Vögelchen

Part 14

Chapter 143,676 wordsPublic domain

Während dieser Zeit hatte Givo Arabella ein einziges Mal gesehen, der Besuch seiner Mutter hatte ihn verhindert zu Angele zu kommen. Dies eine Mal hatte er sie in der Nähe des Observatoire getroffen. Er zweifelte, daß dies ein Zufall gewesen. Er war nicht allein und hatte sie nur flüchtig gesprochen. Sie möge doch ihr Versprechen erfüllen und die Sternwarte besuchen, er würde ihr bald schreiben. Aber er hatte bisher nicht geschrieben. Vögelchen wartete. Sie fragte in Bangen jede Stunde ab nach einer Botschaft. Ihm gegenüber war sie nicht das Kind, das blindlings seinem Triebe folgt. Sie erinnerte ihn nicht an seinen Brief, sie erschien nicht unaufgefordert, sie wartete. Durch Frau von Twede fühlte er sich an sein Versprechen gemahnt und sogleich empfand er Lust ihr zu schreiben. Er sah sie mit einem Mal hilflos allein, wie damals am Pont Neuf, Sehnsucht, sie zu beschützen, erfüllte ihn, Reue, daß er den Trost seines Briefes ihr vorenthalten. Er ging umher und hatte Vögelchen mit sich. Er wußte, wo er es bergen würde. Sie war die erste Heimatlose nicht, für die er Asyl Gloriot wählte. Immer war er von Wehmut und Liebe erfüllt, wenn er einen neuen Schützling der kleinen Anstalt empfahl, bei deren Gründung und Erhaltung er mittätig gewesen war. Das Asyl war dazu bestimmt, Kinder aus unglücklichen Lebensverhältnissen aufzunehmen. Da eine bestimmte Summe beim Eintritt bezahlt werden mußte, war die Anstalt nur den besitzenden Klassen zugänglich. Sie war auch in der Aufnahme der Zöglinge beschränkt, damit der Charakter eines Heimes gewahrt bliebe. Es wurden Kinder ohne Unterschied des Alters, auf jede Dauer und mit der Erlaubnis, immer wieder in das Asyl zurückkehren zu dürfen, aufgenommen. Givo, der die Erziehungsresultate des Asyls kannte, zögerte niemals, es zu empfehlen. Von anderen Pensionaten war es, abgesehen von den andersartigen Aufnahmebedingungen, durch den ihn leitenden Geist unterschieden. Wer das Asyl kennen wollte, mußte allerdings Cecile Gloriot kennen. Givo gedachte ihrer nie ohne Erhebung. Und dennoch, ihm ward weh ums Herz. Ausgestoßene, bedrohte Kinder waren es, die man ihr sandte, die sie durch ihre Mütterlichkeit errettete und erwärmte. Sollte auch dieses teure Mädchen den Stempel der Unglücklichen und Heimatlosen tragen? Fast hätte sie es überstanden, fast wäre sie heil und stark ins wache Leben getreten, sie war ja beinahe erwachsen, da lauerte der Dämon auf dem letzten Ende ihres kindlichen Weges und drohte sie zu überfallen. Denn mehr wußte Givo nicht, als daß Mannsthal nicht väterlich für sie empfand und daß die Mutter sie ihm vor Jahren überlassen hatte, so daß sie jetzt Vögelchen nur eine peinliche Fremde war. Nach kurzer Überlegung verstand er Angele. Sie und er sollten sich in die Arbeit teilen. Sie wollte den Mann, er sollte das Mädchen in seine Obhut nehmen. Wie aber sollte er es dem Mädchen sagen, dem zarten? War es nur Vorwand, wenn er ihr schrieb, daß er litte, sie im wirren, betörenden Paris so schlecht behütet zu finden, daß er sie gern bei einer mütterlichen Freundin wissen wollte? Nein, er fühlte wahrhaftig Besorgnis und eine Zärtlichkeit des Gedankens für sie, die er bisher nur bei den Begegnungen empfunden hatte. Gerne hätte er sie lebendig bei sich gehabt und warm in die Arme geschlossen, an seiner Brust geborgen. Zugleich aber fühlte er sich unwürdig vor ihr und seiner dunklen Wege bewußt. Er war in den Straßen umhergegangen, nun trat er in ein Restaurant; ließ sich Schreibzeug geben und begann seinen Brief, dessen Buchstaben an alte Schriftzeichen erinnerten:

»Arabella, liebe Kleine, ich darf so sagen, darf Mademoiselle weglassen. Seele zu Seele sagt nicht Name und Würden. Wollen Sie in mein Sternenheim kommen, nein, das meine ist es nicht allein, ich teile es mit vielen Wißbegierigen und es ist großer Geister Stätte gewesen. Wollen Sie nun kommen? Oder sind Sie durch Monsieur Mannsthals Unpäßlichkeit ganz an ihn gefesselt? Sie sollten ihm raten ans Meer zu gehen. Die Wellen und Winde bringen große Botschaft, darin des Einzelnen Wehe ertrinkt. Er wird dort Gesundheit finden. Sie selbst aber sollten bei Frauen sein und unter gleichaltrigen Jungfrauen und unter Kindern. Ich wüßte sie gern geborgen bei meiner Freundin Cecile Gloriot, einer ausgezeichneten, liebreichen Frau, die Ihnen Ruhe und Freude geben wird. Ich werde Frau von Twede bitten bei Herrn Mannsthal Fürsprecherin dieses Planes zu sein. Was meinen Sie dazu, Seelchen? Ach ja, ein Seelchen sind Sie, aber unter Cecile Gloriots Sonne werden Sie Seele werden. Kommen Sie oder schreiben Sie mir Antwort. Ich bin Ihr treuer Diener

Imanuel Givo.«

Der Kellner stellte das Essen vor ihn hin. Er nahm sein schlichtes Mahl. Dann trug er selbst den Brief in Vögelchens Haus.

Vögelchen erwartete Antwort von Konrad. Indessen kam Marguerite. Sie hätte ein Anliegen an das Fräulein. Ob man denn auch ungestört sprechen konnte. Arabella schloß die Tür ihres Zimmers und hieß sie Platz nehmen. Das Mädchen sah bei weitem besser aus in ihrem einfachen Straßenkleid als in dem grellen Schlafrock, in dem sie Vögelchen zum ersten Male gesehen. Es bat höflichst, die Belästigung zu entschuldigen und käme ohne Konrads Wissen. Der arme Junge sei zu stolz von dem Fräulein etwas anzunehmen, sie aber, Marguerite, wisse, woran es ihm fehle, und sie würde ihm gern das Nötige besorgen. Leider befinde er sich gar nicht wohl, seit dieser Deutsche zu ihnen käme. Es sei wohl der entlassene Diener. Sie wolle dem Fräulein durch diese Mitteilung ihre Ergebenheit beweisen. Der Diener spreche gemeine Dinge über sie und verleite Konrad zum Trunke. Sie hätte nun Aussicht einen kleinen Laden zu übernehmen und würde Konrad bei sich anstellen, wenn das Fräulein ein wenig beisteuern wollte, das würde ihn auch dem schlechten Einfluß dieses Custove entziehen, der überdies Konrad von ihr trennen wollte, um ungestört ihn zu Schlechtigkeiten zu verleiten, für die sie nicht zu haben wäre. Die beiden hätten auch beschlossen das Fräulein zu entführen. Vögelchen war es, als würge sie etwas am Halse. Sie ging zu ihrem Schrank, nahm etwas Geld. »Das ist alles, was ich habe.« »Besten Dank,« sagte Marguerite, ein wenig kühl. »Ich bin selbst arm,« sagte Vögelchen, das Wenige entschuldigend. »Oh, Sie und arm; wenn man einen älteren Mann hat, der reich ist, ist man nicht arm. Ob sie sich denn nichts für später zurücklege -- es sei kein Verlaß auf die Männer --« Vögelchen schauderte. Sie verstand nicht den vollen Sinn dieser Worte, aber etwas Häßliches kroch an sie heran, das ihr Leben verunstalten wollte. »Bitte, gehen Sie jetzt,« sagte sie. »Mein Verwandter kann mich jeden Augenblick rufen. Ich möchte nicht, daß er sie sieht. Sagen Sie Konrad, ich hätte ihm geraten zu einer Dame zu gehen. Ist er nicht dort gewesen?«

»Nein, er traf sie nicht an, er will nicht lästig fallen.«

»Mich aber will er überfallen und davonschleppen. Oh, gehen Sie, ich will allein sein, will nichts mehr wissen von ihm.«

Sie setzte sich hin und weinte. Sie weinte ihr Leid um Va, um ihre Kindheit, um Konrad und sie weinte um Givo, von dem sie sich vergessen glaubte. Sie fürchtete sich. Sie war sehend geworden ohne wissend zu sein. Sie litt in dumpfer Anklage. An den folgenden Tagen saß sie fast immer bei Mannsthal. Es war besser bei ihm zu sein, da schwieg der Groll gegen ihn. Und hier konnte keiner sie fortreißen, wenn auch Va zu schwach war sie zu schützen. Sein Wille bannte die Bedrohung von innen und außen. Wäre nicht Angele aus- und eingegangen mit leise schlichtendem Walten, im Hause und an Adalberts Liegestätte verweilend, hätte Vögelchen sich unentbehrlich gefühlt und daraus wieder Kraft gewonnen. So aber war sie auch vor sich selbst nur ein bleicher Schatten von dem, was sie noch in den ersten Tagen des Versailler Aufenthaltes gewesen. Sie schlief nicht und ging wenig aus. Seitdem sie sich vor Konrads und Camills Anschlag fürchtete und diese Furcht in sich verschloß, aß sie auch nur notdürftig mehr. Angele fütterte sie wie ein Hühnchen. Givos Brief kam, als ihr Angst und Sehnsucht die Kräfte zu erschöpfen drohten. Sie las den Brief, las ihn abermals, sann vor sich hin, drückte ihn ans Herz. Wie ein Gebet war ihr Dank. Ja, sie wollte alles, was er wollte. Er war ja ihr Schutzgeist. Oh, daß sie zu ihm durfte, endlich! Leise schlich sie in Adalberts Zimmer. Es war zehn Uhr abends, er schlief. Rasch warf sie über das weißwollene Hauskleid den Pelz, schlang einen Schal aus spanischer Spitze um ihr Haar und eilte in die nächtlichen Straßen hinab. Konrad, der vor dem Hause gestanden war, folgte ihr. Die Straße war einsam, sie hörte Schritte hinter sich, sie fühlte im Rücken, daß sie verfolgt wurde. Sie wagte nicht sich umzuwenden. War es einer, waren es beide, er und Custove? Konnte sie rascher sein als ihre Feinde? Wohin fliehen? Alle Haustore waren verschlossen. Zu ihm, zu ihm! Nun brach Licht vom Boulevard des Invalides, nun kamen Menschen, Lokale leuchteten auf, aus denen Lärm drang. Vielleicht war der Verfolger jetzt dicht hinter ihr. Mit letzter Kraft rief sie einen Droschkenkutscher an. Ein Wagen hielt: »Observatoire«, hauchte sie. Sie war geborgen!

Givo war nicht da. Möglich, daß er noch käme. Man führte sie in einen Saal nächst der Kuppel. Im Halbdunkel saß sie, schauernd vor Angst noch und Erwartung. Sie wartete. Es war kühl, sie hüllte sich dicht in ihren Mantel. So schlief sie ein. Gegen Mitternacht kam Imanuel. Der diensthabende Diener war gegangen, der ihn ablösende wußte nichts von des jungen Fräuleins Anwesenheit. Givo setzte sich an seinen Schreibtisch und sah die Abendpost durch. Dann ging er auf und ab, wie er bei vorbereitender Arbeit zu tun pflegte. Auf einer dieser Wanderungen kam er hinaus in die Halle bis zu der Bank, die von dem Fundament eines eingebauten Fernrohres beschattet war. Da sah er die Schlafende. Ihr Kopf war zur Schulter herabgesunken, die Wimpern dunkelten über die bleichen Wangen, die Hände lagen hilflos still und wehrlos gefaltet über den Knieen, die Haare hatten sich ein wenig gelöst und quollen aus den Spitzen auf den Pelz des Mantels. Ihr Atem ging ruhig und friedvoll wie der eines müden Kindes, das traumlos eingeschlummert ist. So war sie denn ohne Säumen gekommen und hatte, seiner wartend, ihre kindliche Schlafensstunde eingehalten! Er rührte sich nicht, er atmete leiser, er stand vor ihr und mühte sich nur ganz sacht sie zu betrachten, daß auch sein Blick nicht ihren Schlaf unsanft berühre. Sehr müde mußte sie sein! Die Lippen waren wie im Schmerz herabgebogen. Wie gern hätte er im Kuß ihre bange Starrheit gelöst. Ärgerlich über eine Störung fuhr er auf. Ein Knirschen deutete an, daß die große Kuppel aufgerollt wurde. Es war Mitternacht und die Wende, wo man die Novemberschwärme suchte. Mit dem bestirnten Blau der Nacht schwebte vielstimmiges Glockenläuten in den Raum. Die Kirchtürme von Paris sandten am lautesten und klarsten den nächtlichen Arbeitern der Sternwarte ihre tönenden Grüße. Givo kannte sie alle, dies war die Stimme der Jacqueline Montague, der Glocke von Notre Dame, deren Tore sein astronomischer Ahne Dupuis vor der Verwüstung der Revolution beschützt, da war der ein wenig heisere Klang von Julien le Pauvre, der wie der Ruf eines alten Mannes war, das helle kindliche Läuten wohl von St. Gervais, die schallenden Rufe der Madeleine, dann ein banges, mahnendes Klingen von weither. Er wußte, jetzt kam dieses und nun tönten jene beiden zusammen und dann wie eine, die sich verspätet hat, lief aus der Ferne noch wie in zärtlicher Sorge eine feine Glockenstimme daher, die er Cecile nannte. Dann kam die Stille der Nacht, die Lichter der Stadt funkelten wie ängstlich, die roten Laternen der kleinen Seinedampfer erloschen, das Raunen von Paris erstarb, auch die ewig wache Stadt schien mählich zu schlafen. Nun aber gingen Türen, eine Zimmerglocke läutete. Hier war man wach zur Arbeit. Arabella schlug die Augen auf. Givo trat rasch zur Seite. Sie sollte nicht erschrecken, sollte sich nicht im wehrlosen Schlaf Blicken preisgegeben fühlen, doch sollte sie ihn gleich bemerken, damit sie in fremder Umgebung nicht erschrecke. Als er sich wandte, saß sie aufrecht und blickte ihn an. Er erinnerte sich später immer wieder dieses Ausdruckes ihrer Augen. Er schien aus Meertiefen zu kommen, der feuchte Glanz unendlich dunkelnder Tiefe und die unbewußte gefährliche Schönheit einer rätselvollen Welt war in ihm eingefangen wie in einem einsamen Teich, der Nixen und vorzeitliche Tiere spiegelte.

»Haben Sie Hunger?« fragte er und lächelte ihr zu. Er wollte sie freundlich in die Wirklichkeit zurückrufen.

»Ich habe geschlafen,« sagte sie. »Ich bin ein wenig müde gewesen all die Zeit, das war wohl der Grund. Ich lief so sehr, man verfolgte mich« -- nun war die Furcht wieder da, aber ebenso rasch schwand sie. Lächelnd streckte sie ihm die Hand entgegen, die er mit beiden Händen ergriff.

»Hier verfolgt Sie niemand, Seelchen,« sagte er.

»Wie schön es hier ist, welch schöne bestirnte Decke. Oh, ich habe die Sterne so lieb. Man wird so arm in der Stadt. Auf dem Lande da haben auch die ganz armen Leute die schönen Dinge.«

»Cecile Gloriot hat einen großen Garten und dort werden Sie geborgen sein. Niemand wird Sie verfolgen. Kein häßlicher Brief darf dort zu Ihnen.«

»Und Sie, werden Sie mir schreiben?«

»Ich werde Ihnen schreiben und werde Sie besuchen.«

»Sie schrieben so lange nicht.«

»Ja, das ist nun vorbei. Von nun an werde ich häufig schreiben und, wenn dann einmal eine Pause eintritt, werden Sie wissen, er denkt doch an mich, der Herr Sterngucker. Wollen Sie einmal durch das große Fernrohr sehen? Es ist nur neun Meter lang und reicht bis in den Himmel.«

Er führte sie im Gebäude umher, erklärte ihr Apparate und Pläne. Plötzlich hielt er inne. »Nun haben Sie mir meine erste Frage noch immer nicht beantwortet. Haben Sie Hunger?«

Sie nickte.

»Kommen Sie. Ein wenig Zwieback ist vorhanden, einige Krumen für ein Vögelchen.«

»Wissen Sie, wer auch sehr, sehr gut ist?« sagte sie. »Urbacher und Karinski.« Und sie erzählte ihm von den beiden, während sie mit ihren länglichen schmalen Zähnen am Zwieback knabberte. »Glauben Sie, daß Va mich zu Ihrer Freundin fahren läßt? Ach nein! Und was wird dann aus mir?« Sie berichtete ihm all das, was Marguerite ihr gesagt. Von Konrad mußte sie ausführlich erzählen. Givo schrieb, während sie von ihm sprach, auf einen kleinen Block einige Worte nieder. Als er genug wußte und Arabella sich blaß gesprochen hatte, sagte er: »Ach, das Seelchen ist schon müde. Ich bringe es nach Hause.« Sie gingen in die Stadt hinaus. Die Straßenlaternen waren verloschen, leer glänzte der Asphalt wie ein grüner See. Schwerpolternd kamen ab und zu die breiten Gemüsewagen angefahren, die zu den Hallen rollten; ein scharfer Duft von Kräutern mengte sich plötzlich in die Nachtluft. Vor den Cafes standen umgestürzt die Sessel an den Marmortischen, manchmal umschlich sie eine müde Gestalt und stocherte mit einer Gabel nach Tabakresten. An den geschlossenen Kiosken lehnten Dirnen in leisem Gespräch und duckten sich in ihren Schatten, wenn der Schutzmann vorüberkam. Aus einer Nebengasse schrillten plötzlich Pfiffe, eine Gestalt lief quer über den Damm, dann ward es wieder still und sie hörten ihr eigenes Schreiten. Er wollte in einem Wagen sie rascher zur Ruhe bringen, vielleicht auch erwartete man sie. Es kam keiner. Ihr war es um so lieber. Wäre der Weg nur länger noch gewesen! Es ward nun ausgemacht, daß er mit Mannsthal sprechen würde, nachdem Angele von Twede ihn vorbereitet, und daß er dann selbst sie zu Cecile Gloriot bringen würde, die er lange nicht gesehen. Als sie bei ihrem Haustor angelangt waren und er schon die übliche Aufforderung an den Portier zur Öffnung des Tores hatte ergehen lassen, ergriff Vögelchen seine Hand, zog ihn heftig näher und rascher, als er es wehren konnte, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund. Dann verschwand sie mit leuchtendem Blick, ihn noch einmal umfassend, in der Dunkelheit des Flures.

Konrad an Hedwig

»Wenn Du nicht Mensch mehr bist und Dich verleugnet hast, So ist Gott selber Mensch und traget Deine Last.«

(Angelus Silesius.)

Zwei Wochen nach diesem Abend etwa schrieb Konrad an Hedwig:

»Liebe Schwester, als ein anderer Mensch schreibe ich Dir heute als der alte vielleicht. Ich habe reine Wäsche, ich trage ordentliche Kleider, ich verdiene vorläufig durch Abschriften wissenschaftlicher Arbeiten Frühstück, Abendessen und Wohnung. Den Mittagstisch habe ich frei. Ja, der Mittagstisch, so begann es. Ich bekam vor zehn Tagen die Aufforderung, mich um zwölf Uhr bei Frau Calou, rue de quatre Portes, zum Speisen einzufinden. Wenn der Magen leer ist, besinnt man sich nicht lange, auch eine fast anonyme Einladung anzunehmen. Ich fand einen kleinen Saal, in dessen Mitte eine sauber und schlicht gedeckte Tafel wie in einem privaten Speisehaus seine Gäste erwartete. Nebenan war ein Arbeitszimmerchen. An einem Schreibtisch saß inmitten von Rechnungen und Briefen Frau Calou, eine grauhaarige Vierzigerin mit derben Zügen und den lebhaftesten, gütigsten Augen, die ich jemals sah. Die Art, mit der sie mich aufnahm, war die eines Untersuchungsrichters. »Ihr Fall wurde mir von einem Mitglied des »Sozialen Dienstes« gemeldet, die Recherchen wurden heute beendigt.« Und nun rollte sie mein Leben auf, mein erbärmliches Leben. »Wollen Sie wieder ein anständiger Mensch werden?« fragte sie. »Ja,« sage ich. »Dann ist unser Geschäft gemacht,« ruft sie aus. »Sie finden sich täglich um halb ein Uhr hier zum Mittagstisch ein, Sie wählen ein Zimmer bei einer der vorgeschriebenen Vermieterinnen, Sie übernehmen vorläufig Schreibarbeiten für M. Tallandre vom Observatoire, der aus einem ziemlich unleserlichen Manuskript eine anständige Abschrift wünscht. Diese Arbeit wird Sie einen Monat in Anspruch nehmen, wobei Sie Ihre Privatstudien verfolgen können. Sie erhalten täglich zwei Francs von M. Tallandre, dem Sie Ihre Arbeit wöchentlich abzuliefern haben, weitere drei Francs von einem unbekannten Wohltäter, von denen ich 1 Francs für Ihre Bekleidung, die ich besorge, zurückbehalte. Nach der Schreibarbeit werden Ihnen, falls Sie diese anständig verrichtet haben, neue Wege offen stehen. Jedenfalls ist zwei Monate lang für Sie gesorgt. Die Recherchen bleiben aufrecht. Wenn man Sie wieder mit dem Trunkenbold antrifft, verlieren Sie alle Begünstigungen, desgleichen wenn Sie die Wege jenes Mädchens aus Ihrer Heimat kreuzen. Gegen Ihre Beziehung zu der Aupin ist nichts einzuwenden, wenn Sie dort nicht anders verkehren als irgend einer ihrer anderen Kunden. Sie sehen, wir sind nicht strenge. Aber wir sind rachsüchtig. Verfallen Sie in Ihre vormalige Lebensweise, so verfolgen wir Sie und erwirken, daß Sie bestraft oder in Ihre Heimat abgeschoben werden. Sie sind uns verfallen. Nun blicken Sie nicht so düster. Ich hoffe, dieser Blick gilt Ihrer Vergangenheit, nicht der Zukunft, die wir Ihnen ebnen wollen. Und nun gehen Sie in den Eßsaal und guten Appetit. Man lärmt schon drinnen. Unsere Schützlinge versammeln sich. Es ist hier nicht Sitte, daß einer dem anderen von seinem Schicksal erzählt. Wir haben hier lediglich Hungrige, Schwächliche des Lebenskampfes, Rekonvaleszente, Entgleiste. Niemals war ein Fall hoffnungslos, den wir behandelt haben. Aber wir wollen durch schlechte Beispiele und Depressionen nicht unsere Arbeit erschwert finden. Deshalb fordern wir Diskretion. Auf Wiedersehen bei Tisch.« Dies alles war trotz aller Schroffheit so gütig vorgebracht. Ich drehte meinen Hut in der Hand wie ein Bettler, der aus Rührung und Beschämung keine Worte des Dankes findet. Man schob mir noch ein Zettelchen hin, auf dem Adressen von Wohnungen standen, unter denen ich zu wählen hatte. Dann stand ich in dem Saal. Es waren etwa fünfundzwanzig Menschen da, Frauen, Mädchen, Studenten, ein alter Mann, zwei Kinder. Ein Mädchen hatte einen dreijährigen Jungen neben sich sitzen, mit ernstem ältlichen Gesicht, er war musterhaft brav, benahm sich wie ein Erwachsener. Er glich ihr, offenbar war es ihr Kind. Ich mußte an Deinen Jungen denken, Hedwig, und an Deine bösen bangen Zeiten, in denen Dir nicht geholfen ward wie dieser dort. Und daß Du allein bist und unbeschützt, will ich an ihr gut machen, damit auch Dir geholfen werde. Seither sind wir einander nähergekommen, haben vergangenen Sonntag einen Ausflug miteinander gemacht. Der Kleine hat sich sehr an mich angeschlossen. Er sitzt nun neben mir bei Tische. Frau Calou präsidiert der Tafel. An jenem ersten Tage fand ich bereits meinen Namen an einem der Plätze neben einer Frau Lövgard (einer Übersetzerin, die mir riet, meinem Gelehrten anzutragen die Arbeit von mir ins Deutsche übertragen zu lassen, was ich denn auch mit Erfolg vortrug). Mein zweiter Nachbar war ein Mediziner, der über die Schädlichkeit des übermäßigen Alkoholgenusses kürzlich eine preisgekrönte Abhandlung schrieb. Ich vermute, daß er selbst Trinker war. Nach dem Essen werden des Sonntags kurze Vorträge veranstaltet. Auch ich werde sprechen über ein historisch-theologisches Thema.

Marguerite machte eine »Szene«. Sie verstieß mich, aber tagsdarauf paßte sie mir auf und fragte mich, wie ich mit der neuen Wohnung zufrieden sei. Ich war und bin es durchaus. Wir verabredeten ein Wiedersehen, sie hielt es nicht ein. Schließlich bin ich wieder unter einem Vorwand zu ihr gegangen. Ich habe mit Frau Calou über sie gesprochen, aber sie sagte, daß solche Fälle immer hoffnunglos seien. Sie erzählte mir, daß Marguerite bei Ariel gewesen und Geld für mich erpreßt habe. Von dem Geld habe ich nichts bekommen. Mein armer Ariel, er ist fort. Ich weiß nicht wohin. Ich habe ihn vertrieben, ich käufliches Untier. Aber erreicht ist es doch: ich habe sie von dem Verführer getrennt, meine Mission ist erfüllt, ihre Mutter hat mich nicht umsonst bezahlt. Ein neues Leben kann beginnen. Und Du, Hedwig, die ich anfülle randvoll mit meinen Schicksalen, sag' auch Du mir Deine Mühsale. Deinen Briefen danke ich es, daß ich in diesem Schlamm nicht völlig erstickte und meiner Rettung aufgespart blieb. Ich küsse Deine Dulderhände und bin in Treue Dein

Bruder Konrad, der Narr.

_P. S._ Finde Zeit zu Doktor Urbacher zu gehen und ihm von Arabella zu erzählen. Es könnte vorteilhaft sein diese Verbindung anzuknüpfen.«

Asyl Gloriot

Der erste Frühschnee lag wie ein Flor auf den alten Bäumen, die den großen Bauernhof umstanden, den Cecile Gloriot zu einem ihren Zwecken aufs beste entsprechenden Wohnhaus umgewandelt hatte. In der Diele brannten schon im großen Steinkamin die wohlriechenden Holzscheite. Es war halb zwölf Uhr. Anna Bergmann, Ceciles Stellvertreterin, eine hellblonde Deutsche, saß vor einem Wäschekorb, der mit Nüssen angefüllt war. Fräulein Anna erzählte selbsterdachte Märchen.

Cecile Gloriot war in die nahe Stadt gefahren, um Einkäufe zu erledigen. Ihre Post lag auf dem Tisch bereit, der unter der Stiege, die zu den Schlafräumen führte, an dem blumenbesetzten Fenster mit den weißen Mullvorhängen stand. Man erwartete Tante Cecile für den Nachmittag.