Vögelchen

Part 25

Chapter 253,727 wordsPublic domain

»Nein, laß, morgen früh. Mach dunkel jetzt!« befahl sie. »Rasch, ich verbrenne.«

Als er des Morgens erwachte, erkannte er sie im Dämmerlicht. Sie schlug die Augen auf und lächelte. Er sah fern den Strand, ihr Kindergesicht mit den klaren Augen, die zu ihm aufstrahlten, er hörte ihr Geplauder. Todernst sah er sie nun an. Es schien ihr, als feuchtete sich sein Auge. Er wollte sprechen, aber sie scherzte nur. Einen Augenblick dachte sie: Es war eine gute Nacht. Konnte es nicht so bleiben, ein neues Leben beginnen? Sie würden Kinder haben, ernste Seemannskinder. Und auch er dachte es. Aber die Wirklichkeit sah aus einem silbernen Rahmen unter einem schwarzen Spitzenhäubchen mit strengen Augen zu ihnen herüber. Die Mütter! Die Mütter, sie kreuzten den Weg der Mutterlosen.

»Einen hübschen Ausblick hat deine Wohnung,« sagte Vögelchen und warf die Decke zurück. »Nun aber heißt es, rasch Toilette machen. Mein Graf wird schon unruhig sein. Ich werde dich nicht wiedersehen. Wir reisen bald.«

Er war sprachlos, zerschmettert. Feuchten Auges küßte sie ihn und kehrte zu Karinski zurück.

Im Schatten des Todes

Als Imanuel nach der ersten einsamen Nacht in Alvemünde in das Haus an der Alster zurückgekehrt war, empfingen ihn Zoras Geigenklänge. Lauschte man ihrem Spiel, so war es, als hätte man sie niemals sprechen gehört, oder als wäre Zora die Spielende und Zora die Sprechende nicht dieselbe. Sonst herb und spöttisch, schmolz ihr, hielt sie die Geige im Arm, das Eis in der Brust und je verschlossener sie war in Rede und Tun, desto beredter wurde die Stimme der Geige. Givo war übernächtig und zerquält, dies Spiel war Linderung. Als er später in das Krankenzimmer trat, sah er Zora eifrig um die Mutter bemüht. Sie oblag mit größter Gewissenhaftigkeit ihrer Pflege. Immer wieder, wenn Manuel diese Sorgfalt beobachtete, sagte er sich: »Sie ist besser als ich, sie will ihr das Leben erhalten, währenddem ich --« Aber seltsam, nun empfand er auch selbst nicht mehr den quälenden Wunsch, die verruchte Ungeduld, vom Kummerzwang befreit zu sein, seitdem ihm das liebste Ziel der Freiheit entflattert war. Es gehörte zu seinen Eigenheiten und mochte wie Untreue scheinen, daß er nicht dringlich war, nicht hielt und rief, was ihm sein Gott nicht freiwillig schenkte. Er war einer, der sich selbst Besitz nicht anmaßt und doch zuweilen anmaßend erscheint, weil er um nichts sich bemüht. Er gönnte anderen, was er besaß, trug er doch nicht die Last der Schuld, allein zu besitzen. Er war von der Art jenes Mönches, dem römische Gassenbuben ein Geldstück in seinen Bettelsack schmuggeln und den selbst solch kleine Bürde zur Erde drückte. So verwarf er den Wunsch, Arabella einzuholen, sie zu rufen. Er war im Grunde seiner Seele ihrer gewiß und in Entbehrungen nicht weichlich. Er lebte in seinen Träumen und in der Ekstase, in die ihn seine Liebe zur Menschheit versetzte. Vögelchen verstärkte den Traum und Rauschzustand seiner Seele. War sie ihm fern, siedete unter diesem das Begehren nach ihrer Nähe wie heiliges Feuer, das ihn bis in seine Lebenswurzeln sengte und ihn wie einen Märtyrer zum Opfer antrieb. Mochte das Leben seinen Weg ziehen, sie begegneten einander eines Tages, dessen war er gewiß. Man sieht zuweilen Menschen mit seltsamem Ausdruck der Augen, mit einem zweiten Blick sozusagen, der nur notdürftig die Umwelt anfaßt, als wäre seine Glut in eine eigenste Welt nach innen gerichtet. Ihr Handeln ist ruhig und sicher, weil es nichts fordert für sich selbst. Das Leben Givos war solcher Art. Zu viel leiden macht die anderen leiden, sagte auch er sich. Als Zora wieder versuchte, sich ihm zu nähern, wehrte er sich nicht. Als sie von ihm ein Kind trug, machte er die Scheinhochzeit zur Wahrheit. Daß Vögelchen davongeflattert war, galt ihm als ein Zeichen, das sie, die Unbewußte, selbst erhalten. Zwischen ihm und ihr sollten fortan keine irdischen Bande sein.

Nun aber ging eine seltsame Veränderung mit Zora vor. Ihre Sorgfalt für die Kranke ließ plötzlich nach. Sie war meist ungeduldig, sprach von Reisen und schürte Givos Unlust an der langen Absperrung. Imanuel sah es mit leisem Grauen. Er erriet sie: nun, da sie ihr Ziel erreicht, zu dem ihr die Kranke unentbehrlich schien, war auch die Bemühung erlahmt, ihr Leben zu verlängern. Der aufreibende Pflegedienst war also nichts gewesen als Eigennutz. Als er eines Abends nach Hause kam, empfing ihn die alte Minka mit kreideweißem Gesicht. Die Mutter war gestorben. Sie hatte wie gewöhnlich nachmittags die schmerzstillenden Tropfen genommen, war eingeschlummert und nicht wieder erwacht. Frau Zora hatte ihr die Augen zugedrückt. Givo sah das bleiche Gesicht, es lag wie Erstaunen darin, eine Frage, als wäre der Geist noch rege in dem stummen Leib! Givo kniete hin und nahm die kühle, vergilbte Hand. Wie hatten sie beide gelitten, ehe sie wieder zu einander gefunden, wie glücklich war er, daß er gerade in den letzten Wochen ihr zurückgekehrt war in Gehorsam und Liebe. Von dem Tage, da sein Bund mit Zora Wahrheit geworden, war die alte Eintracht wiedergekehrt. Sie mußte doch vordem etwas in seinem Wesen gelegen sein, das ihrer Seele den Weg verschlossen hatte zu der seinen. Wie seltsam auch, am Abend des vergangenen Tages hatte sie ihn lange zärtlich sorgenvoll betrachtet und dann wie aus einer großen Stille heraus leise gefragt: »Wie ist es diesem Mädchen ergangen? Möge auch sie glücklich sein!« Er hatte zum Dank ihre Hand ergriffen, so wie er nun die Hand der Toten hielt. Frühe Kindheiterinnerungen kamen ihm. Der Mutter Leben blätterte sich ihm auf. Er weinte nicht. Dem Schauenden ist der Tod ein Fest der Verschmelzung, vor dem er in Ehrfurcht verharrt. Als er aufstand, sah er unter dem Nachtkästchen eine kleine Phiole liegen. Er hob sie auf. Sie war leer. Er klingelte der alten Minka. »Ruf mir die junge Frau,« sagte er.

»Herr Manuel, sie ist ausgegangen.«

»Unmöglich, sieh nach.«

»Gewiß, Herr Manuel, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Vielleicht wollte sie ausschauen nach Ihnen.«

»Dies ist das Fläschchen, in dem der Mutter Tropfen enthalten waren?« fragte er.

»Ja gewiß, Herr Manuel.«

»Dies Fläschchen wurde heute morgens erst aus der Pharmacie geholt, ist es so?«

»Ja, ja, Herr Manuel.«

»Die Mutter hat also zwei Mal daraus genommen, zehn Tropfen. Du sagtest, sie hätte, bevor es geschah --«

»Jawohl, Herr Manuel,« die alte Minka begann von neuem zu weinen in der Erinnerung an Frau Leas letzte irdische Verrichtung.

»Wer hat ihr die Tropfen gegeben?«

»Die junge Frau, wie immer --«

»Die Flasche lag auf der Erde und war leer. Ihr habt sie wohl umgestoßen. Nun danke, Minka.« Die Alte ging. Er beugte sich zur Erde und suchte die Stelle, wo das Fläschchen gelegen war, tastete den Boden ab, ob er feucht wäre von vergossener Flüssigkeit. Bleich erhob er sich. Zora stand hinter ihm. Sie hielt Blumen in der Hand. Sie legte sie auf die Decke hin. Sie fand kein Wort des Trostes.

»Laß doch, später,« sagte er und schob die Blumen beiseite. Dann ging er ans Fenster und blieb regungslos. »Wenn sie mir folgt,« sprach sein Herz, »wenn sie kommt, wenn sie ihren Kopf an meine Schulter lehnt, wie sie zu tun pflegt --« Aber er hörte, wie Zora das Zimmer verließ. Später, als er sich quälte, um seinen Verdacht zu besiegen, sagte er sich, daß wohl Mißtrauen aus seinem Blick geglommen war und ihre Annäherung verscheuchte.

Er sprach das Sterbegebet, sprach vor der kleinen Gemeinde die Worte: »Herr des Seraphs und des Wurms, Herr des Lebens und des Todes, ich bin in deiner Hand. Wenn du mich abrufst, ist mein Glück dein Wille, denn du bist die Liebe und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in dir und du in ihm. Du Licht und Heil, ich fürchte mich nicht, denn meine Seele ist bei dir.« Als er so sprach, da war Zora bleicher als das Bahrtuch. Dennoch, sie trug sein Kind und er wandte sich ihr zu und bannte mit dem äußeren Willen die Dämonen des Verdachtes.

Seine Stelle im Observatoire war besetzt, so ging er mit Zora nach England, wo eine Zusammenkunft der Schauenden einberufen war. Givo gründete dort die weltliche Seelsorge. Er ging dabei von dem Standpunkt aus, daß der kirchliche Priester in seinem abgeschlossenen Lebenswandel nicht Einblick gewinnen könne in die mannigfaltigen Verwicklungen des Lebens, daß er ein Schauender nur des Himmels und ein Wegschauender der Erde sei. Aber um der Menschen Seele zu versorgen, müsse man ein Schauender des Lebens sein. Er rief die Priester in den lichten Tag hinaus, zu forschen nach den Quellen der Schuld, die ihnen gebeichtet werden, wenn sie erst schal geworden und unwiderruflich trotz der Sühne. Er wies die Bedrängten an eine neue Art von Helfenden, an die weltlichen Seelsorger, die auf dem ganzen Erdenrund ihre ratende, warnende, tröstende und verzeihende, heilende Tätigkeit entwickeln sollten.

Er half Settlements einrichten, Arbeitererholungsheime, die sich allmählich zu Volksuniversitäten ausbilden sollten. Er arbeitete im Sinne Elihu Burrits am Entstehen der Friedensbewegung. Oft aber sehnte er sich zurück nach der nächtlichen Stille seiner Sternwarten. Er war nun niemals allein. Zora erwartete das Kind. Durfte er sie da auf unbegrenzte Zeit verlassen? Er war neuerdings gebunden und seine Pläne waren es mit ihm. Seine Gedanken an Arabella und seine freudige Ungeduld um das Kind begegneten sich in seinem Herzen. Zuweilen erschrak er, daß er von einer anderen als von der Geliebten ein Kind haben sollte, die vor Gott seine Frau war. Aber ihm war, dieses wäre in Liebe um sie gezeugt. War er denn nicht ganz erfüllt von ihr!

Zora hatte nun erreicht, was ihr äußerlich zu erreichen möglich war, aber was galt ihr nun die Fessel, die Imanuel an sie schmiedete, da sie erkannte, daß ihr spröder Unmut, der immer wieder bei ihr die Oberhand gewann, sein Herz ihr abkehrte, so sehr er es auch verbarg. Wie oft schrie sie es ihm, dem Stillen, Freundlichen ins Gesicht: »Sag doch, daß du mich hassest, so sag es doch!« Givo konnte den Zeitpunkt nicht erwarten, bis das Kind sich aus dieser Hülle begeben würde, die ihm vergiftet schien von dunklen Leidenschaften. Er, der für alle Menschen ein Heilmittel zu finden meinte, er versagte kläglich an Zoras Bitterkeit. Sie wollte Liebe, Leidenschaft. Er konnte sie ihr nicht geben, er besaß sie nicht mehr.

Als seine Kräfte zu versagen drohten und er die hohe Welt seiner eigenen Lebensinsel aufs äußerste bedrängt sah, als er schon verzagte Arabella erhoffen zu dürfen, ward ihm ein Mädchen geboren und oh Wunder, es glich der Geliebten. Zora erkrankte an der Geburt und war lange unfähig sich des Kindes anzunehmen. Ja, sie selbst wollte, daß man es aus dem Hause entferne. Ihr war, als könne es in ihrer Nähe Schaden nehmen. Ihr Wesen verdüsterte sich zunehmend. Sie wußte, das Kind glich nicht ihr, nicht Givo, sondern jener anderen, an die auch sie oft und oft gedacht hatte, weil sie ihr Manuels Herz neidete. Sie hatte in eifernder Qual ihr Bild immer wieder wachgerufen, jenen flüchtigen Augenblick, da sie verächtlich an ihr vorübergeschritten war, daß sie wohl auch damals von ihrem Antlitz besessen war, als sie es empfangen hatte. Und er, dachte er denn jemals an sie, Zora? Nein, das fühlte sie zu jeder Stunde, der Himmel, zu dem er aufsah, war bestrahlt von der einen, anderen. Zora konnte es körperlich spüren, wenn er mit seiner Sehnsucht bei dieser weilte.

Da das Kind seinen Sinn nicht gewendet, da sie vielmehr glaubte, ihr entstellter Körper entfremde ihn, hatte es ihr gefallen mit ihrer Mutterschaft Spott zu treiben. Mit einem Male war wieder der Ehrgeiz der Künstlerin ihn ihr erwacht. Sie wollte nur bald sich der engeren Gemeinschaft mit dem Kinde entledigen. Als ihr zugemutet wurde, es selbst zu nähren, lachte sie verächtlich. »Mit Galle statt mit Milch!«

In einem englischen Dorf vor der erwarteten Zeit gebar sie das Mädchen. Daß es Arabella glich, schien Trug zuerst, Wunsch dem einen, Befürchtung dem anderen, aber als das Kind einige Monate zählte, war eine Ähnlichkeit nicht zu verkennen.

Zora hatte, als sie sich wieder wohler fühlte, zu geigen begonnen, doch es war das alte Spiel nicht, und Givo schien es bedeutsam, daß es zerrissen klang, gequält, niemals sehnsüchtig hingegeben mehr. Er fühlte die Schuld, die er an seiner Frau innerer Verwüstung trug. Seit jener unselige Verdacht in ihm aufgestiegen, hatte er sie nicht mehr berührt, kaum daß seine Lippen ihre Stirne streiften. War dieser Bann des Blutes nicht Zeuge, daß mehr als Verdacht ihn hemmte! Ein Wissen mußte tief unten in der Welt der Instinkte sein Blut gewarnt haben. Aber er beklagte ihre Verlassenheit an seiner Seite, ihre Freudlosigkeit an dem Kinde, wie ein Fernstehender sah er alles und dieser war milde und freundlich zu Zora Uhari.

Noemi

»Kinder und Gräber sein Weibersachen.«

(Gerhart Hauptmann »Rose Bernd«.)

Als sie von England nach Paris kamen, bat sie ihn, mit ihr die Gräber ihrer Eltern in Spanien zu besuchen. Er willigte ein. Er ging zu Helene und gab ihr das kleine Mädchen in Obhut, bis daß sie zur Weiterreise nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt wären. Alphi klatschte in die Hände, daß er nun ein Schwesterchen haben solle. Helene Tallandre war erschüttert über die Ähnlichkeit der kleinen Noemi mit ihrer Herzensfreundin. Kaum war Imanuel abgereist, telegraphierte sie an Arabella Karinski. »Mache dich reisebereit, Brief folgt.« In diesem schrieb Helene, sie müsse ihr von einem Wunder berichten. Givos Kind gleiche ihr. Es wäre für wenige Wochen in ihre Hut gegeben. Sie möge kommen, um es zu sehen. Sie und Tallandre würden sorgen, daß ihr Besuch Geheimnis bleibe. Helene hatte richtig geraten. Arabella depeschierte: »Ich komme.« An einem der nächsten Abende trat sie leise mit traurig fragendem Lächeln ein. Sie war so seltsam geworden in ihrer reisenden, dennoch febrilen Schönheit, der Schmerz hatte ihren großen Kinderaugen etwas Überirdisches gegeben. Das Kindliche lag nur mehr um den Mund in dem Lächeln, in den Händen und Bewegungen. Ihre Augen waren wissender und auch ihre Art zu sprechen die einer sichern anmutigen Weltdame, die immer Bescheid weiß und die gewohnt ist, von jedermann Dienste dankbar zu empfangen. Helene küßte sie. In wortloser Rührung führte sie die Freundin in die Kinderstube. Da saß in Alphis Gitterbettchen ein kleines Mädchen mit strahlenden blauen Augen und fahlblondem Gelock um ein schmales Gesichtchen mit durstigrotem Mund, der es noch blasser erscheinen ließ. Es sah auf ohne Lächeln, ohne Furcht in ernsthafter Aufmerksamkeit. Dies schien kein Kind zu sein, kein Engel, keine Elfe und war doch etwas von all dem, eine Pflanze, Menschenkind genannt, aus Seelenland kommend. Man vergaß es nicht, wenn man es einmal sah. Es war schlank, fast gebrechlich, mager, seine Haut hatte einen leichten bräunlichen Stich, als glühte es unter ihr. Seine Augen leuchteten in einem fiebrigen Glanz und in ihnen war diese Fremdheit einer anderen Welt und die Sehnsucht nach zärtlicher Wärme. Arabella kniete vor dem Kind in tiefster Ergriffenheit. Es langte mit ernster Gebärde in ihre Haare, die den seinen glichen, und plötzlich lachte es laut auf, wie Kinder lachen, irdische Kinder. Es freute sich. Arabella hatte es angesehen mit heißester Liebe. War ihm zumute, als blickte es in einen Spiegel? Lachte es deshalb mit so holdem Laut? Sie stand auf, reichte der Kleinen ein Perlenkettchen, das sie seit Kindheit trug, eilte aus dem Zimmer. Schluchzen machte ihren Körper erbeben. Während sie weinend Helenens Hand hielt, sagte sie: »Bin ich nicht kindisch! Wie reizend ist es! Ein Engel! Hab Dank!« Sie blieb den ganzen Abend an Noemis Bettchen, bis die Kleine schläfrig wurde und sie selbst auch die Müdigkeit der langen Reise übermannte. Am Morgen fuhr sie zu Ceciles Grabstätte. Sie fand sie in reichem Blumenflor. Gaston und sein Vater schmückten sie in dankbarer Liebe. Dann ließ sie nach Konrads Grab forschen. Es dauerte lange, bis man es in den Büchern verzeichnet fand. Sie hatte weit zu gehen und Mühe, es zu entdecken. Nur ein Schildchen bezeichnete es. Arabella blieb stehen und betete auf ihre Weise. Draußen vor den Toren des Friedhofes bestellte sie im Laden eines Steinmetz ein kleines Grabmal aus Porphyr. »_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur._« Dies sollte in Konrads Stein gemeißelt sein.

Sie stand zu sehr unter dem Eindruck, den das Kind auf sie gemacht hatte, um die Stadt wiederzufinden. Einen Augenblick dachte sie daran, die Sainte Chapelle zu besuchen, aber sie schämte sich dieser Wallfahrtsgelüste. Die Bilder der Straßen flogen an ihr vorbei und taten ihr nicht wohl. Die Menschen waren ihr fremd geworden und sie empfand fast Unlust, in die Läden zu gehen und die schmeichlerischen Laute der Verkäufer zu hören. Zu Mittag war sie wieder bei der kleinen Noemi. Ein Wagen wartete vor dem Tor und nach dem Essen nahm Helene Alphi an der Hand, sie selbst das kleine Mädchen auf den Arm und trug es behutsam hinab ins Freie. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Sie fuhren ins Bois, hielten dann vor einem Spielzeugladen und Arabella kaufte ein. Wie glücklich war sie mit den Kindern. Einen Augenblick kam es wie ein Rausch über sie. Nimm die Kleine und entflieh! Gehört sie denn nicht dir vor Gott? Aber sie biß die Lippen zusammen und reichte sie abends Helene, die sie ins Bettchen zurücklegte. Noemi hielt die Püppchen in der Hand, die sie sich gewählt hatte, und sah mit ihrer ernsten Aufmerksamkeit bald auf Arabella, bald auf das Spielzeug. Noch hatte sie das Perlenkettchen um den Hals und seltsam, es wollte sich nicht von ihm trennen, hielt es fest und verzerrte schmerzvoll das Gesichtchen, als man es ihm nehmen wollte. Arabella hatte es als einen Talisman getragen seit ihrem fünften Jahr. Es war, sie ahnte es dunkel, ein Geschenk ihrer Mutter. Aber wie froh war sie, daß es die kleinen Händchen hielten wie ihr eigen.

Als sie die Kleine verließ, wollte Tallandre sie zurückhalten. Ob nicht das Wohl des Freundes über alle Bedenken ginge, Givo sei am Ende seiner Kräfte, sie zu ersehnen. Sie möge seine Rückkehr abwarten. Da verhärtete sich ihr Herz. »Nein, nein, nein,« rief sie und wies auf die Türe, hinter der das Kind schlummerte. »Da dies hat er mir geraubt, auch ich hätte ein Kind von ihm, auch ich,« und sie barg schluchzend ihr Antlitz. »Warum ist er mir nicht gefolgt nach seiner Mutter Tod, warum hat er mich verlassen und nicht diese Frau? Aber er hatte mir ja nichts geraubt, nein, er hatte mich ja gerettet aus den Armen meines Verführers und so eine, die darf man wieder hinausstoßen -- in anderer Männer Arme, von Bett zu Bett.« -- Tallandre war erschüttert, in seiner Ungeschicklichkeit wußte er nichts zu sagen als: »Aber waren denn Sie es nicht, die ihm davonlief?«

Arabella war erschrocken über die eigene Heftigkeit. Die Anklage gegen den Geliebten, die sie selbst sich verschwiegen, hatte sie nun laut vor einem anderen ausgestoßen. Tallandres Bemerkung brachte sie völlig zu sich. Sie hob den Kopf, sah seine Bestürzung und unter Tränen lächelnd sagte sie, ihn mit du anredend: »Mein armer, lieber Fifi, das verstehst du nicht.« Und als eben Helene eintrat, umarmte sie die Freundin, drückte Tallandre die Hand und eilte davon.

Leer war ihr Kopf und Herz, als sie in den Straßen irrte. Sie lechzte nach Betäubung, nach Brand, der ihr Erinnerung ausmerzte für Stunden, für einen Tag, für eine Nacht. Sie erinnerte sich blitzartig Malpasses und seines funkelnden Begehrens im Blick. Jahre waren vergangen seit jenen beiden flüchtigen Begegnungen in Louvais und Nizza, seit jener Aufforderung, sich bei ihm zu melden. Aber war sie nicht seither schöner geworden? Sie hatte kürzlich in den Zeitungen gelesen, er sei erkrankt. Aber dies war ja ein Grund mehr, ihn aufzusuchen. Der Portier des Hotels fand die Adresse im Anzeiger. Sie ließ sich zu ihm fahren und schon läutete sie an der Türe. Der Diener Francois, der nämliche, der Malpasse in Louvais begleitet hatte, öffnete mit düsterem Antlitz.

»Der Herr empfängt nicht.«

»Sagen Sie ihm, jene Dame, die er vor Jahren am Bahnhof zu Louvais -- Sie waren mit ihm damals --«

»Ist es dringend?«

Die Gräfin nickte. Francois kam zurück. »Monsieur erinnert sich nicht, aber er hat gefragt, ob Madame schön seien --« Francois verbeugte sich, es zu bekräftigen, indem er die Tür öffnete. Malpasse kam ihr entgegen. Er schien ihr jünger als damals, so schlank war er, er hatte die Gestalt eines Jünglings. Sein Blick war noch sengender geworden, ein ängstliches Licht flackte darin.

»Soll ich heucheln, Madame, ich erinnere mich nicht mehr. Um so freundlicher von Ihnen, da Sie vielleicht auch erfahren haben, daß ich mich elend fühle -- --. Ich habe mich allen Bekannten verleugnen lassen. Oh bitte, nehmen Sie hier Platz -- aber zuweilen sehne ich mich aus dem Kerker meiner Krankheit wieder zu jenem Unbekannten, jenem fremden Leben, das uns auf der Straße streift. Frauen, deren Antlitz dann plötzlich im Tag auftaucht, Frauen, die wir vielleicht vor Jahren sahen --«

»Am Boulevard des Anglais zum Beispiel.«

»Sind wir einander dort begegnet? Lassen Sie es vergessen sein. Bleiben Sie die Unbekannte, die schöne Unbekannte dieser Stunde --«

»Auch ich bin nicht zu dem Berühmten gekommen, nur zu jenem Fremden, von dem ich hörte, daß er leidend sei, eine plötzliche Eingebung hat mich zu Ihnen getrieben.«

»Das ist gut so -- und sollte mich dennoch Neugierde antreiben, antworten Sie mir nicht. Wenn Sie Ihr Taschentuch ziehen, verbergen Sie Ihr Monogramm. Ich will nicht einmal die Anfangsbuchstaben Ihres Namens wissen, will nicht wissen, ob eine Krone sie ziert und wie viel Zacken sie trägt. Ich will Sie nur sehen -- -- Sie sind schön. Ihre Augen strahlen so seltsam --«

»Von Tränen!«

»Von Tränen, oh, diese kostbaren Karfunkel. Wir sollten Sie aufsparen für die Stunden unseres höchsten Glückes.«

»Nicht für die, da wir ihm nachweinen?« --

»Man kann nie wissen, ob nicht ein Größerer noch kommt, dem wir dann noch heißere Tränen weihen müßten. Mögen sie uns nie versiegen, diese posthumen Glückstränen. Madame, ich gestehe Ihnen, meine Augen waren feucht, ehe Sie kamen. Nun werden sie es sein, nachdem Sie gegangen sind.«

»Sie werden eine neue Geschichte schreiben und die Tinte wird die Tränen aufsaugen -- --«

»Sie verachten die Dichter?«

»Ich liebe die Künstler nicht. Sind sie nicht der Abfallstoff der Kunst? Ein verbrannter Rest --«

»Ja, ein trauriger Stoff sind sie und einer der traurigsten steht vor Ihnen.«

Sie reichte ihm die Hand. »Verzeihen Sie mir.«

»Verzeihen Sie -- daß ich wage, diese kleine Hand zu umfassen.«

»Sie wehrt sich nicht, die Hand.«

»Doch,« sagte er mit einem kindlichen Lächeln, das rührend war auf dem zuweilen greisenhaft Wissenden seines Antlitzes. »Doch, sie hat sich eben gerührt.« Und er küßte die zuckende Hand.

»Francois,« sagte er später zu dem Diener, »lassen Sie niemanden vor. Weder heute noch morgen früh. Auch den Arzt nicht, Francois, hörst du, auch den Arzt nicht --!«

* * * * *