Vögelchen

Part 4

Chapter 43,699 wordsPublic domain

Vögelchen war sogleich von Argwohn erfüllt. Sie haßte es, von fremden Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschüttelt. Eine vielleicht geplante Annäherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmöglich geworden. Arabellas Mißtrauen war nach den Erlebnissen in K. begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wäre sie nicht Kruger begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner Rede näher stand, sie hätte den Zweifel an einen möglichen Zusammenschluß mit Menschen nicht so bald überwunden. Aber noch beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va schien über ihr Kommen erzürnt. Eine geplante Segelfahrt war nun überdies versäumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie innerlich aufgewühlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse, die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrüpp. Ein Gefühl, aus Trotz und Scham gemengt, drängte jede Frage zurück. Dennoch zehrte Neugier an ihr und Grübeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes, Unheimliches nicht würde bannen können.

Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner grünen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las. Da hörte er eine Frauenstimme erregt sagen: »Bitte, setzen wir uns doch endlich, ich bin müde.« Die nächste Bank war nicht in Hörweite. Student Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gespräches erhaschen konnte.

»Was nützte dir der neuerliche Prozeß? Sie ginge ja doch nicht mit dir. Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen?« Dann hörte er weiter aus Mannsthals Munde das Wort »Erbin«. »Du willst ihr ein glänzendes Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.« Die Frau antwortete: »Ein glänzendes Leben? Du wirst sie zugrunde richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht länger.«

»Man hat dich nicht gewarnt? -- Urbacher? Oder spionierst du?«

»Nein, verdächtige niemanden. Gewissen --«

»Warum schwieg es denn damals? Warum hast du das Kind deinem Mann geopfert, der von mir bezahlt war? Muß ich dich wieder daran erinnern?« Die Stimmen wurden lauter.

»Du lügst. Deine Spitzfindigkeiten boten uns keinen Ausweg.«

»Willst du endlich seine Unterschrift sehen? Ich habe diese kleine Kostbarkeit immer bei mir. Für alle Fälle.«

»Aber ich dulde nicht, daß du im Ausland lebst. Daß du das Kind verschleppst.«

»Sie haben keine Rechte zu verbieten.«

»Und wenn ich dich verdächtige, daß du nicht als Vater an ihr handelst?«

»So werde ich vor den gröbsten Mitteln nicht zurückscheuen. Noch einmal solch ein Überfall und ich erzähle Arabella alles.«

»Willst du ihr verächtlich werden?«

»Willst du, daß sie die Erinnerung an dich, daß sie das Wort >Mutter< für immer austilgt?«

»Erpresser,« sagte die Frau.

»Du reizt mich zum Äußersten. Du weißt, ich liebe sie unüberwindlich, mehr als Recht und Ehre. Kehr' in dein Leben zurück, das du dir freiwillig gewählt hast, und beunruhige das Kind nicht.«

Die Frau stand auf. »Treib' es nicht zu weit. Gott gebe, daß ich dir Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind im Auge zu behalten.« Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstraße ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefährt herankam, grüßte er.

»Auf ein Wort, bitte.« Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte:

»Was wollen Sie?« Ein Bettler war das nicht.

»Ihre Adresse,« sagte Kruger -- »für alle Fälle.«

Die Dame erbleichte. »Wer sind Sie,« stieß sie hervor.

»Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches Postamt?«

Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mühselig. Zögernd nannte sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde.

Vögelchen konnte nicht einschlafen. Sie saß auf ihrem Balkon im Dunkel und kämmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer länger, als es nötig war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und vergrämt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurückgezogen und ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belügen. Seitdem er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein als möglich. Später würde er ihr für alle Teile gleich schonungslos die Wahrheit sagen. Später! Vögelchen starrte auf das Licht seines Zimmers. Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind, dem versagt wird, was der bloße Anstand erforderte? Aufklärung von Vorgängen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit Selbstverständlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr und Va, daß sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr ängstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatürlich. Wie traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantöffelchen und aufgelöstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wußte, zu ihm, der die Tore seines Wesens für sie aufgeschlossen hatte. Morgen würden sie ja reisen. Da mußte alles anders werden. Dann würde wohl auch Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah? Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun würde sie Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so plötzlich vor ihm aufstieg, weiß und lautlos, griff er in die Luft, als gelte es eine Erscheinung zu fassen: »Wieder auferstanden?« sagte er grinsend.

»Schweig,« flüsterte sie. »Va braucht uns nicht gleich zu hören und Camill verrät uns.«

»Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fährt Frau Arabella Mannsthal in die Welt.«

»Ja, morgen fahren wir in die Welt.«

»Du Glückliche,« seufzte Kruger, »wenn du wüßtest, wie ich mich hinaussehne, wie ich es erlechze, die weißen Firne im Spiegelbild der blauen Seen zu erblicken, die berühmten Stätten der Kunst, die uralten Baudenkmäler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwärtig ist! Wie ich mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen können, wie ich es könnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn Bewunderung keine täglichen Worte mehr findet? Wird er jene unzerreißbaren Fäden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das göttliche Ewige binden? Für dich müßten die Steine wieder ihre alten Worte finden. Von den Wänden der Kapellen müßten Schwester und Brüder aus heiligen Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel, wird der große Brand über dich kommen. Sieh,« fuhr er in schlichter Ergriffenheit fort, »dein Blut wird sich entzünden, es harrt schon des Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen brechen. Hüte ihre Heiligkeit. Möge es dich nicht vernichten, das Feuer.«

Vögelchen sah das Feuer, das die Stätte ihrer Kindheit verheert hatte. Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie verstand ihn! Endlich kam ein Licht über ihr dumpfes Ahnen. In jener Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen Fluten von Wärme und heißer Gier in ihr erweckt hatten, da hatte zugleich ein Gefühl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres Körpers über alles Irdische sie erhöht. Sie ahnte, seine Warnung hieß: »Lass' dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkämmen der Eigenlust. Ströme aus in unendlichem Geben.«

Daß sie ihn verstand, beglückte sie. Und nun war darüber kein Zweifel mehr, als er sagte: »Tu es mit ganzer Seele.« Sie sah nicht, wie seine bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum erloschenen Fenster Mannsthals.

»Ich werde dich wohl nie mehr sehen,« sagte sie traurig.

»Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum Äußersten stärken.« Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut. Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantöffelchen, ein Märchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter.

»Schreib mir,« hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten durchschauert.

Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt. Vögelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken. Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz. Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Grüßen. Nun flog das Gefährt in die Landschaft ...

Hunde, die man zu Hause läßt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder Eisenbahn nachzujagen mit hängender Zunge. Also flog schweißtriefend Konrad Krugers Seele neben Vögelchens Wagen und heulte auf zu ihr in verschmachtendem Schmerz.

Adalbert Mannsthal

»_Il avait toujours eu le malheur d'être riche._«

(_Romain Rolland »Dans la Maison«_)

Fünfundzwanzig Jahre vor diesen Begebenheiten saßen in dem Parke der Mannsthal-Villa in Hellwang einige Jungen und sprachen -- sie waren etwa fünfzehnjährig -- von »Unerlaubtem«. Einer von ihnen führte das Wort, manche warfen Bemerkungen ein, um Kenntnisse zu beweisen, andere stellten ab und zu eine zaghafte Frage. Nur Adalbert schwieg und es schien, als höre er nichts als das Brausen der nahen Stahlwerke und sähe nichts anderes als die feine Holzschnitzarbeit, die er eben handhabte. (Es war ein Kästchen, das einem besonderen Mineral als Aufbewahrungsort dienen sollte.) Immer wieder trieb es die Jungen an, vor ihm ihre Eröffnungen ins Lügenhafte zu steigern, um ihn endlich zur Anteilnahme hinzureißen. Während er äußerlich kühl blieb, entfiel ihm kein Wort des Gespräches, aber zum ersten Male bemächtigte sich nun seiner Unruhe. Er selbst war wohl von einem vernünftigen Vater hinreichend aufgeklärt worden, aber seine beherrschte Lebensart, die Beschäftigung mit künstlerischen Dingen, sein Interesse für das große Unternehmen des Vaters, sein stark entwickelter Schönheitsinn hatten ihn bisher vor den oft im Müßiggang vorzeitig aufkeimenden Trieben bewahrt. Zum ersten Male, obwohl älter als die Vettern und Freunde, begann nun ein heißer Drang in ihm aufzusteigen, der ihn so sehr betroffen machte, daß eine Beteiligung am Gespräche seine körperliche Anteilnahme verraten hätte. Während er nun mit unruhiger Hand die Laubsäge zu meistern suchte, ging quer über die Auffahrt zur Villa eine Dame mit einem etwa zwölfjährigen Mädchen. Dieses war sehr zart und blaß, ein Stadtkind. Ein leichtes, weißes Röckchen flatterte um gut gewachsene Beine, die zwischen den modisch hervorlugenden Spitzenhöschen und den Strümpfen nackt waren. Der Wind drohte sie noch weiter zu entblößen. Die Dame war die Frau eines neuernannten Werkdirektors, die Kleine ihre Tochter, die nun mit den Eltern in der Fabrik wohnen sollte. Sie waren gekommen einen Antrittsbesuch abzustatten. Adalberts Blicke folgten dem wehenden Röckchen, bis es hinter einer Baumgruppe verschwand. Nach einer Weile sandte die Tante, die Mutterstelle an ihm vertrat, Botschaft, um ihn in das Empfangszimmer zu rufen. Die Dame verneigte sich vor dem Sohn des mächtigen Fabriksherrn und sagte:

»Mach deinen Knix, Loli.«

Loli schien der Knix nicht am Platze. Sie reichte ihre Hand und sagte treuherzig: »Grüß Gott!«

Adalbert blieb eine Weile, aber so wohlerzogen er auch war, er fühlte seine Blicke immer wieder zu den nackten Knieen Lolis entgleiten, die ein blonder Flaum bedeckte, und weiterirren zu dem Höschen, das noch nackter schien, dann auf zu dem weißen Röckchen, das, vom Winde wie ein weißes Blütenblatt zerzaust, nun müde von ihren schmalen Hüften hing. Er wußte, daß er in diesem Augenblicke alles darum gegeben hätte, seine wertvolle geologische Sammlung, seine Eisenkristalle, seine Bücher, wenn der Sturm, der sich nun draußen erhob, durch die Türe der Terrasse brechend, ihm das enthüllen wollte, was ihn zu sehen gelüstete. Er war sehr blaß am nächsten Morgen. Als der Nachmittag kam, ein schwüler Julinachmittag, mit Lindenduft und müdem Gesang der Vögel, schlich er an das Gärtchen des neuen Direktors und sah Loli an einem Beet beschäftigt. Er pfiff leise. Sie horchte auf, sah ihn und sagte lächelnd: »Grüß Gott!«

»Willst du spazieren gehen?« fragte er.

»Gern,« sagte sie freudigst, rief ins Haus und kam dann aus dem Tor. Sie nahm ihre Schürze ab, warf sie auf die Hecke hinter den Zaun und reichte ihm kräftig die Hand. Wie frisch sie ihm erschien. Es ging ein Wohlbehagen von ihr aus, wie von neugesteifter, blütenreiner Wäsche, die sorgfältige Hände in einem Spind verwahrt hielten.

»Wollen wir in den Wald gehen?« fragte er. Sie klatschte in die Hände.

»Fein,« rief sie. Sie begannen zu plaudern nach Kinderart. »Wie alt bist du? In welche Schule gehst du? Was lernst du am liebsten? Hast du Geschwister?«

»Wo sind die vielen Jungen?« fragte sie dann.

»Sie haben einen Ausflug gemacht.«

»Und du bist zu Hause?«

»Ich war zu müde, habe wenig geschlafen. Dann wollte ich dich herumführen. Du kennst hier noch nichts.«

»Wie freundlich von dir. Es ist so schön da. Mama hofft auch, daß ich hier stärker werde.«

»Ja, das könnte nicht schaden. Du siehst noch aus wie ein Junge. Vielleicht bist du einer.«

Loli wurde rot. »Was fällt dir ein!«

»Nun so beweise mir's, daß du keiner bist.«

»Soll ich mit dir balgen?«

»Nein, das tut ihr Mädel ja auch. Anders sollst du mir's zeigen, daß du kein Junge bist.« Er sah sie von der Seite an und lächelte wie im Spott.

»Pfui, du bist ungezogen,« rief Loli entrüstet. »Ich dachte, daß du ein feiner Junge bist. Und vor dir hätte ich knixen sollen.«

»Nun, sei nicht böse und verzünde mich nicht gleich bei deiner Mutter. Dann ist's aus mit unseren Spaziergängen. Sieh, Loli, diesen kleinen Gefallen könntest du mir schon tun, damit ich sehe, daß du einer Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin, daß du kein Junge bist.« Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im Walde, der hinter den großen Holzplätzen, die würzig in der Sonne dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah blaß und erschrocken aus. »Ihr Jungen seid böse,« sagte sie.

»Hat denn schon einer das von dir verlangt?«

»Ja,« sagte sie. »Aber ich habe es nicht getan. Es waren fünf, alle meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber ich tat es nicht. Du hättest sie sehen sollen, sie wurden böse.«

»Willst du nun, daß auch ich böse werde? Und ich bin doch nur einer, da ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte, Loli!« Seine Augen, die groß, grau und tief umschattet waren, leuchteten flehend in die ihren. »Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.«

Loli sah den hübschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte, sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berühren. Das Sonnengeflimmer rieselte grünlich durch die Zweige. Es war so still um sie her. Man hörte nur des Knaben erregten Atem. Da hieß das Äußerste seines Wunsches ihre Händchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor ihr. Ihre Haut war weißer als der Schnee. Er krampfte seine Fäuste ins Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hülle. Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht. Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als fürchteten sie Verfolger. Seine Überlegenheit war geschwunden.

Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um Loli wieder, ohne daß es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang aufzufordern. Es hätte ihm schon genügt, sie zu sehen, die Hand, die seinen Wunsch erfüllt, leicht zu berühren, unmerklich an ihr Röckchen anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war ihm, als dürfe er keinen auf seine Fährte bringen. Er haßte sie alle in diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht hätten. Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war nicht Neid, der ihn ängstlich seine Sammlung verschließen hieß. Er fühlte sich als Kronhüter.

Da geschah es, daß einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde. Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geäußert, nach Hause, aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in seinen Kräften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast aufgezehrt. Die Schwäche löschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnächte aufgeflammt waren. Eine seiner Lungen schien gefährdet. Im Spätherbst reiste man mit ihm nach dem Süden, dann in die Schweiz, deren Höhenkuren empfohlen wurden. Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen Himmel, von Schneekuppen gesäumt. Er las viel, lernte mit seinem Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwächlich war wie er. Lange Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war älter als er und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, daß Arzt und Pflegerin sie nicht hörten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher über Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schloß, müde des vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes Bild. Wie im Traum.

Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundsätzliche Fragen. Daß man sein Vaterland vor allen anderen lieben müsse? Nikolai Karinski tat es. Nicht etwa daß er seine Nation über die anderen stellte. Rußlands Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas, seit Peter sie heimgebracht. Nein, Rußland wäre wie kein anderes Land fähig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch müsse die Erlösung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen Seele sei die große Botschaft an Europa.

Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, daß Rußland und Zarismus das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhäufung dürftiger Menschen, über der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land lieben, wie von ihm Erlösung hoffen für die Welt. Und wie kam es, daß er das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen Schönheiten nicht über alles lieben gelernt? Liebe fürs Vaterland, das war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Während der Reisen, die er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Ländern gleichermaßen in Begeisterung entflammt, wenn das Schöne ihm begegnete. Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfältigen Seele des Russen, die durch alle »Fegefeuer der Zweifel« zu Gott ging und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte immer gehört, daß in Rußland die Korruption zu Hause, Bestechung und Grausamkeiten alltäglich seien. Dies habe ja das Volk groß gemacht, groß im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhöht und verbrüdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsäglichste Leiden hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefühle. Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfältig zugleich, deshalb sei er grausam und gottesfürchtig, niedrig und großmütig, im Glück frevelnd, im Elend edel, eigensüchtig und freigebig, furchtlos bis zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoßen und angezogen, Engel und Teufel, Kind und Verderber. Niemals könne das Gefühl für ihn erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder Anbetungswürdigkeit.

Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurück, er dachte an die Arbeiter seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner früheren Kindheit sich eins gefühlt mit den Kindern der Werkleute, daß ihn aber sogleich Befremden überkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenübersah. Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr Können, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren Diener, Sklaven oder mißlaunige Neider, die ihr wahres Gefühl schlecht verbargen. Wie mußten erst Rußlands Leibeigene hündisch unterworfen sein, wie unmöglich schien da eine Brüderschaft mit den Armen. Aber das war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, daß es seine eigene Würde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem Russen aus dem Volke das Selbstgefühl. Adalbert hatte geträumt dereinst als Fabriksherr der Wohltäter und Freund seiner Arbeiter zu sein. Nikolais Reden überzeugten ihn von neuem, daß ihn dieses Bestreben enttäuschen würde. Sein Widerwille dereinst über Tausende von Menschen zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmöglich. Er sah den Einzelnen und sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit ihrem Eigenleben. Wäre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er hätte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wäre. Aber viele der Arbeiter waren seine Spielkameraden und deren Väter. Es fehlte ihm nicht an Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger Überlegenheit oder Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht.

Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen Einverständnis eine mehrjährige Lehrzeit in großen Unternehmen Amerikas gesetzt. Nun hieß es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab sich sogleich nach Hellwang zur Übernahme des Werkes. Er war von seinem Leiden völlig ausgeheilt, aber anstrengende Tätigkeit machte bald wieder einen Urlaub notwendig. Als er zurückkehrte, begegnete ihm Lola Ritter, die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur Sängerin ausgebildet wurde. Die Gesangsübungen hatten ihre Muskeln gekräftigt, so daß sie über ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie sah, staunte er. »Sie ist erblüht,« sagte er sich. Er erkannte den klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hände und Füße, ein blaues Äderchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen gehabt und hatte mit Freunden die gebräuchlichen Stationen des Lasters kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfaßt und keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrängt. Auch Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das Kind in seinem erwachsenen Ebenbild stärker zu spüren.