Part 3
Stane ging wieder auf Arbeit und schonte sich nicht, aber er wurde blaß und blasser, magerer, hinfälliger, so daß es allen Leuten auffiel. Stine bat und flehte ihn an, sie arbeiten zu lassen -- nein, er sagte bestimmt, er hätte eine Familie, und er als Mann müßte sie ernähren. Da nahm sich der Schulze, der das Haus des Retters seines Sohnes nie aus dem Auge verloren hatte, der Sache an. Er sprach eines Tages beim Pastor vor und entwickelte den Plan, dem kleinen Mann eine für ihn geeignete Arbeit zuzuweisen. Ein Kaufmann oder Händler wohnte noch nicht in dem großen Dorfe, obwohl sich dort ein Geschäft recht gut erhalten könnte, wenn es Stadtpreise für Ware nähme. Die Knechte würden dann nicht mehr so oft sich im Stadtladen betrinken, die Mädchen nicht am Abend spät noch mit dem Handkorb über die Landstraße gehen, das Geld bliebe im Orte, jedermann wäre den beiden gut usw. Er wüßte, das Stanislaus Wetterwetzer rechnen und schreiben könnte wie der Lehrer, und Buch führen wie ein Kaufmann, und sich auf Waren gut verstände. Darum wolle er, der Schulze, gern eine größere Summe für den Anfang vorstrecken. Um die Zinsen und den Abtrag wäre ihm nicht bange. Die Stube im Katen müßte allerdings zum Laden eingerichtet werden, aber es ginge dem Sommer zu, da behülfen sich die Leute wohl, und Lagerraum fände sich in der Nachbarschaft, wenn der Herr Pastor nur beim Einrichten helfen wollte, dann müßte es gehen; aber die Schulzenfrau dürfte ja nichts von dem Gelde wissen, nicht, als ob sie den beiden Leuten nicht Vertrauen schenkte, aber die sollte ihr Gebiet frei haben und mit Schweinsköpfen und Speckseiten und Würsten und Brot einstweilen behaglich weiter an dem Glück des Paares bauen.
So wurde Stane ein Händler. Einige schlugen ihm als Firma vor »Stanislaus Dasmachtgarnichts,« andere »Stane Wirdgemacht,« Stine wollte am liebsten öffentlich den rechten Namen ihres Mannes »Stanislaus Zedienen« auf dem Schilde anerkannt sehen.
Bald mußte ein größeres Haus bezogen werden, und in den dazugehörigen Stallräumen quiekte und brummte es, dort hatte Stine das Regiment, vor allem aber auch im Hause über die wachsende Kinderschar, über drei Knaben, alle blond und groß wie die Mutter, so daß der älteste mit zehn Jahren schon den Vater überragte, und zwei Mädchen, klein und zart und schwarz wie der Vater. Und wer das Glück von Stane und Stine sehen will, der muß sie besuchen, wenn der Vater die Kinder auf der Mutter aufbaut, daß das Gebäude wie ein Turm dasteht. Stane lacht und Stine lacht, dann aber fällt der Bau auseinander.
Aus Wilhelm Pickhingsts Kriegsfahrten.
Mit solchen Betrachtungen ging Wilhelm Pickhingst von dannen in die Winternacht hinaus und kam diesmal in die rechte Richtung und gerade auf den gesuchten Ort zu. Er forschte nach dem Oberst, fand ihn aber nicht und hatte damit seine Schuldigkeit seiner Meinung nach reichlich getan.
Doch nun, wohin in der Nacht? Dort lag eine Scheune; aber als er die Tür öffnete, sah er den Raum vollständig gefüllt, wie die Heringe lagen die Soldaten da nebeneinander und schliefen oder hockten Rücken an Rücken, die Füße nach allen vier Winden gekehrt, und putzten oder aßen. Sein erster Versuch einzudringen wurde mit einem heillosen Donnerwetter abgewiesen. Nun denn -- um die Scheune herum, um im Notfalle sich mit einem Hofhunde um seine Hütte zu balgen. Halt! Da stöhnt etwas! Wilhelm Pickhingst stand wie angenagelt und horchte. Doch nein, er irrte sich wohl nur. Abermals ein Stöhnen, recht wie ein Mensch in großer Not. Dort ermordete man wohl jemanden, der Ton kam aus einem Winkel, der durch zwei Gebäude und einen Schuppen ganz versteckt gehalten wurde. Vorsichtig hinan, dort liegt Stroh, unter dem Stroh bewegt es sich und stöhnt, am Ende ein kranker Kamerad, der hier hilflos liegt. Ein Griff -- und das Stroh fliegt beiseite. »Ist hier jemand krank?« Keine Antwort. Eine leise Mahnung mit dem Kolben: »Oui iii ok, ok, ok!« Ein Schwein fuhr heraus und grunzte ihn mißmutig an. Mit einer Verwünschung sprang er zurück, aber überlegte bald, ob er nicht das Lager mit dem Tiere teilen sollte. O nein, das wäre doch zu würdelos; was würde man sagen, wenn man ihn hier am nächsten Morgen träfe. Halt, plötzlich durchzuckte ihn ein prächtiger Gedanke.
Er drängte das Schwein in eine Ecke und kitzelte es mit dem Seitengewehre, daß es sofort seine Willigkeit zu allen Zumutungen mit hallendem Ouiiiii bekräftigte. Auf dem Hofe blieb noch alles still. Abermals etwas kräftig die Spitze angewandt. Ein entsetzlich gellender Schrei, der nachdrücklich in die Länge gezogen wurde. Da öffnete sich plötzlich die Scheunentür, und ein Dutzend Soldaten sprang heraus und schaute neugierig über den Hof. Jetzt galt's! Das Schwein schlug auf seine Ermunterung einen Triller nach dem andern. Von allen Seiten stürzten Mannschaften herbei in der Annahme, daß hier beim Schweineschlachten noch irgendein gutes Stück zu erschnappen sei. Als sie suchend ihm nahe waren, ließ er das Tier los, es fuhr wie aus dem Lauf geschossen über den Hof, und Wilhelm Pickhingst drückte sich an den Wänden davon und suchte sich unter den leeren Plätzen in der Scheune einen passenden aus, während nach einiger Zeit die übrigen zurückkamen, murrend, daß die leichtfüßige Bestie ihnen ins Feld entkommen sei. Anscheinend lag Wilhelm Pickhingst schon in tiefem Schlafe und ließ sich durch einige redlich gemeinte Püffe nicht ermuntern. »Ich habe Schwein gehabt«, dachte er vergnügt. »Jetzt mag ich das Pech damit dauernd los geworden sein.«
Am nächsten Morgen machte er sich zunächst hinter die Mauer, wo er allein war, und verzehrte seine Vorräte bis auf eine letzte Rinde, denn wer konnte wissen, wann sich wieder die Gelegenheit zum Essen fand. Dann meldete er sich bei dem Grenadierbataillon, da niemand mit Sicherheit angeben konnte, wohin von Les Cohernieres aus zunächst sein Bataillon gehen würde, und erhielt Erlaubnis, sich bis auf weiteres anzuschließen. Lombron war schon geräumt, es ging nach St. Corneille vorwärts. Unterwegs zogen sich die Marschierenden in langen Kolonnen auseinander, weil es galt, sich zwischen den Hecken durchzuwinden. Als bei dieser Gelegenheit sich einmal vorne irgendein Hindernis, eine Barrikade oder ein Verhau zeigte, versuchte man Umgehung, und der Zug erklomm infolgedessen den nächsten nördlichen Abhang.
Oben angekommen, ergab sich auch hier die Unmöglichkeit, weiter zu rücken, man mußte sich also aufs Warten legen, bis das Hindernis weggeräumt war. Da erblickte man in ziemlicher Entfernung einen französischen Reiter, offenbar einen Kürassier, der unbeweglich still auf seinem Platze hielt und fortwährend die Reihen musterte. Die übrigen kümmerten sich nicht um ihn, aber Wilhelm Pickhingst hatte auf die Reiter seit einem bestimmten unvergeßlichen Abenteuer bittern Haß geworfen. Er drängte sich also zu dem Hauptmanne durch und bat um Erlaubnis, den Burschen auf den Trab zu bringen. »Meinetwegen!« hieß es. »Aber halten Sie sich nicht zu lange auf, es geht weiter, sobald da vorne aufgeräumt ist.« Mit einigen Sprüngen nahm Wilhelm Pickhingst vollends die Höhe und marschierte nun gerade auf seinen Gegner zu. In Schußweite stellte er sich an und hob sein Gewehr und zielte. Der Bedrohte rührte sich nicht. »Ha,« dachte Wilhelm Pickhingst, »der hat am Ende das Schießen nur bei den Franzosen kennen gelernt, da soll er einmal einen Mecklenburger sehen. Will ihm lieber noch etwas näher rücken.« Abermals hielt er und zielte. Der andere dachte nicht an den Rückzug. »Das scheint ein mutiger Bursche. Um den wäre es schade. Ich will mir diesmal aber sicher einen Gefangenen greifen. Noch etwas näher -- und dann dem Pferde, das ohnehin nur ein elender Schinder ist, gerade auf den Kopf!« Getan, wie gedacht. Ein Knall. Der Gaul lag mit dem Reiter am Boden. Jetzt fing Wilhelm Pickhingst an zu laufen, denn der Kürassier zappelte gewaltig und sprang auf, und als er den Feind sein Gewehr wieder laden und mutig anrücken sah, rückte er aus. Die Treffsicherheit schien Eindruck auf ihn gemacht zu haben.
Nun war die Strecke, über die er fliehen mußte, vom Sturme der letzten Tage ganz kahl geweht und, da es am Morgen stark geglatteist hatte, sehr unsicher für den Fuß, er glitt aus und strauchelte und kam schlecht fort. Das Pferd hatte gewiß mit geschärften Eisen besser laufen können. Wilhelm Pickhingst konnte noch schwerer auf seinen Holzschuhen vorwärts dringen, plötzlich warf er sie beiseite, alle beide fast mit einem Wurfe, und nun ging es auf stumpfen Socken hinter dem andern drein. Der erkannte seine Bedrängnis und strebte mit Hast einer Hecke zu, die sich in seiner Nähe entlang zog, dachte wohl, sich hinter ihr zu verbergen und am Ende gar durch eine Lücke sich zu verteidigen. Plötzlich fuhr Wilhelm Pickhingst etwas durch den Sinn, und er beflügelte seinen Fuß zu rasender Hast, daß er wie der Wind dahin flog, hier war ja eine Gelegenheit -- der Kürassier war ein baumlanger Kerl mit mächtigen Beinen -- sollte er ihn niederschießen? Haben mußte er ihn jetzt, es koste, was es wolle -- doch nein, so von hinten, das ging nicht an. Wenn der Kerl nur standhalten wollte, Bajonett und Pallasch gegeneinander war ein ehrlicher Kampf. »Halt, Feigling!« schrie er. Der andere sah sich um, Wilhelm Pickhingst drohte ihm mit angelegtem Gewehre und brüllte: »Steh', du Hund!« Hui, hatte der andere noch nicht gelaufen, so setzte er jetzt an. Nun kletterte er den Wall hinauf, er glitt zurück, ein zweiter Anlauf brachte ihn besser auf die Krone, nun kroch er in eine Lücke. Wilhelm Pickhingst machte einen verzweifelten Sprung und packte mit beiden Fäusten die Hacken der großen Stiefel und hielt sie wie mit eisernen Klammern fest und stemmte sich mit der ganzen Leibeswucht gegen den Wall. Der andere aber zog auch, nur nach entgegengesetzter Richtung, was er konnte. Da gab es nur eine Vermittelung, die Stiefel übernahmen sie, sie ließen die langen Beine frei. Wilhelm Pickhingst schoß rücklings auf dieser, der Kürassier kopflings auf jener Seite vom Wall.
Aber die kostbaren Stiefel, das Ziel seines Angriffs, hatte Wilhelm doch erobert, ein Blick, oh, sie hatten eine wunderbare Größe! Und die Schäfte waren noch weit länger als an seinen unvergeßlichen früheren Stiefeln, und so heil und ganz und so vorzüglich geschmiert! Er vergaß in der Bewunderung völlig den Franzosen, nahm sein Gewehr auf und ging davon, mit den Stiefeln immer liebäugelnd. Da weckte ihn ein Ruf aus seiner Betrachtung. Jenseits auf der Höhe stand der Kürassier, und diesseits stand er. Und der Franzose tanzte und sprang auf seinen Socken, als wollte er sagen: »Ätsch, ich bin doch noch davon gekommen.« Und Wilhelm Pickhingst war so überglücklich, daß ihn die Sache eigentlich freute, er nahm sein Gewehr in die eine und beide Stiefel in die andere Hand und tanzte und sprang auch, als wenn er sagen wollte: »Ätsch, ich habe doch deine Stiefel!« Den Franzosen schien das zu ärgern, er machte allerlei höhnische Bewegungen, und den Deutschen schien das zu reizen, denn er stellte seine Stiefel nieder und nahm ihn aufs Korn. Der Franzose schämte sich wohl jetzt seiner früheren Flucht, er schlug die Arme ineinander und schaute verächtlich drein, und der Deutsche schämte sich, den Wehrlosen abzutun, obwohl er ihn prächtig vor dem Rohre hatte, er setzte sein Gewehr bei Fuß. Der Franzose hob die Faust und tat so, als wenn er jemanden durchdreschen wollte, und der Deutsche winkte ihm, er sollte nur kommen. Der Franzose schnallte seinen Pallasch ab, hob ihn hoch und legte ihn auf den Boden, den Küraß dazu. Der Deutsche verstand ihn sehr schnell, hob sein Gewehr und legte es nieder. Der Franzose nahm sein Messer aus der Tasche, zeigte es und warf es fort; der Deutsche machte es mit seinem Messer auch so. Jetzt schüttelte der Franzose die Hände und zeigte, daß er nichts mehr habe und deutete auf seine Faust als einzige Waffe. Der Deutsche machte es genau nach, dann gingen beide in angemessene Entfernung von ihren Waffen, und als der Franzose sich erst überzeugt hatte, daß er es mit einem ehrlichen Gegner zu tun hatte, da war er auch schon wie der Blitz von seiner Höhe herunter und zurück durch die Hecke und auf den freien Platz, den das Glatteis so schön deckte. Beide waren auf Socken, und so standen sie fest, und die Bedingungen waren gleich, nur daß der Kürassier einen Kopf länger war als der gedrungene Deutsche. Jetzt maßen sie sich mit den Blicken, plötzlich fuhren sie aufeinander zu wie zwei bissige Hunde. Im nächsten Augenblick hatte der Franzmann den Boden unter sich verloren, ein Ruck, und er saß auf -- nun -- Wilhelm Pickhingst sah kaltblütig an seinen schmerzverzogenen Lippen, daß er unter dem oberen Ende seiner Schenkelknochen durchaus kein richtiges Polster hatte. Der Geworfene erwartete offenbar, daß er erbärmlich durchgebläut würde, aber Wilhelm Pickhingst dachte in seinem ehrlichen Gemüte gar nicht daran, seinen Sieg auszubeuten. Ein brüllendes Gelächter aus mehreren hundert Kehlen erschallte, das Bataillon konnte den Kampfplatz recht gut überschauen, kleinere Leute kletterten größeren auf die Schulter, einige erstiegen Bäume, und alle riefen und jauchzten vor Vergnügen. Da schnellte der lange Bursche mit einer erstaunlichen Gewandtheit wieder in die Höhe, sprang hierhin und dorthin und schüttelte mit dem Kopfe und schlenkerte mit den Armen und gab durch sehr seltsame Stellungen zu verstehen, daß er noch einen regelrechten Ringkampf begehrte. »Na, denn man zu, Kamerad!« sagte Wilhelm Pickhingst und zog seinen Mantel aus, wobei der Franzose sehr höflich ihm behilflich war. Beide traten sich noch einmal gegenüber, der Franzose verneigte sich, und Wilhelm Pickhingst machte einen Kratzfuß, und dann kamen sie mit angezogenen Ellbogen sich näher, oh, Wilhelm Pickhingst war in diesen Dingen nicht unerfahren, er wußte, daß sein Gegner auf seine Größe und seine unglaubliche Gewandtheit rechnete und seinem Griffe möglichst ausweichen würde, er stellte sich also fest und paßte scharf auf, und als der Kürassier nun plötzlich anfuhr, duckte er sich, faßte dessen dürre Schenkel, ganz gleich, ob Hose oder Haut, hob ihn mit seiner Bärenkraft, und hup -- da machte er ihm einen regelrechten Hosenlupf und hatte ihn hoch und warf ihn auf den Rücken, daß es krachte. Abermals tosender Beifall, der den Unterlegenen auffallend schnell auf die Beine brachte.
»+Ah, grand respect! -- Une main vigoureuse! Dans le monde entier on ne trouve pas son pareil+«[1], sagte er würdevoll grüßend, nahm die mächtige, breite Faust in seine Rechte und betrachtete sie staunend. Wilhelm Pickhingst schüttelte ihm die Hand und entgegnete: »Na, Kamerad, darum keine Feindschaft nicht!« Wie es gemeint war, sagte der treuherzige Klang, der Franzose verstand's genau, wurde plötzlich wieder gelenkig, legte die Hand aufs Herz, schüttelte gleichfalls dem Gegner seine Rechte, sprang wieder zurück und begann nun in der genauesten Weise das Bild des Kampfes zu wiederholen, nur daß er versuchte, seinen Gegner darzustellen, legte an, setzte ab, schüttelte mit dem Kopfe, zum Schluß hob er seine langen Arme bewundernd hoch. Er wußte also ganz genau, daß der Deutsche nur aus Großmut nicht geschossen hatte. Plötzlich besann er sich und fragte etwas, was wie +Cognac+ klang und sicher so wie +boire+. Wilhelm Pickhingst spitzte die Ohren, zeigte durch Achselzucken, daß er nichts zu trinken besaß. Der Franzose schob ihn in seinen Mantel zurück, gab ihm sein Gewehr in die Hand, hob ihm das Messer auf, faßte ihn beim Arm und trottete mit ihm ab, dorthin, wo das Pferd erschossen lag. An einer Satteltasche hing eine bauchige Kürbisflasche unversehrt, die schwang er triumphierend in die Luft, entkorkte sie, trank und reichte sie dem Mecklenburger. O ja, das war ein Tropfen! Der Franzose sah ihn erwartungsvoll an, und als Wilhelm Pickhingst nickte und sich die Brust klopfte, lachte er vergnügt aus vollem Halse, trank und gab und gab und trank, und im Handumdrehen war die Flasche, die sicherlich einen Liter faßte, leer. Wilhelm Pickhingst mußte es dulden, daß ihm die Flasche zur Erinnerung an seinen Riemen gehängt wurde. Nun aber, als das Feuer durch die Adern rann, ward der Franzose springend lebendig; Wilhelm Pickhingst saß, ehe er es sich versah, auf dem Gaul und mußte es leiden, daß der andere ihm die Stiefel anzog. Er ließ es sich gravitätisch gefallen wie ein Pascha von drei Roßschweifen, der über zehn Sklaven zum Ankleiden verfügte; es war ihm ein unbeschreibliches Wohlbehagen, als er die Stiefel an seinen Füßen fühlte und bemerkte, daß sie paßten und gar nicht drückten. Aber er mußte zurückkehren zum Bataillon, der Hauptmann wurde sonst ungeduldig; verlegen sah er auf die Socken seines Gegners, da fielen ihm seine Holzschuhe ein; jetzt faßte er den andern bei dem Arm und brachte ihn zu der Stelle, wo er sie abgeworfen, und zog sie nun seinerseits ihm an. Hui, welche Freude für den Kürassier! Er tanzte wahrhaftig mitten auf dem Feld, he, hup, da hatte er beide Schuhe in den Händen, nachdem er sie mit geschickten Würfen in die Luft geschleudert hatte, und klappte sie zusammen und flötete eine lustige Melodie dazu. Wilhelm Pickhingst hatte aber keine Zeit mehr, er bot ihm die Hand und sagte adieu. Ja, da kam er schön an! »+Qu'est-ce que vous voulez? Moi, je suis votre prisonnier, monsieur! Pourquoi pour moi cette honte? En face de votre bataillon?+«[2] und dabei warf der Franzose sich in eine Haltung, als müßte er mit seinen Blicken seinen stämmigen Gegner niederstrecken. Prisonnier! Das eine Wort verstand Wilhelm Pickhingst, und das übrige dachte er sich hinzu. Er nickte gemütlich und sagte: »+Eh bien, allons, camerade, vous êtes mon prisonnier.+«[3] Der Franzose zog die Schuhe wieder an, und so wanderten beide Arm in Arm dem Bataillon zu, bei dem man sie mit dem tollsten Jauchzen begrüßte. Der Franzose neigte sich wie ein Schauspieler, der gebührende Huldigungen entgegennimmt -- gleich darauf ging der Zug vorwärts, er immer mitten drin, wie wenn er schon lange in den Reihen der Deutschen gefochten habe. Nachdem nun aber aus allen kleinen Gehöften am Wege die Marodeurs und entmutigten Franzosen massenweise zusammengetrieben waren, sollten die Gefangenen nach rückwärts geschafft werden, und der Kürassier mußte sich trennen, umarmte den neuen Freund, schüttelte die Hände dutzendweise und schied offensichtlich ungern. Wie ein Marschall ging er zwischen den Jammergestalten seiner Landsleute und warf nur verächtliche Blicke um sich.
St. Corneille und das davor liegende Schloß wurden gestürmt, und als Wilhelm Pickhingst gerade in der besten Arbeit war, sah er seitwärts sein Bataillon auftauchen. -- »Kiek mal, Wilhelm Pickhingst hett sin Kriegsstäwel wedderfunn!« sagte Jochen Langpaap, der ihn zuerst gewahr wurde, und verzog seinen Mund von einem Ohr zum andern, während er lud und gleich darauf schoß. »Un ick segg: Wat tom Daler slagen is, kann up dei Dur nich vörn Schilling utgäwen warrn.« -- Abermals ein Schuß. Die Kunde pflanzte sich mit Windeseile fort, alle wollten Wilhelm Pickhingst sehen, aber Wilhelm Pickhingst ging im Kampfe nach vorne. Darum mußten alle folgen, und nicht eher fand man Muße, sich seine Erfahrungen auftischen zu lassen, als bis man in einem Chateau am späten Abend zur Ruhe kam. Einige Grenadiere konnten die Wundergeschichte vom Erwerbe der Stiefel, die er erzählte, bestätigen, und Wilhelm Pickhingst versicherte schließlich, getragen durch die allgemeine Anerkennung, unermüdlich, nun stände es baumfest, daß sein Pech endlich von ihm weichen werde, das Eiserne Kreuz sollte und mußte sein werden.
Auf einer Grenzstation mußte der Zug halten und erst die sich verzögernde Abfahrt eines andern abwarten. Wilhelm Pickhingst kletterte mühsam aus dem Wagen und ging vor demselben auf und ab im Sonnenschein, während aus dem andern Zuge Hunderte von neugierigen Franzosengesichtern schauten. Dort gingen Gefangene zurück in die Freiheit.
Am Zuge entlang marschierten Männer aus der Bedeckungsmannschaft, offenbar mit geladenen Gewehren, um etwaigen feindseligen Ausbrüchen der zügellosen Gesellschaft, die niemals freiwillig Gehorsam leistete, nachdrücklich begegnen zu können. Spottreden über den kranken Prüssien flogen hinüber, Schimpfworte, die Wilhelm Pickhingst wohl verstand, aber nicht beachtete. Plötzlich wurde es an dem einen Wagen laut. Mit flinkem Griff öffnete ein langer Franzose die Tür, sprang hinaus und eilte, beide Arme hoch wie Mühlenflügel schwingend, auf Wilhelm Pickhingst zu. »Halt!« und ein bedenklicher Anschlag des Gewehres ertönte hinter ihm -- es kümmerte ihn nicht -- »Halt!« unmittelbar darauf zum zweiten Male, die Franzosen schrien warnend aus dem Wagen heraus. Wilhelm Pickhingst verstand den furchtbaren Ernst der Lage, vergaß seine Schwäche, und mit der alten Behendigkeit stand er bei dem Franzosen und wollte ihn aufhalten, als dieser ihm plötzlich um den Hals fiel und küßte und küßte und klopfte und die Hand schüttelte. -- Mit Geistesgegenwart drängte ihn Wilhelm Pickhingst sofort so, daß er ihn gegen eine nachgesandte Kugel, die das letzte Halt nur zu schnell rufen konnte, deckte und winkte dann der Wache ab. Und nun ergab sich ein lebendiger Vorgang. Der Franzose machte in einer Minute den ganzen Kampf auf dem Felde draußen noch einmal durch, legte an und schoß das Pferd tot, warf seine Holzschuhe aus (er trug sie immer noch) und lief auf Socken, ergriff die Stiefel (Wilhelm Pickhingst hatte nicht von ihnen gelassen, selbst nicht, als die Truppe neu eingekleidet war) und zog sie aus, d. h. bildlich, eröffnete die Herausforderung zum Ringkampf, ließ sich werfen, d. h. auch nur bildlich, denn der Bahnsteig war hart gepflastert. Schließlich entdeckte er die Kürbisflasche -- da wurden seine Augen hell, und jetzt hielt Wilhelm Pickhingst, der sich vor Freude über seinen Gefangenen ganz gesund fühlte, es an der Zeit, seinerseits in die Handlung einzugreifen. Er trank ihm zu und gab die Flasche hin, und der andere trank sie mit einem Zuge leer, schüttelte sich aber heftig; der eine gab, was er an Zigaretten hatte, und das war nicht wenig, weil seine Kameraden ihn beim Abschiede im letzten Liebesdienste versorgt hatten, und der andere steckte alles ein. Inzwischen war einer aus der Begleitungsmannschaft, die verwundert dem Schauspiele zugesehen hatte, herangekommen und winkte dem Franzosen. Der tat, als ob er nichts sähe, sondern schauspielerte weiter. Der Soldat faßte ihn bei der Schulter und drehte ihn herum, aber der Franzose glitt, nachdem er kaum einige Schritte gemacht hatte, unter der Hand weg, holte aus irgendeiner Tasche einen schmutzigen Fetzen Papier und rief: »+Votre nom, votre nom, mon brave camerade!+«[4] Wilhelm Pickhingst begriff ihn und schrieb Namen und Adresse genau auf, dann ein rascher Abschied fürs Leben, der eine ging hierhin, der andere dorthin, und die Züge dampften davon.
Auf der nächsten Station konnte Wilhelm Pickhingst nicht mehr aussteigen, auf der dritten schüttelte ihn das Fieber, auf der vierten, auf der ein Lazarett sich fand, wurde er zurückgelassen, weil er phantasierte.
Mehrere Monate rang seine kräftige Natur gegen die Krankheit, bis er endlich derselben Herr wurde und nun in die Heimat entlassen werden konnte. -- In Schwerin mußte er kurzen Aufenthalt nehmen, und als er so durch die Straßen ging, dachte er daran, wie er sich früher in Gedanken seinen Einzug in die Residenz vorgestellt hatte und wie ihn eigentlich alle seine Hoffnungen betrogen hatten. Die Begegnenden standen still und sahen ihm nach, er trug seine hohen Stiefel und die Kürbisflasche und den Schnurrbart, und er glaubte, daß alle ihm seine trüben Erfahrungen von der Stirn lesen könnten. Endlich mußte das Unglück ihm noch jenen guten Freund, den er einst beim Anfange des Krieges im Garnisonsorte angetroffen hatte, in den Weg führen, und dieser konnte es sich nicht versagen, mit etwas anzüglichem Tone zu fragen: »Na, Wilhelm, wo ist denn das Eiserne Kreuz?«