Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 7

Chapter 73,418 wordsPublic domain

In Sése begegneten mir zum dritten Male die Sándo, welche wiederum vor uns angekommen waren, hier aber wohl nicht allzuviel Arbeit vorgefunden hatten. -- Im Laufe des Nachmittags ertappte ich meinen famosen Sulewátang bei einer nicht ganz fürstlichen Beschäftigung. In der von ihm bezogenen, neben der meinigen gelegenen Kammer lagen Herr und Diener auf der Bambusdiele und spähten mit Eifer und anerkennenswerter Ausdauer durch die Ritzen auf den Boden. Die Sache interessierte mich, und nicht lange sollte ich auf des Rätsels Lösung zu warten haben. Das ruchlose Paar ließ abwechselnd leise lockende Töne erschallen, welche das neugierig herbeirennende Hühnervolk Séses betörten, immer näher und näher an die Hütte heranzukommen. Alsbald flogen nun ein paar Hände voll Reiskörner auf den Boden unter das Haus, von den arglosen Hühnern mit lautem Freudengegacker begrüßt. Sorglos pickten sie den Reis auf. Da, plötzlich ein entsetztes, lärmendes Auseinanderstieben! Aber schon ist es zu spät. Ein teures Haupt fehlt, und das schönste Huhn zappelt rettungslos in der ihm von oben meuchlings übergeworfenen Schlinge. So beschafft man sich hierzulande billigen Hühnerbraten! Aber schon nahte die Nemesis. Den Dorfbewohnern schienen solche buginesische Scherze nicht fremd zu sein; denn laut zeternd kam bereits der beraubte Eigentümer herbei und ertappte die Schelme, die seelenruhig mit dem Rupfen ihrer Beute beschäftigt waren, in flagranti. Ich machte der nun folgenden erregten Szene ein rasches Ende, indem ich den Eigentümer entschädigte, hernach jedoch den beiden Übeltätern eine Lektion über die Unterscheidung von Mein und Dein erteilte.

Die Nacht verlief ziemlich unruhig. Das kleine Sése konnte nämlich die für den kommenden Aufbruch nötigen neuen Träger nicht allein stellen. Daher waren Boten nach dem benachbarten Tógo ausgesandt worden, um die fehlenden Leute zusammenzurufen. Diese kamen denn auch im Laufe des Abends, und das Beisammensein wurde nun mit Tanz und Rundgesängen gefeiert. Bis lange nach Mitternacht tönte mir das jauchzende »hē–ó–hē, hē–ó–hē« ihrer Liederrefrains in die Ohren.

+Sése -- Timámpu+, den 11. September.

In den ersten Morgenstunden des heutigen Tages traf ein mir entgegengesandter Eilbote in Sése ein mit der Nachricht, daß Herr v. A. auf einer Dienstreise von Malili nach den Dammardistrikten am Towuti bereits in Timámpu eingetroffen sei und dort auf mich zur weiteren, gemeinsamen Bereisung der Seelandschaften warte. Nun war es zwar meine Absicht gewesen, Timámpu auf dem Umwege über die Ortschaften Tawáki und Balambáno zu erreichen, wozu drei Tage erforderlich gewesen wären. So lange konnte ich aber Herrn v. A. nicht warten lassen und beschloß daher unter Verzicht auf dieses Reiseprojekt, auf direkten Gebirgsfußsteigen nach Tabaráno und von dort auf guter Distriktstraße weiter nach Timámpu zu marschieren. Dies ließ sich in einem starken Tagemarsche bewältigen.

Bereits um 6 Uhr befand sich meine Kolonne auf dem Marsche. Es mag manchem Leser befremdlich erscheinen, daß ich die 6. Morgenstunde als früh bezeichne; man hat aber mit den Gewohnheiten der Eingeborenen zu rechnen, die ohne vorherige umständliche Reiskocherei morgens keinen Marsch antreten würden; auch nimmt das Verteilen und Fertigmachen der Tragelasten eine geraume Weile in Anspruch. Häufig stellt sich dabei heraus, daß noch ein paar Träger fehlen, die nun erst herbeigeholt werden müssen. Endlich fürchten die ja nahezu unbekleideten Leute die Morgenkühle und die Taunässe des Busches. Soll ein Aufbruch um 6 Uhr morgens erfolgen, so müssen die Leute spätestens um 4 Uhr mit dem Abkochen beginnen, und das hat bei den Eingeborenen von Inner-Celebes, die die Zeit nicht zu schätzen wissen, seine beträchtlichen Schwierigkeiten.

Die nächsten Höhen wurden auf steilen Pfaden rasch erklommen. Ein letzter Blick auf das freundliche Sése; dann stiegen wir in ein schmales Tal hinab, in dem schnittreifer Reis neben bereits abgeernteten Feldern stand. Gegen den Ausgang des Tales beträchtlich ansteigend, führte der Weg über waldlose Höhenzüge, die wir in zweistündigem Marsche erkletterten. Von der prachtvolle Fernblicke gewährenden Paßhöhe aus ging’s bergab nach der Tabaráno-Niederung zu; das große Dorf gleichen Namens lag in kaum ½stündiger Entfernung unter uns in der Ebene. Wir verließen nun den Eingeborenenpfad und traten auf die große Handelsstraße heraus, die von Malili über Ráu und Balambáno direkt nach Timámpu, der bedeutendsten buginesischen Dammarstation am Towuti-See, führt. Mit einem Schlage fühlte ich mich aus einsamen, entlegenen Gefilden in ein Kulturland versetzt. War es auch nur ein schwacher Pulsschlag des großen Weltverkehres, der sich in den jetzt betretenen Gegenden fühlbar machte, so deuten doch alle Anzeichen darauf hin, daß hier Geister am Werke sind, die sich nicht mehr bannen lassen.

Lange Züge von Toradjas bewegten sich uns entgegen. Sie waren aus Paloppo herübergekommen, um die ungeheueren Schätze der Dammardistrikte heben zu helfen. Schwer unter ihren Lasten keuchend, setzten sie dieselben willig ab, um ihre Tabaksbeutel untersuchen zu lassen. Dabei wurden wunderhübsch gearbeitete Kalk- und Gambirdosen aus Bambus zutage gefördert, die mir gegen klingendes Entgelt gern überlassen wurden. Schon nach diesen Geräten zu urteilen, stehen diese Toradja kulturell höher als die Tobela. Die meisten dieser Leute kommen aus den Distrikten Makále und Rantepáo, den beiden Hauptcentren ihres Landes, um sich als selbständige Dammarsucher oder als Kulis zu betätigen und später mit einem ersparten kleinen Kapital in die Heimat zurückzuziehen.

Um 10 Uhr waren wir in Tabaráno, dem größten aller bisher besuchten Dörfer, angekommen. Die an den beiden Seiten der Distriktsstraße gelegenen Häuser bewohnt der bessere Teil der Ortsbevölkerung. Diese Häuser waren sämtlich mit Staketenzäunen gegen die Straße abgeschlossen.

Die ärmeren Dorfbewohner haben sich in recht bescheidenen, hinter diesen beiden Häuserzeilen liegenden Hütten angesiedelt, die sich weit an den Lehnen der angrenzenden Hügel hinziehen.

In Tabaráno mußten die Kulis gewechselt werden, und die damit verbundene Verzögerung benutzte ich zu einer ethnographischen Exkursion ins Dorf. Begleitet vom Dorfhaupte, wählte ich die eine, der Sulewátang die andere Dorfhälfte als Sammelgebiet. Mein Boy Rámang hatte indessen das Gepäck zu überwachen. Die Mehrzahl der vielen hier erworbenen Gegenstände bestand aus mir bereits bekannten und in meiner Sammlung schon vertretenen Stücken. Eine wertvolle Bereicherung derselben bildete dagegen ein Panzerhemd aus geknüpften Pflanzenfasern. Besonders schön gearbeitet waren in Tabaráno die hölzernen Tragkörbe, von denen ich mehrere erwarb. Auf eine Besichtigung der Hüttenräume selbst mußte ich hier verzichten. Mohammedanische Gepflogenheiten hatten in diesem mit der Küste in regem Verkehr stehenden Orte bereits so stark Eingang gefunden, daß die weiblichen Insassen eines Hauses laut zu kreischen anfingen, als ich nur den Versuch machte, eine Hütte zu besteigen. Um Ärgernis zu vermeiden, ließ ich davon ab und schickte meinen Begleiter allein in die Häuser. Leider konnte sich der Mann absolut nicht in meine Intentionen hineinfinden, so daß das Resultat unserer Streife recht kläglich war zur Freude des Sulewátang, der eine reiche Ausbeute mit zurückbrachte.

Nach nahezu zweistündigem Verweilen in Tabaráno setzten wir den Weg mit frischen Trägern fort. Dicht hinter dem Dorfe führte die Straße durch wunderschönen, schattigen Wald einen mäßig hohen Berg hinan. Toradja zogen in Reihen fortgesetzt nach beiden Richtungen an uns vorüber, ebenso lange Züge dammarbeladener Lastpferde. Bald war die Paßhöhe dieses letzten uns von der großen Towuti-Ebene trennenden Berges erreicht, und damit eröffnete sich uns in überraschender Weise ein herrliches Panorama, dessen Abschluß der aus weiter Ferne als Silberstreifen herüberglänzende Towuti-See bildete.

Seit die Herren Sarasin im Jahre 1896 das Glück hatten, als erste Weiße diesen damals noch sagenhaften See zu entdecken, war es meines Wissens später nur noch einem europäischen Forschungsreisenden, dem holländischen Geologen Herrn von Abendenon, vergönnt gewesen, bis zum Towuti vorzudringen. Meine Freude war groß, als mich der herrliche Ausblick auf diesen größten See des östlichen, ja überhaupt des ganzen Celebes belehrte, daß es nur noch einer geringen Anstrengung bedurfte, das winkende Ziel zu erreichen. Immerhin war die Entfernung bis zum See noch recht beträchtlich; auch war es nur ein kleiner Teil des gewaltigen Seebeckens, welchen ich von hier aus zu erblicken vermochte. Auf der weiten uns noch vom See trennenden hügeligen Ebene wechselten Waldparzellen und Kulturflecken anmutig miteinander ab. Die Gebirgsstränge zur Linken und Rechten traten in starkem Bogen zurück und verflachten sich. Wie auf einem Präsentierteller lag das uns am nächsten gelegene Dörfchen Leóka vor uns. Wir erreichten diesen Ort eine gute Wegstunde später. Er unterschied sich kaum von dem vorher passierten Tabaráno. In Leóka fand abermals ein Kuliwechsel statt. Die Unterbrechung des Marsches benutzte ich wie gewöhnlich zur Jagd auf Ethnographica. Als bestes Stück erbeutete ich diesmal eine Trommel, deren Gewinnung mir viel Vergnügen bereitete, um so mehr als Trommeln in Celebes an und für sich zu den seltenen Objekten gehören.

Die umstehend eingefügte Photographie stellt einen meiner Leókaträger dar. Ohne Sträuben stellte er sich meiner Kamera; als jedoch nach geschehener Aufnahme aus einer Gruppe von Gaffern heraus die dumme Äußerung fiel, nun müsse er sicher sterben, da ich ihm seine Seele fortgenommen hätte, wurde der Mann ganz bleich vor Angst und sehr aufgeregt. Ich hatte Mühe, ihn zu beruhigen, und hielt dem Schuldigen eine derbe Strafpredigt.

Auf prächtiger Straße wanderten wir von hier aus über die Ebene hinweg. Vielfach kreuzten kleinere, überbrückte Wasserläufe unsern Weg. Dieser führte streckenweise durch schattigen Wald, dann wieder über heiße Lalang-Strecken hinweg, auf denen ganze Rudel von Hirschen, unbekümmert um die vorüberziehenden Passanten, ihrer Äsung nachgingen. -- Die trügerische Nähe des Sees spornte mich zu schärfstem Tempo an, so daß meine Begleiter, der Sulewátang und mein Junge, mir nur noch im Laufschritte zu folgen vermochten. Die weit zurückgebliebenen Kulis waren längst außer Sicht gekommen. Nach einstündigem Marsche gelangten wir in den aus ca. 40 Hütten elendester Art bestehenden Kampong Wawóndula. Dies war eines der wenigen alten Dörfer der menschenarmen Towuti-Ebene, wo der Islam noch nicht Wurzel zu fassen vermocht hatte. Als sicherstes Anzeichen, daß wir ein rein heidnisches Tobela-Dorf vor uns hatten, können die in Wawóndula unter allen Häusern gehaltenen Schweine gelten. -- Ich besuchte das Haus des Dorfhäuptlings, wo ich einige hübsch gearbeitete Sirihstampfer sah. Trotz hohen Gebotes dafür wollte sich der gänzlich zahnlose, alte Herr nicht davon trennen, da, wie er behauptete, Ersatz nur sehr schwer zu beschaffen wäre. -- Neu war mir in Wawóndula der allgemeine Gebrauch von Ohrschmuck. Fast ohne Ausnahme paradierten in diesem Orte Mann und Weib mit Ohrgehängen primitivster Art. Ein kleines dreieckiges Holzstückchen mit eingesetztem Glasscherben, ein rechteckiges dünnes Hornplättchen, der gehörnte Kopf eines Käfers, die metallisch schimmernde Flügeldecke einer Cetonide usw. genügen dem Schmuckbedürfnis.

Die Leute schienen sehr kräftig und muskulös zu sein. Der Typus erinnerte mehr an in stetem Kampfe mit Naturgewalten gestählte Urwaldmenschen, als an friedliche Bauern. In Wirklichkeit ist ja auch der Ackerbau hier erst in ganz bescheidenen Anfängen zu finden, und Jagd und Fischfang bilden noch heutigen Tages die Hauptbeschäftigung der am Towuti lebenden Tobela-Stämme.

Zu meinem größten Staunen bestanden meine nachgekommenen Träger trotz der kurzen Distanz von Leóka bis Wawóndula hier abermals auf einem Kuliwechsel. Man erzählte mir, dieses häufige Wechseln hinge damit zusammen, daß man Leute eines Nachbarortes nicht gern durch eigenes Gebiet ziehen lasse. Meine Ungeduld, ans Ziel zu kommen, ließ mich die Ankunft der neuen Träger gar nicht erst abwarten, und ich setzte alsbald den Weg fort. Der Landschaftscharakter blieb unverändert. Die Menge der uns immer zahlreicher begegnenden Lasttransporte verriet die Nähe Timámpus. Kurz nach 4 Uhr gelangten wir nach dem Tobela-Dorfe Pekalóa, durch welches die Straße mitten hindurchführte. Gleich Wawóndula ist dies eine seit alters bestehende Siedelung, deren Bewohner überwiegend Fischer sind. Meine Leute hatten sich inzwischen darauf besonnen, daß auch hier wieder neue Träger genommen werden müßten, trotzdem uns eine kaum mehr halbstündige Entfernung von Timámpu trennte.

Von dem auf kleiner Anhöhe gelegenen Pekalóa aus genoß ich endlich einen durch nichts behinderten, wundervollen Ausblick auf das gewaltige Towuti-Becken. Wohl infolge seiner Größe schienen die Randgebirge des Sees weniger hoch zu sein als die des Matanna. Die Länge des Towuti-Sees haben die Herren Sarasin mit 40-50, seine Breite mit 15-25 km, die Höhe über dem Meere mit 320 m angegeben.

Die sich von Pekalóa an in weitem Kranze um das ganze Nordende des Sees herumziehende sumpfige Fläche dürfte die frühere Ausdehnung des Sees erkennen lassen. Quer durch diese Schilfrohrwüste führte der Weg nach dem dicht am Seegestade hingebreiteten Timámpu. Mittlerweile war es 5 Uhr nachmittags geworden. Herr v. A., der eben zu einer Hirschjagd aufbrechen wollte, begrüßte mich herzlich, und sein reich besetzter Tisch ließ mich rasch alle Entbehrungen vergessen.

Die Ortschaft Timámpu entwickelte sich aus wenigen Tobela-Fischerhütten zur heutigen ansehnlichen buginesischen Ansiedelung. Am flachen Nordufer des Towuti-Sees gelegen, besteht sie in der Hauptsache aus einer Gruppe von 12 größeren Familienhäusern. Timámpu ist ein ziemlich lebhafter Ort, in welchen allein schon die großen Transportzüge der hier ansässigen Händler viel Leben bringen. Singen und Guitarrenklang schallen des Abends und die Nächte hindurch aus dem Inneren der Häuser, und auch sonst geht es in Timámpu recht lustig zu. Die Leute verdienen viel und leben gut.

Das ganze weit ausgedehnte Waldgebiet um den Towuti-See ist unendlich reich an Dammar, und die Erschließung der hier zu gewinnenden Schätze nimmt von Jahr zu Jahr einen immer gewaltigeren Aufschwung. Timámpu bildet so recht das eigentliche Centrum des gesamten Dammarhandels, wohin die meisten der die Wälder durchstreifenden Dammarsucher ihre Ausbeute schaffen. Die in Timámpu ansässigen buginesischen Aufkäufer übernehmen alsdann dieses Rohmaterial, sichten und säubern es oberflächlich und schaffen es weiter nach Malili, wo es in die Hände der chinesischen Großhändler übergeht, welche das wertvolle Harz schiffsladungenweise nach Makássar, den javanischen Häfen und Singapore weiter verfrachten. Welch ein bedeutender Faktor diese gegenwärtig noch in den Kinderschuhen steckende und unrationell betriebene Industrie in der Entwicklung des Landes zu werden verspricht, erhellt aus der Tatsache, daß im Monat August 1911 die Dammarausfuhr aus Malili 61000 Gulden an Wert überstieg.

Die Pioniere des Towuti-Gebietes rekrutieren sich nahezu ausschließlich aus Toradja, welche von der südlichen Halbinsel herüberkommen, um sich in den Dammardistrikten ein kleines Kapital zu erarbeiten. Die zahlreiche Ansammlung dieser Toradja dürfte in ursächlichem Zusammenhange mit der Abschaffung der Sklaverei stehen, die eine Menge besitzloser Leute selbständig machte. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß es sich gerade bei diesen Dammarkulis und Dammarsuchern um solche freigelassenen Sklaven handelt, die mit ihrer neugewonnenen Freiheit im eigenen Lande nicht viel anzufangen wußten. Während der Sklaverei sorgten im Grunde recht gutmütige Herren für ihren Lebensunterhalt; als Freie sind sie dieser Fürsorge beraubt, ohne für ihre Freiheit das geringste Verständnis zu besitzen. In dem ungeheuren Towuti-Gebiete nun, in dem man tage-, ja wochenlang in lückenlosen Urwaldregionen streifen kann, ohne auf eine Menschenseele zu stoßen, gab es Ellbogenfreiheit und winkte unter Umständen reicher Verdienst; denn der Preis des Dammars schwankt hier je nach Qualität zwischen 7-12 Singapor-Dollars per Pikul (= 60,5 kg). In Malili werden für das Pikul bereits 15-18 Dollar, in Makássar 20-25 Dollar und mehr bezahlt.

Die Dammargewinnung ist vom Gouvernement für jedermann gegen eine Abgabe von 5% des Ertrages freigegeben worden. Man schätzt die Zahl der in den Wäldern einsam ihrem Geschäft nachgehenden fremden Dammarsucher auf mindestens 1000, nach anderen sogar auf 2000. Gewöhnlich bringen die Toradja ihre Frauen mit, die beim Aussuchen und Sortieren des Dammarrohmateriales Verwendung und Verdienst finden. Viele davon verdingen sich auch als Mägde, andere wieder ergeben sich der Prostitution.

+Timámpu -- Tokolimbu+, den 13. September.

In imponierender Ausdehnung erstrahlt die schimmernde Seefläche im Lichte des jungen Tages. Stolz und düster ragt aus dem Seespiegel die große Insel »Loëha«, deren hohe und schöne Bergformationen steil aus dem Gewässer emporsteigen. Der eingeborenen Bevölkerung gilt das Eiland als heilig, und sagenhafte Gerüchte bezeichnen sie als »Toteninsel«. Seit alters sollen die Gebeine der Verstorbenen dorthin gebracht worden sein. Dies wird auch von dem jüngst besuchten Leóka behauptet. In Höhlen des diesem Orte nahen Gebirges sollen sich ebenfalls Totenstätten befinden. Aber weder das eine noch das andere basiert auf Tatsachen, und Herr Leutnant v. Ardenne, der Loëha nach allen Richtungen hin auf das genaueste untersucht hat, versicherte mir auf das bestimmteste, daß auch nicht die leisesten Anzeichen für die Glaubwürdigkeit der alten Mythe sprächen, und daß außer Dammarsuchern kein menschliches Wesen auf der Insel zu finden sei.

Das Gesamtpanorama des Towuti-Beckens mit seinen dunklen, schwarzgrünen Waldmassen, seinen vorspringenden Kaps und den sanft geschwungenen Gebirgslinien im Hintergrunde stimmt eher ernst als heiter, und selbst die windgeblähten Segel einiger dammarbeladener Prauen vermögen kaum etwas Leben in die schwermütige Ruhe der Landschaft zu bringen. Ist es die Menschenarmut, welche die Einsamkeit über dem ganzen Towuti-Gebiete mit so schweren Fittichen lasten läßt?

Pekalóa und Wawóndula -- wenn man dieses noch hierher zählen darf -- sind die einzigen Orte, an denen einheimische Bevölkerung existiert. Hierzu kommen am südöstlichen Seeende noch einige kleinere Siedelungen; das ist alles. Was sich sonst noch an menschlichen Wohnstätten findet, ist gleich Timámpu buginesisch und verdankt der Einwanderung seine Entstehung und ein provisorisches Dasein.

Ich benutzte den Morgen zu einigen Aufnahmen von Timámpu. Zu sammeln gab es hier absolut nichts, und zu Spaziergängen war die sumpfige Umgebung nicht geschaffen. Somit ordnete ich meine auf bereits 300 Nummern angewachsene ethnographische Ausbeute, die ich von hier aus auf direktem Wege nach Malili zurücksenden wollte, um bei der Fortsetzung meiner Reise nicht zu sehr mit Gepäck beschwert zu sein.

+Timámpu+, den 13. September.

Zwei Kanoes warteten unserer Einschiffung nach dem am südlichen Seeende gelegenen Dorfe Tokolímbu. Bei ganz flauem Winde segelten wir um die siebente Morgenstunde ab. Schlaff hing das gewaltige Segel um den großen Bootsmast; träge lag das Wasser des Sees. Zwei faul aussehende Timámpu-Ruderer bestätigten durch ihr Arbeitstempo den hervorgerufenen Eindruck. Sie waren angestrengt bemüht, so wenig wie möglich zu tun, und dank dem einträchtigen Zusammenwirken von Windstille und Arbeitscheu kamen wir nur sehr langsam vorwärts. Nahezu 5 Stunden vergingen, ehe wir die Nordwestspitze von Loëha erreichten. Dicht an der Insel entlang fahrend, vermochten wir im klaren Wasser bis in große Tiefen hinab jeden Kiesel zu erkennen. Aber wie über der Oberfläche des Wassers, so war auch auf dem Seegrunde nicht die Spur eines Lebewesens zu erspähen. Kein Fisch ließ sich blicken; kein pflanzliches Gebilde schien da unten gedeihen zu können, und nur grobes Geröll bedeckte den Seeboden. Als unsere Prauen an die hoch aufragenden Felsenufer der Insel gekommen waren (n. Saras. 250 m M. H.), nahmen uns diese das bißchen Wind vollends aus den Segeln und zwangen damit unsere seufzenden Ruderer, selber die Fahrzeuge fortzubewegen. Womöglich noch langsamer als bisher krochen die Boote an dem steil abfallenden Ufer von Loëha entlang. Ein einziges Mal kündete uns ein aufgescheuchter Raubvogel, daß auch hier nicht alles tierische Leben fehle.

In dem durch ein Sonnendach geschützten engen Bootsraum liegend, vertrieben wir uns in mehr dem Raume angepaßter als angenehmer Stellung die Zeit mit Gesprächen und Erkundigungen bei unserer Bemannung, wobei ich die im folgenden erzählte Towuti-Legende zu Gehör bekam, die mir einer Analogie mit unserer heimischen Vineta-Sage nicht ganz zu entbehren scheint:

Am buchtenreichen Westufer des Towuti-Sees befindet sich eine abgrundtiefe Stelle, welche sich die Wassergeister als Wohnsitz erkoren haben. Nach uraltem Glauben der Tobela müssen die Insassen aller hier vorüberkommenden Boote Sirih essen. Einst fuhr nun eine Gesellschaft von Tobela und Tolampu gemeinsam in einem Kanoe an diesem heiligen Orte vorbei. Ihrer alten Gewohnheit getreu, aßen die Tobela-Leute daselbst Sirih und verlangten ein Gleiches von den mitfahrenden Tolampu. Diese aber weigerten sich, und hierüber kam es zu so heftigem Streite, daß die Tobela drohten, den Kahn entzwei zu schneiden, wenn die Tolampu nicht Sirih essen wollten. Die Geister des Sees würden sie sicher retten, während die Tolampu dann elend ertrinken müßten. Hohnlachend erklärten die Tolampu, es darauf ankommen zu lassen. »Wenn ihr nicht ertrinkt,« erklärten sie, »werden ganz gewiß auch wir am Leben bleiben.« Wirklich hieben die Tobela-Leute daraufhin den Kahn entzwei, und wunderbarerweise erreichte die mit den gläubigen Tobela-Leuten besetzte Hälfte desselben ungefährdet das Ufer, während die Tolampu in der anderen Kahnhälfte gleich einem Steine in die unergründliche Tiefe sanken. Bei ruhigem Wetter seien noch heutigen Tages die Frevler mit ihren Rudern unter dem Arme auf dem Seegrunde zu erblicken. --

Inzwischen waren wir dem eine weite Bucht bildenden Ende der langgestreckten Insel nahegekommen, die hier durch einen kaum 2 km breiten Seearm vom östlichen Ufer getrennt war. Das südöstliche Ende des Sees verläuft wie dasjenige bei Timámpu in eine sumpfige Ebene mit dichtem Röhricht und Lalangbestand, -- ein Dorado für die dort rudelweise auftretenden Hirsche. In dem seichten Seewasser und dem anschließenden Sumpfstreifen bekam ich zum ersten Male am Towuti größere Scharen von Sumpf- und Schwimmvögeln zu Gesicht. Enten in mehreren Arten, Wasserhühner, Taucher, Kormorane, Schlangenhalsvögel, Reiher und Bekassinen wurden durch unsere Ankunft aufgestöbert. Ein kleiner Adler kreiste um diesen Beute verheißenden Uferstrich. Wir landeten nach genau 7stündiger Bootsfahrt in einer Rohrwildnis, durch welche die Kanoes bis zu einem weit in den Morast hinausgebauten Steg gezogen wurden. Am Lande befanden sich nur zwei gegenwärtig leer stehende buginesische Hütten. Ohne Aufenthalt ging es den aufgeschütteten Damm entlang über die heiße Seeniederung, und eine halbe Stunde später erreichten wir unser Ziel, das Tolambátu-Dorf Tokolímbu. Im winzigen Unterkunftshäuschen machten wir es uns bequem, während sich Leute aus dem Dorfe zum See begaben, um unser Gepäck aus den Booten hierher zu schaffen.