Vögelchen

Part 24

Chapter 243,966 wordsPublic domain

Da kam ein Brief von Adalbert und Angele, dem einige Zeilen von Karinskis Hand beigefügt waren. Man war zusammen in Nizza, in dem unvergleichlich schönen Villenbesitz Mannsthals. Der Kleine erstarke in der südlichen Luft, es sei auch Olga, Karinskis reizendes Töchterchen, da, denn Gräfin Tanja sei vor einem halben Jahre gestorben und der Graf habe seine Töchter in Schweizer Pensionaten untergebracht. Ob denn Vögelchen nicht friere im garstigen Norden, hier sei ihr ein warmer Empfang bereitet. Gab es das, irgendwo Wärme, Menschen, die sie liebten, die sie nachts nicht allein ließen, gab es Blumen, tropisches Blühen, Frauen in schönen Kleidern und weltmännische Kavaliere, die von früh bis abends ihre Damen umsorgen, gab es Bäder, reinliches Essen, Sorglosigkeit? Wer aber würde Manuels Instrumente putzen, seine Schriften in Ordnung halten? Nun, jene andere doch! Befreite sie ihn nicht von dem Zwiespalt, wenn sie ging? Nicht die Mutter war es, die sie trennte, die Gelähmte, die ihr Bett nicht mehr verließ. Der Freund hätte sie ja selbst im Hause halten können, ohne daß die Kranke es jemals hätte erfahren müssen. War Givo nicht dort Herr des Hauses? Nein, jenes Mädchen war es, die sie fern hielt, und sie fühlte den bösen Zauber, der zwischen diesen beiden Welten spann. Es kam der Tag, wo sie es nicht mehr ertrug, ihn in der Nähe der anderen zu wissen, wo sie unter seinen Liebkosungen litt und seine zärtlichen Worte nur mit Bitternis genoß. Der Bissen, den sie aß, war ihr vergällt, sie schämte sich der Verkleidung. Ihre erschütterten Nerven brachen ihr die sanfte Geduld.

Eines Abends fand Givo die Warte verödet. Er rief nach dem geliebten Wesen. Seine Stimme hallte erschrocken zurück vom alten Gemäuer. Irgendwo klirrte ein Instrument wie leises Wimmern. Vögelchen war fortgeflogen.

Entflogen

Wie ein sinneraubender Taumel war die Fahrt von Meer zu Meer. Sie erwachte erst aus dumpfer Verzweiflung, als Mannsthal und dann Karinski, die an die Bahn gekommen waren, sie umarmten. Zwei Tage war sie rastlos unterwegs gewesen. Schmeichelnd umgab sie nun die süße südliche Wärme. Jetzt erst fühlte sie, wie oft sie gedarbt hatte nach der warmen, kosenden Luft, in der sie geboren war. Nach kurzer Wagenfahrt durch festliche Straßen trat aus dem Dunkel eines tropischen Villengartens Angele mit dem blassen Knaben Gilbert. Sie küßten einander. Es war keine Scheu mehr zwischen ihnen. Schlaftrunken sah Arabella die kleine Olga, die nach ihr lugte, dann folgte sie Angele in das Zimmer, das man ihr bereitet hatte, und verfiel totmüde in tiefen Schlaf. Als sie erwachte, war Mitternacht nahe. Sie tastete sich hinunter in das Speisezimmer, die Türe zur Terrasse stand offen. Es war nichts zu sehen als das Glimmen einer Zigarre. Der einsame Raucher draußen wandte sich, es war Karinski.

»Nun, war ich nicht klug? Die anderen sind endlich zu Bett gegangen. Ich wußte, daß das Vögelchen bald ausgeschlafen hat.« Er zog sie auf seine Kniee und küßte sie wie vor Jahren. Ihm war sie das Kind geblieben, das Porzellankindchen, wie er sie genannt. Und Arabella lachte wieder, es ging so viel warmer, kindlicher Frohsinn von ihm aus. Wochen schienen vergangen, seitdem sie nicht mehr gelacht. Alles war hier weich und sorglos. Wie eine Geisterburg stand fern im nördlichen Sturm die Sternwarte. Weh ihr, sie sah den Verlassenen dort.

Es sei eine Depesche von ihrem Freund eingetroffen, ob sie angekommen wäre, Angele hätte gleich beruhigend geantwortet, sagte Karinski, doch er fragte nichts. Als sie lange schwieg, sagte er: »Wir haben beide viel gelitten, seit Tresano. Nun soll es besser werden.« Ach, Arabella wußte nicht, ob es besser werden konnte. Karinski aber begann ihr zu erzählen, wie er Tanja verloren und nun die Kinder untergebracht hatte. Olga wolle er hier lassen, um weiter zu reisen. Da sagte Vögelchen traurig: »Nein, laß sie nicht hier.« Er nahm ihre Hand, er erriet sie. »Das ist wohl vorbei bei ihm,« sagte er. »Du mußt ihm verzeihen,« bat Karinski. »Es fehlt ihm sonst nichts zu seinem Glück als das deine. Die Frau hat Ruhe in sein Leben gebracht. Auch du wirst Ruhe haben, wart' es ab.«

»Ich werde niemals Ruhe haben,« sagte Arabella. »Ihr nennt mich Vögelchen. Ich werde immer wandern, von Süd zu Nord, von Nord zu Süd, immer!«

»Hier ist gut sein eine Weile,« sagte er. »Willst du dann mit mir wandern?«

»Wenn er mich ruft, muß ich zu ihm. Solange bin ich frei. Wie gern will ich da mit dir sein.« Sie sprachen die ganze Nacht. Als sie in ihr Zimmer zurückging, beim Morgengrauen auf eine Weile sich hinzulegen, suchte sie, aus Halbschlummer erwachend, den Geliebten neben sich. Dies war die Stunde, da er sie, bevor der Tag ihn zu der Kranken rief, noch einmal in seine Arme schloß. Erinnerung überkam sie so stark, daß sie vor ihrer Flucht zu tiefst erschrak. Sie hatte nicht bedacht, daß ihr Handeln Givo zu anderer Besinnung bringen konnte, als möglichst bald dem zwiespältigen Zustand zu ihren Gunsten ein Ende zu bereiten. Aber auch dies hatte sie nicht bewußt erwogen. Sie war der Unerträglichkeit entlaufen. Wie so oft schon hatte sie besinnungslos und wahrhaftig gehandelt, einem inneren Ruf folgend. Aber nun litt sie herbes Leid um ihn und seine Not. Sie faßte ihre Tat nicht mehr. Sie setzte sich hin, ihm zu schreiben. Zwei Stunden lang stammelte sie Worte der Reue, der Liebe. »Mußte nicht ich dich der Freiheit wiedergeben, daß du wählen konntest? Die anderen hatten dich nicht lieb genug, sie dir zu geben. Ich ertrug es nicht, das mit der anderen in meiner Abgeschiedenheit. Nicht Neid war es, aber es war so unheimlich, weil es doch geschehen war gegen deinen Willen, wie deine Mutter wollte. Und mein Stolz tat weh, so weh! Ich fühlte die andere bei dir, wenn ich in deinen Armen war. So ging ich plötzlich weg und hab es nicht auf mich genommen zu warten. Hättest du mich freiwillig gehen lassen? Es wäre noch trauriger gewesen, wenn du mich nicht gehalten hättest. Ich bin treulos und doch bleibt mein Herz auf immer bei dir, wie es bei Gott bleibt, Manuel. Leb wohl und wähle, ruf mich. Ich komme, sobald du rufst. Dein

Vögelchen.«

Es kam nur eine kurze Antwort. »Geliebte, mein stärkstes Gefühl ist Reue, Reue, daß ich dich weggesperrt hielt, dich junge Blüte, dem Sturm ließ und der Verlassenheit. Denn ich selbst war ja nicht mehr das Leben, das zu dir kam. Ich lebte tagsüber im Hause des Todes und nachts stahl ich seiner Gier die Stunden, den Sternen und unserer Umarmung. Aber er war immer da, der Tod schlich mir nach. Das Licht hat nicht Gewalt über mich vor seinem allgegenwärtigen Angesicht. Dich, Vögelchen des Lichtes, hielt ich im Bauer der Dunkelheit, aber der Tod ging dich nichts an. Das war es. Es war ein fremder Tod. So gingst du und du hast es entschieden. Nie forderte ich; du hast gegeben, du tatest, was Gott dich tun hieß, du hast genommen. Nicht stündlich wußte ich, wer du seiest. Ich hielt dich nicht mit jedem Atemzug. Nun trennt uns die äußere Welt. Sei frei und laß die Wege walten. Jene andere dauerte mich. Nun ist es geschehen. Daß ich nur dich liebe und immer lieben werde, wie könntest du daran zweifeln. Nur daß mein Lieben nicht abhängt vom Geschehen, das wisse. Meine Lehre verbietet es, an Zufälle zu glauben, alles hat seine geheimen Fäden. Vielleicht war es nur zu früh, Arabella, zusammen zu bleiben. Vielleicht müssen wir noch durchs Feuer gehen, ehe wir hienieden den Himmel gewinnen, in dem unsere Sterne gepaart sind. Bis dahin leb wohl, mein Nachbarstern.

Imanuel.«

Der Brief erhob sie über den Schmerz. Ihre Sehnsucht ward wie einst Aufstieg zum göttlichen Licht. Ihre Liebe war Demut auf allen Wegen und trug nicht irdische Fessel mehr. Um sie war alles Lustbarkeit, müßiges Sonnen in der Stadt der Blumen. Sie konnte mit den Freunden lange auf dem Boulevard des Anglais sitzen und scherzen wie andere schöne Frauen. Klima und Menschen umgaben sie mit Zärtlichkeiten. Olga vergötterte sie und Mannsthal war eifersüchtig auf diese Liebe. Neben der viel jüngeren Olga war ihm Arabella nur die Tochter, auf deren reizvolle Erscheinung er stolz war. Ein leichter wissender Ton des Scherzes war zwischen ihnen. Sie war sich selbst verwandelt, ihre Schwere aufgelöst im Einatmen der Freude, ihre Tränen wie aufgesogen vom heißen Blau des Meeres und von dieser berauschenden Lichtfülle, die im Süden wie ein Wunder beglückt. Zuweilen im Gespräche mit Angele kam Erinnern an Schmerz und Glück. Sie war mit ihr ernst und vertraut und unterhielt sich mit ihr über das Kind, als wäre sie selbst schon Mutter gewesen. Dem Kleinen gegenüber war sie nicht so kindlich aufgeschlossen mehr, wie sie es zu Alphi gewesen. Da mußte sie an ihre Fahrt nach Quesnon denken, an den Augenblick, wo sie Angele im Garten erblickt, und zuweilen auch an ihre verlorene Hoffnung auf ein Kind. Eine andere wieder war sie mit Karinski. Ihm war sie ein Fabelwesen, das man vor der Wirklichkeit schützen mußte. Er ließ sie selten allein, wenn sie ohne die anderen ausgegangen war, schlenderte ihr nach, wanderte mit ihr von Laden zu Laden, um schöne Dinge für sie auszuwählen, entrückte ihr das Leben, in dem es Arme und Unglückliche gab, daß ihr nicht, wie ehedem, die Sorglosigkeit geraubt sei. Er war fast immer bei ihr, ohne sie zu hindern sich unbewacht zu fühlen. Er lenkte selbst ihre Aufmerksamkeit auf Bewundernde und hielt sich abseits, wenn sie sich mit jungen Leuten vergnügte. Einmal sah sie auf dem Boulevard des Anglais Guy de Malpasse, der ihr in Louvais nach jener Klosternacht begegnet war. Er erkannte sie nicht. Sein Blick hatte sich verdüstert, er flammte dunkel auf, als er in den ihren brannte. Sie wandte sich leichthin, er desgleichen. Sie lächelten fast schmerzhaft. Dies war das erste Mal, daß Arabella jenes Spiel der Augen übte, bewußt des Spielens und der Lockung. An Tagen irdischer Sehnsucht, wo sie sich hinsetzte an Givo zu schreiben, um dann den Brief in tausend Fetzen zu reißen und diese rasch irgendwo unsichtbar zu machen, wie um die Schmach ihrer Schwäche zu verwischen, kleidete sie sich mit Sorgfalt und flog unter die schaulustigen Menschen, hungrig nach bewundernden Blicken, die ihr Feuer sänftigten. Sie fühlte, daß sie auch Adalbert nicht widerstehen würde, wenn sein nun an der fremden Bewunderung aufflackerndes Begehren mehr als Blick und Scherz wurde. Da machte Karinski der Schwüle ein Ende und bat sie, ihn auf seiner Reise nach der Schweiz zu begleiten, wohin er Olga bringen wollte.

* * * * *

_Mon cher_ Pierre, zuerst von den Kindern. Ich danke dir, daß du auf Schloß Wolonsk die Vorkehrungen für meiner Schwester Ankunft getroffen hast. Nadescha und Maria haben mit ihrer Freundin, der Prinzeß Lisa, die Pension verlassen und Melissa Wolonskaja, meine Base, bringt die Mädchen nach Hause. Boris bleibt noch ein Jahr in der Akademie. Bis dahin bringe ich Olga und --? -- dann?

Ja, Pierre, ich liebe sie, ich liebe Arabella, dieses Wesen aus Traum, Leidenschaft und Sanftmut gewoben, diese Blume, dieses Kind, diesen Engel, diese kleine Dirne. Ich habe Tanja geliebt, wie man zur schwarzen Mutter Gottes in seiner Schloßkapelle zu Hause betet, aber Vögelchen, Vögelchen bete ich an wie eine heidnische Gottheit, vor der nackte Sklaven die Stirne in brennenden Wüstensand tauchen. Sie lebt bei mir. Nachts schläft sie im anstoßenden Gemach. Ich sehe, wie sie die Perlen vom Halse löst, ihre Locken herabwallen läßt auf die elfenbeinernen Schultern und ich warte auf den Augenblick, wo sie das Hemd gegen ihr Nachtgewand vertauscht und ab und zu -- vielleicht zweimal in acht Tagen -- eine ihrer kleinen Brüste dabei sichtbar wird. Dann fühle ich ihren Kuß, halte sie drei Minuten lang im Arm, trage sie in ihr Bett und verlasse sie rasch. Und morgens bin ich dabei, wenn sie Toilette macht. Wir reisen nun schon zwei Jahre und es wird immer köstlicher. Meine Liebe will nicht mehr als dies: sie zu begehren und dennoch nicht zu besitzen. Darin liegt alle Läuterung, aller Buße Süßigkeit. Pierre, du hattest viel Weiber, aber du hattest dies nicht, diese Nächte des Fiebers, diesen Wahnsinn einer freiwilligen Entsagung. Einmal -- in Genf war es -- da erwachte sie aus der Ekstase der Sehnsucht um ihren verlorenen Geliebten. Sie erwachte aus diesem Bann, der sie keusch hält, sie, die schon viel Lust genossen hat. Es war, wie seltsam ist das, zur Zeit, als sich ihr Geliebter verheiratete, denn wir verheimlichten es vor ihr. Sie hat es erst kürzlich erfahren. Zu dieser Zeit war sie wieder im wachen Leben, schmückte sich sorgfältiger und erwiderte den Blick der Männer. Und eines Tages traf sie Hettwer, den Dichter, einen Freund ihres Geliebten. Ich fuhr zu meinen drei Mädchen nach Lausanne. Als ich zurückkam, erzählte sie mir, sie habe auswärts geschlafen bei einem Unglücklichen. »Schade um jede einsame Nacht, in der auch ein Mann allein ist und sich nach Frauen sehnt.« »Und jetzt, jetzt hast du ihn wieder verlassen?« »Ja, jetzt bist du wieder hier.« »Ich, alter Mann?« »Ja, du alter Mann, der mir meine Sehnsucht läßt.« So ist Arabella. Ich werde ihr meinen Namen geben, wenn ich sie verlassen muß, um mit Olga nach Hause zu fahren, die Kinder zu verheiraten und die Güter zu besorgen, auf denen jetzt der Teufel haust. Ich werde sie verlassen mit gebrochenem Herzen und ihr lächelnd sagen: ich gehe, damit ihr ein Junger die Sehnsucht -- nimmt. Manchmal wünschte ich -- obwohl sie reich ist -- und es durch mich noch mehr sein wird -- sie wählte einen Beruf, eine Beschäftigung, wenn ich von ihr gehe. Aber sie will nichts hören davon: Ich kann nur Briefe schreiben, sagt sie oder Tagebuchblätter, aber auch die zerreiße ich und vernichte ihre Spuren. Manchmal verbrenne ich sie oder ich gehe weit und werfe sie in treibendes Wasser. Soll ich auf Leinwand malen, wo ich doch in mir viel schönere Bilder habe? Soll ich Schauspielerin werden und vor Ehrgeiz häßlich werden? Hettwer kannte eine Schauspielerin, die in einem seiner Stücke spielte. Sie gönnte keiner anderen ihre Rolle; als sie Masern hatte, trat sie mit den roten Flecken im Gesicht auf, damit keine andere sie verträte. Nein, das Theater ist häßlich. Ich möchte tanzen, tanzen, die Kleider von mir werfen und die Luft umkreisen, daß sie mir Flügel gäbe und mich zu sich nähme. Soll ich einmal vor dir tanzen, Nicolai, wie Salome vor Herodes? Und wahrhaftig, Pierre, sie tanzte einmal vor mir. Sie hatte sich in Schleier und Ketten gehüllt und das Licht mit gelben Tüchern verhängt und sie tanzte vor dem Spiegel und die Perlen rollten um sie, sie tanzte sich die Schleier von ihrem unbändigen, knabenhaften Leib. Dann sank sie auf den Teppich und schlief sogleich ein, als wäre das alles nachtwandlerisch gewesen. Ich ließ sie allein, versperrte die Türen und ging -- und du kannst dir denken, wohin ich gehen wollte. An der Schwelle kehrte ich dort um.

Seit vier Tagen sind wir in München. Es ist Karneval. Ich möchte sie heiter sehen. Seitdem sie von dieser Heirat weiß, geht sie oft in Schwermut einher. Nun leb wohl, Pierre. Ich bin sehr glücklich. Erinnerst du dich noch, wie wir, siebzehnjährig, auf den Scheunen von Wolonskaja den Dorfmädchen Kinder machten? Nun haben uns diese gewiß schon zu Großvätern gemacht und ich liebe noch immer, liebe wieder zum ersten Mal.

Es umarmt dich dein

Nikolai.

Ein Wiedersehen

Als sie in München abstiegen, Arabella und der Graf, hieß es, daß abends Bal pare sei in ihrem Hotel. Sie speiste mit Karinski zeitig abends, ehe der Trubel begann. Die Vorbereitungen des Festes fesselten sie. Musikinstrumente wurden vorbeigetragen, Blumen in bunten Buschen, Sektflaschen in Körben, verfrühte Masken schon stahlen sich vorbei, lugten in den noch leeren Saal, in dessen Parkett die Kronleuchter sich müßig spiegelten.

»Willst du dabei sein?« fragte sie der Graf. Sie schlug in die Hände vor Freude.

»Deine Toilette?«

»Ach, ich habe allerlei,« sagte sie und sprang auf. Die Jungfer mußte rasch nach einer Maske fahnden, eine ganz kleine schwarze nur, ordnete Karinski an. Er half ihr unter ihren Abendkleidern wählen. Mit ihrem Wirbelhaar im schwarzen glitzernden Kleide sah sie wie ein blondes Teufelchen aus. Er begleitete sie in das bunte Wimmeln des Saales. Sie trennten sich lachend. Bald erblickte sie ihn fröhlich am Arme zweier Dominos. Vögelchen fühlte sich wohl hinter der Maske. Sie mischte sich ins Getriebe, fing Gespräche auf, blieb stehen und lachte mit den anderen, wenn es etwas zu lachen gab. Mehrmals näherten sich Herren, ihr die zögernde Ansprache zu erleichtern, flüsterten Koseworte. Die Frauen musterten ihren Schmuck, ihr Kleid, das der deutschen Mode noch fremd war. Wort und Blicke glitten von ihr ab. Manche der Anspielungen waren ihr neu und drollig, vieles völlig unverständlich, das aus den Gesprächen sie streifte. Sie empfand nicht Lockung sich an eines fremden Mannes Arm zu hängen, da war kein Gesicht, das ihr eine innere Welt verriet. Auch die Männer schienen Masken zu tragen. Als sie schon mehrmals den Saal durchschritten, sah sie an einer Säule gelehnt einen vornehm aussehenden Herrn stehen. Wie einsam versprengt, unbeteiligt wie sie selbst, in stillem, beschaulichem Ernst, ließ er das Treiben an sich vorüberziehen. Glitt ihm eine Maske näher heran, sagte er ihr lächelnd ein dankbares, aber abweisendes Wort, ohne ihr zu folgen. Es schien, als erwarte er eine Frau oder zöge es aus irgendeinem Grunde vor allein zu sein. Vögelchen blieb unweit von ihm stehen und forschte in seinem ebenmäßigen, noch immer knabenhaften Gesicht. Sie hatte ihn gleich erkannt, es war Franz von Normayr. Ein wenig gealtert schien er, die Haut von Seereisen gebräunt, noch heller stach der Blick, noch klarer schien die Stirne und etwas, das wie Unfehlbarkeit wirkte, schmückte noch immer die Haltung.

»Sie läßt dich warten,« sagte Arabella mit einem leisen Beben in der Stimme, als sie eine Weile neben ihm gestanden, während sein Blick lächelnd zu ihr herabgekommen war.

»Sie ließ mich warten,« antwortete er. »Aber nun ist sie ja gekommen.«

»Es waren so viele, die dich mitführen wollten.«

»Ich wartete auf dich.«

»Kennst du mich denn? Wie heiße ich?«

»Vögelchen,« sagte er.

»Das ist doch kein Name,« sagte sie erschauernd.

»Eben deshalb heißt du so, kleine Unbekannte. Es gibt Namen, die wie ein Bild sind unter Schleiern und Masken. Vielleicht ähnelst du auch einer, die man so nannte.«

»Ach geh, solch ein Name! War die denn wirklich?« Er schwieg. »Dein Vögelchen ist wohl nur eine Ente. Nenn mich lieber Salome Maria. Den Namen las ich einmal auf einem alten Friedhof in Salzburg.«

»Aber du bist doch lebendig. Laß fühlen, ob du lebendig bist oder eine Elfe.« Er legte mit kundigem Griff seinen Arm um ihre Taille und zog sie mit sanfter Kraft in eine der Nischen.

»Du gleichst einem jungen Seemann,« sagte sie. »Dein Blick sieht auf das Meer.«

»Liebst du das Meer?« fragte er.

»Ich habe einmal auf einem Leuchtturm gehaust.«

»Wie interessant,« sagte er mit leichtem Spott. »Da warst du wohl verzaubert wie Rapunzel. Dabei siehst du so aus, als ob du in Palästen gewohnt hättest. Oder warst du des Leuchtturmwächters Töchterchen in einem anderen Leben?«

»Ja, in einem anderen Leben.«

»Erzähle mir von diesem Leben. Wo hast du denn da noch gehaust und genächtigt, als Schwalbe oder Kolibri?«

»Ich erinnere mich zunächst, in einem Kloster geschlafen zu haben. Mondschein kam zum Bogenfenster herein und die Spinnweben aus den alten Mauern waren die Gitter. Mir gegenüber über den Hof saßen im Saal Nonnen über Spitzenarbeiten gebeugt, Tag und Nacht. Es waren Mäuse im Zimmer. Kennst du den Dichter Malpasse?«

»Ja, ich kenne seine Novellen. Hatte der sich etwa in eine Maus verwandelt?«

»Nein, er fiel mir nur eben ein. Oh, wie schlecht euer Champagner ist,« sagte sie französisch.

»Bist du Französin?«

»Nein, mein Mann ist Spanier und ich bin ein wenig von überall.«

»Salome Maria Überall,« sagte er.

»Und du, wie heißt du, laß mich raten und warte -- Gottfried? Nein, Franz. Das wird es sein.«

»Du bist hellsichtig,« sagte er. »Also dein Mann ist Spanier. Liebst du ihn?«

»Ja, ich liebe ihn.«

»Und doch bist du hier?«

»Ja, mein Gott, er läßt mich allein und ich liebe die Männer so sehr. Ich liebe es, ihnen ganz nahe zu sein, ganz nahe.«

»Nun war es, als hättest du zum ersten Male mit deiner eigenen Stimme gesprochen.«

»Erschreckt dich das?«

»Du bist so seltsam. Es ist eine Traurigkeit in deiner Glut.« Er nahm ihre Hand und spielte mit ihren Fingern, er preßte sie zwischen den seinen, die sehnig und kühl waren. »Und bist du immer so -- -- frei? Nicht nur im Karneval?«

»Ich bin immer so frei. Mein Leben ist ein Fest der Liebe.«

»Wie viele Männer haben dich schon besessen?«

»Das zählst du kaum!?«

»Das zähl' ich kaum?«

Er sagte es sehr traurig. »Und wie begann es?«

»Da war einer, dem vertraute ich. Ein Kind war ich damals, weißt du, und er war mir wie ein Engel, der mich durch alles Irren führen sollte. Aber da mißfiel ihm meine Dummheit. Sie »schickte« sich nicht. Ich hatte nicht gelernt mich zu verstellen. Er überließ mich meiner Dummheit mit Haut und Haar.«

»Und dann?«

»Dann nahm ich den Vater zum Mann, meinen Stiefvater.«

»Du scherzest jetzt.«

»Er war ein guter Lehrmeister. Warte, wie ging es weiter? Dann kam ein junger Lord. Das war nur Spiel für ein paar Nachmittage. Später --«

»Später?«

»Später -- ach, sieh dies arme Ding dort! Wie ärmlich ist ihr Domino, wie schlecht ihre Schminke! Sie sind mir so leid diese Mädchen. In Paris kannte ich eine Dirne. Ein Freund von mir war ihr Zuhälter. Der Arme hat sich erhängt, einer bösen Krankheit wegen. Ich erfuhr es lange nicht. Was ich dich fragen wollte! Wie geht es deiner Schwester?«

Sein Gesicht war bleich, seine Augen glühten in Leidenschaft. Ihre Stimme sprach zu ihm aus dunkel funkelnder Welt. Log sie? War sie es? Nein, das war nur Spuk seiner Phantasie. Warum ergriff ihn dann ihr seltsames Sprechen? »Meine Schwester laß beiseite,« sagte er. »Du willst dir den Anschein geben, mich zu kennen. Wozu? Ist es nicht schöner, sich aus fremdem Leben zu begegnen?«

»Dich schaudert, daß ich deine Schwester kenne, weil mein Freund Zuhälter war und ich die Männer so sehr liebe. Aber sieh, ich habe auch für die Frauen ein Herz. Diese Dirne dort, wie dauert sie mich. Sie tut es um Geld, sie muß es tun. Während ich mir wähle, was mich freut. In Nizza, da ging ich einmal an einem Fenster vorbei, es war hart an dem Laden eines Antiquitätenhändlers, alte Bilder hingen da, hölzerne Heilige, Kupferkessel. Das Fenster hatte rote Scheiben und dahinter saß in rosigem Schein, wie ein Page gekleidet mit langen, blonden Locken, eine Dirne. Ich ging gern dort vorüber. Sie tat mir leid, immer mußte sie sitzen und warten und dann --? Ich wäre gern zu ihr gegangen und hätte sie abgelöst für einen Abend.«

»Aus Mitleid nur?«

»Ja, aus Mitleid. Denn damals schlief ich wieder bei meinem Vater. Er stahl sich nachts leise zu mir, daß seine Frau ihn nicht höre, die hütete ihres Kindes Schlaf.« Das log sie.

»Du freust dich deiner Sünden?«

»Sprich das Wort nicht aus, es hat einen falschen Klang. Ist es denn Sünde, wenn man beglückt?«

»Es hätte dir richtig geklungen, wenn dich jener erste Mann nicht, wie sagtest du doch -- deiner Dummheit überlassen hätte. Daran wurdest du klug und --«

»Warum hältst du inne?«

»Eine Erinnerung kam mir. Komm mit mir, willst du?« sagte er plötzlich wild ausbrechend. Sie sprach nicht mehr, sie schmiegte sich an ihn, saugte seinen Blick in ihr Auge.

»Erwarte mich,« lispelte sie und ging, noch immer nach ihm zurückstarrend. In ihr Zimmer drang ihr noch Festlärm nach. Es war spät in der Nacht. Der Graf war schon zur Ruhe gegangen. Sie nahm leise den Pelz. Nun lief sie zu dem, der im Vestibule ihrer harrte.

»Du zauberst?« sagte er. »Wohin bist du verschwunden? Schon fürchtete ich, nach deinem Schuh suchen zu müssen, dich wiederzufinden.« Er legte den Arm um sie, rief nach einem Wagen. Er fuhr sie zu seiner Wohnung am englischen Garten.

»Jetzt darf ich dich sehen,« bat er in der ersten Umarmung.