man leicht 'mal abreißen,« sagte Mietje ängstlich und versteckte sich hinter dem Ältesten. Der schlug ihr seinen Jackenflügel übern Kopf und drückte sie zärtlich an sich. »Dumme Mietje!« Und dann kommandierte er ungeduldig von neuem: »Ein, zwei, drei --«

»Na denn man los, Gören! Aber die Flagge habt ihr 'n büschen zu früh aufgezogen, die reißt noch entzwei bei dem Wind!«

All die neun Augenpaare flogen zu dem schlanken Fahnenschaft, der sich palmengleich elastisch hin und her bog.

»Die deutsche Flagge reißt nich!« Hinrich steckte beide Hände in die Hosentaschen und stellte sich breitbeinig auf. »Und wenn Sie die Stange meinen, das 'n echten Bambus, den hat mein Onkel Hartig selbst mitgebracht.«

Eins der Mädchen steckte den Fuß halb durch den Zaun: »Herr Petersen, wir haben alle neue Stiefel an.«

»Und neue Hüte auf!« rief die Schwester.

Hinrich schob sie auf die Seite: »Ach was, die Deerns klöhnen immer so'n Unsinn, -- nee, Herr Petersen, ich krieg' 'n kleinen wilden Hund von Feuerland, wo die Lehmänner[9] wohnen!«

»Mama steckt reine Gardinen auf.«

»Ach, Anna immer mit ihrem Kram! Nee, Petersen, hören Sie 'mal, der hat denn gar keine Haare.« Aber Anna ließ sich nicht abweisen. »Wir essen denn Rochen mit Specksauce, das mag Papa so gern.«

»Dat glöw ick woll, ji könt woll lachen. Wie heißt denn dein Papa sein Schiff, lütt Jung?«

»Maria da Gloria,« schrie blitzschnell der neunstimmige Chor, sogar Mietje hatte keinen Augenblick gezögert, wenngleich der Name etwas undeutlich herauskam.

Gewichtigen Schritts spazierte Petersen weiter, während die Kinder nun zur Abwechselung ein Lied intonierten: »Ich hab' mich ergeben mit Herz und mit Hand!«

»O, da kommt Fräulein Dehn, Hinrich, laß doch, i gitt[10], sei doch 'mal still, wir wollen doch Tante Manga guten Tag sagen.«

Es war ein schlankes junges Mädchen, das in einem hellblumigen Musselinkleid und kleinem weißen Strohhut herangeflattert kam. Die Kinder, voran Anna, die elfjährige, stürzten ihr so stürmisch entgegen, daß sie sie fast umrannten. »Kommen Sie zu uns?«

»Tante Manga, kommst du zu uns?«

»Nein, ich will den Schirm tragen.«

»Und ich trag' die Tasche, nich?«

»Fräulein, Tante, Papa kommt heute auf!«

»Papa und Onkel Hartig!«

»Heute Nachmittag oder morgen früh!«

»Komm mit 'rein! Komm mit 'rein.«

»Nein, pfui, nich stehn bleiben, Tante Manga! Warum willst du denn nich 'rein kommen?« so rief und schwirrte es durcheinander.

Das junge Mädchen war stehen geblieben, eine plötzliche Unentschlossenheit lag auf ihrem lieblichen, weichen Gesichtchen, das ganz rot übergossen aussah.

»Nein, pfui, ich ruf' Mama, wenn du nich 'rein kommen willst!« Mit eigensinnigem Kopfnicken lief Anna durch den Garten und ins Haus, während sich die Gruppe der Kinder mit Manga Dehn in der Mitte langsam der Gartentreppe zuschob.

Eine junge Frau in einem blauen Morgenkleide, dem man es ansah, daß es für festliche Zeiten gespart ward, kam mit einem Hammer in der Hand hinten ums Haus herum und blickte suchend und etwas ängstlich über den Garten.

»Da steht sie, Mama, da unten, und nu will sie nich herein,« rief Anna in angeberischem Ton. Die gesunden roten Backen der jungen Frau erbleichten: »Fräulein Dehn, Sie bringen doch keine schlechten Nachrichten?« Und hastig eilte sie auf die Plattform und blickte hinunter.

»Ach Gott nein, wieso denn?«

Manga Dehn kam ihr nun schnell entgegen und schüttelte ihre Hand. »Ich wollte nur 'mal mein Versprechen wahr machen und auf ein paar Tage heraus kommen, aber jetzt -- und nun haben Sie gedacht -- o wie dumm von mir.«

Frau Tönnies lachte schon wieder. »Wissen Sie, wenn ich jemand von der Dampfergesellschaft seh', krieg' ich's immer mit der Angst, und weil Ihr Vater doch nu der Inspektor is -- das geht uns Seemannsfrauen allen so, 'n büschen bange is man doch immer.«

Das junge Mädchen entschuldigte sich mit herzlichen Worten. Auf der Schwelle wollte sie nicht weiter.

»Die Kinder sagen, Ihr Mann kommt -- sehn Sie, Frau Tönnies, darum wollt' ich gleich wieder umkehren. Ich komm 'n andermal.« Sie streckte ihr die Hand hin. Die Kapitänsfrau errötete leicht, sie hatte ehrliche dunkelblaue Augen, und die wurden ein bißchen unsicher.

»Ja, mein Mann kommt heute.«

»Denn will ich Sie auch gar nicht aufhalten.«

»Ach was, nu kommen Sie man 'rein, Sie kommen ja ganz von Altona, nich?« Sie zog die schwach Widerstrebende hinter sich drein ins Haus und gleich in die Stube, in der sie ohne viel Umstände flugs wieder die Leiter bestieg.

»Setzen Sie sich man in die Ecke beim Ofen, da is es am kühlsten, ich muß man noch oben die Falle an den beiden Fenstern aufstecken. Ja, was glauben Sie woll, wie lange wir hier nu schon rein machen? Vierzehn Tage sag' ich Ihnen! Aber nu is es auch pükfein. Alles abgeseift, bis auf'n Boden! Nee, so'n Seemann is eigen, wissen Sie, und Mietje hat noch miteins dazwischen die Wasserpocken gehabt -- na überhaupt, so neun, das is 'ne kleine Horde!«

Plötzlich musterte sie von dem hohen Aussichtspunkt herunter den gelben Fußboden, und Erschrecken flog über ihre Züge: »Herrjes, sind die Gören das gewesen? Ich mein' die Tappsen[11] da bei der Tür und beim Sofa; können Sie sie sehn, Fräulein Dehn? Wenn man eben meint, man hat nu alles rein --«

»Kann ich das nicht aufwischen?« Dienstfertig stand das junge Mädchen auf.

Die Frau lachte: »Je, Sie mit Ihren feinen Händen, und denn zu Besuch gehn und Stuben fäulen[12]!«

»Ich tu' es furchtbar gern!« beteuerte errötend die Kleine, und ehe eine Antwort kam, war sie schon draußen und kehrte mit Leuwagen[13] und Fäuel[14] zurück.

Wohlgefällig blickte Frau Tönnies auf die nette zierliche Figur, die entschlossen ihr Kleid aufschürzte und das feuchte Geschäft gewandt beendete.

»Is mir aber wirklich unangenehm, und ich hätt' es auch nicht gelitten -- bloß, weil mein Mann kommt --«

»Wie Sie sich wohl freuen!« rief das junge Mädchen mit leuchtenden Augen. Frau Tönnies kam von der Leiter herunter und atmete tief auf.

»Oha!« sagte sie, »je das is wahr, das Kommen is immer schön, wenn man das alte Weggehn nicht wär! Nu noch das andere Fenster.«

Plötzlich klopfte sie aufgeregt an die Scheibe. »Es regnet! Große Tropfen. Hereinkommen!« Sie winkte den Kindern zu, die sämtlich ihre rotkarierten Taschentücher gezogen und sie sich über die Hüte gebunden hatten. »Herrjes, und sie haben alle neues Zeug an!« rief anteilsvoll das junge Mädchen, »ich hol' sie!«

»Aber man ja nich in die Stuben! Sie können in die Küche gehn, da wird zuletzt aufgescheuert«, schrie die geschäftige Hausfrau hinter ihr her.

Kathrin, die in der Küche an einem großen Grapen[15] klärte, war nicht sehr erbaut über das Getrappel, das da auf einmal zur Tür herein kam. »Ick kann se hier nich brucken! Se fat allens an! Kiek, Jasper het all de Hann' an de Wichsschachtel swatt makt, un Mietje geiht an de Watertünn! Wat schall ick denn egentlich? Schall ick hier klären, oder schall ick Gören möten[16]?« fragte sie mürrisch.

»Und in die Stuben tragen sie zu viel Sand hinein!« sagte Manga gedankenvoll und blickte auf die roten Klinker des Küchenbodens. Dann auf einmal lachte sie und rief: »Zieht 'mal alle eure Stiefel aus!«

»~Was~ sollen wir?« Nur die älteren begriffen sofort den Grund dieser Verordnung. Aber Friedje, Phitje, Jasper und Mietje wollten die neuen Stiefel durchaus nicht hergeben und schrien und strampelten, als Kathrin Gewalt anwendete.

»So, und jetzt 'mal alle ganz leise auf Strumpfsocken hinter mir her, wir wollen Mama überraschen,« befahl Fräulein Dehn. Das sah schon spaßhafter aus, und die Überraschung gelang fast nur zu gut, denn Frau Tönnies wäre beim Anblick der geisterhaft leise heranschleichenden Kinderschar fast von der Leiter gefallen. Aber Manga beruhigte sie und versprach, auch die Kinder ruhig zu halten, indem sie ihnen Geschichten erzähle. Die Frau war mit den Gardinen fertig geworden; sie kam heran und drückte die Hand der Helferin. »Nu sehn Sie 'mal, wie sich das alles so macht!« sagte sie. »Was hätt' ich bloß anfangen sollen, wenn Sie nicht gekommen wären! Wußten Sie denn gar nicht, daß die Maria da Gloria heute aufkommt? Ihr Vater hat doch gewiß auch 'ne Karte aus Antwerpen gekriegt?«

Manga Dehn blickte zu Boden. »Ach, meinen Sie, daß Papa mir alle Karten zeigt, die er kriegt? Aber nun muß ich weg, -- es wäre rücksichtslos -- wo Sie sich so lange nicht gesehen haben --«

»Nein, Tante Manga soll hier bleiben!« riefen die Kinder.

Die Kapitänsfrau nickte ihr zu: »Na, Sie können sich woll denken, daß ich doch nich viel von meinem Mann hab'. Die vierzehn Tag', drei Wochen sind immer gleich um, und die neun Gören lassen mich gar nicht an ihn 'ran.« Sie breitete ihre Arme aus, so weit sie reichten, die drei Jüngsten und der Älteste gingen gerade hinein: »Wer sitzt woll auf Papa sein Schoß?«

Hinrich rief: »Mietje!« Anna schrie: »Jasper!« Die übrigen sieben riefen einfach: »Ich!«

Phitje gab Thedje einen Schubs: »Ich sitz' denn auf das eine Bein!«

Guschen stieß Klaus auf die Seite: »Und ich sitz' auf das andere Bein!«

Friedje drängte Jürgen zurück: »Und ich sitz' denn auf das -- noch andere!«

»He! he!« lachte Jürgen, »drei Beine hat Papa gar nich!«

Alle stimmten in das Gelächter ein, nur Friedje ließ die Lippe hängen. Er wandte sich an seine Mutter: »Auf was für'n Bein soll ich denn sitzen?«

Frau Tönnies streichelte seinen Kopf: »Friedje sitzt denn auf Onkel Hartig sein', der hat ja gottlob auch noch zwei Beine.«

Klaus meldete sich schleunig für das vakante zweite, und nun hieß es: »Mit mein' Onkel Hartig kann man überhaupt viel besser spielen, mit dem kann man 'n büschen albern!«

»Kennst du Onkel Hartig auch, Tante Manga?« fragte Anna, sich an die Besucherin schmiegend, die etwas verwirrt auf den hellen Scheitel des Kindes niedersah, aber keine Antwort gab.

»Ja, Sie kennen ihn doch, meinen Bruder Hartig, nich Fräulein Dehn? Er ist ja erster Offizier auf der Maria da Gloria.«

»Ich weiß wohl -- und der ist so vergnügt? Das hab' ich noch gar nicht gewußt -- wenn ich ihn 'mal gesehen habe -- er kam ja öfter zu Papa, denn hat er immer so ernst ausgesehen --«

»So ehrbar getan, nich?« lachte Frau Tönnies, »ja wissen Sie, Ihr Papa, das is je auch gewissermaßen sein Vorgesetzter, und da in is mein Bruder nu komisch -- sich annögeln[17] oder gute Worte geben, das kann er nich, das kann ich auch nich.«

»Und ich möcht' es nicht leiden!« rief das Mädchen mit Überzeugung.

»Er steht sich da vielleicht selbst in Lichten mit,« sagte Frau Tönnies eifrig, »aber so is er nu 'mal, er könnt' all lang drei Reifen haben[18], wenn er da 'n büschen auf zu laufen wüßte, aber er sagt immer gleich: meinst', ich will einem da um zu Füßen fallen? ich werd' noch früh genug Kap'tän, -- besorg' du mir man 'n kleine nette Frau, denn da kann ich mich nich mit abgeben.«

Manga Dehn hatte ganz vertieft zugehört und war mechanisch immer hinter der Frau hergegangen, die mit einem Wischlappen noch einmal wieder über die spiegelblanke Mahagonikommode fuhr und nun das sauber gearbeitete Schiffsmodell, das darauf stand, einer vorsichtigen Reinigung unterzog.

»Das hat Hartig gemacht, das is der ›James Watt‹, wo er als Schiffsjunge gedient hat.«

»O bitte, lassen Sie mich das abwischen,« sagte Fräulein Dehn schnell, -- »die Kinder können wohl wieder hinaus, es regnet nicht mehr.«

»Ach ja, Mama, und denn ziehn wir die alten Stiefels an, und die neuen Hüte setzen wir auch erst auf, wenn die Tide kommt, eher tut es ja gar nich nötig!« Überglücklich liefen sie hinaus, als Kinder der freien Luft, die sie waren. Ihr Jauchzen und Hurraschreien begann von neuem.

Bald war es Zeit zum Mittagessen, es hatte schon zwölf geschlagen; freilich -- gekocht war nicht viel, nur ein großer Topf voll Buchweizengrütze in Buttermilch, mit Sirup gesüßt; die Hauptmahlzeit kommt erst, wenn Papa da ist!

Frau Tönnies genierte sich sehr, das junge Mädchen zu diesem frugalen Mittagbrot einzuladen, aber gerade, als Fräulein Dehn den Küchenzettel erfahren hatte, bat sie darum, einen Teller voll mitessen zu dürfen. Der Geschmack ist ja so verschieden, und übrigens -- die Schleswig-Holsteiner essen alle gern Buchweizengrütze. Frau Tönnies faßte das hübsche bereitwillige Mädchen scharf ins Auge -- sie konnte sich gar nicht recht erinnern, sie zum Bleiben eingeladen zu haben, und Manga Dehn hatte doch nur einen Augenblick ins Haus treten wollen. Sonderbar!

»Nu wird auch woll bald mein alter Onkel kommen,« sagte die Kapitänsfrau, »dreimal hat er schon gefragt, ob Tönnies noch nich da is. Gleich den ersten Abend stellt der Alte sich ein, und denn kommt er jeden Tag, so lange mein Mann hier is. Mein Bruder hat ihm das schon 'mal gesagt: ›Onkel, sie müssen sich auch 'mal allein haben‹, aber wissen Sie, was der Alte denn antwortet: ›Ach, dat is ehr[19] je nu all wat Oles, dat hebbt se nu nich mehr nödig.‹« Verdrießlich kellte die Frau ihrem Ältesten noch einen Löffel voll auf. »Mir auch noch 'n orrendlichen Klacks[20],« riefen die anderen. Klatsch, klatsch, klatsch, einen Löffel Grütze auf jeden Teller, bis die große Terrine leer war.

»Nu muß ich aber wirklich weg,« sagte Manga Dehn, der es bei der Erzählung sehr ungemütlich geworden war, »seien Sie mir nur nicht böse, daß ich so lange geblieben bin.«

»Im Gegenteil war mir sehr angenehm; 'n Tasse Kaffee sollten Sie man noch mittrinken, Fräulein, Sie haben mir ja so wunderschön geholfen.«

Fräulein Dehn steckte mit niedergeschlagenen Augen ihre langen Filethandschuhe wieder in die Tasche.

»Ja, wenn ich Ihnen noch 'was helfen kann, Frau Tönnies, denn kann ich am Ende noch 'n Augenblick bleiben. Wann läuft das Wasser auf?«

Frau Tönnies blickte unwillkürlich durchs Fenster; die Weiden mit ihrem grauen, dünnen, kritzlichen Astwerk wurden wild hin und her geschleudert, es donnerte fast ununterbrochen in der Ferne.

»Um drei,« sagte sie nachdenklich, »vor fünf kann die Maria da Gloria nich hier sein, -- das heißt, wenn sie hier vorbeikommt, denn is sie je noch lang nich hier, denn muß sie je noch nach Hamburg rauf, und bis mein Mann denn hier is und mein Bruder, kann das sieben, nee, acht, neun werden.«

»Ach, die armen Kinder!« murmelte das Mädchen, »die freun sich ja ganz ab.«

»Das tut ihnen nichts, das müssen sie von früh auf gewohnt werden, -- ja, ich hab' doch die letzte Nacht nicht so recht geschlafen. Können Sie sich das denken?«

Die hübschen braunen Augen des jungen Mädchens bekamen einen warmen Schein; sie nickte eifrig.

»Wenn er man bloß heut abend noch kommt, sonst geh' ich heut nacht gar nich zu Bett. Nee, denn zieh' ich mich nich aus. Denn bin ich doch zu hiddelig[21], was soll ich denn im Bett tun.«

»Es muß schrecklich ängstlich sein!« Manga seufzte, und so natürlich, als ob sie diese Angst schon vollkommen teile. Frau Tönnies sah sie wieder prüfend an.

»Heiraten Sie man keinen Seemann, Fräulein Dehn.«

Ein schuldbewußtes Rot stieg dem Mädchen in die Wangen. »Warum meinen Sie?« -- »Bitte, Frau Tönnies, kann ~ich~ nich heute aufwaschen?« bat sie dann mit Innigkeit, »Kathrin braucht auf die Art nicht vom Klären wegzugehn.«

Was will sie? dachte die Frau. Laut sagte sie: »Mit dem Kleid? Na, freuen Sie sich, daß Sie keine Mama zu Hause haben, die Sie ausschelten kann.«

»Sie leihen mir eine Küchenschürze! O ich wollte, ich hätte meine Mama noch, Sie können sich gar nicht denken, wie still es bei uns zugeht; Papa ist nicht für Geselligkeit, manchmal kommt die ganze Woche kein Mensch, und meine zwei Schwestern sind noch so dumm.«

»Na, Sie werden doch nicht weinen?«

Frau Tönnies faßte das Mädchen freundlich in den Arm: »So'n kleine resolvierte fixe Deern! Nee, es is wirklich schön, daß Sie hier sind, der Tag war nich so lang, und man spricht sich die Aufregung 'n büschen vom Herzen 'runter.« Manga blickte sie dankbar an.

»Nu sollten Sie 'n kleine Idee schlafen, Frau Tönnies. Wenn die Ewer sich drehn[22], sag' ich Ihnen Bescheid. Ich will unter der Zeit Kaffee machen.«

Die Frau legte sich wirklich aufs Sofa, doch sprang sie bald wieder auf und ging zu dem jungen Mädchen in die Küche. »Ich hab' doch keine Ruhe. Wenn sie man nich Nebel gehabt haben heut nacht. Ende August geht das schon los! Na, Sie werden ja auch ganz blaß, -- ist da woll am Ende 'n Passagier mit, der -- --.«

Fräulein Dehn schüttelte den Kopf: »Ich glaube auch, man muß immer was um die Ohren haben, dann vergeht die Zeit am besten. Wenn er nur erst da wäre, nicht?«

Frau Tönnies rief die Kinder zum Kaffee, Jürgen legte eine rotbraune Krebsschale vor das Fräulein hin.

»Kiek, du, das 'n Tasch[23], die schenk' ich Onkel Hartig. Was schenkst du ihm, Tante Manga?«

»Ich habe nichts.« Fräulein Dehn zeigte ihre leeren Hände, die der Kleine aufmerksam betrachtete.

»Aber du hest Geld ~in~ de Tasch!« platzte lachend Hinrich heraus, »das' noch besser.«

»Hinrich!« rief die Mutter verweisend, »sei doch nich so vorlaut!«

Der Junge war in einer Laune des Übermuts. »Je, nu rufst du Hinrich, und dabei hast du es selbst gesagt, Mutter.«

Frau Tönnies wurde blutrot.

»Zu wem sollt' ich das woll gesagt haben?«

»Zu Onkel Hartig! das letztemal, als er hier war, ich weiß es ganz gut, hab' es selbst gehört.« Der Junge war nun auch rot geworden, seine weiße Stirn bis unter die Haare; trotzig hielt er den zürnenden Blick der Mutter aus. Als sie ihn über den Tisch hinüber schlagen wollte, faßte Fräulein Dehn ihre Hand. »Ach, Frau Tönnies, es tut ja nichts, -- lassen Sie ihn doch, er ist ja gar nicht unartig gewesen.«

Hinrich sprang mit Tränen in den Augen von seiner halbgeleerten Tasse auf und stellte sich in die Ecke.

»Das is recht, da gehörst' auch hin!« rief die Frau. Nun lief der Gekränkte zur Tür hinaus. Mietje schrie: »Hinrich,« und wollte ihm nach, aber die Mutter führte das Kind an der Hand zurück.

»Er is 'n büschen verzogen, weil er der Älteste is,« Frau Tönnies blickte verstimmt nach der Tür, »er is je auch sonst ganz vernünftig soweit, aber -- wenn man kein Wort sprechen kann -- ohne daß die Gören --«

»Ich will ihn hereinholen, heute ist doch solch'n Festtag!« bat Manga, und eh' die Mutter es hindern konnte, war sie ihm nach. Er stand am Gitter des Hühnerstalles, die Hände in den Hosentaschen geballt. Tränenspuren im Gesicht. Das junge Mädchen wollte ihm den Arm um den Hals legen, er schob sie weg, ohne sich umzusehen. »Ich meinte all, es wär' Mama,« murmelte er, »sie hat es doch gesagt.«

»Komm, Hinrich, sei artig! Du -- wenn du es doch so gut gehört hast -- was hat denn Onkel Hartig geantwortet?« Sie zog ihn an der Hand zu sich heran.

»Onkel hat bloß gesagt, das wär' ihm Pudding.« Der Junge lachte unwillkürlich, tat aber gleich wieder ernst.

Manga Dehn sah ihn mit einem befriedigten Lächeln an; plötzlich nahm sie seinen runden Kopf in beide Hände und küßte ihn herzhaft auf die glatte Stirn zwischen den Augen.

»Sag' du nur immer die Wahrheit, mein Jung! Mama is gar nicht mehr böse.«

Hinrich sah sie halb lachend, halb verschmitzt an: »Na, wat is nu los?« brummte er, sich über die Stirn wischend.

»Sieh 'mal zu, Hinrich, ich glaube, nu kommt die Flut! Lauf 'mal voraus an 'n Strand, wir kommen alle nach.«