Vögelchen

Part 20

Chapter 203,845 wordsPublic domain

»Das dachtest du, Gaston? Wolltest mir wohl Gute Nacht sagen?« fragte Celia mit Milde. »Ein anderes Mal stürm' nicht so, Gaston.« Er küßte ihre Hand, vor Givo verneigte er sich und ging.

»Eifersucht,« sagte Celia lächelnd. »Ich nenne ihn Nemidh mit der reinen Hand. Kennst du die Legende von der heiligen Brigitta, die einen jungen eleganten Kleriker zur Bescheidenheit bekehrt und ihm verheißt, daß er ihr die letzte Ölung spenden werde. Er hütete sich die Hand zu verunreinigen, die einst seiner Heiligen das Salböl reichen sollte, daher erhielt er diesen Namen »Nemidh«.«

»Ich fürchte, er ist ganz weltlich in dich verliebt,« sagte Givo lachend.

»Sein Vater, der Bildhauer, ist im Zuchthause,« sagte sie. »Man hat ihn verurteilt, weil er angeblich seine eigene Geliebte getötet. Ich war zu jener Zeit mit ihm verlobt. Gaston weiß das. Begreifst du, daß seine kindische Liebe mir heilig ist, daß ich diesen Unglücklichen niemals kränken werde!«

»Oh, du liebe Gute,« sagte Givo und freute sich, daß Celias Hand die seine warm umfing, dem alten Bund zur Bekräftigung.

Zora Uhari

Ein Wagen hielt vor Frau Givos Haus. Ein junges Mädchen sprang ab, schlug den Reiseschleier zurück, lugte durch das Gartengitter und setzte die Türklingel in Bewegung. Oben schreckte die alte Magd auf. Die Herrin schlief. Minka sah über den Balkon hinab, sah das Gefährte, von dem der Kutscher eben Koffer und Schachteln abräumte. »Gott sei gelobt, der junge Herr!« Aber als sie unten mit dem Gärtner zusammenstieß und der Gast eben in den Garten trat, sah sie, daß es Zora Uhari war, Zora, die sie als kleines Mädchen gekannt. Wie groß war sie geworden, wie schön! Zora umarmte die alte Minka und drehte sie im Kreise umher.

»Ach, ich bin froh, bei euch zu sein; schläft die Tante?«

Die Alte hatte mit glücklichem Erschrecken des jungen Mädchens Ungestüm abgewehrt. Schläft und ist krank, sehr krank, böse Zeiten. Gut, daß du gekommen bist! Oder muß ich schon Fräulein sagen?

»Versteht sich,« sagte Zora. »Aber sag doch, was ist's mit Tante? Ja, das ist ja schrecklich, Minka,« und leise flüsterte sie der Alten hinter die Haube. »Ich bin um zwei Tage früher abgefahren. Die Vorsteherin wollte, daß ich auf Begleitung warte. Da wird Tante nun am Ende noch böser sein!«

»Nein, nein, gut, daß du da bist. Wir erwarten auch den jungen Herrn und er kommt nicht. Sie spricht ganz irre. Eine böse Zeit, eine böse Zeit!«

Minka hatte Zora in das Zimmer geführt, das für sie vorbereitet war. Die legte nun Hut und Mantel ab. Man sah es ihr an, es fiel ihr schwer sich der drückenden Atmosphäre anzupassen. Sie hatte sich ihrer Freiheit gefreut. »Also sprich doch, was ist geschehen? Oder soll ich's nicht wissen? Gehör ich denn nicht zu euch?«

»Ja, Zorachen, das ist es ja, das ist es ja,« sagte die Alte geheimnisvoll.

»Minka, ich zwicke dich, wenn du nicht endlich 'rausrückst. Ich verkomme ja vor Angst und Neugierde.«

»Ein Brief ist gekommen.«

»Von wem?«

»Vom Manuel, er will heiraten. Nicht dich, Zorachen, keine von euch, eine Fremde! Und da liegt die Frau wie lahm, ißt kaum und horcht nur, ob er nicht schon kommt und wieder zurücknimmt, was er geschrieben hat. Leg dich hin, Kind, und ruh dich aus. Bist ja so weit hergekommen. Ich will wieder zu ihr, wachen.«

»Bleib weg,« sagte Zora. »Ich wasch mich nur, dann löse ich dich ab. Ich will sie schon beruhigen.«

»Vielleicht erschrickt sie, wenn sie dich so plötzlich sieht.« Die alte Frau trippelte zur Tür und sah leise ins Zimmer, in dem die Herrin schlief. »Sie schläft fest, der Brief liegt neben ihr. Ich kann nicht lesen. Was wohl alles drinnen steht!«

»Geh schlafen,« sagte Zora. »Ich bleibe bei ihr und rufe nach dir, wenn sie dich braucht.« Sie schob sanft und kräftig zugleich die Dienerin hinaus. Leise trat sie ins Gemach, in dem nur ein gelbliches Nachtlicht brannte. Die Tante lag da, wie steinern war ihr Gesicht, es sah nicht mehr gütig aus, wie Zora als Kind es ehemals kannte. Sie setzte sich in den Stuhl, den die Alte verlassen. Einen Augenblick griff dies alles nach ihr wie ein Traum, der Abschied vom Pensionat, den sie gewaltsam erzwungen, die Tränen ihrer Freundin, der Rosenstrauß des jungen Musikprofessors, dann die Reise, die zu ihrem Leidwesen ganz uninteressant verlaufen war. Die Hand der Tante hielt einen Brief. Sie erkannte Givos eigenartige Schrift. Der eine Teil des Blattes war herabgebogen. Was Zora im schwachen Licht der Nachtlampe lesen konnte, lautete: ».... unmöglich abkommen, dann aber kann ich Monate bleiben. Aber wie soll ich vor dich hintreten mit leeren Händen? Ich kann nicht widerrufen, was ich sagte. Ich habe dies Kind in mein Herz geschlossen und es hat vielleicht niemanden auf Erden als mich. Vernichtung bedeutete es, verließe ich es, indes ich die Frau nicht kenne, die du mir gewählt hättest. Wäre dein Herz nicht vor allem das einer Mutter, imstande die Qual, die der Sohn ihm schuf, um seiner tieferen Pflicht willen zu verwinden? Lasse ruhiger werden den Widerstreit, denn ich will kommen, ihn ganz zu besänftigen. Oh, kenntest du sie, ihr Antlitz zart wie ein fernes Bild, über das noch ein Schleier sich breitet, nur die Augen durchdringen ihn mit himmlischer Klarheit --« Zora Uhari lächelte. Wie er sie liebt, die Fremde, das hätte sie ihm gar nicht zugemutet, dem Heiligen! Sie war verliebt in Givo, obwohl sie immer trotzig gegen ihn gewesen, aber nun hatte ihr ja der junge Geiger einen Rosenstrauß zum Abschied geschenkt und ihr heimlich geraten, sie sollte sich für Musik ausbilden. Der herrschte nun an erster Stelle. Daß die Tante sie mit Manuel verheiraten wollte, das wußte sie aus untrüglichen Zeichen, aber sie hatte das niemals ernst genommen. Vor allem war sie gewiß, daß sie mit ihrem Trotz Givos Zutrauen verscherzt hatte, und er wußte es ja als der Einzige, daß sie sich nicht freudig der geheimen Gemeinschaft einordnete, der ihre Eltern zum Opfer gefallen waren. Sie schämte sich der frommen Umständlichkeiten aus einer tiefen Keuschheit und Herbheit der Seele. Sich sichtbar zu Abseitigem bekennen, erschien ihr wie eine Entblößung heiligster Gefühle. War nicht Heirat auch das offene Eingeständnis des Beischlafes, der Schwangerschaft, das Kind die schamlose Schaustellung seines Vollzuges? Zora Uhari war wissend und wach, sie war nicht naiv und rein im Denken, aber ihr Gefühl hüllte sich vor dem eigenen Wissen in den Mantel der Keuschheit. Nein, Manuel brauchte nichts von ihrer Seite zu fürchten. Sie selbst würde seine Verbündete sein im Kampfe gegen die Mutter. Er sollte nur sehen, wie klug sie war und wie treu, wenn er sie auch noch für ein dummes Kind hielt, sie, die eine geheime Freundschaft mit einem Musiker hatte, der schon einmal in Genf öffentlich konzertiert hatte. Nein, sie wollte nicht heiraten und auch nur ein Jahr in der Glaubensschule bleiben, dann würde auch sie sich ganz dem Geigenspiel widmen. Viel Geld würde sie verdienen und niemandem gehorchen in der Welt als ihrer Kunst. Daß sie eine Waise war und es immer gewußt, das hatte sie stark gemacht und auf sich gestellt. Sie trat auf den Balkon, horchte auf das Plätschern der Alster. Ein süßes Gefühl der Freiheit strömte durch ihre Glieder, ihre jungen starken Muskeln dehnten sich wohlig. Vor ihr lag das Leben weit beschiffbar wie das Meer, das sie in einer Brise grüßte. Es war nichts Rätselvolles, was sie mit dem Atem der Freiheit einsog, nichts Ängstliches, und sie spürte auch das, daß es nichts Geheimnisvolles für sie gab. Die Tante quälte sich, arme eigensinnige Frau, dachte sie, aber sie fühlte ihre eigenen Wünsche viel zu stark, um eines anderen Leid in eigenes zu verwandeln. Minkas Stimme weckte sie aus ihrem Denken.

»Zora ist angekommen, euer Gnaden, Zorachen. Wo ist sie nun?«

Zora trat ein und küßte die Tante.

Ein Ende und ein Anbeginn

Es war Jeanne Cochard, Konrads Tischgenossin, gelungen Heimarbeit zu bekommen. Nun konnte sie den Kleinen und sich ernähren. Sie bot Konrad um geringes Geld einen guten Mittagstisch. So nahm er denn von Frau Calou dankenden Abschied und entschwand ihrem Kreise. Die Arbeit für Tallandre ging ihrem Ende entgegen. Sein deutscher Verleger lud ihn zu mündlicher Aussprache und versprach einen schönen Vorschuß für seinen Heiligen Bernhard. Er hatte sparsam gelebt: das Honorar für die Übersetzung und für das neue Werk würden für Heimreise und ein halbes Jahr Lebensunterhalt reichen. Dann würde man weiter sehen. Von Arabella hatte er einen Brief bekommen, der bedeutete Abschied: »Es freut mich, lieber Konrad, daß es Ihnen wieder gut geht. Ich glaube, es ist ganz richtig, wenn Sie in die Heimat zurückfahren. Ich kann nicht mit Ihnen, weil mich nichts abzieht von hier, wo ich gern bin. Ein Mensch wacht über mich, der ist mir gut und ich habe nur einen Gedanken, ihm wert zu sein und seine Nähe zu verdienen. Sagen Sie der Frau, die Sie meine Mutter nennen, falls es wahr ist, daß sie nach mir verlangt, ich fürchte, wir sind einander fremd und ich möchte nicht fort von hier. Warum hat sie mir niemals geschrieben? Sie hätte Wege gefunden wie Sie, auch wenn man sie gehindert hätte. Nun bin ich nicht mehr das ängstliche Kind, das sich nach ihr sehnte und sich schämt allein zu sein. Vielleicht war sie es, nach der ich manchmal weinte in all meiner Unwissenheit. Jetzt habe ich es verwunden und sie würde mich mit einer plötzlichen Liebe erschrecken. Haben Sie Dank für die Sorgen um mich und fahren Sie nun ruhig zurück. Ich bin nicht Ariel, ich bin nur ein dummes Mädchen, das Ihnen seltsam erschienen ist, weil niemand es in seinen Träumen und Ängsten gestört hatte. Aber auch das ist vorbei. Es soll jetzt ein neues Leben werden. Auch für Sie, Herr Prediger. Darum nichts mehr von unseren Narrheiten!

In Freundschaft Ihre

Arabella.«

Er las ihn oft und oft diesen Brief und, wenn er den Kopf in die Hand stützte und seine Augen feucht wurden, fuhr ihm Jeanne Cochard durchs Haar und scherzte ihm den Kummer hinweg. Wurde er dann zärtlich, so hielt sie seine Hände fest und in ihren Augen war ein Flehen. Sie fürchtete sich vor Männerliebe. Es kam ein Tag, da blieb Konrad aus. Zu Mittag wartete sie hilflos, dann noch einen weiteren Tag, schließlich ging sie zu seiner Vermieterin. Sie erfuhr, daß er sich elend gefühlt und fortgegangen sei, ohne seither wiedergekommen zu sein. Dann wäre ein Bursche da gewesen und hätte etwas Wäsche für ihn abgeholt. Jeanne fühlte, wie eine eiserne Hand ihr Herz zusammenkrampfte. Sie schüttelte den Kopf mit dem aschblonden Haar, das Konrad so gern hatte. Sie wußte nichts von Marguerite. Sie ging Frau Calous Rat erbitten. »Ich gebe Ihnen Nachricht,« versprach diese. Sie schickte zu Marguerite, die verweigerte die Auskunft, aber der Kundschafter erfuhr von der Hausmeisterin, daß Konrad bei ihr sei und im Fieber läge. Frau Calou hatte Mitleid mit Jeanne, sie ahnte den Sachverhalt: Konrad war krank und glaubte Ursache zu haben sich dessen zu schämen. Er hatte sich zu Marguerite geschleppt, der alles Menschliche menschlich war. Sie pflegte ihn ohne viel zu fragen und sie, die ihn geschlagen, wenn sie in Zorn geriet, war nun sanft und gut, weil er bedauernswert war und einen Makel trug. Nun war er ihresgleichen. Was sollte nun Frau Calou Jeanne antworten? Sie vertröstete sie. Aber wenige Tage später ging sie selbst zu Marguerite, da hieß es, Konrad wäre im Spital. Es wäre ein böser Fall. »Dieses schmutzige Tier,« fluchte Marguerite: »Er hat es sich auf der Reise geholt.« Frau Calou schickte Jeanne ins Spital, aber als diese nach Konrad fragte, führte die diensthabende Nonne sie an die Schwelle der Totenkapelle und mit weinseliger Stimme erzählte sie. Der Arzt hatte wenig Hoffnung auf eine baldige und völlige Genesung gegeben und als das Fieber gestiegen, hätte der Ärmste sich des Nachts draußen im Waschraum erhängt. Schwester Philiberte hatte Nachtdienst gehabt, da konnte eben dergleichen geschehen. Die ängstliche Jeanne trat nicht ein in die Kapelle, sie fragte auch nicht nach Konrads Krankheit. Eine andere Frau kam und schob sie gleichgültig beiseite. Es war Marguerite, die einen Kranz brachte. Jeanne ging nach Hause, wo sie der Kleine erwartete. Währenddem sie ihm den Brei kochte, tropften die Tränen über ihre blassen Wangen in das Gefäß. Der Junge sah es und er fürchtete sich vor dem seltsamen Salz, das ihm die Mutter in die Speise träufelte. »Wo ist Herr Konrad?« fragte er. Da weinte sie laut auf. Die Milch lief zischend über.

Marguerite ging allein hinter Konrads Sarg. Custove war betrunken. Sie hatte ihn beredet zu Hause zu bleiben. In Konrads Brieftasche hatte man eine verblaßte Blume gefunden, eine Enzianblüte. Sie war in ein Papier gewickelt, darauf hatte er sich angemerkt: _Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur_. Marguerite nahm es an sich. Weiß Gott, wie man das Zettelchen noch brauchen konnte!

* * * * *

Und wie die Schwester es erfuhr:

In Heiligenstadt bei Wien, unweit der Villenstraße, die heute den Namen Springsiedelweg führt, stand im Glanz der Abendsonne stadtwärts blickend ein einsamer Spaziergänger. Immer wieder ergötzte sich sein Schauen an der feinen Silhouette des Stephansturmes, der goldig umnebelt über die Häuser der Wiener Stadtbezirke ragte. Der Mann lüftete den Hut, ließ das graugemengte Haar frei, weitete sein Samtjackett, als wollte er hier auf der Höhe mit allen Poren Luft schöpfen. Dann wandte er sich und wie unter ein Joch sich zu beugen, das er plötzlich stärker zu verspüren schien, schritt er geduckt, ein frühzeitig Alternder, gegen den Beethovengang, wo einst gleich ihm ein sonderbarer Junggeselle gewandelt war, unsterbliche Harmonien im Klang des Baches erlauschend. Als er so hinschritt, vernahm er das Säuseln der fallenden Blätter und gedachte des entschwundenen Sommers. Es war ihm, als hätte er in Verbannung gelebt, wiewohl er ihn im eigenen Heim verbracht hatte. Ein Landhaus an einem See tauchte in seinem Erinnern auf, ein feines Blondwesen ging dort elfengleich über die Wege, dann wieder sah er Flammen, nächtliche Kahnfahrt, einen rollenden Berg, dem, unheilbringend, eine Circe entstieg. Seine Sommerheimat lag verwüstet. Immer wieder brach die Wunde auf, wenn er sie eben schon verharrscht glaubte, und ärgerlich über die eigene Weichlichkeit, machte er nun kehrt und stieg in das Dorf hinab. An dem Hause kam er vorbei, in dem einst sein Vater Meister Grillparzer besuchte, nebenan hörte er im Heurigengarten das halb wehmütige, halb lustige Gefiedel des »Schrammelquartetts«, Fiaker und »Zeiserlwagen« standen die Straße entlang. Die Wiener Melodien schmolzen ihm die Bitternis in der Brust und es blieb ihm nur eine lächelnde Traurigkeit, als er sein Gartentor an der Probusgasse erreichte. Wie er nun dem alten Haus entgegenschritt, trat aus der rotverhangenen Weinlaube eine junge Frau in die Abendsonne heraus. Ihr Haar schimmerte rötlich, sie hielt den Florentiner Hut in der Hand, ein kleiner Junge stand hinter ihr.

»Verzeihen Sie, daß ich störe. Sie sind ja wohl Herr Doktor Urbacher? Ich bin Hedwig Torn, die Malerin.«

»Sie sind die Torn,« sagte er, sich verbeugend, »die den Prater so schön malt? Und der da hier, ist das auch ein eigenes Werk?« Er deutete auf den Jungen, der wie verzaubert im fremden Garten stand.

»Er kann wohl hier bleiben, indes ich Sie um eine Auskunft ersuche?« fragte sie.

»Gewiß, gnädige Frau, darf ich Sie ins Haus bitten? Er fürchtet sich doch nicht, Bube?« Hedwig schritt voran. »Eine hübsche Frau und wie bescheiden sie sich gibt trotz dieses Könnens! Was mag sie wollen,« dachte Urbacher und öffnete die Türe zum Flur.

»Wie schön er es hat,« dachte hier wieder Hedwig, als sie die Diele durchschritten, in der angedunkelte Bilder über alten Truhen hingen. Eine Uhr aus der Maria-Theresien-Zeit mit bemaltem Zifferblatt tickte laut in der Stille. Er öffnet eine Türe, dann aber, wohl einer kleinen Eitelkeit gehorchend, führte er sie weiter in den Gartensaal und nun hätte Hedwig fast vergessen, welch trauriger Anlaß sie hergeführt. Hier waren die Wände des großen Raumes über und über bedeckt mit den herrlichen Miniaturen der Urbacherschen Sammlung, aus Vitrinen lugten ihre besonderen Kostbarkeiten. Sie erblickte alte Möbel, seltene Bücher; durch die Bogenfenster grüßten die bunten Herbstbäume: zu viel für das Auge der Malerin, um sogleich ihrer Frage sich zu besinnen.

»Ich stehe zu Ihren Diensten,« hatte Urbacher gesagt. Sie ließ sich in den grünen Ripsfauteuil nieder und, indem sie zur Entschuldigung vorbrachte, daß all dies Schöne sie geradezu verwirre, suchte sie nach Worten.

»Es handelt sich um eine Adresse. Mein Bruder, ein Student, ist nach Paris gefahren, eines jungen Mädchens wegen, das Sie kennen. Nun habe ich seit Wochen keine Nachricht von ihm. Alle Briefe kommen zurück. Ich bin voll Sorge. Ich möchte diesem Fräulein Mannsthal schreiben, sie weiß vielleicht, wo er sich aufhält, was vor sich geht -- --«

»Seltsam,« dachte Urbacher. »Nun kommt eine Fremde und spricht ihren siebenfach versiegelten Namen. Die Schwester jenes Menschen ist sie?!« »Ja, ich habe von Ihrem Bruder gehört. Mein Freund Mannsthal hat mich vor einem Jahr etwa gebeten Schritte einzuleiten, um den jungen Mann, der ihm lästig war, in seine Heimat zurückbefördern zu lassen. Ich wollte mich an Ihren Vater wenden, erfuhr aber, daß der junge Mann schon großjährig sei. Ich hatte auch wenig Lust mich einzumengen. Kurze Zeit nachher verheiratete sich Herr Mannsthal und seine Tochter kam in ein Pensionat. Seither habe ich keine Nachrichten.«

»Mein Bruder hat sich lächerlich aufgeführt. Weiß Gott, wie ihm sein Dämon mitgespielt hat. Er ist von jeher ein unglücklicher Mensch gewesen. Es ist mir sehr peinlich -- --«

»Ungewöhnliche Verhältnisse,« beschwichtigte Urbacher. »Das hat ihn wohl auch verwirrt. Leider kann ich Ihnen mit der gewünschten Adresse nicht dienen. Ich kenne sie nicht.« Seine Züge verkrampften sich, als er dies sagte. Es wurde still im Raum, Musik schwirrte herein, aus einem der Heurigengärten ins Zimmer getragen. Hedwig stand auf, bedrückt und von böser Ahnung befallen. Sie sah nun zum ersten Mal in Urbachers Gesicht -- die Umgebung hatte sie bislang davon abgelenkt und mit dem feinen Instinkt der leiderfahrenen Frau erriet sie, daß auch er irgendwie verstrickt war in diese »ungewöhnlichen Verhältnisse«.

Er fühlte Wärme aus diesem Blick und er brauchte sie an diesem Abend. Rasch legte er seine Hand auf Hedwigs Arm und sagte: »Bleiben Sie.« Dann schritt er zu einem kleinen Kästchen, entnahm ihm eine Dose, deren Deckel ein auf Elfenbein gemaltes Bildnis trug, und hielt es vor sie hin.

»Dies ist Arabella,« sagte er. »Können Sie ihn nun verstehen, den Bruder?« Seine Hand zitterte. Er hatte etwas getan, das ihn selbst überraschte und wie Verrat schien. »Das ist sie,« sagte er und atmete schwer. »Ein schönes Kind, ein armes Kind,« sagte Hedwig ergriffen.

Er gewann die Frau lieb, die dies sagte, er gewann wieder die reife, verstehende Frau lieb, und mit einem Male stand das Ungeheuerliche, das Unnatürliche mit beschämendem Schmerz vor seiner Seele, daß er um ein Kind sich in Qualen verzehrt hatte, sich weichlich ihnen hingegeben hatte. Wie ein Engel, der ihn aus Trübnis erweckte, erschien ihm Hedwig. Das Gefühl, das ihn plötzlich zu ihr hinzog, machte ihn wieder zum Manne, der sich des Weibes besinnt. Leise faltete er die mit Schildpatt gefütterte Dose auseinander, eine blonde Flechte lag darin. Unendlich fern schien ihm die, der sie angehörte, ein Traum, ein Wahn!

»Ich will nach Paris an einen Bekannten schreiben, daß er sich erkundige,« sagte er und räumte die Dose weg. »Wohin darf ich Ihnen dann Antwort senden?« Sie nannte die Adresse.

»Was mag ihm zugestoßen sein?« entfuhr es ihr.

»Beunruhigen Sie sich nicht. Allen Anschein nach ist das ein sonderbarer Kauz, Ihr Bruder. Weiß Gott, was für Grillen er eben fängt. Ich freue mich, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Hoffentlich kann ich Ihnen bald Nachricht geben.«

»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Und diese Dame, ihre Mutter, sollte ich nicht zu ihr, vielleicht weiß sie etwas von ihm? Er war mit ihr in Verbindung,« sagte Hedwig.

Urbacher biß die Lippen zusammen, eine Frage zu unterdrücken. Es tat ihm weh, daß dieser Mensch, der gleich ihm dieses Kind vergötterte, Verrat trieb. Und dennoch focht ihn Neugier an zu erfahren, was jener erkundschaftet hatte. Mannsthal hatte ihm geschrieben, ehe er sich verheiratet hatte. »Verzeih mir, um Arabella,« schrieb er. »Jetzt bin ich selbst nur mehr ihr ferner Schutzgeist, soweit ich selbst dieses nicht verscherzt habe. Sie hat einen Beschützer gefunden, der besser ist als wir, einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und seinen Willen aufnimmt.« Das war alles, was er wußte. »Laß es begraben sein,« sagte er sich immer wieder.

»Der Bub,« rief nun Hedwig erschrocken und sprang auf.

»Ja, was die Mutter betrifft,« sagte Urbacher, sich ihrer Frage besinnend, die ohne Antwort verklungen war, »da bin ich nun noch weniger unterrichtet. Aber mir will scheinen, als ob man sie nicht zu oft erinnern sollte an ihre Tochter. Wunden brauchen oft Jahre, um zu vernarben, und ein Wort kann mühseliges Heilen ungeschehen machen. Auch diese Frau wurde verwirrt in diesen -- Verhältnissen. Lassen wir ihr das späte Glück, das über diesem Grabe blüht. Ich sah sie jüngst vergnügt mit Mann und Kind auf dem Kahlenberg. Gibt es einem Hoffnung, daß man auch wieder sorglos werde.«

Er geleitete Hedwig hinaus. Der Garten lag erloschen. Herbst feuchtelte aus den Büschen. Der Bub kam ihr entgegengelaufen und klammerte sich an sie.

»Der braucht Sie! Beneidenswert, ein Kind zu haben,« sagte er. »Ein Muttersöhnchen, was? Versteckt sich gar!«

»Er hat nur mich,« sagte Hedwig. Sie sprach ihr tiefstes Leid aus, den ängstlichen Kleinen zu rechtfertigen.

»So, so,« sagte Urbacher. Seine Stimme war ganz weich, als wollte sie ein Frauenherz streicheln. »Ich bringe Sie zum Stellwagen, zum Rauschinger hinüber. Wird Ihnen ein wenig die Seele herausrumpeln, das alte Gefährt. Lassen Sie sich's nicht verdrießen und kommen Sie wieder.«

Aber wenige Tage später klomm er selbst in Hernals die schmale Stiege empor zu dem Photographen-Atelier, das Hedwig als Werkstatt diente. Sein Pariser Kunstfreund hatte ihm geantwortet, er werde sogleich die gewünschte Nachforschung einleiten. Das genügte als Vorwand die Frau aufzusuchen, die nun seine Gedanken beschäftigte. Maler gingen bei ihm ein und aus, er hätte einen oder den anderen nach der Kollegin fragen können. Aber schon hielt ihn die Scheu zurück, die ein ernstes Gefühl ankündigt. Der ehemalige Nervenforscher wußte über sich und andere Bescheid und gleich stellte er sich an den Pranger, als er sich dabei ertappte, der Einschichtigkeit dieser Frau nachspüren zu wollen.

»Da sind sie alle gleich sprungbereit, die Herren Böcke, ich natürlich mit inbegriffen,« sagte er zu sich. »Aber immerhin ist das noch besser als Kindern nachzulaufen, die sich nicht wehren, weil sie unsere Niedertracht nicht kennen.« Er läutete. Es wurde nicht gleich geöffnet. Er hörte erregte Stimmen und wollte schon wieder gehen, als die Nachbarin, die Hedwigs Türe mit ihrer Neugier bewachte, sich einmengte.

»Warten S', ich läut', es ist der ihrige drin,« und ehe der Erschrockene es verhindern konnte, versetzte sie die alte Ziehglocke in stürmische Bewegung.

Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und ein junger Mensch mit zorngerötetem Gesicht stürmte an Urbacher vorbei. Peinlich berührt stand der da und schon sagte er sich: »Da hast du wieder einmal Pech, du unverbesserlicher Narr« -- als Hedwig zum Vorschein kam. Er erkannte sie kaum wieder. Sie war in diesem Augenblick geradezu -- schön. Auch ihr Antlitz war gerötet, in ihren Augen schimmerte noch eine Träne, aber sie lächelten Urbacher zu. Obwohl ihr Mund noch wie in Spott und Geringschätzung sich kräuselte.