Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 6

Chapter 63,027 wordsPublic domain

In zwei langen Reihen ziehen sich die Hütten des Dorfes das kiesige Seeufer entlang, und eine sauber gehaltene Dorfstraße führt dazwischen hin, mehrere kleine Bachläufe überbrückend. Die Häuschen unterscheiden sich äußerlich nicht von denen des Dorfes Matanna, nur daß hier neben dem Gros höchst primitiver Bauwerke auch Familienhäuser von respektabler Größe entstanden sind, deren Bauart wohl ebenfalls von den Buginesen entlehnt ist. Die Hüttenzugänge sind in Sorowáko eigentümlicherweise meist so angeordnet, daß die Leiter, ein eingekerbter Bambuspfosten, von der Mitte der unteren Plattform aus, also völlig verdeckt, zu dem Innern des Hauses hinaufführt. Bemerkenswert ist, daß auch die landeinwärts gelegenen Hütten, welche von der Unterspülung selbst bei höchstem Flutstande nicht erreicht werden, auf hohen Pfahlgerüsten stehen. Der Boden darunter war ebenso trocken und sauber wie bei den unterspülten Häusern. Die unter den Wohnräumen gelegenen, die ganze Ausdehnung der Häuschen einnehmenden Plattformen scheinen die Entfernung des Unrates durch die Lücken des Fußbodens zu verhindern. Das Errichten von Pfahlrosten scheint also doch auch andere Zwecke zu verfolgen als die Unterspülung, und zwar könnten in Betracht kommen: 1. die Verhütung des Eindringens ekelhafter oder gefährlicher Tiere, wie Schlangen, Skorpione, Skolopender usw., 2. die geringe Belästigung von Moskitos in zugigerer Höhe und 3. die damit zusammenhängende, den Eingeborenen durchaus nicht unbekannte Tatsache, daß sie in den zu ebener Erde gelegenen Wohnhäusern viel leichter Fieberanfällen ausgesetzt sind als in solchen auf hohem Pfahlwerk, speziell am Matanna-See, wo die Malaria ziemlich bösartig auftritt.

Ich will mich nun bemühen, das Innere eines Sorowákohauses zu schildern, und wähle hierzu das zu den besseren und größeren gehörende des Häuptlings Sálima.

Die Hühnerleiter unter dem Hause führte von der Mitte aus in einen engen, dunklen Gang, der zum gemeinsamen, die ganze Hausfront einnehmenden Aufenthaltsraume der Familienmitglieder leitete. Dieser bestand in einem ca. 2 m breiten Raume, dessen winzige, rund oder eckig eingeschnittene Fensteröffnungen mit einer Art Gitterwerk versehen waren, das stark an Haremsausgucke erinnerte. Seitlich zur Linken führte ein Gang zu zwei abgeteilten Kammern, den Schlafräumen der erwachsenen Töchter. Eine größere Kammer rechts, gleich vom Mitteleingange aus, bewohnte das Häuptlingspaar allein. Eine Fortsetzung des allgemeinen Aufenthaltsraumes auf der rechten Seite führte zu den Feuerstellen mit den Brennholzvorräten und Küchengeräten aller Art. An dem Deckengebälk und an den Seitenpfosten des Hauses war Hausrat aufgehängt, wie Reisschüttelkörbe, Rückenkörbe, Netzwerk zum Fischen, Ruder und Vorräte an Feldfrüchten. Den Hauptpfosten der dem gemeinsamen Aufenthalt dienenden Plattform schmückten eine Anzahl Lanzen, deren lange, schlanke Eisenblätter teils einfach in hölzerne Schäfte hineingetrieben waren, teils in hübsch gearbeiteten messingverzierten Stockhülsen steckten. Hier befanden sich auch die vielzackigen Fischspeere, die mit Rotangstreifen oder Lederriemen an langen Stöcken befestigt waren, ferner Langschilde aus Rotanggeflecht und Buschmesser verschiedenster Form, wie sie im Walde, bei der Feldarbeit usw. gebraucht werden. Die Dielen der Gänge waren lückenlos mit einfachen, weißen Matten belegt. --

Zu den Messinggußringen, Armreifen etc. -- Erzeugnissen einheimischer Industrie -- gesellte sich in Sorowáko viel eingeführter Tand, vom chinesischen Händler bezogen, und Artikel der buginesischen Silber- und Goldschmiedekunst. Hoch im Preise standen fein in Schuppenmanier gearbeitete Kupferhalskettchen, die nicht unter 25 Gulden pro Stück erhältlich waren.

Was nun die Kleidertracht der Sorowáko-Leute anbelangt, so ist auch diese der von Matanna identisch. Wie dort trugen auch hier die Frauen das Haupthaar offen und lang herabhängend oder in einen kunstlosen Schopf zusammengebunden, die Männer aber trugen es unter dem lose geschlungenen Haupttuche versteckt. Merkwürdige Haartrachten waren mitunter bei Kindern zu sehen, so z. B. kreisrunde Büschel stehen gelassener Haare bei sonst glatt rasierten Köpfen, Simpelfransen, lange Nackenhaare bei geschorenem Haupthaar usw. Ebenso verschiedenartig war, wie das beigegebene Gruppenbild zeigt, die Kostümierung der jugendlichen Schar von splitternackt bis zum vollendeten Dandy buginesischer Art. Häufig trugen Knaben und junge Männer glatte, fingerbreite Bastbänder als Knöchelschmuck.

Ein allerliebstes Kerlchen war das Söhnchen des Häuptlings, dessen Konterfei die nebenstehende Abbildung zeigt. Selbstbewußten Blickes und ohne Furcht, wie es sich für einen jungen Edlen geziemt, ließ er die Prozedur des Photographierens über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Die Art des Lasttragens auf hölzernen Rückenbrettern, die mittels der durch die durchbohrten Randleisten gezogenen Schnüre hoch beladen werden können, zeigt uns die nächste Aufnahme. Sie stellt einen jungen Menschen und eine Frau aus Sorowáko dar.

Die mit einem besonderen Zeitaufwand und großer Mühe aus groben Holzklötzen herausgearbeiteten Reiströge, wie ich sie auch in Matanna fand, sind in Sorowáko noch formreicher als dort vertreten. Sie wiesen fast antike Formen auf, und gern hätte ich einige Exemplare davon mitgenommen, wäre mir nicht der Transport der schweren, mehr als 1 m hohen Holzgebilde über das Gebirge allzu umständlich erschienen. Somit beschränkte ich mich auf die photographische Fixierung der hauptsächlichsten vorgefundenen Formen.

Die Schmiedekunst, die ehemals in Sorowáko in hoher Blüte stand, ist, wie ich bereits erwähnte, gegenwärtig auf dem Aussterbeetat angelangt. Die alt und weit berühmte Herstellung ganzer eiserner Lanzen und einzelner Lanzenblätter ist seit dem Waffenverbot der Regierung nahezu erloschen, und ebenso verhält es sich mit der Anfertigung von Schwertern und Messern, die als Handelsartikel ehemals weithin ausgeführt wurden.

Anders steht es mit der Tonwarenindustrie, die in Sorowáko in großem Umfange betrieben wird, und deren Erzeugnisse meiner Ansicht nach die von Matanna an Schönheit übertreffen. Jedenfalls zeigten die hier erworbenen Geschirre einen größeren Formenreichtum und eine Farbenfreudigkeit, die erheblich gegen die düstere Farbengebung der Tonwaren in Matanna abstach.

Fischerei scheint am ganzen Matanna-See nur in relativ beschränktem Maße und wohl nur für den Eigenbedarf ausgeübt zu werden. -- Überall verbreitet war das Kreiselspiel, dem sich auch junge Männer mit Eifer hingaben. Dabei schleuderte einer der Spieler mittels einer langen Schnur zuerst einen Kreisel, und seine Mitspieler bemühten sich nun, den tanzenden Holzkegel mit den ihrigen zu treffen und aus seiner Bahn zu schleudern.

Von Musikinstrumenten nationalen Gepräges erhielt ich nur eine »gésso-gésso« benannte, sonderbar konstruierte Laute, deren aus einer halbierten Kokosfrucht geformter Resonanzboden auf der nackten Brust aufgesetzt wird. Es lassen sich mittels dieses Instrumentes wohlklingende, einfache Weisen spielen. Junge Burschen benutzen dasselbe, den Auserwählten ihres Herzens regelrechte Ständchen zu bringen. -- Sonst kamen nur noch aus Bambus gefertigte Mund- und Nasenflöten vor.

Auffallend war mir in Sorowáko die ängstliche Zurückhaltung der Frauen und Mädchen, von denen sich auch nicht eine einzige blicken ließ. Wahrscheinlich ist auch diese Scheu eine Folgeerscheinung des hier bereits tief eingedrungenen Islam.

+Sorowáko -- Karongsie+, den 9. September.

An Stelle des gewohnten, heiteren Landschaftsbildes zeigte sich die Scenerie heut morgen grau in grau, und ein fein herniederrieselnder Regen wirkte deprimierend auf jedermanns Stimmung. Ich hatte für heut den Aufbruch nach dem Towuti-See beschlossen; doch kostete es bei dem abscheulichen Wetter Mühe, die notwendigen Träger aus ihren Hütten herauszulocken und zur Übernahme der Lasten zu bewegen. Nach vielem Ärger und manch ehrenrührigen Vorstellungen an die Adresse der säumigen Leute war endlich alles Gepäck in den hier gebräuchlichen hohen und spitzen Holztragen untergebracht. Nun bedurfte es nur noch einer kräftigen Aufmunterung seitens des die Lastenverteilung überwachenden Sulewátang, um den Kulis begreiflich zu machen, daß sie ihre Regenmatten zum Schutze des ihnen anvertrauten Gepäckes und nicht ihrer werten Persönlichkeit zu verwenden hätten. So wurde es 8 Uhr, ehe es gelang, die 22 Mann starke Kolonne in Gang zu bringen. Vorüber an fröstelnden Kindergruppen, die, um Feuer hockend, am Dorfausgange unsern Abmarsch beobachteten, ging es den grau verhängten nahen Bergen zu. Auch über dem See lastete dicker Nebel, jeden Abschiedsblick darauf verwehrend.

Sacht ansteigend, kamen wir bald in eine höchst pittoreske Berglandschaft. Zwischen Felsenkuppen wand sich der steinige Pfad empor. Immer schwieriger wurde das Terrain, und auf regennassem, schlüpfrigem Geröll ging es höher und immer höher, just zur selben Zeit, als sich das Regengeriesel in trostlosen Landregen verwandelte, der jedes leise Hoffen auf erfreulichen Witterungsumschlag im Keime ersterben ließ. Tropfnaß und verärgert über des Tages Ungunst, die Anhänglichkeit der kiloweise an meinen Stiefeln haftenden Matannaerde verwünschend, eilte ich meinen Leuten voran und stand nach 1½ Stunden, durchweicht und erschauernd im kühlen Höhenwinde, auf dem Rücken der 6-700 m hohen Bergkette. -- Wallende Nebel rings umher gestatteten kaum, die nachfolgende Trägerkarawane in unsicheren Umrissen zu erkennen. Doch zu langem Verweilen war die Situation nicht geeignet, und so begann ich denn resigniert mit dem Abstiege in der Richtung nach Karongsie zu.

Glücklich gelangte ich über die Felsen hinab auf ein Hochplateau, auf welchem ein guter, vielbegangener Pfad nach Karongsie führte. Hier auf dem offenen Terrain blies ein kräftiger Wind, dessen Hauche die regenschweren Wolkenmassen nicht standzuhalten vermochten. Die Luft wurde sichtiger, und der Regen ließ etwas nach. Das sich aufhellende Wetter gestattete allmählich einen Blick über die Landschaft. Hinter mir lagen frischgerodete Hänge mit einem Labyrinth gefällter Stämme; vor mir breiteten sich anmutige, nach dem Regen im saftigsten Grün schimmernde Hügel. Weit traten die sanft verebbenden Ausstrahlungen des Matanna-Vorgebirges zurück, über die wir herabgekommen waren. Nach längerer, angenehmer Wanderung über das schöne Gelände stand ich ziemlich unvermittelt vor einer tiefen Talmulde, auf deren Grunde sich das hübsche Dörfchen Karongsie eingenistet hatte. Als ich Karongsie betrat, waren seit meinem Aufbruche in Sorowáko kaum mehr als 3 Stunden verflossen. Trotz dieser kurzen Wegestrecke wollte ich den Marsch heut nicht mehr fortsetzen teils in Hinsicht auf meinen total durchnäßten äußeren Menschen, teils in der Erwartung, hier ein ethnographisch ergiebiges Feld zu finden. Meine Leute, die etwa eine Stunde nach mir eintrafen, begrüßten meinen Entschluß mit Jubel. Sie fanden mich bereits im Office -- wie in den nun betretenen Landschaften die Unterkunftshäuser genannt werden -- meines Gepäckes zum Kleiderwechseln harrend und umringt vom Dorfhaupte und seinen Getreuen. Da von diesen allen auch nicht einer ein Wort malayisch sprach, so blieb unsere Unterhaltung recht einsilbig, und mein guter Sulewátang, wie mein Boy Rámang hatten nach ihrem Eintreffen Mühe, als Dolmetscher dem nun beginnenden Ansturm von Fragen gerecht zu werden.

Mein Entschluß, diesen Tag in Karongsie zu verleben, sollte mich nicht gereuen. Wennschon auch dieser Ort erst eine kurze Vergangenheit hat, so erhielt ich hier doch manches mir völlig Neue; darunter mehrere Küchengeräte mit geschnitzten hölzernen Griffen, welche an Stelle der bisher ausschließlich vorgefundenen Ornamentik Tiermotive aufwiesen. Ferner erwarb ich hübsche, beim Reisessen als Teller benutzte, geflochtene Körbchen und ein weiteres Exemplar der in Karongsie »sosánru« genannten Laute, wie ich eine ähnliche in Sorowáko bekommen hatte.

Mehr jedoch als diese Bereicherung meiner Sammlungen interessierte mich das seltene Schauspiel einer Aktion von 3 Tobela-Zauberern, die ich hier auf ihrer Rundreise durch den Matanna-Bezirk antraf (siehe Taf. III).

Es war um die Zeit, in welcher die Eingeborenen neue Felder anlegten und die Aussaaten vornahmen. Die 3 Zauberer, Sándo genannt, besuchten die Dörfer, um den Segen der Reisgeister auf die Neupflanzungen herabzuflehen. Ihre aus kurzer Hose und Kattunjäckchen bestehende Kleidung unterschied sich in nichts von der üblichen Tracht. Abweichend hiervon war nur eine aus dünnem, weißgrauem Fujastoffe spitz geschlungene Kopfbedeckung. Die 3 Leute stammten nicht aus hiesiger Gegend, sondern behaupteten, To-Mori zu sein. Auf dem Hauptwege in der Mitte des Dorfes errichteten sie aus Bambusrohren ein kleines Tischgestell, daneben auf dem Boden 2 fußlose Roste. Diese Gestelle wurden mit Atap belegt und darauf die von den Frauen des Dorfes herbeigeschleppten kleinen Schälchen und Schüsselchen samt den zum Zaubern notwendigen Ingredienzien ausgebreitet, unter denen Reis, Mais, Tabakblätter und Sirihzutaten eine Hauptrolle spielten. Hierzu kamen noch eine Unmenge kleiner Gambirdöschen und sonstiger Hokuspokus. Die Schüsseln wurden mit Stücken weißer Fuja bedeckt. Jede Familie im Dorfe brachte Opfergaben herbei, die, ebenfalls mit Fujastücken bedeckt, auf den Tischgestellen aufgestapelt wurden. Vor diesen Opfertischen hockten die 3 Sándo nieder, um teils in corpore, teils einander ablösend endlose Litaneien leise vor sich hin zu murmeln oder im singenden Tone mit lebhaften Gestikulationen herunterzuleiern. Dabei entnahmen sie den Reisschälchen hin und wider kleine Prisen Körner, die sie unter Beschwörungsformeln, welche an die Geister der Wolken, des Regens und der Winde gerichtet waren, in die Höhe warfen. Die neben der ziemlich vollzählig versammelten, den Vorgängen andächtig folgenden Dorfbewohnerschaft gleichfalls anwesenden gefiederten Bewohner Karongsies sorgten dafür, daß von diesen den Geistern zugedachten Reiskörnern nichts umkam.

Es gelang mir, von den interessanten Vorgängen mehrere Aufnahmen zu machen. Die 3 Geisterbeschwörer ließen sich durch meine Kamera anscheinend durchaus nicht beirren. Dafür aber wurde ich beim Akte der Wasserbesprengung mit einer so ausgiebigen Dusche bedacht, daß ich dies als einen geschickt zum Ausdrucke gebrachten Protest gegen meine Neugierde auffaßte. Langsam um die Gestelle mit den Opfergaben herumwandelnd, besprengte der Oberste der Sándo diese mit Wasser, um hierauf nach erneuten Gebeten und Beschwörungsformeln nach allen vier Winden Wasser in die Luft zu sprengen, wobei die im Halbkreise eng nebeneinander hockenden Zuschauer nicht zu kurz kamen. Den Schluß der Zeremonie bildete die Einheimsung all der guten Sachen, die eigentlich den Geistern gewidmet waren, nun aber fabelhaft schnell in den zu solch löblichem Beginnen eigens mitgeführten großen Taschen der Sándo verschwanden. -- Nach diesem Großreinemachen trieben diese noch einen schwunghaften Handel mit Amuletten und Arzneien gegen alle möglichen und unmöglichen Krankheiten. -- Man beachte das verschmitzte Gesicht des Ober-Sándo auf dem beigegebenen Bilde, und man wird überzeugt sein, daß der Mann sein Geschäft verstand.

Die Atap-Häuschen von Karongsie mit einer Art Veranda an den Vorderfronten sahen äußerlich adrett und sauber aus. Hinter ihnen, in gleicher Richtung angeordnet, befanden sich die dazugehörigen Reisspeicher. Die sonderbaren Giebelverzierungen der Wohnungen erinnerten sehr an luwuresischen Gebrauch. Vor jeder Hütte hatten die Karongsier auf Regierungsbefehl kleine Anpflanzungen angelegt. Die Setzlinge, Arekapalmen, Melonenbäume, Pisang und Kápok, wurden ihnen hierzu unentgeltlich geliefert. -- Das Innere der Hütten entsprach leider nicht dem freundlichen Äußeren. In denselben herrschte im Gegenteil eine greuliche Unsauberkeit, und ein durchdringender, ebenso unerträglicher wie undefinierbarer Geruch fiel mir auf die Nerven. In beengend niedrigen, kleinen Verschlägen hausten da die kinderreichen Familien. Manche der Leute erschienen mir buchstäblich wie Ausgrabungen, so völlig waren sie mit Schmutz inkrustiert und, um das Maß voll zu machen, mit bösartigen Hautkrankheiten behaftet. Männer mit handgroßen, offenen, bis auf die Knochen eingefressenen Beinwunden sah ich hier unverbunden herumhinken; vielfach vorkommende Eiterherde und Pusteln am Halse und auf der Brust, an den Armen und Beinen dürften syphilitischer Natur gewesen sein.

Die äußerst einfache und dem Feigenblattidyll nahekommende Lösung der Bekleidungsfrage des jungen Nachwuchses veranschaulicht die umstehende Photographie einer niedlichen Kindergruppe. Das nächstfolgende Bild zeigt zwei junge Frauen im Festkleide, eine mit dem unvermeidlichen Tabakpriemchen im Munde. Dabei möchte ich auf die eigenartige Kopfbedeckung der Frauen besonders aufmerksam machen.

Als Beschluß meiner Karongsie-Aufnahmen bringe ich noch das Bild eines jungen Pärchens, das im Begriffe stand, eine Wanderung nach Sorowáko anzutreten. Voraus, frank und frei mit bequemem Gehstock, die Wasserflasche auf dem Rücken, das Täschchen mit Rauch- und Kauutensilien um die Schultern gehängt und den Klewang an der Seite, der jugendliche Herr Gemahl; dahinter mit schwer bepacktem Rückenkorb und Buschmesser die kaum dem Kindesalter entwachsene junge Frau. Während diese auch nicht ein Schmuckstück an sich trägt, zieren den Gatten Arm- und Fingerringe. Der ängstliche Gesichtsausdruck beider zeigt, wie unheimlich ihnen die Prozedur des Photographierens war.

+Karongsie -- Sése+, den 10. September.

In früher Morgenstunde verließen wir Karongsie. Auf der Plateauhöhe angelangt, stießen wir auf die Spuren des Sándo-Kleeblatts. Dicht am Wege waren vor einem neu angelegten Felde dieselben Opfertische errichtet, wie wir sie gestern im Dorfe gesehen hatten. Der wohlhabendere Teil der Bevölkerung läßt nämlich vor jeder Urbarmachung eines Feldstückes die Sándo Beschwörungen ausführen. Soll der Zauber aber recht kräftig sein, so muß die Zeremonie der Fruchtweihe sogar mehrmals vorgenommen werden. Auch beim Ausbleiben von Regen wird die Hilfe der Sándo in Anspruch genommen.

Bald nach unserem Aufbruche erblickten wir in der Ferne das tief unter uns liegende Kulturtal von Weúla. Es war ein höchst fesselnder Anblick, wie die Nebel in den Tälern zwischen den kulissenartig voreinander geschobenen Bergzügen mit der siegreichen Sonne kämpften. Gleich einem aufgeregten Meere wallten die Dunstschwaden auf und nieder, und in der Ferne täuschte der Brodem einen See vor. Die Gegend wurde jetzt sehr uneben und steinig; trotzdem waren allenthalben Feldanlagen zu sehen, meist mit einem dabeistehenden, winzigen Hüttchen. Wenn uns begegnende Frauen, die sich zur Feldarbeit begaben, beim Vorübergehen den Kopf zur Seite wandten oder ihr Gesicht verhüllten, so muß ich dies als Zeichen besonderen Zartgefühles dankend anerkennen. -- Dem Höhenrücken folgend, stiegen wir geraume Weile in stetem Wechsel hinauf und hinunter. Gegen 9 Uhr erreichten wir den auf halber Bergeshöhe gelegenen kleinen Kampong Sinóngko. Hier fand ein Kuliwechsel statt. -- Immer deutlicher wurden die Anzeichen einer dichteren Bevölkerung, immer häufiger die Anpflanzungen. Wieder eine halbe Stunde später ging es durch den Kondara-Fluß dem jenseits desselben gelegenen, aus nur wenigen Häusern bestehenden Kampong Weúla zu. Ohne Aufenthalt durchquerten wir das Reistal desselben, mit gegenwärtig brach liegenden Kulturen. Jetzt türmte sich vor uns ein hoher, bewaldeter Bergrücken auf, an dessen Lehne wir einem herrlich schattigen Waldwege folgten. Dabei begegneten wir einem an einer Quelle rastenden Dammar-Sucher mit schwer bepacktem Rückenkorbe. Sorgfältig hatte er seine kostbare Last mit Sagoblattscheiden bedeckt. Es war ein hübscher, stämmiger Bursche, und prachtvoll stach die Bronzefarbe seiner muskulösen Glieder gegen das Silbergrau der Baumstämme und die tiefgrüne Pflanzenpracht ringsum ab.

Die hinter diesem Waldgürtel folgende Wegstrecke war schattenlos. Über abgeholzte und verbrannte Rodungen gelangten wir in ein neu sich öffnendes Hochtal, das von felsigen Waldgebirgen umrahmt war. Es war Sése, die letzte uns noch vom Towuti-See trennende Station. -- Das unbedeutende Dörfchen Sése, dem in geringer Entfernung der Kampong Tógo benachbart ist, lag jetzt dicht vor uns. Empfangen und geleitet von dem schüchtern auftretenden Dorfhaupte, hielt ich in dem abseits von den Dorfhütten gelegenen »Fremdenquartier« meinen Einzug. -- Der Weg bis hierher hatte etwa 5 Stunden beansprucht, so daß ich noch einen halben Tag vor mir hatte, Zeit genug, das von Europäern kaum je besuchte entlegene Tälchen zu untersuchen.

Wir haben es in Sése abermals mit einer Neugründung zu tun. Das ganze Gemeinwesen hatte nur 6 Häuschen und eine einzige Reisscheune. Erstere wiesen sämtlich Giebelverzierungen auf, wie wir sie in genau derselben Weise auch in Karongsie gefunden hatten. Es war zu erwarten, daß diese kleine Siedelung in ethnographischer Hinsicht kaum etwas Besonderes bieten würde; desto froher überrascht war ich, auch hier einige mir neue Gegenstände zu erlangen, unter denen ein Blasrohr aus Bambus, súmpi genannt (malayisch: sumpitan), vielleicht das Beste war. Zum ersten Male in Celebes erhielt ich hier zwei hübsche Maultrommeln (= n’gói). --

So bescheiden die Menschen hier lebten -- genügte ihnen doch ein kaum handbreiter, durch die Beine gezogener Schamlappen als völlig ausreichende Gewandung -- so schienen sie mir in anderer Beziehung doch recht praktisch veranlagt. Jedenfalls hatte ich hier bei Einkäufen höhere Preise zu zahlen, als bisher irgendwo. Angenommen wurde nur bares Geld unter gänzlicher Nichtachtung selbst der verlockendsten Tauschobjekte.