Vögelchen

Part 12

Chapter 123,749 wordsPublic domain

Vögelchens Lippen lispelten es und sie waren bleich wie die einer Toten. Und nun hörte er die Stimme der Leroux, die heiser kreischte, und er hörte sie nicht. Marguerite hatte sich unter die Decke versteckt, kicherte und biß ihn dabei in den Arm. Er riß sich los, sprang auf und indem er mit drohender Gebärde der Leroux den Weg verstellte, schrie er: »Wenn Sie nicht schweigen, werde ich die Anzeige machen, daß Sie mir meine Wäsche gestohlen haben. Morgen verlasse ich Ihr Haus. Adieu.« Die Frau hob die Hände, als fürchte sie, der Wütende würde sie schlagen. Sie hatte alles eher erwartet als in dem linkischen Mieter, der sich so viel gefallen ließ, einen Herrn zu erblicken, der ihr nun gebieterisch die Türe wies. Als sie draußen war, hüpfte Marguerite aus dem Bett. »Ungeheuer,« sagte sie, »diese schmutzige Witwe! Ich suche dir eine andere Wohnung. Indessen kannst du bei mir schlafen. Da machst du noch ein Geschäft dabei.« Als sie gegangen war, vermißte Konrad seine Uhr. Er wußte nicht, ob nicht etwa die Leroux sie rasch entwendet hatte, während der Traum ihn noch in Marguerites Armen umfangen hielt. Er packte seine Sachen, schlief dann bis gegen Mittag, bezahlte die Leroux, indem er ihr noch einen Teil der gestohlenen Wäsche abpreßte, und verließ fast mittellos das Haus. Sein erster Weg war aufs Postamt. Dort fand er ein Schreiben von Monika Gallo, die ihm mitteilte, daß sie vom Onkel Camill eine Karte aus Paris erhalten habe ohne Angabe der Adresse. Sein zweiter Weg war auf das Konsulat, um nachzufragen, ob man dort eine Stellung für ihn gefunden. Die Antwort war abweisend. Man käme nicht nach Paris ohne Mittel und Empfehlungen, man täte besser, keine Vergnügungsreisen zu machen, wenn es einem an Geld fehle. Wenn er hungere, könne man ihn schließlich in die Heimat befördern, das wäre alles, was von Amts wegen vorgesehen sei. Aber Konrad wollte nicht in jene Heimat. Seine Heimat hieß: Ariel. So wurde er denn vorderhand Zuhälter bei Marguerite Aupin.

Er hatte an Monika geschrieben und sie ersucht, bei Custoves Bekannten nachzuforschen, er schrieb an Hedwig, ob sie ihm Rat wisse, aber er verschwieg ihr seine Notlage. Um keinen Preis hätte er von Hedwig Geld genommen. Marguerite erhielt ihn. Sein Leben war nun geteilt zwischen der Bibliotheque nationale, den Kirchen, dem Luxembourggarten und den Schenken, in die er das Mädchen begleitete. Er war verliebt in Marguerite und er reizte sie, damit sie ihn schlüge. Sie hatte ihm sein letztes Geld abgenommen unter dem Vorwand, ihn zu verköstigen, was indessen nur geschah, wenn sie zusammen in Kneipen gingen. Einige Tage arbeitete er für das Mittagessen als Messerputzer in einem Gasthaus. Als es bekannt wurde, wie er zu der Aupin stünde, die dort Geld schuldig war, entließ man ihn. Das Ärgste war, daß er dabei sein mußte oder im Vorraum ihres Zimmers, wenn sie Besuch hatte. Oft hatte er das Geld entgegen zu nehmen für ihre Gefälligkeiten. Eine tierische Eifersucht hatte ihn befallen. Marguerite ließ sich kaum mehr von ihm berühren. Er sollte doch zu den »_femmes à cheveux_« gehen, den Dirnen ohne Hut, und sich das Geld vorerst für sie zusammenbetteln. Einmal aber, als sie ihn weinen sah wie ein kleines Kind, blieb sie eine Nacht lang in seinen Armen. Er hatte ihr in diesen Stunden sein Leid geklagt und sie war ergriffen. Sie versprach ihm die Hilfe eines befreundeten Detektives. Indes suchte er wieder Paris ab. Die Gewißheit, daß Vögelchen ihm nahe war, machte ihn in all seiner Verblendung oft trunken vor Glück. Es war schon kalt geworden und er hatte seinen Mantel versetzt. Niemand kannte wie er die Besuchstunden der Galerien und Bibliotheken, die er zu seinen Wärmestuben erwählt hatte. Er kam als erster und die Diener rasselten schon mit den Schlüsseln, wenn er ging. Nun stand er auch wieder vor den Brasserien und sättigte sich an dem Bratenduft, der aus den Räumen drang. Manchmal trat er in einen Laden, wartete geduldig, wenn Käufer anwesend waren, und verlangte dann etwas, das man gewiß nicht bekommen konnte, nur um sich zu wärmen. Endlich brachte ihm Marguerite Nachricht von Camillo.

Bei Angele

Vögelchen hatte nun von Konrads Anwesenheit und seiner traurigen Verfassung erfahren und ihm durch den Diener Geld gesandt. Sie lief Geschäfte ab, um für ihn einzukaufen. Sie besorgte feine Krawatten, nicht ahnend, daß er längst nicht mehr den Kragen dazu besaß, und Leckerbissen, zu denen es ihm an Brot fehlte. All dies versteckte sie wie ein Kind, das sich eines Geheimnisses freut. Schließlich forderte sie von Camill Konrads Adresse. Indes ereignete sich folgendes: Der Salon der Karikaturisten veranstaltete seine Ausstellung. Mannsthal, der unter Künstlern und Händlern bekannt war, bekam eine Einladung zur Eröffnung. Dort sah er Angele von Twede wieder und ein Attache der xten Gesandtschaft stellte ihn der Frau des ausländischen Kollegen vor. Angele begrüßte Adalbert Mannsthal freudigst. Als er aber nach Gilbert von Tirotzky, ihrem Bruder, fragte, von dem er seit Jahren nichts mehr gehört hatte, breitete sich ein Schatten über die Lichtheit ihres Antlitzes. Warum sollte sie es seinem ehemaligen Kameraden verheimlichen? Er sei in der Bedrängnis einer der Familie unerklärlichen Erpressungsaffäre freiwillig aus dem Leben geschieden: Mannsthal erbebte in seinen Festen, als er es erfuhr. Er wurde bleich und fand kaum die Sprache, seine Bestürzung zu äußern. Er wußte, wer einst der Verführer Gilberts gewesen, und ahnte, welcher Art die Erpressung gewesen sein mochte, die ihn schließlich zum selbstgewählten Tode trieb. Diese königliche Frau, die mich mit ihrer Huld beglückt, sagte er sich, sie weiß nicht, daß sie mit dem Mörder ihres Bruders spricht. »Mama ist daran gestorben, bald nachdem wir Ihnen in Homburg begegnet waren,« sagte Frau von Twede. »Ihr Herzleiden verschlechterte sich rapid. Papa war nicht mehr, Gilbert tot, ich selbst in der Ferne. Herr von Twede war damals in Konstantinopel stationiert. Seit zwei Jahren leben wir hier.« Und um die Schatten der Vergangenheit zu bannen, neigte sie sich zu einem Bildchen herab. »Ach, sehen Sie doch, wie köstlich,« und dann nach einer Weile »und Sie? Sie waren verheiratet oder sind es noch?« Mannsthal schüttelte den Kopf. »Ich habe eine Stieftochter. Sie lebt bei mir. Darf ich sie Ihnen bringen?« Er sah diese lichte Frau und wie eine Rettung schien sie ihm in seiner Not um Arabella. »Wie lieb wäre das von Ihnen. Ein junges Mädchen aus der Heimat. Das wird so sein, als sähe man sich selbst wieder.« »Nein, erwarten Sie das nicht -- oder« in Mannsthals Auge blitzte es plötzlich auf, »oder erschrecken Sie nicht. Sie gleicht jenem Kinderbilde, das Gilbert von Ihnen besaß, dieser Miniatur, die er bei sich trug.« Es war merkwürdig zu sehen, wie ein verräterisches Rot in seine Wangen stieg und unter ihrer Gelblichkeit sich entflammte. »Ein Mann allein mit einem jungen Mädchen in Paris. Bringen Sie mir das Töchterchen.«

»Wann dürfen wir kommen?«

»Heute, wollen Sie? Zum Tee. Man soll niemals den Wink des Zufalls unbeachtet lassen. Ich habe immer Gäste zur Teestunde. Ah, Baron, da sind Sie ja wieder! Dank, daß Sie mir Mannsthal brachten! Nun auf Wiedersehen heute nachmittags.«

Während Adalbert mit dem Baron noch einmal die Säle durchschritt, erfuhr er, daß Herr von Twede, ein ehrgeiziger Diplomat, wenig Sinn für anderes habe als seine Karriere, daß Angeles Ruf tadellos sei. Ihre Leidenschaften gälten der Malerei und der Musik. Sie hätte ein einziges Kind am Tropenfieber verloren, einen Knaben Gilbert, nach dem Bruder benannt.

Gilbert! Konnte er, durfte er zu ihr gehen, da er sich an seinem Untergang schuldig fühlte? Aber gerade das verstärkte die Anziehung, die ihre Lichtgestalt ihm einflößte. Er holte Arabella ein, die im Bois spazieren ging. Er hatte es vorgezogen, sie nicht zur Besichtigung der Karikaturen mitzunehmen. »Eine Dame lädt dich ein. Oh, sie ist so schön, eine Königin! Sie wird dich lieb haben. Wir wollen heute nachmittags zu ihr. Es werden auch andere Leute dort sein.«

»Gern, aber ich habe dann zu tun --«

»Ein Geheimnis?«

»Ja,« aber sie lächelte so unbefangen, daß er nicht mißtraute.

»Nun vorher also. Sei um fünf Uhr bereit.«

»Wer ist sie?« Adalbert erzählte.

Um halb fünf traten sie in Frau von Twedes Salon. Vögelchen erschrak zuerst ein wenig über die vielen Leute, die alle fremdländisch und so sicher waren. Aus ihrer Mitte aber schien ein lichter Strahl sie zu bescheinen, eine Stimme voll Güte und Feinheit brach sich oft Stille durch das wirre Geplauder. Angele von Twede hatte die sanfte Schwermut und die volle Tiefe deutscher Musik in ihrer Kehle. Arabella reichte ihr errötend die Hand und fühlte unter einem Freudeschauer den Hauch eines leisen Kusses auf ihrer Stirne. Angele hielt ihre Hand, während sie mit den anderen sprach. Eine Balkandame, eine Musikerin, setzte sich an den Flügel und spielte Wagner, der eben in Paris bekannt wurde. Vögelchen wurde traurig. Diese Musik griff in ihr Innerstes. Sie fühlte sich plötzlich verlassen. Adalbert war ihr hier wie ein Fremder. Zum ersten Male fühlte sie, daß ihre eigentliche Gemeinschaft ein Geheimnis war, etwas, das verborgen sein mußte, weil es nicht selbstverständlich war. Oder spürte ihr seltsamer Instinkt, daß der Geliebte hier einer andern Frau gehörte? Frau von Twede sprach nur für ihn. Arabella sah es, aber Frau von Twede hielt ihre Hand wie eine Freundin. Sie konnte ihr nicht böse sein. Sie liebte sie. Und plötzlich streichelte sie selbst diese Hand. Dann trat Herr von Twede ein. Seine Frau ward stiller in seiner Gegenwart und schien in leiser Schwermut der Musik zu lauschen. Um Adalbert hatte sich eine Gruppe gebildet. Er war brillant im Gespräch. Aus allen Zeiten und Erdteilen, aus allen Welten der Arbeit und der Kunst, allem Wissen des Menschlichen und Menschlichsten flocht er seine Rede, seine Antworten, Beispiele und Anekdoten. Er selbst entzündete sich an seiner Rede. Einzelne Worte blitzten auf wie Solitärs in kostbarer Fassung, schon fühlte er den unzerreißbaren Kontakt mit seinen Zuhörern, er sah und hörte selbst, was er sagte, und seine Sätze und Wortbilder veredelten sich in seiner Gewalt: sein Gespräch war ein Kunstwerk. Angele schien nur Musik zu hören: sie hörte nur Mannsthal. Als Herr von Twede sich zurückgezogen hatte, wandten die beiden sich wieder einander zu. Die Musik war verstummt. Vögelchen saß wie eingeduckt unter den vielen fremden Menschen, deren Sprache sie nicht zu kennen schien. Warum blieb sie hier, hatte sie nicht Wichtiges zu tun? Leise stahl sie sich hinaus. Sie ließ sich ihren Mantel umlegen und gab dem Diener Auftrag zu bestellen, sie würde wieder kommen. In ihren Taschen hatte sie zwei Pakete verborgen. Sie hieß einen Wagen holen, nannte Konrads Adresse und fuhr ab. Kutscher wundern sich ganz selten nur. Sie kennen alle Stadien des Lebens. Sie führen die Schwangere auf die Gebärklinik, den Säugling zur Taufe, den Trauernden hinter dem Sarge zum Friedhof, den Deserteur zur Bahn, sie gewähren Liebenden Obdach und geben ahnungslos Selbstmördern ein letztes Asyl, sie führen die Dirne zum Palast des Fürsten und die Dame, der ein Lakai den Pelzmantel um die Schultern legt, zu der Mansarde des Studenten. So führte denn der Kutscher Vögelchen zur schmutzigen Behausung jener Marguerite Aupin, deren Zuhälter Konrad Kruger, stud. theol., Sohn des Landesschulinspektors und Hofrats Engelbert Kruger war. Sie ließ den Wagen warten und stieg die zwei Treppen hoch. Auf den Gängen standen die Frauen im Gespräch. Die Wasserleitung stellte den Brunnen dar, der Gang den ländlichen Dorfplatz, an dem die Mägde, den Krug auf dem Kopfe, plaudernd verweilen. Einige kümmerlich blühende Blumenstöcke am Fenster ersetzten die Landschaft. Wie dürftig er wohnt, dachte mitleidig Arabella, als sie die unordentlichen Gestalten sah und den fast unverständlichen Argot ihrer Rede vernahm, die, als sie vorüberkam, verstummte und hinter ihr wie zischelndes Kielwasser wieder zusammenfloß. Sie fürchtete sich vor diesen schmutzigen Frauen und bewunderte Konrads Mut, der wohl täglich an ihnen vorüberging. So tastete sie sich, ohne nach ihm zu fragen, die ausgehöhlten Stufen hinauf, bis sie an einer Türe jenen Namen fand: Aupin. Ja, hier wohnte er. Hinter der Türe fand eine laute Unterredung statt. Mann und Frau wechselten die Rede. Nicht Konrads Stimme war es. Auf Vögelchens Klopfen öffnete jemand und schloß gleich wieder, von einer kreischenden Zurechtweisung ermahnt. Im Spalt der Türe hatte Arabella eine Frauensperson in mangelhafter Bekleidung und einen Mann gesehen, einen Arbeiter mit braunen Samethosen, die an den Schuhen zugebunden waren. Nach einer Weile wurde wieder geöffnet. Der Mann fragte nach Vögelchens Begehr mit der Höflichkeit und dem Anstand des Parisers. »Kruger? Kruger!« Er rief den Namen aus der Küche ins Zimmer zurück. »Hm, Marguerite, ist das dein --? Eine kleine Dame sucht ihn. Vielleicht eine Prinzessin aus seinem Lande. Treten Sie ein, Madame.« Drinnen rief die Stimme nun höflich: »Gleich, Fräulein, ich komme gleich.« Marguerite erschien in einem rosa Schlafrock. »Er ist nicht zu Hause. Mein Gott, wie wird er sich kränken, der arme Junge. Geh, Ernest, sieh mal vors Haus oder zu Cuvier hinüber, dort hilft er zuweilen aus. Er scheut keine Arbeit, wissen Sie, um sich ehrlich durchzubringen. Setzen Sie sich, Fräulein.« Sie rief es aus dem Zimmer, in das sie zurückgeeilt war, um das Bett zurecht zu machen. Ernest war verduftet.

»Wollen Sie nun eintreten, Sie müssen die Unordnung entschuldigen. Wenn man nicht vorbereitet ist, nicht wahr?«

»Wo ist Konrads Zimmer?« fragte Vögelchen.

»Hier oder draußen, er hält sich überall auf. Ich nehme es nicht so genau.«

Sie schlafen zusammen, dachte Arabella und besah sich Marguerite. Sie mißfiel ihr. Alle Frauen in Paris mißfielen ihr. Die dicke Schminke, mit der sie bedeckt waren, ekelte sie. Marguerite war zart, sie hatte große Augen, die klug leuchteten, aber sie waren dunkel untermalt und die grellen Wangen ließen sie derb und roh scheinen. Aber gleichzeitig empfand Vögelchen Mitleid mit ihr wie mit einem Tiere. In Marguerites Blick, der forschend und furchtsam zugleich zu Arabellas Vornehmheit aufsah, lag etwas hündisch Zerbrochenes, etwas, das plötzlich selbst hineinsah in den eigenen Abgrund und um Vergebung bettelte.

Arabella hatte sich gesetzt, ganz vorsichtig an den Rand des Stuhles, als fürchte sie sich zu beschmutzen und sah nun selbst ein wenig hilflos zu der fremden Frau hinüber. »Ich habe ihm etwas mitgebracht.« Sie zog die Pakete hervor. »Bitte, geben Sie ihm das. Ich kann nicht lange warten. Haben Sie vielleicht ein Stückchen Papier. Danke, einen Bleistift hab' ich selbst.« Sie nahm den goldenen Stift, den sie an einer kostbaren Chatelaine trug. Auf das ein bischen fette Papier schrieb sie in einer Marguerite unverständlichen Sprache.

»Mein armer Herr Prediger, wie schlecht ist es Ihnen bekommen mir nachzureisen! Wie können Sie leben in dieser häßlichen Wirtschaft! Ich habe Ihnen Krawatten und Leckerbissen gebracht. Schade, daß ich Sie nicht angetroffen habe. Soll ich Va sagen, daß er Ihnen helfen soll? Nun muß ich wieder zu den Menschen zurück, denen ich eben davonlief. Wir waren zu Besuch. Dort ist eine schöne Frau, die ich küssen möchte, so ein Engel ist sie. Ihnen muß geholfen werden! Kommen Sie morgen früh vor unser Haus. Ich werde durch Camill Nachricht schicken. In Eile

Arabella.«

Vögelchen stand auf und schüttelte den Blick des Mädchens ab, der die ganze Zeit über sie umfaßt hielt. Es roch nach schlechtem Parfüm und Abfällen aller Art. »Armer Konrad,« dachte sie, und dann wieder, »um meinetwillen«. »Bitte, geben Sie ihm diesen Brief und die Pakete,« sagte sie. Marguerite griff nach den Sachen. Sie, die Konrad schlug, war gegen dieses junge Mädchen schüchtern und linkisch. Sie wußte als Pariserin sehr gut, daß ihr Schlafrock schlechter Sorte war und ihre Schminke billig, an Arabella aber alles aus ersten Quellen. Das machte sie unsicher und neidisch. Und wenn sie auch Konrad nicht liebte, er war ihr Knecht und sollte es bleiben. Diese fremde Puppe würde sehen, wer die Stärkere war.

Als Vögelchen gegangen war, öffnete sie die Pakete. Sie verzehrte, da sie eben sehr hungrig war, den größten Teil der Leckerbissen und als Ernest zurückkam, um zu melden, daß Konrad einen Weg für Cuvier gemacht, schenkte sie ihm eine der teueren Krawatten. Spät abends kam Konrad aus dem Gasthaus herüber, in dem er eine Stelle als Aushilfekellner erhalten hatte, weil dort deutsche Studenten verkehrten. Marguerite hatte sich zu Bette gelegt und brummte, als sie geweckt wurde. Dann erinnerte sie sich des Besuches und wurde freundlich. »Sieh doch, mein Kleiner, wer dagewesen ist und was man dir mitgebracht hat.« Sie richtete sich im Bett auf und sah ihn bei der Kerze lesen. Er sah alt aus und übermüdet, aber die Erregung und Freude veredelten sein Gesicht. Seine Gestalt war männlicher geworden. Nein, er war so übel nicht, der kleine Abbe. Sie dachte nicht daran ihn preiszugeben. Mit ihm konnte man sich auch sehen lassen, wenn bessere Zeiten kamen.

»Nun, hast du ihn wieder, deinen kleinen Schatz,« sagte sie. »Und wem verdankst du es? Deiner Marguerite! Komm her und zeig, daß du ein guter Junge bist.«

»Gleich, gleich,« sagte er. »Ich bin bald wieder hier. Ich muß noch zu Cuvier hinüber.«

Er lief, den kommenden Morgen frei zu bitten, um an Vögelchens Tür auf ihren Ruf warten zu können. An einem Sonntag, ob er denn bei Sinnen wäre, unmöglich! Dann träte er aus dem Dienst. Den morgigen Vormittag müßte er frei haben. Der Wirt wurde ärgerlich. Er warf ihm den Lohn für drei Arbeitstage hin. Er war entlassen. Befreit, lief er zurück zu Marguerite. Sie schmollte wie eine Verliebte. Oh, wie er sich freute, wie begnadet er war! Wo war Vögelchen gesessen? Dieses Papier mit ihrer kindischen Schrift, wie heilig war es ihm! Und der künftige Morgen! Er umarmte die gefügige Marguerite mit der Glut seiner unbändigen Freude.

Vögelchen war froh gewesen, den Wagen, der sie gebracht, vorzufinden. Der führte sie ja so weit sie nur wollte. Wie häßlich es in diesem Hause, in dieser Straße war! Wie ihr das Elend in alle Glieder kroch! Adalbert war ihr so weit, so unerreichbar unter Fremden. Hatte sie denn niemanden, zu dem sie flüchten konnte? Wo war jener Jüngling aus der Sainte Chapelle? In seinem Blick nur hätte sie Zuflucht gefunden. War das Unrecht gegen Adalbert, der so unermeßlich gut zu ihr war, dürfte sie eines andern Zuflucht begehren? Sie dachte an Norton. Plötzlich tauchte seine junge Hünenhaftigkeit vor ihr auf. Sie litt so sehr, wenn sie sich seiner erinnerte, und doch, warum kam er nicht wieder? Konrad war ihr nachgereist. Nun lebte er mit diesem Mädchen. Er hatte dort nicht einmal einen Tisch mit seinen Büchern. Wie karg das Leben sein konnte! Es wurde dunkel. Sie lehnte sich in den Wagen zurück, sie wollte nichts sehen von den Straßen. Jetzt blinzelten die in der Seine sich spiegelnden Lichtkugeln zu ihr auf. War das die Brücke, an der der Helfer zu ihr getreten? Er dachte, sie sei eine, die sich ins Wasser stürzen wollte. Oh nein, damals nicht. Aber heute? Sie war so traurig. Diese fremde Frau, zu der sie nun fuhr, streichelte ihre Hand, aber sie ließ sie nicht ein in ihr Herz. Vielleicht wollte sie nur Va für sich haben, wußte nicht, daß er schon eine Frau hatte. Frau und Kind! Arabella sagte es sich zum ersten Male, wie eine Fremde es gesagt hätte, nicht freudig mehr, sondern erschrocken. Vielleicht war das Sünde? Konnte es Sünde sein, da sie in seiner Umarmung sich heilig fühlte und erhoben? Oh, nur wieder ihn fühlen, wieder zermalmt sein unter seiner Kraft wie in den ersten Nächten, alles geben, alles erleiden. Durfte sie es noch? Blickte nicht jenes Jünglings Auge wissend in ihr Leben? Durfte sie noch in Feuer hinschmelzen, rief nicht er sie zu anderem Dienst? Und Adalbert hielt sie ja nicht wie früher. Er war wieder Va und sprach nun mit dieser engelgleichen Frau, die er eine Königin genannt hatte. Ach, ein Nest, eine Zuflucht ihrer frierenden Seele!

Imanuel Givo

Motto:

»Es war etwas in ihm, das ihm die Menschen zu richten verbot und in seinem ganzen Leben ihm zuflüsterte, daß er nicht der Richter der Menschen sein, nicht das Verurteilen auf sich nehmen wollte und darum auch unter keiner Bedingung verurteilen würde. Es schien sogar, daß er alles zugab und nichts verurteilte, wenn er auch oftmals schwer darunter litt. Ja schließlich konnte ihn nichts und niemand mehr weder in Erstaunen setzen noch erschrecken.«

(Dostojewski »Die Brüder Karamasoff«.)

Indessen hatten sich allmählich Frau von Twedes Gäste empfohlen. »Seltsames Elfchen, Ihr Töchterchen,« sagte sie zu Mannsthal. »Gewiß fühlte es sich hier nicht wohl und flatterte hinaus, als jemand einen Spalt der Tür öffnete. Oh, bitte, entschuldigen Sie sich nicht, das Kind ist bezaubernd.«

»Nun will ich Sie aber nicht länger stören. Ich lasse den Wagen zurück und werde auftragen, daß man Arabella sage, ich sei bereits nach Hause gefahren.«

»Ach, das sollten Sie nicht. Die Kleine würde sich dann nicht von mir verabschieden können und sich unbehaglich fühlen. Warum soll ich es diesem Einfall nicht danken länger mit Ihnen plaudern zu können? Herr von Twede arbeitet immer des Abends. Meine intimsten Freunde kommen meist nach den Teegästen. Givo zum Beispiel, der niemals in große Gesellschaften geht.«

»Ich bleibe,« sagte Mannsthal mit seinem zuweilen kindlich strahlenden Lächeln.

»Diese Kleine,« begann Angele, indem sie sich in dem kleinen Salon bequem zurecht rückte. »Diese Kleine muß Sie entzücken und ich verstehe, daß Sie sich selbst der Autorität entschlugen, Sie nannten sie Vögelchen. In der Tat erinnert sie mich an diese ursprünglich wilden Tauben, denen die Mongolen Bambusflötchen unter die Flügel binden. Ihr Flug ist Musik geworden, aber er kann sie nicht mehr zur Höhe tragen.«

»Sie meinen, daß ich um dieser Musik willen ihren Flug gedrosselt habe?«

»Ja, und ich glaube, daß sie eines Tages die Flötchen abschütteln wird, um zur Sonne aufzusteigen.«

»Das fürchte ich,« sagte Adalbert leise. Seit Wochen beängstigt sprach er nun wie eine Selbstbeichte diese Worte und sie erleichterten ihn. -- »Wie klug Sie sind, Angele Tirotzky,« und wie immer, wenn er bewunderte, war sein bewegter vieldeutiger Blick kindlich demütig.

»Wenn es wirklich die Sonne ist, brauchen Sie nichts zu fürchten. Nur jene Pseudosonne kann gefährlich sein, die uns Frauen so oft verlockend leuchtet. Lassen Sie Ihr Vögelchen fliegen. Oder sollten Väter egoistischer sein als es Mütter wären?«

Es trieb ihn an, sich dieser Frau gegenüber zu offenbaren.

»Ich bin nicht nur ihr Vater,« sagte er und senkte den Blick wie ein Knabe. Er hatte, ach wie oft sich nach Verachtung gesehnt und überall nur Achtung erfahren. Langsam hob er das Antlitz zu der auf, die er nun zu seiner Richterin machen wollte.

»Ich wußte es,« sagte sie leise. »Damals auf der Stiege im Schloßhofturm! Erinnern Sie sich! Ich habe es später begriffen. Damals erschrak ich nur, als Sie mich, die Zwölfjährige --«

»Und jetzt?« fragte er mit tiefem Ernst.

»Mich machen diese Dinge unsagbar traurig,« erwiderte sie. »Ich kann niemals über sie scherzen, so wenig als ich lachen könnte, wenn jemandes Gesicht von Blatternarben seltsam verzerrt ist.«