Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 2

Chapter 23,108 wordsPublic domain

Am Morgen des 30. August bei Sonnenaufgang lagen wir vor Paloppo, der Residenz des luwuresischen Königreichs, die Ausgangspunkt aller meiner Celebes-Inlandreisen wurde. Ein gewaltiges Gebirgspanorama bildete den Abschluß der herrlichen Landschaft und grüßte zum Schiffe herüber. Endlich einmal Berge in nächster Nähe! Der Ort selbst schien dicht am Fuße des Gebirges zu liegen; in Wirklichkeit ist er durch eine kilometerbreite Grasebene davon getrennt. Schon kam eine ganze Flotille von Einbäumen an: lange, 10-12 m messende Kanoes, besetzt mit je 20-30 Menschen. Unter wildem Gedränge und Lärm vollzog sich die Ein- und Ausbootung, lebhaft an papuanische Scenen erinnernd. Zum ersten Male erblickte ich hier echte Inlandbewohner, Toradja. Ihre Hautfarbe war ein angenehm wirkendes dunkles Rotbraun. Die langen, schwarzen Haare hielten sie mit ein- oder mehrfach gewundenen Bastseilen zusammen. Die karge Gewandung der Leute bestand bei den Männern vielfach nur aus einem schmalen Schamgurt mit dem daran befestigten, nie fehlenden Tabaksbeutel; andere wieder trugen die kurze, buginesische Hose; alle aber bedienten sich sackähnlicher, großer gelbweißer Tücher, die in universeller Weise als malerisch umschlungene Draperie des Oberkörpers, als Hülle gegen Witterungseinflüsse, als Schlafdecke oder als eine Art Rucksack zum Transport der mitgeführten Gegenstände, Lebensmittel und dergleichen Verwendung finden. Diese »ókan« genannten Tuchhüllen sind aus Ramifasern hergestellte Erzeugnisse der einheimischen Webekunst.

Der Gliederbau der Toradja ist sehnig robust; ihre Gesichtszüge sind sanft; das lebhafte Mienenspiel läßt auf sanguinisches Temperament schließen, so daß der Gesamteindruck durchaus sympathisch ist.

Die etwas zarteren, aber immer noch kräftig gebauten Toradja-Frauen wiesen ebenfalls recht ansprechende Gesichtstypen auf. An Körpergröße schienen sie den Männern etwas nachzustehen. Ihre Gewandung bestand nur in einem bis zu den Knöcheln reichenden gelben Umschlagetuche, unter dem sie kurze Höschen trugen. Nur ältere Frauen trugen die Brust unverhüllt. Welch ein Unterschied zwischen diesen harmlosen Kindern der Wildnis und den wenig sympathischen, etwas brutal gearteten Buginesen!

Der erste Eindruck, den ich hier von Central-Celebes empfing, war so günstig, daß ich mich nicht entsinnen kann, je an einem andern Orte gleich ein so stark freudiges Gefühl empfunden zu haben.

Der Assistent-Resident von Paloppo hatte die Liebenswürdigkeit, mir ein Regierungsboot entgegenzusenden, das mich von Bord abholte, und in dem ich mich sofort an Land begab. Während sonst an der wohl 500 m in die See hinausgebauten Mole angelegt werden muß, konnten wir heut, da gerade Flutzeit war, mit dem Boote bis dicht an die Einmündung des Paloppoflüßchens heranfahren. An dem Zollgebäude vorüber, das launenhaft gekrümmte Flüßchen entlang zog sich die Straße, besäumt mit den malerisch wirkenden Bugihäusern. Eine kleine Viertelstunde wanderte ich so durch Paloppo, ehe ich den Pasangrahan, das gouvernementale Unterkunftshaus für Fremde, erreichte. Es ist wohl selten genug, daß sich dessen Pforten für Besucher zu öffnen haben; jedenfalls aber präsentierte sich das saubere Häuschen mit seinen behaglich eingerichteten Kammern heut auf das vorteilhafteste, und seine glückliche Lage vis-à-vis dem »pásar« bildete einen ganz wundervollen Beobachtungsposten zum Studium des buntbewegten Marktlebens und des Treibens einer mir noch völlig neuen Welt.

Ich werde später noch öfter Gelegenheit haben, auf Paloppo zurückzukommen, und beschränke mich jetzt darauf, dem Assistent-Residenten Herrn Breedveldt de Boer und seiner liebenswürdigen Gattin für den mir bereiteten gastlichen Empfang an dieser Stelle nochmals meinen Dank abzustatten.

Da der »Le Maire« vor Paloppo nur wenige Stunden liegen blieb und ich mit dem Schiffe weiter nach der Ussubay fahren wollte, um von Malili aus die Überlandreise nach dem Seengebiet anzutreten, so konnte ich nach einem Frühstück in der geräumigen Residentur mit ihren großen, schönen Gartenanlagen und herrlichen alten Waringin-Bäumen nur noch einen eiligen Rundgang durch die Stadt unternehmen. Ausgerüstet mit einem luwuresisch abgefaßten Empfehlungsschreiben an die Dorfhäupter des Malilidistriktes, kehrte ich auf das Schiff zurück. Dieses war jetzt erdrückend voll mit Hunderten von Toradja-Auswanderern beiderlei Geschlechts. Sie alle wollten nach Malili, um von dort aus in den Dammardistrikten am Towuti-See ihr Glück zu versuchen.

Gegen Mittag dampften wir nach der Ussubay an der Nordostecke des Bonigolfes ab, deren respektable Hinterlandgebirge noch kaum sichtbar durch die unklare Luft herüberschimmerten. Allmählich traten die schönen Bergprofile klarer hervor, zwar weniger hoch als die Häupter des gewaltigen Latimódjong-Gebirges bei Paloppo, aber in großer Ausdehnung sich von West nach Ost erstreckend.

In weitem Bogen lag jetzt die große Ussubay vor uns, deren seichte Gewässer ein unaufhörliches Loten erforderten. Die Wassertiefe wechselte von 20 bis herunter zu 11 Faden. Nach längerem, schwierigem Lavieren fuhren wir in die Mündung des Malili-Flusses ein, des bedeutendsten Flußsystems von Südost-Celebes, dessen Wasser, wie jetzt festgestellt ist, dem Towuti-See entspringt. Nach ca. halbstündiger Lagunenfahrt ankerte der Dampfer unweit des linksseitig in den Malili-Fluß einmündenden kleinen Ussuarmes. Die Ausschiffung der Deckpassagiere nach dem mehrere Ruderstunden flußaufwärts gelegenen Hauptorte des südöstlichen Celebes, Malili, vollzog sich alsbald unter dem üblichen Heidenspektakel. Ihrer Aufnahme warteten bereits Dutzende großer, bis 16 m langer Einbaum-Kanoes, von denen einzelne mit mehr als 20 Ruderern bemannt waren.

Dank der besonderen Freundlichkeit des Kapitäns erreichte ich mein Ziel auf schnellere und angenehmere Weise, da dieser selbst mich auf der Motorbarkasse des Schiffes nach Malili brachte. Die Rhizophorendickichte der Ussumündung müssen in dem stark gewundenen, breiten und schönen Malili-Flusse bald der ungleich nützlicheren Nipapalme (Nipa fruticans) weichen, die in ungeheueren Beständen vorkommt. Allmählich traten auch die Hügel näher an den Fluß heran. Auf deren festerem Boden fand ein herrlicher Bestand hochragender Urwaldriesen und schlanker, stolzer Palmen Platz, sich auszubreiten, während über sumpfigerem Boden die mächtigen schwarzgrünen Fiedern der Sagopalmen im linden Abendwinde schwankten. Die Fahrt auf den Schlangenwindungen des tief smaragdfarbenen, stillen Gewässers war ein Naturgenuß seltener Art. Das Auge schwelgte in einer wahren Farbenorgie der von der sinkenden Sonne sanft beleuchteten Blütenwipfel und in dem Formenreichtum vordem nie gesehener Gewächse, die von Lianensträngen und kletterndem Rotang überwuchert waren. Das Ganze bildete eine stimmungsvolle Symphonie von hehrer Größe, wie sie nur der tropische Urwald zu bieten vermag.

Nach kaum ¾ Stunden erreichten wir die ersten Hütten von Malili, nachdem wir bereits mehrfach Sagomühlen passiert hatten. Die durch den enormen Aufschwung des Dammarhandels rasch an Bedeutung zunehmende luwuresische Siedelung besteht in der Hauptsache aus zwei wohl je ½ Stunde längs der Flußufer sich hinziehenden Häuserzeilen, deren Eigentümlichkeit es ist, daß die Wasserfrontseiten mit einer langen, langen Reihe unaussprechlicher Hüttchen besetzt sind, hinter denen die Uferstraße und dann die Wohngebäude folgen, -- ein momentan ebenso überraschender wie amüsanter Anblick, der indessen bald bei der Fülle der sich aufdrängenden neuen Eindrücke vergessen wird. Besonders die buntbemalten und merkwürdigen luwuresischen Wohnboote, der rege, nur durch Kanoes aufrecht erhaltene Verkehr zwischen beiden Ufern und die unter Kokoshainen halb versteckt liegenden Häuschen fesselten meine Aufmerksamkeit. Eine weitere kurze Fahrt stromaufwärts brachte uns zur schön angelegten Station des »Civilgezaghebbers«, dessen auf einem Hügel gelegenes, nicht allzugroßes Junggesellenheim eine prächtige Aussicht auf Fluß und Dorf Malili gestattete.

Herr Leutnant von Ardenne kam uns bereits entgegen und empfing uns in herzlichster Weise. Vom Gouvernement als einziger europäischer Beamter auserwählt, das Prestige der holländisch-indischen Regierung auf diesem äußersten Vorposten zu wahren, lebt er hier in völliger Einsamkeit. Seine Freude über die unerwartete Einquartierung meiner Wenigkeit war ungekünstelt und wohltuend. Was Haus und Küche zu bieten vermochten, wurde geleistet, und kaum angekommen, fühlte ich mich bereits wie zu Hause.

Die Station ist ziemlich weitläufig angelegt, und mit großem Aufwand an Zeit und Mühe wurden aus dem ehemaligen Sumpflande am Fuße des Hügels geschmackvolle Gartenanlagen geschaffen. Dicht hinter derselben auf höhergelegenem Plateau beginnt der Urwald, eine ernste Umrahmung des lebensfrohen Bildes.

Die Bevölkerung des Malilidistriktes wird nach den Ergebnissen der Kopfsteuer auf gegenwärtig rund 33000 männliche Individuen geschätzt. Die Ortschaft Malili zählt in ca. 200 Häusern an 500 einheimische und gegen 1500 zugewanderte Bewohner, -- ein Beweis für den gewaltigen Aufschwung, welchen dieser Hauptort von Südost-Celebes seit dem Einsetzen der Dammar-Bewegung genommen hat.

+Malili+, d. 31. August.

Heut war das Geburtsfest Ihrer Majestät der Königin von Holland, und ganz Malili prangte im Festschmuck. Aus den entferntesten Teilen des Innern waren die Radjas herbeigekommen, ihre loyale Gesinnung zu bestätigen, und hatten großes Gefolge mitgebracht. Die buginesischen Notabeln des Ortes prunkten in seidenen Gewändern, zu welchen die rudimentäre Bekleidung der Binnenbewohner, der Tobela, im schroffen Gegensatze stand. Schon früh um 8 Uhr trat die mohammedanische Jugend mit Musik und Gesang auf der Station an. Deputationen islamitischer Honoratioren folgten, denen sich die Häuptlinge der heidnischen Inlandstämme zur offiziellen Beglückwünschung anschlossen. Herr v. A. erwiderte auf die verschiedenen Ansprachen in fließender buginesischer Rede. Zweiter Teil des Programms: großer Empfang im Hause des Hauptradjas. Die Fürstlichkeiten und wir beiden Europäer nahmen in separiertem Raume an europäisch gedeckter Tafel Platz. Für den niederen Adel war im Vorzimmer auf der Erde ein Tuch ausgebreitet, um dessen aufgetischte Genüsse die Geladenen herumhockten. An der Haupttafel gruppierten sich auf Stühlen die acht Hauptradjas des Ortes und mehrere Tobelafürsten, darunter die Königin von Matanna. Der Ehrenplatz am Kopfende wurde Herrn v. A. eingeräumt, an dessen Seite ich Platz nahm. Uns gegenüber präsidierte die Mákole (Königin) von Matanna mit ihrem Gefolge, darunter die spezielle Ehrendame mit dem goldenen Prunksirihservice, das der Königin als eine Art Hoheitsabzeichen überall nachgetragen wurde. Die jungen Mädchen im Gefolge der Fürstin kauerten hinter ihr am Boden. Nach luwuresischer Sitte trugen sie bei diesem festlichen Anlaß die Oberkörper fast nackt, d. h. mit spinnwebfeinen, mehr enthüllenden, als verhüllenden weißen Schleiern bedeckt. An Stelle weißer bedienen sich junge Frauen roter Schleiertülle als Schulter- und Busentücher, die zuweilen mit prächtiger Goldstickerei bedeckt sind.

Die Königin selbst war mit schwerem, rotgefärbtem Goldgeschmeide und ebensolchen Armreifen geschmückt. Der Gebrauch des Rotfärbens des Goldes ist buginesischer Sitte entlehnt, nach welcher die gelbe Farbe unschön gefunden wird. Die Fürstin rauchte die präsentierten schweren Zigarren gleich jedem Manne.

Nach diesem ca. ½stündigen Empfange begaben wir uns zum Flusse, um einer zur Feier des Tages veranstalteten Eingeborenenregatta beizuwohnen. Es war ein herrliches Bild, die schlanken Einbäume, mit 20-30 Ruderern besetzt pfeilschnell dahinschießen zu sehen, begleitet von dem frenetischen Jubel der die Ufer dicht besetzt haltenden Zuschauer (s. Taf. I).

Als weitere Festveranstaltung reihte sich eine Produktion von 6 Boni-Tanzmädchen an. Der zum Einschlafen langweilige, sog. Badjóge-Tanz bestand in rhythmischen Geh- und Drehbewegungen der nichts weniger als schönen, dafür aber desto phantastischer aufgeputzten Tänzerinnen, die sich im engen Kreise langsam um sich selbst drehten und ihre unschönen, eckigen Bewegungen mit einem krähenden Gesang in den höchsten Fisteltönen begleiteten, während ein paar alte Weiber auf mit den Händen geschlagenen Trommeln die Vorführung akkompagnierten. Ich fand dieses Vergnügen zum Davonlaufen schön und tat diesem Gefühle um so weniger Einhalt, als die Temperatur in dem erdrückend vollen Raume, inmitten einer vor Begeisterung ganz außer sich geratenen Zuschauermenge nachgerade beängstigend wurde.

Im Laufe des Nachmittags kam die ganze Radja-Gesellschaft zum Hause des Herrn v. A., vor welchem nun Kampfspiele der Tobela stattfanden. Einzeln und in Paaren standen sich die gegenwärtig in Frieden lebenden, aber bis vor kurzem noch Todfeinde gewesenen Vertreter der verschiedenen Stämme gegenüber, um nach mimischer Herausforderung unter gellendem Jauchzen und schrillen Kampfrufen aufeinander loszustürmen. Mit grotesken Sprüngen und Drohbewegungen umkreisten sich die Kämpfer; in tollem Wirbel schlugen sie ihre schmalen, schlanken Schilde gegeneinander, kreuzten sich die -- vorsichtshalber -- hölzernen Schwerter; denn allzuoft schon wurde aus solchen Kampfspielen blutiger Ernst. Die Vorführungen, die leider durch einen Gewitterregen unterbrochen wurden, waren ungeheuer realistisch und packend und boten ein anschauliches Bild der Zustände kaum vergangener Zeiten.

Ich benutzte die Pause, um von den anwesenden Fürstlichkeiten trotz schlechten Lichtes eine photographische Aufnahme vorzunehmen.

Die Hauptattraktion des Tages bildete die abends 8 Uhr stattfindende Bewirtung der einheimischen Notabilitäten durch meinen heut vielgeplagten Gastgeber. Pünktlich kamen sie alle an, alle die, welche sich rühmen konnten, einen Tropfen Radja-Blutes in sich zu haben. Die Gäste wurden auf der geräumigen Veranda des Hauses placiert; auf dem Wiesengrunde vor dem Hause machte es sich das Volk bequem. Nach Landessitte wurden wie am Morgen Tee, Süßigkeiten, Limonaden und Zigarren herumgereicht; auch die Truppe der Tanzmädchen war von Herrn v. A. zur Ergötzung seiner Gäste befohlen worden und entzückte mit ihrem weinerlichen Sing-Sang die buginesische Korona, während die fremden Tobelagäste, abgesondert für sich, ihre mir interessanteren heimatlichen Reigentänze aufführten. Im Dunkel der Nacht, nur matt erhellt durch den ungewissen Schein der Lampen des Herrenhauses, bewegten sich die halbnackten, dunklen Gestalten in feierlichem Rhythmus bei dumpfem Trommelschlage im Kreise. Vor- und rückwärts wogte der Ring der »Wilden«, Männer und Frauen, ohne Unterschied des Geschlechtes, eines immer die Hände auf den Schultern des vorderen, während sie in gutturalen Lauten ihre uralten Weisen dazu sangen, deren Entstehung sie selbst kaum mehr kennen. So fesselnd wirkten diese melancholisch leise anklingenden, zum mächtigen Fortissimo anschwellenden und wiederum sanft verebbenden Gesänge, daß selbst die Mohammedaner ihre steife Würde und Grandezza vergaßen und sich herzudrängten, das seltene Schauspiel zu genießen. Den Höhe- und zugleich Schlußpunkt der festlichen Veranstaltung bildete ein Feuerwerk, das sich Herr v. A. aus Batavia hatte kommen lassen. Kinderhaft glücklich über das genossene Schauspiel, verabschiedeten sich die Gäste gegen Mitternacht.

+Malili+, den 1. September, abends.

Der Tag verging mit sorgfältiger Sichtung meines Gepäckes, von dem ich nur das Unentbehrlichste mitzunehmen gedenke. Für morgen sind Träger für meinen Aufbruch nach dem Matannagebiete bestellt, und der mir als eine Art Führer und Dragoman von Herrn v. A. zugeteilte Radja Namens Daëng Mabella stellte sich mir als »Reisemarschall« vor. Er führt den Titel »sulewátang« von »sule« = Nachfolger und »wátang« = Hauptmann. In seiner Übersetzung besagt der Titel »Nachfolger des Fürsten« = Stellvertreter. Es war ein noch junger Mann, herrisch gegen seine Leute, von devotem Benehmen mir gegenüber.

In Malili war heut Gerichtstag, und viele Hunderte von Tobela, alle in ihre chromgelben Schlaftücher gehüllt, warteten vor dem »Office«. Gegen abend fuhr ich nach dem jenseitigen Flußufer, wo der ärmere Teil der Bevölkerung zu hausen scheint; denn die Hütten waren recht unscheinbar und schmutzig. Bei einem buginesischen Händler erstand ich reizend geflochtene kleine Dosen, die aus Wótu stammten und zur Aufnahme je eines Gambirwürfels dienten. -- Schließlich stattete ich noch dem reichsten chinesischen Dammarhändler Malilis einen Besuch ab, der monatlich für etwa 35000 fl. Dammar ausführt. Wie alle Chinesen macht auch er umfangreiche Nebengeschäfte durch Geldverleihen an die eingeborenen Radjas und verschafft sich dadurch einen fast unbeschränkten Einfluß auf dieselben. Er zeigte mir ganze Truhen voll ihm verpfändeter Schmuckstücke, goldener Krise usw., so daß es mir völlig erklärlich wurde, daß der Mann hier unter Umständen mehr tatsächlichen Einfluß besitzt, als selbst der bestellte Vertreter der Regierung.

+Malili -- Kawáta+, den 2. September.

Um 5 Uhr war ich bereits auf den Beinen, voll prickelnder Erwartung und Verlangens, meine Inlandreise zu beginnen. Um 6 Uhr erschienen die buginesischen Träger, die sich sehr unbeholfen und lässig zeigten und die Kolli teils einfach auf die Schulter nahmen oder zu zweit an Stangen gebunden transportierten. Noch im letzten Momente vor meinem Abmarsche brachte mir ein Buginese einen wundervollen Tabaksbeutel mit goldenen Schließen (= purúkang) und zwei prächtige Sirihdosen (= salápa) zum Kaufe. Der Mann war der Abgesandte eines vornehmen Buginesen, der bei den gestrigen, anläßlich des Festes gestatteten und sonst streng verpönten Hazardspielen oder den gestern ausnahmsweise ebenfalls geduldeten Hahnenkämpfen Unglück gehabt hatte und in Geldverlegenheit geraten war. Nach längerem Parlamentieren konnte ich die selten schönen Stücke für allerdings recht hohen Preis an mich bringen.

Um 8 Uhr endlich folgte auch ich meinen längst abmarschierten Trägern, als Gefolge den mir zugeteilten Sulewátang und dessen Diener, sowie meinen Küchenboy Rámang hinter mir. Angeschlossen hatte sich uns noch der vom Feste heimkehrende Sulewátang von Matanna, der Häuptling des gleichnamigen Dorfes. -- Herr v. A. brachte mich bis zur Grenze der Station, und von seinen freundlichen Glückwünschen zu meinem Unternehmen begleitet, trat ich den Marsch ins Innere an.

Gleich hinter der Station begann hoher Urwald. Es war ein köstlicher Morgen, und der Wald widerhallte von den mannigfachen Lauten einer lebensfrohen Tierwelt. Ganze Scharen allerliebster, buntfarbiger Papageien trieben sich kreischend in den Baumkronen umher, und weithin hallte der tiefe, schwermütige Ruf großer Fruchttauben. Die eigentlichen Musikanten des Tropenwaldes, die Cikaden, vollführten dazu ein tausendstimmiges Konzert. Vom ferneren Hügelgelände herüber tönte das zänkische Bellen einer Affenbande, und schweren, sausenden Flügelschlages strich hoch über unseren Häuptern ein Nashornvogel aus dem Wipfel eines Waldbaumes ab, seinem Unwillen über die Störung durch kilometerweit tönendes tiefes Gā-gā-gā Luft machend. Metallisch glänzende Libellen zogen unstet am Wegrande auf und nieder; Bienen und Käfer summten und surrten von Blüte zu Blüte, und seltsam geformte Schmetterlinge in satter Farbenpracht gaukelten schwanken Fluges wie vom Winde getragene fallende Blätter im Dämmerlichte des grünen Walddomes.

Das erste Ziel meines Reiseprogrammes war das buginesische Dörfchen Ussu, am Flüßchen gleichen Namens. Der Weg dahin führte uns nach Passieren der eben geschilderten hügeligen Urwaldzone auf eine mäßig große, mit Mais- und Reisfeldern bestandene Talfläche, umrahmt von schönen Waldhügeln. Am jenseitigen Ende des ca. 1 Stunde langen Tälchens kennzeichneten ausgedehnte Kokoshaine das darunter versteckt liegende Ussu.

Die Reisernte war hier im vollen Gange, und ganze Reihen buginesischer Frauen in Reih und Glied, mit eigenartigen Messern bewaffnet, schnitten Halm für Halm einzeln ab, dieselben in kleine Ährenbündel zusammenfassend. -- Nach kaum 2stündigem Marsche betraten wir Ussu, das, früher Hauptort, gegenwärtig aber durch das günstiger gelegene Malili weit überflügelt, zu einem elenden, verkommenen Nest herabgesunken ist, dessen träge buginesische Bewohner einen ziemlich schlechten Ruf genießen. Die verlotterten und schmutzigen Pfahlhäuser wiesen lukenartige Dachfenster auf. Einige der hier gebräuchlichen Hausboote waren im Flusse vor den Hütten festgemacht.

In Ussu sollten die Träger gewechselt werden und an Stelle der Buginesen Tobela-Leute aus dem Inneren treten. Erstere wurden abgelohnt und kehrten sofort nach Malili zurück; von den Ersatzleuten aber war weit und breit nichts zu sehen. Auf meine energische Beschwerde bei dem opiummüd aussehenden Dorfvorsteher erschien endlich eine Anzahl Träger, die damit begannen, jedes, selbst das kleinste Gepäckstück auf lange Stangen zu binden und zu zweit fortzuschaffen. Auf diese Weise hätte ich die doppelte Anzahl Träger benötigt, so daß ich meinen Herrn Reisemarschall, den Sulewátang, der sich die Zeit inzwischen mit Cigarettenrauchen und gravitätischem Gebaren vertrieben hatte, ziemlich kräftig anhauchte, sich etwas mehr um seine Pflichten zu bekümmern. Nach langem Hin und Her erklärte mir der Dorfgewaltige, daß seine Leute es nun einmal gewöhnt seien, die Lasten auf solche Weise fortzuschaffen; aber wenn ich auch nach diesem Modus dreimal so viele Träger benötigen würde, als sich von Malili bis hierher als notwendig erwiesen hatten, so mache das nichts aus: ich hätte dennoch nur den vereinbarten Lohn zu zahlen. Das ließ sich hören, und unter solchen Umständen konnte mir die Anzahl der Kulis gleichgültig sein. Nun stellte sich aber heraus, daß überhaupt nicht genügend Träger vorhanden waren, so daß ich mich nach längerem Warten unter Zurücklassung des übriggebliebenen Gepäckes entschloß, voraus zu marschieren, und den Dorfvorsteher für das Zurückbleibende verantwortlich machte. Er sollte es mir schnellstens nach Kawáta, dem Endpunkte des heutigen Marsches, nachsenden.

Mittlerweile hatte ich einige photographische Aufnahmen gemacht und mit gänzlich negativem Erfolge versucht, einige buginesische Schmuckstücke einzukaufen. Diese Menschen verlangten unglaubliche, ja geradezu unverständliche Preise für die minderwertigsten Sachen; so wurden z. B. für 2 ganz gewöhnliche Klewangs (= Buschmesser) mit ordinären Holzgriffen, für die ich höchstens ½ fl. gegeben hätte, 25 Gulden pro Stück verlangt.