Vom köstlichen Humor

Part 14

Chapter 142,448 wordsPublic domain

Da saßen wir nun, eine verunglückte Landpartie, in der niedrigen, dumpfigen Gaststube. »Herr Gott! wo ist Knoppermann?« rief plötzlich der Steuerrat. Es wurde im Hause nach ihm gesucht, er war nicht zu finden. Nun fiel es uns allen ein, daß wir ihn schon seit längerer Zeit nicht mehr unter uns bemerkt hatten. »Wo kann er nur geblieben sein?« sagte der Steuerrat.

»Das will ich euch sagen,« erklang aus dem Hintergrunde die harte Stimme der Tante, »er wird mit dem Kopfe nach unten im Sumpfe stecken.«

»Ich wollte es nicht zuerst aussprechen,« nahm die Steuerrätin das Wort, »aber ich fürchte sehr, daß er in der Tat versunken ist.«

Kaum hatte sie das gesagt, als die Tante, welche vermutlich noch Absichten auf Knoppermann hatte, in lautes Weinen ausbrach.

»O, es ist entsetzlich«, jammerten die jungen Damen.

»O, Sie Unglücksvogel!« rief der Steuerrat, indem er auf den Botaniker zutrat und ihn an den Schultern faßte, »was haben Sie angerichtet! Schaffen Sie uns Knoppermann wieder! Sagen Sie uns, was wir tun sollen!«

Es wurde beschlossen, das Moor mit Laternen zu durchsuchen, und die Expedition sollte eben ins Werk gesetzt werden, als die Tür sich öffnete und der Vermißte eintrat, oder vielmehr von einem alten Reisigweiblein, welches hinter ihm kam, in die Stube geschoben wurde. Er war das Bild des Jammers, ohne Hut, ohne Stock, vom Regen durchnäßt, von Dornen zerzaust, über und über mit Fichtennadeln garniert.

»Gott sei Dank, daß Sie da sind!« riefen wir wie aus einem Munde.

»Also das Herrlein gehört zu Ihnen?« schmunzelte die Alte.

Anfangs war der arme Knoppermann unfähig zu sprechen. Nachdem er sich durch ein Glas heißen Getränkes gestärkt hatte, erzählte er uns, daß er, vor Ermüdung zurückgeblieben, die Gesellschaft verloren hätte. Dann hätte er gerufen, niemand hätte geantwortet. Dann wäre er Hals über Kopf einen Abhang hinabgerollt, von einem Baum zum anderen geschleudert worden und unten bewußtlos liegen geblieben. Dort hätte das Waldweiblein ihn gefunden, durch anhaltendes Schütteln ins Leben zurückgerufen und glücklich hierher geleitet. »Meinen Hut und Stock«, schloß er, »scheine ich verloren zu haben. Auch ist es mir so, als hätte ich vorher einen Paletot über dem Arm getragen. Ich weiß nicht, ob es der rechte oder der linke Arm gewesen; jetzt aber bemerke ich ihn auf keinem meiner beiden Arme.«

»Lassen Sie uns froh sein,« sagte der Steuerrat, »daß Sie selbst sich wiedergefunden haben. Was Ihre Sachen betrifft,« fügte er mit einem strengen Blick auf den Botaniker hinzu, »so werden dieselben sich möglicherweise in Kuckucksweiler oder in Amselhagen wiederfinden.«

Das war am Ende auch der beste Trost. Unterdessen hatte der Regen ein wenig nachgelassen, und nachdem wir die Alte belohnt und vom Wirt eine Mütze und einen Schal für Knoppermann geborgt hatten, machten wir uns auf den Weg nach der Bahnstation.

Wir waren sämtlich in der schlechtesten Stimmung, und keiner von uns hatte Lust ein Wort zu sprechen. Der Botaniker ging neben mir. Er hatte die ganze Botanisiertrommel voll gestohlener Stachelbeeren und aß nun eine nach der anderen. Da sie sämtlich noch unreif waren, so gab es, so oft er ein Beerchen zerbiß, einen kleinen Krach, wie beim Nüsseknacken.

Wir trafen noch gerade zur rechten Zeit in Dingelfeld ein, um einen Nachtzug zur Heimfahrt benutzen zu können. Todmüde, verstört, mit ruinierten Kleidern und in der elendesten Gemütsverfassung langten wir zu Hause an.

Vier Wochen lang lag ich zu Bett, acht Wochen ging ich am Stock, ein ganzes Jahr lang blieb ich ein Hinkefuß.

Dies, meine Herren, war meine letzte Landpartie. Lassen Sie sich diese Geschichte zur Warnung dienen. Ich weiß, Sie tun es doch nicht, Sie werden sich wieder verleiten lassen. Dann bitte ich Sie nur um eines. Sollten Sie irgendwo auf einer Landpartie unseren jungen Freund, den Botaniker, treffen, und er sitzt wieder in einer Kiefer -- lassen Sie ihn doch ja in der Kiefer sitzen!

Männertreue und Weiberkrieg.

+Veronica chamaedrys+ und +Ononis spinosa+.

~Die Frau spricht~:

Es ist ein Kräutlein, heißt Männertreu, In jedem Frühling blüht es aufs neu. Am Waldrand steht es und auf der Au Und Blumen trägt es, anmutig blau. Doch pflückst davon du dir einen Strauß, Nicht eine Blume bringst du nach Haus. Herunter fallen sie gar geschwind, Schon unterwegs weht sie ab der Wind. Des Kräutleins Name, der ist nicht schlecht, Und seinen Namen trägt es mit Recht. Den Männern sag' ich es ins Gesicht: ~So sind sie alle -- nur meiner nicht!~

~Der Mann spricht~:

Ein Kräutlein ist Weiberkrieg genannt, Das wächst auf Anger und Heideland. Da siehst du blühen es weit und breit Schön weiß und rot um die Sommerszeit. Doch will ich raten dir: Laß es stehn! Mit hundert Häkchen ist es versehn, Verletzt die Hände dir, hemmt den Schritt, Viel Ärger hast du und Not damit. Das ist so recht ja der Weiber Art, Ob sie auch lieblich sonst sind und zart, Sie sind ein Kräutlein, das kratzt und sticht. ~So sind sie alle -- nur meines nicht!~

Der Glückstag.

Ich war am Morgen So frohen Mutes, Als müßt' begegnen Mir etwas Gutes. Wohlan, es komme Das Glück gegangen! Bereit hier sitz' ich, Es zu empfangen.

Da kam ein Brief, Den die Post mir brachte,

Ich brach ihn auf, sah Hinein und lachte. Logierbesuch will Ins Haus mir kommen: Sei er mit Jubel Denn aufgenommen!

Drauf kam ein Mann, um Von mir zu borgen, Obwohl ich selbst war Bedrängt von Sorgen. Daß er auf mich sein Vertrauen setzte, Rührt' mich, ich gab ihm Sorglos das Letzte.

Nun eine Zeitung Nahm in die Hand ich, Darin auf mich was Geschrieben fand ich, Was Böses, Arges. Wie das mich freute! Seht, so beachten mich Doch die Leute!

Ich war noch immer Bei frohem Mute,

Als müßte kommen Noch andres Gute. Um mehr des Glückes Noch zu empfangen, Bin aus dem Haus ich Hinausgegangen.

Da überfiel mich Mit Donnerschlägen, Mich Unbeschirmten, Ein heft'ger Regen. Dem Himmel dankt' ich, Daß er uns schenkte Willkommenes Naß Und die Saaten tränkte.

Von einem Fenster- Brett fiel ein bunter Tontopf mit Nelken Auf mich herunter. Doch meinen Hut nur Hat er zertrümmert, Heil blieb ich selber Und unbekümmert.

Nach Hause eilt' ich, Da sah ich jagen

Scharf um die Ecke 'nen Schlächterwagen. Zu Boden riß er Mich freilich nieder, Doch kaum verletzt sprang Empor ich wieder.

Allmählich wurde Der Himmel heller; Nach Hause hinkt' ich, Stieg in den Keller, Holt' eine Flasche Mit gutem Weine. Wohl mir, ich hatte Just noch die eine.

Zusammen rief ich Darauf die Meinen, Mit mir im Jubel Sich zu vereinen. Kommt her und trinket, Seid frohen Mutes! Mir ist begegnet heut So viel Gutes.

Der Oberamtsrichter von Neckarsulm.

(Der Mann, von dem dieses Gedicht handelt, ist der vor einigen Jahren verstorbene Oberamtsrichter Ganzhorn von Neckarsulm. Das Abenteuer bestand er, als er auf einer Wanderung nach Aßmannshausen kam.)

Das war ein kernfest tüchtiger Mann, Von dem man Bestes melden kann, Von Gliedern stark, an Geist gesund, Was Zier des Manns ist, war ihm kund. In mancher Kunst war er geübt, Und ob's noch solche Zecher gibt, Wie er war -- zweifelhaft ist das! Er saß so fest beim Römerglas, Er war von echter deutscher Art, So mild und doch wie Stahl so hart, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.

Einst kam er wandernd an den Rhein, Der war beglänzt von hellem Schein, Von untergehnder Sonne Glut. »Fürwahr, ein Bad wär' gar zu gut! Es kann ja gar so schlimm nicht sein, Heut noch zu schwimmen durch den Rhein Und wieder hier ans Land zurück -- Das nenn' ich noch kein Wagestück!« Die Kleider wirft er ab sogleich

Und birgt sie unter dem Gesträuch, Drauf in den Strom wirft er sich kühn, Der faßt mit starken Armen ihn. Er regt die Glieder frisch und keck, Kommt anfangs auch recht gut vom Fleck; Doch mählich wächst des Stromes Kraft, Gewaltig wird er, riesenhaft, Kämpft mit dem Mann und reißt ihn mit, Hinunter wohl manch hundert Schritt; Der wehrt sich auch, so gut er kann: So kämpfen beide, Strom und Mann, Und miteinander ringen sie, Bis daß zuletzt mit vieler Müh' Das andre Ufer er erreicht, Der Mann. »Das war, bei Gott, nicht leicht! Ich traf den Rhein nicht häufig so.« Er spricht es, seiner Landung froh, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.

Da steht er nun am Uferrand, Die Gegend ist ihm nicht bekannt. Schon dunkel ist's, er nackt und bloß! Traun, die Verlegenheit ist groß. Zurück zu schwimmen durch den Rhein, Darauf lass' sich ein andrer ein! Er spürt, er weiß, das wär' nicht gut, Ob's ihm auch sonst nicht fehlt an Mut.

Die Kleider drüben und der Fluß Dazwischen -- o welch ein Verdruß! Wohin jetzt lenkt er seinen Lauf? Wer nimmt den neuen Adam auf? Da sieht ein Licht er gar nicht weit, Schleicht unterm Schirm der Dunkelheit Hinan sich. »Ha, ein Wirtshaus! Dort Helf' ich mir jetzt schon weiter fort.« Er lauscht. »Horch! Heller Gläserklang! Jetzt unverzagt! Jetzt nur nicht bang!« Ein wenig öffnet er die Tür Und ruft: »Ein Mann in Not ist hier! Reicht, Freunde, mir, ich bitt' euch sehr, Ein Bettuch oder Tischtuch her! Das reicht zu meiner Rettung hin. Habt keine Furcht vor mir, ich bin ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.«

Das Linnen wird ihm hingereicht, Er hüllt sich ein darin -- nun gleicht Er einem alten Römer fast. Ins Zimmer tritt der werte Gast: »Ihr Herrn, die ihr da sitzt beim Wein, Verzeiht, daß ich so spät erschein' Und in so seltsamem Kostüm! Das macht des Rheines Ungestüm, Der her mich ließ, doch nicht zurück.

Ein Licht erblickt' ich hier zum Glück Und lenkte zu ihm meinen Schritt. Wenn ihr's erlaubt, zech' ich jetzt mit. Mich hat das Schwimmen müd' gemacht, Mich überkam dabei die Nacht, Nun schaudert mich bis tief ins Mark. Wein her! Wein her! Mein Durst ist stark.« Da stehn sie all ehrfürchtig auf, Platz machend ihm. Der Wirt darauf Bringt ihm den Wein und füllt sein Glas: »Trinkt, lieber Herr! Wohl tu' Euch das!« Er hebt das Glas und leert's und spricht: »Der Rhein meint's doch so übel nicht, Daß er mich warf an diesen Strand! Hier fühl' ich mich in guter Hand; Der Ort gefällt mir und der Wein.« Er spricht's und schenkt sich fröhlich ein, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.

Da fiel beim Trunk manches gutes Wort, Denn wackere Zecher saßen dort. Der Wirt bedient mit allem Fleiß, Daß von der Stirn ihm troff der Schweiß. Sein Amt ihm harte Arbeit schuf, Denn unaufhörlich scholl der Ruf Von irgendeiner Seite her: »Wein her! Wein her! Ich hab' nichts mehr.«

Als spät es ward, nach alter Sitt' Man zu den bessern Sorten schritt, Von Jahrgang sich zu Jahrgang schwang Bis zu dem Wein von erstem Rang. Da funkeln Augen, Wangen glühn, Weinrosen purpurrot erblühn. Nun sitzt erst da voll Herrlichkeit Der Mann im weißen Römerkleid. Vor sich die Flaschenburg erbaut, Stolz er das Ganze überschaut Und spricht mit Kraft und trinkt und trinkt. Wie wohlgemut das Glas er schwingt, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~!

Und wie es spät und später wird, Die Eule schon zu Neste schwirrt, Da wird doch manch ein Zecher still; Die Hand nicht mehr gehorchen will, Und wie ein Mohnhaupt regenschwer Zur Seite sinkt, so hält nicht mehr Sich aufrecht, von der Last gebeugt, Manch Haupt, vom Weine schwer; es neigt Sich auf den Tisch und ruht da fest, Und ungetrunken bleibt ein Rest. Die Hähne krähn, der Morgen graut, Der Tag fahl in die Fenster schaut. Da sitzt noch einer ganz allein,

Der Weißumhüllte, wach beim Wein. Er füllt sein Glas und trinkt es leer -- »Will denn kein andrer trinken mehr? Hat alles schon so früh versagt, Da es ja doch erst eben tagt, Und noch des Weins da ist genug?« Er sprach's und tat manch tiefen Zug, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~.

Hell in die Fenster scheint der Tag, Sich schier darob verwundern mag, Was in der Gaststub' er erblickt. Da schlafen, übern Tisch gebückt, Alle bis auf einen -- dieser spricht: »Jetzt duldet's mich hier länger nicht. Kein Mensch ist da, der mit mir trinkt, Das Schnarchen mir unlieblich klingt, Des Weines find' ich auch nichts mehr; Den Wirt zu wecken, scheint mir schwer, Drum will ich gehn. Die hier ihr ruht, Ihr Schläfer all, bekomm's euch gut!« Er spricht's, von seinem Platze steht Er auf und ohne Schwanken geht Er hin zur Tür und tritt hinaus. Wie sieht die Welt seltsamlich aus! In Glut getaucht sind Wald und Bühl, Und doch weht es ihn an so kühl --

Zum Ufer schreitet er sodann, Da steht bei seinem Kahn ein Mann. »Hier find' ich, was mir eben not, Schau' einen Fährmann und ein Boot! Freund, fahrt Ihr mich wohl übern Rhein?« Der staunt, doch sagt er: »Steigt nur ein!« Vollendet glücklich ist die Fahrt; Die Kleider hat der Strauch bewahrt. Sie anzulegen wird ihm leicht, Das Lailach er dem Schiffer reicht. »Bringt dies zurück dem Wirt im Stern, Grüßt ihn und grüßt die guten Herrn, Die ich dort antraf, jung und alt. Dem Wirte sagt, ich käme bald Ihm zu bezahlen meine Schuld -- Ein wenig wohl hätt' er Geduld. Und dies hier ist für dich, mein Sohn!« Er gibt dem Mann gar guten Lohn Und geht davon aufrecht und stolz Durch Feld und Flur, durchs duft'ge Holz Grad' aus auf eine gute Stadt. Welch einen tücht'gen Schritt er hat, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~!

Er zecht nicht mehr vom vollen Faß, Er schwingt nicht mehr das Römerglas, Er atmet nicht mehr goldne Luft,

Längst ruht er schon in kühler Gruft. Doch wo vereint beim goldnen Wein Sitzt eine Zecherschar am Rhein, Da wird um manche Mitternacht In Ehren seiner noch gedacht. Da heißt's: Klingt mit den Gläsern an! Ihm gilt's! Das war ein wackrer Mann, ~Der Oberamtsrichter von Neckarsulm~!

Druck und Einband von Hesse & Becker in Leipzig.

Fußnoten:

[1] »Ah, alle Achtung! Eine mächtige Hand! In der ganzen Welt findet man nicht ihresgleichen.«

[2] »Was wollen Sie? Ich bin Ihr Gefangener, mein Herr! Warum mir diese Beschimpfung? Vor Ihrem Bataillon?«

[3] »Nun denn, Kamerad, vorwärts! Sie sind mein Gefangener.«

[4] »Ihren Namen, Ihren Namen, mein tapferer Kamerad!«

[5] heiser.

[6] wann.

[7] Flut.

[8] Lumpenpuppe.

[9] Seemannsscherz, wegen der lehmgrauen Farbe.

[10] Scherzausdruck des Ekels oder der Abwehr.

[11] Fußspuren.

[12] naßwischen.

[13] Bürste.

[14] Lumpen.

[15] Kessel.

[16] steuern.

[17] anschmeicheln.

[18] Kapitän sein.

[19] ihnen.

[20] Haufen, aber nur von halbflüssigen Stoffen.

[21] unruhig.

[22] Zeichen, daß die Flut eintritt.

[23] Taschenkrebs.

[24] Übereilen.

[25] kleiner Damm.

[26] Mittelamerika.

[27] Affen.

[28] Pantoffeln.

[29] d. h. die Sonnenhöhe gemessen hattest.

[30] Wer.

[31] klug.

[32] Scherz.

[33] Der quer durch den Strom schifft.

[34] Teil.

[35] Launen.

[36] Dicker.

[37] Ruß.

[38] Rahmtorten.

[39] mit Petroleummotor.

[40] Wie siehst du aus?

[41] Bataten.

[42] lügt.

[43] Naseweis.

[44] Rahm.

[45] verdrießlich.

[46] Trog.

[47] Zeugklammern.

[48] Spaßmacher.

[49] schwärmen, herumlaufen.