Unter Kopfjägern in Central-Celebes
Part 27
Seltsamerweise war der Lobo von einem aus baumstarken Pfosten hergestellten Kral umfriedet, welcher überklettert werden mußte, sofern man zu den Aufstiegen gelangen wollte. Auf mein Befragen erfuhr ich, daß diese Umzäunung dazu diene, eingefangene wilde Büffel in Gewahrsam zu halten. Gemeint sind verwilderte Büffel, wie sie sich zahlreich in der Rohrwildnis der Hochebene herumtreiben sollen. Da Büffelopfer, die bei allen Kultfestlichkeiten der Eingeborenen von Inner-Celebes eine bedeutende Rolle spielen, auch in Rato das Wichtigste vom Wichtigen sind, das Einfangen dieser an absolute Freiheit gewöhnten bösartigen Tiere aber eine schwierige und nicht immer erfolgreiche Sache ist, so gehen die Eingeborenen beizeiten daran, sich die nötigen Schlachttiere zu beschaffen. Die Büffel werden mittels langer, aus Hirschhaut geflochtener und geknüpfter Lassos eingefangen und im Kral, dem bei der Wildheit dieser Tiere einzig sicheren Verließ des Dorfes, bis zum Tage des Opfers gefangen gehalten.
Die zum Lobo hinanführenden Treppen -- je eine von der Mitte der beiden Schmalseiten aus -- bestanden aus halbierten Baumstämmen mit Kerbstufen. Die Stämme liefen nach oben zu in weit vorstehende Enden aus, die in abenteuerliche Tierköpfe umgestaltet waren.
Von dem Innenraume des Lobo wird man sich am besten an der Hand der Abbildung 215 (S. 405) eine Vorstellung machen können. Das Hauptinteresse beanspruchte der Mittelpfosten (auf der Photographie leider nicht mehr ersichtlich), der an seiner oberen Hälfte den bis zum Dache hinanreichenden Lebensbaum trug und gleichzeitig den Marterpfahl vorstellte, an welchen die Todeskandidaten vor ihrer gräßlichen Abschlachtung gefesselt wurden. Eine plumpe Schnitzerei daran stellte einen nach oben gerichteten Büffelkopf dar. Der Pfosten war mit Blutspritzern besudelt, und Teile von Hirnschalen Erschlagener waren mit Holzdornen daran befestigt. Am Grunde derselben, in der Mitte eines den ganzen Raum durchlaufenden Balkens war eine flache, kreisrunde Schüssel in derber Schnitzerei herausgearbeitet, beiderseits von einem rohgeschnitzten Büffelkopf flankiert, die wie in der Dusunga von Tedeboi dazu bestimmt war, den auf einer Kopfjagd erbeuteten oder hier dem Opfer geraubten Kopf aufzunehmen. Um diesen wurden dann Tänze aufgeführt und Ansprachen gehalten; auch hielt man dem Kopfe in höhnender Weise Tabak und Sirih vor, als sei er lebend. Später wurde der Schädel in Stücke zerschlagen und das Gehirn gegessen, die Schädelfragmente aber teils den Lobo-Geistern durch Befestigung an der Säule geopfert, teils an die beteiligt gewesenen Kopfjäger verteilt, die sie als glückbringend in ihren Häusern aufbewahrten. Vom Gehirn essen alle, damit der Geist des Erschlagenen nicht an einem einzelnen unter ihnen Rache nehmen möge. Das Töten der Opfer geschah in Rato durch Lanzenstiche.
An einem oberen Horizontalbalken, sowie an einer Rückwand des Lobo hingen an 40 Stück starker geflochtener Rotangringe, wie sie zur Fesselung der Opfer benutzt wurden. An je einem großen Ringe hingen 2 Rotangring-Ketten, an deren letzten Gliedern verschiedene hölzerne Miniaturgegenstände, wie Ruder, Messer, Lanzen usw., sowie Stückchen von Hirnschalen befestigt waren. Diese an den großen Reifen nachträglich angebrachten Ketten und Anhängsel waren die Symbole einer Bildersprache, in welcher dem Nachwuchse von den Heldentaten der Väter und dem Verlaufe der Kopfjagden berichtet wurde. Diese höchst interessanten und merkwürdigen Reifen werden Takóle genannt. Sie sind als Urkunden zu betrachten, deren kleinste Einzelheiten den Eingeborenen verständlich sind, so daß Folgerungen daraus gezogen werden können. Um dies verständlicher zu machen, will ich einige Beispiele anführen. So bedeutet z. B. der große Ring eines solchen Takóle, daß der Gefangene damit entweder schon bei seiner Gefangennahme gefesselt und mit Hilfe desselben herangeschleppt oder aber erst im Lobo mittels desselben an den Marterpfahl gefesselt wurde. Das Geflecht der zu Ringen gewundenen Rotangstränge macht erkennbar, was davon zutrifft. Von anhängenden 2 Rotangring-Ketten endet beispielsweise die eine in einer kleinen Bambusröhre, aus welcher ein Stück mehrfach geknüpften Rotangs herausragt. Dies bedeutet, daß ebensoviele Sklaven bzw. Gefangene hinweggeführt wurden, als Knoten eingeknüpft sind. Dasselbe in anderer Knüpfart kann aber auch besagen, daß der Knotenzahl entsprechend ebensoviele Schädel geschnellt wurden, wobei dann die Überfallenen an Ort und Stelle getötet worden waren. Oder aber an einer Ringkette sind ein oder mehrere Rudermodelle befestigt. Diese besagen, daß die Überfallenen auf einem Gewässer überrascht und dabei gefangen genommen wurden. Ein Köcher wiederum bedeutet, daß der Überfallene beim Abzapfen des Palmweines überwältigt wurde; ein Röllchen Pisangbast: beim Pflücken von Früchten usw. Die Menge der kleinen, die Kette bildenden Doppelringe bezeichnet die Zahl der Tage, welche zum Raubzug nötig waren.
Veranlassung zu Kopfjagden geben auch im Posso-Gebiete teils Generationen hindurch währende Stammesfehden, teils in Kultanschauungen begründete Vorstellungen, wonach z. B. in ganz Central-Celebes ein Häuptling nicht begraben oder ein Lobo nicht erbaut werden kann, solange nicht den Dorfgöttern ein Schädel als Opfer dargebracht worden ist. Auch als den Geistern gezollter Tribut sind Köpfe anzusehen, durch deren Darbringung Unglück vom Dorfe abgewandt werden soll. Schließlich spielen dabei auch individuelle Rücksichten eine besondere Rolle, wie z. B. der Nimbus, der einen siegreichen Kopfjäger umgibt, die Gunst der Frauen u. dgl.
Den mittleren Horizontalbalken zierten Schnitzereien, welche 2 einander verfolgende Echsen darstellten, deren eine die andere in den Schwanz biß.
An den 4 Eckpfosten des Lobo hingen unverzierte Holztrommeln; cylinderförmige Frauentrommeln lagen auf dem Boden und dem Gebälk. An einem Pflocke waren eine Anzahl merkwürdiger Ceremonialstäbe, sowie 2 Lanzen mit schön ciselierten Klingen befestigt. Die vier Feuerstellen des Lobo befanden sich links und rechts von den Eingängen. Um den ganzen Innenraum zogen sich den Boden wenig überragende Außengalerien, die durch keinerlei Zwischenverschalungen geteilt waren. Diese durchlaufenden Plattformen waren bestimmt, Gästen als Tribünen, Schlaf- und Wohnraum zu dienen.
Nach beendeter Lobo-Inspizierung hatte ich keine Veranlassung mehr, mich länger in dem verödeten Dorfe und dessen wenig reizvoller Umgebung aufzuhalten, zumal ein größeres Dorf, Mabungka, nicht allzuweit von Rato entfernt sein sollte. Dieses wollte ich noch erreichen, um die Nacht dort zu verbringen. Mein Entschluß fand durchaus keinen Beifall bei meinen Leuten, die den Nachmittag weit lieber unter den Schattenbäumen Ratos verträumt hätten. Zum mindesten müßten sie erst abkochen, behaupteten sie, und zu solch löblichem Beginnen die Ankunft der Träger abwarten. Diese aber waren weit zurückgeblieben; der Djalan babi útan hätte sie solange aufgehalten. Dem allgemeinen Verlangen Rechnung tragend, ließ ich also das Militär in Rato zurück, den Soldaten raschestes Nachkommen anbefehlend, und machte mich mit nur einem Führer allein auf den Weg.
Ich verließ das Dörfchen auf einer anderen Seite und stieß dabei auf einen sehr interessanten »Zauber«. Quer über den schmalen Fußpfad lief ein niederer Zaun, und vor diesem steckte ein Stab im Boden, an welchem man eine aus Hibiscusfasern hergestellte und mit weißen Fuja-Bändern ausgestattete Schreckfigur gebunden hatte. Diese »dolokénde« genannte Dämonenscheuche sollte böse Einflüsse vom Dorfe fernhalten (s. Fig. 289).
Der Weg führte durch schwülheißes sumpfiges Schilfland, bis wir nach reichlich 2 Stunden die Hochebene der Länge nach durchquert und die anstoßenden Hügelketten erreicht hatten. Ich schätze hiernach die Ausdehnung des Hochsteppengebietes von Rato auf ungefähr 5 Stunden Länge bei 2 Stunden Breite.
Auf dem ganzen Wege hatten wir nicht eine Scholle angebauten Landes angetroffen. Ansiedelungen sowie kultivierter Boden scheinen somit nur an der Peripherie der Ebene, im welligen Hügelgelände vorhanden zu sein. Die Gründe für diese auffallende Erscheinung dürften in der Sumpfigkeit des Bodens, dem fieberschwangeren Klima und den ungeheuren Moskitoschwärmen liegen.
Über mehrere Höhenzüge hinweg kamen wir in ein wunderschönes Bergrevier, das ein in herrliches Grün eingebettetes malerisches Alpental gleich einem köstlichen Juwel umschloß. Hier gab es keinen unbenutzten Fleck Erde, und wohin immer sich der Blick wandte, fiel er auf Gärten und wohlbestellte Felder. Der Hauptort Mabungka lag frei auf der Anhöhe uns gegenüber. Ein mächtiges Waldgebirge -- das Massiv des Takalekadjo-Gebirges -- bildete den Hintergrund der stimmungsvollen Landschaft.
Auf steinigen, vielgewundenen Pfaden stiegen wir von unserem hohen Standpunkte aus in eine Senkung hinab und wieder zum Dorfe Mabungka hinan. Dort quartierte ich mich in einem neuen, halbfertigen Hause ein, von wo aus ich einen offenen Ausblick auf das entzückende Panorama genoß. Meine etwa 2 Stunden später eintreffenden Soldaten und die Kulis füllten das stille Dörfchen bald mit geräuschvollem Treiben. Der Häuptling des Dorfes, ein älterer Mann, erschien nebst einigen Begleitern zu meiner Begrüßung und beehrte mich mit seiner Gesellschaft ausdauernder, als mir lieb war. Die offerierten Cigaretten wurden mit Hingabe genossen, Cognak-Pröbchen mit geradezu verklärten Gesichtern geschlürft, Schokolade -- ausgespuckt. --
Der in Mabungka vorgefundene neue Hüttentyp ist durch die beigegebene Photographie ersichtlich gemacht. Besonders weise ich dabei auf die im Vordergrunde der Plattform stehenden sattelähnlichen Stampftröge hin. -- Das größte Gebäude war auch hier wieder der alte Lobo. Ventilationsluken im Dache unterschieden ihn äußerlich von dem Geisterhause in Rato. Sein Inneres entsprach nicht den gehegten Erwartungen. In einer Ecke des Lobo hatte sich der Häuptling mit Familie häuslich eingerichtet, um hier die Fertigstellung seines neuen Hauses abzuwarten.
Das Hauptstück aller Lobos, der Lebensbaum, war in Mabungka zu einem Busch mittlerer Größe zusammengeschrumpft. Den geschnitzten Mittelbalken zierten dieselben Krokodil-Motive wie in Rato. Der für die Randgalerien vorgesehene Platz war lediglich durch 4 einfach beschnitzte Eckpfeiler, zwischen denen sich eine ringsum laufende handhohe Planke herumzog, abgegrenzt. Es gelang mir nach langem Zureden, eine der hier »krátu« genannten Frauentrommeln für hohen Preis zu erwerben. Das vorgebrachte Hauptbedenken gegen die Veräußerung derselben war der Aberglaube, daß nach der Fortgabe einer solchen Krátu eine Person aus dem Dorfe sterben müsse.
Die Dorfbewohner hielten sich, da sie gerade mit der Ernte beschäftigt waren, meist in Feldhütten bei ihren Plantagen auf, und nur wenige kehrten abends nach Mabungka zurück. Soweit ich Leute zu sehen bekam, fand ich sie untersetzt und derbknochig, mehrere auch mit stattlichen Kröpfen.
Auf meine Erkundigungen nach der uns noch vom Posso-See trennenden Entfernung erfuhr ich, daß diese 3 Tagereisen betragen sollte. Auf dem Wege dahin gäbe es keine Dörfer mehr, und daher hätte man 2 mal im Takalekadjo-Gebirge zu nächtigen. -- Die Ungeduld, dieses Ziel meines Sehnens zu erreichen, war so groß, daß sie mich nirgends lange rasten ließ, und auch in Mabungka setzte ich den Weitermarsch gleich für den nächsten Tag fest. Dieser Entschluß erheischte die sofortige Absendung von Boten in die Pflanzungen, damit die für die strapazenreichen Märsche über den Central-Gebirgsstock notwendige, verstärkte Trägerzahl rechtzeitig zur Stelle war. Der Häuptling gab sofort die nötigen Befehle hierzu. Die Boten trugen zu ihrer nächtlichen Wanderung Feuerbrände in den Händen, die sie durch periodisches Schwingen im Kreise zu stets erneuter Glut anfachten. Gleich riesenhaften Glühwürmern stiegen die von rötlichem Schein beleuchteten Gestalten die Schlangenwindungen der Pfade hinab, bis sie endlich im nachtschwarzen Busch untertauchten. Der Vorgang entbehrte nicht eines geheimnisvollen Reizes, welcher die Phantasie mächtig anregte und mich in seinem Banne hielt, bis auch der letzte Mann meinen Blicken entschwunden war.
+Mabungka -- Pendólo+ (Posso-See), den 31. Oktober.
Der erste Schimmer des kommenden Tages, der sich über die Silhouette des Gebirgskammes herüberstahl, fand mich schon mit den Vorbereitungen zum Abmarsch beschäftigt. Bald stellten sich auch die von allen Seiten kommenden Träger im Dorfe ein, 32 an der Zahl. Die mit mir gekommenen Leboni-Leute rüsteten dagegen zur Heimkehr. Viele unter ihnen kamen noch zu mir, um mir zum Abschiede treuherzig die Hand zu bieten.
Das Waldbiwak, das ich heut zu beziehen gedachte, hieß Sapelimba, das Endziel des folgenden Tages Marángka, worauf dann am 3. Tage Pendólo an der Südspitze des Posso-Sees erreicht werden sollte. So wenigstens lautete das Programm meiner Begleiter, durch welches mein ungestümes Vorwärtsdringen und sprachliche Mißverständnisse einen dicken Strich machen sollten.
Von den Dorfbewohnern noch eine Strecke weit begleitet, verließen wir ein weniges vor der 6. Morgenstunde das freundliche Mabungka, um uns durch einen taunassen, schlüpfrigen Hohlweg den nahen Bergen zuzuwenden. Das Erklimmen der lehmigen Abhänge war recht beschwerlich. Ich beobachtete dabei, wie sich die Tolampu-Träger das Steigen dadurch zu erleichtern suchten, daß sie nicht mit der ganzen Fußfläche, sondern nur mit den Zehenballen auftraten, und versuchte das Gleiche mit gutem Erfolge.
Die Kleidung der Leute bestand aus dem zwischen den Beinen durchgezogenen Tjdako und der Sitzschürze (ápe). Neben gemustert geflochtenen oder mit Harz bemalten »ápe« waren dieselben vorwiegend aus Anoa-, Hirsch- oder Büffelfellen hergestellt. Gegen allen sonstigen Gebrauch verwandten sie die Sitzfelle mit der Haarseite nach innen, so daß mir ein Erwerb derselben wenig begehrenswert erschien. Jeder der Männer trug außerdem ein zu einem Strange gewundenes, quer um den Leib geschlungenes Tuch, in dem einige Habseligkeiten untergebracht, und in dessen eingeflochtene Knoten Amulette (ádjima) gegen Reisegefahr mitgeführt wurden. Einige hatten sich noch geflochtene Sirihtaschen umgehängt. Auf dem Kopfe trugen die Leute teils Rotanggeflechte, teils Haupttücher.
Viele der aus der Umgebung Mabungkas gekommenen Träger waren mit Hautkrankheiten behaftet, und fast alle zeigten einen auffallend niederen Gesichtstyp, der sich merklich von dem der Häuptlinge unterschied, so daß man hiernach vielleicht 2 Kasten annehmen könnte.
Wir waren noch keine halbe Stunde unterwegs, als uns ein festlich gekleideter kräftiger junger Mann begegnete. Der Jüngling kam von einem stundenweit entfernten Dorfe, um in Mabungka einen Besuch zu machen. Während er dies meinem Führer erzählte, keuchte hinter uns mein Apparatträger heran, ein ältlicher, schwach gebauter Mann, der bisher nur mühsam zu folgen vermocht hatte. Mein Führer legte es dem Ankömmling nahe, den Erschöpften abzulösen, und mein von Kultur völlig unbeleckter Tolampu streifte ohne langes Besinnen seine Galajacke ab und übernahm die Last mit schlichter Würde. Damit verzichtete er, nahe seinem Ziele, auf Feiertagsstunden, um eine harte Arbeit auf sich zu nehmen, die ihn gegen eine Woche lang von seinen Angehörigen und seinem gewohnten Pflichtenkreise fernhielt. --
Auf dieselbe weiche und sanfte Gemütsart, die man bei Kopfjägern kaum vermuten sollte, deutet auch die folgende Begebenheit. Kurz nach dem soeben geschilderten Intermezzo hatten wir den Bergsattel erreicht und überschritten hier eine größere Waldrodung, wobei mein Führer den Pfad verlor. In dieser Verlegenheit begegneten wir einem schon bejahrten Tolampu, welcher soeben aus dem an 1600 m unter uns liegenden Tale des Salu-Manio heraufgestiegen kam und nun schwer atmend vor uns stehen blieb. Von unserem Mißgeschick unterrichtet, bedurfte es auch diesmal nur einer kurzen Verständigung, und der nach stundenlangem Ansteigen glücklich auf der Höhe angelangte Mann machte ohne Zögern kehrt, um uns die verschlungenen Steige wiederum ins Tal hinab zu geleiten. Der Gedanke an ein Entgelt für seine aufopferungsvolle Bemühung war ihm dabei gar nicht in den Sinn gekommen, und sehr erfreut zwar, aber ganz verlegen nahm er das ihm gereichte Geldgeschenk dafür in Empfang.
Von kameradschaftlichem Empfinden zeugt auch die seitens meines Führers während unseres Vormarsches beobachtete Fürsorge für die zurückgebliebenen Gefährten. An jedem der vielen Kreuzwege, wie sie zu den entlegenen Ladang-Hütten führten, brach er beim Vorübergehen einen frischen Zweig, um ihn quer über den unrichtigen Weg zu legen und die Nachkommenden also vor Irrgängen zu bewahren. Auf dieselbe Weise fand ich noch öfter, tief im Gebirge, Pfade markiert, die von Jägern oder Dammarsuchern stammten.
Der Abstieg in die Salu-Manio-Schlucht erforderte große Vorsicht. Auf lockerem Erdreich oder weichem, abbröckelndem Gestein kletterten wir an jähen Abstürzen vorüber in die Klamm hinab. Durch eine mehrere hundert Meter tiefe Spalte im Gebirgshange von uns getrennt, lag zu unserer Linken das aus wenigen Häusern bestehende Dörfchen Dodóha. -- Gleich zu Anfang des Abstiegs waren wir auf einige Feldhütten gestoßen, dürftige, finstere Behausungen, die neben armseligen Gemüsefeldern gelegen waren. Was für Mühe mußte es kosten, dem steinigen Boden hier das bißchen Ernte für den eigenen Lebensbedarf abzuringen! Die Bewohner der Hütten sahen abgearbeitet und schwarz gebrannt aus und waren sämtlich mit voluminösen Kröpfen behaftet. Mit Hühnern und Hunden zusammen lebten sie in ihren Löchern, in deren einem ich auch eine Hauskatze vorfand. Rotangschilde in der am Matanna-See üblichen langen schmalen Form und einfache Lanzen nebst den nie fehlenden Buschmessern bildeten ihr ganzes Besitztum.
Zum Flusse hinabgestiegen, sah ich mich einer völlig veränderten, grandiosen Scenerie gegenüber. Über den dürren, sonnverbrannten Steinhalden, die wir herabgekommen waren, baute sich jenseits des Gewässers eine geradezu wunderbare Waldlandschaft auf, voll urwüchsiger Pracht. Man denke sich den Gebirgseinschnitt ungefähr in der Form eines V; beiderseits stiegen die Lehnen wuchtig und steil in einem Winkel von ca. 70° auf. Nacktes Urgestein bildete die etwa 1600 m hohe Wand auf der Mabungka-Seite. Tropische Üppigkeit dagegen prangte auf den uns gegenüberliegenden über 2000 m hohen Abhängen des Takalekadjo-Gebirges. Zwischen beiden rauschte der schäumende Salu-Manio in seinem granitenen Bette. In dieser großartigen Umgebung glich das zarte Netzgespinst einer Rotang-Hängebrücke, das in seltsamer Konstruktion das tosende Gewässer überspannte, einer Fata Morgana. Der Ausdruck »zart« trifft nur das Aussehen; denn in Wahrheit bestand dieses Meisterwerk malayischer Brückenbaukunst aus zähen Rotangtauen von fast unbegrenzter Haltbarkeit. -- Alles in allem möchte ich die Salu-Manio-Schlucht als eine der landschaftlich hervorragendsten Gegenden bezeichnen, die ich auf meinen Reisen in Celebes zu sehen bekam.
Schon während des Abstieges von der Mabungka-Seite aus hatte ich die gewaltigen Erhebungen des Takalekadjo-Gebirges mit gemischten Empfindungen betrachtet, dabei die leise Hoffnung hegend, daß uns Umgehungspfade an seiner Basis die Mühe der Ersteigung ersparen würden. Es blieb bei dem frommen Wunsche. -- Die stark schaukelnde Brücke mußten wir einzeln, nacheinander passieren. Da ich den Anfang gemacht hatte und nicht das Herüberkommen aller abwarten wollte, schickte ich mich mit wenigen Begleitern an, den Gebirgskoloß zu erklettern.
Wir begannen um 8 Uhr mit dem Anstieg. Die monatelange Trockenheit hatte den Waldboden derart ausgedörrt, daß er glatt wie eine Scheunentenne war. In geringer Höhe fanden wir bei einer einsamen, verlassenen Hütte einen Djambi-Djambi-Baum, dessen rosarote, angenehm säuerliche Früchte uns erfrischende Labe boten. Vorsorglich wurden alle Taschen damit gefüllt. Nach 2stündiger ermüdender Kletterei durch dichten Hochwald drangen wir in die Märchenwelt eines labyrinthischen Mooswaldes ein. Die feuchtkühle Nebelatmosphäre dieser wundersamen Bergregion hielt uns nun lange Zeit in ihrem Bereich. Kirchenruhe herrschte in diesen Pflanzengewölben, durch welche sich der Pfad tunnelartig hindurchwand. Die Eingeborenen verlegen hierher die urewigen Wohnsitze ihrer Geisterwelt und durchziehen dieses Gebiet nur ungern und eilenden Fußes. Unser Steig führte uns über eine der höchsten Erhebungen des Gebirges hinweg auf einen baumfreien Grat mit Farngestrüpp, dessen drahtzähe Fiedern kein Durchkommen zuließen. Der Pfad mußte erst mit den Buschmessern frei gemacht werden. Ich ließ hier einen kleinen Platz vom Unterwuchs säubern, auf welchem wir uns zu kurzer Ruhe lagerten, in der Pracht des vor uns liegenden majestätischen Hochgebirgspanoramas schwelgend. Wer kannte sie, vermochte diese unzähligen gewaltigen Bergeshäupter in weiter Runde zu benennen? Keines Weißen Fuß noch hatte sie betreten; in ungeheurer Einsamkeit thronen die jungfräulichen Gipfel, und als während unseres Verweilens auf dem Grate einmal der tiefe Ruf eines Nashornvogels die unendliche Ruhe unterbrach, durchzitterte er wie ein Seufzer der Erlösung die weite Einöde.
Da meine ermüdeten Gefährten sich von diesem schönen Fleck Erde nicht so rasch zu trennen vermochten, setzte ich, nur von dem Tolampu-Führer begleitet und in der Annahme, daß sie bald nachkommen würden, den Marsch allein fort; auch glaubte ich das Tagesziel Sapelímba nicht mehr fern, zumal der Pfad bereits wieder abwärts zu führen begann. Bald tauchten wir abermals im Dunkel des Mooswaldes unter und kamen, diesmal in umgekehrter Reihenfolge, in hohen Tropenwald, aus dem wir zum Salu-Kanúpo niederstiegen. Hier muß ich einschalten, daß ich mich mit meinem nur Barée sprechenden Führer absolut nicht zu verständigen vermochte, und daß die folgenden Geschehnisse aus diesem mißlichen Umstande entsprangen.