Unter Kopfjägern in Central-Celebes
Part 4
Nachmittags besuchte ich das aus 26 Wohnhütten verschiedener Bauart bestehende Dörfchen, wozu noch eine bedeutende Zahl von Reisvorratshäuschen kam. Erstere standen mit wenig Ausnahmen auf hohem, kreuz und quer verbundenem Stelzenwerk im seichten Wasser des Sees, und Laufplanken allerprimitivster Herstellung vermittelten den Übergang zum Lande. Auf diesen Stegen gelangte man zuerst auf eine Art Plattform, von welcher eine Pfostentreppe, meist aber nur ein gekerbter Baumstamm zum eigentlichen Wohnraume der Hütte emporführte. Das fensterlose oder durch Dachluken notdürftig erhellte Innere war unbeschreiblich eng, düster und von penetrantem Geruche erfüllt. Schmarotzer müssen in diesen Hütten ein paradiesisches Dasein führen. Tatsächlich sind durch Parasiten verursachte Hautkrankheiten und bösartige Geschwüre sehr häufig. -- Die Aufgänge zu den Hütten waren durchaus nach keinem einheitlichen System hergestellt. Die am besten mit Hühnerleitern zu vergleichenden in die Höhe führenden eingekerbten Stämme waren teils vorn, teils seitlich an den Hütten angebracht, teils führten sie von der Mitte der unteren Plattform aus zum Wohnraum hinauf. Das aus den Wedeln der Kokos- oder Sagopalme (Atap) oder des noch weniger dauerhaften Blattmaterials des Lángsatbaumes hergestellte Dach und die Seitenwände der Häuser waren vielfach geflickt, zuweilen mit Rindenstücken; überhaupt machten die Häuser einen ziemlich verwahrlosten Eindruck. Unter einem die Mitte des in Kammern abgeteilten Wohnraumes einnehmenden und bis an den First des Hauses reichenden viereckigen Lattengestell war die Feuerstelle gelegen; auf den Etagen darüber waren die Kochtöpfe, Küchengeräte und Vorräte von Brennholz aufgestapelt. An Pfosten und Haken der Hüttenwände hingen Körbe und Basttaschen mit Feldfrüchten, Fischereigeräte und Hausrat aller Art. Ich konnte nicht aufrecht stehen, ohne anzustoßen, und flüchtete so schleunig als möglich aus dieser Hölle wieder an die frische Luft. Die Giebel der Hütten und Reishäuser wiesen vereinzelt kunstlose Schnitzarbeiten auf. Unter der Plattform fast jeder Hütte schaukelte ein Einbaumkanoe, und auf dem Strande lagen allenthalben zerfallene Boote, deren Holzreste gelegentlich als Material für Laufstege und dgl. Verwendung finden. -- Die hier gebräuchlichen Paddelruder waren im auffälligen Gegensatze zu der Bauart der jeder Ornamentik ermangelnden Boote recht hübsch und geschmackvoll gearbeitet. -- Winzige Seelenverkäufer fand ich mit kühner Segelvorrichtung ausgestattet. Merkwürdig waren die vor jedem Hause zu findenden Reisstampftröge, deren mühevolle Herausarbeitung aus großen Holzklötzen und deren gefällige Formen auf Geschick, bezw. Kunstsinn schließen lassen. Die wenigen, auf festem Boden errichteten Hütten werden zur Flutzeit von den Wogen des Sees unterspült, so daß auch sie der Segnungen einer kostenlosen Unratabfuhr teilhaftig werden. Außerhalb des Bereiches des höchsten Wasserstandes befinden sich nur die Reisvorratshütten. -- Der Theorie, daß der Pfahlbau in Celebes der Ausnutzung der Unterspülung seine Entstehung verdankt, also auf sanitären und Bequemlichkeitsrücksichten basiert, dürfte zuzustimmen sein, obschon dabei sicherlich auch noch andere Faktoren eine bedeutsame Rolle spielen. Ebenso scheint die Anlage von Pfahldörfern auf friedliche Zeiten hinzudeuten, da solche bei kriegerischen Wirren wenig Schutz zu bieten vermöchten. Die Berechtigung dieser Ansicht wird treffend durch folgende Erzählung illustriert, die mir später bei den Tolampu mitgeteilt wurde und bereits hier erwähnt sein mag:
»Einst hatten die Tolampu gegen die Matanna-Tobela einen Kriegszug unternommen. Letztere jedoch zogen sich in ihr wohlbefestigtes Dorf auf dem Gipfel eines Berges zurück, und die Tolampu mußten sich damit begnügen, ihre Wohnungen am See zu zerstören.« Die Fortsetzung dieser Erzählung bringt in prägnanter Weise die eigenartige Denkweise der Eingeborenen zum Ausdruck: »Ohne einen Kopf erbeutet zu haben, mußten die Tolampu-Krieger den Rückzug nach ihrer Heimat antreten. Einer ihrer Häuptlinge aber schämte sich, ohne Beute zurückzukehren, und verbarg sich mit 30 seiner Leute in der Nähe des Matanna-Dorfes im dichten Lalang. Wirklich gelang es ihm, nach einiger Zeit in einer einsamen Hütte 3 Frauen und einen alten, kranken Mann zu überraschen, die an den Abzug des Feindes geglaubt und sich herausgewagt hatten, um nach ihren Feldern zu sehen. Sie wurden getötet und ihre Köpfe als Siegesbeute mit fortgenommen.« --
Auf meinen Vorhalt, daß dies doch eine ganz gemeine und feige Tat gewesen sei, erwiderte mir der Erzähler höchst entrüstet: »Aber nein, durchaus nicht, wollte doch eine der Frauen sogar ‚Amok‘ machen!« -- Also der Umstand, daß eines der armen Schlachtopfer es gewagt hatte, sich gegen seine brutale Ermordung zu wehren, genügte den Tolampu, ihre Tat als ein Heldenstück zu rechtfertigen.
Nach Besichtigung des Dorfes nahm ich eine Reihe photographischer Aufnahmen vor, zu denen sich die Dorfbewohner leicht gewinnen ließen, da ihnen die beiden Sulewátang mit gutem Beispiel vorangingen. Auf nebenstehendem Bilde ist der linksstehende der Tobela-Fürst von Matanna, Daëng Muróva, mit dem Titel Sulewátang, hier = »Distriktshaupt«. Er trägt eine turbanähnliche Kopfbedeckung, während der neben ihm stehende mit dem buginesischen Käppchen mein Luwu-Begleiter, der Sulewátang Daëng Mabela ist. Beide trugen auf meinen ausdrücklichen Wunsch ihre Krise offen zur Schau; dies ist unter anderen Umständen durchaus verpönt. Nach Besitznahme des Landes durch die holländische Regierung wurde nämlich das gemeine Volk entwaffnet und jede Art des Waffentragens streng verboten. Selbst Lanzen dürfen außer dem Hause nur mit spezieller Erlaubnis der Regierung mitgeführt werden. Allein den Stammeshäuptern und den Adligen wurde der Kris als Rang- und Würdeabzeichen gelassen; doch dürfen sie ihn zum Zeichen ihrer friedlichen Gesinnung nur unter dem Sarong und von diesem völlig verdeckt tragen, wie es das Gruppenbild der in Malili versammelten Radjas deutlich zeigt.
Als allgemeinster Gebrauchsgegenstand und wohl wichtigstes Besitztum jedes Tobela dürfte der Klewang oder das Buschmesser anzusehen sein. Diese Klewangs sind Produkte der jetzt im Verfall begriffenen Schmiedekunst, und das Material zu denselben wird aus den im ganzen Matanna-Becken zahlreich vorhandenen Eisengruben geholt. Das an vielen Orten offen zutage liegende Raseneisenerz wird hierzu nicht verwendet. Die Griffe der langen Klingen sind gewöhnlich mit Rotang umflochten. Die Verwendung des Klewang ist eine beinahe schrankenlose und umfaßt alle Möglichkeiten vom Fällen der Dschungelbäume, dem Haus- und Bootsbau an bis zur feinsten Schnitzarbeit.
Die ehemals zu Exportzwecken im großen betriebene Fabrikation von Lanzenblättern ist seit dem Verbote des Waffentragens und der Konsolidierung der politischen Verhältnisse fast gänzlich erloschen, so daß heutzutage Waffen jeder Art zu den am schwersten erhältlichen Objekten in Celebes zählen. Hierzu gehören auch die Schilde. Trotzdem gelang es mir, am Matanna-See drei verschiedene Formen von Langschilden ausfindig zu machen. Typisch für die Landschaft sind davon nur zwei: der geflochtene Rotangschild und der einfache Holzschild. Die dritte, schönste Gattung, mit Muschelstücken ornamentiert und reihenweise mit buntgefärbtem Ziegenhaar verziert, ist als dem Posso-See eigentümlich anzusehen und hat sich hierher wohl nur durch Tausch verirrt. Auf eine vierte Art, die Totenschilde, komme ich später bei den To-Lambátu zu sprechen.
An Haustieren sah ich bei meinem heutigen Inspizierungsgange nur Büffel, kleine spitzköpfige Hunde und Hühner; an Nutzbäumen nur Kokospalmen, und zwar ganze 5 Stück. Sie gediehen hier nur kümmerlich, und ihr Fruchtwasser schmeckte säuerlich. In großer Zahl waren Papayas (Melonenbäume) und Pisang (Bananen) angepflanzt. Ein einziger alter Lángsatbaum beschattete meine Hütte. Außerdem waren noch einige Kápok(Baumwoll)-Bäume vorhanden und in einiger Entfernung vom Dorfe an sumpfigen Strandstellen Sagopalmen. -- An Feldfrüchten werden Reis, Mais, Ubi (= Bataten) und vor allem Tabak kultiviert. Letzterer nur auf Neurodungen, auf denen nach der Ernte Pády (= Reis) im Anbau folgt. Der Tabak wird im ganzen Seendistrikt gekaut und nicht geraucht. Mann und Weib ergeben sich dem Priemchengenusse mit Leidenschaft, und der Kommunismus wird so weit getrieben, daß man im Behinderungsfalle seine Tabakkugel einfach aus dem Munde nimmt und seinem Nachbar so lange zum Weiterkauen überläßt, bis man sich selbst wieder dem Genusse hingeben kann. Es kostete mich stets die größte Mühe, die Leute zu bewegen, beim Sprechen ihre voluminösen Tabakknäuel aus dem Munde zu nehmen. Hierbei mag gleich erwähnt sein, daß bei den Tobela Malayisch nur schlecht verstanden und noch viel schlechter gesprochen wird. -- Die ekelhafte Gewohnheit des Ausspuckens ist im Seendistrikte allgemein im Schwange, doch nicht in dem Maße wie bei den Sirih kauenden Malayen.
Sehr instruktiv ist das folgende Bild einer Reihe von Frauen und Kindern aus dem Dorfe Matanna. Von links nach rechts machen 2 Mädchen im festlichen Tuchsarong den Anfang. Dann folgt eine Frau mit dem Rückenkorbe aus Palmscheide, den sie mittels über den Kopf gelegter Tragbänder aus Baumbast trägt. Die daneben stehenden Frauen, eine alte und eine junge, sind dem Tabakgenusse hingegeben, während das Mädchen davor die in einem sackähnlichen Tuche bestehende universelle Kleidung zeigt, die in früheren Zeiten aus Fuja (Baumbast) gefertigt wurde. -- Die Kunst der Fuja-Herstellung ist in Südost-Celebes bereits in Vergessenheit geraten. Die mir hin und wider noch angebotenen ca. 40 cm breiten und gegen 1½ m langen unverarbeiteten Stücke weißer oder gelbgrauer, ungefärbter Rohfuja, die als Schlafdecken und Haupttücher, sowie als Schambinden benutzt werden, dürften aus Tobúngku stammen, wo ich später in der Landschaft Wiwiráno auch seidendünne, rotbraune Fujajacken erhielt, die in dieser Art im ganzen übrigen Celebes unbekannt sind.
Es folgt nun in der Reihe eine Frau mit der Sitte gemäß entblößten Brüsten. Sie trägt ihren kleinen an den Knien mit Messingschellen behängten Jungen, der auf ihrem Rücken reitet. Den Schluß bildet eine junge Frau, die in full dress, ihr Kleines im Umschlagetuche rittlings auf der Lende trägt.
Die Nachkommenschaft wird von den Tobela mit einer ausgesprochenen Affenliebe behandelt. Ein Schlagen der Kinder kommt kaum je vor, und die Folgsamkeit derselben läßt meist alles zu wünschen übrig; auch ist kein besonderer Respekt junger Leute vor älteren Männern zu beobachten, eher eine nachsichtige Rücksichtnahme dieser auf jene. So nehmen z. B. auch noch sehr junge Männer am Rate der Alten teil. Eine Ausnahmestellung im Dorfe scheint nur der Kapala Kámpong, der Häuptling, einzunehmen.
In sanitärer Beziehung leben die Leutchen noch in paradiesischer Unschuld. Die köstliche Gabe des Wassers würde in ihren Augen entweiht sein, wenn es etwa zum Waschen verwendet würde, und das Baden geschieht nicht aus Reinlichkeitsgründen, wie Idealisten voraussetzen werden, sondern lediglich als Abkühlungsmittel. Wirklich gewaschen wird eigentlich nur das lange Haupthaar und das eben nur deshalb, weil’s gar so stark juckt.
Im allgemeinen ist der Menschenschlag robust u. ebenmäßig gebaut, dabei von ziemlich weichem Gesichtsausdruck. Das leicht wellige, tiefschwarze Haar wird von beiden Geschlechtern lang getragen. Die Hautfarbe der Tobela ist hell rötlichbraun; Augen sind meist dunkel rehbraun. Die vielfach, namentlich bei Kindern vorkommenden stark heraustretenden Bäuche werden auf die im Matanna-Becken grassierenden Fieber zurückgeführt, während die bei groß und klein nur allzuhäufig auftretende Ringwurmkrankheit, Kúrap, auch Cascádos genannt, auf Salzmangel basieren dürfte.
Die Kleidung der Tobela-Männer besteht in der Hauptsache fast durchweg aus den kurzen, schwimmhosenähnlichen Buginesenbeinkleidern. Vielfach werden Kattunjacken, ähnlich denen der Weiber getragen. In früherer Zeit bedienten sich beide Geschlechter eines großen, vom Kopf bis zu den Füßen reichenden Umschlagetuches. Gegenwärtig wird ein solches als eine Art Shawl mitgeführt, der gegebenen Falles als Tragesack oder als Hülle für mitgeführtes Gepäck bei Besuchen von Dorf zu Dorf zu fungieren hat.
Interessant ist die Art des Gehens der Tobela, welche die Füße nicht aus- oder einwärts, sondern seitlich stellen, so daß der Eindruck des Schieflaufens, wie es bei Jagdhunden zu beobachten ist, hervorgerufen wird. Ich möchte diese Angewohnheit auf die Bodenverhältnisse zurückführen, bei deren bergiger und lehmiger Beschaffenheit sich diese Art der Fußstellung als sehr praktisch erweist und ein Zurückgleiten des Fußes verhindert.
Seit auch bei den Tobela der Islam Eingang gefunden hat, mußte der vordem ausschließlich getragene Rotanghut, der Síga, dem Haupttuche Platz machen. Kriegshüte, úlu-úlu oder tándu-tándu genannt, wie sie in den nun vergangenen Zeiten permanenter Fehden im Gebrauche waren, gehören heutzutage zu den größten ethnographischen Seltenheiten und sind kaum mehr aufzutreiben. An Frauenhüten, wie sie wohl hauptsächlich bei der Feldarbeit Verwendung finden, konnte ich in Matanna nur einen weiten, flachen Basthut erlangen.
Halbwüchsige Jungen laufen gewöhnlich völlig nackt oder doch nur mit einem Schamstreifen bekleidet, der bei den Mädchen durch ein entsprechendes Lendentuch ersetzt wird. -- Ohrgehänge, Hals-, Arm- und Fingerringe werden von alt und jung beiderlei Geschlechts gern getragen, wobei die am Orte angefertigten Messinggußprodukte dominieren. Neben ihnen sind die von der Küste her eingeführten, hoch im Preise stehenden Muschel- (Conus oder Tridacna-) Armreife, sehr begehrt. Beinringe fand ich nur bei Kindern als Schmuck.
An Erzeugnissen der Flechtwarenproduktion konnte ich hübsche Matten erwerben, die die Leute sowohl als Bodenmatten benutzen als auch dazu, die Speisen darauf zu servieren. Ferner erhielt ich niedlich geflochtene Sirih-, Gambir- und Tabakdosen, wogegen als Kalkbehälter merkwürdigerweise nur gewöhnliche unverzierte, kleine Kürbisformen benutzt werden. Häufig sind bei Männern Rucksäcke anzutreffen, aus einem Rotanggerippe bestehend, welches mit dem Felle des Hirsches oder der Decke des Gemsbüffels (Anoa depressicornis) überzogen ist. Auch gewöhnliche Büffel- und Ziegenhäute finden zu solchem Zwecke Verwendung.
An Musikinstrumenten dürften außer den eingeführten Gongs noch Maultrommeln, Flöten und Guitarren, sowie eine Art Schallzither im Gebrauche sein. Nur von letzteren beiden Arten konnte ich in Matanna je einige Belegstücke erhalten. -- Hahnenkampf und Würfelspiele, eine Leidenschaft der Tobela, sind von der Regierung untersagt, und nur bei besonderen Gelegenheiten werden Ausnahmen gewährt.
Die Hauptindustrie von Matanna dürfte in der bereits früher erwähnten Anfertigung wirklich geschmackvoll gearbeiteter Tonwaren bestehen. Sie liegt ausschließlich in den Händen der Frauen. Die beigegebene Abbildung zeigt, wie die mannigfachen am Matanna-See hergestellten Tongeräte in einfachster Weise, ohne Zuhilfenahme einer Drehscheibe mit der Hand geformt werden, um hernach mittels hölzerner, verschiedenartig eingekerbter Model unter Anwendung von tönernen Klöppeln als Widerlager zurechtgeklopft zu werden. In der Farbengebung fand ich nur gelb und rot auf grünschwarzem Grunde verwendet. -- Bemerkenswert ist noch ein dem Stamme nicht abzusprechendes naiv künstlerisches Empfinden, wie es z. B. aus den hübsch geschnitzten Tonschlägern spricht, und wie wir es später noch ausgeprägter bei den Rudern, Messergriffen und Kochgeräten der Sorowáko-Tobela wiederfinden.
Was die Moral des Tobela-Völkchens anbelangt, so sind dessen Sitten ziemlich ungebunden. Dem freien Verkehr der jungen Leute untereinander wird seitens der Eltern kaum ein ernstliches Hindernis in den Weg gelegt. Desto strengere Gesetze gelten für Verheiratete. Verletzungen der Ehe wurden in früherer Zeit mit dem Tode gesühnt und werden heut mit hohen Bußen bestraft. Prostitution im eigentlichen Sinne, wie sie z. B. bei den Toradja ganz allgemein ist, dürfte kaum bestehen. Ehen sind reine Kaufgeschäfte.
Die religiösen Vorstellungen der Tobela beruhen auf durchaus animistischen Ideen. Es war besonders schwierig, hierüber einiges zu erfahren. Jedes irgendwie auffällige Ereignis schreibt der heidnische Tobela guten oder bösen Geistern zu, deren Wohnsitze er sich in absonderlich gestalteten Bäumen, auf ungewöhnlich geformten Felsen, auf den Gipfeln hoher Berge, auf Grabstätten, im tiefen Wasser des Sees usw. denkt. Alles erscheint ihm beseelt, die Reispflanze, das Wasser, das Feuer, ein Stein. Gefürchtet werden von der Bevölkerung die bösen Geister, deren Gunst man durch Opfergaben zu erkaufen sucht. Für die den Menschen freundlich gesinnten »Hantu« hält man Opfergaben nicht für nötig, da sie den Menschen nur Gutes erweisen. -- Die Seele Verstorbener fliegt nach Tobela-Glauben zum hohen Wawonnángo-Berge im Mori-Gebirge bei Toréa. Dort leben die Seelen aller abgeschiedenen guten Menschen gesellig beisammen, während die schlechter Menschen verdammt sind, ruhelos zwischen diesem Berge und dem ehemaligen Wohnsitze der Verstorbenen hin- und herzuwandern. Dasselbe Schicksal soll die Seelen Verunglückter oder eines gewaltsamen Todes gestorbener Menschen ereilen.
Zurückgekehrt von meinem Besuche im Dorfe, wurde ich auf eine ca. 50 Schritte hinter meiner Behausung gelegene Quelle aufmerksam gemacht, die ich nun besichtigte. Aus der Tiefe herauf quoll ein Wasser, das ein kreisrundes Becken von 5-6 m Durchmesser gebildet hatte. Es war klar und kühl, und aus dem kiesigen Grunde stiegen unaufhörlich Gasperlen in die Höhe. Ich untersuchte vorsichtig den Boden und fand ihn fest. Bei seinem Betreten jedoch entwich Kohlensäure in großer Menge. Das Wasser fließt nach wenigen Schritten in den See. Anscheinend lieben die Fische diesen Ausfluß, denn ein Krokodil lauerte beutegierig beständig in der Nähe dieses Platzes. Das mit dem Kopfe über Wasser liegende Tier war deutlich zu sehen und erhöhte mir nicht gerade die Annehmlichkeit des Badens, trotzdem die Eingeborenen versicherten, daß die Seekrokodile nicht gefährlich seien, und sie selbst sich unbesorgt in das Wasser hinauswagten.
Den Rest des Tages füllte das Verpacken der in Matanna erworbenen ethnographischen Schätze, eine Sache, die schwieriger ist, als sich mancher Leser vorstellen mag.
+Matanna-Toréa+, den 6. September.
Infolge des unausgesetzten Gongschlagens verbrachte ich die Nacht wiederum nahezu schlaflos. Ich hatte für heut die Fortsetzung meiner Reise über den See beschlossen, und eine große Ausleger-Prau, die bequem 20 Mann zu fassen vermochte, lag schon reisefertig vor meinem Quartier. Schnell wurde noch eine Aufnahme des interessanten, mit 12 Ruderern besetzten Fahrzeuges gemacht; dann nahm ich auf den mattenbelegten Bodenplanken desselben liegend Platz und vertraute mich erwartungsvoll dem still und bleiern daliegenden Gewässer an. Um 7 Uhr morgens winkte ich der Ortschaft Matanna meine letzten Grüße zu. Rasch trieben meine Leute das schwere Boot vorwärts, quer über die Bucht dem nördlichen Seeufer entgegen. Die eigenartigen und für ein so großes Boot völlig ungenügend erscheinenden Ruder bestanden aus Bambusschäften, durch deren gespaltene Enden Ruderblätter aus dünnem, rotem Holze gezogen und mit Rotang festgebunden waren. Die Form der Ruderblätter wechselte von der runden bis zur halbmondförmigen Gestalt. Die Leute paddelten völlig unregelmäßig und direktionslos; außerdem wurde ihre Arbeit durch die seitlich angebrachte Steuerung erschwert.
Das Gebirge bei Matanna ist, vom See aus gesehen, etwas eingesattelt, nach der Längsmitte des Seebeckens zu ansteigend, während es sich in der Richtung nach dem südöstlichen Ende des Sees allmählich senkt. Das Berggelände erscheint großenteils okkupiert. Am südlichen Ufer treten die Berge dicht an den See heran; sie sind völlig entwaldet, und nur in geschützteren Schluchten sind der Vernichtung durch Menschenhand oder durch Waldbrände entgangene Bestände von hohen Bäumen zu entdecken. Die weiter zurückliegenden, unbewohnten Gebirge des Beckenrandes sind lückenlos mit primärem Baumbestande bedeckt. -- Ganz anders die Nordseite des Sees. Schon am westlichen Zipfel desselben treten die Berge weiter in das Land zurück, einer ca. ½-1 Kilometer breiten, mit Auenwäldern und Sagodickichten bestandenen Strandebene Raum gebend. Die weiter nördlich ziehenden, bewaldeten Gebirgsausläufer sind weniger schön geformt und bilden breite, sanft geschwungene Rücken.
Ziemlich in Seemitte entdeckten meine Bootsleute einen auf dem Rücken treibenden Fisch, dessen Schwimmblase an 10 cm weit herausgetrieben war und gleich einem weißen Pfeil in die Luft ragte. Ohne Zögern und mit wahrem Feuereifer wurde sofort der Kurs der Fahrtrichtung geändert und der im Verenden begriffene, ca. 2 kg schwere Fisch mühelos mit den Händen gegriffen, um später mit großem Appetit verzehrt zu werden. -- Nachdem wieder beigedreht war, steuerten wir dem nördlichen Seegestade zu. Durch Reflexe getäuscht, sahen wir den See nach dem flacher gewordenen Ostufer hinüber nicht geschlossen, sondern uferlos. Rein und klar war die Flut, und Unmengen kleiner Bivalvenschalen bedeckten das kiesige Ufer und den Grund. Bereits wenige Meter vom Lande fiel der Grund des Sees jäh in große Tiefen ab. In der Ufervegetation waren rotblühende Azaleen, Rhododendronbüsche und wohlriechende Myrtensträucher vorherrschend. Auch ein schön geformter Nadelbaum, eine Casuarinenart, bildete kleine Bestände. -- Es dauerte gegen 3 Stunden, ehe wir Sokóyo erreichten. Der Ort war unbewohnt, und nur infolge seiner günstigen Mittellage erwählten ihn die Anwohner des Sees als Marktplatz. Alle 20 Tage wird hier Markt abgehalten. Zu diesem Zwecke waren weithin am Strande von Sokóyo eine Menge kleiner Buden errichtet, die als Verkaufsstände benutzt werden. Die das Mori-Gebirge bewohnenden Stämme bringen hierher ihre Waren, um sie gegen Matanna-Produkte auszutauschen. Das Marktleben unter den schönen, schattenspendenden Uferbäumen, worunter besonders viele Mango- und Brotfruchtbäume, muß an Pásartagen höchst fesselnd sein.