Vögelchen

Part 22

Chapter 223,505 wordsPublic domain

Nun kam der Tag, wo Givo ihr sagen mußte, daß er nun mit der Mutter wohnen würde. Mutter, konnte sie es begreifen, war ihr nicht ein leeres Wort, was andere als unantastbares Gut empfanden und ihm so viel noch bedeutete! Als er es ihr sagte, verstand sie vor allem das eine, daß er schon lange der Mutter Beschützer war, an des toten Vaters statt und sie nicht verlassen durfte um der Pflicht willen, die er schon früh getragen. Daß sie Vögelchen ausgeschlossen haben wollte aus diesem Lebenskreis, das faßte sie nicht und es war ihr so fremd und unentwirrbar, daß sie daran in ihrem Denken wie an einen Felsen stieß, den sie umgehen, aber nicht übersteigen konnte. Und Givo wußte, nur ihre Ergebenheit würde es überwinden. Er war ihrer so sicher, er glaubte den kindlichen Geist plötzlich erwachender Auflehnung in ihr schon völlig in Liebe gelöst. Gewiß wäre es das Klügste gewesen, wenn er Arabella veranlaßt hätte, einige Wochen bei Cecile zu verbringen, aber er fürchtete ihr Mißtrauen, daß ihr das Heim wieder genommen sei, indem er freiwillig eine Trennung herbeiführte, während er, wenn sie in St. Cloud blieb, sie täglich besuchen konnte. Frau Givo war nun angekommen. Sie ging auf einen Stock gestützt und hatte allerlei Eigentümlichkeiten angenommen, die sie alt und wunderlich machten. Sie schien nicht mehr die vornehme, herb verborgene Frau. Es war, als ob eine Angst sie jage, und ihre Unruhe teilte sich anderen mit. Zu Givos Erstaunen stieg hinter ihr Zora aus dem Zug. Er erschrak fast über die Schönheit des jungen Mädchens und seine Mutter bemerkte es mit einem Lächeln, das in ihr edles Antlitz einen bösen Zug zeichnete.

»Was sagst du nun zu diesem Kind, ich habe es mitgebracht, daß du es auf den rechten Weg bringst.«

»Ich bin ausgerissen,« sagte Zora.

Als sie im Wagen saßen, erfuhr er, daß Zora, die sich in der Glaubensschule als störendes Element erwiesen, mit Zustimmung der Tante einige Wochen Ferien erwirkt hatte. Givo war es recht, daß Zora mitgekommen war, so konnte er denn in St. Cloud unter dem Vorwand wohnen bleiben, den beiden Frauen genügend Platz in seiner Stadtwohnung zu belassen. Eine seltsame Scheu hielt ihn zurück, Arabella von Zora zu sprechen, auch von der Mutter erzählte er nicht und dieser niemals von Arabella. Er lebte während dieser Wochen zwei vor einander verborgene Leben. Er stand zwischen zwei Notwendigkeiten und, daß er sie nicht vereinen konnte, ließ ihn selbst oft minutenlang außerhalb, als einen, der sich selbst sieht und abwartet. Aber er fühlte, daß diese Zwiespältigkeit nicht andauern konnte, sie war zu sehr seinem Wesen fremd und verächtlich.

Zora hatte begonnen bei dem berühmten Geigenkünstler Mabese Stunden zu nehmen und Frau Givo sah sich vor einem neuen Konflikt. Die Rückkehr in die Glaubensschule schien ihr auch aus anderen Gründen nicht ratsam. Sie fürchtete, Zora könne sich dort durch ihre Heftigkeit neuerdings unmöglich machen und vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft befleckt sein. Dann aber würde eine Ehe mit dem Sohn ausgeschlossen sein. Ihr Talent könnte immerhin die Möglichkeit bieten sie teilweise von der Schule zu befreien. Der Name Uhari war einer der besten unter den Schauenden. Aber gerade deshalb sollte Zora ihn nicht gefährden. Die Bitternis um Manuel hatte sie schlau gemacht und nachgiebig, wenn es galt, dem Ziele näher zu kommen. Sie hoffte schließlich, den Sohn für Zora zu gewinnen. Und Zora war ja hilflos ohne sie, denn Zora liebte das Wohlleben und den Luxus, obwohl ihr Vater Enthaltsamkeit gepredigt hatte, und sie gab ihr darin nach, gewöhnte sie an das Teuerste, nur um sie ganz in der Hand zu haben. Den tieferen Sinn der Lehre beachtete Frau Givo nicht mehr. Ihr galt einzig, ihren Willen, der ihr zum Wahn geworden war, durchzusetzen. Sie rechnete und berechnete. Mochte Manuel die Nächte mit dem fremden Mädchen verbringen, mochte er es verzehren in Liebe, um so rascher würde er frei werden für Zora. Sie täuschte sich: Manuels Leben mit Arabella war die edelste Erfüllung dessen, was seine Lehre unter Geschlechtsgemeinschaft versteht, es war ihm jenes Untrennbare, das keines äußeren Bandes bedarf, die erdenhafte Verschmelzung, aus der die göttliche Flamme schlug, das Licht über seinem Wandel, das nichts Irdisches zerstören, nichts Himmlisches verdunkeln konnte. Mochte sein Gehen und Stehen von ihr getrennt sein, ihr Einssein blieb unlöslich.

Aber zu dieser Zeit geschah es, daß Arabella zu Givo in die Sternwarte kam, was lange nicht geschehen war, um ihm Ceciles Ankunft zu melden, die ihres Leidens wegen zu ihrem Pariser Arzt gekommen war. »Es ist eine Dame bei Herrn Givo,« sagte der Diener mit verschwiegenem Lächeln. Arabella hörte Zoras Lachen. Sie wartete eine Weile, aber es war irgend peinlich wie lauschend an der Türe zu stehen, während bittere Gedanken kamen, die sie nicht bannen konnte: Wer ist sie? Sie ist jung und lustig. Es duftet hier nach Parfüm. Warum sprach er nicht von ihr? Kann ich nicht immer eintreten zu ihm? Ist es nicht häßlich, wenn ich nicht sorglos ihn begrüße? Niemals war ihr Mißtrauen gekommen und, überdachte sie es, so gönnte sie ihn anderen Frauen. Aber nun stand sie und etwas machte ihr angst und kalt. Sie wußte es gleich, sie liebte nicht die da drinnen und gleich verurteilte sie es, einer Fremden, von der sie nichts wußte, übel zu wollen. Weil es sich aber nicht begründen ließ, weil sie nicht Beweise hatte für ihr abweisendes Gefühl, lag wohl ein Grund vor, ein geheimer Sinn, dem sie Glauben schenkte. Plötzlich ging die Tür auf und Givo trat heraus. Er wurde -- er selbst spürte es mit Schrecken -- bleich. War es Vögelchens Gefühl, das sich ihm mitteilte, war es der ganze Zusammenhang, der Umstand, daß er nie über Zora gesprochen, die zufällig gekommen war, mit einer Bestellung seiner Mutter, ebenso zufällig wie Arabella? Aber Givo sah sich plötzlich umstellt, verfolgt in seiner Arbeitzelle oder er täuschte sich unbewußt dies vor, um nicht sein wirkliches Gefühl der Scham über sein doppeltes Leben zu empfinden, da er, der immer gerade Wege ging und für alles Tun einstand, vor diesem Wesen, das ihm vertraute, scheinbar ein Geheimnis hatte. Er wußte, dies war nichts als der flüchtige Besuch eines Mädchens, mit dem er in heiterem und zugleich feindlichem Einverständnis stand, aber er sah es, wie Arabella es sehen mochte, als eine heimliche Zusammenkunft und vielleicht nur eine von vielen. Sie wollte sprechen, aber die Scheu, die sie zuweilen empfand, war so groß, daß sie kein Wort hervorbrachte. »Ich kann jetzt nicht mit dir gehen, es ist jemand bei mir. Willst du mich irgendwo erwarten? Wir können dann eine Weile zusammen bleiben.«

»Eine Weile?« fragte sie. »Und jetzt?«

»Jetzt ist ein Mädchen da, das mir meine Mutter mit einem Brief geschickt hat. Ich kann es nicht rasch fortschicken, ohne es zu kränken.«

Vögelchen wollte ihn bitten: schicke _sie_ fort, _sie_, nicht mich. Aber sie brachte es nicht über die starren Lippen. Sie nickte nur und ging die Stiegen hinab. Die Kniee zitterten ihr. »Wo sehe ich dich?« rief er ihr nach.

»Cecile ist hier,« sagte sie von unten mit mühsamer Stimme. Dann ging sie. Er blieb stehen, seine Füße waren bleischwer. Hinter ihm stand Zora. »War sie das?« fragte sie und ihre mandelförmigen Augen leuchteten.

»Wer denn? Ach, ihr Frauen, ihr Neugierigen,« sagte er. Als Zora gegangen war, stand unten an der Tür Arabella. Sie hatte den Schleier über ihr Antlitz gesenkt, aber Zora wußte: das ist sie. Und Zora schritt sorglos weiter, hob ein wenig trotzig den Kopf, als sie an ihr vorüberkam, und Arabella schien es, als kräusle ein Lächeln ihren Mund. Ein kleiner Funken knisterte zwischen ihnen: Feindschaft.

Als Manuel nach St. Cloud kam, fand es sich, daß Arabella mit Cecile zur Bahn gefahren war. Er hatte zwar eine Verabredung mit seiner Mutter, aber nun hatte ihn Unruhe und Sehnsucht befallen, sie an sein Herz zu drücken. War es möglich, daß sie etwa, ohne ein Wort zu hinterlassen, weggefahren war? Welcher Teufel hatte ihn gejagt, nicht das, was ihm das Wertvollere und das Natürlichere war, zu tun? Er quälte sich. Warum hatte er sie, nicht Zora weggeschickt!

Vögelchen kam spät nach Hause. »Allein bist du den einsamen Weg gegangen?« sagte er und nahm sie in die Arme wie eine Mutter ihr Kind. Er war so froh, daß sie zurückgekommen war. Da weinte sie, weinte all ihre unausgesprochene Angst um jenes Leben, in dem er war abseits von ihr, in einer fremden Welt, die ihr feind war.

Flucht

Der Mai, mit seinem Zustrom von Fremden, war Givo nicht lieb in Paris. Die Stadt schien ihm da von ihrer vielfältigen Wirklichkeit zu einer Stätte wahnvoller Lustbarkeit gewandelt. Er aber kannte die Kehrseite, das Elend, die nachbetende Verlogenheit, die die Prostitution verherrlichte, all die geistige Verlotterung und die Eintagsfreude des Luxus. Die Regsamkeit der Menschen drängte ihnen nach in ihre Zurückgezogenheit. Sie riefen die Menschen nicht zu sich, aber ihr Helfen rief sie: wer unberaten, bedrückt, bedrängt oder begeistert war, sehnte sich in ihre Nähe. Künstler verlangten die Weihe ihres Verständnisses, täglich liefen Briefe und Bücher ein, Bilder wurden vor ihnen aufgerollt, sie mußten in Ateliers klettern, uneheliche Kinder aus der Taufe heben, Kranke besuchen, die nach ihnen riefen, Streitigkeiten von Liebespaaren, Diskussionen über geistige Uneinigkeiten, seelische Rechtsbrüche wurden von ihnen abgehandelt. Wiewohl es nicht unbekannt war, daß Givo einen großen Teil seines väterlichen Erbteiles für wohltätige und wissenschaftliche Zwecke verbraucht hatte, hielt man ihn für genügend reich immer noch helfen zu können. Die Mannsthal-Aktien waren sehr gestiegen. Adalbert hatte Vögelchen ein großes Vermögen angelegt. Givo wollte nicht ärmer werden, um nicht in die Lage zu kommen, aus diesem Gelde Nutzen zu ziehen. Und vor allem sehnte er sich nach Abgeschlossenheit, um neue Kräfte zu sammeln. Givo wollte die Haustüre sperren, einen Zettel hinaushängen und darauf schreiben: »Hier wird gearbeitet, man bittet um ein wenig Ruhe.« Aber da blickten die Freunde durch die Hecke am Gartengitter und riefen: »Ach, ihr spaziert ja eben herum, da kommen wir nur auf fünf Minuten.« Oder Givo bringt selbst einen Verstörten, den Arabella aufrichten soll. Sie fühlen eines Tages, daß die Freunde ihre Feinde sind, daß ihnen der Fremde, der auf der Straße vorbeigeht, mehr Freund ist, weil er ihnen nicht von ihrem Leben nimmt, wie man Äpfel vom Baum bricht. Und sie fühlen auch, daß sie ärmer werden an ihnen, weil diese mit der Gewaltsamkeit des eigenen Wichtignehmens ihre Existenz in die ihre drängen und ihnen den eigenen Atem rauben. Sie haben keine Einkehr mehr mit sich selbst. Der Traum ist ihnen verscheucht, selbst aus dem Schlaf, der sie so bleiern anfällt, daß sie sich nur leise mehr durch ihn spüren und nur selten mehr die Frische haben, sich einander hinzugeben. Vögelchen wird blaß und müde und eines Tages läßt sie die Koffer herbeischaffen und Givo findet alles vorbereitet zu einer Reise.

Er wollte gern mit Arabella noch einige Tage nach Chaly, reine Luft zu trinken. Der Arzt aber hatte Cecile auf eindringlichstes Fragen eine schlechte Prognose gestellt; keine Hoffnung auf Genesung. Sie hatte es geahnt, aber nun befiel es sie wie Grauen über sich selbst, beinahe Verächtlichkeit war es für den hinsiechenden Körper. Zählte sie noch mit, konnte sie noch auf Menschen wirken, da sie nicht mehr ganz zu den Lebendigen gehörte? Gab es nicht etwas zu tun, das der Menschheit nützlich sein konnte und das nur einer vollbringen mochte, der ein Leben zu opfern hat! Sie wollte ihr Augenmerk auf nützliche Taten lenken, deren Folgen andere zu fürchten hatten. Aber noch war ihr der Gedanke zu neu eine Sterbende zu sein. Sie mußte allein sein mit diesem Übergang und keiner, dem sie lieb war, sollte den Urteilsspruch des Arztes erfahren oder erraten. So schrieb sie Givo, er möge den Besuch verschieben. Gleichzeitig aber erhielt dieser einen Brief von Mannsthal, er sei im Begriff zu verreisen, er wolle vermögensrechtlicher Angelegenheiten wegen, auch um Vögelchens Freiheit zu schützen, deren vorzeitige Großjährigkeit erwirken. Angele würde sich freuen, ihn und Arabella während dieser Zeit bei sich zu sehen. Sie würde auch Vermittlerin sein in einer Angelegenheit, die er gern bereinigt sähe. Arabella machte sich bereit, Givo nach Quesnon zu begleiten, wo sie mehrere Tage verbringen wollten. Da kam Helene mit Alphi und Manuel reiste allein.

Er fand Angele verändert, mütterlich froh und gerundet, verjüngt und gereift zugleich. Sie war unablässig bemüht um das Kind. Es war schwächlich und sie hatte deshalb mit Adalbert beschlossen im Süden sich anzusiedeln. Bevor sie aber Nordfrankreich verließen, wollte Mannsthal gern Arabellas Zukunft gesichert sehen und das quälende Bewußtsein der Vergangenheit völlig überwinden. Er, Givo, wäre wohl großzügig genug, um Mannsthal nicht das Recht zu schmälern, Vögelchen zu beschützen, solange kein anderer diese Rolle dauernd übernahm. Es bedrücke ihn, daß Givo Arabella bislang nicht zur Frau begehrt, obwohl er ihre Seelenreinheit erkannt habe. Mannsthal habe geschwiegen, weil seine Lage Vögelchen gegenüber eine außergewöhnliche sei und er selbst scheinbar deren Anspruch auf Rechtmäßigkeit verwirkt habe. Sie aber, die Freundin und Frau, der es gelungen, den Dämon aus Adalberts Leben zu bannen, sie bäte Givo flehentlich gerade um dieser Umstände willen, nicht zu zwangloser und unsicherer Beziehung die Sachlage auszunützen. Sie kenne seine losen Verbindungen mit Frauen, als des Mädchens Stiefmutter bäte sie um Bescheid. Givo ward in den Grundfesten seines Wesens erschüttert, als er die Freundin solchermaßen sanft und eindringlich sprechen hörte. Die Einstellung war falsch. Niemand wollte wie er Vögelchens glückliche Geborgenheit. Aber Angele hatte recht, das durfte er nicht, wie er es bisher stillschweigend getan, jenes Mannes Unrecht nützen. Während Angele gesprochen, wußte er es mit einem Male, er handelte schlecht an Vögelchen. Er dachte ja nicht daran sie zu verlassen und ihre Liebe war groß genug sich in außergewöhnliche Verhältnisse zu fügen. Seiner Glaubenslehre war die freie eheliche Verbindung gemäß, nicht zwanglose Leichtfertigkeit lenkte ihn und Scheu sich für alle Zukunft zu entscheiden. Aber er sah sich gehemmt Frauen gegenüber frei zu handeln und was aussah wie Libertinage, war in Wahrheit Zwang. Was ihn erschütterte, war, daß er sich greller bewußt ward, daß seine Mutter, indem sie seine Lehre, die mit überzeugtem Handeln so enge zusammenhing, schützen wollte, ihn zu zweifelhaften Kompromissen verurteilte. Seine Männlichkeit, seine Ehrlichkeit sträubte sich gegen gebundene Hände. Wohin er sah, es war nicht Freiheit mehr um ihn. Wie aber sollte er wirken ohne sie? Er verabschiedete sich von Angele, es drängte ihn mit seiner Mutter zu sprechen. Nach Paris zurückgekehrt suchte er sie gleich auf. Er fand sie lesend, Zora übte im Nebenzimmer eine schwierige Sonate. Jenseits der Seine waren Türme und Dächer in das Rot der untergehenden Sonne getaucht, der Fluß, dessen Lauf man von den Fenstern aus verfolgen konnte, hatte etwas feierlich Hinschwebendes.

»Ich möchte mit dir sprechen, Mutter.« Frau Givo erbleichte. Sie fühlte das Außerordentliche des Augenblickes.

»Was wünschest du?« fragte sie.

»Ich will nun dieses Mädchen zu meiner Frau machen.« Die Frau mit dem wachsgelben Gesicht sah starr auf den Mund, der das Gefürchtete ausgesprochen, sie blieb still, aber es war nur der Augenblick, währenddessen die Keule ausholt, ihren wuchtigsten Schlag zu tun. Sie sagte langsam mit unendlichem Hohn:

»Die Geliebte ihres Vaters?!«

Wie stand es mit der Lüge, konnte er nicht Entsetzen über Verleumdung heucheln? Der Schlag brannte. Erst als seine Betäubung schwand, konnte er erwidern: »Wer hat dir diese Ungeheuerlichkeit hinterbracht?« Nun wurde Frau Givo gesprächig. Gleich, als sie angekommen waren, hätte sich eine Person gemeldet, die geschickt worden sei, ihn, Givo, nach der Adresse des Fräuleins Mannsthal zu fragen. Es handelte sich um die Übermittlung einer Todesnachricht. Sie sei dann mit diesem Mädchen ins Gespräch gekommen und habe so die sauberen Dinge erfahren, die dieses von dem Kammerdiener Mannsthals und von jenem Toten wußte. Sie habe auch von diesem ein Andenken mitgebracht mit dem Ersuchen, es dieser Mannsthal zukommen zu lassen. Frau Givo holte aus einer Lade ein Kuvert hervor, in dem ein Zettel lag. Manuel las:

_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur._

Ein himmelblauer Enzian war aus dem Zettelchen gefallen. Er war nicht vergilbt und wie ein unschuldvolles Auge aus einer reinen, fernen Bergwelt sah er in die Schwüle dieser Stunde. Givo sagte: »Von diesem Unglücklichen ist es, dessen Tod ihr verheimlicht wurde.« Er las die Worte laut. »Verstehst du das? Er hatte es wohl aus meiner Schrift, gegen die er polemisierte. Verstehst du es, Mutter?«

»Und wenn ich es verstünde, ich will es hier nicht bestehen lassen. Um der Sünde willen, die an ihr begangen wurde und die sie selbst, wie es heißt, nicht von sich wies. Ich sage nein und nicht um der Liebe willen, in der sie leben mag, sagte ich jemals ja. Sie ist und bleibt eine Fremde.« Und kraftvoll, daß im Nebenzimmer das Geigenspiel zerbrach, sprach sie: »Wisse es, Manuel: Nur über meine Leiche geht dein Weg in diese Ehe.« Da packte Givo ein heiliger Zorn.

»Das ist Lästerung!« rief er und er, der Sanfte, warf den Stuhl, den seine Hände umklammert hielten, zu Boden. Er nahm seinen Hut und eilte hinweg.

Einige Tage später verließ er mit Arabella Paris. Der Mutter schrieb er, daß er sie wiedersehen würde, wenn sie, von ihrem Wahn geheilt, die entsetzliche Weigerung einstellen würde. Er wollte nicht zum Verbrecher werden an der Ehrfurcht, die er ihr zolle, und nicht zum unglückseligen Schurken an einem Wesen, das er liebe wie seinen Glauben. Angele bat er Mannsthal zu vermitteln, daß es über seine Kraft ginge, Arabella zurzeit seinen Namen zu geben. Es gäbe Verwicklungen, die jenseits der üblichen Lebenswege sich nicht in gewaltsamer Entwirrung lösten. Er könne nur wiederholen, daß sie ihm teurer sei als sein Leben und ihrer Liebe so sicher wie der eigenen.

Vögelchen erfuhr nichts von den Verhandlungen. Sie war glücklich nun des Geliebten Nähe, losgelöst von allen Beziehungen, zu genießen. Sorglos hingegeben fragte sie nicht nach Gesetzen und Verträgen.

Es kommt eine Zeit, in der die Freunde nichts hören von Manuel und Arabella. Sie wohnen im Garten des Glückes und der hat seine Tore geschlossen und läßt niemanden ein. Sie hausen hinter Mauern, über die bunte Blumen sich chaotisch ranken und hinter ihnen im Paradies der Landschaft sprießen sie selbst ineinander, durchweben, durchranken, durchsonnen sich. Einmal nachts ist ihre Umarmung so vollkommen, daß sie der Frucht dieser Stunde gewiß sind. Da kommt am folgenden Tag eine Depesche von Zora, die der Mutter lebensgefährliche Erkrankung meldet und schleunige Abreise empfiehlt. Auf ihr Blühen fällt Frost. Sie raffen sich schwer auf und ziehen gegen Norden. Er will gern Arabella zu Cecile schicken für diese düstere Zeit, die aber ist krank. So muß er sie mitführen in das Fremdland, das seiner Mutter Krankenlager umgibt. Ein Schlaganfall hat in der Stunde ihrer innigsten Vereinigung das Leben Lea Givos bedroht. Es war, als hätten Tod und Zeugung hier geheimnisvollen Zusammenhang.

Cecile führt ihren Plan aus

Das Asyl hatte nur wenige Zöglinge mehr aufgenommen, seitdem Cecile ihre Helferinnen verloren hatte. Clothilde war Krankenpflegerin geworden, Anna leitete in Felix Blancs Lungenheilstätte den wirtschaftlichen Betrieb. Helene war in ihrem Heim beschäftigt. Die Behörden von Chaly wurden überdies von Jahr zu Jahr unduldsamer gegen das Asyl. Cecile verlängerte den Pachtvertrag nicht mehr, als er abgelaufen war. Es gelang ihr mit Hilfe ihrer Schwester das Häuschen Givos in St. Cloud einzurichten und darin die Schützlinge unterzubringen. In Paris gewann sie leichter Hilfe und im Notfall Ersatz für sich selbst.

Besonders lieb war es ihr, daß sie sich von Gaston Lantrec, der nun die Hochschule besuchen sollte, nicht zu trennen brauchte. Dieser junge Mensch fürchtete sich vor dem Gespenst jenes Mordes, das ihm nun oft und oft erschien. Ein Besuch bei dem Vater im Gefangenenhaus hatte ihn in tiefste Schwermut gestürzt und Cecile wußte es, sein brennendster Wunsch war alles aufzubieten, des Vaters Begnadigung herbeizuführen. Er wollte unmäßig viel Geld verdienen, Stunden geben, Erfindungen machen, den besten Verteidiger zu bezahlen, daß der alte Prozeß wieder aufgenommen würde. Nachdem Cecile das Heim in St. Cloud eingerichtet hatte, löschte sie ihren Namen aus der Leitung. Sie fühlte sich sehr müde. Man riet ihr zu Kuren und Reisen, aber sie wußte Bescheid, es half ja nur zu einer Galgenfrist. Eines Tages gab sie Gaston einen Brief, er möge ihn heimlich dem Vater zustecken. Bald darauf erkrankte sie ernstlich, sie begab sich in Spitalspflege und starb nach wenigen Wochen. Gaston war bei ihr in den letzten Stunden. Ninidh mit der weißen Hand drückte ihr die Augen zu. Unter ihren Papieren fand sich ein Brief, der für das Gericht bestimmt war. Sie teilte darin mit, daß sie vor sechzehn Jahren aus Eifersucht Frau X. erschossen habe, weil diese die Geliebte des Bildhauers Lantrec, ihres heimlich Verlobten, gewesen sei. Der Mann habe die Schuld auf sich genommen und ihr das Gelübde abgerungen zu schweigen. Nun aber brachte sie die Wahrheit an den Tag. Der Tod löse ihre schweigenden Lippen. Sie testierte eine größere Summe für die Kosten des neuen Prozesses und für Gefangenenfürsorge. In einem Brief an Givo bat sie ihn, Gaston in seinen Bemühungen zu unterstützen. Man solle nicht versuchen sie für die Öffentlichkeit reinzuwaschen. Sie hoffte, daß ihr Leben ein solches gewesen, daß ihre Freunde, was immer sie auch in Leidenschaft getan habe, sich ihrer nicht zu schämen brauchten. Hector Lantrecs Prozeß wurde wieder aufgenommen. Zwei Monate nach Ceciles Tod wurde er aus dem Gefängnis entlassen.

Das dritte Mütterchen