Unter Kopfjägern in Central-Celebes
Part 28
Auf einer unbedeutenden Waldblöße nahe dem Flusse hatte nämlich vorhin mein Führer Anstalten gemacht, sich zu einer abermaligen Siesta niederzulassen. Erst hatte ich angenommen, daß nach dem eiligen Marsche nur eine kleine Erholungspause beabsichtigt sei, die hauptsächlich die Erneuerung seines Priemchens bezweckte. Als derselbe jedoch gar keine Anstalten mehr zum Weitergehen machte, wurde ich ungeduldig, und bei der Unmöglichkeit einer mündlichen Verständigung packte ich ihn kurzerhand beim Kragen und bedeutete ihm, sich auf den Weg zu machen. Resigniert packte er sein Sirihtäschchen wieder zusammen, und wir durchschritten den Fluß ohne Aufenthalt, um am anderen Ufer sofort mit einem neuen Anstieg zu beginnen. Wenig später umfing uns wieder die Totenstille des moosigen Waldes. Jedes Stämmchen, jeder Ast war mit dicken Polstern umkleidet, starke Bäume vortäuschend, wo in Wirklichkeit nur dünne Stecken die Träger waren. Moosgrund dämpfte den Schritt bis zur Unhörbarkeit; Moosdecken zogen sich über Löcher und Spalten hin, in die der Fuß versank. In unendlichen Krümmungen wand sich der mir nicht erkennbare Pfad durch diese merkwürdige Region seltsamer Gewächse, deren niederer Wuchs nur ein Durchschlüpfen in stark gebückter Haltung erlaubte. Ich mußte meinem Führer dicht auf den Fersen bleiben, um die Richtung nicht zu verlieren; genügten doch schon wenige Schritte Vorsprunges, ihn in dieser Wildnis für mich unsichtbar zu machen. Wir schritten so scharf aus, als das Terrain es irgend gestattete. Von der Höhe eines Passes ging es längere Zeit den Rücken des Gebirges entlang. Gegen 3 Uhr kamen wir an einer Lichtung vorüber, auf welcher einige in sich zusammengestürzte Laubhütten standen, denen ich keine besondere Beachtung schenkte. Wohl glaubte ich einer langen Rede meines Führers zu entnehmen, daß er hier bleiben wollte, um das Nachkommen unserer weit zurückgebliebenen Gefährten abzuwarten. Dazu hatte ich aber ganz und gar keine Lust, zumal ich seit dem frühen Morgen außer einer Handvoll Djambi-Früchte nichts mehr genossen hatte und allmählich mörderischen Hunger verspürte. Immer noch in der irrigen Annahme befangen, daß der richtige Lagerplatz nach dem langen und scharfen Marsche unmöglich mehr fern sein könnte, wollte ich keine Minute Zeit versäumen und drängte weiter. Daß das vor uns liegende unscheinbare Plätzchen bereits Marángka, das erst für den zweiten Tag angesetzte Marschziel, sein könnte, wie die früher passierte winzige offene Waldstelle am Salu Kanúpo der erste versäumte Biwakort war, kam mir schon deshalb nicht in den Sinn, weil es auf dem Kamme weit und breit kein Wasser gab. -- Auf diese Weise geschah es, daß ich ahnungslos auch das zweite Marschziel verpaßte.
Das lange vergebliche Warten und die großen Anstrengungen versetzten mich in gereizte Stimmung, und jetzt schien es meinem Führer, allerdings aus anderen und, wie ich gern zugeben will, berechtigteren Gründen gerade ebenso zu gehen. Eine Art Berserkerwut überkam ihn, die sich in der Form äußerte, daß er nun ein Marschtempo einschlug, das man bei bestem Willen kein Gehen mehr nennen konnte, sondern das ein rücksichtsloses Rennen und waghalsiges Voranstürmen war. Das Gebaren meines Tolampu entsprach im übrigen so sehr meinem eigenen Gemütszustande, daß ich nicht nur willig Folge leistete, sondern ihn sogar noch zu übertreffen suchte, so daß wir wie besessen die Abhänge hinabturnten.
Der Pfad führte von Marángka ab langsam, aber stetig abwärts. So oft eine lichtere Stelle auftauchte, flammte die Hoffnung auf, der Rastplatz sei erreicht. Aber immer wieder kam die Enttäuschung, und stets gab es nur flüchtige Ausblicke auf tiefergelegene Berge und Wälder. Solange dieser Abstieg nun schon währte -- das Gebirge schien kein Ende nehmen zu wollen. Hungrig wie die Wölfe, von Durst gepeinigt, mit schmerzenden Kniegelenken, zerkratzt und zerschlagen, kletternd, kriechend und rutschend, hasteten wir in immer gleichem Tempo weiter und weiter der Waldgrenze entgegen, welche doch endlich kommen mußte. -- Überzeugt, daß mein Führer irregegangen sei, begann mir die Sache schon bedenklich zu werden, als wir ziemlich überraschend aus düsterer Waldesnacht auf eine von Baumwuchs freie Fläche heraustraten. Noch verwehrte mir hohes Buschwerk eine genauere Orientierung. Durch eine schmale Gasse im Gestrüpp arbeiteten wir uns bis zu einer höher gelegenen Stelle hindurch, und -- was sehen meine Augen? war dies Wahrheit oder ein Trugbild? Aus der Ferne, noch tief unter uns, schimmerte der indigofarbene Spiegel eines riesig großen Wasserbeckens herüber! Sollte es möglich sein und der Posso-See, das ersehnte Ziel, vor mir liegen? Zögernd, ungläubig wandte ich mich fragenden Blickes an den keuchend neben mir haltenden Führer! Die schlichte Antwort »Posso!« entlockte mir einen lauten Jubelruf. Wie weggeblasen waren Müdigkeit und Verdrossenheit; ja sogar der Riesenhunger war vergessen angesichts der Tatsache, daß ich den auf drei Tage berechneten Marsch in einem Tage geschafft hatte.
Noch aber trennte uns eine ausgedehnte Kulturebene von dem am südlichen Seeende gelegenen Pendólo, und unverweilt machten wir uns daran, ins Tal hinabzugelangen. -- Ziemlich nahe der Talsohle kamen wir an einer Gruppe reichtragender Kokospalmen vorüber, die uns köstlichen Genuß verhießen. Halb verschmachtet, konnten wir es uns nicht versagen, uns an einigen Nüssen zu delektieren. Zwar waren die Bäume durch besondere Zeichen für »pomali« erklärt; aber wer vermag nach einem Gewaltmarsch, wie wir ihn hinter uns hatten, einer solch lockenden Versuchung zu widerstehen? Sogar mein Tolampu, der sich beim Ansichtigwerden der Verbotszeichen erst bedenklich hinter den Ohren gekratzt hatte, überwand rasch seine Gewissensregungen und erkletterte fix eine der Palmen, um unsern Bedarf zu decken.
Mit einiger Verwunderung hatte ich wahrgenommen, daß er sich im Abschlagen der Früchte gar nicht genug tun zu können schien, ließ ihn jedoch gewähren. Der weitere Verlauf der Dinge sollte mich gar bald über die ihn zu solcher Plünderung veranlassenden Gründe aufklären und mir aufs neue den gewinnendsten Charakterzug der Tolampu, ihren stark ausgeprägten Gemeinsinn und ihre Gutmütigkeit, offenbaren. Er hatte im wohlverstandenen Interesse unserer zurückgebliebenen Gefährten gehandelt, die bei ihrer späteren Ankunft an diesem Platze vermutlich ebenso begierig nach Nüssen sein würden als wir, hauptsächlich aber, um ihnen die Verantwortung für einen wiederholten Frevel zu ersparen. Er ging in seiner Fürsorglichkeit sogar so weit, nach der Stillung des eigenen Durstes die Nüsse zu schälen und sie so vorgerichtet und fein aufeinandergebaut seinen später eintreffenden Kameraden zu sofortigem Gebrauch bereitzustellen.
Notdürftig restauriert, aber mit steif gewordenen Beinen setzten wir den Weg fort. Regenschwangeres Gewölk trieb zwar zur Eile; aber kaum hatten wir die Talsohle erreicht, als auch bereits die ersten großen Tropfen fielen. Zu alledem waren wir mitten im Busche auf eine Stelle geraten, wo nach allen Seiten Fußwege auseinanderliefen, von denen wir den richtigen nicht herauszufinden vermochten. Wohin wir uns auch wandten, stießen wir auf umfriedete Felder. Bei immer stärker einsetzendem Regen wurde die Situation recht ungemütlich. Da hörten wir unvermutet Rufe menschlicher Stimmen. Aufs Geratewohl sandte ich den Tolampu aus, diesen nachzugehen und so rasch wie möglich einen wegekundigen Führer zu bringen. Mittlerweile harrte ich in strömendem Regen der weiteren Entwicklung der Dinge. Meine Beine hatten ihre Schuldigkeit vollauf getan, und ich mutete ihnen keinen unnötigen Schritt mehr zu. Zum Glück dauerte es nur wenige Minuten, so kam mein Mann wieder zurück, begleitet von einem jungen Menschen, um dessen Garderobe mir bei dem Hundewetter nicht bange zu sein brauchte, da sie nur aus einer um die Lende gebundenen Schnur bestand.
Der Sorge des Irrelaufens waren wir nun enthoben; aber der Himmel war und blieb uns ungnädig, vermutlich eine Strafe für den Kokosraub, und ergoß eine solche Sündflut über uns, daß man dabei keine 2 Schritt weit voraus zu sehen vermochte. Das hatte gerade noch gefehlt. Windelweich durchnäßt, beneidete ich grimmigen Humors meine Begleiter, die in ihrem paradiesischen Kostüm den Regen als eine wohltätige Abkühlung zu empfinden schienen, während mir die Kleider kalt um den Leib schlotterten und meine Schuhe bei jedem Schritt laut glucksten.
Das Hindernisrennen, das den würdigen Beschluß des heutigen Marsches bildete, werde ich so leicht nicht vergessen. Die am Fuße des Gebirges liegenden Kulturen der Eingeborenen waren durch starke Einzäunungen gegen Schaden durch Wildschweine gesichert und erforderten, da die Pfade mitten hindurch führten, ein unaufhörliches Herüber und Hinüber in neckischer Abwechslung. Noch schlimmer waren frische Rodungen mit ihrem vom Regen schlüpfrigen Astwerk zu passieren, da dies akrobatische Gewandtheit voraussetzte. Durch Buschland führten von Büffeln ausgetretene Pfade, deren Besonderheiten, fußdicke Löcher und Schlammpfannen, jetzt durch den Regen gefüllt, hübsch planiert aussahen und dem optimistisch Voranschreitenden im Grunde recht wenig scherzhafte Überraschungen bereiteten. Zwischendurch war noch ein mäandrisch gewundenes, jetzt hoch angeschwollenes Flüßchen x-mal zu durchwaten -- lauter Dinge, welche nicht geeignet waren, die Gemütsverfassung eines zum Umfallen Ermüdeten zu heben. Schließlich siegte aber über alle Widerwärtigkeiten doch immer wieder der Gedanke: der See liegt vor dir! und neue Energie durchströmte die Glieder. Auf die geschilderte Weise vergingen abermals 1½ Stunden; dann endlich kamen wir auf den großen Weg hinaus. Der Rest war Spielerei. -- Bei aussetzendem Regen und klarer werdender Luft sah ich gerade vor mir die Hütten des Dorfes Pendólo liegen und dicht dahinter die blinkende Seefläche.
Pendólo! der Name bedeutete für mich die Erwartung des Landes, wo Milch und Honig fließt. In Pendólo befand sich eine Niederlassung der Amsterdamer Sendlingsgenossenschaft, und kein Geringerer, als der um die ethnologische Erforschung von Central-Celebes so hoch verdiente Missionar A. Kruyt hatte hier seinen Wohnsitz. Seit meinem Aufbruch von Paloppo kam ich in Pendólo zum ersten Male wieder mit Europäern in Berührung, und daß es gerade Herr Kruyt sein sollte, hatte für mich eine um so tiefere Bedeutung, als ich über so manche mich bewegende wissenschaftliche Frage von ihm Aufschluß zu erhalten hoffte. Aber auch in jeder anderen Beziehung war mir die Ankunft in Pendólo ein freudiges Ereignis. Mit dem Erreichen des Sees sah ich das Gelingen meiner Insel-Durchquerung in größere Nähe gerückt, und der Ort selbst bot mir verheissungsvolle Möglichkeiten in Bezug auf lang entbehrte kulinarische Genüsse.
Mit meinen längsten Schritten eilte ich voran, und bald war die Dorfgrenze erreicht. Zu beiden Seiten der Straße lagen hinter eingezäunten sauber gehaltenen Vorgärten die Hütten der Eingeborenen. Kaum etwas daran erinnerte mehr an ein Wilden-Dorf. Die kolonisatorische Tätigkeit der Mission trat allenthalben auffällig in die Erscheinung. Als erzieherisches Resultat derselben berührte schon angenehm der höfliche malayische Gruß aller mir begegnenden Kinder. Tabeh tuan, erscholl es bald hier, bald dort. Das dem See zunächst gelegene, in meiner Richtung also letzte Haus Pendólos war die Missionsstation. In der Nähe derselben kam mir eine Dame entgegen: Frau Kruyt in eigener Person. Von ihren Fenstern aus hatte sie mich kommen sehen und war nun so liebenswürdig, mich an Stelle ihres leider gerade durch Inspektionsreisen ferngehaltenen Gatten zu begrüßen und einzuladen, ihr Gast zu sein. Wieder einmal war mir Gelegenheit geboten, die unübertreffliche holländische Gastfreundschaft am eigenen Leibe zu erproben.
Wahrscheinlich verdankte ich es nur der wahrhaft mütterlichen Aufnahme, die mir Frau Kruyt zuteil werden ließ, vor einer Reaktion auf die heutige Überanstrengung verschont geblieben zu sein. Ich hatte ja nichts bei mir, als was ich auf dem Körper trug, und mein gesamtes Gepäck war, Gott weiß wo, bei meinen Leuten zurückgeblieben. Erbarmungswürdig durchnäßt, zähneklappernd in der vom See herüber wehenden Kühle, war ich nahe daran, einem Schwächegefühl zu erliegen; aber ein heißes Bad und ein dampfendes Glas Eiergrog -- der herrlichste, den ich je in meinem Leben getrunken habe -- halfen mir rasch über die Abspannung hinweg.
Vom Kopf bis zum Fuß warm in trockene Kleider gehüllt, saß ich bald in den traulichen Räumen der Hausfrau gegenüber, der ich über die Erlebnisse auf dem 14stündigen Marsche berichten mußte. Mit tiefem Genusse kostete ich die schon halb vergessene Behaglichkeit eines wohlgeordneten Hauswesens, und mit regem Interesse hörte ich Frau Kruyt von dem aufopferungsvollen Leben erzählen, dessen Pflichtenfülle die Tage des einsam unter einem der wildesten Stämme von Inner-Celebes lebenden und wirkenden Ehepaares völlig ausfüllte und weder Langeweile noch das Gefühl der Vereinsamung aufkommen ließ.
Das Wetter war wieder umgeschlagen, und böige Winde jagten Regenschauer über das Land. Mit Bedauern gedachten wir meiner zurückgebliebenen Leute, mit Sorge meines den Wetterunbilden preisgegebenen Gepäckes. Da, es war bereits 10 Uhr geworden, und ich wollte eben gute Nacht wünschen, ertönten vor dem Hause laute Stimmen. Ahnungsvoll erhoben wir uns, und was wir nicht mehr zu hoffen gewagt hatten, war zur Wirklichkeit geworden: in der stockfinsteren kalten Nacht, im strömenden Regen standen mein Junge mit dem Apparatträger und 7 Mann Soldaten vor der Tür. Gleich mir hatten die nun Angelangten am Fuße des Gebirges eine Hütte aufgesucht und sich unter der Führung eines Insassen derselben bei vollkommener Dunkelheit und dem fürchterlichen Wetter bis Pendólo durchgearbeitet. Der Rest der Leute war im Gebirge zurückgeblieben und übernachtete im Walde.
In größter Güte nahm sich Frau Kruyt auch der Spätlinge an und versah die Hungrigen mit allem Nötigen, worauf sie nach dem in der unmittelbaren Nähe der Missionsstation gelegenen Obdach geleitet wurden.
In dem mir zur Verfügung gestellten Gastzimmer der Mission fühlte ich mich beim Klatschen des Regens und dem Rauschen der Seewogen wohl geborgen und schlief bis in den hellen Tag.
+Pendólo am Posso-See+, den 1. u. 2. November.
Die zwei in Pendólo verlebten Ruhetage mit ihrer Fülle neuer Eindrücke werden mir stets in lieber Erinnerung bleiben. Das Gros meiner zurückgebliebenen Soldaten und Träger traf gegen Mittag des Tages nach meiner Ankunft auf der Station ein. Da sie uns an keinem der Rastplätze lagernd gefunden hatten, waren auch sie durchmarschiert, bis einige der Träger, wie mir der Sergeant erzählte, vor Übermüdung einfach umgefallen und sofort eingeschlafen seien. Da hätten sie denn an Ort und Stelle übernachtet, und ganz früh sei dann weiter marschiert worden. Die Leute sahen auch sehr mitgenommen aus. So schwere Lasten über eine solche Entfernung und auf so fürchterlichen Wegen fortzuschleppen, ist an und für sich eine Tat, die der Leistungsfähigkeit der Eingeborenen ein glänzendes Zeugnis ausstellt. Ein reichliches Backschisch war denn auch ihr Lohn. Ich photographierte sie noch alle zusammen und kaufte ihnen eine Anzahl ethnographischer Kleinigkeiten ab, ehe sie die Rückkehr nach ihrem weit entlegenen Heimatsdorfe antraten.
Als Geschenk für meine militärische Begleitmannschaft erwarb ich vom Pendólo-Häuptling einen großen Büffel für 25 Gulden. Der Sergeant und die Korporale erhielten noch besondere Andenken an die gemeinsam zurückgelegte beschwerliche Reise. -- Die nun erreichte Südspitze des Posso-Sees bildete die politische Grenze zwischen Nord- und Süd-Celebes und gehörte bereits zur Residentschaft Menado. Das Militär konnte mich also nicht weiter begleiten und kehrte von hier aus auf einem etwas näheren Paß über Wótu nach Paloppo zurück.
Mein erster Ausgang in Pendólo galt dem Posso-See, von dem eine würzige Brise herüberwehte. Trotz seiner mächtigen Ausdehnung von annähernd 35 km Länge bei 13 km Breite, die nur noch vom Towuti-See in Südost-Celebes übertroffen werden dürfte, hinterließ mir der See nicht den nachhaltigen tiefen Eindruck, den ich erwartet hatte. Flach und landschaftlich unbedeutend verlief bei Pendólo sein Südende. Buchtenreiche, meist entwaldete Mittelgebirge säumten das Ostufer, und nur die Waldgebirge der Westseite fielen, zwei weit hinaustretende Vorgebirge bildend, ziemlich steil zum See ab. Das Posso-Becken wird von einer Unmenge von Bächen und größeren Rinnsalen gespeist, die von den Nordabhängen des Takalekadjo herabfließen. An dem spitz auslaufenden Nordende entströmt dem See der Posso-Fluß, der sein Wasser dem Golf von Tomini zuführt.
Der See ist seiner tückischen Winde halber gefürchtet, und die Eingeborenen wagen es nicht, sich größerer Segel zu bedienen, wie sie beispielsweise auf dem Matanna-See benutzt werden. Als Segel dient hier am Posso ein ungefähr 1 qm großes, zwischen 2 Bambusstangen straff gespanntes Tuch. Eine alte Tolampu-Legende erzählt, daß die Wassergeister des Sees die Benutzung wirklicher Segel nicht zulassen und Zuwiderhandelnde unfehlbar durch Ertränken bestrafen. Zu diesem Zwecke käme am Ostufer des Sees ein gewaltiger Stein aus der Tiefe an die Oberfläche gestiegen, um ein segelndes Boot zu zermalmen; am Westufer des Sees entstände ein mächtiger Wirbel, es in den Abgrund zu ziehen, und in der Mitte des Sees kämen die Winde von allen Seiten zusammen, um die Frevler zu verderben. --
Die Bevölkerung des Posso-Gebietes war von jeher sehr kriegerisch, und Kopf- und Sklavenjagden waren an der Tagesordnung. Seit aber die Regierung und die Missionen hier Boden gewonnen haben, hat sich bereits ein gewaltiger Umschwung vollzogen, und mildere Sitten haben Eingang gefunden. Es ist ein mittelgroßer, kräftiger Menschenschlag, der hier lebt, von derbem, starkknochigem Gliederbau. Schamgurt und Mützen aus Affenfell bzw. Rotanggeflechten oder Haupttücher aus Fuja bilden nebst den allgemein getragenen Sitzschürzen zumeist die gesamte Kleidung. Die Mädchen und Frauen tragen neben importierten Kattunzeugen großenteils noch die ursprüngliche Baumbastgewandung. Am beliebtesten sind bei ihnen braune und schwarze Fujaröcke und -jacken. Erstere sind mit einer Art Tunika ausgestattet. Der Schnitt der Jacken ist etwas gefälliger als bei den Stämmen tiefer im Innern des Landes. Die originellen Duftbündel, Faux culs, wie wir sie in Leboni kennengelernt haben, fehlen auch hier nicht. Auf den Köpfen trägt die weibliche Jugend hübsch kleidende Bastreifen, wie sie ähnlich im ganzen centralen Celebes zu finden sind. Das fürchterlich entstellende Ausschlagen der Vorderzähne ist auch am Posso noch allgemein üblich. Die Gesichtsbemalung beschränkt sich auf diskret angedeutete Strich- und Punktmuster in schwarzer Harzfarbe (nompi).
An Schmucksachen werden Brustgehänge und Armreifen aus Muschelmaterial bevorzugt; seltener trägt man Schmuckgeräte aus Messing. Um den Hals gehängte Bronze-Amulette gehören zu den geschätztesten Kostbarkeiten. Das Posso-Gebiet ist ferner die eigentliche Heimat der wundervollen Schwerter mit den Krokodilrachen-Griffen, deren mitunter prachtvolle Schnitzarbeit unter dem üblichen Stanniolbelag leider nur wenig zur Geltung kommt. Ebenso gehören hierher die schönen, mit Muscheln und Haarbüschen verzierten Langschilde (kánta). -- Die bei diesen alten Kriegerstämmen früher getragenen höchst interessanten Kriegshüte und Panzerjacken sind heut als große Seltenheiten nur noch vereinzelt aufzutreiben. Leichter erhältlich sind schön geschaftete Lanzen sowie Buschmesser aller Formen. Als Spezialität der Posso-Distrikte sind außerdem die hier geflochtenen bunten Korbwaren anzuführen, von denen die »binka« genannten Tellerkörbchen in unzähligen Variationen besonders hübsch sind. In Pendólo lernte ich ein aus Bambus gefertigtes Musikinstrument (rerre) kennen, auf dem die Eingeborenen ein eintönig brummendes Geräusch hervorbringen. Das junge Mädchen auf Fig. 226 hält ein solches Instrument in Händen. Diese »rerre« sind ein bei alt und jung beliebtes Spielzeug, das sogar auf größeren Märschen mitgeführt wird. -- Weit verbreitet sind Bambusflöten. Die besonders schön mit Brandmalerei verzierten, »tujali« genannten Stücke sind ursprünglich von minnahassischen Missionszöglingen an den Posso gebracht worden, werden aber gegenwärtig schon mit großem Geschick von den Eingeborenen nachgemacht.
Das ansehnliche Dorf Pendólo hat bereits seine Ursprünglichkeit eingebüßt. Die beiden mächtigen Kulturfaktoren, Gouvernement und Mission, arbeiten Hand in Hand an der Modernisierung der alten Eingeborenendörfer, und so entstanden zwar saubere und reinliche Ansiedelungscentren mit gutgehaltenen Wegen und gepflegten Vorgärtchen, aber die Eigenart der Bewohner vom Posso-See bis zum Meere entschwindet mehr und mehr.
+Pendólo -- Peoura+, den 3. November.
Die für den Aufenthalt in Pendólo bemessene Zeit war mir wie im Fluge vergangen, und mit wärmstem Danke für die mir gewährte Gastfreundschaft sowie die nicht minder wertvolle Unterstützung im Verkehr mit der Bevölkerung verabschiedete ich mich zu früher Morgenstunde von Frau Missionar Kruyt, um meine Reise über den Posso-See fortzusetzen.
Die Berge lagen noch hinter dichten Nebelwänden verborgen, als wir im kühlen Morgenwinde fröstelnd am Seeufer standen. Daselbst lagen 3 mittelgroße, ungedeckte Prauen bereit, die mit je 3 bzw. 4 Ruderern bemannt waren. Zwei der Boote waren für den Transport des umfangreichen Gepäckes bestimmt; im dritten nahmen ich und mein Junge Platz. Mit dem Höhersteigen der Sonne flaute der Wind ab, und bei still liegendem Wasser stachen wir in den See hinaus. Die Leute ruderten taktmäßig. Auf zwei lange Schläge folgten zwei kurze, die dann regelmäßig von einem Anschlagen der Ruder an den Bootsrand begleitet waren. Die mit beiden Händen geführten Ruder waren kurz und hatten blattförmige Schaufeln, einige auch recht hübsch geschnitzte Griffe. -- Wir hielten uns in der Nähe des dicht bewaldeten Westufers.