Part 26
Als Zora mit Manuel kam, die Kleine zu holen, ließ Helene das Kettchen unter das Kleidchen der Kleinen gleiten. Als es abends im Eisenbahnzug entkleidet wurde, sah es Givo. Er erkannte es. Wie kam dies Zeichen an der Kleinen Hals? Ein Wunder rührte ihn an. Zora fragte die Nurse, ob Frau Tallandre das kostbare Kettlein geschenkt hätte. Es mußte wohl so sein, sie hatte es an Noemis Hals gesehen, als sie von ihrem Ausgang zurückgekommen sei. Aber Noemi, als fürchtete sie, man könne es ihm nehmen, hielt die kleinen Perlen fest zwischen ihren mageren Fingerchen und lag so die ganze Nacht, neben sich die Puppe und in sich noch das Bild der Fremden, in das sie geblickt hatte wie in einen Spiegel. Givo war wach, er sah auf das Kind, als könnte es im Schlaf die Lippen auftun und das Geheimnis lösen. Aber schließlich sagte er sich, daß Arabella wohl Helene das Kettlein geschenkt und diese es dem Kind angelegt haben mochte. Warum war er der Versuchung widerstanden, Helene nach der Geliebten zu fragen! Zu lange litt er schon. Er sehnte sich nach lösender Wiederkehr. Wenn er nun die kleine Noemi im Arme hielt und sie ihr Hälslein an ihn schmiegte, fühlte er, ach wie so oft in fernen glücklichen Nächten, das kindische Kettlein kühl seine Lippen streifen und es mahnte ihn und rief. Da beschwor er Arabellas Nähe heißer und heißer von Tag zu Tag.
In Wien
Arabella kehrte nach fünftägiger Abwesenheit zu Karinski zurück, den sie in einem deutschen Badeort verlassen hatte. Sie war müde und gedankenvoll, aber die schützende Nähe des Grafen beruhigte sie.
»Wie gern wäre ich mit dir gefahren, Bella,« sagte er. »Aber ich wollte, daß du dich ganz frei fühltest, falls du Entschließungen treffen wolltest. Und dann, meine Zeit ist bald abgelaufen. Ich muß mit Olga zurück, muß die Güter in Ordnung bringen, die Mädchen verheiraten und dich von einem alten Mann befreien, damit dir noch ein Lebensglück zuteil wird.«
»Sprich nicht so,« bat Arabella. »Wenn ich dich ziehen lasse, geschieht es nur, weil ich deiner unwürdig bin. Dein Name schon war ein Gnadengeschenk.«
»Du belügst dich und mich, Bella,« sagte er und küßte ihre Hand. »Du hast mir noch ein spätes Glück geschenkt und ich will es dir nicht danken, indem ich in deiner Gegenwart alt werde. Du sollst nicht das Opfer der Tatjana bringen, obgleich ich dir keinen Onegin wünsche. Dort bei uns ist es zu kalt und Nadescha wäre eifersüchtig auf dich -- und ich selbst bin dort nur ein Bauer. Nein, täusch dir nichts vor. Weißt du aber, woran ich oft denken muß? Daß der arme Narr, der Student, recht gehabt hat, als er dich zu deiner Mutter bringen wollte. Adalbert schrieb mir, daß ihr Mann gestorben sei -- --«
Vögelchen sann eine Weile. »So ist sie allein jetzt. Und glaubst du, daß sie von der Landstreicherin, ihrer Tochter, noch etwas wissen will?«
»Ich werde zu ihr fahren und mich als der Mann dieser Landstreicherin vorstellen und dich ihrem Schutz empfehlen.«
Vögelchen sann wieder. Dann sagte sie: »Du Guter, ja, fahre zu ihr.«
Sie sehnte sich nach einem ruhigen Ausblick in ihre Zukunft. Jetzt war alles Verworrenheit, seitdem sie sich in Verzweiflung gegen den Geliebten aufgelehnt, der zu kommen zögerte. Mit aller Gewalt begann sie den Zufall zu beschwören, der ihre Wege zusammenführen sollte.
Wenige Tage nach des Grafen Abreise erhielt sie von ihm einen Brief aus Wien.
»Mein geliebtes Vögelchen, eben komme ich von Deiner Mutter. Gott sei es gedankt, daß ich diesen Weg gemacht habe. Wie soll ich Dir diese Frau schildern, diese Sanfte, diese Wehrlose. Jetzt besitzt sie die Kraft, die der Schmerz verleiht und die jede Gabe als ein unverdientes Geschenk ansieht. In ihrem Gesicht ist das Lächeln der Sonne über viel Wetter und Verwüstung. Nun hat sie auch den Mann verloren, mit dem sie gut gelebt hat, und hat das Opfer gebracht, sich von ihrem Jungen zu trennen und ihn in ein Konvikt zu geben, weil sie sich seiner Erziehung nicht gewachsen fühlte. Zu keiner Zeit hast Du so sehr in ihrem Leben gefehlt als gerade jetzt. Mein Täubchen, ich erwarte Dich hier. Laß mich noch die Vereinigung mitansehen und einige Wochen hier mit Dir verbringen. Heute will ich mir das kleine Palais besichtigen, von dem uns Adalbert geschrieben hat. Paßt es Dir, so wollen wir es Dir wohnlich machen. Auch darüber möchte ich beruhigt sein, wie Du wohnst. Wird es Dir Mühe machen, mein Gepäck zu versorgen? Gedenkst Du Deine Jungfer mitzunehmen? Deine Mutter will Dich mit allem versorgen. Mein Liebling, laß mich stark bleiben. Wäre es besser vielleicht zu gehen, ohne Abschied zu nehmen? Versprichst Du täglich zu schreiben im Anfang unserer Trennung? Oh, Du geliebtes Vögelchen. Komm, laß den Alten noch einmal vor Dir knien, laß mich Deine schmalen Fesseln umspannen mit meinen Bärentatzen und gib, gib mir das Versprechen, daß Du Dein liebes, launiges -- und zuweilen erstaunlich gescheites Geplauder mir bis ans Ende der Welt schicken wirst.
Es umarmt Dich Dein
Karinski.«
In einer stillen Straße eines südlichen Bezirkes von Wien, einem Parke gegenüber, wie es deren dort mehrere gibt, lag der Wohnsitz Arabella Karinskas, das nämliche Haus, in das einst Mannsthal Lola Ritter geladen. Hinter den Erkern und Fenstern sah man zwischen den Spitzen der Vorhänge Tropenpflanzen und abends das Licht kristallfunkelnder Lampen. Vor dem Hause stand zuweilen ein Kutschierwagen, vor dem in kaum gebändigter Unruhe ein Paar herrlicher russischer Pferde gespannt waren, die ihre Besitzerin aus dem Karinskischen Gestüt als einen sehr lebendigen Gruß bald nach ihres Mannes Abreise erhalten hatte. Zuweilen fuhr ein anderer Wagen vor und eine ältere Dame, die immer schwarz gekleidet war, entstieg ihm. Putzi, die Lachtaube, die eben vor dem Teegeschirr oder den Bronzekübeln der Azaleenbäume ihre Komplimente machte, flog dem willkommenen Gast auf die Schulter und rief die Herrin des Hauses herbei, die schon zur besprochenen Ausfahrt in den Prater bereit war. Arabella umarmte die Mutter und ein glückliches Lächeln sprach von der Eintracht der beiden Frauen. Sie hatten ein schweigendes Übereinkommen getroffen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Arabella wußte mehr von dem verstorbenen Doktor Gunter als von ihrem Vater. Aber im Laufe der Zeit erkannte sie in der Liebe der Mutter zu diesem, ihrem ersten Mann, den sie als Schwerkranken schon geheiratet, viel von ihrer eigenen heilbringenden und hilfsbereiten Sehnsucht.
Jedem, der Arabellas Heim sah, schien es undenkbar, daß hier eine Frau allein hause, eine junge reizende Frau, die in dem kleinstädtischen Wien Aufsehen erregte. Alles schien weich und einladend, die harten Wände verborgen hinter Kakemanos und Karamanien. Auf den Sofas häuften sich die Kissen, von Palmen beschattet. Die vielen kleinen Kostbarkeiten, die ihr Karinski auf den Reisen angehäuft hatte, machten das Haus zu einem kleinen Museum. Tiere belebten es, ein Papagei, ein Affe, die Taube und ein King Charles, der laut durch die Nase atmete und gern wie eine seidene Kugel auf Arabellas Schoße lag. Aber dies äußere Leben, das nun gefestigt war und sich zwischen Vergnügen und geräuschloser Wohltätigkeit bewegte, bildete nur eine trügerische Decke ihrer gärenden Unruhe. Sie sehnte sich quälend nach dem Geliebten. Ihr war, als hätte die Unrast nach seiner Nähe unter des Grafen Liebkosungen geschlummert, sie einwiegend in ein Leben, das der Luxus berauschte. Nun aber war sie erwacht und lechzte aus Scham und Ernüchterung nach Beruhigung. Hätte sie die Mutter nicht gefunden, sie wäre, das wußte sie, in das hemmungslose Leben jener Lust geraten, die immer in ihr gärte. Sie wäre eine der großen Amoureusen geworden, die zu den Sehenswürdigkeiten einer Stadt gehören. So aber war sie eine versehnte, im Traum lebende Frau, die vor episodenhaften Erlebnissen zurückzuschrecken begann und sich, immer des Geliebten gewärtig, scheute, eine sie fesselnde Liaison einzugehen. Sie hatte ihn nicht gewaltsam aus ihrer Sehnsucht zu drängen versucht, um der Qual ledig zu sein und frei dem Neuen. Wie der Fromme Gott, mit dem er hadert, dennoch aus tiefstem Herzen liebt und seine Gnade ersehnt, so behielt sie Givo in sich und rief nach einem geheimen Auftrag, den er ihr erteilen sollte, für den sie zu leben vermochte, wenn sie seiner Nähe nicht teilhaftig werden konnte. Wäre er nur einmal freiwillig herausgetreten aus der Ferne, um ihr Kraft zu geben. Sie wußte nicht, wo er war, und lange hatte sie sich enthalten, ihn und das Kind bewußt herbeizuwünschen. Nun brach ihr Widerstand. Mit aller Kraft ihres Seins in Tagen und Nächten schwor sie ihn nun herbei. Schaudernd erinnerte sie sich, wie sie als Kind oft bei heftigsten Wünschen kein Mittel gescheut hatte, ihren Willen dem Schicksal aufzutrotzen. Konnte es nicht wieder so sein wie damals, als sie das Feuer erzwang? Ein Jahr war hingegangen, daß die Tallandres nichts mehr von ihm zu wissen vorgaben. Das Kind war so zart gewesen. Verheimlichte man ihr Schlimmes? Sie wagte auch Angele nicht nach ihm zu fragen.
Frau Gunter sah, daß Arabella immer zarter und empfindlicher wurde. Der Arzt empfahl zunächst größere Spaziergänge vor der Stadt. Meist fuhr sie nach Schönbrunn hinaus. An sonnenklaren Nachmittagen war der Park wie unter einem Zauber von Licht und Klarheit in die goldene Ruhe seines herbstlichen Farbenspieles getaucht. Ergriffen fühlte sie das Vergehen, das sanfte Sterben und fern das Wiederaufstehen der Natur, jenes köstliche Empfinden der Kreatur, das Tat twam asi -- ich bin in allem, alle in jedem -- war in ihr. Die Natur wies ihr das Rätselangesicht. »Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht.« Givo hatte ihr dies Goethe-Wort in ein Buch geschrieben, das immer in ihrem Wäschekasten zwischen Spitzen lag.
Manchmal schien es Arabella, als hätte sie als Kind in diesem Park gespielt. In einem anderen Leben war es. Mit leisen Fäden war ihr hier das Herz verankert an die Irrwege und Rondells, an die Volieren und Glashäuser, an deren Fenstern sich Orchideen und Kamelien drängten, an die vielen verborgenen Wege und abgesperrten Teile, undurchdringbar der kindlichen Neugier.
Hier fühlte sie sich den Kindern ganz nahe. In der Menagerie plauderte sie mit ihnen und fütterte mit ihnen die Tiere. Musterten sie neugierige Blicke, ließ sie ihren Schleier fallen oder sie bedeckte wie absichtlos ihr Gesicht mit dem Fächer, den sie meist mit sich trug. »Die Kaiserin,« flüsterte einmal eine Dame einer anderen zu. Einmal sprach sie ein Herr an, anscheinend ein Würdenträger, der aus dem Schlosse kam. Er wäre ihr schon mehrmals bewundernd gefolgt. Seine Stimme war angenehm, sein Wuchs dem eines edlen Hengstes gleichend, seine Augen liebkosten sie, während ein herrliches Raubtiergebiß sichtbar ward. Er bat sie um eine Zusammenkunft. Aber als dann die Stunde kam, flüchtete sie zu ihrer Mutter und ließ sich entschuldigen. Sie hatte all ihre Leichtigkeit verloren.
Da die Spaziergänge sie nicht sonderlich kräftigten und der Winter nahte, riet der Arzt zu einer Fahrt nach dem Süden. Sie wählten einen Ort, der, eben im Aufblühen, noch nicht die Masse der Reisenden anzog. Auf hellen Felsen lagen zwischen Pinienwäldchen die Villen über dem blauen See gelagert, durch schmale, säuberliche Fahrwege verbunden. Wieder empfand sie, die Südgeborene, die heimatliche Liebkosung der sonndurchwärmten, lichtgetränkten Luft. Sie spürte nun ihre Sehnsucht genährt von Kräften, die sie nur geahnt und die sie nun in einen ekstatischen Zustand von Lust und Wehmut versetzten. Der Zauber blauer, flüsternder Nächte lag ihr tagsüber noch in den Gliedern und mancher Kranke, der ihren strahlenden und dennoch schmerzwissenden Blick empfing, fühlte sich durch ein leisseliges Gefühl beglückt. Zuweilen wurde sie düster und floh selbst die Mutter. Denn da wurde ihr plötzlich ihre Vergangenheit bewußt: mit Grauen erinnerte sie sich, daß sie und die Mutter den selben Mann besessen hatten.
Den Verkehr mit Männern vermeidend suchte sie die Bekanntschaft der berühmten Schauspielerin Calese, die nach kurzem Aufenthalt am See zu einem Gastspiel nach Wien reisen sollte. Arabella fühlte sich hingezogen zu dieser Schwester im Wandern. Vogelfrei waren sie beide. Der Calese Gesicht war oft wie erloschen hinter Schminke und Grimasse und wie nackt lag die verwüstete Schönheit des Antlitzes. Sie hatte ein Kind und Arabella sah den verzweifelten Abschied, als sie es in die Heimat zurücksandte, um ihr mehrmonatiges Gastspiel im Norden anzutreten. Vögelchen mußte an Noemi denken, als sie die Kleine sah, und bat die Calese es ihr anzuvertrauen. Die aber fürchtete das rauhe Winterklima für das wärmebedürftige Kind.
Frau Gunter war abgereist, um ihrem Sohn nicht allzulange ihre Besuche im Konvikt zu entziehen. Arabella und die Schauspielerin beschlossen gemeinsame Rückfahrt. Als sie über den Brenner fuhren, lagen Berge und Wälder im Märchenglanz des Schnees. Reich wie Tropenpflanzen starrten die Bäume in ihrer üppigen weißen Pracht. Das Geheimnis der Wälder, wie es ihr Givo einst gelehrt, erwachte in Arabellas Erinnerung. Sie sah vorzeitliche Menschen, hochgewachsen, rothaarig, blauäugig, das Beil in den behaarten Händen, von riesigen Hunden gefolgt, über die beschneiten Pfade schreiten. Frauen mit fliegenden Haaren weissagten unter den Bäumen. Auerochsen und Einhorn lugten am Weges, Bärenspuren, die Male jagender Pferde waren in den Schnee geschrieben. Sie dachte an Rama, den sanften Friedensverkünder, von dem ihr Givo nicht müde geworden zu erzählen und dessen Bild ihr mit dem seinen verschmolz. Sie sah ihn unter dem Baume sinnend, wie er die Pest banne, sah die goldene Sichel des Fremden, der ihm erschien, und wie diese den Mistelzweig des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. Aesc-heyl-hopa, die Hoffnung des Heiles, ist im Walde. Weihnachten nennen es die Menschen und legen unter den winterlichen Baum die Symbole ihres Erlösers. Die Stimme der Calese weckte sie. Arabella erzählte ihre Legenden aus östlichen Sagenkreisen. »Uns verdrängt der Heiland alle anderen Sinnbilder,« sagte die Calese. »Mir ist er immer gegenwärtig. Ich weiß, Sie werden nicht lächeln über die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde.« Und mit ihrer seltsam erzenen, oft aufschluchzenden Stimme begann sie: »Im Anfang meiner Laufbahn, ehe ich mich zu jenem Glanz gekämpft hatte, den die Menschen Ruhm nennen, war ich eines Tages durch viele Qual bis zu dem Entschluß gejagt, freiwillig aus dem Leben zu gehen. Es war Sommer, ein schwüler Abend, als ich in einer Phiole Gift bereitete. Der Gesang der Vögel lockte mich hinaus. Ich wollte noch einmal, bevor ich trank, das Leben der Glücklichen sehen. Als ich unter den Menschen umherirrte, in den Gärten und Straßen, begegnete mir ein Fremder. Er blieb vor mir stehen und sein Blick zwang auch mich stehen zu bleiben. Ich glaubte, es wäre der Herr selbst, so milde war sein Antlitz. Er geleitet mich, spricht freundlich zu mir wie zu einem Kinde, bisweilen nimmt er meine Hand, als könnte ich straucheln.
Vor der Stadt heißt er mich in eine Schenke treten und schenkt mir Glas auf Glas eines berauschenden Weines. Wir scherzen einfältig wie Kinder und plötzlich sinkt mein Kopf, mein müdgesorgter, an seine Schulter und ich schlafe ein. Als ich erwache, ist er verschwunden. Ich suche ihn in allen Ecken, ich laufe verzweifelt auf die Straße hinaus, nirgends eine Spur. Ich irre weiter, da steht an einer Brücke -- -- ein -- -- hölzerner Heiland. Es ist -- sein Antlitz, er bewegt die schweren Augenlider, sein Mund lächelt Wiedererkennen in unnennbarer Süße. Ich sinke vor ihm zusammen. Ich erwache zu Hause, eine Pflegeschwester ist um mich. Ich hatte lange Fieber gehabt. Die Phiole war verschwunden. Eine edle Frau nahm sich meiner an. Ich war gerettet.«
Arabella reicht ihr die Hand. »Er war es. Weil du an ihn glaubtest,« sagte sie. Und sie denkt: »Auch mir wird Rama begegnen, weil ich an ihn glaube -- Rama Imanuel.«
In Villach kaufen sie eine Zeitung. Da liest Arabella, daß Zora Uhari-Givo eine Konzertreise angetreten habe, die sie nach Wien führt.
Wetterleuchten
Arabella fand ihr Heim wohlig und warm. Lora, der Papagei, begrüßte sie, indem er sich mehrmals mit seinem Namen vorstellte, der Affe sprang ihr auf die Schulter und zauste ihr Haar. Putzi, die Lachtaube, die Arabella überall hin begleitete, wurde aus dem Reisekäfig in ihr schönes, großes Haus befördert und bedankte sich mit ihrem inbrünstigen Kukuru. Frau Gunter war mit ihrem Jungen gekommen, dem die gräfliche Stiefschwester ein unentwirrbares Geheimnis war, eine kostbare Zusammensetzung von Fraulichkeit, Duft, Spitzen und tausend kleinen Unerklärlichkeiten. Von ihr zu träumen aber war möglicher als mit ihr zu sprechen. Die Dienstboten eilten mit fröhlichem Eifer umher, Befehle auszuführen, die ihre Herrin ebenso rasch erteilte als widerrief. Arabella hatte von Karinski die Gewohnheit angenommen Dienstleute zu duzen. Sie rief sie herbei, teilte Geschenke aus, umarmte des öfteren die Mutter und den Bruder, der verlegen sich bemühte, in seiner Konviktsuniform zu imponieren, eilte von Zimmer zu Zimmer, alles von neuem betrachtend, als sähe sie es nun mit anderen Augen. Eine prickelnde Unrast trieb sie umher. Die Stadt war ihr eines heimlichen Zaubers voll: sie ahnte Givos Gegenwart oder erhoffte sie so warm, daß sie ihr schon Gewißheit schien. Was durfte sie beginnen, fragte sie sich, da er all die Jahre geschwiegen? Oft und oft hatte sie sich damit beschwichtigt, daß er sich ihr nicht genähert hätte in der Meinung, er, der Unfreie, dürfe nicht ihr Leben kreuzen, da auch sie in Gemeinschaft lebe. So durfte sie ihm doch zu wissen geben, daß sie frei sei, es immer gewesen war für ihn. Der Gedanke, es könne Zora Uhari ohne ihn die angekündigte Konzerttournee unternehmen, kam ihr gar nicht in den Sinn, so sicher fühlte sie den Augenblick eines Wiedersehens gekommen, und gleichfalls war sie dessen gewiß, daß auch er der Wiedervereinigung gewärtig war. Würde er sie finden?
So sehr sich auch um diese Zeit das ländlich umgürtete Wien zu vergrößern begann, es hatte sich kürzlich sogar, wie eine richtige Großstadt, in ein Netz von Telephondrähten eingesponnen, so klein blieb es dennoch und es war nicht leicht, unbekannt in seinen Bezirken zu leben. Arabella aber hatte eine fast kindische Angst vor neugierigen Menschen. Da ward das Wandervögelchen in ihr wach, das nur überall zu Gaste sein will und hinter Blätterwerk recht ab- und obseits sich sein Nest erbaut. Bekam ihre Mutter, während sie bei ihr weilte, Besuch, schlüpfte sie durch eine Hintertüre davon und Frau Gunter sah sich um ihr Vergnügen betrogen, mit der Tochter Staat zu machen. Neugierige Fragen konnte die immer Freundliche und im Gespräch stets zum Scherz Gelaunte mit hochmütiger Schärfe beantworten. Anonymität bedeutete ihr die große unbehelligte Welt, das unmittelbare Leben von Mensch zu Mensch ohne Beschränkungen. Um nicht das Interesse der Leute zu erregen, verweigerte sie lange Zeit ihr Mitwirken zu wohltätigen Veranstaltungen. Häufig aber geschah es, daß sie durch Luise, ihre Jungfer, Arme und Kranke, die irgendwo ihren Weg gekreuzt, besuchen und beschenken ließ. Ihre Leute bezahlte sie fürstlich und kümmerte sich überdies um das Wohl ihrer Familien. Unbemittelte und schlichte Menschen interessierten sie weit mehr als die »Gesellschaft«, deren Banalität sie fürchtete und die sie vielleicht instinktgemäß um der Einschätzung willen verachtete, die sie von ihr zu erfahren meinte. Es gab indes eine Welt, in der die Gräfin Karinska wohlbekannt war. Bei Trödlern, Antiquitäten- und Spitzenhändlern konnte man sie stundenlang sitzen sehen, um zu wählen, zu betrachten, zu gustieren, bis sie ermüdet in den wartenden Wagen flüchtete, in den die neu erworbenen Schätze verladen wurden. Da sie die Dinge um sich häufte, lernte sie die Menschen entbehren. Ihre Tiere waren ihr treuer als eigennützige Freunde und sie war glücklich, daß gleichgültiges Geschwätz ihr nicht die Muße ihrer Sehnsucht störte. Ihr Leben war, flüchtig gesehen, dem Luxus und Wohlleben geweiht. Eine grande Dame schien sie, die nur ihren Prunk im Auge hat und weder einem Manne noch einem Kinde lebt. Des äußeren Scheines fast unbewußt gab sie sich sorglos dem Dasein hin, wie ihr der Tag es bescherte, ahnungslos, daß der erwartete Geliebte ihr Leben erschaute.
Bei einem Kunsthändler erfuhr sie zu jener Zeit von der Versteigerung und Vorbesichtigung einer Sammlung von Miniaturen, deren Besitzer ihr alter Freund, der Doktor Clemens Urbacher, war. Sie hatte oft daran gedacht, den verschollenen Freund aufzusuchen. Das Erleben all der Jahre aber hemmte sie. Dem einst so Vertrauten wollte sie nicht aufrollen, was sie vor sich selbst ins Vergessen drängte. Nun aber entschied das Schicksal. Ein Wink von außen rief sie zu ihm, in sein Haus nach Heiligenstadt, von dem er ihr oft erzählt und das sie nie betreten hatte. Sie erinnerte sich, wie gern sie den Onkel Clemens besucht hätte, und heftiger als sonst empörte sie sich gegen den Zwang, in dem sie Adalbert einst gehalten hatte. Immer klarer ward ihr nun rückblickend sein absichtvolles Wesen, die Schliche und Schlingen, die er ihr gelegt hatte, denn oft mußte sie jetzt in ihrem Entbehren um Givo ihrer frühen Entweihung die Schuld geben. Niemals hatte es ihr der Geliebte bekannt, aber es war ihr zur Gewißheit geworden, daß sie nun um ihrer Vergangenheit willen verlassen war. Mehrere Equipagen standen vor Doktor Urbachers Haus, als auch ihr Wagen vorfuhr. Der Garten lag im Schnee, die alten Sandsteinstatuen, die kleinen Pavillons waren unter seiner Last verborgen, das Haus selbst mit seinem vorspringenden Dach schien sich traulich zu verschließen, wiewohl sein Eintritt heute jedermann frei stand, der sich für die Kunstschätze des Hausherrn interessierte. Am Tor war überdies eine Tafel angebracht, die den Verkauf des Besitzes anbot. In der Diele schon erblickte sie Urbacher, der gerade Gäste zur Türe begleitete. Das Antlitz einer Frau verschwand eben noch grüßend hinter einer Türe. Dies Frauengesicht, wie seltsam, es rief ihr eine ungeklärte, unerkannte Erinnerung wach, etwa ein »Wo sah ich es schon?« und gleichzeitig ergriff sie der Anblick Urbachers. Wie war er gealtert, der einst so treue Freund! Auf dem Kragen seines schwarzen Samtrockes kräuselte sich Silberhaar, über den einstmals so hellen Augen lagen Brillen mit dunklen Gläsern.