Unter Kopfjägern in Central-Celebes
Part 8
Das saubere und einen freundlichen Eindruck machende Dörfchen Tokolímbu ist die Neugründung einer vor kurzem hier zugewanderten Tolambátu-Gemeinde, die ihren bisherigen Wohnsitz Raúta, einen weit entlegenen und tief im Tobúngku-Gebirge versteckten Kampong, verlassen hat, um sich am Towuti-See in geeigneterer Lage neue Heimstätten zu gründen. Der Ort bestand aus 12 reinlich gehaltenen Pfahlhütten mit Rindenwänden. Diese mir in Celebes sonst nirgends mehr begegnete Verwendung von Baumrinde als Baumaterial kennzeichnet die Insassen bereits als echte Waldbewohner. Seit ältester Zeit hatte der Tolambátu-Stamm im unerforschten und schwer zugänglichen Kendari-Waldgebirge seine Stammsitze, und die Totenhöhlen, die ich dort im entlegensten Gebirge auffand, legten in gleicher Weise wie später von mir bei Wiwiráno aufgefundene Opferplätze mit Triumphsäulen der siegreich von ihren Kopfjagden zurückgekehrten Krieger beredtes Zeugnis dafür ab, daß die Tolambátu vordem ein zahlreiches und kriegerisches Volk gewesen sein müssen.
Seitdem eine klug und energisch vorgehende Regierung die Jahrhunderte währenden Fehden der Inlandstämme und die hieraus resultierende Unsitte der Kopfjägerei zu unterdrücken wußte, den Sklavenhandel unterband und erfreuliche Anfänge zu konsolidierten Zuständen schuf; seitdem Schiffe die Küsten der Insel regelmäßig umfahren und Handel und Wandel sich allenthalben zu regen beginnen; seitdem vor allem mit der Entdeckung der riesigen Dammarschätze von Südost-Celebes ein ganz neues Element der Betätigung und ein bisher ungekanntes Streben nach Verbesserung der Lebensbedingungen in das Denken der weltfremden Waldbewohner gekommen ist, vollzieht sich auch in diesen Landesteilen eine immer schneller um sich greifende allgemeine Evolution. Auch der Zweig des Tolambátu-Stammes, von dem hier die Rede sein soll, hatte sich dem nivellierenden Geiste der neuen Ära nicht zu entziehen vermocht und war wie seinen bisherigen Wohnplätzen so auch seiner Tradition untreu geworden, um unter günstigeren Auspicien sich eine neue Heimat zu gründen. Hierhin hatte er gleichzeitig mit seiner den Tobela-Idiomen völlig fremden Sprache auch manche seiner seltsamen rituellen Gebräuche mit verpflanzt.
Mit dem Oberhaupt der Tokolímbu-Lambatu, Namens Langódi, dessen Charakterkopf unser Auge fesselte, konnten wir uns nur mühsam verständigen. Trotzdem erfuhr ich von ihm so viel über Raúta, daß mein Interesse dafür auf das höchste gesteigert wurde und ich mich entschloß, diese unerforschten Gegenden selbst aufzusuchen. Leider konnte mich Herr v. A. auf der beschlossenen Expedition nicht begleiten, da er eine Inspektionsreise zu machen hatte, um den unter den Dammarsuchern eingerissenen Mißständen und Unzuträglichkeiten abzuhelfen und die Verhältnisse zu regeln. Auch gehörten die von mir zu besuchenden Landschaften nicht mehr zu seinem Dienstbezirke, sondern bereits zum Distrikt Kendari. Seiner freundlichen Vermittelung gelang es jedoch, mir die nur ungern und zögernd gegebene Zustimmung des Häuptlings zu meinem Vorhaben zu sichern. Auch bestimmte er Langódi, mir einen erprobten und zuverlässigen Führer mitzugeben, der mich auf meinen Wunsch von Raúta aus auch noch weiter ins Tobúngkugebirge zu begleiten hätte. Um keine Zeit zu verlieren, beschloß ich, gleich am nächsten Morgen nach Raúta aufzubrechen. --
Der heutige Tag wurde mit einer Inspizierung der Dorfhütten in Tokolímbu beschlossen. Diese unterschieden sich bereits äußerlich von den bisher gesehenen Typen durch die schon erwähnte Borkenbekleidung der Hüttenwände und Dächer. Die Wohnungseinteilung war weit zweckmäßiger, als ich sie bisher bei den Tobela gefunden hatte, da die einzelnen Abteilungen der Tolambátu-Hütten symmetrisch um einen gemeinsamen großen Mittelraum gruppiert waren. Allerdings muß ich dahingestellt lassen, ob diese praktische Anordnung der Räume nicht unter dem Einflusse des Gouvernements gewählt wurde, das bei solchen Neuansiedelungen gewisse Aufsichtsrechte geltend macht.
Ethnographisch ergab die Streife wenig Neues, denn die Leute hatten nur ihre unentbehrlichsten Gebrauchsgegenstände aus Raúta mit hierher gebracht; ihre übrigen Habseligkeiten warteten dort noch der nachträglichen Überführung nach Tokolímbu. -- Völlig neuartig waren in Tokolímbu nur die hier vorgefundenen breitklingigen Koláka-Schwerter, erwähnenswert auch die mit leichten Zieransätzen geschmückten Reisstampfkolben in gefälliger Tulpenform. In dem sauber gehaltenen Häuptlingshause Langódis wurde mir eine alte Lanze mit prächtig geschnitztem Schafte gezeigt. Aber auf alle meine Überredungskünste und Versuche, das seltene Stück in meinen Besitz zu bekommen, erhielt ich vom Häuptling die stereotype Antwort, daß die Lanze nicht sein Eigentum sei, sondern ihm von der Mákole von Matanna, zu deren Machtgebiet auch der Towuti-Bezirk gehört, nur zur Bestätigung seiner Eigenschaft als Häuptling anvertraut worden sei. Was tun! Der Fall war schwierig; die Lanze aber hätte ich zu gern gehabt. Endlich fanden wir folgenden, allgemein befriedigenden und gleichzeitig die Denkweise dieser Leute scharf beleuchtenden Ausweg. Ich fragte Langódi: »Die Lanze ist also Eigentum der Mákole?« -- »Ja, Herr!« -- »Ja dann darfst du sie natürlich nicht verkaufen. Aber ich will ja auch gar nicht die Lanze haben, Häuptling; ich wünsche ja nur den Schaft der Lanze. Das ist doch was ganz anderes!« -- Längeres verblüfftes Schweigen, welchem eine lebhafte Unterredung Langódis mit den ältesten seiner um uns versammelten Genossen in ihrer eigenen, uns unverständlichen Sprache folgte. Als deren Resultat bekam ich die Antwort: »Ja Herr, das ist richtig. Die Mákole hat uns ausdrücklich gesagt, sie vertraue mir die Lanze an, nicht den Lanzenschaft! Wenn du also erlaubst, daß wir das Lanzenblatt herausnehmen, so kannst du den Schaft erhalten.« Gesagt, getan. Binnen wenigen Minuten war ein anderes Blatt eingesetzt und ich glücklicher Besitzer dieser alten Waffe, ohne das sensible Häuptlingsgewissen im geringsten beschwert zu haben.
+Tokolímbu -- Raúta+, den 14. September.
Herr Leutnant v. A., welcher noch vor mir den Ort verließ, um seine Bootsreise fortzusetzen, hatte sich freundlichst erboten, mein entbehrliches Gepäck sowie meine ethnographischen Objekte mit sich zu nehmen. Infolge dieses Entgegenkommens kam ich diesmal mit nur 8 Trägern aus. Meine kleine Expedition setzte sich aus insgesamt 14 Personen zusammen. Die Spitze des Zuges bildete mein Lambatu-Führer, welchem ich folgte. Hinter uns kamen der Sulewátang, unsere beiden Boys und ein zufällig in Tokolímbu zu uns gestoßener Dammarhändler, ein Buginese, welcher gebeten hatte, sich mir anschließen zu dürfen, um die zu durchziehenden Gegenden unter unserem Schutze nach Dammar zu durchsuchen. Den Beschluß bildeten die 8 Träger. Gleich hinter dem Dörfchen Tokolímbu führte unser Weg durch ein kleines, tiefes Flüßchen, -- die leidige, schon öfter genossene Ouvertüre des Reisens in Inner-Celebes. Die nächste halbe Stunde folgten wir einem in dem meterhohen Schilfe für meine Augen völlig unsichtbaren Fußpfad. Nach Passieren des der Seeküste vorgelagerten Sumpfgürtels am Fuße einer sanft ansteigenden Hügelkette angelangt, tauchten wir alsbald im kühlen Schatten eines prächtigen Hochwaldes unter. Dank der nun seit Monaten anhaltenden schönen Witterung war der zu verfolgende Waldpfad verhältnismäßig gut. Zur Regenzeit aber müssen diese Waldpfade geradezu fürchterlich sein. In stetem Auf und Ab hatten wir eine Reihe zungenartig vorgeschobener Hügel zu überschreiten, wobei in den Einschnitten regelmäßig Wasserrinnsale zu durchwaten waren. Unser erst hübsch geschlossen marschierender Zug hatte sich inzwischen mehr und mehr in die Länge gezogen, und als unsere Spitze nach zweistündigem Marsche an einem Flüßchen halt machte, hatten wir mehr als eine halbe Stunde zu warten, ehe uns die Träger nachkamen. Weitere zwei Stunden ging es nun in derselben Weise durch lückenlosen Hochwald. Gegen 11 Uhr hatten wir das steil vor uns aufsteigende Hauptgebirge mit dem hohen Oawonlingkau-Gipfel erreicht. In dem steinigen Bette eines nahezu versiegten Flüßchens lagerten wir uns zu einer kurzen Ruhe. Alle Mann versorgten sich mit Wasser, das in Kalebassen mitgeführt wurde; denn hier bot sich vor Raúta zum letzten Male Gelegenheit, den Durst zu stillen. Hoch aber war das Gebirge; heiß strahlte die Sonne hernieder, und das Ziel war noch viele Stunden fern.
Es begann eine böse Kletterei, an welcher Hände und Füße in gleicher Weise beteiligt waren. An Wurzelgewirr und Lianensträngen Halt suchend und einander schiebend und ziehend, überwanden wir den ersten steilen Hang. Oben belohnte uns ein schöner Ausblick auf das eben durchwanderte wellenförmige Hügelland mit dem tiefblau herüberleuchtenden Towuti-See als malerischem Hintergrunde. Eine einzig schöne Waldlandschaft lag unter uns, und ein feierlich frohes Gefühl überkam mich in dem Gedanken, wahrscheinlich der erste Europäer zu sein, dem es vergönnt war, dieses großartige Landschaftsbild zu bewundern. Meine Begleiter dachten nicht im entferntesten daran, sich dergleichen Naturschwelgereien hinzugeben. Schwitzend und stöhnend lagen sie im schwellenden Moospolster des Laubwaldes und zerbrachen sich die Köpfe darüber, was eigentlich ihren Tuan so begeistern konnte hier in einer Gegend, wo es doch wirklich nichts zu sehen gab als Bäume.
Weiter ging es bergan. Der Bergrücken bildete ein schmales Plateau, das mit prachtvollen Baumriesen bestanden war. Rotes Fallaub bedeckte in dichten Lagen den Boden. Gedämpftes Sonnenlicht huschte durch das Gezweig, naturwahr einen heimatlichen herbstlichen Laubwald vortäuschend. Bald hernach erreichten wir eine zweite Gebirgsabstufung, und nach gut zweistündigem Steigen die dritte und höchste Platte, den Gipfel des Oawonlingkau. Von hier ab folgten wir den Einsenkungen des Kammes durch steten dichten Hochwaldbestand, in dem mir zahlreiche Spuren des Anoa, des celebensischen Gemsbüffels, auffielen. Auch die Falterwelt war hier bemerkenswert reich. Schemenhaft zogen große Papilionen durch die Lichtungen. Riesige Danais gaukelten, wie vom Winde getrieben, von Blütenbusch zu Blütenbusch, während hurtige Lycaeniden voll leuchtender Farbenpracht über den Weg huschten und pfeilschnelle Charaxes sich hoch oben im Baumgezweige spielerisch herumjagten. In merkwürdigem Gegensatze zu diesen so zahlreich vertretenen lieblichsten Bewohnern des Tropenwaldes schien die gefiederte Welt auf diesen Bergeshöhen ganz zu fehlen, während die Talwälder von Vogelrufen widerhallten. Möglicherweise war es nur die im Zenithe stehende Sonne, welche die Vogelzungen verstummen ließ. --
Wunderbar schön ist die Flora dieser Hochgebirgswälder, unter welcher Baumfarne, herrliche Pandanaceen und ganze Netzwerke von Lianen und kletternden Rotangpalmen mir als augenfälligste Vertreter auffielen. Es war eine köstliche Wanderung durch diese einsamen Urwaldregionen, voll unvergeßlicher Eindrücke. --
Die Wasserscheide lag bereits hinter uns, und erst in sanfter Neigung, dann wieder auf scharf abfallendem Wege stiegen wir die jenseitigen Gebirgshänge hinab. Es war gegen 3 Uhr nachmittags geworden, als wir von einer kleinen Blöße aus das tief unter uns in einem waldumrauschten Tälchen gelegene Gebirgsdorf Raúta erblickten. Ich freute mich ungemein, dem uralten Stammsitz der Tolambátu bereits so nahe zu sein, und legte die letzte uns davon noch trennende Wegstrecke im Sturmschritte zurück. Meinen Leuten weit voran, betrat ich klopfenden Herzens als erster den Ort, dem ich so hochgespannte Erwartungen entgegenbrachte. Wie so häufig in solchen Fällen erging es mir auch hier. Der erste Eindruck war eine gewaltige Enttäuschung. Raúta, das mir von luftiger Bergeshöhe aus mit seinen saftgrün heraufschimmernden Matten wie eingebettet in Waldromantik erschienen war und mit seinen auf hügeligem Terrain zerstreut liegenden Häuschen einem reizenden Alpendörfchen glich, verlor, in der Nähe betrachtet, allen Nimbus. Aus den schwellenden Wiesen wurden starre Lalangflächen, und die Hüttchen erwiesen sich als halb zusammengestürzte Bauwerke, die dem Tälchen ein melancholisches Aussehen gaben. Meiner Gewohnheit folgend, feuerte ich bei meiner Ankunft Signalschüsse ab, auf welche es an anderen Orten stets lebendig wurde wie in einer aufgestörten Ameisenkolonie. In Raúta regte sich nichts. Über dem Orte brütete eine lastende Stille, durch welche das Echo der Schüsse unheimlich nachrollte. Ich wähnte das Dorf völlig verlassen. Sämtliche Hütten fand ich verschlossen und anscheinend leer. Neugierig öffnete ich eine Tür und sah mich zu meiner grenzenlosen Überraschung vier eng beieinander kauernden Männern gegenüber, die mich in regungslosem Schweigen ängstlich anstarrten. Meine Aufforderung, herauszukommen, schienen sie nicht zu verstehen, und es bedurfte erst des gütlichen Zuredens meines nachgekommenen Lambatu-Führers, um die Leute zum Verlassen der Hütte zu bewegen. Es waren kleine und schlecht genährte Menschen, die als einzige Bekleidung nur ein Schamtuch trugen, und deren bronzefarbene Körper mit einer jahrealten Patina bedeckt waren. Kein Wunder, da man sich hierzulande mit einer bloßen Abkühlung des Körpers begnügt, sobald sich die Hitze einmal allzu unangenehm fühlbar macht. Dabei stellt oder legt man sich einige Minuten in den nächsten Bach oder Fluß, läßt das kühlende Naß auf den Körper einwirken und geht dann seiner Wege, das Trocknen einfach der Sonne überlassend. -- Es stellte sich bald heraus, daß auch in einer der oberen Hütten noch einige ältere Männer und ein paar Knaben angstvoll beisammen hockten, die von uns erst aufgesucht und beruhigt werden mußten, ehe sie sich zum Herauskommen entschlossen. Damit war aber auch der gegenwärtige Personalbestand Raútas erschöpft. Diese wenigen Menschen waren in Wirklichkeit die letzten hier noch ansässigen Angehörigen des nach dem Towuti ausgewanderten Tolambátu-Stammes. Sie behüteten die noch im Dorfe zurückgebliebenen Habseligkeiten ihrer Stammesbrüder. -- Nicht eine Frau befand sich mehr am Platze. -- Ich zählte im ganzen fünf beisammenliegende Hütten, worunter sich zwei größere Familienhäuser befanden, ungerechnet die im Tal und auf den Anhöhen sonst noch zerstreut liegenden, gleichfalls völlig leeren Wohnungen. Schon eine flüchtige Besichtigung der beiden einzigen bewohnt gefundenen Behausungen ergab die Unmöglichkeit, mich in einer dieser Hütten einzuquartieren, da sie entsetzlich schmutzig waren und es von Ungeziefer wimmelte. Es mußten also alle Mann antreten und mir aus dem Gestänge eines halbverfallenen Hauses eine Schutzhütte errichten, die mit Atapstücken derselben Herkunft gedeckt wurde. Dem Namen Schutzhütte machte dieses Bauwerk allerdings recht wenig Ehre, da es an drei Seiten offen war und somit eigentlich nur aus einer Wand und einem Dache bestand, unter dem mein Feldbett aufgeschlagen wurde. -- An Hühnern, Eiern u. dgl. war in Raúta nichts aufzutreiben. Die Leute hier lebten ausschließlich von Sago, und ihr ungesundes Aussehen dürfte zum guten Teile auf die ungenügende Ernährungsweise zurückzuführen sein. Ich hielt mich unter solchen Umständen ausschließlich an meine mitgeführten Konservenvorräte, wie auch später im Verlaufe dieser ganzen Exkursion. -- Kaum etwas restauriert, machte ich mich daran, mir meine neue Umgebung etwas genauer anzusehen.
Der langgestreckte Talkessel von Raúta ist vom Walde völlig umschlossen, hinter welchem sich in einiger Entfernung in schönen Abstufungen das Gebirge aufbaut, das gleichfalls bis an die Gipfel hinan mit üppiger Vegetation bestanden ist. Das von uns besuchte Dörfchen bildete den Abschluß der Talblöße auf dieser Seite. Haben auch noch die wenigen Hüter der von Ausgewanderten zurückgelassenen Habe das Dorf verlassen, so wird wohl in kürzester Zeit jede Spur der alten Ansiedelung vertilgt sein. Termitenfraß im Vereine mit Wind und Wetter werden stürzen, was bisher noch steht, und eine Pflanzenwelt voll drängender Wachstumsenergie wird die Reste überwuchern und unter einer dichten, immergrünen Decke verschwinden lassen. Sollte je der Zufall einen späteren Reisenden in diese Einöde verschlagen, so wird ihn kein Zeuge vergangener Zeiten mehr daran erinnern, daß auch an diesem Platze einst sorgende Menschen gelebt, und daß über dem Schweigen dieser Einsamkeit eine untergegangene große Tradition träumt. --
Bei der Untersuchung des einen größeren, noch bewohnten Hauses, in dem sich auch meine Leute eingerichtet hatten, fand ich eine große Menge bereits transportfertiger Gegenstände und Sagovorräte. Darunter fielen mir vor allem die vielen Messinggeräte malayischer Herkunft auf. Unter denselben befanden sich Bronzegongs in allen Größen, große Teller und Platten, Teetöpfe, Sirihgefäße, Spucknäpfe u. dgl. Derlei Geräte gelten an den Küsten Borneos und bei den wilden Stämmen des Innern dieser Insel als höchst wertvoll und sind dort in den entlegensten Orten zu finden. Niemals aber entdeckte ich solche Gerätschaften bei den Inlandstämmen von Celebes mit einziger Ausnahme der Tolambátu. An einen Tauschverkehr derselben mit der buginesischen Küstenbevölkerung zu denken, fällt mir angesichts des trennenden, ungeheueren wegelosen Urwaldgürtels schwer. Mir scheint im Gegenteil die gänzliche Unkenntnis der malayischen Küstendialekte bei den Tolambátu eine solche Annahme direkt zu verneinen. Sollten also alle diese alten Geräteformen, wie ich sie später auch in den Beisetzungsstätten der Tolambátu in Mengen auffand, bereits zu einer Zeit sehr früher Einwanderung mit ins Land gebracht worden sein? -- Sprache, Sitten und Gewohnheiten der Tolambátu weichen völlig ab von denen der anderen Celebes-Stämme, gleichen dagegen in vielem denen der Dajak- und Dusun-Stämme Borneos. Wie diese die Gebeine ihrer Toten in Tonkrügen, den sogenannten Gússys, aufbewahren, die als unveräußerliche Erbstücke heilig gehalten werden, genau so geschieht es auch bei den Tolambátu. Gleich einigen Dajakstämmen überführen auch sie diese Gússys mit den Überresten ihrer Verstorbenen in Felsenhöhlen im Gebirge, die wahre Totengrüfte bilden und mit reichen Totengaben ausgestattet sind. Felsengräber fand ich zwar auch noch bei anderen Stämmen in Mittel-Celebes, aber doch in völlig abweichender Form, während der Ritus der Tolambátu mit Borneo-Gebräuchen sehr nahe verwandt ist. Über ihre Herkunft wußten mir die Tolambátu selbst nichts anderes anzugeben, als daß sie vor langer, langer Zeit übers Meer hierhergekommen seien.
Die weiteren von mir besuchten Raúta-Hütten waren völlig geräumt; doch konnte ich im alten Häuptlingshause noch die höchst interessante und merkwürdige Einrichtung der Totenkammer studieren, wie sie nur in den Häusern der Häuptlinge und Vornehmen der Tolambátu existiert hat. Zum besseren Verständnis der umstehenden Abbildung will ich hier gleich eine nähere Erklärung über den Totenkultus dieser in vieler Hinsicht rätselhaften Waldbewohner beifügen.
Die Angehörigen des Tolambátu-Stammes pflegen ihre Toten von gewöhnlicher Abkunft, nachdem sie gewaschen und mit weißen Tüchern umwickelt worden sind, in mit Harz gedichteten Särgen aus ausgehöhlten Baumstammhälften beizusetzen. Diese Särge wurden in früherer Zeit unter den Wohnhäusern innerhalb der hohen Pfahlgerüste oberirdisch beigesetzt, und zwar in einem verschlagähnlichen Raume, der wohl nur den Zweck hatte, den Sarg vor den Angriffen der Wildschweine zu schützen. In gegenwärtiger Zeit ist man davon abgekommen und gräbt den Sarg in Anlehnung an die alte Sitte entweder unter dem Hause ein oder, -- und das ist gegenwärtig wohl überwiegender Gebrauch -- man setzt ihn irgendwo in der Nähe im Busche, unter einem eigens dafür errichteten niederen Totenhäuschen in der Erde bei. In letzterem Falle kommt häufig der Sarg ganz in Wegfall, und der Tote wird ohne solchen, nur in Tücher gewickelt, in das Grab gelegt. Auf dem darüber geebneten Erdreich werden die Kleider des Verstorbenen und der stets neu angefertigte prächtige Totenhut niedergelegt und Schüsseln voll Reis oder anderer Speisevorräte aufgestellt. Um das Ganze wird ein kistenartiger, quadratischer Verschlag von etwa 3 m Seitenlänge errichtet, dessen Höhe 1½ m nicht übersteigt. Um den oberen Rand desselben läuft ein primitives hölzernes, handbreites Gitterwerk. Ein flach geschrägtes Atapdach liegt direkt auf den Rändern dieses Holzkastens auf. Die Leiche verbleibt nun an der Beisetzungsstelle, gleichviel ob oberirdisch oder im Erdgrabe so lange, bis die Zeit des großen Totenfestes gekommen ist. Alsdann werden die Gräber aller seit mindestens schon acht bis zwölf Monaten Verstorbener geöffnet, die Gebeine sorgsam gesammelt und in Kindersärgen ähnlichen Holzkisten aufbewahrt, um dann am Tage des allgemeinen Totenfestes nach den im Raútagebirge gelegenen Gebeinestätten geschafft zu werden. -- (S. Taf. IV.)
Etwas abweichend von dem eben geschilderten Modus verfahren die Tolambátu mit ihren verstorbenen Häuptlingen und Vornehmen. -- Die eingesargten Leichen solcher Personen werden im hinteren Teile des Wohnhauses in einem durch Tücher hergestellten Verschlage auf einer meist schön verzierten großen Bahre, wie sie meine Photographie deutlich zeigt, niedergestellt. Um den Sarg herum kommen dann die bereits erwähnten Totenbeigaben: Kleider, Lebensmittel für die Seele des Verstorbenen usw. Naht nun die Zeit des allgemeinen großen Totenfestes, das an keine bestimmten Daten gebunden ist und je nach den Mitteln des Stammes in Intervallen von 3-5 Jahren gefeiert wird, so öffnet man die Särge wiederum, um die nun herausgenommenen Gebeine in den schon besprochenen Gússys zu verwahren. Diese sind chinesischer Herkunft. Ihre Beschaffung ist so kostspielig, daß sie der Familie meist schwere Opfer und Entbehrungen auferlegt. Bei der Einbettung der Gebeine verfährt man in der Weise, daß auf dem Boden der Gússys zuerst Schmuckstücke des Verstorbenen, wie Muschelarmbänder, Perlenketten usw. niedergelegt werden. Auf diese legt man den Kopf des Toten und obenauf die Gebeine. Die Urne wird hierauf verschlossen und nun vorläufig auf einem neben der Bahre errichteten Totengerüst untergebracht, auf welchem sie bis zu ihrer endgültigen Überführung nach den Felsengräbern am Tage des großen Totenfestes verbleibt.