Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 1

Chapter 12,639 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1913 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

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Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Ethnologische Streifzüge in Südost- und Central-Celebes

von Professor Albert Grubauer

Mit 322 Abbildungen im Text, 16 Bildtafeln und 2 Karten

R. Voigtländerˢ Verlag in Leipzig

Copyright 1913 by R. Voigtländers Verlag, Leipzig. Alle Urheberrechte, insbesondere das der Übersetzung, sind vorbehalten. Umschlag und Einband nach Entwurf von Paul Reichow, Berlin.

Das alleinige Recht zur Herstellung von Diapositiven für die in diesem Buche enthaltenen Photographien besitzt die Firma Dr. Franz Stoedtner, Berlin.

Meiner lieben Mutter

und dem

Andenken meines lieben Vaters

in Dankbarkeit gewidmet.

Vorwort.

Seit den verdienstvollen und erfolgreichen Reisen der Herren Vettern Sarasin im centralen Celebes in den Jahren 1895/96 und 1902 wurden diese schwer zugänglichen Gebiete von keinem deutschen Forscher mehr aufgesucht.

Einer Anregung des Direktors am kgl. Völkermuseum in Berlin, Herrn Professor Dr. Albert Grünwedel Folge gebend, entschloß ich mich zu dem Versuche einer rein ethnographischen Zwecken dienenden Reise in den bis heute noch großenteils unerforschten Gebietsteilen von Central-Celebes. Das in Aussicht genommene Gebiet reizte mich umsomehr, als seine Erforschung gewissermaßen einen Abschluß meiner früheren großen Reisen in Malakka, Java, Sumatra und Borneo bildete.

Daß ich meine ausgedehnten Expeditionen im Innern der Insel zu einem glücklichen Abschlusse bringen konnte, verdanke ich in erster Linie dem großen Entgegenkommen und der mir jederzeit liebenswürdigst gewährten Unterstützung durch das Holländisch-Indische Gouvernement. Es ist mir ein tiefgefühltes Bedürfnis, der Königlich Niederländischen Regierung, sowie allen den Herren Beamten, mit denen es mir vergönnt war, in nähere Beziehungen zu treten, meinen innigsten Dank für das mir erwiesene Wohlwollen und die mir gewährte Gastfreundschaft auszusprechen.

In knapp 3½ Monaten gelang es mir, große Landgebiete der Insel kennen zu lernen und eine über 1200 Stück umfassende ethnographische Sammlung, sowie ca. 500 eigene photographische Originalaufnahmen von dort mit zurückzubringen.

Es bedurfte harter Mühen und großer Ausdauer, um in so kurzer Zeit dieses Resultat zu erzielen. Wenn es mir dabei gelungen ist, dem Gebäude unseres ethnologischen Wissens über Celebes einige Bausteine anzufügen, so gereicht mir dies zu hoher Befriedigung.

Aber auch allen denen, welchen tief im Herzen das Sehnen nach den Wundern fremder Welten lebt, ohne daß es ihnen vergönnt wäre, die unvergleichlich herrliche Tropennatur mit eigenen Augen zu schauen und von Kultur völlig unberührte Volksstämme mit ihren ursprünglichen Sitten aus persönlicher Anschauung kennen zu lernen, soll durch die Wiedergabe meiner unmittelbaren Eindrücke auf einer Tropeninsel, die zu den schönsten dieser Erde zählt, Anregung und Belehrung geboten werden.

Schließlich sei es mir noch gestattet, darauf hinzuweisen, daß selbst bei der größten Objektivität und der peinlichsten Nachprüfung der von Eingeborenen erhaltenen Angaben Irrtümer nicht ausgeschlossen sind. Dies bitte ich bei der Beurteilung mit berücksichtigen zu wollen.

Und so übergebe ich denn dieses Buch der Öffentlichkeit mit dem herzlichen Wunsche, daß es sich viele Freunde erwerben und zur Vertiefung unserer Kenntnis von der wundersamen Insel seinen Teil beitragen möge. --

Berlin-Tempelhof, im Oktober 1913.

+Der Verfasser.+

Inhaltsverzeichnis.

I. +Teil. Reisen in Südost-Celebes.+ Seite

a) Ankunft in Makassar. -- Erste Eindrücke. -- Klimatische Verhältnisse. -- Landesregierung. -- Einschiffung nach der Ussubay. -- Insel Saleyer. -- Paloppo. -- Ussubay. -- Malili 1-22

b) +Inlandreisen+:

2. September: Aufbruch von Malili nach Ussu und Kawáta 22-29 3. „ Kawáta -- Laro-Eha 29-31 4.-5. „ Laro-Eha -- Tambe-É -- Matanna 31-56 6. „ Matanna -- Sokóyo -- Toréa 56-67 7.-8. „ Toréa -- Sorowáko 67-87 9. „ Sorowáko -- Karongsie 87-94 10. „ Karongsie -- Sinóngko -- Weúla -- Sése 95-100 11.-12. „ Sése -- Tabaráno -- Leóka -- Timámpu 101-111 13. „ Timámpu -- Insel Loëha -- Tokolimbu 111-118 14. „ Tokolimbu -- Raúta 118-129 15.-16. „ Raúta -- Gebeinstätten im Raúta-Gebirge -- Wiwirano 130-148 17. „ Wiwirano -- Raúta 148-153 18. „ Raúta -- Tokolimbu 154-156 19.-20. „ Tokolimbu -- Lingkobale -- Tolére -- Laronang 156-164 21. „ Laronang -- Pongkeru 165-170 22. „ Pongkeru -- Malili 170-174

c) Aufenthalt in Malili und Rückreise nach Paloppo 174

II. +Teil. Reisen in den Toradja-Landen.+

a) Eintreffen in Paloppo. -- Cholera. -- Luwuresenhäuser. -- Pest-Prozession 177-182

b) +Inlandreisen+:

30. September: Paloppo -- Latúpa -- Balúbu-Gebirge -- Salulimbung 182-192 1. Oktober: Salulimbung -- Kambútu -- Simbuang-Mapak -- Senála -- Pasang -- Makale 192-210 2. „ Makale -- Rimbung -- Bilálang 211-225 3.-4. „ Bilálang -- Bituang (Néneng) 225-247 5. „ Bituang -- Awang 247-252 6. „ Awang -- Barúbuschlucht -- Tóndong 253-274 7. „ Tóndong -- Kalámbi -- Rantepáo 274-286 8. „ Rantepáo -- Baubuntu-Tal -- Kambútu -- Salulimbung 286-291 9. „ Salulimbung -- Paloppo 291-292

III. +Teil. Durchquerung von Central-Celebes von Poloppo am Golf von Boni nach Posso an der Tomini-Bucht.+

a) Empfang bei der Königin von Luwu. -- Reichsinsignien von Luwu. -- Abschied von Paloppo 295-304

b) +Inlandreisen+:

17. Oktober: Paloppo -- Baram-amasse -- Salu Tubu 304-309 18. „ Salu Tubu -- Buwangin -- Baëbuntu 310-314 19.-20. „ Baëbuntu -- Masamba 314-326 21. „ Masamba -- Balómbong -- Rante-Manuk 327-331 22. „ Rante-Manuk -- Pekobusanga I -- Massarow-Mangura (Waldbiwak) 331-337 23. „ Massarow-Mangura -- Takalla-Gebirge -- Tokúndji (Waldbiwak) 337-342 24.-25. „ Tokúndji -- Pekobusanga II -- Leboni 342-377 26. „ Leboni -- Nondówa -- Dodólo 377-382 27. „ Dodólo -- Tedeboi (Rampi) 382-391 28. „ Tedeboi -- Leboni 391-393 29. „ Leboni -- Kumápa (Waldbiwak) 394-396 30. „ Kumápa -- Rato -- Mabungka 397-409 31. „ Mabungka -- Takalekádjo-Gebirge -- Pendólo 410-424 1.-2. November: Pendólo am Posso-See 425-430 3. „ Pendólo -- Binowói -- Peoura 430-435 4. „ Peoura -- Tentena -- Kuku 435-442 5. „ Kuku -- Pandiri -- Tagólu -- Posso (am Meer) 442-448

IV. +Teil. Reise vom Golf von Tomini über Napu, Besoa, Bada und Kulawi nach der Palu-Bay.+

a) Regierungsstation Posso. -- Klima. -- Hexenglauben 451-453

b) +Inlandreisen+:

7. November: Posso -- Mapane -- Kasigúndju -- Bambaimpo (Waldbiwak) 454-458 8.-10. „ Bambaimpo -- Nompi-Nompi (Waldbiwak) -- Lampa -- Watutau 458-490 11. „ Watutau (Napu) -- Doda (Besoa) 490-501 12. „ Doda -- Lelio (Bada) 501-504 13. „ Lelio -- Bomba -- Kanda -- Páda -- Bulili 505-519 14. „ Bulili -- Badangkaia -- Gintu 519-523 15. „ Gintu -- Lengkeka -- Kageróa -- Tuáre 524-527 16. „ Tuáre -- Bararóa -- Boku 527-534 17. „ Boku -- Saluboku 534-537 18. „ Saluboku -- Mangkudjawa -- Gimpu 537-546 19.-20. „ Gimpu -- Lemo (Kulawi) 546-554 21. „ Lemo -- Buro (Lindu) -- Langko 554-563 22. „ Langko -- Tuwa 563-566 23. „ Tuwa -- Sakedi 566-568 24. „ Sakedi -- Sidóndo 569-573 25. „ Sidóndo -- Kalukubula -- Palu 574-577 26.-29. „ Palu -- Donggala 578-580

V. +Teil. Anhang+:

Kurzes Wörterverzeichnis von Eingeborenen-Benennungen 582-595

Verzeichnis der Abbildungen 596-602

Register 603-608

I. Teil.

Reisen in Südost-Celebes.

Am 11. August 1911 hatte ich von Singapore aus auf dem van Riemsdyk, einem großen und schönen Dampfer der holländischen Paketfahrtgesellschaft, die Ausreise nach Makássar angetreten; aber erst 11 Tage später, nach endloser Küstenbummelei, wurde die flache und völlig eindruckslose Südküste von Celebes gesichtet. Durch ein Gewirr vorgelagerter kleiner Inseln fuhr der Dampfer in die durch diesen natürlichen Schutz ziemlich gesicherte offene Reede von Makássar ein.

Der erste Eindruck dieser östlichsten der großen holländischen Handelsemporien war recht bescheiden; aber die in langer Reihe vor uns festgemachten fünf großen Dampfer nebst einer großen Anzahl auf der Reede verankerter Segelschiffe, chinesischer Dschonken und Prauen, sowie der ohrenbetäubende Spektakel der vielen Hunderte ein- und ausladender Kulis ließen mehr als ein großes Eingeborenendorf erwarten.

Einer Horde von Piraten gleich, stürzte sich eine Schar schwarz gebrannter Makassaren auf meine umfangreiche Bagage, und fort ging es auf hindernisreichem Wege zum Zollschuppen. Hier trat die Bedeutung Makássars als eines Handelscentrums schon gewichtiger in Erscheinung. Neben den hunderterlei Produkten, wie sie in allen ostindischen Ausfuhrhäfen aufgestapelt sind, erschienen mir besonders auffällig die Tausende von Paradiesvogelbälgen verschiedenster Species, die hier in endlosen Reihen bündelweise zur Verzollung ausgebreitet lagen, desgleichen die gewaltigen Vorräte an Schildpatt, Perlmutter und Trepang.

Vor dem Zollschuppen im Freien, schutzlos dem glühenden Sonnenbrande preisgegeben, türmten sich ganze Berge aufeinanderliegender, lebender Schweine, die, einzeln in Bastgeflechte fest eingeschnürt, der Verladung warteten.

Die Hauptausfuhrartikel Makássars sind Rotang und seit einigen Jahren besonders Dammarharze, Landesprodukte, die das centrale und südöstliche Celebes in großen Mengen liefern, und von denen speziell das letztere seit Entdeckung der schier unerschöpflichen Lager am Towuti-See in Südost-Celebes eine Quelle großen Reichtums für das Land zu werden verspricht.

Nach glücklicher Erledigung der Zollformalitäten quartierte ich mich im Oranje-Hotel ein. Halten die Hotelverhältnisse hier zu Lande auch keinen Vergleich mehr aus mit javanischen, so ist man immerhin noch erträglich untergebracht; man könnte sagen, Makássar sei die erste Station zum Abgewöhnen wie in dieser so auch in manch anderer Beziehung, was mir während meines Aufenthaltes dortselbst noch öfter recht bemerkbar wurde.

Die Stadt teilt sich in das Geschäftsviertel am Hafen, wo in der Pásarstraat die europäischen Großkaufleute und die Chinesen ihre Kontore und Speicher haben, und das Wohnviertel der Chinesen, die in einstöckigen, dicht nebeneinander errichteten und sauber weiß getünchten Steinhäusern leben. Offene Abzugskanäle längs der Häuserreihen verbreiten wenig angenehme Düfte.

An das Chinesenquartier schließen sich unmittelbar die Kampongs der Eingeborenen. Die Bauart der buginesischen Häuser erscheint mir der in Java üblichen überlegen. Große Fenster und ganz nette Schnitzereien und Malereien zieren die auf hohen Pfahlgerüsten ruhenden Hütten, deren Unterräume durch Stakete abgeschlossen sind.

Die Europäer bewohnen die schönen, alleenbesäumten Straßen um den in keiner holländisch-indischen Stadt fehlenden Koningsplan. Die Ruhe des Ortes wird in Makássar weder durch eine Eisenbahn, noch durch eine Elektrische oder gar durch Fabrikanlagen gestört, dafür aber durch die buginesischen Kutscher, die mit wahrer Leidenschaft von den hier üblichen Trillerpfeifen Gebrauch machen. Laut Verordnung soll nur an jeder Biegung der engen Straßen des Hafenviertels einmal gepfiffen werden; aber die Mark und Bein durchdringenden, schrillen Töne verfolgen das ungewöhnte Ohr unablässig in den Straßen wie am Hafen.

Die Beleuchtung Makássars läßt sehr viel zu wünschen übrig, und die schönen Zeiten, wo jeder Eingeborene mit Einbruch der Nacht eine lodernde Fackel in der Hand zu tragen hatte, um sich den promenierenden Europäern von weitem kenntlich zu machen, sind unter einer äußerst liberalen Regierung lange dahin. Wohl befinden sich derzeit an allen Straßenkreuzungen Laternen; doch vermag deren dürftiges Ölflämmchen kaum wenige Meter weit zu leuchten, und unter den Bäumen der langen Alleen ist es stockfinster.

Taucht aus dem Dunkel plötzlich ein auf nackten Sohlen genahter Eingeborener auf, so fühlt man sich keineswegs angenehm überrascht, zumal sich die eingeborene Bevölkerung der Stadt durch nicht besonders gute Sitten auszeichnet. Häufig wirkt sie abstoßend durch ihr anmaßendes Wesen, das besonders die herrisch auftretenden Goanesen kennzeichnet, die seit alters berüchtigte Straßenräuber sind.

An Sehenswürdigkeiten ist außer den dürftigen Reizen des noch aus der Portugiesenzeit stammenden alten Forts mit Wällen und Bastionen höchstens noch das Museum zu erwähnen. Zur Errichtung dieses gemeinnützigen Institutes, das täglich ohne jegliches Entgelt zu besichtigen ist, verwandte man das als Kriegsbeute nach Makássar versetzte ehemalige Wohnhaus des im Kampfe gegen die Holländer gefallenen Fürsten von Boni. Es ist ein reich bemaltes und mit Schnitzereien verziertes Holzgebäude, in dessen zwei Haupträumen gegenwärtig die aus den Kämpfen mit den aufsässigen Landesfürsten heimgebrachten Kriegstrophäen zu einem ethnographischen Museum vereint wurden. Der Hauptsache nach enthält es recht hübsche und übersichtliche Sammlungen aus Süd-Celebes neben mehr fragmentarischen Kollektionen aus den centralen Teilen der Insel.

Die klimatischen Verhältnisse Makássars sind nicht die besten. Ich fand den Ort stickend heiß, und Myriaden von Moskitos gestalteten den Aufenthalt zu einem recht fragwürdigen Vergnügen.

Die Umgebung der Hauptstadt von Celebes ist absolut reizlos. Die zwei höchsten Erhebungen des südlichen Celebes, das Gebirge von Maros und das von Bantaëng, sind nur an besonders klaren Tagen in schemenhaften Umrissen zu sehen. Dagegen dehnt sich in meilenweiter Runde eine unendliche Reisebene rings um die Stadt, welche die Küste entlang zur Abwechslung von Salinen unterbrochen wird. Im Sommer ist die dürre und versengte Ebene ein Brutofen, zur Regenzeit ein Sumpf und die Brutstätte der schlimmsten Plagegeister dieser Zone, der Fieber übertragenden Anopheles.

Die Regierung des Landes, ohne deren Wissen und Willen in Celebes auch nicht das Geringste zu unternehmen möglich sein würde, hat ihren Sitz in Makássar und ist hier durch einen Gouverneur vertreten.

Mein Aufenthalt in Makássar verfolgte in erster Linie den Zweck, mir die unumgänglich notwendige Reiseerlaubnis des Gouvernements für meine geplanten Inlandreisen zu verschaffen.

Trotz des Titels »Gouverneur von Celebes« reicht die Machtsphäre seines Inhabers nur über die südliche und südöstliche Halbinsel, sowie in Mittel-Celebes bis zur Südspitze des Posso-Sees, während dessen nördliche Hälfte bereits zur Residentschaft Menado gehört.

Da ich eine Durchquerung des centralen Celebes plante, bedurfte ich auch einer speziellen Genehmigung des Residenten von Menado, ein Umstand, mit dem ich nicht gerechnet hatte, und der mir großen Zeitverlust und erhebliche Kosten verursacht hätte, wäre nicht der Gouverneur in Makássar in nicht dankbar genug anzuerkennender Weise bemüht gewesen, mir alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. So kam es, daß sämtliche Regierungsbeamte der von mir zu bereisenden Distrikte von meinem Kommen unterrichtet waren, ehe ich nur einen Schritt ins Innere des Landes getan hatte. Das einzige, was mir noch zu tun blieb, war die schriftliche Erklärung, daß ich die Verantwortung für die Sicherheit meines Lebens und meiner Habe in den noch immer unruhigen und mehr nominell als tatsächlich der Regierung unterstehenden centralen Teilen der Insel persönlich zu tragen hätte.

Meine Geschäfte in Makássar waren erledigt; Tauschartikel und Konservenproviant waren angekauft und verpackt. Mit der Anwerbung meines buginesischen Jungen »Rámang«, der die Baréesprache und die hauptsächlichsten Idiome des Inneren verstand, schien ich eine gute Wahl getroffen zu haben.

Als einziger Europäer schiffte ich mich am 27. August in Makássar auf dem »Le Maire« ein, der nachts 10 Uhr seine Fahrt nach dem Golf von Boni antrat. Bereits am nächsten Morgen um 6 Uhr rasselten die Anker nieder. Wir lagen weit draußen auf See vor Bantaëng, von den Holländern Bonthain genannt, einer hübschen, in Kokoshaine eingebetteten buginesischen Siedelung. Stolz ragte der die ganze Landschaft beherrschende annähernd 3000 m hohe Pik von Bantaëng in die Lüfte. Eine Menge Zwischendeckspassagiere kamen und gingen. Um 10 Uhr setzten wir die Fahrt nach der Insel Saleyer fort, vor deren Hauptort Benteng wir um 3 Uhr nachmittags vor Anker gingen.

Ich fuhr an Land und stellte mich dem Kontrolleur vor. In Begleitung desselben unternahm ich alsdann eine Wagenfahrt nach einem benachbarten Dorfe, welches ein hochinteressantes Heiligtum barg. Unter einem engen, dunklen Holzverschlag, der leider jedes Photographieren unmöglich machte, stand auf steinerner Basis ein wundervoll gearbeiteter, ca. 1½ m hoher und über 1 m breiter Bronzekessel mit rätselhaften Zeichen und Tierbildern. Vier große Froschdarstellungen an den Rändern, Abbildungen von Elefanten und eine strahlende Sonne in der Mitte zierten den Deckel. Das uralte Stück ist zweifellos hindostanischen Ursprungs und gilt als Beweis der fürstlichen Abstammung seines derzeitigen Besitzers, des hiesigen Radjas. Ein roter Tuchbaldachin war darüber ausgespannt, und auf dem Deckel waren Opfergaben niedergelegt. Wie ich vernahm, kommen die Brautpaare der Insel hierher, um vor dem Heiligtum zu opfern und Glück für die Ehe zu erflehen. Das unschätzbare Stück soll einst ausgegraben worden sein. Ähnliche Bronzekessel geringeren Umfanges existieren übrigens auch auf den Inseln Bali und Lombok.

Eine wahre Plage schienen in Saleyer die rudelweise vorkommenden Wildschweine zu sein. Wie mir der Kontrolleur erzählte, veranstalten die Inselbewohner ungefähr allmonatlich eine große Treibjagd, bei der die lanzenbewehrten Jäger teils beritten, teils zu Fuß stets gegen 200 Schweine zur Strecke bringen, die von der streng mohammedanischen Bevölkerung einfach liegen gelassen werden. Kein Wunder, wenn da häufig Epidemien auftreten, die im Verein mit dem Fieber die Gegend in üblen Ruf gebracht haben.

Nach ruhiger Nachtfahrt erreichten wir morgens bereits einen neuen Anlaufhafen, Balangnipa. Der Ort ist bekannt durch seine hübschen Ananasfaser-Gewebe, besonders Haupttücher. Auch die fein geflochtenen buginesischen Mützen stammen großenteils von hier. Sehr hübsch sind ferner die hier üblichen Bootsruder, deren Blätter sauber rot und weiß bemalt waren.

Das Schiff lag weit draußen. Vor seiner Ankerstelle brachen sich mächtig aufschäumend die Wogen an den Balangnipa im weiten Halbkreise vorgelagerten Sandbänken.

Die nächste Station des »Le Maire« war Pálima, das wir spät nachmittags anliefen. Auch hier in weiter Runde weiße Wellenbrecher, die der Schiffahrt in diesen Breiten so überaus gefährlichen Korallenriffe kennzeichnend. Sehr interessant war auf der Fahrt hierher das Passieren einer großen Tangwiese im freien Ozean.

Vom Lande kamen alsbald in großer Zahl die merkwürdigen buginesischen Boote mit seitlicher Steuerung und geflochtener Bootsrand-Erhöhung. Die Ruderblätter waren durchweg mit dem mohammedanischen Sterne und dem Halbmond geschmückt. Die Bootssegel wiesen eine viereckige Form auf. Unter fürchterlichem Gekreische wurden die Neuankömmlinge eingeschifft. Die Männer trugen hier ausnahmslos die charakteristische Buginesenmütze; die Frauen verhüllten ihr Angesicht in den weiten, die ganze Figur umspannenden farbenglühenden »Slendangs«.