Part 2
Stanislaus Wetterwetzer saß inzwischen auf dem Sofa und spürte allmählich mit Behagen, wie frische Blutwellen ihn durchrieselten. Als er satt war, rieb sich der Pastor die Hände und wanderte auf und ab, freute sich offenbar, daß seine Prophezeiung eingetroffen war, das Brot war verschwunden. Nach einiger Zeit machte der Fremde den Versuch aufzustehen, fiel erst noch einmal zurück, stand dann und ging, nein, schlich zur Tür.
»Wo wollen Sie denn hin?« fragte der Pastor erstaunt. »Wo ich her kam,« lautete die Antwort, die mit trübseliger Stimme gegeben wurde. »Ich bleibe doch nur ein Lumpenkerlchen.«
Da lachte der Pastor: »Ausdüngen können Sie nicht, das sieht jeder, denn Sie tragen ja eine Stallschürze statt vorn auf dem Rücken. Aber können Sie auf dem Kirchhofe graben?«
»Gruft graben, Herr Pastor? -- Totengräber, Herr Pastor?« Es machte den Eindruck, als ob dem Entsetzten die Zähne klapperten.
»Würde Ihnen doch nur wieder einstürzen. Nein, wir halten es hier so, daß die Nachbarn dem Verstorbenen die Gruft selber graben. Aber sehen Sie nur aus dem Fenster. Dort hinten liegt der Kirchhof im Mondschein, jener große Rasenplatz soll umgestochen und neu besamt werden, die Arbeit kann sofort beginnen, weil der Boden offen ist.«
Stanislaus Wetterwetzer schnellte empor: »Wird gemacht, Herr Pastor, wird gemacht!« Er drehte sich um sich selbst und suchte seine Mütze, die er schließlich in einem Ärmel entdeckte, und schoß dann auf die Tür zu. Sicherlich hatte er im Sinn, noch denselben Abend im Mondschein an das Werk zu gehen.
Lächelnd faßte ihn der Pastor bei der Schulter und schälte ihn zunächst aus der Hülle der Schürze, als hätte er eine große Zwiebel vor sich. »Satt sind Sie, wenigstens bis morgen früh mag es wohl vorhalten. Nun schlafen Sie auf Ihrer Dachkammer nur aus, und morgen fangen Sie mit frischen Kräften an.« Er ging mit einem Lichte voran, und sein Gast folgte, indem er vor Erstaunen den Hals fast ausreckte. Das Bett auf der Dachkammer war fertig, der Pastor wies es an und drehte sich dann rasch herum. »Diese Nacht muß ich Sie noch einschließen, denn ich kenne Sie ja nicht genug. Aber lassen Sie es sich nur ohne Empfindlichkeit gefallen.« Sprach's, verschwand und schloß die Tür schnell zu, froh, daß er über eine unangenehme Erörterung rasch weggekommen war. Er stand schon an der Treppe, da klopfte es drinnen, und Stanislaus Wetterwetzer rief vergnügt: »Herr Pastor, Herr Pastor, das macht gar nichts. Ich habe eben aus dem Fenster gesehen -- an der Dachrinne kann ich jeden Augenblick hinabklettern, wenn Feuer kommt.«
Am nächsten Morgen gedachte der Pastor seinem Gefangenen nicht früh aufzuschließen, sondern ihn erst ausschlafen zu lassen, und ging in seinem Zimmer auf und ab. Da hörte er wiederholt einen Spaten ausstoßen, trat an das Fenster und sah, daß Stanislaus Wetterwetzer schon kräftig bei der Arbeit war. Unwillkürlich mußte er lächeln, und als er hinausging, um sich nach ihm umzusehen, fand er Stine, wie sie aus der Stalltür eifrig nach dem Kirchhof ausspähte. »Ick stah hüt morrn in de Käkendör,« sagte sie, »dunn kümmt hei mit einmal von baben an de Gat runmaracht, flink as 'n Kateiker. Ick denk, ick slah dreimal verlangs hen. Äwer as ick nu losleggen will, Herr Paster, wat seggt hei? ›Guten Morgen, Fräulein,‹ seggt hei, ›das machen Sie mal nach,‹ seggt hei. Denkens mal an, Herr Paster, wat hei mi anmoden is, un dorbi so fidel as 'ne Maikatt. Ick wier as upn Mund slahn. Äwer Kaffee hett hei all kregen. Un nu towt hei dor wedder los, dat ick all uppaß, ob ick em nich wedder rin halen möt. Nimmt sön Jung äwer woll Vernunft an? Das macht gar nichts, säd hei mi baw int Gesicht. Na, mie makt dat nicks, äwer sön Jung kann einen doch duren in sinen Unverstand.«
»'N schönen Jung,« sagte der Pastor lächelnd.
»Nich wohr, Herr Paster? wat hett hei för swarte Ogen und wo glummen sei em lustig in den Kopp, wenn hei einen von ünnen so ankickt, un sone gnäterswarte Hor.«
»Stine, hei is all säbenuntwintig Johr olt, wat du woll glöwst.«
»Herr du meines Lewens, denn is dat jo woll 'n richtigen Mannsminsch? Un de utverschamte Kirl mod mi tau, ick sall vör em de Gat runklaspern?« Sie fuhr verlegen zurück und schloß die Stalltür hinter sich, und der Pastor grüßte den fleißigen Arbeiter über die Kirchhofsmauer hinüber. Der stieß den schweren Manns-Spaten in den Grund und brach die Grassoden los, daß es aussah, als ob der Kirchhof brannte und er sollte dem Feuer durch Abgraben wehren. Dabei lachte er seelenvergnügt zu seinem Arbeitgeber hinüber, wenn er in die Luft oder auf einen Stein stieß. Kopfschüttelnd ging der Pastor zurück und nahm seine Arbeit auf. Als er nach einer halben Stunde zufällig aufhorchte, war von Stanislaus Wetterwetzers Spaten nichts mehr zu hören. Besorgt machte er sich auf, seinen Arbeiter aufzusuchen, und bemerkte, daß die mütterliche Sorge Stine schon wieder getrieben hatte, durch die ein wenig geöffnete Stalltür zu spähen. Aber den Fremden sah er nicht. Auf dem Kirchhofe angelangt, entdeckte er ihn endlich hinter einer dicken Linde, wie er mit jämmerlicher Miene seinen gekrümmten Rücken an dem Stamme gerade zu biegen versuchte. Dabei zitterten die Hände, daß sie den Spaten kaum halten konnten, auf den sie sich stützten.
»Das wird auch nichts, Herr Pastor,« sagte er, »so ein armes Luderchen bin ich.« In seinen Augen blinkten Tränen.
»Nun, nun,« beruhigte ihn der Geistliche, »alles will gelernt sein, und dazu gehört Geduld.«
»Ja, das ist es ja, Herr Pastor,« schluchzte Stanislaus, »meine Geduld beim Arbeiten ist gerade so kurz und mürbe -- wie -- ein Regenwurm, Herr Pastor. Wenn das nicht gleich geht, dann reißt sie ab, und ich werde kratzbürstig, und aus ist es, Herr Pastor.«
»Einstweilen tragen Sie den Spaten wieder hin, wo Sie ihn hergeholt haben, und dann kommen Sie dort hinten zu dem Buschhaufen, die Zweige zu zerhacken, das ist etwas für Sie.«
»Wird gemacht, Herr Pastor, wird gemacht.« Stanislaus trottete noch halb krumm, aber schon wieder getröstet ab und schwang bald ein leichtes Beil am Haublock. Lange Zeit war noch nicht vergangen, da sah der Pastor Stine über den Hof eilen und dann händeringend und ratlos vor dem kleinen Mann stehen, der auf dem Haublocke saß. »De unglücksel'ge Kretur hett sick jo woll de ganze Hand awhaugt,« rief sie ihrem Hausherrn entgegen. So schlimm war es nun freilich nicht, immerhin aber war die linke Hand zwischen Daumen und Zeigefinger drei Zentimeter lang aufgespalten, und das Blut lief an der Rechten, die die Wunde zusammenpreßte, in mehreren Rinnsalen herab.
»Das macht gar nichts, Herr Pastor,« versicherte Stanislaus und versuchte krampfhaft zu lächeln, obwohl er ganz weiß aussah. »Der Schulze gibt mir einen Schein an das Rostocker Krankenhaus mit, Herr Pastor, denn eine Heimat habe ich nirgends, Herr Pastor. Wird alles ersetzt, Herr Pastor.«
»Stine, segg Krischan, hei sall furts anspannen, wi führen nah'n Dokter,« befahl der Pastor. »Sie kommen einstweilen in meine Stube, Wetterwetzer, damit ich Sie, so gut es geht, verbinde. Sind Sie bei mir krank geworden, so sollen Sie auch bei mir gesund werden.«
Stine wußte mit Pferden gerade so gut umzugehen wie ein Knecht, sie schob den Wagen aus dem Schauer und half mit anspannen. Die Fahrt ging ab, der Doktor nähte mit drei innern und fünf äußern Nadeln und verhieß, da der Knochen nicht verletzt wäre, baldige Heilung. So war Stanislaus einstweilen zur Untätigkeit verurteilt. Aber das war nicht nach seinem Sinn. Am Nachmittage hörte die Pastorin ihre beiden Kinder, einen Knaben von drei und ein Mädchen von zwei Jahren, auf dem Gange, der das Haus der Länge nach durchzog, voll herrlichster Spiellust jauchzen und schreien. Neugierig sah sie hinaus. Da hatte der Fremde den Knaben auf seinem Nacken hocken, und dessen kleine Fäuste hatten ihn gar kräftig bei den schwarzen Haaren gepackt, das Mädchen saß im Wagen und lenkte ihr zweibeiniges Pferd am Zügel. »Hopp hopp -- hü hott.« Stanislaus sah in das verdutzte Gesicht der Mutter. »Frau Pastor, Frau Pastor,« rief er eifrig, indem er den Wagen stehen ließ und auf seinen Kopf mit der gesunden Hand zeigte, »ganz rein! ganz rein! Hopp hopp -- hü hott!«
An der Gosse brauchte er am nächsten Morgen nicht mehr hinabzuklettern, da er nicht mehr eingeschlossen wurde. Statt sich zu schonen, ließ er sich vom Beschäftigungsdrange früh hinaustreiben. In der Küche war große Unruhe. Die Hausfrau war in der Nacht von einem plötzlichen Krankheitsanfall überwältigt, und wenn man auch die Ungefährlichkeit kannte, so waren doch die Schmerzen groß, und das stillende Mittel, das sonst Linderung brachte, war nicht mehr in der Hausapotheke, der Knecht aber in der Morgenfrühe mit Korn abgefahren. Wer sollte nun zur Nachbarstadt? -- Stanislaus Wetterwetzer, zu dienen. Er stand schon in der Haustür, so daß der Pastor ihn zurückrufen und zum Essen durch Befehl zwingen mußte. Mit einem Briefe und einigen Markstücken trabte der kleine Mann dann ab.
Es verging die Zeit, die für gewöhnlich ein Fußgänger gebrauchte, um den Weg hin und zurück zu machen, und er kam nicht. Die Pastorin krümmte sich vor Schmerzen, der Hausherr wanderte, ingrimmig auf sich selbst und seine Vertrauenswilligkeit in so ernster Sache zürnend, von einem Zimmer in das andere, über den Hof auf die Landstraße, um Ausschau zu halten, und zurück. Mittag war längst vorbei, da kam der Erwartete endlich an. Das Mittel war in der Altstädter Apotheke nicht vorhanden gewesen, selbst auf telegraphische Bestellung konnte es erst am nächsten Tage ankommen; da hatte sich Stanislaus nicht lange besonnen und war nach Rostock getrottet, drei Meilen hin und drei Meilen zurück in sieben Stunden. Und das Mittel war da und half sofort. »Herr Pastor -- mit meinen Beinen -- gar nicht tot zu kriegen! Das kommt vom Wandern. -- Nur die Arme -- Regenwürmer -- mürbe --« da taumelte er dem zuspringenden Pastor in die Arme. »Blutverlust, Herr Pastor -- armes Luderchen --, Herr Pastor -- ich will -- ich kann --« Sein Einreden half nichts, wieder mußte er zu Bett.
Drei Tage lag er danieder. »Dor spelunkt Stane Zedienen warraftig all wedder rüm,« schalt dann Stine, die sich die Pflege nicht hatte nehmen lassen. »Süll dat einer woll glöwen, dat dat'n Mannsminsch is, dei sin por Sinn würklich tausamen hett? Inspunnen müßt man em.« Dabei schüttelte sie ihn gelinde am Schopf, als wäre sie der große Nikolaus und er der Kaspar, in der Nähe war eine eingegrabene Tonne, in der der Aufenthalt gewiß nicht weniger angenehm gewesen wäre, als in einem Tintenfasse. Er gab gar keine Antwort, sondern lachte sie von unten her vergnügt und vertrauensvoll an, und vor solcher Art von Beredsamkeit verstummte sie errötend.
Stanislaus Wetterwetzer hatte eine gute Haut zum Heilen und wurde gerade dann leistungsfähig, als der Pastor den letzten Satz seiner umfangreichen Arbeit geschrieben hatte: »Und so kommen wir zu dem Schlusse, daß wir bei Versuchen zur Lösung der schwierigen Frage uns stets in eine Sackgasse verrennen, also klug tun, die Lösung dem zu überlassen, den sie im Grunde allein etwas angeht. Gott hat schon ganz andere Schwierigkeiten gehoben, er wird auch wissen, wie seine Gerechtigkeit und Heiligkeit mit seiner Liebe und Güte im Einklang bleibt bei Behandlung der ohne ihre Schuld ungetauft verbliebenen Heiden und Kinder.« Sein viele Bogen langes Werk, in dem er von Petrus und Paulus an über Hieronymus und Augustinus, Luther und Chemnitz mühsam hinweggeklettert war, betrachtete er mit schiefen Seitenblicken. Denn so behaglich er sich unter den Kirchenvätern und Dogmatikern befunden hatte, jetzt entließen sie ihn aus ihrer würdigen Gesellschaft und wiesen ihn an die Reinschrift, das gefiel ihm sehr wenig. Da kam ihm der Gedanke, den Fremdling, der mit seinem Arbeitsdrange wieder allerlei Unheil anzurichten drohte, vor das Tintenfaß zu bannen, und der gelang. Der Abschreiber konnte und mochte Kladde lesen, zierlich und sauber schreiben, ja er brachte noch einige Fähigkeit Latein zu erraten aus seiner Schulzeit her zum Vorschein, nur griechische Schrift mißlang und sah aus, als ob ein Sperling mit Tintenfüßen über das weiße Papier gelaufen wäre.
Zwei Monate saß Stanislaus Wetterwetzer an den Tisch in der Studierstube festgebannt. Er war während dieser Zeit mit allerlei zurechtgeschneiderten abgelegten Kleidungsstücken sauber ausstaffiert, Stine hatte ihm von der Wolle, die ihr alljährlich zukam, drei Paar Strümpfe gestrickt und zwar unter großer Mühe, denn wiederholt war der Füßling zu lang geraten, hatte sie sich doch heimlich geschämt, Kinderstrümpfe zu stricken. Als ihr Schützling wieder auf den Hof gelassen wurde, begann er ein seltsames Treiben. Überall machte er sich Beschäftigung, nagelte hier Latten, befestigte da Riegel, besserte den Steindamm, kalkte den Hühnerstall und brachte neue Stiegen an. Die Kinder wartete und hütete er mit Eifer. Jeder nutzte ihn, und jedem diente er. Aber seine Unruhe steigerte sich sichtlich, er bewegte sich nur noch laufend, stand dann plötzlich still und sah zum blauen Himmel auf, an dem die Sonne lachte, hielt die Hand vor die Augen und ließ den Schein rötlich durch die Finger dringen, seufzte, fuhr sich mit der Hand durch die Haare, horchte auf Meisen und Finken und warf plötzlich mit Steinen nach ihnen.
»Herr Paster, ick glöw, nu knippt hei uns nächstens ut«, sagte Stine, die mit wachsendem Unbehagen und Mißtrauen dieses Gebaren begleitete.
»Hei ward sick häuden,« lautete die Antwort, »em prickeln blot dei Wäldag.«
»Herr Paster, hei hett nülich sin oll Lumpen utwuschen un dunn heimlich flickt, ick heww dat woll markt, dat ick dat nich sehn süll.«
Eines Morgens war Stanislaus Wetterwetzer verschwunden. Sein neu angeschafftes Zeug lag sauber und ordentlich auf seiner Kammer, nur die geschenkten Strümpfe und seine alte Wanderkleidung hatte er mitgenommen.
Stine hatte mit ihm ihre sonst unverändert gute Laune verloren und besann sich erst auf sich selbst, als sie entdeckte, daß sie ihrer Lieblingskuh Maikranz, die beim Melken nicht still stehen wollte, einen solchen Schlag mit dem Hüker versetzt hatte, daß er mitten durchbrach. Da erschrak sie von Herzensgrund, weinte sich aus und wurde wieder gut und freundlich, wie sie gewesen war.
Der Sommer verging, die Herbststürme brausten über Land, und der Winter trat sein Regiment an. Als der Pfarrherr am Anfang Februar eines Morgens in seine Studierstube getreten war und eben den Stand des Thermometers am Fenster nachsah, kam Wetterwetzer gesprungen, er mochte ihn hinter den gefrorenen Scheiben erkannt haben und schwenkte von ferne seine Mütze. Im nächsten Augenblicke schoß er schon durch die Tür und tanzte bald auf einem, bald auf dem andern Bein und rief: »Nun hab ich eins. -- Nun hab ich eins, Herr Pastor, -- ein so Kleines -- so -- so -- so Kleines.« Er zeigte immer kleinere Maße, bis endlich etwa auf Handlänge.
»Eins nur?« sagte der Pastor enttäuscht, denn er dachte an gewisse Vorgänge im Schweinestall. »Ich hatte auf ein Dutzend gerechnet.«
Stanislaus lachte ganz übermäßig und schnellte in Freuden im Sprunge fast bis an die Decke. »Herr Pastor -- Herr Pastor -- Herr Pastor!«
»Ja, Sie lachen, aber ein Spaß ist das gar nicht. Das Stück gilt zwanzig Mark heute, sage ich Ihnen.«
Da stand der Kleine wie festgewurzelt: »Nein, das wird nicht verkauft,« sagte er langgezogen.
»Natürlich wird es verkauft.«
»Ich will alles tun, was der Herr Pastor sagt, aber das tu' ich nicht.« Er sah in diesem Augenblick geradezu bejammernswert aus. »Herr Pastor, mein Fleisch und Blut ...«
Plötzlich sah der Pastor ziemlich bejammernswert aus, aber er fand sich schnell in die Lage, schüttelte die Schulter des Kleinen und machte dazu ein so drolliges Gesicht, daß Stanislaus bei jedem Ruck seine glückliche Laune wieder näher kommen fühlte, sie fuhr beim letzten Ruck in ihn hinein, jetzt lachte er schallend über den Scherz, dessen Tiefe er freilich noch nicht verstand, jetzt wollte er seine Mütze irgendwie ein abenteuerliches Exerzitium durchmachen lassen, aber er schleuderte sie nur zwischen den Beinen durch, daß sie ihm von hinten gerade auf den Kopf flog, ohne daß er es recht merkte.
»Ein so -- so -- so Kleines, Herr Pastor. -- Ich bitt' schön, Sie müssen's mal sehen, Herr Pastor, -- o bitt' schön, kommen Sie mit, Herr Pastor, -- und Frau Pastorin auch und die Kinder auch.« -- Er lief schon voran, aber besann sich: »Kühe sind besorgt, Herr Pastor. -- Ich hab' eins, ich hab' eins. -- Gemolken habe ich, Herr Pastor -- ein so Kleines -- ein so Kleines -- Stine hat's mir in den letzten Wochen gezeigt, Herr Pastor, ein so -- so -- so Kleines, Herr Pastor -- und alle haben sie zu fressen -- Frau Pastorin und die Kinder -- -- --.« Er war nur still, weil er bei einem Sprunge mit dem Kopfe gerade gegen die Tür, die Frau Pastorin öffnete, gerannt war, daß es so dröhnte, als wollte er die bei Geburt eines Prinzen üblichen Kanonenschüsse nachahmen.
Ob der Pastor nun wollte oder nicht, er mußte mit seiner Frau alsbald bei Stine einen Wochenbesuch machen. Auf dem Gange drehte Stanislaus sich um das Paar gerade so, wie der Mond sich um die Sonne dreht, voraus ging er rückwärts und zeigte sein volles Gesicht, dann kam letztes Viertel an der Seite der Pastorin, Neumond hinten, und mit dem ersten Viertel tauchte er an der Seite des Pastors wieder auf, und auf dem kurzen Wege zum Pfarrkaten hatte er alle Phasen mindestens zwanzigmal durchlaufen und noch lange nicht heruntergeschwatzt, was sein Herz füllte.
Stine sah ihn erwartungsvoll an, als er eintrat. »Alles in Ordnung, Stine,« sagte er. »Kühe bis auf den letzten Tropfen ausgemolken. Darf ich sie 'reinbringen, Stine? Sie sind draußen, Stine.«
Die glückliche Mutter machte ein ängstliches Gesicht, als wenn sie erwartete, daß der abenteuerlich veranlagte Mann ein paar Kühe als Abgeordnete des Stalles anbringen würde, aber glückstrahlend sah sie dann ihre Herrschaften eintreten.
»Wasch di de Hänn, Stane.« Sie wußte ja sofort, was erfolgen würde. Er gehorchte, roch alsbald kräftig nach grüner Seife und übernahm nun so die Erklärung, indem er das Kind vorsichtig aufhob. »Herr Pastor, sehen Sie nur die Hände -- wie eine Haselnuß -- Frau Pastorin, die Füße -- da -- da -- da -- akkurat wie ein Frosch -- und hier die Haare, oh, lang wie ein Finger und schwarz, ganz wie der Vater, ganz wie der Vater, das bin ich nämlich, Frau Pastorin, und doch ist es 'n Mädchen, Herr Pastor, und das ist deins, Stine!« Er übergab es seiner Frau in sehr zarter Weise, damit sie es neben sich bette. Die Pastorin nahm ihn nun vor und bedeutete ihm, daß er die Tür hüten müßte und niemanden einlassen, wer es auch wäre. »Tu' ich auch nicht, tu' ich auch nicht, Frau Pastorin, aber ich meinte, daß das Kleine doch auch eigentlich Ihnen mit gehörte, Frau Pastorin.«
»Nu knippt hei mi nich mihr ut, Herr Paster,« flüsterte Stine inzwischen dem Seelsorger zu.
Stane schien sich zu verdoppeln. Er melkte und fütterte in Vertretung seiner Frau, kochte Wochensuppen, obgleich freundliche Nachbarinnen im Anfang soviel zuschickten, daß die größte Familie sich hätte sättigen können, rechnete, besserte aus, lief, schrieb -- er war sogar des Nachts mehr außerhalb des Bettes als darin.
Aber Stine entdeckte bald, daß ihn der Erfolg seiner Arbeit nicht befriedigte. Er saß eines Abends und rechnete mit Zahlenreihen auf einer Tafel, die seine Frau zum Andenken an ihre Schulzeit aufbewahrt hatte, löschte aus, rechnete von neuem und seufzte, ohne es zu wissen.
»Du hest jo woll gor de Sorgenstütt ansett,« sagte sie freundlich, indem sie sanft seinen Ellbogen schüttelte, »wat is di? is di nich gaud?«
»Mir?« Stane fuhr sich durch die Haare und lachte gezwungen. »Ich rechnete nur aus, wie viel ich in der kommenden Woche zusammenbringen könnte.«
»Dat 's doch kein grot Stück Arbeit? Mi dücht, dat schält nich väl,« sagte sie harmlos.
Er errötete und sah Stine mit unsicherm Blick an. »Bei Leppelt eine Stube tapezieren und ölen, bei Ganzow das Staket vor dem Hause anstreichen, das sind so Nebeneinnahmen --«
»Dat glöw ick woll, Stane, dat sei di wedder mal to'm Herümdwätern bruken willen, äwer dat büdelt nich. Ick heww mi dat so äwerleggt, ick gah tokamen Mandag wedder up Arbeit.«
»Was willst du?« Er schnellte von seinem Sitz empor und trat hart an seine Frau heran, ohne daß diese von dem nahenden Unwetter etwas ahnte.
»Ick kann hier doch nich ümmertau rümmer sitten, Stane, un mi utfaudern laten, as wir ick 'n Kind, wat 'n Lutschbüdel krigt? Dortau hew ick di doch nich friegt.«
»Was nicht? Wozu nicht? Wozu denn? Sprich doch! Wirst du gleich?«
»Äwer, Stane, wat tast du so an mi rümmer? du büst doch 'n richtigen Quirrbregen.« Noch nahm Stine alles von der gemütlichen Seite auf und erlustigte sich innerlich an seinen vergeblichen Versuchen, sie durch Rütteln zu erschüttern. »Wotau ick di friegt heww? du süst mi nich up de Landstrat vermisquemen. As du dat letzte Mal wedder kemst, haddst du all orig 'n Knick weg.«
»Und ich? Und ich? Und ich? Ich soll hier sitzen und mich von dir ernähren lassen? Das soll ich, Stine? -- Soll ich das, Stine?« Er fuhr einige Male wie ein Rammbock gegen sie an, ihre Standhaftigkeit machte ihn nur wütender.
»Ja natürlich, Stane. Dauh doch nich so, as sühst mi woll, hier steiht de Pump!« Unwillkürlich nahm Stine einen festern Ton an, denn es reizte sie sein unvernünftiges Gebaren, und sie fühlte sich unerschütterlich im Recht, wenn sie beanspruchte, ihren Mann zu ernähren. Aber im nächsten Augenblick fuhr sie erschrocken zusammen. Ihr Stane war drei Schritte zurückgeprallt, seine Augen schossen Blitze. Wütend schlug er mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Was soll ich, Stine? Meiner Frau mein täglich Brot aus der Hand nehmen? Ein Kind in die Welt setzen und seinen Unterhalt von mir abschieben? Ist das nicht so, als sollte ich mit ihm um die Wette lutschen? -- Was soll ich, Stine? Mich vor meiner eigenen Tochter schämen? Und alle Leute sollen mit Fingern auf mich zeigen und sagen, daß ich ein Kerl sei, der sein Haus nicht erhalten könnte? Ich sage dir, Stine, du bleibst zu Hause! -- Zu Hause bleibst du! Weib, bin ich hier Herr im Hause oder du?«
Bei jeder Frage schien er zu wachsen, nach jedem Schlage auf den Tisch schnellte er höher zurück, in seinen Augen loderte eine Glut, die anscheinend alles um sich in Flammen setzen wollte. Stine sah das und fiel immer kleiner und kleiner in sich zusammen.
»Äwer, Stane,« bat sie schließlich flehend, »so si doch nich so. Ick bün jo ganz klicksch. Stane, ick bidd di um Gottes willen, ick dauh jo allens, wat ick sall. Stane, min leiw Stane« -- die große Frau schluchzte, und die Tränen rannen in Strömen über die Backen. Der so dringlich Beschworene maß erst noch mit heftigen Schritten das Zimmer, stand still, sah die Weinende an, ging wieder auf und ab, aber kam allmählich näher, als ob ihn der Strudel unwiderstehlich anzöge, und endlich glitt er in ihn hinein, und Stine war glücklich, daß sie ihren Stane wieder hatte, und versicherte immer wieder von neuem, nun sei alles wieder »will un woll«. Sie holte die Kleine herbei, damit diese doch sähe, was für einen fleißigen Vater sie hätte; aber die Kleine hatte auch schon ihren Kopf für sich, sah durchaus nicht auf den Vater, sondern nur auf einen bestimmten Punkt an der Mutter; und als die Mutter endlich auch von ihrer Tochter besiegt wurde, lachten die Eltern schon einträchtig miteinander über ihr täglich sich erneuerndes Glück.