Part 2
Es begab sich, daß Mannsthal, der Doktor und Vögelchen an einem blauen Juliabend an das jenseitige Ufer des Sees ruderten. Dort war vor kurzem ein verlassenes Schloß zu einer Fremdenherberge verwandelt worden. Auf der Terrasse, die weit ins Wasser hinausgebaut war, standen die Tische und Sessel, in denen die Reisenden und erholungsuchende Menschen sich müßig gegenüber saßen. Man konnte weithin den erhellten Saal sehen, aus dem oft wiegende Tanzmelodien klangen. Modisch gezierte Leute gingen hin und wieder. Adalbert, der diese Welt nicht suchte, aber niemals mied, begann mit Spott über dies Leben zu sprechen, das die Menschen zu Pagoden mache, in die Landschaft schlechte Farben und grelle Töne brächte. Es schien plötzlich eine Unrast in ihm zu sein wie in einem Tier, das etwas wittert. Der Abend barg eine von fremdem Duft beladene Schwüle, wie sie Gewitternächten vorangeht. Adalbert und der Doktor hatten fast den ganzen Tag im Studierzimmer verbracht, in die Angelegenheit einer Fälschung vertieft, der sie auf der Spur zu sein glaubten. Auch Vögelchen war den ganzen Tag über allein gewesen, wie vergraben zwischen ihren Blumen und Tieren. Das belebte Gelände am See erschien den aus der Einsamkeit Tauchenden wie eine Luftspiegelung; ganz fremd sah es in ihr Leben. Aber während Adalbert weiter sprach, als fürchtete er eine Stille, in die dies Fremde lauter tönen könnte, waren Vögelchens Augen mit jenem sich ansaugenden Ausdruck auf das Gestade gerichtet. Mannsthal saß am Steuer, während Urbacher in lässiger Betrachtung des neuen Bildes die Ruder gesenkt hielt.
Als er sie wieder aufnahm, sagte Vögelchen: »Bleiben wir noch.«
»Nein, wir müssen zurück. Es kommt Sturm,« mahnte Mannsthal.
»Steigen wir aus,« bat Vögelchen. »Ich will nicht bei Sturm auf dem See sein, bitte, Va.« Sie sagte Va. Sie vermied, Vater zu sagen.
»Unmöglich, Kind.«
In dem völligen Gleichklang der Wünsche, der zwischen Vögelchen und ihrem Stiefvater herrschte, war dieser Mißton ein Ereignis, der schon einer starken Reibung gleichkam. Vögelchen biß die Lippen zusammen und preßte erbleichend die Hände aneinander. Ihr Blick blieb unverwandt auf das Ufer gerichtet, während Urbacher langsam heimwärts ruderte. Doch plötzlich schien sich die Pein zu lösen und einer neuen Hoffnung zu weichen.
»Ich möchte dort wohnen,« sagte sie und ihr schmales Gesichtchen war von einer Freude und wie von einem Erstaunen über diese erhellt. Aber in diesem Augenblick, da ein heißer, plötzlicher Wunsch ihrer Sehnsucht die Tore brechen wollte, sah sie den Widerstand und der Anprall war stark.
»Was müßte geschehen, Va, daß ich in diesem Schlosse wohnen kann?« rief sie.
»Nichts kann hiezu geschehen,« sagte er.
»Müßte das Schiff brechen und wir von den Leuten dort gerettet werden?« fragte sie weiter.
»Keiner würde für uns seine feinen Schuhe naß machen,« erwiderte Mannsthal.
»Wenn wir nun heimkämen und das Haus stünde nicht mehr da,« fragte sie, sich an das Wunder klammernd. Und als sie Mannsthal lächeln sah, fuhr sie fast böse auf. »Könnte es denn nicht abgebrannt sein oder eingestürzt? Wenn ich es ganz fest wollte, Va. Dann müßten wir im Schloß bleiben, es ist das einzige Obdach,« jubelte sie.
»Und dein Dachzimmer mit den Puppen, Ari,« sagte Mannsthal fast höhnisch, als wollte er sich rächen.
Vögelchen errötete und verstummte. In einer Mansarde bewahrte sie noch Spielzeug auf und ihr kleiner buckliger Page hatte jüngstens verraten, daß sie dort heimlich spiele.
Spät abends an dem darauffolgenden Tage, da Mannsthal in einer geschäftlichen Angelegenheit in die Kreisstadt gefahren war, spürte man plötzlich im Wohnhaus einen beizenden Geruch. Rauch schlug aus dem schwedischen Ofen. Gleichzeitig polterte der Knecht aus seiner Kammer die Bodenstiege herab. Das Haus brannte. Urbacher warf sich in seine Kleider und stürzte in Vögelchens Zimmer. Das Bett war zerwühlt. Er rief nach dem Kinde -- kein Laut. Die Dienerschaft war schon auf den Beinen. Niemand hatte Arabella gesehen. Er gab Befehle, aber alles schien unwichtig, ehe man nicht Vögelchen gefunden hatte. Das Feuer ging von einer Vorratskammer am Dach aus. Es war zweifelhaft, ob man das Haus würde retten können, da es fast ganz aus Holz gebaut war. Das Wasser war nahe, aber außer einem Gartenschlauch gab es keine wirksamen Löschgeräte. Etwa zehn Minuten entfernt lagen drei kleinere Ansitze, das Dorf war doppelt so weit und seine Bewohner waren Mannsthal übel gesinnt seit einer Straßenangelegenheit, die er durchquert hatte. Es war nicht viel Hilfe zu erhoffen. Alles lief in fieberhafter Angst umher, hatte man nur Vögelchen in Sicherheit, dann mochten Hof und Haus in Trümmer zerfallen! Urbacher riß Türen auf, lief in den Garten, stürzte ins Haus zurück, hinauf bis zum qualmenden Dachboden. Da hörte er schluchzen. Es war das Weinen eines Kindes, das sich verlassen fühlt und dennoch, wie von Trotz gehalten, nicht um Hilfe rufen will. -- In der kleinen Mansarde neben ihren verborgenen Puppen kniete Vögelchen. Der Rauch wob einen Schleier um sie, in ihrem Nachtkleid mit dem aufgelösten Haar war sie einem Engel vergleichbar. Dies hatte sie heraufgetrieben: sie wollte die Puppen retten und schämte sich, sie aus ihrem Versteck zu ziehen. »Vögelchen,« rief Urbacher glückselig, und gleichzeitig fühlte er, wie eine andere Angst noch als die um des Kindes Sicherheit ihn freiließ. Sie war es nicht, die den Brand gelegt hatte. In diesem Falle hätte sie die Puppen, an denen sie so sehr hing, schon früher in Sicherheit gebracht. Aber warum weinte sie nun, da sie das Feuer tags zuvor erwünscht hatte? Sie sah Urbacher nun aus einem totenbleichen Antlitz regungslos an. Er riß sie auf, während sie noch rasch eine der Puppen an sich preßte, und trug sie in die Nacht hinaus. Niemals hatte Urbacher sie so in den Armen gehalten, »zurückgewichen in die bewußtlos-fromme Majestät der Kindlichkeit, der sie ihr Schmerz entriß«. Er fühlte ihren zarten Körper durch die leichte Hülle und hätte weinen mögen. Schon lag der Widerschein der Flammen auf dem See und tanzte in den Wellen, die der Nachtwind mit leiser Hand aufwarf. Im Bootshaus bettete er sie in den Kahn, doch als er sich wenden wollte, zum Rettungswerk zurückzukehren, fühlte er sich von zwei schlanken Armen umhalst und ein tränennasses Gesichtchen preßte sich an seine Wangen. Eine heiße Stimme, in der die Vögelchens kaum wiederzuerkennen war, flüsterte flehend: »Führ' mich hinüber, dorthin, siehst Du? Es sind noch Lichter dort. Ich will das Feuer nicht sehen.«
»Kind, Kind,« bat er und wollte sich losmachen. Aber ihre Finger gaben ihn nicht frei. Es war, als hätte sie Eisen in ihren mageren Händchen. »Ich komme wieder,« sagte er. Da ließ sie ihn.
Die Löschaktionen waren im Gange. Auf der Landstraße, die längs des Sees lief, sah man ein Licht tanzen. In rasender Eile näherte es sich dem Brandplatz. Das war des heimkehrenden Adalbert Wagen. Urbacher stürzte in das Studierzimmer, warf einige kostbare Bücher und Manuskripte ins Freie, fand tastend im Rauch in dem aufgesprengten Kasten Mannsthals Wertgegenstände, die er seinem Diener übergab. Im Schein der Flammen raffte man etwas von Vögelchens aus den Fenstern geworfenen Kleidern zusammen. Urbacher stürzte zurück in das Bootshaus. Vögelchen lag ausgestreckt im Kahn, sie schien zu fiebern. Sie griff nach seiner Hand, preßte sie an ihre Lippen. Wenige Augenblicke später stieß das Boot ab. Das brennende Haus war die Leuchte.
Mannsthal verlangte keine Erklärung. Es mag sein, daß er sich den Vorgang selbst gedeutet hatte. Einem Menschen, der das Schicksal mit kühler, ruhiger Hand nach seinen Wünschen zu lenken schien, mußte diese Nacht mehr als eine schreckhafte Episode bedeuten. Er bestand auf einer genauen Untersuchung der Brandursache und merkwürdigerweise fiel der Verdacht auf den buckligen, halb blöden Bauernjungen, der nicht leugnete, auf dem Dachboden mit Zündhölzchen gespielt zu haben. Mannsthal veranlaßte vorläufig nicht die Wiederherstellung des Hauses, das dank einem starken Regen, der unmittelbar nach dem Eintreffen am jenseitigen Ufer niedergegangen war, teilweise verschont geblieben war. Er selbst reiste am Morgen der Brandnacht ab ohne Vögelchen zu sprechen, über deren Aufenthalt ihn der Diener gleich bei seiner Rückkehr aufgeklärt hatte. Er ließ sie in Urbachers Hut, als wäre dieser verantwortlich für des Kindes Flucht zu den Menschen, die ihm das Scheitern seiner Hoffnung bedeuten mochte. Sei es, daß er sich in einer Krisis befand, die er allein besser zu überwinden hoffte, sei es, daß er nicht mit ansehen wollte, wie Vögelchen sich selbst die Welt gewann, oder gar am Ende ihr böse war, er war nicht zu bewegen, ihr zu folgen oder sie zu sich zu rufen.
Arabella wohnte nun an dem modischen Gestade.
Am Morgen nach der Ankunft sah man sie bei einer alten Dame sitzen, eifrig plaudernd. Sie erzählte später, daß sie nicht geschlafen hätte und gleich, nachdem die Dienerin mit ihren Kleidern angelangt war, auf die Terrasse gekommen sei, voll Neugierde das neue Leben erwartend. Um nicht allein zu sein, hätte sie sich gleich zu der alten Dame gesetzt, die sich sehr freundlich ihrer angenommen habe. Wie es schien, hatte sich bei Vögelchen eine Schleuse geöffnet, aus der nun alles, was sie in ihrer Einsamkeit erlebt hatte, hervorstürzte. Die Dame, die, wie eine allseits verehrte Tante, unter den jüngeren Hotelgästen lebte, nahm Vögelchen, die ihr ein lächelndes Entzücken entlockt hatte, völlig unter ihren Schutz. Und bald war das Kind mit Jung und Alt befreundet und der Mittelpunkt des Interesses. Vögelchen schien es ganz selbstverständlich offene Türen zu finden.
Die Schloßgesellschaft war nicht gerade die übelste Auswahl jener Herdenmenschen, die weder vom Spiel der Nerven noch von bedeutenderen Geistesanlagen zu einem Abweichen von gewohnten Wegen und Gesetzen gedrängt werden. Ihre gewandte Beherrschung der Lebensformen erinnerte an die Sicherheit, mit der oft ahnungslose Kinder Gefahren bestehen. Immerhin hatte sie etwas Bestechendes. Vögelchen aber war nicht geblendet und besonders den jungen Männern gegenüber benahm sie sich fast geringschätzig. Offenbar glichen sie ganz und gar nicht den Helden, die in ihrem kindlichen Hirn thronten. Urbacher gefielen sie auch nicht sonderlich. Es waren Familiensöhne, Jünglinge, die sich ihrem Namen gegenüber verpflichtet fühlten einen bestimmten Lebensweg einzuschlagen, was ihnen beinahe etwas greisenhaft Abgeschlossenes gab. Sie waren in Leibesübungen gewandt und in deren Betätigung fast leidenschaftlich und ehrgeizig. Ihr geistiges Bestreben hingegen beschränkte sich auf eine flüchtige Umsicht, die möglichst viel umspannen sollte. Die Mädchen waren bescheidener. Die natürlichste Form guter Lebensart schien der Familie Normayr eigen. Man sprach von einem Sohn, einem jungen Seeoffizier, der erwartet wurde. Am Vorabend seiner Ankunft, es war zweifelhaft, ob Vögelchen sie wußte (keinesfalls schenkte sie dem Umstand Beachtung), hatte sich ihrer Unrast bemächtigt. Am folgenden Morgen, als Vögelchen die Stiege hinabschreitet und der jugendliche Offizier in der sommerlichen weißen Seemannstracht ihr an der Seite seiner Schwester entgegenkommt, ist ihr Blick mit einem Male wie gebannt gewesen, verstrickt in dies gebräunte Jünglingsangesicht. Auch Urbachers bemächtigte sich ein freudiges und beklommenes Staunen, als ginge es von Vögelchen auf ihn über. Der junge Seeoffizier, auf dem ein Abglanz lag von den siegreichen Tagen von Lissa, unterschied sich allerdings schon auf den ersten Blick von den anderen jungen Leuten. Er war über sein Alter ernst und bei aller Bescheidenheit in sich gefestigt. Eine Herbheit ging von ihm aus, wie die Seeluft rein und erfrischend. Auch er besaß Unterwerfung in den herkömmlichen Willen der Familie, nur war sie bei ihm nicht Dünkel, sondern Ehrfurcht und vielleicht deshalb bedingungsloser, denn sie lebte neben seinem klaren, menschlichen Blick.
Er war streng gegen Vögelchen von der ersten Stunde ihrer rasch aufblühenden Freundschaft an. Ihm war wohl, er dürfe es, er hätte dies Amt über sie. Ihrer kleinen Teufeleien mußte er Herr werden, wollte er auf den Grund ihrer Seele schauen. Und Vögelchen ging umher in Leuchten und Staunen und hin- und hergewiegt zwischen Furcht und Frage. Dennoch formte sich zu dieser Zeit ihr Wesen zu etwas Festerem. Aus ihren Instinkten wollte sich Bewußtes entwickeln. Die vielen Plauderstunden mit dem neuen Freund begannen aus ihrer süßen, kleinen Tier- und Kindseele den Menschen zu wecken. Der junge Offizier, darüber konnte kein Zweifel sein, stand ebenfalls unter einem jener leisen Wunder, wie sie in der rückhaltsvollen Welt immer seltener werden, und er mochte ganz und gar bereit sein, sich dem neuen Zauber hinzugeben. Auch seine Mutter war Vögelchen gewogen und scheinbar erfreut, dereinst vielleicht das vermögende Mädchen als Tochter willkommen zu heißen. Urbacher sah des Kindes Strahlen und erlebte im Vorgefühl Mannsthals ohnmächtige Trauer, den Zusammenbruch seines geheimen Planes, der in seinen Zielen ihm unheimlich erschien und dennoch erhellt von dem Wetterleuchten seines eigenen zwiespältigen Herzens. Eine abwartende Scheu hemmte ihn dem Freunde Mitteilung zu machen, obwohl er in dunklen Augenblicken sein blitzartig zerstörendes Eintreffen beschwor. Er begnügte sich indes noch die Aufforderung, sich ihnen zuzugesellen, auf das dringendste zu wiederholen.
Der Gesellschaft hatte sich eine Spannung bemächtigt. Es lag ein Ereignis in der Luft. Auch das Wetter war in diesen Tagen schwül und lastend, bis es sich schließlich unter Donner und Blitzen gesäubert hatte. Der Regen, der so andauernd und heftig gewesen, daß der See über seine Ufer trat, brachte aus den Felsen, die die Landstraße längs des Wassers säumten, Sturzbäche hervor. Man sprach davon, die Straße für den Wagenverkehr zu sperren. Das Zögern des Verbotes hatte ein Unglück zur Folge, aus dem sich die Begebenheit entwickelte, die jene Spannung auf eine merkwürdige Art löste.
An dem Morgen, der den Wettertagen folgte, fuhr nämlich Mila Maquard mit ihrem Wagen von einem der nahen Kurplätze über die gefährdete Straße. Mila Maquard war eine jener Frauen, deren Haar nicht ganz die Farben der Natur hat, deren Perlen ungewöhnlich groß sind, deren Kleidung eine verschwiegene Sorgfalt aufweist und deren Hochmut Triumphen entspringt, über die man bedeutsam zu schweigen pflegt. Mila Maquard war von großer Schönheit und es war ihr eine natürliche Anmut geblieben, die auch Frauen entzücken mußte, deren Auge nicht von bürgerlicher Verachtung trübe war.
Als sie nun ahnungslos jene Stelle der Fahrstraße passierte, wo das Wasser in den Felspartien verheerend gewirkt hatte, ging eine Erdrutschung nieder. Ihr Kutscher wurde schwer verwundet, sie selbst aus dem Wagen geschleudert, wodurch sie einen Bruch des Armes und einen leichten Nervenschock erlitt. Die Unfallsstelle war nicht weit vom Schlosse und der herbeigerufene Landarzt verfügte dahin den Transport der Verletzten. Man war zu der verhängnisvollen Stätte geeilt und einige Herren hatten die Verunglückte erkannt. Alsbald waren auch die Damen unterrichtet und eine eisige Teilnahme wurde der schönen Maquard zuteil.
Während man sie und den Kutscher in den Saal hingebettet hatte und der Arzt sich um sie bemühte, standen die Gäste auf der Terrasse in Gruppen umher. Lebhafte Gespräche entwickelten sich. Man schien nicht geneigt, der Fremden Gastfreundschaft zu gewähren. Frau von G., die Mutter von vier Töchtern, deren Verheiratung das Ziel der Sommerreise war, ereiferte sich ganz besonders. Ebenso Baron M., der sich abseits, wie man bemerkt hatte, für sein korrektes Benehmen in ausgiebigster Weise schadlos zu halten verstand. Er mochte Gründe haben diese Begegnung unter dem Auge der Familie zu scheuen.
Als die Debatte, die wegen der Nähe der jungen Mädchen nur andeutungsweise und im Flüstertone geführt wurde, ihren Höhepunkt erreicht hatte, erschien der Pächter und fragte auf das höflichste an, ob man die Güte haben würde, der Verunglückten in dem vollbesetzten Hause dadurch Platz zu machen, daß etwa zwei der jungen Leute in einem Zimmer schlafen würden, so daß man einen Raum gewänne. Es sei bemerkt, daß von dem Augenblick, da Mila Maquard sich in dem Hause befand, eine Veränderung mit der Gesellschaft sich vollzogen hatte. Die Herren waren mit einem Male sehr angeregt, als wäre nicht eben ein Unglück geschehen, das einen tödlichen Verlauf hätte nehmen können. Besonders die Jünglinge bezeigten ein lebhaftes, wichtigtuendes Wesen und den Fräulein ihres Kreises eine gewisse Geringschätzung. Ihre Beflissenheit beim Transport der blonden Dame war auch ganz außerordentlich gewesen. Aber auch die Damen wurden lebendiger, die Freudigkeit einer Abwechslung war auch in ihre Nerven gefahren, nur daß sich ihr Verhalten sogleich kriegerisch färbte. Der junge Normayr war mit seinem Segler am See. Da es sehr stürmisch war, hatte man Vögelchen bestimmt, ihn nicht zu begleiten, so daß es auch Zeugin des Unfalls gewesen war. Wo aber trieb es sich nun herum? Urbacher näherte sich der Terrasse und sah seine Vermutung bestätigt: Vögelchens weiße Gestalt lehnte dort an einer Holzsäule. Ihre Kinderaugen wandten den Blick nicht von der hübschen Frau, die auch in der Lage, in der sie sich augenblicklich befand, nichts von ihrer typischen Eigenart verloren hatte, die zu der des Kindes in einem so starken Gegensatz stand, daß die Frage nahe lag, ob die beiden denn Wesen einer Art seien. Als Vögelchen Urbacher sah, kam sie auf ihn zu und flüsterte: »Ist sie nicht schön? Glaubst du, daß es eine Prinzessin ist?«
Die gute Frau von G. war mittlerweile in so große Aufregung geraten, daß sie das »_pas avant les enfants_« vergessen hatte, als sie nun das Wort ergriff, um dem Hotelier zu antworten: »Wir sind alle der Meinung, daß es unmöglich ist, diese -- diese Frau hier aufzunehmen. Wir können Ihnen nun freilich keine Vorschriften machen, aber ich für meine Person versichere Ihnen, daß ich mit meiner Familie morgen abreise, wenn sich diese Person hier auf einen längeren Aufenthalt einrichten wollte, und ich bin sicher, daß wir nicht die einzigen wären.«
»Ich bitte, sich zu beruhigen, gnädige Frau,« sagte der Pächter. »Wir befinden uns ja noch unter dem ersten Eindruck dieses Unfalles. Was die Dame weiterhin zu tun gedenkt, ist mir völlig unbekannt, aber jedenfalls ist ihr für die nächsten Tage die Weiterfahrt ärztlich verboten.«
»Das ist ja sehr traurig, mein lieber Rösler,« sagte die Baronin. »Man hätte eben die Straße für Wagen sperren sollen. Wir wollen aber in unserem Aufenthalt nicht gestört sein und Sie können uns nicht zumuten, mit dieser -- dieser Frau unter einem Dache zu wohnen.«
Herr Rösler bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. »Verzeihen Sie, Gnädigste, aber versetzen Sie sich in meine Lage. Kann man eine Verunglückte vor die Türe setzen?«
»Nun dafür gibt es Beispiele,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling. »Ich habe es selbst mitgemacht, daß man in K. zwei Lungenkranke abwies, die in unserem Hotel einkehren wollten.«
»Das ist abscheulich,« sagte da eine bebende Stimme, und Vögelchen stand plötzlich im Vordergrund. Sie war bleicher als sonst und sprach in sichtlicher Erregung. »Ja, warum soll denn diese liebe Dame nicht hier schlafen?« rief sie. »Wo soll sie nun denn wohnen? Vielleicht wäre es mir auch so ergangen, als uns das Dach wegbrannte, wenn ich am Tage gekommen wäre und man über mich abgestimmt hätte. Vielleicht hätte man mich auch verjagt.«
Einer der Jünglinge lachte, und im nächsten Augenblick entlud sich eine allgemeine Lachsalve. Vögelchen wurde glühend rot. Sie fühlte jetzt, daß sie etwas Einfältiges gesagt hatte, und große Tränen traten in ihre Augen.
»Ich bin natürlich gern bereit, mein Zimmer abzutreten, falls sich keiner der jungen Leute bereit erklärt,« sagte Urbacher.
»Nein, das dürfen Sie nicht,« unterbrach ihn der Baron. »Ich wäre ja auch bereit. Aber das ist nun einmal eine Prinzipiensache. (Wir sprechen ja wohl noch darüber, wenn wir unter uns sind.) Sie beschämen unsere jungen Leute oder drängen sie, den Damen gegenüber einen Taktfehler zu begehen.«
»Ich habe mein Wort verpfändet das Hotel nicht zu verlassen. Wenn mir keiner der Herren in seinem Zimmer Gastfreundschaft gewährt, ist meine Bereitwilligkeit leider ohne Wirkung.«
Eisige Stille folgte seinen Worten. Der Hotelier zuckte die Achseln und entfernte sich. Ihm war es ja schließlich auch lieber, wenn ein Fräulein Maquard nicht unter den Gästen seines Familienhotels erschien. Er selbst hatte sein Zimmer vermietet und wohnte in einer schlechten Mansarde.
Die Gesellschaft zerstreute sich. Die Herren waren froh unter sich zu sein. Die jungen Mädchen blieben beisammen und ließen ihrer Neugier freien Lauf.
Indessen war der junge Normayr gelandet und sogleich von den Begebenheiten unterrichtet worden. Als er nun zu Vögelchen trat, umwogte sie eine Welle von Zärtlichkeit, die aus seinen klaren Augen zu ihr ging. Sicher hatte er von ihrer rührenden, kleinen Standrede gehört. Als sie dann plaudernd auf- und abwanderten, kam Ruhe über sie.
Für den Nachmittag projektierten die Damen nicht ohne Hintergedanken einen Ausflug. Fräulein Maquard war indessen in dem Rauchzimmer untergebracht. Der Pächter war in einer verzweifelten Lage. Die Gesellschaft brach auf, ehe er nochmals an sie herantreten konnte. Auf diesem Ausflug schien sich zwischen Vögelchen und ihrem schönen Freunde eine Annäherung vollzogen zu haben, die nun manches bisher Unausgesprochene zur Wortschwelle gedrängt hatte. An diesem Abend entschloß sich Urbacher, Mannsthal von dieser Annäherung zu verständigen.
Was Fräulein Maquard betrifft, so fand man, vom Ausfluge zurückgekehrt, keine Spur mehr von ihr. Eine gewisse Scheu der Beschämung, wie sie Menschen oft befällt, wenn ihnen eine schlechte Tat gelungen, hielt die Frage zurück, wohin sich die Verunglückte gewendet habe. Die Lustigkeit, die die Gesellschaft an diesem Abend entfaltete, war nicht ehrlich. Man wollte sich über sein schlechtes Gewissen hinwegamüsieren. Selbst die Admiralsfrau von Normayr war geräuschvoll und ganz besonders liebenswürdig Vögelchen gegenüber, wohl um zu beweisen, daß sie ihre vorlaute Ansprache nicht übel genommen habe, da nun alles sich zur Befriedigung der gefährdeten Ehrbarkeit gewendet hatte.
Wie sehr erstaunte man aber, als am darauffolgenden Morgen Mila Maquard, den Arm in der Schlinge, ein wenig bleich, unter den Frühstücksgästen erschien und mit der größten Ruhe, ohne irgend jemanden zu beachten, in der guten Morgensonne, die sich nicht scheute auch sie zu bescheinen, ihr umfangreiches Frühstück einnahm.
Die Gespräche verstummten. Frau von G. schien von Gelbsucht befallen, die Mädchen wagten nicht aufzusehen, die jungen Leute sprachen lauter, als ihre Gewohnheit war, und prahlten mit bereits bekannten Ereignissen. Ein Sturm der Entrüstung brach los, als Mila Maquard die Terrasse verließ.
Urbacher war die ganze Zeit über ein wenig unruhig gewesen, weil er Vögelchen, die eine Frühaufsteherin war, vermißte. Ihr Freund, der bei ihm saß, teilte seine Unruhe. Nun kam sie, eben als der Redeschwall losbrach, langsam und verschlafen die Stufen des Hauses herab.
»Das ist unerhört,« erklärte Frau Kommerzialrat Lobling, deren Kleid entschieden von dem Mila Maquards geschlagen worden war.
»Eine Hinterhältigkeit, eine Unverschämtheit von diesem Rösler,« rief Frau von G.
»Meine Meinung wird er hören,« pfiff die Baronin.
Auch die Admiralin war so ungehalten, daß ihr Sohn sie zu beruhigen trachtete.
»Wissen möchte ich, wer den Mut gehabt hat, ihr das Zimmer abzutreten,« sagte der Baron. »Wissen Sie es vielleicht?« fragte er die Kellnerin.
Da trat Vögelchen dicht heran. Sie sagte mit leiser, aber fester Stimme: »Das Fräulein hat in meinem Zimmer übernachtet.«
»Und du,« fragte arglos Fräulein von Normayr in die peinliche Stille. »Hast du die Nacht im Walde verbracht?«