Vom köstlichen Humor

Part 11

Chapter 113,557 wordsPublic domain

»Dabei soll es aber nicht sein Bewenden haben. Am nächsten Sonntag soll auch ein Artikel erscheinen, der insbesondere unsere jüngeren Fahrer belehren soll. Der Artikel wird den Fall, wie sich's gebührt, kraß, aber natürlich wahrheitsgetreu schildern. Er wird den Titel führen: ›~Die Katastrophe in der Schleiermachergasse~‹ -- denn eine Katastrophe bedeutet der Fall für unseren Sport. Die Radfahrer müssen eindringlich gemahnt werden, in den Straßen der Stadt mit Vorsicht und Besonnenheit zu fahren; es soll ihnen gesagt werden, daß jeder Staatsbürger das verfassungsmäßig gewährleistete Recht habe, nicht umgerannt zu werden, und daß der Bauch eines Ministerpräsidenten nicht vogelfrei sein darf. Es muß ihnen gesagt werden, daß sie unseren Sport schädigen, wenn sie unseren Ministerpräsidenten beschädigen. Wie Harun-al-Raschid in den Straßen Bagdads, wie Numa Pompilius durch die Straßen Roms, wenn er heimlich seine Egeria aufsuchte, so wandelte er still und unerkannt durch die Schleiermachergasse, das Wohl des Staates erwägend -- und dabei sollte er seines Lebens nicht sicher sein? Das wäre ein ganz unhaltbarer Zustand, und das muß unseren Radfahrern gesagt werden. Sie sehen, hochgeehrter Herr, wir sind ganz auf Ihrer Seite und bereit, alles zu tun, um Sie in Ihren Bemühungen, den Schuldigen der verdienten Strafe zuzuführen, nach jeder Richtung hin zu unterstützen. Wir sind weit entfernt davon, etwas vertuschen zu wollen, und werden Ihnen immer gerne behilflich sein, die Sache nicht einschlafen zu lassen.

Mit sportlichem All Heil!

+Dr.+ A. ~Wohlrab~, Präsident. +Dr.+ Fr. ~Bruckner~, dzt. Schriftführer.«

»Was?« rief der Präsident, als Arnold zu Ende gelesen hatte, »der Schriftführer heißt +Dr.+ Bruckner?! Ist das am Ende gar derselbe, der --«

»Es scheint.«

»Das ist stark!«

»Es ist jedenfalls ein Zeichen von hoher Objektivität, wenn er selbst den Stab über sich bricht.«

Der Präsident sah sich Arnold etwas genauer an. Ob der junge Mann wohl etwas gemerkt hat? Arnold bestand die Prüfung zur Zufriedenheit des Präsidenten, der nun überzeugt war, daß er nichts gemerkt hätte. Das nahm ihn für den jungen Rechtsanwalt ein.

Der Ministerpräsident nahm eine Miene der Überlegenheit an, als ihn Arnold zu dem bisher schon erreichten prozessualen Erfolge beglückwünschte, und sagte dann, zwar noch immer ernst, aber doch sehr leutselig:

»Leider habe ich jetzt doch nicht die Muße, den Prozeß weiter zu verfolgen. Es zeigen sich ernste Verwickelungen in unserer auswärtigen Politik, und da habe ich nicht die Zeit, meinen Privatpassionen nachzugehen.«

Arnold tat sehr betrübt, als der weitblickende Staatsmann das Schriftstück der »Numidier« in den Papierkorb warf und ihn beauftragte »abzurüsten«, da es nicht zum Kriege kommen solle, -- die Sache sei es ja doch nicht wert. Wenn man den Kasus genau betrachte, müsse man ihn für einen geringfügigen halten. Arnold stimmte auch dem mit Wärme bei; er hätte das gleich und immer gesagt. Merkwürdig! Exzellenz konnte sich daran doch gar nicht erinnern!

Arnold wurde aber von seinem hohen Auftraggeber mit noch einer weiteren, mehr diplomatischen Mission betraut. Er sollte auch bei der gegnerischen Seite abwiegeln. Das müßte natürlich klug angestellt werden. Es sollte so herauskommen, als ob er, der Ministerpräsident, die kleine Torheit gnädigst verzeihen wolle, und daß er es für wünschenswert halte, daß von dem Vorfalle nichts in die Öffentlichkeit dringe; das sei schon notwendig mit Rücksicht auf seine Autorität. Arnold könne auch versprechen, daß, falls diese Wünsche die entsprechende Beachtung fänden, der Radfahrsport, dem tatsächlich eine hohe Bedeutung nicht abzusprechen sei, von Seite der Obrigkeit stets eine nachdrückliche Förderung erfahren solle.

»Sehen Sie, mein junger Freund,« schloß der Präsident, »so macht man Politik! So gewinne ich die Opposition viel sicherer, als durch Zank und Streit. Es ist besser, die erregten Gemüter zu beruhigen, als die Leidenschaften zu entfesseln.«

Arnold ging, um seine Mission zu erfüllen, während der zurückbleibende und nun von jedem Zwange befreite Präsident in seinem tiefen Ingrimm nur bei dem Gedanken einige Beruhigung fand, daß es auf jene gottvergessene Rotte Korah einmal doch noch Pech und Schwefel regnen müsse.

Das Resultat seiner Bemühungen, das Arnold am nächsten Tage Sr. Exzellenz zu berichten hatte, war kein durchaus befriedigendes. Die »Numidier« als solche waren zwar gewonnen, der Ausschuß ebenfalls, nicht minder der Klubpräsident und Redakteur des »Morgenblattes«, aber der eigentliche Schuldige selbst, der war durchaus nicht zur Vernunft zu bringen.

»Ja, was will denn der Mensch?« fragte Besenbeck erstaunt.

»Exzellenz, er behauptet, ein ›Schafskopf‹ genannt worden zu sein!«

»So, so; behauptet er das? Dann wird es wohl auch richtig sein.«

»Und den möchte er nicht auf sich sitzen lassen.«

»Dann werden wir den ›Schafskopf‹ zurücknehmen.«

»Damit will er sich nicht mehr begnügen.«

»Was meint der Narr noch? Soll ich mich mit ihm schlagen?«

»Das würde er für ungesetzlich halten.«

»Ja, was in aller Welt will er sonst?«

»Er will seinen Prozeß.«

»Was?« schrie nun Se. Exzellenz wütend. »Seinen Prozeß mit Fackelzug und berittenen Bannerträgern vielleicht?!«

»Er ist so furchtbar starrköpfig,« klagte Arnold, »und wir haben kein Mittel, ihn von der Klage abzuhalten.«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich jetzt zu solchen Dummheiten keine Zeit habe. Die Sache muß hintertrieben werden um jeden Preis, hören Sie -- um jeden Preis?!«

»Exzellenz, einen Ausweg hat er mir allerdings angedeutet, aber ich wage nicht --«

»Nur heraus damit; die Sache muß hintertrieben werden!«

»Exzellenz, es ist so seltsam, was er verlangt, daß ich wirklich kaum den Mut finde, sein Ansinnen hier zu wiederholen. Er meint, die Beleidigung, die ihm hier widerfahren sei, könne ein Ehrenmann sich höchstens von einem ihm sehr nahestehenden Manne, so gewissermaßen nur von einem Familienmitgliede gefallen lassen.«

»Ich kann doch ihm zuliebe jetzt keine Verwandtschaft zwischen ihm und mir herzaubern!«

»Derselben Ansicht war auch ich, Exzellenz, er aber meinte, daß dies doch möglich wäre.«

»Das ist ja ein kompletter Narr!«

»Gar so unmöglich ist die Sache auch wirklich nicht, das heißt -- sofern Exzellenz nur zuzustimmen geneigt sein sollten. -- +Dr.+ Bruckner liebt nämlich das gnädige Fräulein, Ihre Nichte, und wird von ihr wiedergeliebt.«

Der Herr Ministerpräsident schnappte nach Luft und blies sie dann wieder von sich wie ein Blasebalg. Die mächtige Präsidentenglocke wurde in Schwung gesetzt und dem sofort eintretenden Lakai bedeutet, daß Fräulein Käthe sofort in der Präsidialkanzlei zu erscheinen habe. Käthe kam auch hereingewirbelt wie ein Frühlingssonnenstrahl.

»Sage mal, Käthe,« begann der gestrenge Leiter der politischen Geschicke des Großherzogtums Gerolstein, »was würdest du sagen, wenn wir dich aus Gründen der Staatsräson verheiraten wollten?«

»Aus Gründen der Staatsräson heiratet man gewöhnlich einen Prinzen«, erwiderte Käthe.

»Ja, einen Prinzen! Den würdest du allerdings nehmen!«

»Den würde ich allerdings nicht nehmen!«

»Nicht?! Warum nicht?«

»Weil ich keinen Prinzen will.«

»So -- das ist ein Grund; dagegen läßt sich nichts sagen. Wenn es nun aber kein Prinz wäre -- aber lassen wir das vorläufig. Sage mal, Käthe, -- wir wollen jetzt von etwas anderem sprechen, -- kennst du einen Herrn +Dr.+ Friedrich Bruckner?«

Käthe wurde feuerrot im Gesicht, aber sie nickte tapfer ein Ja!

»So! Davon weiß ich ja gar nichts! Woher denn? Wenn ich fragen darf?«

»Ach, Onkel, das erzähle ich dir ein anderes Mal. Wenn aber die Staatsräson da verlangen sollte --«

Käthe vollendete den Satz nicht. Sie sah, wie ihr der Onkel und Vormund aufmunternd zulächelte, und sie warf sich ihm in stürmischer Freude an die Brust.

»O, du süßer, du lieber, du guter, guter Onkel!« rief sie, indem sie ihn küßte.

Der Präsident war ganz gerührt und rief dann wohlwollend zu Arnold hinüber, der sich diskret in eine Fensternische zurückgezogen hatte:

»Sehen Sie, mein junger Freund, so arrangiert man schwierige Dinge, und so löst man bedenkliche Konflikte. Benachrichtigen Sie den jugendlichen Starrkopf, und sagen Sie ihm, ich hoffte, daß wir noch gute Freunde werden würden!«

Eine Entlarvung.

Erich Rodebach, der deutsche Stahlmagnat, auf dessen Wink zehntausend Arbeiter und Beamte einzuschwenken hatten wie die bestgedrillten pommerschen Füsiliere, war aus dem Wuppertale, in dem sich sein industrielles Königreich ausbreitete, in einem Zug nach Nizza gefahren, um doch selber nach dem Rechten zu sehen. Frau und Tochter -- seine einzige Tochter -- hatten einige Wochen vorher eine Vergnügungsreise angetreten und weilten nun an der Riviera. Ihre Briefe aus Nizza waren einigermaßen beunruhigend gewesen. Da ward viel phantasiert von einem entzückenden exotischen Prinzen, den sich Alma, sein Herzenskind, im Fluge erobert hätte. Alma erwiderte seine Liebe, und ein stilles Verhältnis besiegelte vorläufig den schönen Bund. Ein stilles natürlich, denn offiziell sollte die Sache erst werden, wenn Papa erst selbst gesehen und seinen Segen dazu gegeben haben würde.

Rodebach hatte einen instinktiven heillosen Respekt vor entzückenden exotischen Prinzen, die in Nizza in so naher Nachbarschaft von Monte Carlo auftauchen. Er machte sich also schleunig auf und kam und sah und forschte und ließ forschen, und er fand seine schlimmsten Befürchtungen nicht nur bestätigt, sondern durch die Tatsachen noch weitaus überboten. Das Frauenzimmervolk ist doch von einer unglaublichen Naivität! Er hatte in wenigen Tagen die Wahrheit herausgebracht, und nun war er daran, Schluß zu machen. Dazu fühlte er sich Mannes genug, ohne erst die Hilfe der Behörden in Anspruch zu nehmen. Er war ein weltkundiger Mann, ein Mann der Praxis. Jetzt wollte er Ordnung machen. Er fühlte sich sicher. Das Material, das er in der Hand hatte, war ein erdrückendes. Nun hatte er sich den »Prinzen« vorgeladen und nun sollte die Entlarvung und darauf prompt der Hinauswurf erfolgen.

Der Prinz, der mingrelische Prinz Bradian, wurde gemeldet, und in der nächsten Minute standen sich die beiden Männer in dem eleganten Salon des vornehmen Hotels gegenüber. Ein starker Kontrast, die beiden Erscheinungen. Rodebach wuchtig, in schier überlebensgroßen Dimensionen gestaltet, mit angegrautem, aber dichtem Haupthaar und starkem Knebelbart, buschigen Augenbrauen, wulstigem, gerötetem Gesicht; der Prinz eine zarte, zierliche Figur, jugendlich schlank, mit gescheiteltem, glänzend schwarzem Haar und kleinem Schnurrbärtchen, mit wunder hübschen schwarzen schwärmerischen, wie in schwermütiger Träumerei aufblickenden Augen, das Antlitz ein wenig bleich, etwa von der Farbe des nachgedunkelten Elfenbeins. Er verneigte sich stumm und machte nicht den Versuch, seinem Partner die Hand entgegenzustrecken. Rodebach hieß ihn mit einer Gebärde Platz zu nehmen.

»Sie können sich denken, weshalb ich Sie herbeschieden habe.«

»Ich habe allerdings so eine dunkle Ahnung, Herr Rodebach, möchte aber nicht vorgreifen. Bitte!« Und er lud mit einer Handbewegung den gebietigen Mann ein, vorzubringen, was er auf dem Herzen habe.

»Gut. Wie Sie wünschen. Sie wissen, daß ich Sie vom Fleck weg verhaften lassen kann.«

»Das können Sie nicht, Herr Rodebach. Aber Sie gestatten ja, daß ich mir eine Zigarette anzünde. Das Gespräch scheint interessant werden zu wollen, und unter Männern spricht es sich angenehmer, wenn man dabei raucht. Vielleicht angenehm? Nicht? Schade!«

Und damit steckte er die goldene Zigarettendose wieder ein, die er dargeboten hatte, und versorgte sich aus einem gleichfalls goldenen Zündhölzchenbehälter mit Feuer.

»Ich wiederhole, daß ich Sie sofort verhaften lassen kann.«

»Ich wiederhole, daß Sie das nicht können, mit dem besten Willen nicht. Sie sind da vollständig im Irrtum, Herr Rodebach; ich weiß das besser!«

»Sie sind nicht das, wofür Sie sich ausgeben.«

»Ich könnte zwar durch meine Papiere, die vollständig in Ordnung sind, beweisen, daß ich wirklich Prinz Bradian von Mingrelien bin, aber ich lege auf solche Kleinigkeiten kein Gewicht. Ich gebe Ihnen ohne weiters zu, daß ich kein angeborenes Recht habe, als Prinz aufzutreten. Man hat manchmal so seine kleinen Launen!«

»Herr, Sie sind ein Unverschämter! Ich werde Sie aber zwingen, von Ihrem hohen Roß herabzusteigen.«

»Ganz wie ich vermutet; die Sache verspricht interessant zu werden.«

»Ihr wahrer Name ist Moriz Hofmann; geboren und zuständig zu Nikolsburg in Mähren.«

»Vollkommen richtig. Ich bin stolz darauf und denke nicht daran, es in Abrede zu stellen.«

»Sie sind vierzig Jahre alt und nicht, wie Sie sich ausgegeben haben, achtundzwanzig.«

»Ich betrachte es als einen hübschen persönlichen Erfolg, daß man mir die achtundzwanzig geglaubt hat.«

»Sie sind ein berüchtigter Verbrecher. Von den vierzig Jahren haben Sie zwölf in den Zuchthäusern verschiedener Herren Länder verbracht!«

»Sie sehen, wie die Rechnung stimmt. Diese zwölf Jahre habe ich aus meinem Leben gestrichen, -- bleiben genau achtundzwanzig. Ich war berechtigt dazu. Denn -- sagen Sie selbst, Herr Rodebach -- so ein Leben in den Gefängnissen -- ist denn das wirklich ein Leben?!«

»Ich bin also hinreichend berechtigt, Sie nun mit Fußtritten aus meinem Zimmer zu jagen!«

»Nicht so, Herr Rodebach! Mir wäre das ja ein ganz erwünschter Vorgang, und ich habe ihn auch schon in ernste Erwägung gezogen. Wenn Sie also durchaus wollen -- bitte, bedienen Sie sich. Ich möchte Ihnen abraten, obschon ich keinen Versuch der Gegenwehr machen würde. Das wäre nicht nur unnütz, es wäre auch unklug. Warum soll ich nicht einmal die Treppe hinunterstiegen? Wenn ich Glück habe, setzt es dabei eine bessere Verwundung ab. Für einen Nervenschock garantiere ich, -- und Nervenschocks sind nicht billig!«

»Ich muß sagen, einer solchen Frechheit gegenüber bleibt mir der Verstand stehen!«

»Und ich, Herr Rodebach, muß wiederholt andeuten, daß Sie den Ton, auf den Sie unsere Unterhaltung zu stimmen versuchen, recht unglücklich gewählt haben. Ich fühle mich -- Sie wissen sehr wohl, aus welchen zarten Rücksichten --«

»Ich verbiete Ihnen, auch nur ein Wort ~davon~ zu sprechen.«

»-- verpflichtet, Ihre Interessen zu wahren. Sie reiten sich ja immer tiefer hinein und liefern sich mir förmlich in die Hände. Alles, was Sie sinnen und reden, drängt in schnurgerader Linie zu einem großen, europäischen Skandal, den zu vermeiden Sie dringendere Gründe haben als ich. Nichts kann klarer sein. Auf der einen Seite meine Ehre, -- ich beschönige nichts -- die Ehre eines Hochstaplers, auf der andern der Name Ihres Hauses -- reden wir nicht weiter! Die Partie steht zu ungleich zu Ihren Ungunsten.«

»Darin haben Sie allerdings recht!«

»Wie ich denn überhaupt Wert darauf lege, immer korrekt zu denken und korrekt zu handeln.«

»Der edle Stolz eines Gauners!«

»Herr Rodebach, ich kann Ihnen den sanften Vorwurf nicht ersparen, daß Ihr Diapason noch immer falsch gestimmt ist. Es ist ausschließlich ~Ihr~ Interesse, mich nicht zu verstimmen. Je höher ich als Ehrenmann vor Ihren Augen und jenen der Welt dastehe, desto besser für Sie. Rekapitulieren wir einmal, um zu sehen, wie sich die Dinge ausnehmen würden, wenn alles nach Ihrem Kopfe ginge. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis zünde ich mir dazu eine frische Zigarette an. Sie wissen ja, es spricht sich besser, wenn --«

»Also gut; dann rauche ich auch eine Zigarre. Das Vergnügen, einen philosophischen Betrüger anzuhören, ist ein seltsames und will mit Muße genossen sein.«

»Die starken Ausdrücke tun mir weh, Herr Rodebach, weil Sie Ihre Position verschlechtern. Also fassen wir zusammen: Erst wollten Sie mich nur gleich ins Loch stecken lassen, weil ich mir den Titel eines Prinzen beigelegt habe. Das geht nicht. In Deutschland oder in Österreich hätte ich wegen Falschmeldung eine kleine Geldstrafe, immer noch keine Verhaftung, zu gewärtigen. Auf französischem Boden kümmern sich die Gerichte um solche Albernheiten nicht. Da kann sich einer auch einen Herzogstitel anmaßen und es kräht kein gallischer Hahn danach. Während Sie aber bei diesem Versuche nur durchgefallen wären, würden Sie mit Ihren andern Intentionen einfach reinfallen. Sie haben sich damit ganz in meine Hand gegeben. Unbesorgt -- ich werde keinen unedlen Gebrauch von Ihren Unvorsichtigkeiten machen! Sie wollen mich zwingen, vom hohen Roß herabzusteigen. Was heißt das? Sie werden mich entlarven. Aber ich bitte -- entlarven Sie! Wer hindert Sie? So schreien Sie es doch hinaus in die Welt: Dieser Mann ist kein Prinz; er ist der größte Hochstapler Mitteleuropas, und dieser Mann hat sich mit meiner Tochter verlobt!«

»Das ist erlogen!«

»Pardon! In meinem Geschäfte habe ich immer auf Korrektheit gehalten. Ich behaupte nichts, was ich nicht beweisen kann. Ich bin in der angenehmen Lage, einem hohen Gerichtshofe eine ganze Anzahl von schriftlichen Beweisen vorzulegen. -- Hat sich mit meiner Tochter verlobt, hat sie geküßt --«

»Bube, ich schlage dich ins Gesicht!«

»Das würde nichts beweisen und wieder nur Ihre Lage verschlechtern. Ich dagegen würde auch das beweisen, und zwar durch zeugeneidliche Vernehmung der beiden Damen, Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin und meiner nicht minder hochverehrten Braut.«

Wie von der Natter gestochen sprang Rodebach auf, als dieses letzte Wort an sein Ohr schlug. Sein ungleicher Partner mahnte aber zur Besonnenheit.

»Bleiben Sie ruhig sitzen, Herr Rodebach. Diese Erregungen erschweren nur unsere Auseinandersetzung. Ich wollte nur dartun, daß Ihre Position als Angreifer eine unhaltbare ist. Weiters aber will ich Ihnen beweisen, daß Sie selbst ~mir~ die Mittel an die Hand gegeben haben, zum Angriff überzugehen. Sie haben sich zu Ehrenbeleidigungen hinreißen lassen, und nichts hindert mich nun, meinerseits mit einer gerichtlichen Klage vorzugehen. Ich gebe mich keiner Illusion hin. Ich würde mit der Klage nicht durchdringen. Es fehlt uns das Moment der Öffentlichkeit, das zu einer regelrechten Ehrenbeleidigung erforderlich ist. Sie würden freigesprochen werden, aber mir ist es gar nicht um Ihre Verurteilung zu tun. Dazu habe ich ein zu gutes Herz. Mir würde es vollständig genügen, unsere Angelegenheit vor der Öffentlichkeit verhandeln zu lassen.«

»Auf alle Gefahr hin -- Hofmann, Sie sind wirklich ein ausgemachter Schurke!«

»Halten wir uns nicht mit leeren Redensarten auf. Ich habe noch andere Pfeile im Köcher. Wenn ich mit der Ehrenbeleidigung durchfiele, so würde ich mit der ›gefährlichen Drohung‹ mehr Glück haben. Sie erinnern sich der mir in Aussicht gestellten Gewalttätigkeiten. Ganz sicher aber hätte ich Erfolg mit dem ›Vorwerfen der ausgestandenen Strafe‹. Da würden Sie heilig eingehen.«

»Ich würde es darauf ankommen lassen.«

»Das glaube ich. Nicht aber auf die öffentliche Erörterung der Umstände! Sie können beruhigt sein. Ich denke nicht daran, gegen Sie irgendwie feindlich vorzugehen. Dazu schätze ich Sie und Ihre verehrten Angehörigen viel zu hoch.«

»Wir fühlen uns außerordentlich geschmeichelt!«

»Diese Ironie soll der Ausdruck einer Verachtung sein, die mir nicht ganz gerechtfertigt erscheint. Schließlich -- ich habe das Herz Ihrer Tochter gewonnen!«

»Reden Sie nichts davon!«

»Ich bitte um Verzeihung, ich muß davon reden, weil es schließlich klar werden muß zwischen uns. Sie hat mich liebgewonnen, und sie ist eine Heilige. Sie hat mich liebgewonnen -- ich stelle es unter Beweis! --, und das muß doch einen Grund haben. So ganz verwerflich kann ich nicht sein. Ich habe keine Zauberkünste aufgewendet. Es war die einfachste Sache von der Welt. Wir haben uns kennen und lieben gelernt. Mit meinem Reichtum habe ich nicht geprunkt, und mein erborgter Titel kann sie nicht geblendet haben. Sie verkehrt nur in aristokratischen Kreisen und ist darüber hinaus, daß sie sich durch Titel blenden ließe. Sie werden ihr zehn, zwanzig, vielleicht fünfzig Millionen mitgeben -- was weiß ich! Ich war nie so gemein, danach zu forschen, -- da kann sie, wenn sie will, sich jeden Titel kaufen. Da Sie nun ein Vorurteil gegen mich haben ...«

»Ein Vorurteil -- gegen einen Betrüger?!«

»Allerdings, ein Vorurteil. Gegen einen Betrüger? Ich zweifle nicht, daß in absehbarer Zeit eine vorgeschrittene und geläuterte Gesetzgebung den Betrugsparagraphen einer Revision wird unterziehen müssen. Im Kampf ums Dasein muß es Sieg und Niederlage geben. Siegen wird immer der Stärkere über den Schwächeren, der Klügere über den -- Minder klugen. Und jeder Sieg wird mehr oder minder ein Betrug sein. Es ist nicht anders im Kampf ums Dasein.«

»Wie bereits erwähnt -- ein philosophischer Gauner!«

»Ich sehe, daß Sie von Ihrem Vorurteil nicht abzubringen sind, und darum -- es mag Sie beruhigen, Herr Rodebach --, trete ich zurück und gebe meine Ansprüche auf.«

»Reden wir deutlich. Was kostet das?«

»Ach, Herr Rodebach, zu Erpressungen habe ich mich nie erniedrigt. Ferne sei es von mir --«

»Keine Redensarten! Was kostet's?«

»Ich will mein Leben ändern. Mein bisheriges Geschäft --«

»Der Hochstapelei!«

»Die Hochstapelei -- war ganz schön, aber die Betriebskosten sind zu hoch. Man behält schließlich nie etwas übrig. Ich will ins bürgerliche Leben, ich will in die Armut zurückkehren. Mit zweitausend Mark glaube ich das Auslangen finden zu können.«

»Ich denke auch, daß ein alleinstehender Mensch damit leben könnte.«

»Mit zweitausend Mark monatlich --«

»Monatlich?!«

»Mit zweitausend Mark monatlich glaube ich in der Tat bei bescheidenen Ansprüchen mein Leben fristen zu können. Es wäre Hochstapelei, Herr Rodebach, wenn ich weniger angäbe. Ich müßte dann doch wieder kommen und Ihnen Ungelegenheiten bereiten, und das möchte ich um keinen Preis.«

»Hören Sie, das ist ein bißchen unverschämt, ein bißchen sehr!«

»Ich verlange nicht das Kapital; es wäre nicht sicher in meinen Händen. Mir genügt es, wenn ich meine monatliche Rente pünktlich zugestellt erhalte.«

»Unter der Voraussetzung, daß Sie als Moriz Hofmann untertauchen, nie in meinem Hause sich blicken und von der ganzen Angelegenheit kein Wort verlautbaren lassen!«

»Das ist die selbstverständliche Bedingung. Die Rente hört auf, wenn ich diese Bedingung nicht einhalte.«

»Wünschen Sie etwas Schriftliches?«

»Nein, Herr Rodebach. Nicht etwa nur, weil mündliche Verträge dieselbe bindende Kraft haben, sondern überhaupt, weil Ihr Wort mir die beste Bürgschaft bietet, die es auf der Welt gibt.«

»Gut. Sie werden meinem Hause Ihre Adresse angeben, und die Sendungen werden regelmäßig erfolgen. Und somit wären wir fertig. Sie reisen sofort ab.«

»Sofort, Herr Rodebach, nur muß vorher noch anstandshalber eine kleine Formalität erledigt werden. Hier meine Hotelrechnung, -- ich bin momentan wirklich nicht in der Lage, sonst würde ich mir gewiß nicht erlauben --«

»Geben Sie her; ich werde das Geld sofort hinüberschicken. Donnerwetter! Dreitausendzweihundert Francs -- Sie haben nicht schlecht gelebt, Hofmann!«

»Ich habe nie schlecht gelebt, Herr Rodebach, außer wenn ich -- auf Ferien war.«

»Gut, soll auch gemacht werden. Adieu!«

Eine Verbeugung -- und von diesem Augenblick an gab es einen Prinzen weniger auf der Welt.

* * * * *

Hinterher fiel Herrn Rodebach etwas ein -- +esprit d'escalier+! Er hatte sich den Kriminaldetektiv Schulze IV aus Berlin verschrieben gehabt, der die Tatsachen feststellte und Photographie und Fingerabdrücke als Überführungsmaterial beschaffte. Nun erst -- zu spät -- erinnerte sich Rodebach an Dagobert. Wenn er dem die Sache übertragen hätte -- er wäre sicher besser weggekommen. Was tut's? Er war's auch so zufrieden.

Wolfgang Lenburg,

»Straße 27«.

Aus »Oberlehrer Müller«.

Mit Genehmigung der Verleger ~Gebrüder Paetel~ in ~Berlin~ aus ~W. Lenburg~ »~Oberlehrer Müller~«. Gbd. M. 3.--

»Straße 27«.

Wenn mich meine Bekannten jetzt fragen, wohin ich denn eigentlich seit dem ersten April gezogen sei, so beschleicht mich immer ein Gefühl der Beschämung.