Part 3
Vögelchen schüttelte den Kopf. Ihr Blick suchte den ihres Freundes, der dem ihren nur scheu begegnete.
»Nein,« sagte sie. »Das Fräulein und ich schliefen in einem Bett.«
Die Admiralin stand auf und sagte: »Pfui, schämen Sie sich.« Vögelchen erbleichte. Einen Augenblick hielt sie den Atem an, dann brach es aus ihr aus: »Pfui, ja pfui über Sie alle, über Ihren Hochmut, Ihre Unbarmherzigkeit.« Erhobenen Hauptes entfernte sie sich.
Was nun folgte, war schmerzlich. Der junge Seeoffizier mied Vögelchen, die sich geweigert hatte, seine Mutter um Entschuldigung zu bitten. In einer Unterredung bat er den Doktor Urbacher, die Annäherungen an seinen Schützling zu entschuldigen. Gegensätzlichkeiten einschneidender Art nötigten ihn, den Verkehr aufzugeben, wie schwer dieser Verzicht ihn auch getroffen. Vögelchen erwiderte hoheitsvoll die Geringschätzung, die ihr von allen Seiten zuteil ward. Was Urbacher am bittersten schmerzte, war, daß sie ihm gegenüber den Vorwurf zu hegen schien, daß er sie vor den Menschen nicht gewarnt habe. Dies Erlebnis der Enttäuschung setzte Mannsthal wieder in seine Rechte ein. Zwei Tage nach diesen Begebenheiten fuhr er vor. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verjüngt. Die alljährliche Wirkung seiner Sommerkur wurde diesmal noch durch seine Bartlosigkeit unterstützt. Selbst seine Kleider hatten einen andern Schnitt. Vom neu erworbenen Wagen sprang ein weißhaariger Kammerdiener und öffnete dem Herrn, der neben ihm ein Jüngling schien, den Schlag. Merkwürdigerweise war Mannsthal über alles Vorgefallene unterrichtet. Die Auseinandersetzung, die nun zwischen ihm und Urbacher stattfand, hatte den Abbruch ihrer vertrauten Beziehungen zur Folge.
Erwachen
Das Zerwürfnis der beiden Freunde wäre unter anderen Umständen kaum so einschneidend und unwiderruflich gewesen. Mannsthal aber mußte bei der Ausführung eines Planes, der zu diesem Zeitpunkt einsetzte, vollständig ungestört und unbeobachtet sein. Er war durch einen berufsmäßigen Vertrauten, dessen Gewandtheit er schon mehrmals erprobt und der seinerseits sich mit einer im Schlosse wohnenden Erzieherin in Verbindung gesetzt hatte, über Vögelchens Leben daselbst aufs genaueste unterrichtet gewesen. Der gefürchtete Augenblick, den er noch in weiter Ferne wähnte, war gekommen. Vögelchen war einem Manne begegnet, einem Jüngling, dem sie sich geneigt fühlte. Solange alles furchtbar gefahrvoll schien, der junge Normayr Aussicht hatte, des Kindes vollstes Vertrauen zu erwerben, kostete Mannsthal die Lust, jene Gefahr bis zum Äußersten zu erleben. Es bestand ja immer noch die Möglichkeit, wenn alles verloren schien, ein grausames Nein zu sprechen. Nun aber hatte die Sachlage für ihn eine überraschend günstige Wendung genommen. Es lag etwas Unwahrscheinliches über diesem Naturereignis, das ihm so trefflich in die Hände gearbeitet hatte. Er zweifelte nicht, daß sein geheimer Wille Anschluß an höhere Macht gewonnen habe. An die Verwirklichung seiner Wünsche heftete sich kein Zweifel mehr. Als Sieger schon fuhr er in K. ein.
Vögelchen war in grausamere Fremdheit zurückgestürzt, in eine Öde, die mit jener nicht vergleichbar war, aus der sie sich zuweilen an das belebte Gestade gesehnt hatte. Jetzt schien ihr schon die Insel des Lebens durchquert und einer Wüste vergleichbar. Wäre nicht jene Nacht gewesen, die sie mit Mila Maquard verbracht! Irgendwo gleißte aus ihr ein Unbekanntes in die Ferne, schien selbst ein feuriger Faden, der durch Dunkelheiten lief, einer großen Flamme entgegen. Die scheue Freude und Ruhe, die sie im Umgang mit dem jungen Normayr genossen, sie wußte sie nicht mehr, seitdem er ihr wie erloschen schien. An ihrer Stelle saß ein kleiner Wurm in ihrem ehemals so aufgeschlossenen Herzen, das sich nun gefaltet hatte wie ein Blümlein zur Nacht. Als sie Mannsthal erblickte, stürmte sie auf ihn zu, aber sein verändertes Aussehen stürzte die Freude zurück in ihre Brust. War er es? Er folgte ihr auf das Zimmer, hielt prüfend seine kühle Hand an ihre Wange, fand, daß sie fiebere, und gebot ihr sich hinzulegen. Während sie in leiser Furcht und dennoch beglückt seiner Anordnung gehorchte, stand er vor ihr und meisterte die eigene Erregung. Er selbst war ihr behilflich, als sie dem Mädchen klingeln wollte. »Ich weiß, was vorgefallen ist,« sagte er und setzte sich zu ihr. »Du mußt jetzt ganz ruhig bleiben, es wird sich alles von selbst lösen. Du mußt mir nur wieder vertrauen.« Er streichelte leise ihr Haar, das aufknisterte wie nie zuvor, und seine Hand glitt wie beschwichtigend über ihre Schultern hinab. Da sah er Glut in ihre Wangen steigen. Eine Erinnerung hatte sie überwältigt und plötzlich riß sie sich aus der Betäubung, die er über sie hingoß, preßte ihre Arme um seinen Hals und schmiegte das heiße Antlitz an seine Wange. Sie hatte küssen gelernt.
Er atmete schwer, machte sich los. »Kind,« sagte er, »wie bin ich jetzt erschrocken. Das Fieber macht dich so stürmisch. Ich gehe jetzt, du mußt ruhiger werden. Ich muß ja nun dringend Urbacher sprechen.« Er verließ sie fliehend.
Vögelchen lag nun und die Stille tat ihr wohl. Denn nun war sie innerlich beruhigt wie nie zuvor, nun fühlte sie Geborgenheit und jenes Gleißende, womit ihr die verunglückte Frau für ihre Gastfreundschaft gedankt, glühte ihr näher und wärmer. Spät abends trat Mannsthal zu ihr und berichtete, daß Urbacher abgereist sei. Um die Aufregung des Abschiedes zu meiden, hätte er nur einige Worte für sie hingeschrieben. Vögelchen las: »Mein gutes Kind. Wir alten Freunde sind uneins geworden. Vergiß darüber nicht, daß in Treuen dir zugeneigt bleibt dein Freund Clemens Urbacher.
Ich meinte es gut. Trauere nicht über Leid. Schmerz erhöht.«
Vögelchen begann zu weinen, lautlos wie immer, wenn es weinte. Große Tränen rollten aus leuchtenden Augen über ein bewegungsloses Antlitz. So war Vögelchens Weinen. Mannsthal saß an ihrem Bett und küßte ihr Stirn und Haar. Sein Taschentuch, dem ein seltener, ihr unbekannter Duft entströmte, trocknete langsam die mählich versiegenden Tränen. Am folgenden Morgen saß Arabella, vom Schlaf erquickt, am Strande beim Frühstück. Die Leute schienen nun nicht mehr für sie vorhanden, obwohl die prunkvolle Ankunft Mannsthals nicht ohne Wirkung auf ihr Benehmen geblieben war. Vögelchen aber bemerkte es nicht, sie sah niemanden, sie wartete auf Va. Adalbert Mannsthal erschien im indischen Seidenanzug und erregte die Aufmerksamkeit der Sommergäste. Er küßte Vögelchens Stirn, im Flüsterton unterhielt er sich mit ihr. »Wie ich höre, war es die Maquard, die hier war. Ich werde mich nach ihrem Befinden erkundigen.«
»Du kennst sie?«
»Wer kennt sie nicht?«
Vögelchen errötete.
»Eine so schöne Erscheinung,« fügte er hinzu. »Eine scharmante Frau. Ich werde sie bitten, dir bei ihren Kaufleuten einige neuartige Kleider und was du sonst noch brauchst zu bestellen. Da sie dich kennt, wird sie das Richtige treffen. Sie hat dich ja auch entkleidet gesehen und weiß ungefähr deine Maße, nicht wahr?« Wieder errötete das Mädchen und blickte auf ihren Teller herab. Mannsthal lächelte fast unmerklich. »Wird es dir Freude machen, Ari, wie eine kleine Prinzessin gekleidet zu gehen?« sagte er dann. »Sieh mich doch an.« Er zwang ihren Blick in den seinen. »Denn wenn wir jetzt reisen, brauchst du schöne Dinge.« Vögelchens Hände klammerten sich an seinen Arm und mit verzücktem Ausdruck preßte sie die Lippen zusammen, als müßte sie ein Jauchzen in ihrer Brust verschließen.
»Nun ja, wir wollen jetzt reisen, da du nun einmal unter die Menschen gegangen und an ihnen klug geworden bist,« antwortete er. »Nun bleibst du ja auch eine Weile bei mir?« Sie preßte seine Hand: ein glühendes Versprechen.
Vögelchen sah mit Erstaunen, wie er, den sie lässig und oft müde gekannt, die Segel meisterte. Sie war stolz darauf, daß er sich Normayr zur Seite stellen konnte. Wie er nun zur Maquard fahren wollte, machte sie sich eiligst bereit, ihn zu begleiten. Ihr Gesichtchen wurde nachdenklich, als er erklärte, sie nicht mitnehmen zu können. »Nicht etwa, weil ich sie aussätzig finde, wie diese Leute hier.« Da hob sie den Kopf und sagte eigensinnig: »Du willst allein sein mit ihr.« Vögelchen blickte Mannsthal an vom Kopf bis zu den Füßen. Sie schien erst jetzt bewußt zu empfinden, daß er ein Mann sei, und so gut wie ein anderer mit jener Frau in einer dieser geheimnisvollen Verknüpfungen stehen konnte, von denen die Leute gemunkelt hatten. Sie gedachte der seltsamen Nacht und Schauer von Ahnungen durchbebten sie. Zugleich empfand sie Eifersucht und verfiel in Unmut. Mehr als Ärger war es, der sich schon bis zu Zornausbrüchen bei ihr steigern konnte, wenn sie sich vor Rätseln sah, die den Andern völlig klar waren. Er gab nach, verschob den Besuch. Sie machten eine Spazierfahrt, stiegen aus und gingen durch ein benachbartes Dorf. Sie trafen dort den jungen Normayr mit einem älteren Offizier. Er erschrak, grüßte ehrerbietig. Vögelchen nickte ihm zu. »Das war er,« sagte sie nach einer Weile.
»Ich dachte es mir,« sagte Mannsthal erschauernd. Dann schwiegen sie. Aber auf der Rückfahrt nahm er plötzlich ihren Kopf zwischen seine Hände und küßte sie. Vögelchen sah eine Träne in seinem Auge.
»Va,« rief sie und drückte seine Hände leidenschaftlich an die Lippen.
Als Vögelchen nach dem Essen auf ihr Zimmer gegangen war, schritt Mannsthal etwa zehn Minuten den See entlang. Dort stand sein Wagen. Er fuhr zur Maquard.
Des Morgens war er zurück. Nun wußte er mehr, als ihm lieb war. Die Maquard hatte ihm vorgearbeitet. Vielleicht hatte sie seine Absichten unbewußt gefördert. Er verschwieg Vögelchen den Besuch, ja er versuchte diese Begegnung in ihrer Erinnerung zu verdunkeln. Andere Eindrücke sollten sie verdrängen. Indessen kamen die Koffer mit den bestellten Kleidern, Mänteln, Hüten, Schuhen, mit blütenfeiner Wäsche, neuen Gepäckstücken und Toilettegegenstände mit Vögelchens Namenszug »Arabella«. Das Kind freute sich und auch das Mädchen schon, das gefallen wollte. Das Vögelchen von früher hätte manches abgelehnt von den neuen Dingen, die allerdings die Maquard mit seltenem Gefühl der Anpassung gewählt hatte. Ihre Jungfer hatte zurechtgemacht, was da und dort noch fehlte, und Vögelchen meinte, sie wäre zu ihr von einer Putzmacherin gesandt. Tags darauf veranlaßte Mannsthal die Übersiedlung in einen Gasthof an einen der benachbarten Seen, wo er Vögelchen mit dem Diener Camill allein ließ, um einige Geschäfte zu ordnen, ehe sie die Auslandsreise antraten.
Student Kruger
Vögelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte bewußt sich als Einzelwesen fühlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag und von ihrer Anhöhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stäubchen, ein losgelöstes Fünkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich loslösten und in der Luft verglühten oder im Wasser einen vorzeitigen Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da grünten die Fünkchen von neuem ins Leben. Über ihr blitzte der Flügel einer Schwalbe im Sonnenlicht. »Flieg, Fünkchen, flieg,« sang sie leise und es war ihr, als würde sie selbst ganz leicht und brauchte nur aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien, in deren Nähe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die Einzelnen aneinander festzuhalten. Wäre »Er« denn sonst nicht mit ihr geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter, nicht Schwesterlein und Brüderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wußte sie. Aber auch für sie mußte es kleine Quellen geben, wo sie trinken konnte, Nester, wo sie ruhen würde, wenn die Wanderschaft begann und sie ermüdete. Va wußte alles. Er würde sie weisen. Va, der Zauberer, würde ihr die Türen öffnen. Die Reise, das wußte sie, die war der Anbeginn ihrer Wanderung, und die Wanderung würde ihr Leben sein. Die Leute in den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vögelchen war es, als ginge der Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, floß ein, floß aus. Ihr Blut nährte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie bekam Weisungen von Höhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich. Dies alles war nicht Traum. Ließ es sich in Worte bilden?
Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von diesen Dingen erzählte sie dem Studenten Kruger, dem mißratenen Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele riß sie immer wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vögelchen störte ihn nicht. Er nannte sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich.
Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wußte nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas Überraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an der Ferne geschärft, unter bergenden Lidern enthüllen, und seine hohe Stirn, sein dichtes Haar ließen die Gestalt noch dürftiger erscheinen. Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugeäderten Schläfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach in sie ein, bis er das Geheimnis des »Stromes« aus ihr holte.
»Wer ist Gott?« fragte sie.
»Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfältiges Wesen und wirkt doch alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verkünder meiner Religion.«
»Und was ist das, was ihr die Seele nennt?« fragte Vögelchen.
»Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getümmel der Welt. Seele ist das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen, dein Geben in Demut.«
»Und was ist Demut?« fragte Vögelchen.
»Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einlaß und Ausströmen der Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewährung im Glück und Schmerz, Demut ist Liebe gewordenes Leid.«
»Trauere nicht über Leid, Schmerz erhöht,« sagte Vögelchen und bescheiden setzte sie hinzu: »Das weiß ich von Onkel Clemens, er schrieb mir das zum Abschied.« Und plötzlich brach sie aus: »Ach, warum ist er fort, der gute, gute Onkel Clemens?« Sie begann zu weinen. Student Kruger saß dabei und grinste aus Verlegenheit.
»Schmerz, wenn ein Rad über mein Bein fährt,« fragte sie dann und trocknete ihre Tränen.
»Nein, Ariel, körperlichen Schmerz, sofern er nicht maßlos und andauernd ist, verspüren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.«
»Ich war nie krank,« sagte Vögelchen.
»Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem Stiel, das Buschwindröschen, die Orchidee? Nein.«
»Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin säugte mich.« Sie sah ihn kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzählen, prahlte ihr Blick.
»Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran wärest du gestorben,« sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile an. »Bist du eigentlich schon ein Mädchen?« fragte er plötzlich. »Wie alt bist du?«
Vögelchen verschwieg gern ihr Alter. »Ich war immer ein Mädchen,« antwortete Vögelchen ernsthaft.
»Ich meine, ob du noch Kind bist?«
Vögelchen richtete sich zornig auf. »Ich wäre ja beinahe Braut geworden,« rief sie. »Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, müssen Sie wissen. Ich habe keinen Vater.«
»Und deine Mutter?« Vögelchen erbleichte. Sie riß einen Halm aus und warf ihn von sich. Dies war die Antwort.
»Aber das mit dem Schmerz, daß wir es, ich und die anderen (sie ging immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), daß wir den Schmerz nicht spüren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das versuchen.« Gehorsam zog er es hervor. Soll ich öffnen, deutet er. Sie nickte.
»Rasch, sonst verliere ich den Mut.« Er tat es. Sie ritzte sich in der Handfläche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des stählernen Eindringlings. Plötzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor. Vögelchen war kreideweiß im Gesicht. »Wahrhaftig, es schmerzte nicht,« sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr übel. Student Kruger hockte neben ihr, seine Haare sträubten sich vor Erregung, seine Ohren reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast blödsinnigen Glanz.
»Ariels Blut,« sagte er leise. »Wein des Lebens.«
»Ich kann es nicht sehen,« sagte Vögelchen, die immer bleicher wurde.
»Und müßt doch bluten, ihr Frauen.«
»Red' nicht so hoch daher,« rief sie unwillig und wand ihr Tuch um die Hand. »Ich hasse euer ewiges Gescheitsein.«
»Ich möchte dir alles geben, was ich habe, Ariel, alles Gescheitsein auch.«
»Ich mag nichts von dir,« sagte sie. Er sah sie an wie ein getretener Hund, dann beugte er sich über sie und flüsterte angstvoll: »Aber ich lasse dich nicht.« Vögelchen sah zu ihm auf; wie sein Antlitz über ihr schwebte, war ihr, als ob das Grauen sich in einer Wolke über ihr ballte. Ein Druck legte sich wie eine eisern würgende Faust auf ihren Hals, ein blauer Strom ging an beiden Schläfen zu ihrem Herzen hinab. Sie wurde ohnmächtig.
Camill, der Kammerdiener, kam, vom Ruf des Studenten angetrieben. Er rieb ihr die Stirne mit Essig. Man trug sie auf ihr Zimmer. Dort schlug sie die Augen auf. »Er hat mich gebissen,« sagte sie und deutete erzürnt auf Kruger, der bestürzt da stand. Der Kammerdiener machte ihm hinter Vögelchens Lager ein Zeichen. Er tippte mit dem Finger an seine Stirn, andeutend, daß er an der Vernunft seines Fräuleins zweifle.
Vögelchen streifte tags darauf wieder allein im Wald umher und war einsam bei den Mahlzeiten. Kruger begrüßte sie mit tiefen Verbeugungen. Er saß in einem Gartenhaus hinter Büchern bei einer Schreibarbeit. Manchmal stand er auf und fuhr wild gestikulierend mit den Armen in die Luft. Vögelchen war sehr neugierig, was er da treibe. Sie ging einige Mal um das Häuschen herum, setzte sich dann in Hör- und Sehweite, mit dem Schnitzen einer Gerte beschäftigt.
»Ja, da brauchte man ein Papier,« sagte sie, scheinbar zu sich selbst sprechend. Ein kleiner Junge lief vorüber und sah das kleine Fräulein an. »Ich mache eine Fahne,« sagte sie, »für mein Schiff. Aber dies ist erst der Mast. Ich brauche ein Papier. Und dann schreib' ich darauf >Fünkchen, flieg<. So heißt mein Schiff. Hast du verstanden, Peter? Oder heißt du vielleicht Seppel?« Der Junge nickte. »Nun, kannst du nicht reden? Aber nicken kannst du doch? Andere können nicht einmal nicken, und wenn du ein Student wärst, hättest du auch ein Papier.« Seppel murmelte etwas, das seine Zahnlosigkeit unverständlich machte, und verschwand auf das schrille Pfeifen eines Genossen.
Jetzt erschien Kruger vor dem Gartentor und hielt einen Bogen in der Hand.
»Ach, Sie sind hier?« sagte Vögelchen.
»Sie suchen mich ja schon eine gute Weile.«
»Einbildung,« sagte sie.
»Das ist keine Schande unter guten Freunden.«
»Freunden? Ich kenne Sie doch kaum. Vor acht Tagen wußte ich noch nichts von Ihnen.«
»Oh, das tut nichts zur Sache. Liebe auf den ersten Blick.«
»Ich, Sie lieben!« Sie lachte.
»Lieben Sie den Vogel dort, der über dem Baum schwirrt? Vor einer Sekunde noch war er nicht in Ihrem Leben und vielleicht werden Sie ihn nie wiedersehen. Lieben Sie dieses Marienkäferchen, das morgen tot sein wird, den Fisch, der dort aufblitzt im See, den Seppel, der eben fortlief?«
Sie dachte nach. »Ja,« sagte sie. »Aber Sie? Nein.«
»Auch mich, aber das ist nichts.« Er machte eine Handbewegung, als schöbe er etwas weit weg, und immerzu noch lächelte er unter dem Glück, daß sie wieder zu ihm gekommen. »Auch mich, aber Ihre Liebe gehört allen und niemandem. Sie bleiben nirgends. Ihr Herz hat Flügel. Es saugt sich dort an und da an und es wird süß werden wie Honig. Dies ist der Sinn Ihres Lebens, Honig des Herzens zu geben und den Gesang Ihrer Seele. Sie werden nicht Landschaften malen, nicht auf den Brettern agieren und nicht studieren, es sei denn, Sie täten es einem Menschen zulieb. Sie werden nicht sticken und Bücher lesen, und ich glaube, daß Sie niemals ein Kind haben werden.«
Vögelchen hatte still zugehört. Jetzt kam Bewegung in sie. »Ich will Kinder haben, sehr bald will ich kleine Kinder haben. Nächstes Jahr vielleicht schon,« sagte sie.
Kruger lachte, aber plötzlich standen seine Augen voll Tränen. Er hatte tagsüber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. »Deine Wiege stand im Wüstensand, im Land des Morgens,« sagte er mit weitausschauendem Blick, als predigte er. »Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und Du.« Und plötzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein Frommer, der eine Kirche verläßt, und küßte den Saum ihres Kleidchens. Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg ihn in seiner Brust.
Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter ihnen.
»Der gnädige Herr sind angekommen,« sagte er.
Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill angewiesen, der eine starke Anziehungskraft für ihn hatte. Wenn Vögelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen, schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vögelchens Wege verfolgen zu können. Der Diener sprach nicht wenig von schlüpfrigen Dingen und Student Kruger, mißratener Hofratssohn und Hörer der Theologie, vernahm sie mit Verständnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges über Mannsthal, den er als Vögelchens Besitzer bewunderte und haßte. Camill ließ Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von Medikamenten und Bädern, von gymnastischen Übungen, die alle der Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich heimlich in ähnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, daß Minna, das Schankmädchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklärten sich alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vögelchen gerichtet, das ihm von ferne ernsthaft zulächelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger näher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen.
Da geschah es am Tage vor der Abreise, daß am späten Nachmittag eine Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwürdig zarten, von Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vögelchen sah, wie Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht kühl und wie abwehrend verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches, mit Neugier gepaartes Lächeln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal, der ihr Vorwürfe zu machen schien, in das nahe Wäldchen.