Vom köstlichen Humor

Part 1

Chapter 13,529 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription.

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Vom köstlichen Humor

Eine Auslese aus der humoristischen Literatur alter und neuer Zeit

Herausgegeben von Ludwig Fürstenwerth

Leipzig Hesse & Becker Verlag

Inhalt.

Seite

Über Verfasser und Inhalt 7

~Carl Beyer~, Stanislaus Wetterwetzer 9

--"--, Aus Wilhelm Pickhingsts Kriegsfahrten 46

~Ilse Frapan~, Dat Undeert 65

~Balduin Groller~, Die Tante und der Onkel 145

--"--, Eine Entlarvung 214

~Wolfgang Lenburg~, »Straße 27«. Aus »Oberlehrer Müller« 227

~Johannes Trojan~, Wie man einen Weinreisenden los wird 253

--"--, Kleine Leiden auf einer Landpartie 260

--"--, Drei Gedichte:

Männertreue und Weiberkrieg 275

Der Glückstag 276

Der Oberamtsrichter von Neckarsulm 280

Über Verfasser und Inhalt.

Auch in der schweren Zeit des Weltkrieges soll dem guten deutschen Humor eine bescheidene Stätte gewahrt bleiben: das Bedürfnis nach vorübergehender Entspannung wird sich immer wieder und bei vielen, im Felde und daheim, einstellen; weder ätzende Satire noch gewöhnliche Kalauer sind jetzt angebracht, wohl aber die harmlose Fröhlichkeit, deren Reich sich in diesem Bande von der Wasserkante nach Berlin, an den Rhein und die Donau erstreckt.

Viele fühlten sich berufen, aber wenige sind auserwählt, in Reuters Fußstapfen zu treten. ~Carl Beyer~, der Pfarrer a. D., der in Rostock lebt, darf sich zu den wenigen rechnen; obwohl er durchaus nicht immer Dialekt schreibt und in den größeren Werken meist historische Stoffe behandelt -- Reuters Geist und Humor steckt in dem Pfarrer, tiefes Gefühl und derbrealistische Darstellung verbinden sich, ihn zum rechten Volksschriftsteller zu erheben. Ein gutes Beispiel bietet die rührendkomische Gestalt des Stanislaus Wetterwetzer aus »Stane und Stine«, trefflich ergänzt durch den derbkomischen Kriegshelden von 1870, Wilhelm Pickhingst, den wir ein gut Stück auf seiner Fahrt nach dem Glücke, d. h. nach dem Eisernen Kreuze, begleiten. Auch ohne verbindenden Text wird sich der Zusammenhang leicht ergeben. --

~Ilse Frapans~ »Undeert« aus der Novellensammlung »Zu Wasser und zu Lande« schließt passend an. Die Hamburger Meisterin niederdeutscher Kleinkunst verleugnet sich nicht: keine Staatsaktionen und Impressionen wirken aufregend, kleiner Leute Geschick wird ruhig erzählt, ohne aufdringlichen Witz mit stillvergnügtem behaglichen Humor unter glücklichster Verwendung des Dialektes, besonders lebendig in den Kinderszenen -- am Schlusse »kriegen« sie sich. --

Noch harmloser gibt sich die Erzählungskunst des Wieners ~Balduin Groller~ in der noch nicht in Buchform erschienenen humoristischen Novelle »Die Tante und der Onkel«. Es steckt Wiener Blut in der alltäglichen Geschichte, deren Kunst und Wirkung ausschließlich auf dem flotten Vortrage des burschikosen Schwerenöters beruht. Seine knappe Skizze »Die Entlarvung« behandelt ein gar bekanntes Thema, den Hochstapler und das ewig Weibliche, so gewandt, daß die Aufnahme gerechtfertigt scheint. In diesem Bande harmlos köstlichen Humors soll etwas leichtes Gepäck nicht fehlen.

Dazu gehört auch ~Wolfgang Lenburgs~ Skizzensammlung »Oberlehrer Müller« -- unter dem Decknamen hat sich der weitbekannte Berliner Verlagsbuchhändler Wolfgang Mecklenburg verborgen --, aus der hier eine Reihe Skizzen zusammengestellt sind, die unter das Stichwort »Straße 27« fallen. Der Außenseiter steht dem Zünftler weder an scharfer Beobachtung noch an lebendiger Wiedergabe des Geschauten nach. Die leichte Satire des gebildeten, gemütvollen Berliners verletzt nicht, der Oberlehrerton ist echt.

~Johannes Trojan~, der gelehrte Altmeister des Kladderadatsch, der auch für »kleine Leute« Ohr und Herz hat, wird mit dem ihm angewiesenen Platze zufrieden sein. Als Gelehrter geht er auf die Grundbedeutung des Wortes humor zurück: »Feuchtfröhlich und gescheut« ist Trojan, und so sind die Proben seines Humors, die den würdigen Schluß des Bandes bilden. Aus der Sammlung »Das Wustrower Königsschießen und andere Humoresken« wird namentlich der Triumph der Beredsamkeit: »Wie man einen Weinreisenden los wird« des Beifalls sicher sein; unter den Gedichten mag der Heldensang vom trunkfesten Oberamtsrichter manch bravem Zecher ein verständnisvolles Schmunzeln entlocken, auch die Hansimglückbearbeitung hat ihren Reiz, und die Moral des Liedes von der Männertreue und vom Weiberkriege wird Kennern und Kennerinnen, auch solchen, die es werden wollen, des Beifalls würdig scheinen.

Carl Beyer,

Stanislaus Wetterwetzer.

Aus Wilhelm Pickhingsts Kriegsfahrten.

Mit Genehmigung des Verlages Fr. ~Bahn~ in ~Schwerin~ i. Meckl. aus »~C. Beyer, Stane und Stine~«, gbd. M. 1.--, und aus »~Wilhelm Pickhingsts Kriegsfahrten~«, kart. M. 1.--.

Stanislaus Wetterwetzer.

»Guten Tag, Herr Pastor! -- Da bin ich, Herr Pastor!«

Der Angeredete, der bei einer schwierigen Synodalarbeit beschäftigt war und in Gedanken versunken herein gerufen hatte, ohne den Eintretenden zu beachten, wurde in unwillkommener Weise aufgestört, zog schnell noch einige Male kräftig an seiner Pfeife, so daß sie unten in dem Schreibtischdunkel sichtbar glühte und gemütlich knisterte (es mußte also wohl ziemlich viel Stengeltabak drin stecken), stieß mächtig Rauch wie ein Dampfer aus und tauchte nun langsam und majestätisch aus Wolken auf. Er musterte den kleinen Mann, der ihn so vergnügt ansah, als wären sie alte Bekannte, und entdeckte auf den ersten Blick, daß er einen echten Landstreicher vor sich hatte.

»Da sind Sie,« sagte er ruhig, paffte noch ein paarmal nachdrücklich und stellte bedächtig seine Pfeife beiseite. »Jetzt würde es sich nur darum handeln: Wer sind Sie und was wollen Sie?«

»O Herr Pastor,« der Landstreicher nahm seine ihm entfallene Mütze wieder auf und sandte dabei halb verschämt, halb lächelnd einen Blick von unten auf in das ruhige, feste Gesicht des Geistlichen. »Wissen Sie noch, Herr Pastor? -- In Altstädt, Herr Pastor? -- Weihnachten, Herr Pastor? -- Da bin ich, Herr Pastor.«

Jetzt kannte der Angeredete ihn. Nach Altstädt war er aus seinem Dorfe von dem dortigen Geistlichen zur Hilfe bei der gehäuften Weihnachtsarbeit gerufen worden und hatte einen Gottesdienst für die Gefängnisinsassen abgehalten. Er sah damals ein Dutzend Gesichter sich gegenüber, alte und junge, wettergehärtete und abgemagerte, weiche und leichtsinnige, finstere und gedankenlose; dann hatte er gesprochen, wie ihm zumute war, in Ernst und Bewegung, hatte die tief Gefallenen erinnert an ihre Jugend, an Mutter und Vater und die Weihnachten ihrer Kindheit, hatte ihnen erzählt, daß und wie die Gefangenen frei und los und ledig sein sollten, und sie aufgefordert, sich in neuer Geburt aufzurichten. Die Tat müßten sie selbst besorgen und nächst Gott sich auf sich selbst verlassen und nicht auf andere, den Rat würden gern andere (er selbst unter ihnen) geben, so gut man es vermöchte. Dem Willigen würde sich die hilfreiche Hand schon bieten usw. Über einige Gesichter war die Bewegung wie plötzliches Blitzezucken gegangen, die meisten Gefangenen hatten Tränen in den Augen gehabt, einige hatten die Fäuste fest zusammengeballt; der kleine Mann, der jetzt vor ihm stand, war zappelnd hin und her gerückt und hatte die Beine in solcher Unruhe geschlenkert, daß der Gerichtsdiener, der neben ihm stand, ihm beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt hatte. Vier Wochen waren seitdem vergangen, jene kleine Gemeinde der Armen und Gefangenen, der die Weihnachten das angenehme Jahr des Herrn nahe gebracht hatten, war seitdem aufgelöst oder abgelöst, der eine war hierhin, der andere dorthin gegangen, der letzte stand jetzt vor ihm.

Die Prüfung hatte wohl etwas lange gedauert; ein feines Erröten glitt über das kleine, magere Gesicht, kurz und hastig wurde die Mütze geschlenkert, endlich sagte der Fremde: »Arbeiten möchte ich, Herr Pastor, bitt' schön. -- Auf mich selbst kann ich mich gar nicht verlassen.« Es zuckte etwas von schmerzlicher Unruhe in seinen Zügen, er sah ängstlich und bittend den Geistlichen an. Die Mütze wanderte inzwischen von der rechten Hand in die linke, von dort hinten um den Rücken herum zurück, verschwand in einer Rocktasche und kam merkwürdigerweise aus einer Hosentasche wieder zum Vorschein.

Der Pastor, der inzwischen überlegte, mußte unwillkürlich lächeln, denn offenbar hatte der Rock kein Taschenfutter. »Nehmen Sie bitte Platz,« sagte er freundlich, denn er hatte seinen Entschluß gefaßt und griff nun zu seiner Pfeife. »Sieh, sieh, sie ist doch ausgegangen,« murrte er, zündete frisch an und schob dem Fremden einen Stuhl hin.

»Wollen Sie mir einen Einblick in Ihre Vergangenheit gönnen, das heißt, nur soweit es Ihnen gut dünkt,« begann der Pastor, »und in der Gewißheit, daß alles bei uns beiden allein bleibt?«

»Nichts zu verbergen, Herr Pastor, gar nichts Ehrenrühriges, Herr Pastor, nicht ein einziges Mal, Herr Pastor.«

Dann sprudelte es heraus: Früh mutterlos -- gelernt beim Vater als Kaufmann im Materialgeschäft -- nach dessen Tode hier und dort beschäftigt, endlich dienstpflichtig -- gerade noch so eben das Maß -- allzu krumme Knie, die nicht durchzudrücken waren -- stets Störung einer tadellosen Front -- Strafen mit Nachexerzieren, -- schlecht schießen, weil das Gewehr zu schwer -- Kugel suchen, Tornister mit Steinen tragen -- »das war zu viel, Herr Pastor, das ließ ich mir nicht gefallen, Herr Pastor, da ging ich weg, Herr Pastor.«

»Das heißt, Sie desertierten.«

»Herr Pastor, Herr Pastor, ich ging einfach weg, löste beim Pfandleiher meine Zivilsachen wieder ein, zog sie an und ging weg, irgendwohin auf ein Dorf, und fing an, als Hofgänger zu arbeiten. In zwei Tagen hatten sie mich wieder. Natürlich steckten sie mich gründlich bei, Herr Pastor. Und dann ging's wieder los, Herr Pastor; und das ließ ich mir nicht gefallen und ging wieder weg -- nein, Herr Pastor, nicht desertieren! Ich verkaufte meine Uhr und kaufte mir altes Zeug vom Trödler, das gerade noch in den Nähten zusammenhielt, hütete beim Bauern Schafe -- zwei Wochen nur, da saß ich hinter Schloß und Riegel. Na, Herr Pastor,« der kleine Mann warf mit einer verächtlichen Bewegung die Erinnerung an den strengen Arrest beiseite -- »als das vorbei war, ging das andere wieder los. Da desertierte ich, bei einer Felddienstübung an einem Waldrande, nahm alles mit, versenkte den Tornister in einen Teich und steckte Gewehr und Säbel unter das Laub, verschenkte den Rock an den ersten, der ihn haben wollte, und sodann weg. Nach drei Tagen eingefangen. -- Fünf Jahre Zuchthaus, Herr Pastor! Zwei Jahre sind mir nachher erlassen. Nirgends fand der Zuchthäusler eine Stelle, Herr Pastor, lag auf der Landstraße, bettelte, wurde eingesteckt -- dreimal -- Herr Pastor, Herr Pastor -- ~nur dreimal~ in vier Jahren -- sonst kam ich immer durch -- und etwas Ehrenrühriges, Herr Pastor? Nie, Herr Pastor! Da können sie bei allen Gerichten herumfragen, Herr Pastor.«

»Und nun sind Ihnen die Augen aufgegangen über Ihre Lage?« fragte der Pastor, der den Versuch zur Läuterung der sittlichen Anschauungen auf später verschob.

»Seit Weihnachten, Herr Pastor. Ich hab's versucht mit der Tat -- das ist nichts geworden, Herr Pastor, -- und nun komme ich um Rat, Herr Pastor, bitt' schön.«

»Können Sie wohl einen Kuhstall ausdüngen?«

»Wird gemacht, Herr Pastor, wird gemacht,« sagte der kleine Mann, indem er aufstand und seine Mütze aus dem Stiefelschaft herauszog. Er war schon zur Tür hinaus und über den halben Pfarrhof, natürlich in falscher Richtung, so daß der Pastor, der inzwischen seine Pfeife bedächtig in die Ecke gestellt hatte, ihn abrufen mußte.

Beide gingen in das Viehhaus, wo zehn Kühe in zwei Reihen standen. Ein warmer Dunst quoll ihnen entgegen, den der Kleine mit Wittern und Schnüffeln begrüßte, als wäre er ihm höchst willkommen, dabei rieb er sich äußerst vergnügt die Hände und stopfte dann beim Eintreten seine Mütze hinter die Weste, als ob das die Höflichkeit vor den Kühen erfordere.

»Stine!« rief der Pastor, indem er in der Tür stehend seinen Schlafrock vorsichtig zusammennahm. »Dor bring ick di 'nen jungen Minschen, de sall di hüt bi't Utmessen helpen. Lat de Dör ok nich tau lang apen, dat de Käuh sick nich verküllen; tau Fierabend meld hei sick wedder bi mi.« Mit diesen Worten ging er davon.

Die Gerufene, die offenbar beim Melken beschäftigt gewesen war, tauchte hinter einer Kuh empor, und beide Arbeitsgenossen maßen sich plötzlich mit weit aufgerissenen Augen. Stine war ein Mädchen im Anfang der Dreißiger und hatte eine Größe, mit der sie den höchsten Mann in der ganzen Gegend noch etwas überragte. Ihre Gestalt war ebenmäßig und kraftvoll, nicht junonisch, nein, echt altgermanisch. So mochten etwa die Zimbern-Weiber ausgesehen haben, die von der Wagenburg gegen die anstürmenden Römer stritten, nur daß sie ihr gelbes Haar nicht aufgelöst trug, sondern in dünnen Zöpfen und so aufgesteckt, daß es wie ein zerdrücktes Sperlingsnest aussah; in den Händen hatte sie keinen Wurfspieß und keinen Schild, sondern stützte sich auf eine nahestehende Dunggabel und trug einen Milcheimer. Ihre Arme waren bis weit über die Ellbogen zurück bloß, kräftig gerötet und im Umfange fast so stark wie ein Mannsschenkel. Aus dem von Gesundheit strotzenden Gesichte starrten ein Paar runde blaue Augen den Ankömmling an.

Der war in seiner Art auch sehenswert. Er war 27 Jahre alt und dabei von Gestalt fein und zart wie ein Knabe, in allen Bewegungen unglaublich geschmeidig und flink, jeden Augenblick Herr über alle Gliedmaßen. Seine Haare waren glänzend schwarz, schwarz seine lebendigen Augen und sein weicher Schnurrbart. Als er die mächtige Frau, die Beherrscherin des Kuhstalls, so gebietend vor sich sah, entfiel ihm fast das Herz. Endlich hörte er eine gutmütige Stimme: »Wo heißt du denn, min Jung?«

»Stanislaus Wetterwetzer,« schoß es über seine Lippen.

»Woans?« Die höchste Verwunderung drückte sich in dem Gesichte der Fragerin aus, denn ihr Mund stand etwas auf, so daß man die Zähne schimmern sah, starke, gesunde, tadellos weiße, und ihre strotzenden Wangen zogen sich in leisem Lächeln ein wenig breit.

»Stanislaus Wetterwetzer, zu dienen.«

»Na, Stane Zedienen, nimm den Dunghaken, un denn man tau. Du kannst di 'n por von min Tüffeln äwertrecken, süß versüpst du mi noch hier in den Stall. Un mak de Dör achter di tau.«

Immer noch schüchtern rückte der Kleine vor. Als er aber die mächtigen Pantoffel sah, die wenigstens zwei Finger dicke Holzsohlen hatten (das Mädchen aber trug sie beim Schreiten über den schneebedeckten Hof noch mit leichtem, federndem Gang), fand er seine muntere Stimmung wieder. Er besah sie von allen Seiten, fuhr mit der Hand hinein, als müßte er sie erst aufweiten, hob dann einen mit beiden Fäusten in die Höhe, anscheinend unter großer Anstrengung, und -- wupp stülpte er ihn sich über den Kopf und sah unter dem Helm so harmlos vergnügt zu der Gebietenden empor, daß sie die Forke vor Überraschung fallen ließ, eine Hand in die Seite stemmte und herzlich lachte. Der kräftige Körper bewegte sich so, daß scheinbar die Stallwände erschüttert wurden. Stanislaus schoß vor, glitt anscheinend unter einer Kuh durch und überreichte mit einer hübschen Verbeugung die aufgehobene Forke. Stine sah ihn wohlgefällig an und faßte ihre freundliche Überzeugung zusammen in das Endurteil: »Einen dwatschen Hamel.« Damit wandte sie sich ab und ging wieder an die Arbeit.

»Jung, dor in de Eck steiht de Dunghaken,« sagte sie über die Schulter vom Melkeimer her, als der Kleine unschlüssig stand. Er schoß darauf zu und schlug alsbald den Haken ein.

Nachdem Stine die Kühe ausgemolken hatte, sah sie sich wieder nach dem Gehilfen um. Er rollte aus der äußersten Ecke des Stalles den Dung allmählich auf und zog mühsam an dem geballten Haufen.

»Stane Zedienen, du büst woll katholsch?« sagte sie verwundert. »Du fangst dat jo ganz bi't verkihrte Enn an.«

Er stand still, sein Atem ging hastig, seine Augen musterten unsicher die Walze, die stetig unter seiner Anstrengung gewachsen war, dann fuhr er wieder über die Arbeit her. »Wird gemacht, Fräulein, wird gemacht,« versicherte er eifrig, spreizte seine kleinen Beine, spie in seine Hände und zog mit Leibeskräften.

Stine schüttelte bedächtig den Kopf und sagte: »Einen unklauken Bengel.« Dann zündete sie die zwei Laternen an, hängte sie hier und dort an die Wand und fütterte und tränkte ihre Kühe weiter.

Der Geistliche hatte sich inzwischen an seinem vom milden Lampenscheine beleuchteten Schreibtische wieder behaglich eingerichtet und schrieb soeben den Satz nieder: »Der Gedanke, daß ein ohne seine Schuld ungetauft gebliebener Mensch sollte wegen solchen Mangels in die Hölle verstoßen werden, ist für ein Christengemüt geradeso unerträglich wie der Gedanke, daß Gott sollte unter den Menschen willkürlich eine Auswahl treffen, die einen taufen lassen, um sie zu retten, die andern ungetauft lassen, um sie zu verderben.« Da kamen eilige Schritte über den Hof, er kannte schon dieses Klappern der Pantoffel, gleich darauf stürzte Stine, das Anklopfen vergessend, aber alter Gewohnheit gemäß auf Socken -- die Pantoffel blieben stets an der Haustür stehen -- in die Stube und rief: »Herr Paster, kamens blot fixing nah den Stall. Uns' Jung will uns dod bliewen.«

Die Pfeife fiel zu Boden, und der flatternde Schlafrock schien sich in Schwingen zu verwandeln, die den Pastor über den Hof trugen.

»Ick kiek mi üm -- dor liggt hei up sinen Hopen un rallögt,« berichtete Stine, gleichfalls beschwingt. »Nu heww ick em up minen Hüker in ein Eck sett, von de Kist föll hei mi enfach wedder run.«

Die Laterne, die das rasche Mädchen eiligst in der Nähe aufgehängt hatte, bewegte sich noch und warf schwankende Lichter auf das blasse Gesicht des kleinen Mannes, der nur durch die Ecke aufrecht gehalten wurde; seine Hände hingen schlaff an jeder Seite herunter. Er sah den Pastor und Stine, die hinter diesem aufragte, mit traurigem Blick an, hob mühsam die Rechte und legte die ausgespreizten Finger an die Brust, schüttelte langsam den Kopf und ließ die Hand wieder sinken. Er wollte sichtlich sprechen, aber es gelang ihm nicht.

»Hier kann hei nich bliewen,« sagte der Pastor, »wi will'n em up min Sofa rupdrägen.«

»Herr Paster,« fiel Stine ein, »ick heww em twors hin'n und vörn irst awwischt, ihre ick em hensett heww, äwer up Sei ehren Sofa ...«

»Stine, dit is'n Minsch un dat is'n Ding. För den Minschen sorg ick hüt abend, un du sorgst woll för dat Sofa morgen früh.«

»Na, denn man tau,« sagte Stine und hob den Ermatteten mit Leichtigkeit auf. In der Nähe der Stalltür hing eine reine Schürze, die sie mit raschem Griff im Vorübergehen sich aneignete. »Dat is man blot Hut und Knaken, un so wat ward rute stött up de Landstrat,« murrte sie, als sie über den Hof ging, trotz ihrer Last und der großen Pantoffel mit federndem Schritte, und das Haupt des kleinen Mannes lag gegen ihre Brust gelehnt.

Mit raschem Schwunge warf sie ihre große Schürze über das Sofa und bettete dann ihren Pflegling darauf. »Wes' man nich bang -- ligg ganz stilling,« tröstete sie und streichelte mit ihrer harten Hand ihm sachte die Backe. »Uns' Herr Paster versteiht sick dorup, an den is'n Dokter verluren gahn. -- Schad is't eigentlich dorüm,« setzte sie im Weggehen hinzu, sie meinte aber das Sofa.

Der Pastor faßte den Puls des Kranken, prüfte, ob Anzeichen von Fieber vorhanden wären, fragte nach Schmerzen, der Kranke antwortete mit Kopfschütteln und legte seine ausgespreizte Hand -- nicht etwa wieder auf die Brust, sondern etwas tiefer.

»Haben Sie heute schon etwas gegessen?« fragte der Pastor alsbald verständnisvoll. Ihm antwortete Kopfschütteln. »Gestern aber haben Sie doch gegessen?« Abermaliges Kopfschütteln. »Aber, Mann, warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?« rief der Pastor erschrocken. Ein Achselzucken und ein sprechender Blick, das hieß offenbar: »Dann hätten Sie mich für einen Bettler genommen.«

»Er hat recht,« sagte der Pastor vor sich hin, als er zur Speisekammer eilte. Dort fand er seine Frau, die das Abendbrot rüsten wollte.

»Sophiechen,« sagte er, während er hastig drei tüchtige Scheiben von dem breiten feinen Landbrot abschnitt, »hast du noch etwas von der Mettwurst?«

»Aber wir essen ja gleich Pellkartoffeln mit Grieben, dein Lieblingsessen.«

»Am Verhungern -- und das in meinem eignen Hause,« murrte er im Zorn gegen sich selbst und fuhr tief in den Buttertopf.

»Na, ich denke, du hast heute mittag in Grünkohl und Schweinskopf keinen Kummer kommen lassen.«

»Ja, das ist es ja gerade. -- Und dabei seit zwei Tagen nichts gegessen!« Er strich die Butter einen halben Finger dick auf.

Die Frau sah ihn erschrocken an, er schwang das Messer heftig in der Luft, sie wich unwillkürlich langsam zurück nach der Tür.

»Wo ist die Mettwurst?« Also er, zornig gegen sich selbst.

»Dort hinten -- hängt sie -- an der Wand.« Sie flüsterte es mit absterbender Stimme.

»Gib mir einen Liter Milch, aber schnell! -- Verhungert und verdurstet bei meiner Arbeit!«

»Ja doch -- um Gottes willen ja --« Sie trat in die Küche zurück und füllte in der Verwirrung einen Topf mit Wasser. Er sah es, als er ihn in die Hand nahm, und schleuderte ihn ohne zu überlegen in die Ecke.

»Milch, sag' ich! Soll einem Verhungernden nicht einmal ein Tropfen Milch gegönnt sein?« Er erhielt aus zitternder Hand das Begehrte und schoß mit dem Topfe zunächst davon, weil er bedachte, daß flüssige Nahrung einem Verhungerten zuerst zu reichen sei.

Die junge Schwägerin der Pastorin, die gerade zum Besuch im Hause war, kam trällernd die Treppe herabgehüpft und tanzte in die Küche, um zu helfen. Da stand die Pastorin und rang die Hände, und die Tränen schossen ihr die Backen herab. »Kann so etwas sein?« flüsterte sie ganz kurlos. »Ich habe ihm niemals etwas angemerkt.«

»Was ist denn geschehen?«

»Ach, Anna, es liegt doch nicht etwa in der Familie? hast du je davon gehört?« Sie erzählte hastig, was Fürchterliches über sie hereingebrochen war. Beide erörterten noch mit zagenden Lippen den Fall, da kam der Pastor wieder aus seiner Stube herausgestürmt, und die Frauen flüchteten unwillkürlich in den Verschlag, in dem die Besen usw. aufbewahrt wurden. »Schändlich, empörend!« sagte er, während er Brot, Butter und Messer sammelte. »Dabei kann sich einem das Herz umdrehen. Aber so geht es. Wir strömen über von Nächstenliebe mit Worten und predigen jeden Sonntag davon, und doch kann jemand unbemerkt neben uns verhungern. -- Dieses halbe Brot wird noch in seinen Magen versinken, so schlingt der Mensch.«

Die Hausfrau, die bei den ersten Worten angstvoll den Arm ihrer Schwägerin umklammert hatte, atmete auf und lachte plötzlich vergnügt: »Anna, er hat wieder einen eingefangen, den er futtert. Nun wollen wir nur gleich auf die Dachkammer gehen und das Bett in Ordnung bringen. Er behält ihn sicherlich während der Nacht hier.«