Part 12
Früher habe ich auf die Frage nach meiner Wohnung stets frohgemut sagen können: Potsdamer Straße 73. Die »vier Treppen« schenkte ich mir, denn wer mich alsdann besuchen wollte, fand mich ja doch schon mit Hilfe des stummen Portiers. Nur bei solchen Menschen, deren Gehen mir lieber war als ihr Kommen, fügte ich mit hohler Stimme unheilverkündend noch hinzu: »Eigentlich sind es fünf, denn das Hochparterre ist so gut wie erster Stock.«
Wer Berlin +W+, Potsdamer Straße wohnt, braucht sich nicht zu schämen, vorausgesetzt, daß er sonst keinen Grund dazu hat. Aber die Bezeichnung meines neuen Domizils, »Straße 27«, klingt denn doch gar zu sehr nach unbezahlten Baumaterialien, Trockenwohnern auf Halbmiete, Rückkompanie und Kulturmangel.
»Straße 27!«
Man sieht förmlich dabei im Geiste auf käfigartigen Balkons zum Trocknen ausgebreitete Betten, Wäschestücke und Strümpfe, und darüberlugend Leute in Hemdsärmeln und viele Kinder mit ungeputzten Nasen.
Herr Kommissionsrat Bräuer, dessen zwölfjährigem Sohne ich ein Jahr lang mit unbegrenzter Ergebnislosigkeit Nachhilfestunden im Lateinischen gegeben hatte, meinte, als ich ihm meine neue Wohnung nannte, in vorwurfsvollem Tone: »Sie hatten doch aber ein ganz gutes Einkommen und manche Nebeneinnahmen!«
Und wie hört es sich nun gar an, wenn ich der Straßenbezeichnung noch meine Hausnummer zufüge: »Straße 27-34!« Gerade als wenn man auf dem Bahnhof eine Droschke nach der Blechkontrollnummer aufruft!
Eine Tante von mir hat sich übrigens mit vieler Mühe die Nummer 2734 in der Königlich-Preußischen Klassenlotterie verschafft und ist ziemlich sicher, mit einem nicht unerheblichen Gewinn herauszukommen.
Welch törichter Aberglaube!
Das ist auch noch eine, freilich sehr, sehr schwere Kulturaufgabe der Schule, solch mittelalterlichen Köhlerglauben aus dem Herzen der Menschen zu roden.
Die meisten meiner Bekannten sagen, wenn sie hören, daß ich jetzt in der »Straße 27« wohne: »Nanu, warum denn?« oder »Achherrje, das ist wohl da hinten?« oder auch bloß: »Oh!«
Nur Maler Rönne, mein alter, unentwegt manifestierender Schulkamerad, fand in der Fülle des Beileids keine Worte, sondern drückte mir nur stumm die Hand. Sonst gestaltete sich unser zufälliges Zusammentreffen auf der Straße immer zu einer geschäftlichen Transaktion, in welcher ich den Vorzug hatte, als »Selbstdarleiher« -- Rückzahlung bis 1930 ausgeschlossen -- zu figurieren. So unangepumpt wie diesmal bin ich noch nie von Rönne losgekommen.
Jetzt habe ich mir schon angewöhnt, immer zu sagen: »Straße 27, -- aber es ist gar nicht so schlimm!«
Und wirklich, so schlimm ist's auch gar nicht. Straße 27 liegt auch nicht »da hinten«, sondern in Berlin +W+. Ja, ~wirklich~, in Berlin +W+, und dicht am Kurfürstendamm.
Auch muß ich gestehen, daß die Häuser in Straße 27 mit ihren niedlichen Erkern, verschiedenartig gestalteten Balkons und den lichtfrohen Hausfluren einen gewissen Individualismus haben und recht anheimelnd aussehen. Und mit einem Anflug von Stolz sehe ich noch einmal die Straße 27 hinab, ehe ich meinem Hause zuschreite.
»Holla, siebenundzwanzig -- vierunddreißig,« ruft mich da plötzlich der Vorsitzende unseres Literarischen Zentralvereins an, »wie geht's, wie steht's?«
Im ersten Augenblick bin ich über das unerwartete Zusammentreffen mit meinem Vereinspräsidenten, dem Amtsrichter +Dr.+ Scherbe, ebenso überrascht, wie über meine »Numerierung«. Ja, ich lasse unwillkürlich den Blick an meinem Anzug hinabgleiten, ob etwa die ominöse Zahl 27-34 mir aufgestempelt oder angeheftet sein könne.
+Dr.+ Scherbe bemerkt dies wohl und sagt, indem er mir lachend die Hand schüttelt: »Nichts für ungut, daß ich Sie mit Ihrem neuen Vereins-Spitznamen anrede. Jeder bei uns hat ja seinen, wie Sie wissen, nur Sie sind bisher immer noch ohne solchen davongekommen. Denn, wahrhaftig, bei Ihnen ist immer alles bisher so unauffällig, so wohlgeordnet und so regulär gewesen, daß man für Sie gar keine recht passende Bezeichnung hat finden können, wohlverstanden: ~bisher~. ~Jetzt~ aber verdanken Sie Ihren Spitznamen Ihrer werten Straße.«
»Hol' der Teufel die Straße,« sagte ich unwillig, »und den neuen Spitznamen dazu! Ich hasse solche ›+nick-names+‹.«
»Na, Verehrtester,« erwiderte +Dr.+ Scherbe mit beschwichtigender Handbewegung, »seien Sie darüber nur nicht so ungehalten. Wem anders denn als Ihnen habe ich, der Amtsrichter Scherbe, den Beinamen ›Scherbengericht‹ zu danken? -- Übrigens hat solch eine Zahl 27-34 doch als Spitzname unleugbare Mängel,« fuhr der Amtsrichter nachdenklich und dozierend fort, »denn die meisten nannten Sie bald unter falscher Nummer.«
»So«, sagte ich mit recht gemischten Gefühlen.
»Ja,« meinte Scherbe, »und solch einem unhaltbaren Zustande mußte ein Ende gemacht werden. Ich selbst habe im geselligen Teil unserer letzten Vereinssitzung die Einziehung Ihres eben erst aufgefundenen Beinamens beantragt und durchgesetzt.«
»Ich danke Ihnen,« erwiderte ich mit Wärme, »mir wär's wirklich recht fatal gewesen, und der Witz ist doch recht mäßig.«
»Fand ich auch«, sagte Amtsrichter Scherbe zustimmend. »Dafür ist aber ein anderer, ~ganz~ neuer Beiname für Sie gewählt worden, und zwar«, fügte er mit stolzem Bewußtsein hinzu, »von ~mir~.«
Meine eben noch aufkeimende Dankbarkeit fing plötzlich an, sich in finsteren Haß zu verwandeln.
»Und wissen Sie, alter Freund,« fuhr der Amtsrichter mit großem Selbstgefühl fort, »wissen Sie, wie ich dazu gekommen bin? Durch eine merkwürdige, aber naheliegende Ideenassoziation. Nämlich, wenn ich Ihre Zahl aussprach, mußte ich immer an Droschken denken, an Droschken, die von den sogenannten Weißlackierten gelenkt werden. Ja, und da schlug ich für Sie den Namen ›~Der Taxameter~‹ vor.«
»Und was sagten die Herren Vereinsgenossen dazu?« fragte ich mit unverhohlenem Mißbehagen.
»Ach,« sagte der Amtsrichter, vor Vergnügen sich förmlich schüttelnd, »die Kerls haben ja ~so~ gelacht!« -- -- --
Straße 27 erhält endlich einen Namen.
Die Debatte über die Straßenbenennung hatte sich an jenem Abend noch bis nach Mitternacht hingezogen. Mein Kollege Schubert war auch bald nach mir aus der Versammlung fortgegangen, und der vorsitzende Major hatte, wie ich vom Schuhmacher Hegel bei der Ablieferung meiner neuen, doppelsohligen Schaftstiefel erfuhr, wegen Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Geschäftsordnung in galliger Stimmung das Präsidium niedergelegt und mit Protest das Lokal verlassen.
Infolge der vorgerückten Stunde hatten nur noch Schuhmacher Hegel, Kolonialwarenhändler Grabow, zwei Zigarrenhändler, ein Friseur, vier von den fünf Fahrradhändlern der Straße und ein alter Kanzleisekretär a. D. an der weiteren Sitzung teilgenommen.
Hegel leitete nun die Verhandlung und sprach zunächst sein Bedauern aus, daß einige Herren so geringes Interesse der Sache entgegenbrächten und vor der endgültigen Abstimmung schon aufgebrochen wären. Ebenso bedauerlich sei es, daß der Herr Major und seine Partei wegen einer an sich geringfügigen Differenz die Versammlung verlassen hätten. Man solle doch nachgiebig und duldsam sein. Er selbst z. B. ziehe seinen Vorschlag, die Straße »Hans-Sachs-Straße« zu benennen, gern zurück. Er sehe ein, daß ein Straßenname hauptsächlich kurz und prägnant sein müsse. »Sachsstraße« allein täte dem Namen des großen Poeten und Schusters nicht die schuldige Ehre an, »~Hans~-Sachs-Straße« aber wäre eben zu lang. Er sei ja auch eventuell erbötig, dem Herrn Major zuliebe, der ein guter Kunde von ihm sei, und nach dessen Leisten er nun schon seit zehn Jahren die Ehre habe zu arbeiten, die Straße Trainstraße taufen zu lassen, obwohl er selber bei den Schwedter Dragonern gestanden hätte, und schon aus dem Grunde eben die Bezeichnung Trainstraße unzutreffend wäre. Jedenfalls aber müsse dem bisherigen unhaltbaren Zustande ein Ende gemacht und noch heute die Petition an den Magistrat mit einem bestimmten Vorschlage abgesandt werden.
Der Kanzleisekretär meinte, daß er Artillerist gewesen wäre und gegen eine Bezeichnung wie Kanonierstraße oder Artilleriestraße nichts gehabt hätte. Aber die gäbe es ja schon. Für »Train«straße könne er nicht stimmen. Man könne ja aber, schon um zu zeigen, daß man auch die Wünsche der Abwesenden nach Möglichkeit berücksichtigen wolle, den Vorschlag der beiden bebrillten Herren wieder aufnehmen und zum Beschluß erheben, daß die Straße »Marlostraße« genannt werden solle. Er selber müsse offen bekennen, daß er von der Mar~litt~ wohl schon, aber noch nie von der Existenz eines Marlo oder so ähnlich etwas gehört hätte. Der Name an sich wäre ihm aber nicht unsympathisch.
Darauf erhob sich wieder Schuster Hegel und erklärte, man könne ja »einen Komponist schließen« und die Straße »~Marlitt~straße« nennen. Wenn Oberlehrer Müller erwähnt hätte, daß Marlo ein Schustersohn gewesen wäre, so könne er allerdings nicht sagen, ob die ~Marlitt~ eine Schuster~tochter~ war, so sympathisch ihm speziell dies sein und für Zurücknahme seines eigenen auf »Hans-Sachs-Straße« lautenden Vorschlags Ersatz bieten würde.
Und in wohl schon recht bierseliger Stimmung fügte der Meister, dem gar manchmal ein arger Schalk im Nacken saß, hinzu, daß die Herren Lehrer vielleicht auch die Namen, die Geschlechter und die Nebenumstände nur verwechselt hätten, und ~der Marlo~ und ~die Marlitt~ möglicherweise ~eine~ Person wären. Solche Zerstreutheiten kämen gerade bei Gelehrten so häufig vor. Er selbst habe auch schon mal ein Paar Stiefel, die für den Herrn Major bestimmt waren, dem Oberlehrer Müller abgeliefert, der sie übrigens ruhig getragen hätte, obwohl er einen ganz anderen Leisten habe. Nachher könne man es gar nicht fassen, daß man wirklich so zerstreut gewesen sei. Unzweifelhaft aber habe die Marlitt, deren Werke er selbst besitze, wie man so sage, »einen guten Stiebel« geschrieben. Und was Oberlehrer Müller und der andere Lehrer gesagt hätten, daß wir ihren Schriften eine Befruchtung des deutschen Genius, einen neuen Glanz und eine neue Blüte unserer Dichtkunst zu verdanken haben, so könne er, Schuster Hegel, dies vollauf bestätigen. Er erinnere nur an »das Geheimnis der alten Mamsell«.
Bei Erwähnung dieses Werkes wurde auch der Kanzleisekretär warm. Ja, es stellte sich die für die Marlitt sehr schmeichelhafte, für Marlowe aber tiefbeschämende Tatsache heraus, daß fast alle übrigen Anwesenden irgend etwas von der ersteren schon gelesen, von Marlowes literarischer Betätigung aber noch nie etwas vernommen hatten.
Der Friseur entpuppte sich sogar als Kenner ~sämtlicher~ Marlitt-Romane, und nur Poppelmann, der Radlerwirt, kennt weder Marlowe ~noch~ Marlitt, da er früher nie für Lektüre geschwärmt hatte und jetzt auch nur die Inserate einer Radlerzeitung liest.
So wurde denn einstimmig die Benennung »Marlittstraße« beschlossen und der hochwohllöbliche Magistrat der Haupt- und Residenzstadt Berlin durch Schuhmacher Hegel in nicht ungeübter Schrift, aber mit zum Teil schon recht fidelen Buchstaben namens der versammelten Bewohner der Straße 27 ersucht, bewußte Straße in Zukunft »~Marlittstraße~« zu benamsen, besonders »~in Hinsicht darauf, daß wir der Marlitt eine Befruchtung des deutschen Genius, einen neuen Glanz und eine neue Blüte unserer Dichtkunst zu verdanken haben~«.
Ich könnte über dies alles nicht so genau referieren, da ich ja nicht selbst Augen- und Ohrenzeuge der weiteren Verhandlungen war; aber Friedrich Hegel hat mir bei Überbringung meiner neuen Stiefel den ganzen Hergang mit peinlichster Genauigkeit erzählt.
Wie der ~eigentliche~ und endgültige Schlußakkord jenes Abends geklungen hat, kann ich freilich nur mutmaßen. Ich glaube aber, er ist nicht ganz rühmlich für Schuhmacher Hegel gewesen und soll für ihn noch ein polizeiliches Strafmandat wegen nächtlicher Ruhestörung und Widerstands gegen die Staatsgewalt im Gefolge haben.
Tatsache ist, daß am folgenden Tage die Schuhmacherwerkstatt erst am späten Nachmittag geöffnet wurde, und das Blau des Himmels sich auf intensivste Weise in dem einen Auge des Philosophen Hegel widerspiegelte. --
Mein Kollege Schubert wäre vermutlich zu jeder anderen Zeit über die Umformung seiner Absichten vom Schlage getroffen worden. Statt des alten Faustpoeten die ihm verhaßte Marlitt! Aber augenblicklich ist er in einer so rosigen Stimmung, daß er die ganze Menschheit an seine Brust drücken möchte. Es ist ihm ja ein großes Glück geworden, -- ihm ist ein Söhnlein geboren.
Einen anderen Schuster will er sich aber doch nehmen, da er es dem braven Hegel nicht verzeihen kann, wenn er durch dessen Schuld künftig in der Marlittstraße wohnen muß.
Übrigens kann er sich darüber beruhigen und ebenso die anderen Taufgevattern unserer Straße, denn keinem soll es nach Willen gehen, und das versöhnt ja untereinander. Der hochwohllöbliche Magistrat von Berlin hat aus eigener Entschließung die Straße mit einem Namen versehen, der zwar die vom Schuhmacher Hegel verlangte drakonische Kürze vermissen läßt, aber an sich auch recht hübsch wirkt.
Seit gestern prangen unsere Straßenschilder mit der Bezeichnung: ~Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha-Straße~.
Wir müssen ziehen.
Schade!
Gerade jetzt, wo die Wohnung überall so hübsch trocken geworden ist!
Na ja, man hätte sich's ja denken können, daß man gesteigert werden würde.
Aber schade ist's doch!
Wir hatten uns schon so an die Physiognomie der Straße und ihrer Bewohner gewöhnt. Nun aber, das hilft dann nichts. Zweihundert Mark mehr zahlen, -- das geht beim besten Willen nicht.
»Ei, Frauchen, du wirst doch nicht Tränen in deine lustigen blauen Augen hineinlassen! Mir wird's ja auch nicht leicht, aus diesen Räumen zu scheiden, in denen wir unser Nest gebaut und unser glückliches Eheleben begonnen haben.«
Und da liegt unser Kleinchen im Bett und schläft sanft und sicher und weiß nichts von Mietesteigern und Umzug. --
Es ist doch schön, ein Fleckchen Erde so ganz sein eigen nennen zu können, das heißt -- noch bei ~Leb~zeiten.
Ach, wir modernen Nomaden!
Und ich ziehe meine Frau zu mir heran und sehe trübe mit ihr aus dem Fenster, an dem gerade eine Schwalbe vorüberflattert, als wenn sie noch einen Scheidegruß bringen wollte, bevor sie wieder zum Süden zieht.
Wo sie ihr Nest wohl hat? -- Sicher nicht an unserem Hause!
Großstadt und Schwalbennest!
Aber bei uns, im kleinen mecklenburgischen Heimatsstädtchen, ja, ~da~ war die Schwalbe heimisch, da nistete sie an meinem grünumrankten Vaterhause.
Und ich erzähle meinem Frauchen aus meiner Kindheit, von meinem Vater, der als Bürgermeisterlein mit seiner zahlreichen Familie friedlich, wenn auch in wohlbegründeter Einfachheit lebte. Ja, ~der~ hatte ein Heim, wie ich es mir ersehnte, eine Scholle, die ihm zu eigen gehörte!
Und ich höre wieder das Windessäuseln in den beiden alten Pappeln, die vor der Haustür wie zwei mächtige Riesen Wacht hielten, atme den Duft der Blumen aus meiner Mutter Ziergärtchen und schmecke fast auf der Zunge die rotbäckigen Borsdorfer, die Malvasierbirnen, die blauen und gelben Pflaumen, die Erdbeeren und all die anderen Früchte, die unser schöner, schattiger Garten so mannigfaltig bot. Ach, und du fröhlicher gefiederter Sängerchor!
Wie herrlich war's im Elternhaus, und mein Vater war der glückliche Mann, der in diesem Paradiese, weit ab vom Weltgetriebe, als Herr und Gebieter hauste.
Welche Ruhe, welch Glück, welch tiefer Frieden über dem Bilde!
Wie goldener Sonnenstrahl zieht es an meinem Geiste vorüber und macht mein Herz in Sehnsucht schwellen.
Und seltsam! Mein Vater wiederum sehnte sich hinaus aus dem Frieden und empfand wie Fesseln die kleinen Verhältnisse, die ihn an die Scholle bannten. Still für sich trug er die Sehnsucht nach dem Weltgetriebe, und pochenden Herzens verfolgte er die Zeitläufe, wie sie sich besonders in der Hauptstadt schnell und aufregend abspielten, während zu unserem Erdenfleckchen nur langsam diese und jene unruhvolle Kunde drang, so wie in geschützter Bucht kaum leichter Schaum von der scharfen Brandung eines aufgepeitschten Sees zeugt.
Und jene Hoffnung, doch noch einmal nach der Residenz versetzt zu werden, hielt ihn jung und jugendfrisch. Aber dann wurden seine Wünsche ruhiger und immer ruhiger, -- bis sie ihn hinaustrugen aus dem Hause, an den treuen, hohen Pappeln vorüber, von denen er sich oft hinweggesehnt hatte nach dem herzlosen kalten Häusermeer. -- --
Und ~mich~ hat das Geschick nach der Großstadt geweht, und ich sehne mich nach dem Rauschen der alten Bäume und habe Heimweh nach dem sonnigen Garten meiner Kindheit.
Wenn aber mein Lebensabend herankommt, so will ich ihn in dem Winkelchen jener kleinen Welt mit meinem tapferen Frauchen verleben und ausruhen von dem täglichen Kampf ums Dasein. Aber eben darum heißt's jetzt noch recht kämpfen.
Leicht möglich, daß uns in jener abgeschiedenen Stille dann tiefe Sehnsucht nach der altgewohnten Großstadt beschleicht, so wie mein Vater sich wohl gern wieder aus dem verwirrenden Lärm zurückgeflüchtet hätte in die idyllische Ruhe der kleinen Stadt.
Das Verpflanzen bekommt doch nur den ganz jungen Bäumen. --
Sieh da, unser Visavis, Oberlehrer Schubert, am Fenster, seinem rosigen Sprößling zunickend, den ihm die junge, glückstrahlende Frau lachend entgegenhält.
Also wieder wohlauf, Frau Wöchnerin, und so heiter und froh hinausgeschaut in den linden Septembertag?
»Morgen will ich ihr einen Besuch machen,« sagt meine Frau, nach drüben hinüberschauend, »denn ihr Männer kennt euch doch nun, da ist's nicht aufdringlich, wenn ich mich nach ihrem Befinden erkundige und mir das Kleinchen ansehe. Meinst du nicht auch?« --
Die Schwalben haben ihren Flug längs der Straße aufgegeben und fliegen nun quer über den Damm, von unserem Fenster zu dem gegenüberliegenden von Schuberts, hinüber und herüber, leicht an der Mauer emporgleitend und dann sich sanft wieder senkend, in fortwährendem Wechselspiel, als wenn sie Grüße bringen und wieder zurücktragen wollten.
Schuberts fällt auch das Spiel der Schwalben auf, und sie blicken nun zu uns grüßend herüber. Auch das junge Frauchen grüßt »unbekannterweise« mit Kopfnicken, und als ihr Gatte ihr einige Worte zuflüstert, da hebt sie mit holdem Erröten ihren kleinen Sprößling hoch empor, als wenn sie uns ihr junges Glück so recht zeigen wollte.
»Liebchen,« flüsterte ich meiner Frau zu, »erinnerst du dich, wie wir unser Klein-Mariechen triumphierend den jungen, damals uns ganz unbekannten Eheleuten zeigten, und wie die junge Frau errötete und ihr Haupt an der Brust des Mannes barg?«
»Ja, Lothar,« erwidert mein Frauchen leise, »ich weiß es noch sehr wohl.«
»Auch ihnen ist bald ein holdes Glück erblüht, und hoffentlich scheint ihnen so hell wie uns eitel Lust und Freude aus den Augen des kleinen Weltbürgers entgegen. Und nun sieh nur, wie sie den Kleinen dir wieder zuhält, ja, genau so, wie du unser Klein-Mariechen ihr entgegengehalten hast. Und wie brennend rot sie damals geworden ist! Ist's nicht so? -- Nicht wahr, Frauchen, ist's nicht so?«
Ich blicke zu meinem Weibe lächelnd und fragend herab, um in ihren Augen die Antwort zu suchen. Aber sie hat ihr glühendes Antlitz tief an meiner Brust verborgen und antwortet nicht.
Und es entsteht plötzlich in meiner Seele ein merkwürdiges Klingen und Singen, und ich halte mein Frauchen fest umschlungen und küsse andächtig ihren blonden Scheitel. Und der Normaletat, der sich wie ein dichter, grauer Schleier über die Zukunft senken will, wird von den Strahlen der Sonne durchbrochen und weicht langsam von hinnen.
»Frauchen,« sage ich nach einer kleinen Weile, »wenn wir nach Friedenau oder Steglitz hinaus ziehen, so zahlen wir weit weniger Miete und haben sogar noch etwas von der Natur. Ei, wie ich mich auf solchen Wohnungswechsel freue!
~Gewiß~ freue ich mich und rede nicht nur so. Du weißt doch, wie ich die Natur liebe, das Grün der Wiesen und Bäume, die Alleen. Und ~das~ fehlt uns hier doch gänzlich. Und denk' einmal, wenn wir eine Parterrewohnung mit einem Vorgärtchen bekommen könnten, wo ich Blumen und Sträucher ziehen würde und du Petersilie.
Wie schön, und welche Ersparnis!
Oder wenn's nicht ~so~ ist, dann doch immerhin ~Aussicht~ auf Bäume und Gärten. Oder wenn's auch ~das~ nicht ist, so könnten wir doch uns ein oder zwei Blumenbretter anlegen und darauf deine und meine Lieblingsblumen ziehen. Hier in Straße 27 wären die nie gediehen. Und wenn's dann auch vier Treppen hoch sein sollte, so haben wir doch unsere Blumen vor dem Fenster und sehen wie in einen Garten. Das ist denn doch schon der Vorgeschmack von unserem einstigen Eden, vom Ziel meiner Sehnsucht, vom alten grünumwobenen Vaterhaus.
Und dahin wollen wir uns durcharbeiten, langsam, Tag für Tag, froh in der Arbeit, Frieden im Herzen, bis wir uns durchgerungen haben ~zur großen Müdigkeit~, die ~erworben~ werden muß, um köstlich zu erscheinen, die, um willkommen zu sein, uns nicht plötzlich überfallen darf, sondern zu der wir hinübergleiten wie im seligen Traum.«
»Ach,« seufzt meine Frau liebevoll, »wenn du nur immer ums tägliche Brot arbeiten mußt und durch die vielen Nachhilfestunden so ganz deiner literarischen Arbeiten verlustig gehst, wie sollst du da froh und glücklich aufatmen können! Du wirst es nie verwinden, daß die Not des täglichen Lebens dich fern hält von deinen Zielen, deinen Liedern, deinem Trachten. Und nur um des elenden Geldes willen!«
»Schätzchen,« sage ich ruhig und mit stillem Ernst, »ich bin innerlich so von Herzen zufrieden, und wenn du's auch bist, so braucht es nicht mehr. Es sind mir auch in letzter Zeit viele, leider zu berechtigte Zweifel gekommen, ob mein Wollen nicht mein Können weit überragt. ~Doch, doch~, sprich nicht dagegen! Ach, und dich betrübt es gewiß, wenn ich nicht, wie ich wahrlich selbst geglaubt und dir oft zugeflüstert habe, im Parnaß meinen Platz suche und finde.«
»Lothar«, meint mein Weib, so recht froh und mit glänzenden Augen mich anschauend, als wenn ich ihr ein großes Glück verkündet hätte, »Lothar, ach, ~wenn's~ doch so wäre! Ich habe im geheimen immer Angst gehabt, daß du mir durch den Ruhm entfremdet werden könntest. Ach, und nun bleibst du bei mir, auf unserer lieben, lieben, schönen Erde? Freilich würden wir ja durch deine Werke viel schneller zu Geld und Macht gelangen. -- Ach, es ist gewiß nur eine vorübergehende Stimmung, die dich niederdrückt?«
»Nein, nein! Sieh, wenn in den zehn Jahren, seit welchen ich mich mit meinen ›unsterblichen Werken‹ befasse, nichts, gar nichts bisher entstanden ist, so habe ich mich doch sicher überschätzt und kann nur froh sein, wenn ich dies noch erkenne, ehe es zu spät ist. Ja, ~fühlen~ kann ich das Schöne, Gute, Edle in der Brust und mir auch im Geiste gestalten, und ›das ist ein Gewinn, der niemals uns entrissen werden kann‹. Aber so gestalten, daß es andere sehen wie ich, ~darstellend schaffen~ -- Frauchen, Frauchen, ich fürchte, ich wollte über meinen Schatten springen. Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Und ~doch~ sollen einmal meine Lieder erklingen. Aber dir nur allein! Und du sollst sie mir mit deiner lieben Stimme vorsingen, und unser Kleinchen soll sie nachsingen in deiner sanften Weise. Und für diese Köstlichkeit der Gegenwart gebe ich dann allen Glanz des Nachruhms hin.
Und Geld?!
Viel schneller zu Geld und Macht gelangen, wie du sagst? Ach, mein kleines, leichtgläubiges, vertrauendes Närrchen! -- Sieh, wenn wir uns wacker durchkämpfen, Schritt für Schritt, dann erglänzt unser Lebensabend in so goldigem Schein, daß wir alles ~irdische~ Gold entbehren können. Und nun fröhlich hineingeschaut in die Welt und mutig voran!« --
* * * * *
Und als der Frühling wieder ins Land schaut, da räumen wir die Wohnung, um unseren Nachfolgern Platz zu machen.
Aber wehmütig stimmt es uns doch, aus den vertraut gewordenen Räumen ausziehen zu müssen. Und heute ist der letzte Tag! -- --
Da klingelt es.
Wer kann uns wohl noch aufsuchen wollen, wo es so unwirtlich überall aussieht, Koffer und Kisten gepackt sind und ein wildes Chaos in allen Räumen uns umgibt?
Soso, nur der Postbote ist's.