Vögelchen

Part 21

Chapter 213,880 wordsPublic domain

»Ach Gott, Sie haben geläutet,« rief sie -- sie bemerkte die Nachbarin, schlug ihr die Türe vor der Nase zu und geleitete den Gast in das Atelier, das ihr und dem eben abwesenden Buben auch als Wohnstatt diente. »Nun werden Sie eine schöne Meinung von mir haben,« sagte sie noch mit erregter Stimme. »Dieser junge Mensch der eben an Ihnen vorbeigestürmt ist, hat mich beleidigt und ich habe ihm die Türe gewiesen.«

»Da muß ich Unglücksmensch Ihnen gerade in den Weg laufen.«

»Nein, nein, Sie kamen eben recht. Ihr Sturmläuten hat mich aufgerüttelt, noch schnell das letzte, das entscheidende Wort zu sagen. Wenn wir noch lange herumgeredet hätten, wäre am Ende wieder eine Versöhnung zustande gekommen. Wissen Sie, was er gesagt hat, dieser Mensch? Er könne nicht mit mir ausgehen, ich sei ihm zu simpel gekleidet. Und da, da,« sie hieb mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch, »da hat er mir Geld hergelegt, einen Hunderter. Der ist ihm aber rasch an den Kopf geflogen. Andere Künstlerinnen nehmen auch von ihren Geliebten Geld an, hat er gesagt, der unverschämte Grünschnabel.« Sie besann sich, wurde feuerrot und trat ans Fenster, Urbacher den Rücken kehrend. »Sie werden sich was Schönes denken, Herr Doktor,« sagte sie leise. »Der Bruder ein Landstreicher und die Schwester -- -- Aber wissen S' (sie begann in der Erregung im Dialekt zu sprechen), man ist doch noch jung und man kann nicht all'weil allein sein. Der da ist der Hausherrnsohn vom Fünfer-Haus. So ganz aus der Art g'schlagen ist er, malt auch ein bissel und war lieb zum Buben. Da bin ich halt mit ihm gangen. Und wegen der paar Busseln wird er jetzt frech und legt mir ein' Hunderter hin. >Angabe<, hat er gesagt und hat dabei g'lacht, daß ich ihm eine hätt' geben können, daß ihm die Zähne« -- sie mußte selbst über ihren neuerlichen Zornausbruch lachen und unterbrach sich -- »um seine Zahnderln wär' schade g'wesen, aber sonst ist kein Schad' um ihn. Bin froh, daß alles aus ist, hat mir schon lang nicht gepaßt.«

Urbacher dachte: »Zum Fressen ist sie, wenn sie zornig ist.« Er ging die Wände entlang, die Bilder betrachtend: »Ihr einschichtigen Frauen habt es ja noch schlechter als wir,« sagte er. »Warum kauft ihr der Tölpel nicht die Bilder ab statt ihr Geld anzubieten,« dachte er. »Hören Sie, Frau Meisterin, dieses Bild aus Grinzing müssen Sie mir überlassen. Das ist ein feines Stück,« rief er aus.

»Beschämen Sie mich nicht, Herr Doktor, das ist schon eine alte Arbeit. Aber wie lieb von Ihnen, daß Sie selbst gekommen sind! Haben Sie am Ende schon Nachricht? Sie haben mich letzthin so beruhigt. Aber nun ist mir auf einmal wieder bange.«

»Ich habe von meinem Bekannten die Zusicherung bekommen, daß er sich sogleich aufmacht, in der Wohnung, die Ihr Bruder zuletzt bewohnt hat, nachzufragen. Das wollte ich Ihnen vorläufig melden.«

»Danke, danke! Wenn nur nichts passiert ist.«

»Wo ist der Junge?« fragte Urbacher, der sich fast fürchtete, mit ihr allein zu bleiben. »Nun will ich aber gehen. Ich komme wieder, wenn ich Nachricht habe. Dann sprechen wir auch von dem Bild. Schreiben Sie aber gleich darunter >Angekauft<. Oder läßt sich's gleich machen? Dreihundert Gulden biet' ich dafür.«

»200 ist schon zu gut bezahlt, Herr Doktor, und gar für die Umgebung, in die es kommt. Da sollte man mit der Ehre vorlieb nehmen.« Nun setzte er sich auf ihr Drängen wieder hin.

»Sie sollten sich nicht aufregen, Frau Meisterin; sehen Sie, das Äderchen, das Ihnen da angeschwollen ist.« Er nannte einen lateinischen Namen. »Schonen sollen Sie sich. Sie haben gewiß schon viel mitgemacht!«

»Das erraten Sie?«

»Ja, wenn mir das nicht geblieben wäre von meiner Nervendoktorei!« sagte er.

»Warum haben Sie es aufgegeben, das Doktern?«

»Es hat mich aufgegeben. Ich war zu neugierig, wissen Sie. Ich bin jedem Fall nachgegangen bis in seine tiefsten Ursprünge und darüber bin ich ins Philosophieren geraten.« Er wunderte sich, daß er ihr so schlicht erklären konnte, was einst so viel Verwirrungen in ihm angerichtet hatte.

»Und die Miniaturen?«

»Die waren die Erholung, die Betäubung, der gefeite Boden sozusagen, wo nicht gekämpft wurde. Denn da drinnen,« er zeigte auf seinen Kopf, »sah es aus wie auf einem Schlachtfeld.«

»Auf dem schließlich ein Sieg erfochten wurde?«

»Der steht noch aus,« sagte er. »Ich brauchte halt Hilfe.« Er lächelte ungeschickt. Das rührte sie.

»So, so, nun da stell' ich mir vor, daß sich jemand finden könnte.«

»Glauben Sie?«

»Ja.« Sie sagte es mit den Augen.

Und als er dann die böse Nachricht erhielt, ging er zu ihr. Er hörte sie mit dem Buben lachen. Da hatte er nicht das Herz es ihr zu sagen. Weggehen wollte er auch nicht. Er trat ein und log, er wüßte noch nichts, wäre nur wegen des Bildes gekommen, sie möchte es selbst hängen, draußen in seinem Haus. Sie fuhren zu ihm, im Fiaker, in dem er gekommen war. Der Bub saß auf dem kleinen Klappbänkchen. Da hatte sich ihm ein Traum verwirklicht, dessen Erfüllung er erst mit der Firmung erwartete, auf einem Klappbänkchen im Fiaker zu sitzen. Bei der »Linie«, die jetzt schon tief im Weichbild der Stadt ist, mußte der Wagen stehen bleiben, vom Zollbeamten angerufen. Hedwig verschloß ihr Bangen um Konrad und war fröhlich mit dem Buben. Bei einem Heurigen beschlossen sie den Abend. Wochenlang schob er es auf, von Begegnung zu Begegnung, ihr die Todesnachricht zu sagen. Eines Abends schlug er ihr vor mit dem Buben zu ihm zu ziehen, das Haus ihm zu leiten. Als sein Entschluß gefestigt war, nicht länger ihr die traurige Wahrheit vorzuenthalten, schwoll seine Zuneigung zu unaufhaltsamem Begehren. Er nahm sie zu eigen. Längst hatte auch sie ihn liebgewonnen, den sanften Spötter. Er würde dem Kleinen ein Vater sein, das fühlte sie, obwohl er oft selbst wie ein Kind war, das sie schützend sich in ihren Schutz begeben. Am Morgen ihrer Vereinigung sagte er ihr, daß der Bruder tot sei. Nun hatte sie ein Heim, darin ihr Schmerz sich mählich auflösen konnte in ein stilles Glück.

Doppelleben

Arabella erfuhr nichts von Konrads Tod. Und noch ahnte sie nicht, daß sich eine willensstarke Frau um ihres Sohnes willen gegen sie verschworen, um mit zäher Sicherheit ihr die neue süße Ruhe zu rauben. Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Cecile und, da Clothilde das Asyl verlassen hatte und Anna auf einige Zeit in ihre Heimat gereist war, nahm sie allerlei Pflichten auf sich und wurde ein brauchbarer Mensch in den täglichen Anforderungen des Lebens. Wenn Alphi schlief, beteiligte sie sich mit Inbrunst an den der Musik gewidmeten Stunden und las mit Helene die wertvollen Bücher aus Ceciles Bibliothek. Givo kam ein, auch zwei Mal des Monats, blieb den Sonntag und gab noch ein oder zwei Tage dazu. Er sah mit Kummer, daß Ceciles Gesundheit immer gebrechlicher wurde und beriet sich mit Dr. Blanc. Den drückte noch eine andere Sorge. In Chaly begannen Stimmen laut zu werden, daß man im Asyl ketzerisch lebe, niemals sei von seinen Bewohnern jemand in der Messe zu sehen. Da machte sich Givo auf und ging mit Arabella zum Segen. Stickig war es und finster in der Kirche, ernst, fast drohend stiegen die gotischen Pfeiler auf, ohne Tröstung. Die Menge schien zusammengeschweißt im Gebet, wie ein Leib waren ihre knieenden Leiber, wie Murmeln eines Einzelnen ihre Zwiesprache mit Gott. Über all das Dunkel streckten sich die vielfarbigen Fenster und spannen blumige Lichtgarben zu einander. Arabella, die selten nur eine Kirche besuchte, war ergriffen. Die Orgel begann ihr erlösendes Spiel. Sie stand neben Givo aufrecht zwischen den Knieenden und hielt ihr Herz zu Gott hinauf inmitten der inbrünstigen Ströme der Fugen. Dank kam über sie und Demut des Gebetes. Sie kniete hin und ließ die Seele mitjauchzen im Gesang, der aufrauschte aus der Menge. Givo sah, wie sie ohne sich zu besinnen niedergekniet und tief versunken war. Wieder war er von zärtlicher Rührung übermannt und wieder mischte sich dieser, wie so oft schon, ein Gefühl schicksalschweren Wissens über dieses in seiner Hingebung wehrlose Wesen, das seinem Schutze anvertraut schien und das er dennoch nicht würde bewahren können vor der allzu großen Last der Liebe. Ja, vielleicht würde er selbst sie beschweren! Schon war alle Freiheit verwirkt, sie konnten einander nicht lassen. Givo war froh, als sie aus der Kirche traten. Zu dick war ihm dort die Luft. Aber er hatte Cecile geholfen und dem Asyl. Man hatte Arabella gesehen, wie sie in aufrichtigem Beten kniete. Ihre Andacht sicherte, ohne daß sie selbst den Sachverhalt ahnte, den Bestand des Asyls auf weitere Zeit. Denn nun schwiegen die bösen Zungen.

Als Vögelchen Manuel zur Bahn geleitete, hielt er sie lange im Dunkel des Weges im Arm. Schwer nur gestand er ihr, daß er auf längere Zeit verreise, zu seiner Mutter, in den Norden Deutschlands. Arabella nahm erschrocken seine Hand: »Nimm mich mit zu ihr, nimm mich mit! Ich will sie lieb haben.« Da trieb es Manuel die Tränen in die Augen.

»Nein, Kind, es geht nicht. Aber wenn ich wiederkomme, hol' ich dich zu mir, ganz zu mir!« Vögelchen sagte kein Wort mehr. »Es geht nicht,« sprach es immer wieder in ihr, es geht nicht! Zum ersten Male hatte er sie verwundet, sie, die kaum geheilt war von altem Leid.

* * * * *

Zora hatte an Givo geschrieben. Er kannte die Schrift nicht. Es war der erste Brief, den er von ihr empfing. Sie schrieb ihm, daß die Mutter schon etwas gesprächiger sei und nun stündlich seine versprochene Ankunft erwarte. Er möchte nur getrost kommen und nicht allzusehr erschrecken, wenn er erführe, wer die Braut sei, die ihm erwählt worden. Denn diese wäre ja fest entschlossen niemals zu heiraten, da sie einzig ihrer Geige Treue geschworen. Und er, Givo, der Heilige, werde doch nicht ein Zigeunermädchen aus Hispaniens Fluren ehelichen, das nichts Schöneres sich erträumte als sich heimatlos durch die Welt zu geigen. Er sollte der Mutter nicht trotzen, die von ihr erwählte Braut würde ihm Treue bewahren, indem sie sich weigere seine Frau zu werden. So hätte er denn weniger zu fürchten, als wenn die Zukunft ihm eine Willfährige entgegenführte. Nur eilig kommen möge er, denn sie wolle die Tante nicht verlassen, ehe er nicht eingetroffen sei, und jeder Tag, den sie später eintrete in die Glaubensschule, bedeutete Aufschub ihrer späteren Freiheit. Er möge ihr beistehen, schon in einem halben Jahre die Schule verlassen zu dürfen, um bei einem berühmten Geiger in die Lehre zu treten. Als Givo in Hamburg ankam, war Zora des Morgens heimlich abgereist. Sie hatte der Tante einen Brief hinterlassen, in dem es hieß, es dränge sie nicht eine Stunde mehr zu zögern, da ja nun Manuel sie entbehrlich machen würde. Geheimnisvoller Ruf wäre an sie ergangen ohne Abschied in ihr Kloster zu eilen.

»Wie fromm sie ist,« sagte Frau Givo, die aufrecht saß, aber noch immer nicht das Bett verließ. »Ich bedaure es aber, daß du sie nicht gesehen hast. Sie ist schön geworden: eine Jungfrau.« Sie betonte das Wort. Weder sie noch Manuel erwähnten Vögelchens Namen. Die Mutter schwieg und verlangte nichts und er ließ sein letztes Briefwort bestehen, daß er nicht lassen würde von Arabella. Zwei Monate blieben sie beisammen ohne Vorwurf und Zank, aber das Schweigen lag oft schwer zwischen ihnen und hemmte die alte Vertrautheit. Als Givo abgereist war, verfiel Frau Lea wieder in tiefes Brüten. Sie versuchte zu gehen, sie hatte es beinahe verlernt. Sie schien um vieles gealtert, als sie nach viermonatiger Weltflucht wieder auf die stille Straße trat, ihren Wagen bestieg, um ihre Glaubenswerke zu üben.

* * * * *

Eine ganz kleine Türe hatte sich in Vögelchens Herzen geöffnet und ließ Angst ein. Sie war manchmal fest verschlossen, wie von guten Geistern gehütet, dann wieder sprang sie auf. Über ihrer Einfriedung stand: es geht nicht. Da war eine große düstere Frau, die ging aus und ein und sagte: »Er gehört mir, mir allein.« Fremde Frauen mit wehenden Federn am Hute nickten ihr aus Karossen, in denen sie mit dem Herzensfreund saßen und riefen: »Sieh, Kleine, wer mein Ritter ist!«

Givo blieb lang aus. Als er wiederkam, schloß sich die kleine Tür und die guten Geister hielten vor ihr Wache.

Arabella schrieb an Adalbert: »Lieber Va, ich wohne von nun ab bei Imanuel Givo. Er hat ein kleines Haus in St. Cloud gemietet. Willst Du mir erlauben die Möbel meiner Zimmer, die wohl noch im Magazin eingestellt sind, dahin schaffen zu lassen? Du wirst Dich nicht wundern, daß ich nicht Givos Namen haben werde. Er sagte mir, daß dies vielleicht erst in einer späteren Zeit möglich sein könnte. Ich glaube zu ahnen weshalb und Du wirst es wohl ebenso deuten können. Seine Mutter will mich nicht als seine Frau. Wir wollen jetzt ganz still für uns leben. Später besuchen wir Dich einmal. Frau Angele möchte doch auch an mich schreiben, falls sie Rat braucht, wenn das Kind geboren ist. Ich habe Alphi Tallandre gepflegt und weiß Bescheid um die Kleinen. Der Abschied wird mir schwer von ihm. Er ist so niedlich und fängt schon an zu plaudern. Aber Manuel erlaubt, daß Helene und der Kleine uns im Frühling besuchen. Ich habe Cecile Gloriot viel zu danken und ich hoffe, sie weiß, wie ich sie liebe. Aber wie kann ich gut sein und bei ihr bleiben, um ihr zu helfen, wenn ich mit Givo leben will, und das muß ich von ganzem Herzen. Hab auch Du Dank für Gutes und Böses.

Es küßt Dich Dein Vögelchen.«

* * * * *

Auf einem kleinen Dampfer fährt Givo die Seine entlang. Er blickt in das schäumende Kielwasser, er beobachtet die Fahrgäste, aber nichts kann seine Ungeduld bezwingen. Und so ergeht es täglich, seitdem er mit Arabella draußen in St. Cloud wohnt. Eilig geht er dann ans Land und ist bald an der Pforte, über der Weinlaub hängt. Frieden umfängt ihn, sobald er eintritt. Er ist meist müde von der Arbeit, die er nun emsig ihrem Ende zudrängt, weil jetzt Neues so reichlich aus ihm quellen will. Es ist, als wäre der Antrieb seiner Kräfte jene warme Erdenglut, die täglich aus einem geliebten Frauenleib in ihn einströmt. Er sieht so viel jetzt, was geschehen muß, was gesagt und gewirkt sein will, und er sieht es neu, er, der immer ein Schauender war. Noch beben in ihm die Räder der Arbeit, wenn er Arabella begrüßt, die mit kindlicher Scheu ihm entgegentritt, als teilte sie mit ihm nicht Tisch und Bett. Aber sie ist für ihn wie ein Engel der Verkündigung, der aus seiner lichten Welt der Inbrunst fromm eintritt in seinen heißen Arbeitstag und ihm ein neues Heil weist. Geschmückt ist der Tisch, festlich winken die Bücher und das Bett ist der fromme Altar ihrer Vereinigung. Über ihrem Lager sind blaue Nebel göttlicher Unendlichkeit, umschwebt ist es von berauschenden Tönen, über deren Wellen kein Schiff gelangt aus Tagland. Seine Kissen haben Engel geschlichtet aus Lämmerwolken, seine Decken sind aus Sonnenfäden gewirkt und sie wärmen die Liebenden, die nur ein Leib sind auf ihrem heiligen Lager. Manchmal ist ein leises Lachen in der Luft wie von unsichtbaren Amoretten, die Stimmchen der Kinder, die sie ihm schenken möchte, und dann, ach, ein Seufzen des Kampfes, den er mit seinen Sinnen ringt, um ihren zarten Leib nicht mit der ersehnten Bürde zu beschweren. Denn weit ab und nur wie das Auffunkeln eines wachen bösen Blickes leuchtet ein Auge und nimmt ihm den Traum Vater zu werden aus dem Herzen. Doch Glückes genug! Er hält nicht ein Weib mehr, die Liebe selbst, wie sie durch Ewigkeiten schwingt, pocht mit lebendigem Herzen an dem seinen und er fühlt, er hat ihr Wahrsein gebraucht, ihr frauliches Dasein, daß auch seine Arbeit ausströme als eine große Wirklichkeit der Liebe.

Als ein Vergangenes liegt das Lebendigste seines Lebens, sein Kampf mit dem Dunkel, unter dieser Liebe eingesargt. Schatten sind die Genossen im Laster geworden, die er zuweilen suchte, weil auch er eindringen wollte in die Tiefe, Schemen die Dirnen, Nebelgebilde die lichtscheuen Stätten. Sein Fuß strauchelt nicht mehr über diese Erinnerungen. Licht ist um ihn und seine Lust hat sich verklärt.

Arabella hat einen Garten und Glashäuser, ihre Pflanzen zu schützen. Was will sie nur mit ihren Blumen? Sie fährt sie zur Stadt, aufgetürmt auf starkem Wagen. Der hält vor den Häusern der Siechen. Sie trägt sie hinauf über die weißen Stiegen der Spitäler und mischt ihren Duft in den des Äther und der Essenzen der Reinigung. Sie tritt in die Krankenzimmer und stellt sie auf die Tische. Da richten sich die Blicke steil auf in den Betten. Es wird lichter im Raum. Ging da eine Elfe vorbei und ließ Linderung zurück? Sie kommt auf ihren Gängen auch in das Zimmer, darin Konrad gelegen, bevor er hinausschlich, die Erdenhülle abzuschütteln. Ahnunglos streift ihr Kleid das Bett an, in dem er gestrandet. Da liegen Menschen umher nach Gottes Ebenbild geformt und sind ein elendes Stück Fleisch, schlotternd in Weh und ihr Blick sucht ein Endchen Himmelsbläue, ausgespart zwischen Mauern. Sieh, da blüht ein Busch Vervenen auf dem Tisch und speist ihr Auge. In einem Saale sind Kinder gebettet, fiebrig glimmen die Augen durch den Schlitz der Lider, die zuckende Hand hält den farblosen Wurstel, der vom reichen Kind abfiel fürs Spital. Hier kann Arabella nicht enteilen. Die Schwester müht sich einem schwarzlockigen Püppchen mit dünnem Hälslein den Verband zu wechseln am bresthaften Bein, während seine Augen in hilfloser Klage sein Weh künden. Bittend tritt Vögelchen näher und die Schwester läßt ihr willig den Dienst. Die Kleine blickt in zärtlichem Bangen auf zu dem Engel, der zu ihm niederrauscht, Chrysam auf seine Wunde zu legen. Wie Flügel bauscht sich die Seide ihres Kleides und die mageren Händchen greifen nach den Perlen an des Engels Hals. Löffel auf Löffel füttert die Lichte ihm zu. Der Verband ist angelegt. Nun kommt die Mahlzeit und es weiß nicht mehr, daß ihm die Suppe vergällt ist durch Schmerz in den armen kleinen Eingeweiden. Leise bettet Vögelchen es zurück in die Kissen, wischt den Schweiß ihm mit ihrem feinen Tüchlein von der Stirn und hält sein Händchen, bis es entschlummert ist. Nun tritt sie zu den anderen, reicht ihnen Backwerk und Spielzeug. Abends beten sie für Arabella.

Aber Givo bittet Arabella eindringlich nicht mehr in die Spitäler zu gehen. Tiefer sei dann das Dunkel, wenn sie den Kranken entschwunden, und er fürchte, sie könne selbst erkranken. Nun sandte sie Bücher, las emsig, um die rechte Auswahl zu treffen, und manchmal schrieb sie Tröstungen an den Blattrand. Zu dieser Zeit dichtete Givo Psalmen und Hymnen. Arabella findet die Verse in ihre Tage gestreut und sie singen in ihr durch die Stunden ihrer häuslichen Andachten. Da ist eines »Passi flora«, genannt nach jener Blume, die Spanier fanden, seine Vorfahren als sie in Amerika landeten.

Du rotgetupfter Nektarienkranz, Wie gleichst Du dem blutigen Dornenglanz: Fünf Staubgefäd dem Wundenmal Fruchtknoten dem Kelch, der Griffel dem Pfahl, Die Narben den Nägeln, drei an Zahl, Das Blatt der Lanze geschärfter Qual. Du ranktest Dich auf in liebender Glut, Du Engel der Blumen, aus Gottes Blut.

Immer wieder liehen ihm die gläubigen Sagen seiner Vorväter Gleichnisse. Vom Paradiesvogel erzählte er ihr:

Von einem Vogel sprach mir auch die Ahne, Den sie in Neu-Guinea fliegen sahen: Von Düften lebt er, leuchtend in der Nacht, Fliegt unaufhörlich in des Himmels Wonne, Borgt seine Strahlen vom Geschmeid der Sonne, Aufschwung und Licht, das ob dem Dunkel wacht.

Er hatte ein Leid, aber er nahm es hervor, nur wenn er allein war, abseits dem Hause, das seine Geliebte hielt wie einen lebendigen Balsam. Das Leid war es um der Mutter Wahn. Er sah sie dort in ihrem kalten Haus, unbeweglich erstarrt in ihrem Trotz, fern seinem blühenden Leben.

Wie sollte er Arabella Vorbereiten, daß er für Wochen, Monate nun wieder dort mit der Mutter leben, sie aber nur besuchen würde wie ein Bekannter. Eine Zeit des Jahres gehörte der Mutter ganz, die seiner Freiheit willen all die übrigen Monde opfervoll in Einsamkeit lebte. Er lud Freunde ein, daß Arabella nicht allzu einsam würde ohne ihn. Da war nun auch Frederic Tallandre von seiner Afrikareise heimgekehrt und freute sich, daß Alphi ihn mit seinem dritten Mütterchen, Helene, besuchen würde. Er war scheu gegen Frauen, der junge Gelehrte, er war es immer gewesen und bereute es, eine Ausnahme gemacht zu haben mit der eignen, indem er sich verheiratete. Er hatte seine Frau wie gegen seinen Willen geliebt und nun war fast Groll in ihm gegen die lebendigen Frauen, die sie überlebten. Er war ein wenig wunderlich, aber kindlich gut und einfältig zuweilen. Da war Hettwer, ein junger Aristokrat, der Givo schwärmerisch liebte und dessen Freundin dienen wollte wie ein Page. Aber Vögelchen fühlte seine Gebrechlichkeit, auf die wohl er selbst sich stützte, die anderen aber niemals Halt geben konnte. Dennoch erregte Mitleid ihr eine leise Zärtlichkeit. Sie hätte ihn erwärmen mögen an ihrem Herzen. Ihre Bewunderung aber galt Frau Calou, die zuweilen an Abenden kam, um zu beraten, und mehreren jungen feurigen Menschen, die in Givos Lehre vom wissenden Licht ihre Daseinsform erkannten. Aber da waren auch mehrere, deren Weltauffassung sich nur scheinbar mit der Givos deckte. Sie erhoben den Geist zu ihrem rettenden Gott. Freilich, er sah alles, befehligte alles, aber er thronte oft über dem Dunkel als ein Dünkel und, wiewohl Arabella sein Licht sah, fühlte sie sich diesem Gottesgeist fremd, der sich nur vom eigenen Feuer nährte und selbstsüchtig sich selbst verzehrte. Sie sprach wenig und erhorchte sich viel. Ihr war manches fremd, mit dessen Wissen andere heranwachsen, und von vielem hatte sie Ahnungen, durch die sie das Gehörte auf eigene Art fortspinnen und ausbauen konnte. Eines Abends, nachdem Hettwer und die Schauspielerin Larousse gegangen waren, blieb sie lange traurig. Die Larousse hatte von einem Mädchen gesprochen, das gegen die Behauptung ihres Verlobten ihre Jungfräulichkeit durch einen Arzt hatte nachweisen lassen. Vögelchen war still und nachdenklich, dann als sie allein waren, in Scheu und Scham in sich gekehrt, als Givo sie liebkoste. Eine leise Frage hatte ihm ihre Traurigkeit verständlich gemacht. Es war ihr unbekannt gewesen, daß es solche Jungfräulichkeit gab. Ihre Seele litt Heimweh nach Kindheit, der sie sich entgleiten fühlte. Mit einem Male wußte sie, daß sie Givo reicher hätte beschenken können. Sie fühlte, daß sie ihrem ersten Freunde nachtwandlerisch vergeben, was sie wachend noch nicht besessen, es verloren, ehe sie darum gewußt. Sie wunderte sich, daß Manuel Va nicht strenge abwies. Aber Manuel Givo wußte zu sehr um die Schuld, die jeder einzelne um die des anderen trägt. Er genoß Vögelchens Liebesreife, die Mannsthal gefördert hatte, und er lebte ohne gesetzliche Trauung und dies war ihm eben möglich, weil schon ein anderer es getan hatte. Wer ohne Sünden ist unter euch, der werfe den ersten Stein ... Sie aber war ihm schuldlos, wie Tier und Blume, und wo ihre Seele aufwachte, ward Schönheit und Güte. In ihrer Bewußtheit war nichts sündig, so lange sie mit ihm lebte. Und um die leise Trauer zu heilen, ließ er tagsdarauf die folgenden Verse auf ihrem Tisch zurück:

Mir ist Dein Leib ein lichtes Himmelstor, Durch das ich ströme in mein Paradies, Und wenn kein Engel mich aus seinen Hallen wies Ist's, weil Du selbst bist Metathron im Chor. Aeonin bist Du, doch im Dienen groß, Sieh, Deine Schwingen ruhen mir im Arm. Noch sind sie Dir von weitem Fluge warm, Gebenedeit ist Göttin mir Dein Schoß.

Wie konnte sie einhergehen, anderen Frauen gleich, da ihr Herz in Seligkeit, von den Kräften seiner Anbetung getragen, sie aufhob, daß ihr Fuß kaum die Erde streifte.

* * * * *