Vögelchen

Part 13

Chapter 133,505 wordsPublic domain

»Sie sollten strafen können,« sagte er. »Das täte wohl!«

»Was nützte es? Mein Mitleid würde den Schlag kühlen, eh' er noch gefallen wäre.«

»Sie sind ein Engel,« sagte er.

»Ich bin nur eine Frau.«

»Ja,« erwiderte er voll Andacht, »denn es gibt auch rächende Engel. Die Frau aber in ihrer Vollendung kennt nur Linderung und Verzeihen. Aber an sie zu glauben, ich hielt es für verwegener als das Wunder zu erhoffen.«

»Und dennoch täte Strafen wohler denn Verzeihen?« fragte sie schmerzlich.

»Verzeihen bedeutet Vertrauen,« sagte er. »Die Strafe bejaht die Schuld, indem sie bestraft, das Verzeihen macht sie unwirklich. Der Verzeihende allein ist es, von dessen Herzensreinheit wir Strafe wünschten, vom Strafenden ist uns selbst Verzeihen bitter.«

»Sie sollten Givo kennen, Imanuel Givo.« Sie sah auf die Uhr. »Vielleicht kommt er noch heute! Er ist der Apostel eines wunderbaren Heiles. Es heißt schauende und wirkende Demut. Er hat eine heimliche Gemeinde, seine Lehre ist eine zugleich neue und uralte Religion. Er hat sie weitergegeben und nun erfüllt sie sich stündlich. Wer in ihr ist, lebt in Seligkeit und nichts stört seine Weihe. Und nichts, nichts vermag ihn zur Überhebung zu verleiten und zum strafenden Urteil. Denn in ihm ist nichts, was sich mit anderen mißt und andere wägt, weil er einzigartig ist und der andere wieder ein anderer und eigener.«

»So gibt es denn Einklang von Wissen und Tun?« fragte Mannsthal.

»Es gibt diese Wahrheit und diese Liebe,« erwiderte Angele. »Liebe allein kann heilen und wie oft hat Lieblosigkeit das Laster verschuldet. Wenn ich einen auf Abwegen sehe, frage ich mich: ist er denn auch genug geliebt worden?«

Und sie begann wieder von Givo zu erzählen. Er sei Spanier und stamme von Mystikern ab. Das Leben, das jahrhundertelang in seiner Familie geübt worden, war in ihm als Jüngling zur Ekstase aufgeblüht. An seinem Wort hätten andere sich entzündet. Als er die Menschen kennen lernte in der Klarheit der Ernüchterung, in die ihn die Großstädte versetzten, hätte Mitleid seinen Abscheu vor den menschlichen Lastern besiegt. Er wollte lieber selbst schuldig werden, um nicht erhöht zu sein über die Schuldigen. Nun sei wohl die Heiligkeit seines Feuers erloschen, sie sei nur ein unterirdisches Leuchten mehr, aber seine Seele wärme jeden, der ihm nahe. Er lebe wie ein Einsiedler und dennoch in Fühlung mit den Menschen aller Welten. Seine Lebensflucht seien die Sterne. Er wäre Astronom. In der Atmosphäre bade er sich rein. Sein Wissen knüpfte sich an uralte Wissenschaften. Dabei sei er klar und einfältig wie ein Kind in den menschlichen Dingen und im Menschlichsten wissend und rein zugleich. Sein Handeln folge seinem Instinkt, so sei er denn zuweilen erstaunlich.

Als Givo eintrat, mit leichtem freudigen Gang auf Angele zueilend, deren Hände er küßte, dann ein wenig erschrocken vor dem Fremden sich verneigend, erkannte Mannsthal blitzartig Vögelchens schwarzen Ritter. Sie war ja nicht müde geworden, ihn auf das genaueste zu beschreiben. Seine Handlungsweise paßte auch völlig zu dem, was Frau von Twede erzählte. Das übrige besorgte einer jener merkwürdigen Instinkte, den oft Frauen besitzen, wenn ihre Sinne durch Eifersucht geschärft sind. Aber ehe Mannsthal an eine bevorstehende Begegnung Givos mit Vögelchen dachte, rascher also als ein Gefühl der Abwehr ihn befallen mochte, bezauberte ihn dieser Jüngling im Mannesalter, dieser Mann mit der knabenhaften Feurigkeit einer fanatischen Seele. Und er erkannte seine Lehre. Sie war ein Kampf gegen die geistigen Gifte, die verborgenen, die bekannten und die unentdeckten, deren Wirkungen kaum als Folgeerscheinungen von geheimnisvollen Vergiftungen gekennzeichnet waren. Auch der Wahn war ein Gift und wie vielfältig war er! Auch die Lieblosigkeit war vielleicht nur eines jener Toxine, die Ermüdung erzeugt und jene Nervenverfassung, die das Leben und das Lebendige herabsetzt, statt es zu erhöhen. Kraftlosigkeit, die neben sich für andere nicht mehr das Auskommen findet. Givo sah eine Welt von Menschen, die es zu lieben und zu heilen galt ohne Strenge, ohne Drohung, ohne Versprechen, Liebe durch Liebe, Weisheit durch Liebe, Segen durch Liebe. Und diese Liebe selbst? Sie war nicht Nachahmung eines erhabenen Lebenswandels, der entrückt war, nicht Liebe um eines Liebenden willen, Christi Nachfolge nur um des Himmelreiches Lohn, sie war die Einsicht, das Handeln des Menschen, der sich seiner begibt im Erkennen und sich genießt in diesem Sichbegeben. Um keines Dankes willen im Himmel oder auf Erden, um keiner Tugend, keiner Unsterblichkeit willen, um keines Glaubens willen waltete diese Liebe. Sie war die Weisheit und die Weisheit um alles Menschliche war ihr Glauben. Sie war die Ruhe und das Ruhen in allem Lebendigen war ihr Leben. Sie war das Leben, und das Sein ihr Paradies in allen Zeiten. Für sie war nicht Anfang und Ende, sie hörte nimmer auf, ihr Anbeginn tauchte in der Zeiten Urnebel und reichte, soweit Raum war. Sie war der Glauben der Liebe und der Glauben der ewigen Weisheit war ihre Ewigkeit. Ihr Ewigsein war ihre Ruhe. Und sie war zu Hause, im Kelch der Blüten, der sich auftut für Biene und Rosenkäfer, in der Wolke, die als Regen den Durst der Felder labt, sie nistete wartend um die Wiege des Säuglings und hütete der Kinder Entfaltung, sie war im Schoß des Weibes und in der zeugenden Kraft des Mannes, sie beugte sich über das Lager des Fiebernden und saß bei dem Ratlosen, sie zündete die Lampe an in des Verlassenen Haus und beschwichtigte den Verfolgten und barg den Verstoßenen. Sie forschte in den Laboratorien und sang ihre Kunde in unsterblichen Melodien. Und oft tat sie nichts als stillehalten. Sie schwieg dem Zornigen, sie erwiderte nicht dem Bösen, sie strafte nicht den Verleumder und höhnte nicht den Höhnenden. Und zuweilen tat sie mehr noch, sie machte den Zorn, das Böse, die Verleumdung, den Hohn zunichte im Vergessen. Sie versenkte sie, streute ihren Samen auf und ließ frische Blumen erblühen. Und wenn sie mit ihrem eigenen Blute die Erde des Vergessens düngte, so war es der Seele Acker, der Blumen Trieb und die hießen Verstehen, Vergeben, Verwinden, und andere wieder hießen: Verschenken, Verwandeln, Vergolden und Vertrauen. Im täglichen Leben tat Givo für eine häßliche alte Frau dasselbe, was er für die junge Arabella getan. Er war der Freund seiner Nachbarn, unter denen er stille hauste und fast ungekannt war bis zu dem Augenblick, wo sie seiner bedurften. In seiner Wissenschaft ging er seine Wege und was den anderen frommen konnte auf den Entdeckungsfahrten seines Forschens warf er ab, verschenkte es, ohne ein Quentchen nur des Ruhmes zu erheischen. Was er in seinem Fach erstrebte, war ein Spiel fast. Er suchte Fäden von den mittelalterlichen Gelehrten in die Forschungen der Neuzeit zu spinnen. Sein Werk war eine Andachtübung, ein Dank für verschollene Arbeit. Dazwischen arbeitete er »exakt«, aber nur nebstbei, doch dies zwang, seine Werke ernst zu nehmen, und zu der Zeit, als Mannsthal ihn kennen lernte, wurden sie bereits als eine Art preziöser Kostbarkeit geschätzt. Angele von Twede meinte, daß er sich dies scheinbar müßige Treiben erlauben dürfe, weil sein Leben von Mensch zu Mensch werktätig war wie kaum ein anderes. Mannsthal fieberte, Givo näher kennen zu lernen. Er selbst hatte ja, verborgener vielleicht als dieser junge Prophet, Menschen hingebend geholfen, das Äußerste oft gewagt nicht um Dank und ohne Pflicht. Das Pflichtgefühl der anderen, er besaß es nicht. Sein Gefühl für die Menschen war brennende Neugier und Wissen um Ungeahntes. Dies allein verpflichtete ihn zuweilen, daß er Verborgenes wußte, weil er mitschuldig wurde an Unglück und Schuld, wenn er nicht warnte, riet und half. Aber dies hinwieder hatte ihn hartgesotten Verfehlungen gegenüber und den leichteren Leiden. Oft war er Menschen wie ein Engel erschienen und es quälte ihn, daß er nicht zu sagen vermochte, wie sehr er heimlich bedankt war auf seine Weise und nichts geopfert hatte. Ihm, der jede zarte Regung des Wunschgefühles, die Einschätzung des anderen völlig erriet, ward zum Kinderspiel ein Leben zu krönen. Aber letzten Endes war seine Güte Können, Abfall seines Überflusses, Virtuosität und nicht Wille zum Guten. Sie war Reichtum, Mut, Waghalsigkeit, Experiment, Spiel. Givo aber? Er wußte um alle Laster, aber keines schien um ihn zu wissen. Er hatte sie gesucht, um ihre Geheimnisse zu erkennen, hatte ihr Leid, ihre Reue auf sich genommen um wenig Freude und um der Wollust willen, den Elenden näher zu sein. Die Gefahr war an ihn herangeschlichen in diesen Leiden zu versinken. Sein Sieg, seine Beschlossenheit hatte etwas Weihevolles. Vielleicht war er alt, wiewohl er ein Jüngling schien, war Mensch gewesen, da andere noch Kinder sind, vielleicht lag jene Zeit, in der die Seele durch feurige Tiefen geht und abstürzt aus frevelhaften Höhen, weit zurück, getrennt durch ein Leben, das schon Ewigkeit war? Einer seiner Vorfahren hatte als Knabe im Tempel gepredigt.

Angele sah die Wirkung, die Givo auf Mannsthal ausübte. Sie verstummte, sie wollte kein Wort und Gegenwort der beiden mit dem eigenen durchkreuzen. Ihre Seele hielt Wache und hütete den Faden, der von dem einen zum anderen sich spann. Aber Givo, das sah sie, wiewohl er in Mannsthal vielleicht wie in keinem anderen einen Ebenbürtigen im Menschlichen spürte, Givo blieb in seiner Welt und zögerte ihm die Gabe seiner Inbrunst zu reichen.

Adalbert hatte ihn nach der Stätte seiner Arbeit gefragt. Givo berichtete, daß er zu Gaste sei bald da, bald dort. Später gedenke er in einer eigenen Sternwarte zu arbeiten und seßhafter zu werden seiner Mutter zuliebe. Aber noch wisse er den Platz nicht. Angele meinte lächelnd, er warte ein Zeichen ab, ein Meteor.

»Wo soll der Tempel stehen?« sagte er lächelnd, den Scherz aufnehmend. »Eine schöne Legende aus dem Palästinischen fällt mir ein.«

»Erzählen Sie,« bat Frau von Twede.

In diesem Augenblick öffnete der Diener leise die Tür und ebenso leise trat Arabella ein. Der Saal war groß, sie durchschritt ihn, der dicke Teppich verschlang das Geräusch ihres Schrittes, sie blieb an der Türe des kleinen Zimmers stehen. Da drinnen sprach einer, da erzählte einer. Wessen war diese Stimme, oh diese Stimme! Er sah sie nicht, sie horchte atemlos. »Der Tempelplatz war einst eine Dreschtenne, die zwei Brüdern gehörte. Es war der eine verheiratet, der andere lebte allein. Als die Ernte vorüber war und sie geteilt hatten, legte sich ein jeder zu seinem Kornhaufen, um das Gedroschene zu behüten. Da erwachte einst nachts der Verheiratete, sann über seine Ernte und sagte sich: »Ich bin reich, habe Frau und Kinder und hoch ist mein Korn. Er aber, der Bruder, ist einsam, es betreut ihn keiner, einsamem Alter geht er entgegen. Warum soll ich glücklicher sein als er? Ich will ihn erfreuen, will ihm von meiner Ernte geben. Leise stand er auf und schleppte emsig einen Teil seines Kornes zum Haufen des Schlafenden. Die Arbeit hatte ihn müde gemacht und nun störte nichts mehr seinen Schlummer. Indes erwachte der andere. War nicht ein Flüstern in dem Stoppelfeld, nicht ein Rieseln im goldenen Korn? Wie reich war sein Haufen und er bedurfte so wenig, indes der Bruder Weib und Kind besaß. Böte er ihm Geschenke an, wies der ihn wohl ab, so stand er auf und trug einen Teil seines Kornes hinüber zum schlafenden Bruder. Des Morgens hatte ein jeder gleich viel Getreide, keiner wußte, wie ihm geschehen, und sie fragten einander nicht. Gott aber erwählte die Dreschtenne zur Stätte des Tempels.«

Givo wandte sich zur Türe. Es raschelte wie damals ein seidiges Gewand. Er sah Arabella. Sie hatte beide Hände wie eine Blinde, die sich einen Weg tastet, vorgestreckt. Er lächelte, er kam ihr entgegen.

»Sie sind es, Sie sind hier,« sagte sie wie in Verzückung. Er reichte ihr die Hand.

»Wir sind einander in der Sainte Chapelle begegnet,« erklärte er lächelnd, doch ohne Erstaunen.

»Ach,« sagte Frau von Twede. »So kennen Sie einander?«

»Ich heiße Givo,« sagte er. »Und Sie?«

»Arabella.« Sie fuhr sich über die Stirn, einen Schleier abzustreifen, der ihr die Wirklichkeit zu decken schien. Sie ging auf Angele zu. »Verzeihen Sie mir, aber eine Sorge rief mich fort. Verzeih auch du, Va! Daß ich Sie hier finde!?«

»So muß Jairis Töchterchen ausgesehen haben, als der Herr sie erweckte,« sagte Frau von Twede lächelnd.

»Ist es Ihre Tochter, Herr Mannsthal?« fragte Givo.

Angele nickte wortlos.

»Nun aber müssen wir gehen, Vögelchen,« mahnte Mannsthal.

Frau von Twede hatte das junge Mädchen an sich gezogen.

»Sie gleichen einander,« sagte Givo, die beiden Frauen betrachtend.

»Komm, komm, Kind,« drängte Mannsthal.

Vögelchen, an Angele gelehnt, wandte sich zu Givo.

»Ich habe Ihnen immer noch gedankt all die Tage.«

»Ich hätte fragen sollen, ob Ihnen auch bald wohl geworden ist. Das habe ich versäumt, um nicht dreist zu scheinen. Ich freue mich, Ihnen zu begegnen. Sie sind sehr zart, nicht wahr? Oder sind Sie noch so jung? Ein Kind vielleicht?«

»Das davonläuft,« sagte Mannsthal.

»Trag mir das nicht nach,« bat Vögelchen. Sie sah unverwandt Givo an, seine matte Stirn, seine glatten, glänzenden Haare, seine Augen unter den langen Wimpern, die Nase mit den feinen Flügeln, die zarte Gestalt, die sehnigen Hände. Auch er blickte sie an, nahm sie mit seinem Blick an sich, freute sich ihrer Haare, die wie ein blonder Schatten waren, ihrer großen, runden, blauen Augen mit dem feinen Bogen darüber, ihrer Nase, die immer leis zu wittern schien, ihres zuckenden, durstigen Mundes, ihres ein wenig kantigen Kinnes, des sehr schmalen Halses, durch dessen Haut man die blauen Äderchen sah, ihres Busens, der eben erst der eines Mädchens zu werden begann, ihrer braungebrannten Kinderhände.

Es war Givos Treue und Untreue zugleich, sich ganz dem Augenblick hinzugeben. In diesen Minuten war er so sehr Vögelchen zugeneigt, so tief erfreut über ihre kindliche Aufgeschlossenheit, daß er selbst wie ein Kind, das eben ein Geschenk erhält, nichts anderes sah als diesen Menschen. Die ihm so flüchtig begegneten und seine Liebe erfuhren, behielten ihn immer dankbar in ihren Herzen. Andere aber, die in seinem Umkreise blieben, waren enttäuscht, ein anderes Mal ihn dann nicht minder freundlich, aber dennoch anderem hingegeben zu finden, das sie selbst ausschaltete in den Schatten seiner Liebe. Als Vögelchen zum Abschied seinen Handkuß fühlte, glaubte sie das Paradies gewonnen zu haben. Sie ging in andächtiger Gehobenheit an Mannsthals Arm. Nachts schlief sie sanft und selig ein. Sie fühlte kaum die Liebkosungen Adalberts und erwiderte sie nur leis in einem Zustand von Entrücktheit, in den er sie um so leichter versetzen konnte, wenn sie freudig erregt war. Aber ein zweites Selbst war in ihrem Schlummer verborgen, das ihm verschlossen war.

Entscheidungen

Arabella erwachte spät am Morgen und als sie ans Fenster trat, erblickte sie Konrad, der im Torbogen des gegenüberliegenden Hauses stand. Es war ein kalter, klarer Tag. Er hatte keinen Mantel und fror. Die Krawatte, die Vögelchen in der Rue de la Paix gekauft hatte, war ihm von Marguerite kunstgerecht um einen Kragen aus künstlicher Leinwand geschlungen worden. Vögelchen hatte ihn ja herbestellt, nun stand er wohl lange schon unten. Sie rief Camill und erfuhr, daß Adalbert ausgegangen sei und in einer Stunde wiederkehren würde. Da bat sie rasch Konrad heraufzuholen. In einem Morgenkleidchen, selbst ein wenig frierend, vor dem Kaminfeuer auf einem weißen Fell kauernd, empfing sie den Gequälten, Verfehmten. Er stürzte vor sie hin und küßte ihre Füße. Ein Zittern und Schluchzen ging durch seinen Körper. »Steh auf, ach, steh doch auf,« sagte sie voll leisem Erbarmen und fuhr ihm mit den kleinen, kalten Fingern durchs Haar. »Aller Qual Segen ist dieser Augenblick,« sagte er und stand vor ihr auf und sein Lächeln war Vergessen vieler Abgründe. Als sie zu sprechen begann und jene Frau nannte, Marguerite, tauchte deren Bild wie aus fernem Hades auf. Er wußte nicht mehr, daß er nachts in ihren Armen gelegen war, wie Arabella nichts von Adalberts Liebkosungen mehr wußte. Aber sie sah Konrad in der Ekstase, in die sie die Sehnsucht nach Givo versetzt hatte, und war gut zu ihm. Geld nehmen wollte er nicht, doch er versprach ab und zu von ihr ein Geschenk anzunehmen, einen warmen Mantel würde er nicht zurückweisen, wenn er bis zum Einbruch des Frostes nichts verdient hätte. Während er sprach, löffelte Vögelchen in ihrer Schokolade. Sie bot ihm feines Backwerk, zartes Fleisch an. Wiewohl er nicht gefrühstückt hatte, rührte er nichts an. Er trank nur ihren Blick, nährte sich nur von der Speise ihrer guten Worte. War nicht alles plump, leer und ihrer unwürdig, was er, der Erniedrigte, zu stammeln versuchte? »Was wird nun aus Ihnen, Herr Prediger? Sie müssen jemand haben, der Ihnen hilft,« sagte Arabella traurig. »Gehen Sie zu Frau von Twede, aber sagen Sie nichts von mir, kein Wort, hören Sie. Aber gehen Sie zu ihr, sie wird Ihnen Arbeit verschaffen. Nun müssen Sie gehen. Schreiben Sie mir dann.« Und sie stand auf, reichte ihm beide Hände und nickte noch von der Türe her. Sie eilte in ihr Zimmer zurück, um allein zu sein, so stark übermannte sie wieder der Gedanke an dies wunderbare Wiedersehen am Vorabend. Konrad sah ihr nach wie einem verlöschenden Stern.

Nun geschah es, daß Adalbert krank wurde, kränker als er es bisher gewesen. Er lag matt und abgezehrt und Vögelchen saß an seinem Bett und hielt seine trockenen Fieberhände, aus denen ein unheimliches Feuer zu knistern schien. Er blickte auf sie wie auf das Leben, das ihm entflattern wollte. Sie liebte ihn so sehr in diesen Tagen, sie klagte sich an, daß die Krankheit über ihn gekommen sei, weil nicht ihm mehr ihr Gefühl zuströmen wollte wie bisher. Sie wußte, sie konnte es nicht wenden. Daß sie Givo wiedergesehen, war ihr wie eine Bestätigung, wie ein Wink von Gott, ihre Liebe wandle den rechten Weg und sei erhört. Aber konnte sie nicht kraft dieser Liebe Adalbert heilen und auch Konrads Hilfe sein, war sie nicht doppelt so stark jetzt?

Zu dieser Zeit tauchte zum ersten Mal in Adalbert der Wunsch als Vorsatz auf Vögelchen wegzusperren, sie irgendwie zu verklostern. Er meinte nur so gesund werden zu können, wenn er Ruhe gewänne über sie. Sie nicht zu sehen schien ihm qualvoll, sie neben sich zu haben ohne sie besitzen zu können noch unerträglicher. Er wagte nicht mehr sie zu berühren. Angele von Twede, von Arabella herbeigerufen, besuchte ihn. Sie riet ihm, ans Meer zu reisen, auch sie würde gern für einige Zeit Paris verlassen. Gleichzeitig erhielt er einen Brief von Vögelchens Mutter. Sie forderte ihn auf Arabella unverzüglich in die Heimat zurückzubringen, widrigenfalls sie sein ungesetzliches Treiben zur Anzeige bringen wolle. Ein Pariser Advokat, dem offenbar die Angelegenheit übergeben worden war, sandte zu ihm und forderte Erklärungen über Einzelheiten seines Lebens und zeigte sich in erstaunlicher Weise unterrichtet. Mannsthal wies ihm die Tür, aber er war unruhig fortan. War es nicht genug, daß ihm seine Krankheit die Freude an Vögelchen verstörte! Alles schien sich gegen ihn zu verschwören. Er witterte Feinde im Hause, sah sich umstellt und ausgeforscht. Um dieser Mißlichkeiten Herr zu werden, mußte er zu Kräften kommen. Ortsveränderung war zur Gesundung geboten. Oft sandte er auch Vögelchen unter einem Vorwand aus dem Hause. Ihr Anblick schmerzte ihn. Er wußte, daß sie von Givo träumte und daß er ihr vielleicht ein Glück vernichtet hatte, ehe es zur Blüte kam. Dann war er dankbar, wenn Angele kam und die bösen Geister bannte. Und ein neues Abenteuer lockte: durch sie die Schwester jenes Gilbert an sich zu fesseln. Er sah nur Vorteile in einer Verbindung mit dieser sanften, vornehmen Frau, die nicht mehr brennen wollte wie Arabella und dennoch ein Glück in der Gemeinschaft mit dem Manne noch ersehnte. Herr von Twede war rücksichtvoll und feinfühlig, er hatte sie niemals verletzt, aber sie erfror neben ihm und wußte, es war Zeit sich zu entscheiden. Hier war ein Mensch mit außerordentlichen Gaben, von dunkler Vergangenheit belastet, von Anfechtungen verfolgt, ein Mann, den man retten konnte, wenn man sich selbst aufs Spiel setzte. Und sie hatte gespart, jetzt wollte sie von ihrem Reichtum geben. So waren sie denn bald einig, zu reisen. Was aber sollte mit Vögelchen geschehen? Angele war nicht verlegen. Sie würde Givo zu sich bitten, der wußte immer zu helfen, und Arabella selbst würde gern seinem Rate folgen. Sie erinnerte sich eines Heimes, von dem er ihr einmal gesprochen. Keine Sorge, Vögelchen würde ein Nestchen finden.

Angele war Adalbert bald unentbehrlich. Ihre Nähe war Sänftigung aller Selbstqual und sie beherrschte den Gang der äußerlichen Täglichkeiten, denen Verwirrung drohte.

Camill, der sich als Diener immer anständig gehalten hatte, begann zu trinken. Der französische Wein hatte es ihm angetan. Da auch sonst Paris mehr Gelegenheit zu Ausgaben bot und alles teuer bezahlt werden mußte, wurde ihm bald sein anständiger Gehalt zu knapp. Aber auch die Aufbesserung, die ihm sein Herr gewährte, reichte bald nicht mehr. Da er als Mitwisser von Mannsthals Geheimnissen nicht Sorge trug, von diesem angezeigt zu werden, begann er allerlei Unehrlichkeiten zu begehen, die sich schließlich zum frechen Diebstahl steigerten. Nach wie vor war er tadellos in Pflege und Bedienung, aber Adalbert hatte jegliches Vertrauen verloren. Er sah in dem Dieb schon den Erpresser, der bestochen worden war, um seine Beziehung zu Arabella auszuforschen. Eines Tages, als ihm der Zustand unerträglich geworden, bezahlte er ihm Lohn, Verpflegung und die Reisekosten in seine Heimat und entließ ihn ohne Aufklärung. Nun fehlte er überall. Angele sandte ihre Beschließerin und sie brachte einige Ordnung ins Haus. Die Abreise ans Meer aber wurde nun um so dringlicher.