Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 5

Chapter 53,101 wordsPublic domain

In Sokóyo erwartete uns bereits eine Schar von mehr als 20 Tambe-É-Leuten, die durch vorausgesandte Boten hierhergerufen worden waren, um mich nach ihrem weit im Gebirge liegenden Dorfe Toréa zu geleiten und mein Gepäck fortzuschaffen. Wie ich bereits früher erwähnte, haben wir es bei den Tambe-É-Leuten mit echten Waldbewohnern zu tun, die, obschon zum Tobela-Stamme gehörig, sich durch wesentlich andere Sitten auszeichnen. Ich wollte es daher keinesfalls versäumen, auch diesen Tambe-É-Zweig kennen zu lernen. Meine Prau mit aller irgend entbehrlichen Bagage sandte ich nach Noëha voraus, wohin ich mich von Toréa aus begeben wollte. Ohne Säumen traten wir den Marsch an, der uns zuerst eine Strecke weit das Ufer entlang führte. Das Gestade war hier über und über mit metallisch schimmerndem, schlackenartig aussehendem Raseneisenerz bedeckt. -- Nunmehr galt es, den an dieser Stelle dicht an den See herantretenden Gebirgszug zu überschreiten. Stark bergansteigend, bogen wir in einen prächtigen Nadelwald ein. Fürs erste war der Pfad wunderschön. Wir wanderten über trockenen roten Waldboden, dessen sonnendurchfluteter Baumbestand, untermischt mit mancherlei blühenden Büschen, lebhaft an heimische Laubwälder erinnerte. Im üppig wuchernden Moose entdeckte ich zwei zierliche, schön gefärbte Nepenthes-Arten. -- Meine Tambe-É-Führer schlugen ein Marschtempo an, wie ich es bei den Eingeborenen bisher noch nicht kennengelernt hatte, so daß es mir Mühe machte, den Leuten zu folgen. Dabei ging es steile Lehnen hinan, bis wir schließlich den 846 m hohen Rücken des Gunung Panturéa erklommen hatten. Meine übrige Begleitung, der Sulewátang und mein Boy Rámang, waren weit zurückgeblieben, und der Unterschied zwischen dem viel elastischeren und kräftigeren Bewohner des Inneren gegenüber der mehr verweichlichten Küstenbevölkerung trat auch bei dieser Gelegenheit zutage.

Der Gebirgsrücken war mit lichtem Walde bestanden, der mit den undurchdringlichen Regenwäldern Malakkas und Sumatras wenig Ähnlichkeit zeigte. Die Wanderung über den Kamm war ein Vergnügen und reizte stark zu längerem Aufenthalt; doch ließ die Zeit kein Verweilen zu. Strecken, auf denen Waldbrände verheerend gewütet hatten, wurden passiert. Bald nahm uns das Dämmerlicht eines dichten Tropenwaldes gefangen und gab uns stundenlang nicht mehr frei. Unsere Umgebung bildete einen Naturdom voll schwer zu beschreibender Großartigkeit. Kirchturmhoch strebten schlanke Baumsäulen kerzengerade empor, um sich erst hoch oben in luftiger Höhe zu einer breiten, schirmartigen Laubkrone zu verästeln. Mehr als 7 m hohe Luftwurzeln stützten diese Riesen des Waldes. Dazwischen drängten sich merkwürdig gestaltete Pandanaceen und stolze Baumfarne. Die Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt war verblüffend. Kaum zwei Bäume der gleichen Art waren nebeneinanderwachsend zu finden. Die Baumkronen bildeten 2, ja 3 verschiedene Schichten übereinander. Tausendfältig rankte sich Lianengewirr gleich festlichen Guirlanden von Stamm zu Stamm, hier stützend und erhaltend, dort umklammernd zu tödlicher Umschnürung. Altersschwache Baumgiganten, vom Sturme gebrochen und zu Boden gerissen, versperrten uns häufig den Weg. Die Wedel feinfiederiger Kletterpalmen rankten sich an schlanken Stämmen in die Höhe, dem lebenspendenden Lichte entgegen, und sandten ihre Ausläufer meterhoch über die höchsten Gipfel hinaus. In jeder Astgabel hatten sich Farne, Orchideen und andere Schmarotzerpflanzen sonder Zahl eingenistet. Unwillkürlich wurde in dem geheimnisvollen Schatten und der tiefen Stille dieser Urwaldpracht das gesprochene Wort zum Geflüster. Selbst meine Tambe-É-Führer konnten dem mächtigen Eindruck nicht widerstehen und ließen ihre Gespräche verstummen.

Die Tierwelt fehlte scheinbar gänzlich. War es die drückende Schwüle der Mittagsstunde, die jede Regung des tierischen Lebens ersterben ließ, oder lag es an den grandiosen Dimensionen dieser Bergwälder, in denen kleinere Geschöpfe leicht übersehen werden, -- kurz es herrschte eine durch keinen Laut, keine Bewegung unterbrochene Ruhe in dem ungeheuren, grünen Reiche, die fast bedrückend wirkte.

Vollste Aufmerksamkeit erforderte die Verfolgung des Buschpfades. Das Überklettern der feuchtmorschen Stämme, auf denen der Fuß einbrach oder ausglitt, war schwierig und wurde noch unangenehmer durch die Unmasse von Landblutegeln, die solche Örtlichkeiten bevorzugen. Reihenweise aufgepflanzt wie Soldaten im Gliede, harrten sie ihrer Opfer und richteten sich bei jedem eine Annäherung verratenden Laute beutegierig in die Höhe. Nicht selten verdankte ich es beim Durchkriechen von Ast- und Wurzelgewirr nur meinem erprobten, die derbsten Stöße mildernden Tropenhut, wenn ich vor Schädelbruch bewahrt blieb. Alle schlummernden Seiltänzerkünste hieß es zu Hilfe nehmen, um den zögernden Fuß über Schluchten hinwegzuführen, über welche zufällig gestürzte oder absichtlich gefällte Baumstämme unsichere Brücken bildeten.

Nach Passieren dieser Urwaldzone betraten wir ein Grashochland mit entzückendem Fernblick auf das Mori-Gebirge. Sanft fielen die Hänge nach allen Seiten ab, und über verschiedene Talbrücken hinweg erreichten wir nach vierstündiger Wanderung unser Tagesziel, Toréa. Meine Signalschüsse lockten alles, was laufen konnte, aus den Häusern, und der Häuptling des Dorfes kam uns grüßend entgegen.

Toréa ist hübsch auf einer Anhöhe gelegen und besteht im ganzen erst aus 8 in einer Längsreihe errichteten, neugebauten Häusern, von denen noch kaum die Hälfte bewohnt war. Die meisten der hierher gehörigen Stammesangehörigen lebten noch zerstreut auf ihren stundenweit auseinanderliegenden, einsamen Kebons (= Pflanzungen in den Bergen). Die sauberen mit Atap gedeckten Häuser waren groß und geräumig und zeigten einen bisher noch nicht angetroffenen Bautyp. Unser Bild zeigt die Rückseiten der auf der abfallenden Hügellehne auf hohen Pfahlgerüsten errichteten Toréa-Häuser mit ihren eigenartig übereinandergelagerten Ventilationsvorrichtungen, die ebenso wie die großen und zahlreichen Fensteröffnungen ein den Eingeborenen sonst völlig fremdes Licht- und Luftbedürfnis dokumentierten. Als gemeinsamen Firstschmuck wiesen alle Bauten einen an langer vorspringender Bambusstange befestigten »Zauber« auf, bestehend in einer gewöhnlichen, im Winde schaukelnden Glasflasche. In bemerkenswertem Gegensatze zu den hübschen Dorfhäusern stand das mir als Absteigequartier bestimmte, miserable Hüttchen, das so verfallen und schmutzig war, daß ich es vorzog, mein Feldbett im Freien, unter dem vorspringenden Dache aufzuschlagen.

Die Tambe-É-Leute von Toréa, im allgemeinen von großen und schlanken Körperproportionen, zeigten sich recht scheu, und besonders die Weiber waren nur schwer zu bewegen, sich photographieren zu lassen. So sauber die neuen Häuser schienen, so verwahrlost und schmutzig präsentierten sich ihre Bewohner. Sie schienen fast schwarz zu sein. Möglich, daß die ihre Gestalt gleichmäßig bedeckende Schmutzkruste ihre Hautfarbe dunkler erscheinen ließ, als sie tatsächlich war. Der Unsauberkeit war wohl auch der große Prozentsatz der mit Hautkrankheiten behafteten Individuen zuzuschreiben. Namentlich die Kinder waren fast durchweg über und über mit bösartig aussehendem Ausschlag behaftet. Besonders widerlich war die Gepflogenheit der mit Kurap behafteten Knaben und Männer, sich die abblätternde, vom Ringelwurm zerfressene Haut mit ihren Klewangs abzuschaben, demselben Werkzeug, das sie gegebenenfalls auch als Fleischmesser oder Zahnstocher benutzen. Die den Männern an äußeren Reizen in nichts nachstehenden weiblichen Dorfinsassen trugen Lendentücher aus dunkelfarbenen, schwarzblauen Stoffen, die ihnen knapp bis zu den Knien reichten. Ihre weitere Gewandung bestand nur noch in gelbweißen, aus ungefärbtem Kattun gefertigten Oberjäckchen, die beim Säugen der Kinder einfach über die Brüste hinaufgestreift wurden. Eigenartige, turbanähnlich geschlungene Tücher desselben Materials wurden als Hauptschmuck benutzt. In einem um die Schultern geschlungenen, shawlartigen Tuche hingen die kleinen Kinder, wobei die Beine derselben in reitender Stellung die Hüften der Mutter umschlangen. Als Schmuck trugen die Frauen dünne Messingspangen, die die Arme vom Gelenk bis zu den Ellenbogen deckten; an den Füßen trugen sie Reifen in massiver Ausführung von pfundschwerem Gewicht. Erstere dürften als ständiger Zierat, letztere nur als festlicher Schmuck anzusehen sein. Als es mir nach langem Zureden gelang, einen der Familienväter zu bewegen, mir gegen schnöden Mammon die Fußringe seines Weibes zu verkaufen, hatte der Gute, zu seinen Penaten zurückgekehrt, eine schwere Viertelstunde zu durchleben, wie uns das weithin vernehmbare Keifen seiner in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten besseren Hälfte bekundete. -- Die Männerkleidung bestand auch hier wieder aus der kurzen Bugihose, zu der sich vereinzelt Kattunjacken und ganz allgemein Kopftuch und ein schärpenartig umgeschlungenes Lendentuch gesellten. Als Schmuck fand ich bei ihnen Arm- und Fingerringe aus Messing, die den in Matanna hergestellten glichen.

An mir besonders erwünschten ethnographischen Objekten konnte ich eine eigenartige Kinderwiege (= sói) erwerben, die in einer der Hütten an Rotangseilen schaukelte, außerdem einen alten Rotangkriegshut und mehrere Rotangschilde. Lanzen schienen hier ganz gründlich beseitigt worden zu sein; ihr ehemaliges Vorhandensein bewiesen nur noch die höchst praktisch als Gehstöcke verwendeten Schäfte, welche teilweis sehr hübsche Messingbeschläge aufzuweisen hatten. Zu diesen kamen noch eine Anzahl Sitzfelle und Regenschutzmatten, sowie endlich Hahnenkörbe (= ogóta) mit den dazugehörigen Schlingen (= mantára), zum Einfangen der hier zahlreichen wilden Dschungelhühner. Bei dieser Fangmethode wird der Lockhahn auf einer geeigneten Waldblöße an einem Pflocke festgebunden. Auf die Rufe des sich einsam fühlenden Gefangenen kommen die rauflustigen wilden Kameraden herbeigeeilt. Hierbei geraten sie in die Schlingen, womit ihr Schicksal besiegelt ist.

Neu waren mir die in Toréa gebräuchlichen Eßlöffel aus Blattscheiden. Auch einen schön gearbeiteten Vorratskorb aus Rotang fand ich, dessen Flechtmuster quadratische Grundformen aufwies. Leider war das Stück nicht zu erhalten.

Als höchst willkommene Abwechslung meines täglichen Konservenmenus brachte man mir in Toréa frische Eier, eine im Waldleben seltene Delikatesse; auch Hühner konnte ich ohne Schwierigkeit erwerben.

+Toréa-Sorowáko+, den 7. September.

Am frühen Morgen brachen wir auf, um auf neuem Wege nach Noëha am Matanna-See zurückzukehren. Die Toréa-Träger trugen die leichteren Gepäckstücke frei auf dem Kopfe, die schwereren an Stirnbändern auf dem Rücken. Gleich zu Anfang hatten wir ein ziemlich tiefes Flüßchen zu durchwaten, eine zum Tagesbeginn stets unwillkommene Einleitung. Drüben traten wir auf ein mit Riedgras und Lalang bestandenes Hochtal heraus, dessen welligen Erhebungen wir über eine Stunde lang folgten. Hierbei kamen wir an einem von den Eingeborenen für Zwecke der Hirschjagd völlig eingelappten großen Terrain vorüber. Als Schreckmittel für das Wild hatte man mit viereckigen Atapstücken behängte Stangen verwendet. -- Gegen 8 Uhr standen wir wiederum vor einem Flusse, dem wir nun durch dichtes Buschwerk längere Zeit nachgingen. Die Krümmungen des Wasserlaufes abschneidend, durchschritten wir ihn unzählige Male. Legionen von Stechmücken raubten uns hierbei den Rest guter Laune. Endlich wieder auf freies Terrain gelangt und froh, den lästigen Peinigern entronnen zu sein, gerieten wir vom Regen in die Traufe. Sämtliche Büffel dieser gesegneten Gegend schienen hier ihren Rendezvousplatz zu haben; denn der Boden war stellenweise zu tiefem Morast zertreten. Rettungslos sank der Fuß in den Schlamm ein, und mehrfach war ich in Gefahr, mein schon durch das ewige Waten arg mitgenommenes Schuhzeug ganz einzubüßen. Langsam wurde der Weg wieder etwas besser, bis wir in mannigfachem Wechsel von Berg und Tal, Busch und Aue gegen 10 Uhr auf ein parkartiges Gelände heraustraten und bald darauf von einer Hügelkuppe aus den Spiegel des Matanna-Sees erblickten. -- Noch eine kurze Wanderung, und Noëha, ein alter, jetzt verlassener Kampong inmitten eines Haines von Mangobäumen, war erreicht.

Zwei von Sorowáko herübergekommene Prauen warteten hier auf unsere Ankunft und hatten schon das gestern von Sokóyo hierher gebrachte Gepäck übernommen. Mit außerordentlichem Stimmaufwand ließ mein »Reisemarschall« auch die neu angekommenen Lasten in die Boote verstauen, und nach dem Photographieren und Ablöhnen der Tambe-É-Träger kroch auch ich in den engen Verschlag der für mich bestimmten Prau. Im Falle eines Malheurs müßte man in solchem Käfig, in dem man wie in einer Mausefalle sitzt, elend umkommen.

Mit schwach vom Winde geschwellten Segeln näherten wir uns um die Mittagsstunde dem schräg gegenüber am Südufer gelegenen Hauptorte des Matanna-Sees, Sorowáko. Die Sorowáko-Ruderer bemühten sich, eine Art Tempo einzuhalten, indem sie einem vollen Schlage stets einen halben Ruderschlag folgen ließen. -- Prächtig lag die Seerunde vor uns, und klar hoben sich die Bergprofile vom wolkenlosen Himmel ab. Tief indigoblau erschien die Wasserfarbe. Die Lotungen der Herren Sarasin ergaben seinerzeit an dieser Stelle des Sees bei 480 m noch keinen Grund.

In der Ferne schwamm ein verendender Fisch mit aufgetriebener Blase, eine, wie es scheint, auf dem Matanna häufige Erscheinung. Die Leute erzählten mir, daß nach größeren Stürmen stets große Mengen solcher Tiere sterbend an die Oberfläche des Wassers aufsteigen. Je näher wir dem Südufer kamen, desto übermütiger gebärdeten sich meine Bootsleute, die in Seemitte stets eine große Angst vor den auf dem Matanna nicht ungewöhnlichen urplötzlich auftretenden Böen zeigen. Einzelne fingen an, Schelmenliedchen zu singen, die von den übrigen mit schallendem Gelächter begleitet wurden, und ein mit unermüdlicher Ausdauer bearbeiteter Gong schien ihnen einen wahren Ohrenschmaus zu bereiten.

Nach zweistündiger Überfahrt erreichten wir glücklich das in ausgedehnte Kokoshaine eingebettete Sorowáko mit schönem Berghintergrunde. Der Ort ist ganz bedeutend größer und schmucker als Matanna. Der »Kapala Kámpong« des Dorfes, ein würdig und gut aussehender, aber etwas befangener Herr Namens Sálima erwartete uns bereits am sandigen Ufer. Die tiefgehende Prau lag weit davon im seichten Wasser auf Grund, und es war schwer, beim Herausklettern aus dem unbequemen Fahrzeuge und der darauffolgenden Waterei die notwendige Würde zu bewahren. Nach freundschaftlichem Händedrucke, eine dem Häuptling, wie ich bemerkte, völlig fremde und unbekannte Art der Begrüßung, geleitete er mich nach der kaum 50 Schritte vom Seeufer gelegenen Fremdenhütte. -- Mein Quartier war ein winziges zweikammeriges Häuschen, in dem ich mich sogleich einrichtete. Der Sulewátang und seine Leute logierten sich im Hause der »Mákole« ein; mein Junge kochte und schlief unter meiner Hütte.

Sorowáko ist die Residenz von Andi Halu, der Königin des Matanna-Distriktes. Als solche führt sie den Titel Mákole. Die Fürstenwürde geht in Celebes bei Ermangelung männlicher Deszendenz auf die weibliche Linie über. Der Titel Mákole wird aber auch von Männern geführt; so wird z. B. der Wotu-Fürst von Baëbuntu bei Masamba Mákole tituliert. Eigentlich müßte es heißen »Mentjáran« = König. -- Die Fürstin, die ich schon in Malili kennen gelernt hatte, war von dort noch nicht zurückgekehrt, und ich mußte mich damit begnügen, ihr großes, in luwuresischem Stil erbautes Haus zu besichtigen. Abgesehen von der abweichenden Bauart und Größe desselben, kennzeichneten je 6 an den Längsseiten herunterhängende hölzerne, grün und gelb bemalte Holzzapfen, -- stilisierte Ananasblüten -- das Haus bereits äußerlich als Residenz der Fürstin, da nur Edelleute solche Embleme, nach Graden abgestuft, an ihren Häusern anbringen dürfen. An Tobela-Gebrauch gemahnen am Hause der Königin einzig die in Büffelhörner auslaufenden Giebel.

Der Innenraum des Hauses ist in 2 ungleich große Teile geteilt. Gleich von der Treppe aus betritt man den auf unserer Photographie links befindlichen seitlichen Anbau, dessen Plankenboden um ca. 1 m tiefer liegt als der Boden des eigentlichen Innenraumes. In diesem die ganze Länge des Hauses einnehmenden Vorraume hält sich bei Audienzen das Volk auf, während sich die Radjas neben der Königin auf dem höher gelegenen Podium niederlassen, welches zwei Drittel des Innenraumes einnimmt. -- Als Mobiliar befanden sich auf dem Podium nur ein kleines Tischchen und mehrere wackelige Rotangstühle. Durch ein ausgespanntes Kattuntuch war eine Art Plafond geschaffen. Das rechts gelegene Viertel des Innenraumes ist durch einen Verschlag abgegrenzt und in mehrere Kammern geteilt, welche die Wohngemächer der Fürstin bilden. Die Umgebung der Mákole macht es sich abends auf den Dielen der Plattform bequem. Eine Matte auf den Boden und, wenn es hochkommt, noch eine Rolle als Kissen, und das Nachtlager ist fertig. Toilettenwechsel erübrigt sich. Das tagsüber als Sarong fungierende Tuch hüllt abends den ganzen Körper ein und dient auch als Schlafdecke. -- Die Fortsetzung des Treppenanbaues bildet auf der hinteren Schmalseite die Küche, an der Vorderfront ein Balkon.

Nachdem ich kaum von meinem ersten Besichtigungsgange in meine Hütte zurückgekehrt war, erhob sich ein gewaltiger Sturmwind, der weiße Wellenkämme gegen das Ufer peitschte; doch fielen nur wenige Tropfen Regen, und bald lachte wieder heller Sonnenschein. Es war eine der gefürchteten Matanna-Böen. Während derselben ins Haus gebannt, benutzte ich die Zeit dazu, der um mein Hüttchen herumlungernden zahlreichen Kinderschar und einer Anzahl junger Leute den Zweck meines Besuches begreiflich zu machen und ihnen zur Verdeutlichung Abbildungen ethnographischer Gegenstände zu zeigen. Jedes ihnen bekannte Bild wurde mit lauten Ausrufen der Verwunderung begrüßt, und es dauerte gar nicht lange, so hatten fortgerannte Boten den Häuptling und eine Anzahl Männer des Dorfes herbeigeholt, denen ich nun nochmals alle Bilder zeigen mußte. Die erfreulichen Folgen dieses Privatissimums ließen nicht lange auf sich warten, und bald erschien einer nach dem andern, um mir verschiedenerlei Objekte anzubieten. Merkwürdig war hierbei, daß sie stets die zu veräußernden Gegenstände sorgfältig unter dem um die Schulter gelegten Shawl verbargen, wobei sie sich den Anschein gaben, als hätten sie überhaupt nichts zu veräußern. Erst auf direktes Befragen hin rückten sie mit ihren Schätzen heraus und nahmen höchst verlegen wahllos einen der ihnen vorgelegten Tauschartikel oder häufiger den von ihnen geforderten Geldbetrag in Empfang. Offensichtlich schämten sie sich des Verkaufes von Dingen, die in ihren eigenen Augen mehr oder minder wertlos waren, und acceptierten für derartige Objekte jedes Gebot, während sie für Gegenstände, die sie selbst hoch schätzten, teilweis sehr hohe Preise forderten. Zu dieser letzteren Kategorie gehörten vor allem Stickereien und Frauenarbeiten jeder Art. So kostete ein reich benähter Frauenhut z. B. 5 fl. -- Mit einfachstem Kreuzstich ganz simpel verzierte Matten wurden mit 2½-5 Gulden bewertet; genau dieselbe Matte, aber ohne Handarbeit, kostete 10-20 Cents. Weibliche Handfertigkeit dürfte hiernach in Sorowáko eine ebenso seltene wie hochgeschätzte Tugend sein. Enorme Preise wurden für Buschmesser und einige wenige angebotene Lanzen verlangt. Recht billig dagegen waren wiederum die reizenden Schnitzarbeiten, die ich hier in mannigfaltiger Anwendung vorfand. Vor allem konnte ich prächtig geschnitzte Ruder erwerben, deren Ornamentik Geschmack verriet, ebenso Küchengeräte aller Art mit liebevoll herausgearbeiteten Griffen. Am meisten Freude machten mir einige der alten Messer, Erzeugnisse einheimischer Schmiedekunst, mit schönen geschnitzten Horn- und Holzgriffen, -- vielleicht die letzten Zeugen dieser im Erlöschen begriffenen Kunst. Höchst eigenartig waren ferner Hornschnitzereien aller Art, wie Kämme, Modelle zum Aufnähen von Stickereien, und als Bestes eine Kási-Kási genannte Klammer zum Halten des Stoffes beim Nähen, die eine Kette aus Holzgliedern darstellte, deren Herstellung mit den allein dazu benutzten Instrumenten, -- kleinen Messern in feststehendem Griffe, -- ebensosehr unendliche Mühe und Ausdauer erfordert haben mußte, als dieses schöne Stück Formensinn zeigte.

Illustration: 52. Kochgeräte der Matanna-Tobela.]

Mittlerweile war es Abend geworden, und mein Wohnraum glich einem Trödelladen. Ich hatte mit meinem Faktotum Rámang noch mehrere Stunden zu tun, um alle erworbenen Gegenstände zu sichten, zu etikettieren und in den speziell zu diesem Zwecke gekauften Körben zu verstauen. Als letzte Arbeit des ereignisreichen Tages galt es noch, Platten umzulegen, eine in den undichten Nativehütten, durch deren Bambuswände allenthalben neugierig der Mond lugte, die größte Vorsicht erfordernde Beschäftigung, die aber schließlich mit Zuhilfenahme aller verfügbaren Decken doch glücklich gelang.

+Sorowáko+, den 8. September.

Ein strahlend schöner Morgen war angebrochen, und die nahen Berge hatten ihre Nebelkappe abgelegt. Still und leise atmend, lag die weite Seefläche. Die Kamera wurde hervorgeholt, das auch im Bilde festzuhalten, was auf die Sinne einen unvergeßlichen Eindruck machte.

Sorowáko, von räumlich großer Ausdehnung, liegt am Fuße der Seerandgebirge, die, hier zurücktretend, wie in Matanna einem Kulturtälchen Raum geben. Die Dorfbewohner bauen hauptsächlich Reis an, nebenbei Mais und Zuckerrohr. Auf frischen Rodeflächen der nahen Gebirgshänge waren Tabakfelder angelegt. -- An Nutzbäumen fand ich außer den schon erwähnten Kokospalmen, die hier viel besser gedeihen als in Matanna, Arekapalmen, Lángsat- und Baumwollbäume. -- Zu den Sorowáko eigenen Haustieren gehört neben Büffeln auch ein Pferd, wohl Eigentum der Mákole. Schweine, vor Zeiten die bevorzugteste Lieblingsnahrung der Bevölkerung, fehlen ganz. Ist der Tobela der Seengebiete auch innerlich ein Heide geblieben, der fest an seinem uralten Geister- und Dämonenglauben hängt, so ist er doch äußerlich ein Mohammedaner geworden, der mit der aufgezwungenen Verachtung des Schweines und der Annahme einiger buginesischer Formen ein Kulturmensch und seinen ebenso gefürchteten wie bewunderten Ausbeutern, den Buginesen, gleich geworden zu sein glaubt.