Part 13
Aber welch offiziell aussehendes Schreiben mit großem Siegel übergibt er mir?
»Lothar,« ruft meine Frau in freudiger Erregung, »du sollst sehen, der letzte Tag in der alten, lieben Wohnung bringt uns noch Glück. Vielleicht bist du zum Gymnasialdirektor ernannt worden. Man ~kann~ doch gegen deine Vorzüge nicht blind sein!«
»Du Närrchen, du, dazu bin ich noch lange nicht an der Reihe«, meine ich lächelnd, aber doch auch in einer mir ungewohnten Erregung.
Nein, -- es ist eine Trauerbotschaft vom Gericht. Die alte Tante ist verstorben, die einzige Verwandte, die ich noch hatte, obwohl ich sie nicht einmal von Angesicht zu Angesicht kannte.
Meine Frau ist kleinlaut geworden und sieht in ihrer Enttäuschung ganz blaß aus.
Daß mich die alte Dame, wie das Gericht mitteilt, zum Erben eingesetzt hat, vermag mein Frauchen nicht freudiger zu stimmen; denn sie weiß von mir, daß die Tante nur ein kümmerliches Witwengehalt bezog und nur über ein paar alter gebrechlicher Möbel verfügte, die sicher kaum den Transport verlohnen würden.
»Aber nein, was ist das? Herrgott, ist's nur möglich?! Weibchen, Weibchen! Denke nur, die Tante hat auf ihr Lotterielos Nummer 2734 vierzigtausend Mark gewonnen, und die gehören ~uns~ nun. ~Uns!!~ Da soll noch einmal jemand gegen den törichten Aberglauben reden!«
»Lothar«, sagt mein Frauchen mutwillig und erhebt ihren kleinen Zeigefinger warnend, während in ihrer Stimme Freude und Glück zittern, »Lothar, den mittelalterlichen Aberglauben aus dem Herzen der Menschen auszuroden, soll und muß die hehre, wenn auch unendlich mühevolle Kulturaufgabe der Schule sein!«
»Schatz,« erwidere ich jubelnd, »in diesem Falle plädiere ich für mildernde Umstände. Aber wem verdanken wir dieses Glück? Doch unserer alten, lieben Straße 27 und unserer braven Hausnummer 34. Da wär's eigentlich recht und billig, wenn ich denen ein kleines literarisches Denkmal setzte und über ›Siebenundzwanzig-Vierunddreißig‹ ein Büchelchen schriebe, so wie ich's gerad' kann. Was meinst du?«
»Lothar,« ruft entzückt meine kleine Frau, ihre Arme um meine Schultern legend, »ach, dann wirst du ~doch~ vielleicht noch berühmt.«
»Berühmt? Ei, ei, so leicht ist das Berühmtwerden nicht. Ich wäre schon zufrieden, wenn das Publikum wirklich mein Büchlein lesen würde.«
»Du sollst sehen,« sagt mein Frauchen und sieht dabei so überzeugungsdurchdrungen aus, als wenn sie es schon verbrieft hätte, »das Publikum ~wird~ dich lesen.« Und dann fügt sie, sich zärtlich an mich anschmiegend, mit kindlichem Vertrauen hinzu:
»Schon ~mir~ zuliebe.«
Johannes Trojan,
Wie man einen Weinreisenden los wird.
Kleine Leiden auf einer Landpartie.
Drei Gedichte.
Mit Genehmigung der ~J. G. Cotta~schen Buchhandlung Nachfolger in ~Stuttgart~ und ~Berlin~: »Wie man einen Weinreisenden los wird« und »Kleine Leiden auf einer Landpartie« aus »~Johannes Trojan~, ~Das Wustrower Königsschießen~ u. a. Humoresken«. Gbd. M. 3,--.
»Männertreue und Weiberkrieg« und »Der Glückstag« aus »~Johannes Trojan~, ~Gedichte~«. »Der Oberamtsrichter von Neckarsulm« aus »~Johannes Trojan~, ~Scherzgedichte~«. Gbd. M. 3,50.
Wie man einen Weinreisenden los wird.
Manche werden sagen, das sei überhaupt unmöglich, ich weiß aber, daß es geht, denn ich habe es mit Erfolg probiert. Freilich war ich nicht unvorbereitet, sondern hatte mir die Sache in Gedanken eingeübt. Die Firma ~J. G. Pfropfenberg~ & Comp. in Frankfurt a. M. hatte mich wissen lassen, daß in einigen Tagen ihr Vertreter die Ehre haben würde, bei mir vorzusprechen und meine Aufträge entgegenzunehmen. Mit einiger Spannung erwartete ich den jungen Mann.
Er kam, wurde mir gemeldet und in mein Zimmer geführt. Mit dem Ausdruck lebhafter Freude trat ich ihm entgegen. »Sind Sie endlich da?« rief ich. »Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet. Bitte, nehmen Sie Platz!« Dieser Empfang schien ihn ein wenig zu wundern, doch mochte er wohl denken, ich sei in großer Weinnot. Auf meine wiederholte Aufforderung setzte er sich und begann: »Ich komme im Auftrage des renommierten Hauses ~Pfropfenberg~ & Comp. in Frankfurt a. M., um Ihnen unsere edlen, wirklich reingehaltenen und höchst preiswürdigen ...«
»Halt!« fiel ich ihm ins Wort -- »aus Frankfurt a. M. kommen Sie?«
»Jawohl«, erwiderte er.
»Welch eine Stadt!« rief ich entzückt. »Die herrlichen Gebäude, unter denen der Dom und der Römer in erster Reihe stehen! Die wundervollen Denkmäler von Goethe und Gutenberg! Das Goethehaus! Der Palmengarten! Das Ariadneum! Die historischen Erinnerungen an Karl den Großen und den Bundestag! Und das Wasser! Ich halte den Main für einen der schönsten Ströme. Nachdem er zusammengeflossen ist aus dem weißen Main, der im Fichtelgebirge entspringt, und dem roten, der aus dem Rotmainbrunnen im Westen von Kreusen herkommt, läuft er um den fränkischen Jura herum, geht er vorbei an Bamberg, Würzburg und Aschaffenburg, endlich an Frankfurt a. M., um dann bald darauf sich mit donnerartigem Brausen in den Rhein zu stürzen.«
Die lebhafte Schilderung hatte mich außer Atem gebracht, ich mußte einen Augenblick anhalten, um Luft zu schöpfen. Aber auch mein Gegenüber gebrauchte einige Zeit, um sich von dem Eindruck, den mein Vortrag auf ihn gemacht hatte, zu erholen. So kam ich ihm denn, als er eben das Wort ergreifen wollte, zuvor.
»Sie sind«, sagte ich »nicht aus Frankfurt a. M. gebürtig?«
»Nein,« entgegnete er, »aus Offenbach. Ich habe die Ehre, Ihnen im ...«
»Aus Offenbach?« fiel ich schnell ein. »Das habe ich mir gleich gedacht. Sie sind aber gern in Frankfurt, und Ihnen gefällt Ihr Beruf?«
»Im allgemeinen ja. Das Haus Pfropfenberg & Comp., in dessen Auftrag ...«
»Glücklich in Ihrem Beruf!« rief ich, ihm ins Wort fallend. »Wie selten kann das einer von sich sagen! Die meisten wünschen sich einen anderen Beruf, als den, welchen sie haben. Der Dichter beneidet den Seifensieder, der Maler den Klempner, der Musikus den Schankwirt, der Regierungsrat den Geistlichen, der Bankier den Seemann und so weiter. Ich selbst -- Sie wissen, daß ich Käfersammler bin -- möchte manchmal mit dem friedlich und harmlos von seinen Zinsen lebenden Rentier tauschen.«
Ich war, nachdem ich dies gesagt hatte, so barmherzig, ihm einen Augenblick Zeit zu lassen, und sofort schoß er los: »Erlauben Sie mir, mein Herr, daß ich Ihnen im Auftrage der renommierten Firma Pfropfenberg & Comp. unsere wirklich reingehaltenen ...«
Weiter kam er nicht, denn ich sah ihn plötzlich so fest und scharf an, daß er unwillkürlich verstummte. »An wen,« sagte ich, indem ich fortfuhr ihn anzusehen, »an wen erinnern Sie mich doch so lebhaft?«
»Ich weiß es in der Tat nicht«, sagte er verlegen.
»Halt, ich hab's!« rief ich. »Haben Sie Verwandte in Goldap?«
»Nein!« erwiderte er mit Entschiedenheit.
»Wie war doch nur Ihr geehrter Name?« fragte ich.
»~Meyer~ -- ~A. H. Meyer~!«
»Sonderbar!« rief ich, »auch die Namen stimmen. Ich lernte vor nun bald siebzehn Jahren, als geschäftliche Angelegenheiten mich nach Goldap führten, dort einen Herrn ~Meyer~ kennen, dem Sie sehr ähnlich sehen, und ich hätte darauf schwören mögen, daß er mit Ihnen verwandt sei, vielleicht ein Onkel von mütterlicher Seite. Also Sie stehen in keinem Verwandtschaftsverhältnis zu diesem Herrn? Sehr auffallend, besonders da auch der Name zutrifft. Dieser ~Meyer~ war Holzhändler und damals ein angehender Sechziger. Seine Frau war eine -- warten Sie einmal -- richtig! eine geborene ~Kloppfleisch~. Ein prächtiger Kerl war er und ein schneidiger Geschäftsmann. Unterdessen ist er auch natürlich älter geworden.«
Während ich so sprach, war er sehr unruhig geworden, wie ich an den eigentümlichen Bewegungen seiner Füße merkte. »Erlauben Sie mir --« begann er noch einmal.
»Noch eine Frage!« unterbrach ich ihn. »Leben Ihre Eltern noch?«
»Ja!« stöhnte er.
»Das freut mich zu hören«, sagte ich. »Es ist ein nicht gewöhnliches Glück, in Ihren Jahren noch beide Eltern am Leben zu haben. Darf ich mich weiter erkundigen, ob auch Ihre Großeltern noch leben?«
Ganz rot im Gesicht, war er aufgesprungen. »Ich muß mich« -- rief er mit vor Ärger halb erstickter Stimme -- »ich muß mich Ihnen empfehlen. Meine Zeit ist sehr in Anspruch genommen und ...«
»Sie wollen schon gehen?« rief ich. »Darf ich Ihnen nicht ein Glas Wein anbieten? Es ist zwar nur Kutscher und etwas säuerlich, aber durchaus rein und sehr gesund. Meine Frau würde sich freuen, wenn ich Sie ihr vorstellte.«
»Es tut mir leid,« schrie er, »aber ich habe keinen Augenblick Zeit. Wenn Sie einen Auftrag ...«
»O gewiß habe ich einen Auftrag. Wenn Sie das schöne Frankfurt wiedersehen, grüßen Sie es tausendmal von mir. Aber ich hoffe, daß wir uns hier noch sehen werden, beim Weihenstephan oder auf der Siegessäule oder ...«
Er war schon draußen. »Herr Meyer! Herr Meyer!« rief ich, mich über das Treppengeländer beugend. Er hörte nicht darauf. Schnell stürzte ich in mein Zimmer zurück, riß das Fenster auf und schrie auf die Straße hinunter: »Herr Meyer! Wenn Sie einmal nach Goldap kommen sollten ...«
Er wandte sich nicht mehr um, sondern lief unaufhaltsam dem nächsten Halteplatz für Droschken zu.
Ob er wohl wiederkommen wird?
Kleine Leiden auf einer Landpartie.
Nein, meine Herren! pflegte der Doktor Sauerwein auszurufen, wenn die Rede auf Landpartien kam -- nein! über diese Vergnügungen bin ich hinaus für immer. Ich weiß ja nicht, meine Herren, was Sie unter Landpartien verstehen, meinen Sie aber einen Ausflug in Begleitung von Damen zu Wagen oder auf der Eisenbahn, an den sich ein Spaziergang in einen Forst oder in eine Heide, meinetwegen mit Feueranmachen und Kaffeekochen anschließt, dann muß ich gestehen, daß derartige Vergnügungen sich für Leute von meinem Naturell durchaus nicht eignen.
Es liegt an mir, ich weiß es. Mir fehlt vor allem die notwendige Geistesgegenwart, Besonnenheit und Erfindungsgabe.
Was soll zum Beispiel geschehen, wenn der rechte Schuh einer jungen Dame an einer morastigen Stelle des Weges stecken geblieben und versunken ist? Die junge Dame steht nun auf dem linken Fuße. Lange kann sie so nicht stehen, also sagen Sie mir schnell: was soll geschehen? Sie wissen es nicht? Natürlich! Ich habe diese Frage Leuten vorgelegt, die durchaus nicht auf den Kopf gefallen waren, und habe doch keine einzige befriedigende Antwort darauf erhalten. Der eine wollte einen Notschuh aus Baumrinde zimmern, ein zweiter schlug eine Tragbahre von jungen Baumstämmen vor, ein dritter meinte, man müsse für solche Fälle auf jeder Landpartie einen eleganten zweirädrigen Karren mit sich führen. Ein grausamer Barbar endlich -- ich verschweige seinen Namen, obgleich er es verdient, daß ich ihn an den Pranger stelle -- gab den Rat, man solle die junge Dame stehen lassen und ruhig weiter gehen, sie werde schon von selbst nachgehüpft kommen!
Ist Ihnen das noch nicht genug? Gut! so will ich Ihnen die Geschichte meiner letzten Landpartie erzählen.
Ich machte diese Landpartie mit der liebenswürdigen Familie Krusius. Da war also Steuerrat Krusius, seine Frau, die beiden Töchter, Minna und Elvira, und die Tante Sophie. Dazu kam Herr Knoppermann vom Gericht, ein alter Hausfreund, und der junge Nathanael Semmlein, ein Studiosus der Theologie und an die Familie empfohlen. Der achte war ich und der neunte -- doch halt! Der fand sich erst unterwegs ein. Es war beschlossen, mit der Bahn bis zur Station Dingelfeld zu fahren, hinter welcher sich eine sehr romantische Wald-, Sand- und Moorgegend ausbreiten sollte.
Wir nahmen im »Blauen Löwen« ein ländliches Mahl ein, und als dann auch der Kaffee vorüber war, und der Steuerrat sein Mittagsschläfchen absolviert hatte, wurde der übliche Spaziergang »in die Fichten« angetreten.
In den Fichten war es, wie es dort häufig zu sein pflegt, sehr romantisch, sehr heiß und sehr belebt von ausgezeichnet großen Ameisen. Als wir nun ein Stück gegangen waren und um eine Waldecke bogen, bot sich uns ein eigentümliches Schauspiel dar. Am Waldessaume stand eine große Kiefer und unter der Kiefer stand ein Invalide, augenscheinlich seines Zeichens ein Feldhüter, während ein großer Hund mit wütendem Gebell um den Baum herumsprang. Oben aber, auf einem Aste des Baumes saß ein junger Mann, der eine grüne Pflanzenkapsel an einem Riemen über der Schulter trug, und zwischen dem jungen Manne oben und dem Alten unten fand folgendes Wechselgespräch statt.
»Den Augenblick kommen Sie herunter!« rief der Alte.
»Ich bin noch immer nicht von der Notwendigkeit überzeugt!« schallte es von oben.
»Meinetwegen bleiben Sie oben!« hob der Feldhüter wieder an. »Werfen Sie gefälligst die fünfzehn Groschen herunter, dann will ich gehen.«
»Was für ein närrischer Kauz sind Sie doch!« rief der Botaniker herunter. »Denken Sie, das Geld wächst hier oben auf dem Baume? Oder meinen Sie, daß jemand so einfältig sein wird, auf eine wissenschaftliche Landpartie sein Vermögen mitzunehmen? Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie man dazu kommen kann, im Walde Geld auszugeben. Ist es etwa gebräuchlich, daß die Vögel, wenn sie ein Stück gesungen haben, mit dem Teller umhergehen? Oder ist es erhört, daß man für das Hundert Brombeeren oder Haselnüsse, die man frischweg vom Busche verzehrt, auch nur einen Pfennig bezahlt?«
Unterdessen waren wir näher getreten und erkundigten uns bei dem Alten, um was es sich handle. Er erzählte uns, daß er den Botaniker auf der an das Gehölz stoßenden Wiese, die zu betreten streng verboten sei, betroffen habe. Als der junge Mann seiner ansichtig wurde, sei er ausgerissen und habe sich auf diese Kiefer geflüchtet. Jetzt solle er entweder festgenommen werden oder fünfzehn Groschen Strafgeld erlegen.
Wer weiß, wie lange der Botaniker noch oben hätte sitzen müssen, wenn nicht der Steuerrat und der alte Knoppermann den Invaliden vorgenommen und ein vernünftiges Wort mit ihm gesprochen hätten. Einem vernünftigen Worte, wenn es durch Geld und Zigarren unterstützt wird, kann auch der zornigste Feldhüter auf die Dauer nicht widerstehen, und so kam es denn, daß der Alte, nachdem er noch dem Botaniker mit dem Wiedertreffen »draußen im Freien« gedroht hatte, mit seinem Hunde den Rückzug antrat. Als die beiden alten Herren diesen Akt der Menschlichkeit vollzogen hatten, ersuchten sie den Naturforscher, herunterzusteigen und sich der Gesellschaft anzuschließen.
Den jungen Damen schien der Zuwachs zu unserer Gesellschaft nicht unlieb zu sein. Im Umsehen waren sie schon mit dem Botaniker in einem eifrigen Gespräche über die einheimische Flora begriffen, wobei ich den Verdacht nicht unterdrücken konnte, daß ein großer Teil der lateinischen Pflanzennamen, die er den jungen Damen auftischte, vollständig ausgedacht und erlogen war.
Ich ging an der Seite der Tante Sophie, die mir erzählte, daß sie einmal in einer ähnlichen Gegend und an einem ähnlichen Tage Gott weiß was erlebt habe. Ich war viel zu ärgerlich, um ordentlich hinzuhören. Zu großer Freude gereichte es mir, als der Steuerrat den Vorschlag machte, sich an einem hübschen Punkte niederzulassen und einen Imbiß zu nehmen. »Unser neuer Freund«, sagte er, »wird sicherlich in der Nähe einen dazu passenden Ort wissen.« Da hätten Sie sehen sollen, wie die Augen des jungen Mannes aufleuchteten und mit welcher Eilfertigkeit er uns nach einem geeigneten Plätzchen hinführte.
Nachdem auf Wunsch der Damen eine genaue Inspektion des Terrains vorgenommen war und dasselbe sich als ziemlich ameisenfrei und spinnensicher erwiesen hatte, lagerten wir uns ins Grüne und begannen die mitgenommenen Vorräte auszupacken. Das Plätzchen war allerdings recht artig auf einem Hügel am Rande des Waldes gelegen. Vor uns öffnete sich ein kleines Tal, in dem mehrere Bürgerfamilien, die gleich uns mit der Bahn gekommen waren, sich am Ringelspiel, Tanz und anderen ländlichen Vergnügungen erfreuten. Der Anblick war allerliebst. Munteres Gelächter und Geschrei schallte zu uns herauf. Wir unserseits waren auch in der besten Stimmung. Die Flasche ging von Hand zu Hand, und der Botaniker sprach unserem kalten Braten und unserem Weine mit einem Appetit zu, der bei seinen Grundsätzen in bezug auf das Mitnehmen von Geld und in Anbetracht, daß die Jahreszeit reife Brombeeren und Haselnüsse noch nicht darbot, nichts Erstaunliches hatte. Der Jubel erreichte den höchsten Grad, als der Steuerrat mit dem alten Knoppermann und dem Botaniker ein Lied anstimmte, in dem zum großen Verdruß des Theologen das Räuberleben als die einzig passende Beschäftigung für lebenslustige und poetisch gesinnte Leute nach allen Richtungen hin gepriesen wurde.
Ein Stündchen mochten wir so in der besten Laune zugebracht haben, als der Steuerrat bemerkte, daß es nun wohl an der Zeit sei, nach Dingelfeld zurückzukehren, wenn wir nicht den Abendzug versäumen wollten. »Ich möchte Ihnen«, sagte der Botaniker, »einen anderen Vorschlag machen. Es führt von hier aus ein sehr romantischer Weg über Kuckucksweiler und Amselhagen nach der Bahnstation ...«
»Ich fürchte nur,« fiel ihm der Steuerrat ins Wort, »es wird zu weit sein.«
»Durchaus nicht,« entgegnete unser Gast. »Warten Sie -- bis Kuckucksweiler haben wir zwanzig Minuten, von da bis Amselhagen höchstens fünfzehn und von Amselhagen nach Dingelfeld wieder zwanzig. Das macht zusammen noch keine Stunde.«
»Wissen Sie aber auch den Weg genau?« fragte der Steuerrat.
»Ich?« entgegnete der Botaniker. »Ich? Auf fünf Meilen im Umkreise will ich hier jedem Vogel, der sich etwa verflogen hat, sagen, wo sein Nest ist. Wenn Sie es verlangen, will ich Ihnen einen Adreßkalender der in hiesiger Gegend seßhaften Eichhörnchen schreiben.«
Die Damen stimmten sämtlich für den »romantischen« Weg, und so brachen wir denn auf, voran ging der Botaniker mit den jungen Mädchen.
Es scheint mir nun, daß über dasjenige, was romantisch zu nennen ist, sehr verschiedene Ansichten unter den Leuten existieren müssen. Wenn es zum Romantischen gehört, öde, unbequem und gefährlich zu sein, so war der Weg, den wir nunmehr machten, in der Tat sehr romantisch. Ich erwähne nur, daß wir nacheinander ein Wildgatter, zwei Schluchten, einen steglosen Bach -- den die Damen auf hineingelegten Steinen überschreiten mußten -- und einen Bruchacker zu passieren hatten. Eine gute Stunde waren wir so fortgegangen ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen, und es fing bereits an dunkel zu werden. Da sah der Steuerrat nach der Uhr, und sich zu unserem Führer wendend, bemerkte er: »Es scheint mir, mein Freund, als müßten wir doch schon lange über Kuckucksweiler wenigstens hinaus sein.«
»Es ist mir auch unbegreiflich,« entgegnete der Angeredete, »daß wir noch nicht am Ziele sind; indessen bin ich überzeugt davon, daß wir an der nächsten Ecke den Kirchturm von Kuckucksweiler erblicken werden.«
Wir waren über die nächste Ecke hinaus, aber nichts, was einer menschlichen Behausung ähnlich sah, ließ sich entdecken. Das Terrain fing an unheimlich zu werden. Die Bäume wurden seltener und kleiner, und endlich breitete sich vor uns eine mit spärlichem Gestrüpp bedeckte Ebene aus, über der ein höchst verdächtiger Nebel lag.
Da bemerkte ich plötzlich, daß der Boden unter meinen Füßen zitterte und schwankte. Ich hatte das Gefühl, als ob ich auf Gummi oder Guttapercha träte. In demselben Augenblick mochten die anderen dieselbe Wahrnehmung machen. Wir blieben sämtlich stehen und sahen den Botaniker fragend an.
»Ich fürchte,« begann derselbe ziemlich kleinlaut, »daß wir uns etwas mehr rechts hätten halten sollen. Wir sind hier in ein kleines Luch oder Torfmoor geraten. Der nächste Weg würde nun allerdings quer durch das Luch führen, und solange wir uns nur in der Nähe der kleinen Gebüsche halten, ist meiner Ansicht nach die Gefahr des Versinkens eine sehr geringe. Besonders finster wird es nicht werden, da wir einerseits Mondschein haben, anderseits auch bald die Irrlichter aufgehen müssen.«
Das war uns zu stark. Den Damen kam das Weinen nahe, und wir allgesamt erklärten, daß wir lieber die Nacht unter freiem Himmel zubringen, als noch einen Schritt weiter in den abscheulichen Sumpf wagen wollten.
»Gut«, sagte der Botaniker, »dann ist es das beste, daß wir rechts abbiegen.«
Was war zu tun? Nach kurzer Beratung bogen wir rechts ab, obgleich dort ein eigentlicher Weg nicht vorhanden war. Nachdem wir uns eine tüchtige Strecke durch Dickicht und Dornen durchgeschlagen hatten, bemerkten wir in unserer Nähe Gebäude. Es wurde ausgemacht, daß die Gesellschaft, wo sie eben stand, warten sollte; ich aber und der Botaniker, wir sollten versuchen, eines Menschen habhaft zu werden, der uns zurecht wiese. Gesagt, getan! Wir näherten uns den Häusern und gelangten an einen kleinen Gartenzaun, den wir überstiegen. Wir riefen zu wiederholten Malen, ohne Antwort zu erhalten. Wir marschierten weiter. Ich ging voran, dem Hause zu, während mein Begleiter um ein weniges zurückblieb. Plötzlich hörte ich, wie er einen Freudenruf ausstieß.
»Was haben Sie?« fragte ich. »Ach, Stachelbeeren!« antwortete er. »Kommen Sie! Hier sind genug für uns beide.«
»Ei, zum --« wollte ich ausrufen, in demselben Augenblicke aber fühlte ich, daß über meinem rechten Fuße etwas zusammenschnappte und daß derselbe auf höchst schmerzhafte Weise eingeklemmt war. Auf mein Geschrei sprang der Botaniker hinter dem Busch hervor. »Kommen Sie! helfen Sie mir!« rief ich. »Ich bin im Fuchseisen gefangen!«
Auf mein Geschrei erschien an den Fenstern des Hauses Licht; wir hörten Stimmen, Hundegebell, und alsbald näherte sich mir vom Hause her ein Trupp Menschen. Voran schritt ein grimmig aussehender Mann, der in der einen Hand eine Laterne und in der anderen eine Flinte trug. Ihm folgte eine Anzahl von Knechten, welche mit Heugabeln, Ästen, Zaunlatten und anderen lebensgefährlichen Werkzeugen bewaffnet waren. »Hurra!« rief der Grimmige, indem er mir seine Laterne vors Gesicht hielt, »da haben wir endlich den Spitzbuben gefangen!«
»Hurra!« riefen die anderen und schwangen ihre Waffen.
Ich hatte nun bald heraus, daß man auf einen Obst- oder Blumendieb gefahndet hatte und daß für diesen das Fuchseisen, in welchem ich festsaß, bestimmt gewesen war. Natürlich hielt man mich für den Schuldigen, und augenscheinlich sollte an mir Lynchjustiz geübt werden. Ich wäre verloren gewesen, wenn nicht im rechten Augenblicke die Gesellschaft erschienen wäre und sich ins Mittel gelegt hätte. Es war aber schwer, dem Grimmigen begreiflich zu machen, daß ich nicht der Spitzbube sei und daß ich seinen Garten nur betreten habe, um mich nach der Lage von Kuckucksweiler zu erkundigen. Er behauptete, das sei eine leere Ausrede und es gäbe überhaupt keinen Ort namens Kuckucksweiler. Nur auf flehentliches Bitten der Damen entschloß er sich dazu, meinen Fuß aus dem Eisen zu lösen. Als er zu diesem Behuf den Boden beleuchtete, fielen seine Blicke auf ein in der Nähe befindliches Nelkenbeet, das arg zertreten und verwüstet war. Ohne Zweifel rührte diese Verwüstung von dem Botaniker her, welcher inzwischen die Flucht ergriffen haben mußte, denn wir sahen uns vergeblich nach ihm um. Meine Vermutung, daß er während der ganzen Dauer der Verhandlungen hinter den Stachelbeeren steckte, hat sich nachher bestätigt.
Was half's, daß ich meine Unschuld beteuerte! Der Grimmige erlöste mich nicht eher aus dem Eisen, als bis ich den ganzen Schaden, den er in der Geschwindigkeit auf sieben Mark und fünfundzwanzig Pfennig abschätzte, bezahlt hatte. Unter Schimpfreden und Hohngelächter wurden wir dann aus dem Garten hinausgeleitet. Kaum erreichten wir es, daß uns der Weg nach dem nächsten Wirtshause gezeigt wurde.
Eben hatten wir den ungastlichen Ort verlassen, als der Mond sich mit Wolken bezog und es anfing zu regnen! Das fehlte noch zu unserem Unglück! Schrecklich tönte durch die Stille der Nacht das Jammern und Klagen der Damen. Der Regen wurde stärker, und schon ganz durchnäßt waren wir, als wir in dem bezeichneten Wirtshause, einer elenden Fuhrmannsschenke, anlangten.