Vögelchen

Part 1

Chapter 13,458 wordsPublic domain

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Friderike Maria Winternitz

Vögelchen

Roman

1919 S. Fischer, Verlag Berlin-Wien

Erste bis achte Auflage.

Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung. Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin.

Romain Rolland dankbarst für viele Güte und Freundschaft

»Ich nenne sie deshalb Vögelchen, weil es etwas Reizenderes als Vögelchen nicht gibt.«

Dostojewski »Der Idiot«.

Fürsten der Erde und Sklaven, blutig gegeißelt, Kamen wie Brüder zusammen im Dome unserer Andacht: Den Friedenskuß brachten wir allen gezeichneten Stirnen, Der Erde drückendste Träume wie heimlich Seufzen der Mutter waren uns verständlich Und, wo sich abwandten unsere Brüder voll Grau'n, liebten wir noch.

Ottokar Brezina »Wahnbethörte«.

Kindheit

Etwa um das Jahr 1860 fand in Wien, im Hause einer adeligen Dame, eine Ausstellung von Miniaturen statt, in der besonders zwei Sammlungen, die Adalbert Mannsthals, des Besitzers oder Großaktionärs der Mannsthal-Werke, und die des Nervenarztes Dr. Clemens Urbacher, Aufmerksamkeit erregten.

Mannsthals Sammlung war die eines sehr reichen Mannes, der sich sowohl Bestes als auch Reichhaltigkeit gönnen konnte. Sie unterschied sich wesentlich von der Urbachers, der als theoretischer Gelehrter über geringe Einkünfte verfügte, als wohlhabender Bürgerssohn nicht mehr als einer angenehmen Sorglosigkeit sich erfreute. Seine Miniaturen waren mit Bedachtsamkeit ausgewählt und niemals ohne das Bewußtsein des Luxus, den der Ankauf bedeutete. Er fand es sündhaft für ein Bildchen, für eine bemalte Dose oder Brosche viel Geld auszugeben, als Philanthrop fühlte er dies angesichts des menschlichen Elends, der Spitalsnot, der wirtschaftlichen Wirren. War er nun aber wahrhaftig solch ein Sünder, der vor einem Elfenbeinangesicht, das mit verträumten Augen in ein entschwundenes Leben lächelt, an schlecht dotierte Nervenanstalten, skrofulöse Kinder und rekonvaleszente Frauen vergessen konnte, so mußte Adalbert Mannsthal, trotz seiner wohltätigen Aktionen, ein noch viel größerer Frevler gewesen sein. Seine Leidenschaft für diese verbleichende Kunst, die um so rührender ist, weil sie wohl auf immer der Vergangenheit angehört, war so groß, daß er ihr seine lebendige Frau geopfert hat, seine liebliche und sanftmütige und noch jugendliche Frau. Die Sache hatte seinerzeit in Wien viel von sich sprechen gemacht, denn das kleine Mädchen, das Frau Martha Mannsthal in die Ehe gebracht hatte, verblieb bei dem Stiefvater. Es verlautete, daß zur Zeit der Heirat ein Kontrakt zustande gekommen war, wonach Arabella, das Kind, im Falle einer Scheidung, wie ein in der Ehe geborenes, dem schuldlosen Teile zugesprochen werden sollte. Man hatte herumgedeutet, was wohl die Beweggründe dieses nicht alltäglichen Vertrages sein mochten. Die einen waren der Ansicht, daß Mannsthal dadurch die Frau fester an sich binden wollte. Böse Zungen meinten darin ein Warnungszeichen zu erblicken, ein Mißtrauen gegen die Beständigkeit der Dame. Andere behaupteten, Mannsthal hätte das kleine Mädchen so lieb gewonnen, daß ein etwaiger Verlust ihm unerträglich schien, und ein nicht ganz harmloser Spötter, der zu dieser Gruppe gehörte, deutete, daß es ja immerhin möglich wäre, daß das kleine Mädchen der entscheidende Grund zur Heirat gewesen sei, und daß nicht die Frau, sondern das Kind es vermocht hatte, aus dem Sonderling und Eigenbrödler einen seßhaften Ehemann zu machen. Keinesfalls konnte ein Zweifel darüber herrschen, daß Mannsthal seine Frau nach der Geburt des Töchterchens kennen lernte, denn sie hatte mit ihrem kranken Manne in Ägypten gelebt, während Mannsthal gerade in diesen Jahren keine größere Reise unternommen hatte. Das Gericht hatte möglicherweise Mannsthal als den richtigen Vater anerkannt, was wohl eine Bedingung zur Abfassung des Vertrages gewesen sein mochte. Wenige Wochen vor der Scheidung hatte man in Gesellschaft der hübschen Frau einen Ausländer auftauchen sehen, dem alle äußeren Merkzeichen eines Frauenverführers zuzusprechen waren. Diejenigen, die die Vereinbarung dieser Eheschließung kannten, waren über die Kühnheit verwundert, mit der die Mutter mit dem Feuer spielte. Zu dieser Zeit hatte Mannsthals Sammlerleidenschaft ihren Höhepunkt erreicht und man schwärzt ihn nicht an, wenn man behauptet, daß er ihr seine Frau hintanstellte und deren Wünsche den Unsummen opferte, die er für seine Miniaturen verausgabte. Auffällig war, daß das kleine, ungemein zarte Mädchen nach wie vor wie ein Prinzeßchen gehalten wurde und sich über keinerlei Zurücksetzung von seiten des Stiefvaters zu beklagen hatte.

Urbacher kam kurze Zeit nach der Scheidung in Mannsthals Haus, um eine seiner Neuerwerbungen zu besichtigen, und bei dieser Gelegenheit lernte er sein Töchterchen Arabella, das Vögelchen, kennen. Niemand dachte daran, daß dieses Mädchen -- es war damals etwa fünf Jahre alt -- einen andern Namen führen könnte. Es war scheu, lebhaft, sanft und versonnen, zart und wärmebedürftig, irgendwie der Natur, ja dem Erdmagnetismus verschwistert, und seine Stimme war wie ein Sang, der durch eine Stille tönt. Unwillkürlich schwieg alles, wenn Vögelchen sprach. Jeder fühlte sich geneigt, es wie ein aus dem Nest gefallenes Junges gleichsam mit der warmen, gehöhlten Hand zu decken und zu schützen, und blieb dennoch zaghaft, vorausahnend, daß es mit leichten Flügeln den zarten Körper heben und entflattern würde, wenn man sich ihm allzusehr näherte. Und doch war es so zutraulich, daß von ihm selbst Ermutigung auszugehen schien, es zu greifen.

Was Vögelchen auch in den späteren Jahren über die Maßen reizend machte, war das völlig Unbewußte, fast Heilige ihres Wesens, das nicht dem eines Menschenkindes glich und etwas von der berückenden Schuldlosigkeit der Tiere an sich hatte. Urbacher fiel es gleich an ihrem Äußern auf, daß sie eine große Ähnlichkeit mit jenen malerischen Gebilden hatte, die Adalbert Mannsthal zu seiner Gesellschaft erkoren hatte. Ihr Gesichtchen war so weich, zart und unwirklich wie das der Miniaturen, ihre Züge wie mit einer leisen Feder gezeichnet, ihre Augen klug, lächelnd und von Sehnsucht erleuchtet, so stark im Ausdruck, daß dies unheimlich Heimliche der Seele klar zu sprechen schien und gewiß nur die menschliche Stumpfheit schuld trug, wenn sie diese Botschaft nicht erfassen konnte. Alles Beiwerk ihrer Erscheinung verflüchtigte sich gänzlich, war wie aufgelöst durch ihren überstrahlenden Blick. Als Urbacher Vögelchen inmitten dieser Bildchen sah, die ihren Namen, wie Diderot behauptete, von dem zart einschmeichlerischen Worte mignard ableiten, fiel ihm jener Spötter ein, der vielleicht im bösen Sinne die wahre Deutung von Adalbert Mannsthals Ehe gefunden hatte.

Wenn man also mit hinlänglicher Sicherheit davon ausgehen konnte, daß die erblühte Anmut der geschiedenen Frau den Schönheitssucher Mannsthal weniger gefesselt hatte als die des kleinen Mädchens, so war die Eifersucht, die ihre Mutter der Sammelwut ihres Gatten entgegenbrachte, ein Kampf um die Vorzugsstellung, die dieser der Tochter einräumte, der Kampf der Blüte gegen die Knospe. Man bedenke, daß sie die Klausel des Ehekontraktes kannte, in die sie in der vollsten Sicherheit ihrer selbst wie in eine Laune gewilligt hatte, da sie in ihr nur den Beweis einer starken Zuneigung vermutete. Man mußte jedoch Adalbert Mannsthal kennen, um es zu wagen, den Verdacht auszusprechen, daß er vom Augenblick, da er Vögelchen sah, planmäßig vorging, um eines Tages in ihren alleinigen Besitz zu gelangen. Man mußte seine Natur kennen, die es glaubhaft machte, daß er seine Frau nicht einmal als die beste Pflegerin Vögelchens neben diesem duldete, wiewohl er an dieser etwas willensmüden Gefährtin sicherlich seine Freuden hatte.

Mannsthal hatte jene Freundschaft mit dem Ausländer, die ihm den Vorwand zur Scheidung bot, gleichmütig, ja wie mit Schadenfreude geduldet. Weiß Gott, welch teuflischer Plan in ihm erwacht war. Es erscheint nicht unmöglich, daß er selbst es gewesen sein konnte, der diesen Aventurier gedungen, seine Frau zu versuchen.

Die Sammler sind ein eigenartiger Menschenschlag. Sie haben etwas von den rastlosen, unterirdischen Tieren, von den neidischen Hamstern und Mardern. Von diesen heißt es, sie seien klug, listig, mißtrauisch, behutsam, äußerst mutig, blutdürstig und grausam, gegen ihre Jungen aber ungemein zärtlich. Die Art, wie der Hamster sich für magere Zeiten versorgt, ist allen bekannt. Jedenfalls schien Mannsthals Bemühen um dieses Kind ein Aufsparen für die Zukunft.

Die Erziehung und Pflege, die der Kleinen zuteil wurde, war ganz darauf gerichtet, lange in ihr das Kindliche zu schonen und zu erhalten. Vögelchen besuchte niemals eine Schule, ja, es fanden sich erstaunliche Lücken in ihrem Wissen, als sie den Jahren nach schon ein großes Mädchen war. Von den Zielen der Aufklärung, die damals im Unterrichtswesen allmählich Wurzel faßten, blieb Vögelchen gänzlich unberührt. Ihre Körperpflege war danach angetan, ihr eine kühle Zartheit zu bewahren. Mannsthal ließ sie niemals aus den Augen; ohne daß sie dies fühlte, war sie allüberall von seiner Wachsamkeit umstellt. Das bedeutete nicht, daß Vögelchen ängstlich abgeschlossen war. Sie sah Kinder um sich, aber sie waren meist viel jünger als sie selbst und niemals altklug. Auch vom Kreise der Erwachsenen, die in Wien bei ihrem Stiefvater aus- und eingingen, verbannte man sie nicht, wohl weil sie selbst niemals unter ihnen blieb, sie flatterte an ihnen vorüber. Anders wollte sie es selbst nicht. Sei es daß Mannsthal eine Art Hypnose auf das Kind ausübte oder daß alles, was sie tat, sein Wunsch zu sein schien, weil er nichts anderes zu wünschen vermochte, eine seltsame Harmonie herrschte zwischen den beiden, die manchmal ein leidenschaftliches Aufflammen der Seelen krönte. Trotz allem schien es, daß Vögelchen Mannsthal nicht liebte wie einen Vater. Es war auch etwas von der Anhänglichkeit der Zirkuskinder für ihren Peiniger, der Wunderkinder für ihren Impresario in ihrem Gefühl. Ein viel zu starkes Innenleben wohnte ihr inne, um nicht im Unbewußten zumindest Ahnung zu erwecken, daß man an ihrer Mutter gefrevelt und sie um diese beraubt hatte. Man hatte ihr nichts erklärt, und sie schwieg. Aber, wenn sich der Eindruck des nestlosen, frierenden Vögelchens verstärkte, war es, als dächte sie an die Mutter, die nach einem hartnäckigen Kampf es aufgegeben hatte, ihr Töchterchen zurückzugewinnen. Dennoch war ihr Verteidiger und Anwalt ein leidenschaftlicher junger Geist, ein fulminanter Redner gewesen, von dem die Rechtswelt noch viel erwartete. In seinem Plaidoyer hatte er den Spieß umgekehrt und Mannsthal des Treubruches angeklagt. »Ist es nicht ganz unwesentlich,« hatte er gesagt, »ob die Frau, der ich ein Vermögen opfere, der ich mich mit allen Fibern hingebe, um derentwillen ich mein angetrautes Weib der Verlassenheit und ihren Gefahren preisgebe, ist es nicht unwesentlich, daß diese Frau nicht eine greifbare Verführerin ist? Der Sammelleidenschaft hat Herr Adalbert Mannsthal gehuldigt, mit ihr hat er Orgien gefeiert. Er hat dem Laster gefrönt. Und wenn in Ihren Augen auch der Verdacht gegen Frau Mannsthal berechtigt erscheinen könnte, wenn man auch sie des Lasters bezichtigen könnte, Sie werden sich nicht der Gerechtigkeit versagen, Adalbert und nicht Martha Mannsthal als den schuldigen Teil zu erkennen. Denn, meine Herren, was ist das Laster überhaupt? Laster ist unendliche Hingabe. Vielleicht finden wir darin den Schlüssel, daß es Menschen gibt, die durch die Gewalt ihrer Hingebungsfähigkeit zugleich Heilige und Lasterhafte sind. Wenn nun ein Mensch seine Hingebungsfähigkeit, die ein anderer verkannt und verraten hat, einem Menschen schenkt, der mit den heißesten Wünschen darum wirbt, der Verräter und Verkenner dieses Gefühles sich hingegen an ein Phantom verliert, einer Unwirklichkeit das lebendig zuckende Herz opfert: welcher von den beiden, meine Herren, ist der Sündhaftere, der Schuldige?«

Der junge Verteidiger vermochte die Herren des Gerichts nicht zu überstimmen, der Prozeß konnte nur im Vergleichsweg ausgetragen werden. Martha Mannsthal aber verheiratete sich nach Jahresfrist mit ihrem Rechtsanwalt.

»Aller guten Dinge sind drei,« sagte ihr zweiter Mann, als er es erfuhr.

Vögelchen aber wußte nichts von dem freiwilligen Verzicht, den der feurige junge Redner ihrer rechtsunkundigen Mutter abgezwungen hatte zur Erlangung eines beträchtlichen Vermögens, das Mannsthal bot, und zur Vermeidung einer allfälligen strafrechtlichen Verfolgung. Vögelchens Augen fragten zwar unablässig in das Leben, das ihr fremd und weit war, aber sie schienen eine Antwort nicht abzuwarten, als scheuten sie ihr Wissen. Nirgends verblieben sie lange, als fürchteten sie, zu warm zu werden, so stark war ihr Schauen. So hielt sie denn bei niemandem still. Urbacher war es damals allein beschieden, ihres Rastens froh zu werden. Von allen Menschen, die bei Adalbert verkehrten, war er der einzige (wohl auch dank seiner Eigenschaft als Arzt), dem Vögelchen sorglos anvertraut wurde. Niemals aber -- und wie recht gaben die zukünftigen Ereignisse diesem Empfinden -- fühlte er dieses Vertrauen als festen Besitz. Dennoch gelang es ihm im nahen Beisammensein den Sinn zu erforschen, der Vögelchens Fliehen und Flattern bewegte. Sie war ein kleiner Zugvogel, der in unserer Kühle nicht Heimat hat, einer großen Wärme bedürftig und dennoch die große Flamme fürchtend; einer Glut schien sie aufgespart, die sie ersehnte und scheute. Irgendwo im Leben wartete sie und vielleicht war sie nicht allzu ferne. Dem Freund ward nicht bange. Vögelchen hatte Schwingen, die kein Feuer versengen und verzehren würde.

Urbacher schrieb damals in sein Tagebuch, das nach seinem Tode einigen vertrauten Freunden zugänglich gemacht wurde: »Ich kann es nicht verschweigen, daß jede Guttat, die ich verrichtete, mir auf geheimnisvolle Weise von Vögelchen abgefordert wurde. Ich befand mich oft in einem Zustand äußerster Anspannung, in einem traumhaften Bann, der mich zum Vollstrecker allerlei Zartheiten machte und meine Feinfühligkeit erregte. Aber ich muß gestehen, daß ich meine Sehnsucht nach einem Übermaß der Güte, ja eines Heiligseins schließlich nur aus dunklen Trieben zu sättigen vermochte. Es ist ein eigen Ding um solches Sehnen, das sich mit einer falschen Antwort auf seine Fragen beruhigen läßt, als müßte aus dem wissentlichen Unterliegen rein und klar die Demut erwachsen, wie oft eine wunderliebe Blume aus dem Morast ihre Reinheit erhebt. Meine eigene Schwachheit flößte mir Mitleid ein und Verstehen. Daraus erklärt sich, daß ich Mannsthals Freund geblieben war, als ich ihn vor meinem innern Auge entlarvt hatte. Um Vögelchens willen mußte ich ihm Handlungen verzeihen, die ich selbst wohl niemals begangen hätte. Ich empfand vor der Planmäßigkeit, mit der er seinen Besitz erschlichen, bewahrte und verwahrte, ein fast physisches Gefühl, das Grauen und Lust in sich paarte. Mannsthal schien ein Kühler. Sein Geist war durch nichts überwuchert, mit nichts durchsetzt, er war gleichsam durch die Sinne zur äußersten Oberfläche seiner Handlungen getrieben, und hier in stetem Spiel. Ich habe niemals ein Gefühl bei ihm entdeckt, das ganz schlackenlos und, wenn ich sagen dürfte, geistlos aus ihm loderte. Ich ahnte, daß er äußerster Dinge bedurfte, um seinen Geist zum Scheintod zu zwingen. Ein Hang zur Unmäßigkeit war ihm eigen. Entschlüsse brachen blitzartig aus ihm, er war ihnen verfallen wie einem geheimen Befehl seines Unterbewußtseins. Der Abbruch unserer Beziehungen war ein solcher Entschluß. Und dennoch war Mannsthal unbedingt das, was man einen edlen und in mehrfachem Sinn einen gemeinnützigen Menschen nennt. Es fehlte ihm weder an impulsiver noch an wohlbedachter Güte, obwohl auch an seiner Schädlichkeit nicht zu zweifeln war.«

Zu jener Zeit verfolgte Mannsthal dem Kinde gegenüber die Verwirklichung seiner Vorstellungen in einer Art, die grausam zu nennen war. Er wollte Vögelchen wie ein Wesenloses, ein Bild genießen, er hätte sie hungern lassen, damit sie leicht bleibe wie ein Schmetterling. Er wollte sie wie eine Vision in seinem Leben haben, er vergötterte und förderte ihre Zerbrechlichkeit. Urbacher aber liebte ihre Zartheit, die ihm wie eine Gefahr schien, für die er immer bereit sein mußte. »Wundersam war es mir,« so schrieb er, »die Wandlungen zu beobachten, denen Vögelchens Wesen unterworfen war. Wie die starre Unzugänglichkeit der byzantinischen Malerei sich in die kindliche Freundlichkeit der toskanischen und sienensischen Mystiker wandelt, so erblühte aus dem strengen Kind ein magdhaftes, stolzes und doch schüchternes Wesen, wie Ambruogio Lorenzetti, der stille seine Madonnen malte, als eben der heilige Franziskus die Natur entsühnt hatte. Das sinnend zur Seite geneigte Köpfchen, die minnigliche Holdseligkeit der schmalen Arme und Hände, die Biegung der Gestalt, über all dies körperlich Verengte, über die überirdische Lieblichkeit, diese Schwingungen der Zartheit, schwebte der träumerische, himmlische Friede des Trecento. Als wäre sie aus den Bildern jenes anmutreichsten Deutschen, aus Stephan Lochners Tafeln, zu uns herabgestiegen mit der mädchenhaften Schalkhaftigkeit seiner Madonnen, als käme sie aus den Welten jenes Fraters, der hinter den Klostermauern von San Marco schuf. Ihr Füßchen schien feucht von den Wiesen auf Fra Angelicos Bildern, die im Frühlingsschmuck prangen, und manchmal waren kleine, ungefährliche Teufelchen um sie, wie sie der Gute, Lichte gemalt. Oft aber, wenn sie eben getollt und gelacht hatte, geschah es, daß sie reglos still wurde, als horche sie. Da konnte sie ihre artigen Manieren vergessen und minutenlang in ein Antlitz starren mit einer Neugier, die grausam schien. Wenn der von ihr Gemusterte umgesunken, wenn vor der Tür ein Schuß gefallen wäre oder eine ersehnte, unerwartete Stimme sie gerufen, sie hätte den festgesaugten Blick nicht von dem Gegenstand ihrer Wißbegierde gewandt. Was sie erforschte, erzählte sie nicht, doch war es oft erstaunlich, wie unterrichtet sie war. Ihre kindliche Ahnungslosigkeit blieb dennoch unerschütterlich. Sie selbst aber glaubte mit einer gar zu drolligen Genugtuung, den Dingen auf den Grund gekommen zu sein.«

Adalbert Mannsthal hatte gleich nach seiner Scheidung das alte Familienhaus verlassen und ein Haus gekauft, in einem Bezirk, in dem noch alte Gärten vom merkantilen Unternehmersinn verschont geblieben waren. Es wäre ganz undenkbar gewesen, daß Mannsthal, der in feudaler Umgebung aufgewachsen war, mit fremden Leuten in einem Hause wohne, in einem Zinshaus. In seinem Heim erinnerte eigentlich nichts an eine bestimmte Zeit. Die Räume waren alle groß, still und nicht sehr hell. Die Luster waren Kerzenträger, die Spiegel hatten Metallrahmen, die Bücher standen hinter schweren smaragdfarbenen Seidenvorhängen, die Sitzmöbel schienen unbeweglich, so massiv waren sie. Antike Kunstwerke und wertvolles Porzellan schmückten die Wände. Vögelchen sah um so zierlicher aus in dieser Umgebung. Aber die ein wenig düstere Lage des Hauses und der tiefe Schatten des umschlossenen Gartens machten einen längeren Sommeraufenthalt für das Kind unumgänglich. Mannsthal besaß aus der Erbschaft nach einer Tante ein Landhaus an einem See der Kalkalpen. Dieses bestimmte er für Vögelchens Sommersitz. Er selbst verbrachte gewohnheitgemäß einen Teil der warmen Jahreszeit in einem Wildbad, das er einmal wegen eines Leidens aufgesucht hatte. Seltsam verjüngt kehrte er immer von dort zurück. Während seines Fernseins wohnte Urbacher in dem Landhaus am See und verließ es gewöhnlich bald nach Mannsthals Eintreffen, um seine einsamen Gebirgswanderungen anzutreten.

Der Aufenthalt am See ward Urbacher die schönste Lebenszeit. Wie beglückend war ihm das Bewußtsein, daß der künftige Tag und die vielen folgenden ein Wiedersehen mit Vögelchen bargen, daß er sie sehen konnte, wann er wollte, bei ihren kleinen Gärtnerarbeiten, bei den ergötzlichen Schulstunden, die sie, die Unbelehrte, mit den Bauernkindern abhielt, im Kahn, im Bade, im Walde, wo sie so durchscheinend blaß erschien, in ihrem Zimmerchen, das ein wenig phantastisch war, etwa wie das Zelt eines kleinen Indianerhäuptlings. Vögelchen liebte Fische. In dem Teich mit der Fontäne, deren Stimme sich in ihre Träume mischte, zog sie große Goldfische und eine andere weißliche Art, die sie Mondstrählchen nannte. Sie verehrte sie wie heilige Tiere.

Die Wochen, da ihr Stiefvater abwesend war, benützte Urbacher, sie zu belehren, und ihren Geist von dem eigenen bewegten Innern auf dieses anderer Menschen und Geschehnisse zu lenken. Märchen ergötzten sie nicht. Sie schienen farblos zu sein gegen solche, die sie selbst ersann. Waren ihr doch die wirklichen Ereignisse wundersame Begebenheiten, für die sie absonderliche und unzutreffende Deutungen fand. Daß sie das Leben wie ein Wunderland sah, unheimlich und doch nach ihrem Sinne, ohne Unerklärlichkeit, das erfüllte den Freund oft mit dem Bangen wie vor einer unabwendbaren Katastrophe. So marionettenhaft ihr auch die erdachten Märchen erschienen, so unermüdlich horchte sie den Berichten aus fremden Ländern. Sie war darin wie ein Junge. Ihre Bibliothek bestand aus Reisebeschreibungen. Sie liebte auch die Berichte von großen Taten und die Schicksale der Hilfsbedürftigen und Bresthaften fesselten sie. Aber auch das Dämonische und Grausame erweckten in ihr eine fast fieberhafte Neugier und es war unklar, ob dies aus Mitleid für die Opfer oder aus jenem bösen Instinkt geschah, der Kindern mehr als Tieren eigen ist. Urbacher fragte sich oft, ob Vögelchen ihre Lebensweise nicht eines Tages als Zwang empfinden würde, ob nicht schon Sehnsucht heimlich an ihr zehrte. Man ergründete niemals die eigentliche Quelle ihrer Zartheit. Noch schien sie ganz ruhig, ausschließlich auf die kleinen Dinge gerichtet, mit denen sie ihr Leben bevölkerte. Sie hatte eine seidenhaarige Katze, Fische, Reisebücher, Blumen und einen kleinen buckligen Bauernbuben zum Pagen. Sie trug jahraus jahrein weiße Kleider und farbige Ketten, die sie selbst verfertigte, des Sonntags eine zierliche echte Perlenschnur, ein Andenken von der Mutter. Sie sammelte Muscheln, Schmetterlinge und Käfer und nähte mit ihrer alten Wartefrau Kleidchen für arme Kinder, die meist zu klein ausfielen. Mit Mannsthals Gästen freute sie sich, obwohl sie viele unter ihnen nicht liebte, und stürzte sich mit hungrigen Fragen auf sie. Von der Welt, die man die Gesellschaft nennt, schien sie nichts zu wissen. Ihr war jeder Mensch ein zusammenhangloses Wesen und sie hielt ihm nichts zugute, da sie die Beziehungen seines Lebens nicht kannte und verstand. Oft aber entzückte sie ein Selbstverständliches. Urbacher verfiel immer wieder in Grübeleien über Vögelchens Zukunft. Mannsthal aber war keinerlei Erwägungen zugänglich. Man schlug ihm vor, mit Vögelchen zu reisen, da ihr Interesse für fremde Gegenden oft leidenschaftlich hervorbrach. Wenn nun auch Arabella noch keinerlei Unruhe zeigte, durfte Mannsthal ganz sicher sein, daß sie nicht in ihr unsichtbar sich vorbereitete? Als man ihm darüber Vorstellungen machte, meinte er, die Kleine sei eben nicht wie andere Vierzehnjährige, und sein Lächeln schien hinzuzufügen, er habe dafür gesorgt, daß ihr noch keine Flügel wüchsen. Es geschah jedoch, wie Urbacher es voraussah.