Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 3

Chapter 32,943 wordsPublic domain

Um 11 Uhr setzte ich die Reise auf jetzt sehr schlecht werdendem Wege fort, vorüber an den unter Fruchtbäumen verborgen liegenden Hütten. Die Umzäunung einer Maispflanzung überkletternd, drangen wir in Buschwald und Bambusdickicht ein, die bald in hohen Urwald übergingen. Der kaum mehr zu erkennende, nicht mehr als fußbreite Pfad führte uns an einer Berglehne entlang, in deren Grunde der in seinem Oberlauf Dongi genannte Ussu-Fluß dahinrauschte. Er war gänzlich verwachsen, und zwei vorangehende Leute mußten erst mit ihren Messern freie Bahn schaffen. Labyrinthe zähen, wuchernden Dornengerankes hemmten unser Vordringen; Lianenstränge von Fingerstärke bis Fußdicke überspannten unsern Weg, und von Alter und Sturm gefällte Baumriesen waren mühsam zu überklettern. Zu alledem triefte der Wald vor Nässe; der Fuß glitt auf dem lehmigen Erdreich aus und versank stellenweise in morastigen Pfützen. Dafür entschädigte der Hochwald durch seine großartige, wilde Schönheit, die die Sinne völlig im Banne hielt. Allmählich ging es bergan, bis wir nach einer Stunde auf eine Lichtung traten. Hier begann eine neue Wegeanlage, an deren beiden Seiten der Busch gefällt war und der Sonne freien Zugang gewährte. Auf mäßig okkupiertem Terrain wanderten wir nun einige Stunden auf gutem Wege und bei bedecktem Himmel, so daß wir auch unter der Hitze wenig zu leiden hatten. Das Flüßchen immer zur Linken lassend, kamen wir darauf in ein langgestrecktes Kulturtal mit schönem waldigen Berggelände zu beiden Seiten. Die anmutige Vereinigung von Wasser, Busch und Wald zauberte hier eine reiche Insektenwelt hervor, unter der durch Schönheit und zahlreiches Vorkommen besonders der herrliche Papilio Androkles hervorstach. -- Knapp vor Ausbruch eines kurzen, heftigen Gewitterschauers erreichten wir gegen 3 Uhr Kawáta.

Zwei primitive kleine Hüttchen, tür- und fensterlos, deren Boden aus gespleißten Bambuslatten hergestellt war, repräsentierten hier unser Nachtquartier. Das größere beherbergte die Träger, das kleinere, kaum zum Umdrehen genügend Raum bietende war für die durchreisenden »tuans«, die Herren, bestimmt. Daß solche jemals sich hierher verirren könnten, erschien den Tobela hier als Zukunftsmusik, und da ein solcher Fall seit Bestehen dieser sog. rumah Companía jedenfalls noch nicht vorgekommen war, so hatten sich einige auf Wanderschaft befindliche Tobela in diesem Respektsgebäude häuslich niedergelassen und gaben auf diese Weise dem mich begleitenden Sulewátang erwünschte Gelegenheit, seine Autorität wirken zu lassen. Ein paar freundschaftliche Rippenstöße dieses hohen Herrn genügten, die armen Teufel zum schleunigen Ausreißen zu bringen, und nachdem hierauf noch mit frischem, regennassem Gezweige eine provisorische Säuberung der Räume vorgenommen worden war, konnte ich mich darin einrichten und zum erstenmale in Celebes die Genüsse des Buschlebens durchkosten.

Kawáta ist eine auf Befehl des Gouvernements neu errichtete, kleine Tobela-Siedelung, bestehend aus den wenigen Familien, die vordem weit zerstreut auf den umliegenden Hügelkämmen bei ihren kargen Maisfeldern gehaust hatten. Da diese alte Wohnmethode einer noch provisorischen Kontrolle durch die Regierung beträchtliche Schwierigkeiten in den Weg legte, wird nun allenthalben in Celebes eine Concentrierung dieser einsiedlerisch lebenden Waldbewohner angestrebt.

Ein kleines Flüßchen trennte unsere »rumah Companía«, so genannt nach der alten Ostindischen Compagnie, von dem jenseits derselben gelegenen Chaos, einer Neurodung mit ca. 10 kleinen Häuschen, die alle auf sehr hohem Pfahlwerk ruhten. Das Fleckchen lag verlassen, da alle Ansiedler noch auf den hochgelegenen Feldern in den Berghängen arbeiteten. Meine Hoffnung, daß sich die Dorfbewohner mit Einbruch des Abends bei mir einfinden würden, erwies sich als trügerisch. Meine Anwesenheit schien den Leuten eher eine unbestimmte Furcht einzuflößen, denn keine Seele ließ sich blicken, und als wir am andern Morgen aufbrechen wollten, ging es mir wie in Ussu: es waren keine Träger zu bekommen. Damit war mir allerdings auch das Fernbleiben der Kampongbewohner verständlich geworden: die Leute fürchteten, als Träger gepreßt zu werden. Unter solchen Umständen hielt ich die Nachzügler meiner gestrigen Leute zurück, die mit dem in Ussu zurückgebliebenen Gepäck erst spät am Abend eingetroffen waren. -- Der größere Teil der Lasten mußte wieder liegen bleiben. Zur Heranschaffung der nötigen Träger wurden einige unserer Leute auf die Suche geschickt, während der uns begleitende Häuptling von Matanna die zurückgelassenen Gepäckstücke bewachte.

+Kawáta -- Laro-Ehá+, den 3. September.

Erst gegen 8 Uhr morgens trat ich mit wenigen Leuten den Weitermarsch an. Nach Kreuzen des Flüßchens drangen wir linksseitig in den Busch ein, wobei wir, durch tiefen Morast watend, arg von Blutegeln geplagt wurden. Mehrere Rinnsale waren zu durchqueren, bis wir nach geraumer Zeit auf eine hügelige Lalangfläche heraustraten. Bei großer Hitze ging es ziemlich steil zu einem Plateau hinauf, dann Hügel auf und ab durch einsame Bergwälder, wobei wir schließlich auf eine Grasfläche gelangten, in deren Mitte sich eine schön geformte Felsgruppe schwarzen Gesteines erhob. Von hier folgten wir langsam talwärts einem nahezu völlig ausgetrockneten Bachbette. An den übriggebliebenen kleinen Tümpeln wucherten großblätterige Sumpfpflanzen, aus welchen bei unserem Durchdringen Wolken äußerst blutdürstiger Moskitos aufstiegen. Mit den Schwierigkeiten dieses Marsches söhnte mich erst das Auftreten der schönen und ungewöhnlich großen Cicindela heros wieder aus, deren Verfolgung ich nun trotz Mücken und Blutegel mit gutem Erfolge betrieb. Kurz darauf stiegen wir abermals bergan, diesmal zur Abwechslung durch Rotangdickichte, deren eisenharte, mit Widerhaken bewehrte Dornen uns liebevoll zurückhalten wollten. Vom Gipfel der erstiegenen Höhe aus genoß ich einen schönen Fernblick auf die zu unseren Füßen sich ausbreitende auenreiche Laro-Ehá-Niederung.

Es ist charakteristisch, daß die Höhen aller auf unserem Marsche bestiegenen Berge entwaldet und mit Lalangvegetation bestanden waren, ein sicheres Zeichen, daß hier vordem Eingeborene gelebt und Pflanzungen angelegt hatten. Die unmittelbare Nähe noch bewohnter Stätten aber verrieten die schwarzen, abgesengten Lalanglehnen, über welche hinweg wir den Abstieg zum Laro-Ehá-Tale antraten. Unten angelangt, hatten wir nochmals einen recht unangenehmen Weg in halb ausgetrockneten Bachläufen mit mannshohem Schilfgestrüpp und über steiles Hügelgelände zurückzulegen, ehe wir das langezogene Tal von Laro-Ehá betraten. Dicht am Ufer eines kleinen Flusses standen ein paar Hütten, deren vorderste die »rumah Companía« darstellte, ein würdiges Seitenstück zu der von Kawáta, nur mit dem Unterschiede, daß ich hier einträchtig mit den Kulis zusammen unter einem Dache hausen mußte. -- Der eigentliche Kampong Laro-Ehá, dessen weit auseinander gelegene Hütten sich das ganze Tal entlang zogen, befand sich in ¼stündiger Entfernung davon.

Das Talende läuft in Sümpfe aus, in denen es von Krokodilen wimmelt. Von den Eingeborenen bleiben diese Bestien unbehelligt, da die Leute des Glaubens sind, daß die Seelen der Verstorbenen in die Körper dieser Tiere übergehen.

Die Leute von Laro-Ehá sind eng verwandt mit den benachbarten Tambe-É und bilden mit diesen zusammen eine Unterabteilung der Tobela des Matanna-Towuti-Distriktes. Sie schienen mir von schwärzerer Hautfarbe zu sein als diese und im Vergleiche mit den Tobela der Seendistrikte, die ich in Malili gesehen hatte, mehr den -- wenn man so sagen will -- wilderen Typ des Waldbewohners zu zeigen. Der Häuptling des Platzes, ein kleiner, etwas verwachsener und recht blöde aussehender Mensch, war nur mit Schambinde und den traurigen Resten einer Kattunjacke bekleidet. Als Kopfbedeckung figurierte ein rundes, einem umgestülpten Topfe zum Verwechseln ähnliches Rotanggeflecht. Ratlos stierte er mich an, dabei den Mund so weit aufsperrend, als hätte er vor Überraschung den Kinnbackenkrampf bekommen. Doch meinem sanften Zureden gelang es bald, dieses würdige Haupt seiner Untertanen in Trab zu bringen und nach Hühnern und Eiern zu schicken.

Ein späterer Besuch in der Häuptlingshütte ergab in ethnographischer Beziehung nur einige Rotangschilde und Hüte, die ich gegen europäische Perlenketten eintauschen konnte, außerdem aber eine reiche, völlig gratis mit in den Tausch bekommene Ausbeute an lebenden Insekten. Gegen Abend trafen unter Führung des Matannafürsten die säumigen Kulis ein.

+Laro-Ehá -- Matanna+, den 4. September.

Abgesehen von der Moskito-Plage, gegen die selbst das feinmaschige Netz meines Feldbettes nur mäßigen Schutz gewährte, verlief die Nacht ungestört und ruhig. Bereits um die fünfte Morgenstunde begannen meine Leute, ihren Reis abzukochen, und um 6 Uhr war alles zum Aufbruch fertig. Zum ersten Male waren auch die neuen Kulis pünktlich und vollzählig zur Stelle. Auch in anderer Beziehung zeichneten sich die Laro-Ehá-Träger recht vorteilhaft vor ihren bisherigen Kollegen aus, indem jeder derselben ohne Zögern und Jammern über Größe oder Schwere des Gepäckstückes willig die ihm zugeteilte Traglast übernahm. -- Im Gegensatze zu den Kawáta-Leuten, welche die Kolli mittels frischgeschälter, über die Schultern geschlungener Baumbaststreifen auf dem Rücken, teilweise auch auf Kopf und Schultern trugen, bedienten sich die von Laro-Ehá hierzu zweierlei Vorrichtungen. Die eine, sehr praktische bestand in hölzernen, spitz zulaufenden Tragkörben mit etwa 10 cm hohen Randleisten, durch deren seitliche Durchbohrungen Schnüre gezogen waren, mit welchen das aufgeladene Gepäck festgehalten wurde. Breite Baststreifen dienten auch hier als Tragebänder. Weit weniger brauchbar erwies sich eine zweite Art hoher schmaler Körbe. Diese bestanden aus Sagoblattscheiden, welche einfach zusammengebogen und mit einer Rotangnaht zusammengehalten wurden. Dieses mürbe, spröde Material hält wenig aus, und die Ecken meiner Stahlkoffer drangen glatt durch. Die erstere Art wird für schwere Traglasten benutzt; in letzteren transportieren die Eingeborenen gewöhnlich ihre Feldfrüchte.

Um 7 Uhr folgte ich den vorausgegangenen Kulis durch regennassen, schlüpfrigen Auenwald, durch welchen wir auf eine wellige, stellenweise mit Waldparzellen durchsetzte Lalangebene gelangten. Der Marsch durch das triefende, mannshohe Lalanggras ohne jede sichtbare Spur eines Weges war nichts weniger als erfreulich. Wir befanden uns anscheinend in einem alten Kulturtale; denn soweit der Blick reichte, zeigte das schöne Berggelände die Narben alter Rodungen und ehemaliger Kebons. In einigen der zu passierenden Waldstreifen fanden sich zahlreiche Lángsatbäume, deren Früchte bei den Eingeborenen sehr beliebt sind. Das Vorwärtskommen in diesen von den häufigen Talbränden verschont gebliebenen Waldparzellen war der vielen Pfützen und des äußerst glatten Lehmbodens wegen beinahe noch anstrengender als in der Grasebene. Allmählich kamen wir jetzt jedoch in höhere Lagen mit größeren Hochwaldbeständen, die, für Südost-Celebes eine große Seltenheit, licht und fast frei von Unterholz waren. In dem hohen Gezweige der Waldbäume trieben sich Affengesellschaften herum, die, wenig scheu, unseren Durchzug sehr interessiert beobachteten. Über einen breiten Bergrücken hinweg hatten wir nahezu ¾ Stunden durch ein merkwürdiges Quellensystem zu waten, dessen unzählige Adern und Verzweigungen den Wald völlig überschwemmten. Die Rinnsale führten teils klares, teils milchiges Wasser, das über feinkörnigen weißen Sand strömte. In demselben fanden sich stellenweise Nester tiefschwarzer, faustgroßer runder Steine. Die Ränder der Quellenläufe wiesen häufig Tuffsteinbildungen auf. Die Temperatur des Wassers war eher kühl als warm.

Nach 10 Uhr vormittags überschritten wir auf miserablen Wegen ein Lalangplateau, wobei mehrmals tief einschneidende Schluchten zu durchqueren waren. Darauf gelangten wir endlich auf den von den rechts gelegenen Höhen herabkommenden, im Entstehen begriffenen direkten Weg Ussu-Matanna, dem wir nun folgten, um bald das in einer buschreichen Senkung gelegene Dörfchen Tambe-É zu erreichen. Gleich den jüngst angesiedelten Bewohnern Kawátas haben sich auch die Tambe-É-Leute auf Verlangen des Gouvernements erst in letzter Zeit in der Ebene seßhaft gemacht. Die hübsch gelegene Siedelung Tambe-É, nach dem Stammesnamen ihrer Bewohner benannt, ist durch die von den eigentlichen Tobela abweichenden Sitten und die eigene Sprache ihrer Bewohner besonders interessant. Daß diese dem großen Stamme der Tobela seit altersher benachbart gewesen sein müssen, geht aus den Überlieferungen der Tambe-É hervor, durch welche die uralte Feindschaft zwischen den die nordwestlichen Gebirge bewohnenden Tolampu und den Tobela auf die Vergewaltigung einer Tambe-É-Frau zurückgeführt wird. Die Sage erzählt:

Einst sind die beiden großen Stämme der Tolampu und Tobela eng befreundet gewesen. Damals befand sich der Hauptkampong der Tambe-É, Paantaúwa, noch auf einem Berggipfel des Morigebirges. Einmal traf es sich nun, daß ein Tolampu-Mann Namens Latetémbu eine Tambe-É-Frau überfiel und mißbrauchte. -- Die empörten Dorfbewohner verfolgten den Übeltäter, fingen ihn und bestraften ihn grausam. Der Mann wurde über einem der senkrecht gezogenen Blasebälge eines Schmiedefeuers mit auseinandergespreizten Beinen festgebunden, und in dieser Stellung wurden ihm die Genitalien weggesengt. Seine Leiche wurde hierauf verbrannt und die Überreste in alle Winde verstreut, so daß Latetémbu für seine Angehörigen fortan unauffindbar und verschollen blieb. -- Lange Zeit blieben deren Nachforschungen nach seinem Verbleibe vergeblich, bis ein Zufall zur Entdeckung des Mordes führen sollte. Einige Freunde des Getöteten belauschten den Gesang eines mit Reisstampfen beschäftigten Kindes. Aus dem Refrain des Liedes: »Latetémbu muß verbrennen, muß verbrennen!« erfuhren die Lauschenden, was geschehen war, und der Sohn des Getöteten, Lagóngga, legte einen feierlichen Schwur ab, daß Krieg sein solle zwischen den beiden Stämmen, der nimmer ende, bis »die Krähen weiß geworden« und »die Reisstampfkolben Blätter trieben!«

Durch Jahrhunderte hindurch wurde dieser Schwur gehalten und wurden von beiden Seiten Köpfe geschnellt, wo nur immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Erst vor ca. 15 Jahren gelang es einem Datu des Reiches Luwu in Paloppo, die Fehde zum Ausgleich zu bringen; doch erklärten sich die Tolampu nur unter der Bedingung zu einer Versöhnung bereit, daß ihnen noch weitere zwei Köpfe als Sühneopfer ausgeliefert würden. Daraufhin kauften die Tobela zwei Toradja-Sklavinnen, die sie den Tolampu übergaben. Diese beschäftigten die Frauen zum Scheine mit Feldarbeit, um sie dabei meuchlings zu morden. Die Leichen wurden der Köpfe beraubt. -- Erst jetzt war dem Verlangen nach Sühne Genüge geschehen, und große Freudenfeste vereinten die feindlichen Brüder aufs neue und machten der seit mehr als 300 Jahren währenden Fehde ein Ende.

Als abweichend von Tobela-Sitten erschien mir bei den Tambe-É-Frauen das Tragen schwerer Metallfußringe (= lánke). Auch die Benutzung von Sitzfellen (=tundáa) bei den Tambe-É-Männern, welche ein nie fehlendes Attribut derselben darstellen, ist etwas sonst Ungewöhnliches. An Stelle solcher Felle kennen die Tobela nur geflochtene Sitzmatten, und auch diese sind bei ihnen relativ selten anzutreffen. An interessanten Ethnographica konnte ich außer den eben erwähnten noch einen, Báki genannten, geflochtenen Rückenkorb der Weiber und mehrere aus Hirschfell gefertigte, Kalámbi genannte Rucksäcke der Männer erwerben, wie sie auch am Matanna-See allgemein üblich sind, wo sie »gorái« heißen. Nach längerem Aufenthalte im Tambe-É-Dorfe, in dem wir mehrere Hütten besuchten und ich eine Reihe von Aufnahmen machte, traten wir die letzte, uns noch vom Matanna-See trennende Etappe an.

Dabei ging es erst über eine stetig ansteigende Lalanghochebene, auf welche die Sonne glühend heiß herabbrannte. Um das Maß vollzumachen, hatten wir auf einer Strecke von ca. 20 Minuten eine brennende Grasfläche zu überschreiten. Links und rechts von uns züngelten die Flammen aus dem Riede, und ein stickend heißer Aschenregen machte das Atmen zur Qual. Ganz erschöpft erreichten wir nach guten 2 Stunden das Talende, und nun galt es, noch einen ca. 800 m hohen, uns vom Matanna trennenden bewaldeten Gebirgsrücken zu bewältigen. Im Schatten der ersten Bäume machten wir kurze Rast.

Die letzte zurückzulegende Strecke war außerordentlich steil und bildete ein böses Stück Weges für meine Träger, die in strikter Widerlegung der vielfach gehörten Behauptung, daß die Eingeborenen nicht schwitzten, hier Ströme Schweißes vergossen. Nach angestrengter Kletterei gelangte ich, allen anderen weit voran, auf die Kammhöhe. In meiner Erwartung, oben gleich den ersehnten Anblick des Matanna-Sees genießen zu können, sah ich mich getäuscht; der Sattel des erstiegenen Gebirgsausläufers war viel breiter, als ich angenommen hatte, und es bedurfte noch eines tüchtigen Marsches, ehe ich meinen Wunsch erfüllt sah. Eilenden Schrittes und hinter jeder Wegebiegung den Ausblick auf den See vermutend, überquerte ich den Sattel. Endlich begann sich der Pfad zu senken, und ganz plötzlich lag der Matanna-See, im herrlichsten Azur erglänzend, vor mir. Das einzig schöne Landschaftsbild mit dem weiten, von wunderschönen Gebirgszügen umrahmten buchtenreichen See entlockte mir einen lauten Ausruf der Freude; brachte mir doch der bisher noch keinem halben Dutzend Europäer vergönnt gewesene Anblick des aus tiefem Talgrunde heraufgrüßenden Sees die Erfüllung lange gehegten stillen Hoffens und Wünschens und zugleich den ersten Erfolg meiner Reisen in Celebes.

Nach den Angaben der Herren Sarasin mißt der Matanna-See ca. 25 Kilometer Länge und 7½ Kilometer Breite und liegt rund 400 m über dem Meere. Die weichen Konturen der das Seebecken umschließenden, mäßig hohen Berge erscheinen reihenweise voreinander gelagert und schieben zahlreiche Landzungen vor. Die nächstgelegenen Hügel und Kämme sind ohne jeden Baumbestand und nur mit Lalang bewachsen, das schönes Wiesengelände vortäuscht. Durch ein nicht allzubreites Tal von meinem gegenwärtigen Standorte getrennt, lag das recht malerisch in das hier seichte Wasser hineingebaute Pfahldorf Matanna, hart am Westzipfel des Sees. Der Anblick des dicht vor uns liegenden Zieles hatte auch meine nachgekommenen Leute alle Müdigkeit vergessen lassen, und rüstig ging es talwärts, dem Dorfe zu.

Es war 4 Uhr nachmittags geworden, als ich in dem auf Gouvernementsverfügung nun in allen Dorfschaften zu findenden Unterkunftshäuschen meinen Einzug hielt. Dieses hier war in geringer Entfernung vom Dorfe, hart am Seeufer errichtet und gewährte einen schönen Ausblick. Für meine Begleitung stand ein zweites Häuschen zur Verfügung, so daß ich mich ganz ungestört dem Genusse des Panoramas und dem Anhören des mir wie Musik klingenden Wellengeplätschers hingeben konnte. Aus dem Dorfe schickte man mir als Gastgeschenk frische Kokosnüsse zur Erquickung. Ich hatte gerade noch Zeit zu einem köstlichen Bade im See, ehe der Ansturm der Lieferanten aus dem Dörfchen begann, die mir sehr sauber gearbeitetes Tongeschirr in antik anmutenden Formen und Farben zum Kaufe anboten. Auch Erzeugnisse der hier blühenden Messingindustrie wurden mir in reicher Fülle gebracht. Es waren zwar nur roh gearbeitete, aber durch Formenschönheit ausgezeichnete Schmuckobjekte, wie Arm- und Fingerringe, Brustgehänge, Kinderschamdeckel usw. Ich hatte alle Hände voll zu tun, die Tauschwaren heischende Dorfjugend zu befriedigen, welche Perlenketten und europäische Fingerringe gerne nahm, bares Geld jedoch allem anderen vorzog.

+Matanna+, den 5. September.

Die Nacht verlief recht unruhig. Heftige Böen trieben die mächtig rauschenden, aufgeregten Wogen des Sees gegen die Ufer, und aus dem Dorfe herüber tönte die ganze Nacht ein auf die Nerven gehendes, anhaltendes Gongschlagen, dessen Tonfall ohne rhythmischen Wechsel ungefähr wie gg–cc–gg–cc–gg–cc– – –ḡ–ḡ–ḡ–ć–ć–ć klang. Der Grund dieser, wie ich vernahm, nun schon 9 Tage währenden und insgesamt 15 Tage und Nächte anhaltenden, unaufhörlichen musikalischen Darbietung war eine bereits ebenso lange im Dorfe befindliche Leiche, die erst nach dieser 15tägigen Trauerperiode der Erde übergeben wird. Während einer solchen Zeit ruht jede Tätigkeit im Dorfe, so daß ich leider den Betrieb der Schmiedetechnik nicht beobachten konnte.

Vom frühen Morgen an kamen wieder eine Menge jugendlicher Lieferanten, deren Eltern sich genierten, persönlich vor mir zu erscheinen, und die deshalb die Kinder sandten. Meine ethnographische Sammlung nahm rasch zu. Zu dem Besten, was ich erwerben konnte, gehörte ein Rotangkriegshelm und ein Messinghelm der alten Ostindischen Kompagnie, wie ich ihn hier zu finden nicht erwartet hätte.