Part 10
Der Ministerpräsident war in einer Stimmung, die den Radfahrern nichts Gutes verhieß. Das eine stand bereits fest, daß das Radfahren in Gerolstein eingeschränkt, die Fahrfreiheit zugestutzt, der Verein unter scharfe polizeiliche Kontrolle gestellt werden sollte. Das erforderte das öffentliche, das Staatsinteresse Gerolsteins. Das war alles selbstverständlich und sollte von Amts wegen besorgt werden. Damit sollte es aber nicht abgetan sein. Der Ministerpräsident gedachte auch als Privatkläger und Privatbeschädigter aufzutreten. Er war verletzt, beschädigt, beleidigt worden, und er sah gar nicht ein, warum er sich das von einem »Numidier« gefallen lassen sollte. Er hatte an der Laterne des Fahrrades durch welches er umgestoßen war, eine Nummer bemerkt, es war die Nummer 88; der Mann zu dieser Nummer war polizeilich leicht zu ermitteln, und an diesem Unglücksmenschen wollte nun der Generalgewaltige von Gerolstein seinen Zorn auslassen; er war ganz in der rechten Stimmung dazu.
So ward am Morgen nach dem Zusammenstoße Arnold zum Ministerpräsidenten berufen, damit er die Vertretung des Privatklägers und Privatbeschädigten vor den Gerichten übernehme. Arnold nahm die Sache sehr ernst. Der Fall bot zwar kein besonderes juristisches Interesse, aber man bekommt doch nicht alle Tage die Vertretung eines Ministerpräsidenten. Er ließ sich von dem im Bette liegenden Privatbeschädigten den Vorfall genau erzählen und besah sich dann das ministerielle Knie. Es war tatsächlich ganz erheblich aufgeschunden. Auch an die Untersuchung der lädierten Rippe machte er sich, aber es war da ein so starkes Bäuchlein über dieselbe gelagert, daß er bald einsah, daß er als Doktor +juris+ hier nicht zu dem gewünschten Resultate gelangen werde.
»Exzellenz!« sagte er feierlich, »da muß ein +Medicinae+ Doktor her! Wir brauchen ein ärztliches Zeugnis, das wir den Akten beilegen.«
»Mein Hausarzt ist leider verreist«, erwiderte der rachedürstende Ministerpräsident.
»Das tut nichts, Exzellenz. Es ist vielleicht sogar besser, wenn hier nicht der Hausarzt interveniert. Darf ich für diesen Fall den jungen Arzt herzitieren, der sich vor einigen Monaten erst in Gerolstein niedergelassen hat und dessen wissenschaftliche Bedeutung so auffallend rasch auch in Hofkreisen anerkannt und gewürdigt worden ist; ich meine +Dr.+ Bruckner?«
Exzellenz nickte Gewährung, und Arnold ging darauf an den Schreibtisch und fertigte das Schreiben an Fridolin ab.
Während man nun auf den Arzt wartete, wurde der Fall weiter besprochen.
»Über die Körperverletzung«, äußerte Arnold, »werden wir ja bald im klaren sein. Darf ich Exzellenz nun bitten, Näheres über die erlittene Ehrverletzung mitzuteilen. Welcher Art waren die Ehrenbeleidigungen?«
»Als wir beide auf der Straße lagen, da schimpfte ich natürlich ganz gewaltig!«
»Natürlich! Das muß auch der Prozeßgegner begreiflich finden. Exzellenz haben die Rechtswohltat der mildernden Umstände im weitesten Maße für sich; der Schrecken, die Aufregung, der Unmut über die mutwillig zugefügten Verletzungen, der körperliche Schmerz -- es ist nur natürlich, daß man da nicht erst nach gewählten Ausdrücken sucht. Was aber sagte der Attentäter?«
»Das weiß ich eigentlich nicht mehr genau. Er schrie und schimpfte genau so wie ich, nur viel gröber.«
»Viel gröber! Das ist ganz gut; damit kommt er uns in die Laube. Wie lauteten die zu inkriminierenden Beschimpfungen?«
»Das weiß ich so genau nicht mehr. Eigentlich hat er nicht so sehr geschimpft, als mich, nachdem er mich schon über den Haufen geworfen, auch noch verhöhnt!«
»Verhöhnt! Das ist ausgezeichnet! Auch Verhöhnungen brauchen wir uns nicht gefallen zu lassen.«
»Er meinte, ich solle nicht so schreien, als ob ich am Spieße stäke, er liege auch nicht auf Rosen.«
»Unverschämt! Aber es kam dann wohl noch ärger?«
»Und ob! Dann sagte er: mit so einem Bauche sollte man überhaupt nicht auf die Gasse gehen!«
»Das ist stark!«
»Und dann -- sagen Sie einmal, Herr Doktor, was ist denn das eigentlich, ein Pneumatik?«
»Soviel ich weiß, nennt man die mit der Luftpumpe aufgeblähten Hohlreifen so, auf welchen die Radfahrer neuestens fahren.«
»Dann verstehe ich die Sache nicht recht. Und dann sagte er nämlich, das nächste Mal, wenn ich abends wieder ausginge, sollte ich mir eine Laterne an meinen Pneumatik hängen! Was hat der Mensch nur gemeint, da ich doch keinen Pneumatik habe?«
»Exzellenz, ich wage kaum anzudeuten -- ich glaube, der Mensch hatte die Vermessenheit, auf das -- das Embonpoint Ew. Exzellenz anzuspielen!«
»Was? Der Schuft will doch nicht etwa, daß ich mir eine Laterne an den Bauch hängen soll?«
»Es scheint in der Tat, daß so etwas Ähnliches gemeint war.«
»Lieber Doktor, den Menschen müssen wir festsetzen!«
»Ich glaube wohl, daß wir ihm die Lust zu schlechten Witzen vertreiben werden; er soll an uns denken! Wir werden die Ehrenbeleidigung, obschon sie sonnenklar ist, nicht einmal so dringend brauchen. Wir kommen schon mit der Sach- und Körperbeschädigung durch. Wir werden die Hose Ew. Exzellenz als +Corpus delicti+ produzieren, und +Dr.+ Bruckner wird uns hoffentlich ein ärztliches Parere aufsetzen, über welches jener gemeingefährliche Mensch nichts zu lachen haben wird.«
In diesem Moment meldete der Lakai, daß +Dr.+ Friedrich Bruckner um die Ehre bitte, vorgelassen zu werden.
»Ach, +lucus in fabula+!« sagte der Exzellenzherr, er sagte wirklich »+lucus+«. »Ich lasse bitten!« fügte er dann wohlwollend hinzu.
Fridolin trat ein. Er war mit seinem schönsten Fracke angetan, und seine Krawatte strahlte in blütenweißer Pracht und Herrlichkeit. Er verneigte sich sehr tief, und als er sich wieder aufrichtete, da richtete sich auch Se. Exzellenz im Bette auf und schrie nur das eine Wort:
»Hinaus!«
Fridolin stand wie angedonnert da, dann sagte er resigniert:
»Der Mann mit dem Pneumatik!«
Der nächste Moment fand ihn wieder im Vorzimmer draußen, wo ihn sofort eine junge Dame mit der Frage bestürmte:
»Nun, Herr Doktor, wie steht es mit dem Onkel?«
Er stand bei diesen Worten noch einmal wie angedonnert da, und die junge Dame erklärte, als sie ihn erkannte, daß sie umfallen müsse -- es war Käthe.
»Käthe! Du -- Sie -- gnädiges Fräulein -- hier?«
»Jawohl, ich bin hier zu Hause!« entgegnete das junge Mädchen.
»Und der da drin ist dein -- Ihr -- unser Onkel?«
»Natürlich!«
»Bitte! Gar so natürlich ist das meiner Ansicht nach nicht!«
»Er ist aber einmal mein Onkel, und mein Vormund dazu.«
»Und die Tante?«
»Ist seine Schwester«, lautete die ebenso überraschende Antwort.
»Das ist schön von ihr. Was aber den Onkel und Vormund betrifft, so bin ich soeben von ihm mit Glanz hinausgeworfen worden!«
Das Erscheinen eines Lakais im Vorzimmer bereitete dieser Konversation ein vorzeitiges Ende.
IV.
»Aber, du Unglücksrabe!« rief Arnold, als er bald nach der im Keime steckengebliebenen ärztlichen Konsultation zu Fridolin hereinstürmte. »So etwas muß einem Menschen doch gesagt werden! Wie kommst denn du zum Velozipedfahren?«
»Ich bitte dich -- in Gerolstein!«
»Gut, aber dann sagt man mir's doch wenigstens!«
»Ich hatte dich in den letzten Tagen nicht gesehen, und tatsächlich bin ich erst seit einigen Tagen Radfahrer. Ein großer Künstler bin ich allerdings noch nicht; ich hatte erst drei Lektionen genommen und an dem kritischen Abend allein meine erste Ausfahrt versucht.«
»Ein Anfänger fährt doch nicht im Finstern spazieren!«
»Ich tat es absichtlich, um nicht durch meine vorauszusehenden Stütze der lieben Straßenjugend von Gerolstein ein erfreuliches Schauspiel darzubieten. Ich hatte mir auch nur entlegene, menschenleere Straßen ausgesucht.«
»Was gedenkst du nun zu tun?«
»Ich gedenke Se. Exzellenz gerichtlich zu belangen!«
»Mensch, bist du verrückt?!«
»Durchaus nicht. Der Ehrenbeleidigungsprozeß wird ihm angehängt! Ich bin ›Numidier‹, und das bin ich der Radfahrerschaft schuldig. Es muß dem Pöbel, stehe er so hoch wie er wolle, beigebracht werden, daß der Radfahrer nicht vogelfrei ist, und daß nicht der erste beste das Recht hat, einem harmlosen Radfahrer in den Weg zu laufen und ihm dann gar noch, wenn ein Zusammenstoß erfolgt ist, eine Injurie an den Kopf zu werfen.«
»Mein lieber Fridolin, ich glaube, es rappelt bei dir! Der Ministerpräsident ist der erste beste, und du, der ihm die Rippen bricht, bist ein harmloser Radfahrer. Wirklich, ein angenehmer Radfahrer!«
»Ich bin unschuldig. Mich zwingt die Polizei, eine Laterne mit einer Nummer an mein Rad zu hängen, aber sie kümmert sich nicht um den miserablen Stand der Straßenbeleuchtung in der Schleiermachergasse, und wenn der Herr Ministerpräsident seinen ausführlichen Bauch im Finstern spazieren führen will, so soll er das auf dem Bürgersteig tun, nicht aber auf der Fahrstraße, auf der er nichts zu suchen hat. Oder wenn er doch dort lustwandeln will, so soll er sich wenigstens auch eine Laterne an den Bauch hängen. Ich bin nicht verpflichtet, die Ministerpräsidenten auch im Finstern von weitem zu erkennen.«
Arnold schlug bei diesem respektlosen Bericht die Hände über dem Kopf zusammen.
»Aber, Menschenskind!« rief er entsetzt. »Ich glaube, du rasest!«
»Nicht im mindesten! Er hat mich einen ›Schafskopf‹ genannt und einen ›unverschämten Menschen‹. Das lasse ich mir unter keinen Umständen gefallen!«
»Du wirst dir eben auch kein Blatt vor den Mund genommen haben.«
»Oh, ich war sehr höflich. Ich habe mich mit einem ›alten Esel!‹ begnügt; das reicht ja aus für solche Fälle.«
»Oh, du heiliger Strohsack! Wir kriegen den schönsten Hochverratsprozeß auf den Hals!«
»Ich will nicht hoffen, daß ich durchaus etwas verraten habe.«
»Fridolin, man wird dich einsperren!«
»Oho! Für eine Ehrenbeleidigung wird man nicht gleich eingesperrt! Übrigens -- die beste Art der Verteidigung ist -- anzugreifen. Ich werde ihn zuerst verklagen, lasse ihn verurteilen, und dann --«
»Und dann?«
»Und dann werde ich ihn um die Hand seiner Nichte bitten!«
»Nur?« Arnold glaubte vom Sessel fallen zu müssen. »Also darum -- Gerolstein?!«
»Jawohl, nur darum! Jetzt weißt du wenigstens alles.«
»Das ist in der Tat ungemein sinnreich. Ihn erst verklagen und verurteilen lassen und ihn dann um die Hand seiner Nichte bitten!«
»Eins schließt doch das andere nicht aus!«
»Höre, Fridolin, du gehörst wirklich in ein Tollhaus!«
»Warum denn? Ich lasse mich auch von meinem zukünftigen Schwiegeronkel nicht einen Schafskopf heißen!«
»Da muß etwas geschehen; die Sache muß beigelegt werden. Schade, daß gerade du der Übeltäter bist. Ich hätte da einen so schönen Sensationsprozeß daraus gemacht!«
»Das kannst du ja noch, -- nur zu! Ich spreche ganz im Ernst. Für mich wäre es ja auch sehr nützlich gewesen, wenn ich da als Arzt angekommen wäre. Der großartige Hinauswurf hat die schönsten Hoffnungen zunichte gemacht. Du bist ja aber nicht auch hinausgeworfen worden, du sitzest jetzt im Rohr, schneide Pfeifen! Bausche die Sache nur zu einer imposanten Affäre auf. Dir wird's nützen, und mir kann es nicht schaden.«
»Nein, lieber Freund, gegen dich führe ich keine Prozesse!«
»Das wäre ein lächerliches Opfer. Die Ministerpräsidenten liegen doch nicht alle Tage so auf der Straße herum. Sei froh, daß du einmal einen aufgelesen hast!«
»Das verstehst du nicht. Es hat auch vieles für sich, einen Ministerpräsidenten zum Prozeßgegner zu haben. In Gerolstein ist es sogar für mich gewiß praktischer, gegen den Ministerpräsidenten zu prozessieren als für ihn.«
»Ich könnte« -- fuhr der Rechtsanwalt fort -- »nun ganz gut das mir von ihm verliehene Mandat in seine Hände zurücklegen und deine Vertretung übernehmen, aber das, was für mich praktisch und nützlich wäre, kommt hier nicht in Betracht. Wir müssen trachten, daß die Sache beigelegt werde und sich in Wohlgefallen auflöse.«
»Den ›Schafskopf‹ lasse ich aber nicht auf mir sitzen.«
»Der ist, meine ich, hinlänglich kompensiert. Man wird sich gegenseitig entschuldigen.« --
V.
So leicht war aber der Ausgleich doch nicht, wie Arnold sich ihn gedacht hatte. Herr Besenbeck, der gebietende Staatsmann, wollte von einem Ausgleich nichts wissen. Die Radfahrer waren ihm an sich verhaßt, und mit den »Numidiern« traf er die Opposition so recht ins Herz, ohne daß man ihm dabei eine politische Absicht hätte nachweisen können. Jetzt war der Tag der Vergeltung für die zahllosen Nadelstiche gekommen, mit welchen ihm die boshafte Rotte arg und lange genug zugesetzt hatte. Den Redakteur des »Morgenblattes« hatte er nicht zu fassen vermocht; aber der Präsident des Radfahrklubs, der sollte ihn kennen lernen.
Der Arzt, der sofort nach dem unglücklichen Debut Fridolins geholt worden war, hatte über die Verletzung der Rippe noch kein abschließendes Urteil fällen können. Besenbeck erklärte, daß er an der kritischen Stelle geschwollen sei, während der Arzt eher der Meinung zuneigte, daß man dort nur die natürliche Rundung und Wölbung der edlen Körperformen Sr. Exzellenz zu konstatieren hätte. Es täte ihm weh, meinte Besenbeck, wenn er sich auf die rechte Seite legte. Der Arzt riet nach längerem Nachdenken, er möchte sich nicht auf die rechte Seite legen, dann empfahl er kalte Umschläge und schließlich sich selbst.
Arnold fand den hohen Patienten in sehr schlechter Laune und gar nicht zu einer milderen Auffassung des Falles geneigt.
Unter so bewandten Umständen hielt es Arnold doch für rätlich, die Vertretung des Ministerpräsidenten noch nicht zurückzugeben.
»Wir müssen uns auch beizeiten über die etwaigen Einwendungen des Gegners Klarheit zu verschaffen suchen«, begann Arnold, nachdem er sich umständlich wegen seines Mißgeschickes entschuldigt hatte, daß gerade der Delinquent von ihm als Arzt empfohlen worden sei.
»Es gibt keine Einwendungen«, entgegnete Se. Exzellenz ziemlich schroff. »Die Sache war so, wie ich sie geschildert habe, und dagegen gibt es keine Einwendungen.«
»Gewiß nicht, Exzellenz, aber die Gegner werden doch solche zu erheben versuchen. Sie werden beispielsweise betonen, was sie freilich nicht retten wird, daß die öffentliche Beleuchtung in der Schleiermachergasse --«
»Woher wissen Sie,« sagte der Ministerpräsident zu dem jungen Rechtsanwalt, »daß der Zusammenstoß in der Schleiermachergasse stattgefunden hat?«
»Der Fall wird bereits in der Stadt besprochen, und so sind auch mir gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen.«
»Hm?« Se. Exzellenz ward nachdenklich. »Wird schon gesprochen davon? Das tut nichts; jedenfalls darf im Verlaufe des Prozesses die Schleiermachergasse nicht genannt werden.«
»Wie Sie befehlen, Exzellenz. Ich meinte nur, daß eine böswillige Gegnerschaft vielleicht den Anlaß benutzen dürfte, Kritik zu üben an unseren öffentlichen Zuständen. Die Straßenbeleuchtung wird als naheliegender Vorwand dienen müssen, und man wird, weil die Beleuchtung in der Schleiermachergasse --«
»Ich wiederhole, daß die Schleiermachergasse in den Verhandlungen nicht vorkommen darf«, unterbrach der Präsident seinen Rechtsbeistand noch einmal, und dieses Mal in ungeduldigem Tone. »Der Ort des Zusammenstoßes ist ganz nebensächlich; die Hauptsache ist, daß ich beleidigt und verletzt worden bin; alles andere hat aus dem Spiele zu bleiben. Ich muß Sie dringend bitten, sich lediglich an den Tatbestand und an meine Instruktion zu halten.«
»Also gut; lassen wir sie beiseite, die Schleiermachergasse.«
Als nun der Name dieser Gasse doch wieder ausgesprochen wurde, zeigte sich der Ministerpräsident sehr nervös, und ein unwilliges Zucken mit den Schultern verriet, wie unangenehm ihm die Nichtbeachtung seines Befehles sei. Arnold sah ihn befremdet an, aber dann ging ihm plötzlich mit einem Male ein ganzes Meer von Licht auf. Ach so!! Also darum!! In der Schleiermachergasse lag der heilige Hain der Quellgöttin Egeria, -- die schöne Baronin Waltersheim wohnte in der Schleiermachergasse! Arnold atmete auf; nun konnte die Sache für seinen Freund Fridolin nicht mehr schlimm werden.
»Ich habe den ganzen Schlachtplan fertig, Exzellenz!« rief er nach einigem Nachdenken zuversichtlich. »Es wird ein Sensationsprozeß von höchster politischer Bedeutung werden! Es sind schon aus geringfügigeren Anlässen große Dinge hervorgegangen. So wird auch manchem unser Fall im Anfang nicht sehr erheblich erscheinen wollen, und doch dürfte die Welt eines schönen Tages erwachen und die Tatsache vorfinden, daß wir aus diesem scheinbar geringfügigen Anlaß -- die Opposition zerschmettert haben!«
Der Ministerpräsident hörte das nicht ungern, und er nickte seinem eifrigen Anwalt ermunternd und verständnisinnig zu. Das war ja auch sein geheimer staatsmännischer Gedanke gewesen. Der Sack sollte geschlagen werden, aber nicht der Sack war es, der gemeint war.
»Exzellenz sind zu gut!« rief Arnold, immer wärmer werdend. »Nachsicht wäre hier nicht am Platze; es stehen hohe Interessen auf dem Spiele. Lassen Sie nur mich machen. Die Welt soll etwas erleben! Wir wollen doch sehen, ob Stadt und Staat einer Rotte von Übermütigen preisgegeben sein soll! Wir werden den öffentlichen Verkehr sichern und säubern und das Land von einer Landplage befreien. Der Dank der Patrioten soll der Lohn für unsere Mühe sein!«
Arnold wurde mit den nötigen Vollmachten zur Vertretung des Präsidenten in dieser Sache versehen, und als er sich darauf von ihm verabschiedete, um sofort an die Arbeit zu gehen, da blieb jener in zuversichtlicher und gehobener Stimmung zurück, die höchstens dadurch einigermaßen getrübt wurde, daß die Rippe doch nicht mehr so recht weh tun wollte.
Aber auch die Gegner waren nicht müßig geblieben. Der Ausschuß der »Numidier« hatte sich sofort, nachdem der fatale Zwischenfall bekannt geworden war, zu einer Beratung zusammengetan und eine Reihe sehr ernster Beschlüsse gefaßt. Das ausführliche Schreiben, durch welches Arnold als der Vertreter des Privatklägers von den Ergebnissen der Ausschußberatung verständigt wurde, wurde ihm von Fridolin selbst überbracht, der an den Beratungen natürlich auch teilgenommen hatte.
Mit diesem Schriftstück bewaffnet, erschien er zwei Tage nach seiner letzten Unterredung mit dem Ministerpräsidenten im Präsidialbureau. Es hatte diesen nicht länger im Bette gelitten, und in heroischem Pflichtbewußtsein hatte er, nachdem die Sache mit der Rippe sich noch immer nicht aufgeklärt hatte, erklärt, daß er nun doch wieder »regieren« gehen müsse.
»Das ist unser erster Triumph!« rief Arnold, indem er dem Präsidenten das Schriftstück vorwies. »Die Radfahrer kriechen schon zu Kreuze! Unsere Sache steht ausgezeichnet!«
Der Exzellenzherr schmunzelte vergnügt und bat Arnold, ihm das Schriftstück vorzulesen, und Arnold las:
»~Gerolsteiner Radfahrerklub ›Die Numidier‹.~
An Se. Hochwohlgeboren Herrn +Dr.+ Arnold Winter,
Rechtsvertreter Sr. Exzellenz des Herrn Tobias Besenbeck, Ministerpräsident des Großherzogtums Gerolstein
in Gerolstein.
Hochgeehrter Herr!
Mit tiefer Entrüstung und aufrichtiger Teilnahme haben wir Kenntnis erhalten von dem beklagenswerten Unfall, dessen Opfer Se. Exzellenz der Herr Ministerpräsident infolge sträflicher Fahrlässigkeit und Ungeschicklichkeit eines unserer Klubmitglieder geworden ist. Es hieße unsere hohe Mission verkennen, wenn wir hier versuchen wollten, ein strafwürdiges Mitglied in Schutz zu nehmen. Wir haben eine hehre Aufgabe zu erfüllen; diese besteht aber nicht darin, daß wir ein einzelnes Mitglied schützen, das sich gegen die Gesamtinteressen vergangen hat, sondern darin, dem Staate zu dienen, indem wir unserem Sporte dienen. Gewiß sind auch Sie, hochgeehrter Herr, nicht minder wie Ihr hoher Auftraggeber von der großen kulturellen und militärischen Bedeutung des Radfahrsportes für den Staat durchdrungen.«
»Das ist ein Unsinn!« erklärte hier Se. Exzellenz. Arnold aber las weiter:
»Ihnen brauchen wir also all das nicht zu erläutern, und wir begnügen uns daher mit der Erklärung, daß wir das schuldige Mitglied ~preisgeben~, und daß wir uns, soweit es nur gesetzlich zulässig ist, dem ~Strafverfahren anschließen~!«
»Sie sehen, Exzellenz,« unterbrach hier Arnold die Lektüre, »schon haben wir die Herren von der Opposition zu uns herübergezogen!«
»Das ist in der Tat gar nicht so übel«, meinte Besenbeck, wohlgefällig lächelnd; »doch lesen Sie weiter!« Und Arnold las:
»Es ist der dringende Wunsch des ergebenst unterzeichneten Ausschusses, daß der schuldige Radfahrer bestraft, möglichst strenge bestraft werde, und auch wir wollen unserseits alles tun, was zur Klarstellung des Sachverhaltes dienen kann. Nichts soll in diesem Falle den Lauf der Gerechtigkeit hemmen. Wir wollen beweisen, daß, wenn ~ein~ Radfahrer schuldig ist, es doch nicht ~alle~ sind; wir wollen zeigen, daß wir mit einem wirklich Schuldigen nicht gemeinsame Sache machen. Mit Rücksicht auf den hier erwähnten Zweck haben wir uns zu zwei Kundgebungen entschlossen. Es soll erstens ein Aufruf an unsere Mitglieder erlassen und zweitens ein Artikel über den Vorfall in der nächsten Sonntagsnummer des ›Morgenblatt‹ veröffentlicht werden. Zur gerechten Beurteilung der ganzen Angelegenheit ist es unumgänglich nötig, daß ein Lokalaugenschein aufgenommen werde. Es wird sich dabei bis zur Evidenz herausstellen, daß es bei auch nur einiger Aufmerksamkeit dem schuldigen Radfahrer ein leichtes sein mußte, der Persönlichkeit Sr. Exzellenz auszuweichen, beziehungsweise sie zu umfahren; es wird sich herausstellen, daß auch für eine solche Kurve die Straße noch breit genug ist. Es muß also eine Gerichtskommission in die ~Schleiermachergasse~ entsendet werden, damit sie den Schauplatz der Tat studiere. Das Unglück geschah vor dem Hause Nr. 12 in der ~Schleiermachergasse~.«
»Das ist eine freche Lüge!« rief der Präsident wütend. -- In dem Hause Nr. 12 wohnte nämlich die schöne Baronin Waltersheim. -- Der junge Rechtsanwalt aber verlas das Schriftstück weiter:
»Der Lokalaugenschein muß ferner, um allen Parteien gerecht zu werden, des Abends in der Dunkelheit vorgenommen werden, und unser Aufruf an die Mitglieder bezweckt nichts anderes, als sie aufzufordern, sich der Gerichtskommission zur Verfügung zu stellen. Sie sollen vollzählig zur festgesetzten Stunde am Schauplatz der Tat erscheinen, und zwar, um die Arbeit der Kommission nach jeder Richtung zu erleichtern, mit Fackeln. --«
»Die Schufte werden doch keinen Fackelzug vor dem Hause Nr. 12 veranstalten wollen?« rief der Präsident förmlich atemlos in seinem Ingrimm. -- Arnold las weiter:
»Wir können versprechen, daß der Aufruf an unsere Mitglieder recht warm gehalten werden soll, und daß eine recht zahlreiche Beteiligung zu erhoffen sein wird. Der Aufruf wird mit dem Appell schließen: Auf, Sportgenossen, es gilt die gemeinsame große Sache! Auf, alle pünktlich in die ~Schleiermachergasse~! Sammelpunkt vor dem Hause Nr. 12.«
Se. Exzellenz schnappte erneut nach Luft.