Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 26

Chapter 263,234 wordsPublic domain

Es war mir unmöglich, einen Satz dieser in Rampi »gála« genannten Armreifen zu erwerben. Erstlich sind dieselben, wie ich bereits erwähnte, nicht mehr abzulegen, man müßte denn die wohl zusammenstoßenden, aber nicht zusammengeschweißten Endstücke mit Gewalt auseinanderbiegen; zweitens aber verlangt es der Adat, daß die Frauen ihre Ringe mit ins Grab bekommen. Es käme einer Entehrung gleich, sie ihnen abzunehmen. Auf mein Drängen wurden mir schließlich ein paar einzelne neue Reifen gebracht. Aus den mir hierüber gemachten verworrenen Angaben glaube ich entnehmen zu dürfen, daß die nur von Verheirateten getragenen »gála« nicht als Ganzes erworben werden, sondern daß mit dem Anlegen eines und zwar des engsten Ringes begonnen wird, dem nun in gewissen Zeitabschnitten weitere Reifen angefügt werden, bis schließlich der ganze Unterarm damit bedeckt ist. Sodann beginnt die Ausstattung des andern Armes in derselben Weise.

Die Häuser in Tedeboi waren fester, massiger gebaut als in Leboni. Keinem derselben fehlte die Veranda-Plattform. Schindelbedachung war die Regel, wobei der First seiner Länge nach mit dickem Arengfaserbelag gegen Regen gedichtet war. Die Balkenstützen der Häuser ruhten auf einem aus dicken Stämmen bestehenden Roste; dieser wiederum lag auf untergelegten Steinen. Die Giebelenden liefen in Hörnerschmuck aus, wie in Nondowa. Die Anordnung der Wohnräume bot nichts Neues. Die Hütten stehen dicht beieinander und sind daher den heftigen Winden und der Abkühlung in den kalten Nächten weniger ausgesetzt.

Das wichtigste Gebäude des Dorfes war die Dusunga. Gleich den andern Häusern stand sie auf einem niederen Rost aus dicken Balken. Der Eingang befand sich in der Mitte einer Längswand, und zwar innerhalb eines komplizierten Vorbaues, dessen horizontale Balkenenden in roh geschnitzte Büffelköpfe ausliefen, während 2 Strebepfeiler menschliche Figuren darstellten und zwar einen Mann und eine Frau mit stark herausgearbeiteten Genitalien. Neben diesem Eingange hingen an einer Schnur eine Anzahl Schweinekiefer. -- Aus dem Dache des Vorbaues über dem Eingange sprangen 2 in Form von Büffelköpfen geschnittene Schindeln vor. Im Vorbau selbst schwebte oberhalb der Tür unter dem Gebälk eine hölzerne Vogelfigur mit tief herabhängenden Zieranhängseln in den Krallen. Ein eingekerbter Stamm führte zur Dusunga hinan. Durch die Tür konnte man nur stark gebückt eintreten. Drinnen war es so finster, daß das Auge geraume Zeit bedurfte, um überhaupt etwas unterscheiden zu können. Es war ein verwahrloster, schmutziger Raum, der Boden mit Abfällen von wer weiß wie vielen Festmahlen bedeckt. Der Reis- oder Lebensbaum war an dem in der Mitte errichteten Hauptpfosten befestigt und reichte vom Boden bis zum Dache. An diesen Pfosten wurden, dem Reisbaum abgewandt, die auf Kopfjagden Gefangenen, sowie die zum Opfertode ausersehenen Sklaven gefesselt. Als Anlaß zu einem Menschenopfer galt in Rampi vor allem der Tod eines Häuptlings, dessen Seele im Jenseits einen Diener brauchte. Der Verstorbene wurde nicht begraben, bevor das erforderliche Totenopfer gebracht war und ein erbeuteter Schädel auf den Sarg gelegt werden konnte. Außerdem wurden grassierende Krankheiten, Mißwachs, Erdbeben oder dergl. als zwingende Gründe angesehen, den erzürnten Geistern Schädel als Opfergabe darzubringen, um sie zu versöhnen. Das Töten geschah in sehr grausamer Weise, durch schwach geführte Hiebe mit dem Klewang, wobei jeder der Männer sein Messer mit dem Blute des Gemarterten röten mußte, bis der Unglückliche schließlich durch einen Lanzenstich getötet wurde.

In einer dem Bretterbelage des Bodens eingefügten und diesen etwas überragenden dicken Planke vor dem Marterpfosten war eine hohlgeschnitzte, von zwei einander gegenüberstehenden Büffelköpfen flankierte Mulde angebracht, in welche bei solchen Ritualmorden oder nach siegreicher Kopfjagd der abgeschlagene Schädel gelegt wurde. Das Gehirn wurde unter die Männer verteilt und der Schädel später im Sparrenwerk des Daches als Opfergabe aufgehängt.

An Geräten sah ich in der Dusunga nur Trommeln der gewöhnlichen Art, aus einem fellbespannten Holzcylinder bestehend. Nicht eine davon hatte Schnitzarbeit aufzuweisen.

Meine Erwartung, in Tedeboi eine Kultur mit ausgeprägter Eigenart vorzufinden, erfüllte sich nicht. Wohl aber gelang es mir, eine ansehnliche Zahl von Objekten zu erlangen, die manches Neue boten. Hierzu gehörten Kalkdosen, deren Stöpsel zugleich Behälter für Nähnadeln bargen. Hübsch beschnitzte Holzdosen bewiesen mir, daß den Rampi-Leuten auch ein gewisser Sinn für Formenschönheit zuerkannt werden muß. Die interessantesten Stücke, die ich in Tedeboi zu Gesicht bekam, waren 2 schön ziselierte, breitklingige Lanzen, die vor der Tür eines dem Häuptling gehörenden Reisspeichers kreuzweise befestigt waren. Der Verkauf auch nur einer derselben wurde strikte verweigert. Es seien dies heilige Lanzen, hieß es, die nur bei großen Festlichkeiten benutzt würden. Mit Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß es die Lanzen waren, mit welchen bei Menschenopfern den Unglücklichen der Garaus gemacht wurde. Dies durfte einem Europäer gegenüber natürlich nicht zugegeben werden; denn das Gouvernement versteht höllisch wenig Spaß in solchen Dingen. Wenn trotzdem, auch in der Gegenwart noch hin und wieder Menschenopfer vorkommen, so kann dies nur in größter Heimlichkeit geschehen, widrigenfalls es leicht dem Häuptling selbst an den Kragen gehen könnte.

Im Verlaufe des in Tedeboi verlebten Nachmittags nahm ich auch eine Reihe von photographischen Aufnahmen vor, ohne dabei auf Widerstand zu stoßen. Nur zu Einzelbildern waren die Leute nicht zu gewinnen.

Gegen Abend wurde es stürmisch und begann zu regnen. Das unfreundliche, kalte Wetter hielt die Nacht über an. Um Mitternacht etwa veranstaltete man im Dorfe Marengo-Tänze. Der Spektakel der johlenden Männer dauerte bis in den frühen Morgen hinein, wobei für mich von Schlaf herzlich wenig die Rede sein konnte; auch peinigten mich Moskitos, die in unerhörter Anzahl und Bösartigkeit auftraten. Wie in Leboni und Dodolo standen die Marengo-Ressourcen auch im Rampi-Tale mit der Wiederkehr der Reisbau-Periode im Zusammenhange.

+Tedeboi -- Leboni+, den 28. Oktober.

Besseres, als ich durch meine gestrigen Bemühungen an ethnographischer Ausbeute erlangt hatte, war in Tedeboi nicht mehr zu erwarten. Da ich außerdem in diesem Hauptdorfe von Rampi alles irgendwie Bemerkenswerte besichtigt hatte, trug ich kein weiteres Verlangen mehr, auch noch die kleineren, weit zerstreuten Siedelungen des Tales aufzusuchen, und gedachte nun, wenn irgend möglich, die reichlich 10stündige Entfernung bis Leboni in einem Tage zurückzulegen.

Im Morgengrauen erhob ich mich. Ein schneidender Wind fegte über die Reissümpfe, und feuchte Nebel verhüllten die Berge. Zähneklappernd braute ich mir einen steifen, wärmenden Grog zurecht. Vom Dorfe herüber tönte noch immer das Gestampfe der Tanzenden, und ich mußte erst die bestellten Träger herbeirufen lassen. Kurz nach 6 Uhr waren alle zum Abmarsche bereit, und wir verließen Tedeboi auf demselben Wege, den wir gekommen waren.

Von dem Rampi vorgelagerten Bergzuge aus gedachte ich eine Panorama-Aufnahme der Ebene vorzunehmen, wurde aber durch Nebel daran gehindert. Mit Mühe und Not gelang es mir später, vom höchsten Sattel des Goronya-Gebirges aus eine einigermaßen brauchbare Aufnahme des Rampi-Gebirges auf die Platte zu bekommen. Die ungleich großartigere Aussicht nach den Kororu-Hochgipfeln zu blieb heut leider verschleiert.

Der Anstieg war von Rampi aus weniger mühsam als in umgekehrter Richtung. Auf dem Rückmarsch fielen mir ganze Felder weißblühender Alpenrosenbüsche auf, die von Bienen und Hummeln, den nahezu alleinigen Vertretern der Insektenwelt hier oben, umschwärmt wurden.

Nach 5stündigem Marsche wiederum im Mabu-Tal angelangt, unternahm ich daselbst noch einen Abstecher nach dem kleinen Dörfchen Bóne, das hinter einem Waldgürtel versteckt dicht am Flusse lag. Es war eine genaue Kopie Dodólos, und auch meine Sammlung wurde lediglich mit einer Neuauflage einer Variation von Fuja-Jacken bereichert. Wundervoll schmeckende Bananen entschädigten etwas für die geringe Ausbeute. -- Eine Stunde später war Dodólo erreicht, wo rasch die Träger gewechselt wurden. -- Bei Nondowa überraschte uns ein heftiger Gewitterregen. Das Unwetter zog aber schnell vorüber, und die Sonne trocknete unsere durchweichten Kleider. Gegen Abend erreichten wir Leboni und bezogen aufs neue unsere dortigen Quartiere, gerade zur rechten Zeit, um einer abermaligen Durchnässung zu entgehen. Das »Regenfest« schien seine Wirkung getan und ein Öffnen der himmlischen Schleusen herbeigezaubert zu haben.

Im Lager fand ich alles in guter Ordnung; nur mit den zum Weitermarsche nach dem Posso-See nötigen Trägern hatte es seine Not. Jetzt, da der Regen gekommen war und alle Eingeborenen mit den Feldarbeiten zu tun hatten, drückte sich jeder vor der ihm zugedachten Trägerrolle, und der Häuptling konnte nicht genügend Leute heranschaffen. Nun waren wir auch noch einen Tag früher, als er angenommen hatte, von Rampi zurückgekehrt, und als ich ihm sofort nach unserer Ankunft eröffnete, daß ich gleich am kommenden Tage meine Reise fortzusetzen wünschte, konnte er mir mit ganzen 7 Mann aufwarten. Damit war mir nicht gedient, und der »tuan tomakaka« mußte eine eindringliche Mahnrede über sich ergehen lassen, auf welche er zerknirscht versprach, noch vor einbrechender Nacht aus den nächsten Plantagen die fehlenden Träger rufen zu lassen.

+Leboni -- Kumápa+, den 29. Oktober.

Meine Soldaten mit ihrer Trägerkolonne harrten marschbereit des Befehls zum Aufbruch. Wo aber blieben die Leute zum Transport meines Gepäckes? Die nach allen Seiten entsandten Boten hatten wenig ausgerichtet, so daß immer noch 10 Träger fehlten. Um 7 Uhr ließ ich die zur Stelle befindlichen Kulis und die des Militärs voraus abmarschieren. Währenddessen machte sich der Häuptling nochmals persönlich auf den Weg, nach den fehlenden Leuten zu fahnden. Darüber vergingen 2 Stunden, die ich zu einem letzten Rundgange im Dorfe benutzte. Endlich kam der Tomakaka, ganz aufgelöst vor Hast und Aufregung, mit 9 Mann zurück. Ein 10. war nirgends aufzufinden gewesen, und in anzuerkennender Selbstverleugnung erklärte sich der gefürstete Dorfbeherrscher bereit, dieser 10. Mann so lange selbst sein zu wollen, bis es uns unterwegs gelingen würde, Ersatz aufzutreiben.

Unverzüglich übernahmen nun die Leute, der Häuptling voran, ihre Lasten, und wir verließen das mir erinnerungsreiche, interessante Leboni.

Mein bisheriger Reisemarschall, der jugendliche Masamba-Prinz Gamu mit seinen Begleitern, hatte sich bereits im Dorfe von uns verabschiedet. Er kehrte noch an demselben Tage in seine Heimat zurück, und ein Verwandter des Leboni-Häuptlings ersetzte seine Rolle als Führer und Dragoman.

Wir verließen die Bola durch dieselbe Pforte, durch welche wir hier eingezogen waren, und verfolgten denselben Weg etwa ½ Stunde weit zurück, um dann durch eine wüste Strecke sumpfiger Schilfländereien den nördlichen Hügeln zuzustreben. Dabei wurde der Leboni-Fluß 3mal gekreuzt. Es waren richtige Büffelpfade, denen wir nachgingen, und als die Vorberge endlich erreicht waren, atmete ich mit Wohlbehagen die reinere Luft. Über eine Reihe mit Gestrüpp bewachsener Hügelkuppen hinweg stiegen wir zur Felsenschlucht des Dupa- und Boni-Flusses hinab, deren Gewässer sich hier vereinten. Vor uns breitete sich eine düstere Berglandschaft aus, deren voreinandergelagerte Ketten zum Taraówa-Gebirgssystem gehörten. Hoch und steil erhoben sich diese unerforschten Gebirge, in deren Bereich der Urwald ungeschmälerte Rechte besitzt. Auf Steigen, die das Hackmesser vorausgesandter Leute im Buschwerk erst gangbar machen mußte, arbeiteten wir uns mühsam empor. Tiefes Dämmerlicht herrschte unter den dichten Kronen der Baumriesen. -- Auf einem Höhenrücken angelangt, war die Wegerichtung etwas leichter zu verfolgen, bis wir zu einem tiefen Gebirgseinschnitt gelangten, in dessen Tiefe der Salu-Gladu dahinrauschte. Am sonnigen Ufer desselben erwarteten uns die vorangegangenen Träger, die von ihrem Marsche durch die Leboni-Ebene aus entlegenen Hütten einige Ersatzleute mitgebracht hatten. Der Häuptling von Leboni kehrte hier mit den abgelösten Trägern, für seinen uns geleisteten Dienst reichlich beschenkt, in sein Dorf zurück.

Die Mittagsstunde war bereits vorüber, als wir uns zur Bewältigung des Hauptgebirgsstockes anschickten. Für die nun folgende, mehrere Stunden währende anstrengende Klettertour durch den wie ausgestorben daliegenden schweigsamen Urwald belohnte mich auf der Höhe eines Gebirgssattels der Ausblick über die lichte, freie Landschaft. Der frohstimmende Charakter der Scenerie war wohl hauptsächlich dem grellen Kontrast zwischen dem schweren Ernst der Hochwälder und diesem sonnig freundlichen Parkgelände zuzuschreiben. Herrlich strahlte die Sonne herab auf duftig zartgefiedertes Myrtengesträuch und dunkelblättrige Azaleenbüsche mit schlanken karmesinroten Blütenkelchen. Evonymusbüsche mit rosa leuchtenden Früchten zauberten die Illusion einer deutschen Heide vor. Eingestreut zwischen all die duftenden Kräuter ringsumher lugten Nepenthesblüten als seltsamste Pflanzenerscheinungen aus dem bemoosten Boden. -- Kaum ein halbes Stündchen dauerte diese Herrlichkeit; dann nahm die Landschaft tundraartiges Aussehen an. Moospolster in allen Nuancen von Weißgrün, Gelbweiß, Orange und Silberfarben bis zum dunklen Blau und Schwarzgrün breiteten sich, weiche Teppiche bildend, über das Gelände hin. Dazwischen blühten in prächtigem Ultramarin leuchtende, dem Enzian ähnliche Blumenglocken aus dem Moose hervor. Der Untergrund wurde feuchter, und der Boden begann unter dem Tritte zu weichen. Vorsichtig galt es die Moorpfannen zu umgehen; eine Unvorsichtigkeit auf diesem gefährlichen Terrain konnte verhängnisvoll werden. Beim Messen der Tiefe einer dieser mit einer trügerischen Kruste bedeckten Stellen fand ich bei 4 m noch keinen festen Grund. Mehrmals erwies es sich nötig, junge Bäume zu fällen, die, über unsichere Stellen geworfen, dem Fuße einigen Halt gewährten. Langsam neigte sich der Pfad talwärts, und das Terrain wurde wieder zuverlässiger. Auf die Moorstrecke folgte ein trockener Laubwald, durch welchen wir zu einer vorspringenden Kuppe mit herrlichem Rundblick auf die unabsehbare Berglandschaft gelangten. Den unzähligen Hirschfährten und Schweinespuren nach muß dieser Höhengürtel besonders wildreich sein.

Wir stiegen nun zur Einsenkung des Salu-Polanda nieder, dessen Wasser tief ockergelb gefärbt erschien. Das Gewässer wurde nach kurzer Rast durchwatet und ein jenseits desselben sich erhebender Gebirgsstock überschritten. Schon begann es Abend zu werden, als wir endlich in der Tiefe den Salu-Kumápa rauschen hörten, zu dessen Schlucht wir nun über Stock und Stein hinabkletterten. Auf einer etwas oberhalb des Flußbettes gelegenen Blöße schlugen wir nach 8stündigem Marsch unser Lager auf.

Der Platz war zu einem Biwak wie geschaffen. Eine haushohe Felsenmauer schloß ihn nach rückwärts, eine steil abfallende Böschung nach dem Flusse hin ab. Erstere bildete mehrere geräumige Nischen, unter deren überhängendem Gestein wir uns häuslich einrichteten. Beim Eintreffen der Träger prasselten bereits lustige Feuer, und bald sangen die kochenden Kessel dem hungrigen Magen ihr einschmeichelndes Lied. Dickichte von Himbeersträuchern lieferten uns zum Nachtisch große Mengen wohlschmeckender Früchte.

+Waldbiwak Kumápa -- Mabungka+, den 30. Oktober.

Der heutige Tag brachte uns zum Beginne unseres Marsches eine Fortsetzung der gestrigen halsbrecherischen Auf- und Abkletterei über weglose Bergländereien. Nach Durchwatung des kühlen Kumápa-Flusses drangen wir in feuchten Urwald ein, richtigen Dschungel, mit einem Gewirr von großblättrigen hohen Kräutern. Während des stundenlangen Durchdringens dieser weg- und steglosen Dickichte war mir nur eins rätselhaft, nämlich auf welche Merkmale mein Führer achtete, um die einzuhaltende Richtung nicht zu verlieren. -- Gegen 10 Uhr vormittags kamen wir zu einem breiten, seichten Gewässer, welches mir als Salu Duíla bezeichnet wurde. Von hier aus ging es nochmals quer über einen Gebirgsausläufer hinweg, bis wir um 11 Uhr auf eine langgestreckte Niederung hinaustraten, deren Mitte ein tiefschwarzer Moorsee einnahm. Die Gegend bildete die Grenze zwischen den Bergwäldern und der sich nun vor uns ausbreitenden unübersehbaren Schilfregion. Rohr und Binsen von 3-4 m Höhe, sowie die vielen darunter verborgenen Moraststellen und Schlammpfannen setzten unserem weiteren Vordringen böse Hindernisse entgegen. Schritt vor Schritt mußte mit dem Buschmesser die Bahn freigemacht werden. Anscheinend waren wir zuletzt doch etwas in die Irre gegangen. Glücklicherweise stießen wir beim Suchen nach gangbareren Strecken mitten im dichtesten Rohr auf zwei auf der Jagd befindliche Eingeborene. Es waren Tolampu-Männer von der Rato-Hochebene, Vater und Sohn, mit denen wir auf so zufällige Weise in Berührung kamen. Ihre Kleidung bestand nur in Schamlappen, ihre Bewaffnung in schweren Lanzen und Buschmessern. Als sie sich uns so unvermutet gegenübersahen, verwandelte sich ihre Gesichtsfarbe vor lähmendem Schrecken in Aschgrau, und in instinktiver Abwehrbewegung griffen sie zu ihren Lanzen. Mein Führer beruhigte sie schnell mit ein paar Worten, worauf sie uns in kurzer Zeit auf den richtigen Weg brachten. Ein netter Weg übrigens, was uns als solcher bezeichnet wurde! In der kompakten Masse der Rohrwände öffnete sich eine Art Tunnel, gerade hoch und breit genug, um einem Mann in stark gebückter Stellung das Hineinschlüpfen zu ermöglichen. Einige Soldaten krochen voran, um mit Hilfe der Säbel den engen Pfad gangbarer zu machen. Ich folgte ihnen auf dem Fuße. In der Röhre herrschte eine mephitische Luft, und auch die morastige Beschaffenheit des Bodens machte den Aufenthalt darin zu einem höchst zweifelhaften Vergnügen. »Djalan babi útan!« fluchten meine Soldaten, und der Doppelsinn des Wortes stimmte aufs Haar: ein »Schweineweg« war es nach Entstehung und Beschaffenheit. Eine kurze Viertelstunde nur nahm das Passieren dieses Tunnels in Anspruch; aber wie endlos lang scheinen 15 Minuten unter solchen Umständen! Endlich wurde es lichter, und wir krochen auf eine schön kupierte weite Grasebene hinaus. Es war ein überraschender Anblick, den wir nun genossen. Eins der unbekanntesten Gebiete von Central-Celebes, die Hochebene von Rato, erstreckte sich vor uns in großer Ausdehnung von Südost nach Nordwest. Das Taraówa-Gebirge war überschritten, und in schönen Silhouetten umrahmten seine Ausstrahlungen beiderseits die steppenartige Hochfläche. Hier und dort tauchten menschliche Ansiedelungen auf. Das Taraówa-Gebirge bildet die Scheidewand zwischen den die Rato-Ebene bewohnenden Tolampu und den zu den To-Bada gehörenden Leboniern. Erstere gehören bereits zur Influenzsphäre des Posso-Gebietes, als dessen äußersten Vorposten man die Hochebene von Rato betrachten kann.

Eine verhältnismäßig gemächliche und schöne Wanderung über sanft ansteigendes Hügelgelände ließ mich die Unbill der letzten Wegpartie rasch vergessen. Wir waren dicht bei den bewaldeten westlichen Bergausläufern auf die Steppe herausgekommen. Unterhalb des Waldes waren die Abhänge mit einem Rasen von kaum handhohem Grase bedeckt, und die tiefer gelegenen Teile gingen in Lalangflächen und Rohrsümpfe über. Man hat sich das Terrain am besten als eine ungeheure Längsmulde vorzustellen, in deren Mitte sumpfiger Boden vorherrscht, während die ansteigenden Seiten aus Grasland bestehen, das in bescheidenem Maße bereits der Kultur dienstbar ist und Tabak-, Mais- und Gemüsefelder trägt.

Gegen 1 Uhr mittags erreichten wir das erste Dorf, nach der ganzen Hochebene »Rato« genannt. Es war eine wenig imponierende Niederlassung, mit kaum einem Dutzend schindelgedeckter Pfahlhütten. Unter diesen zeichnete sich nur der Lobo, wie das Geisterhaus in den nun betretenen Gebieten genannt wird, durch seine stattliche Größe und solide Bauart aus, die in auffallendem Kontraste zu seiner bescheidenen Umgebung stand. Aus irgendeinem Grunde waren bei unserer Ankunft fast alle Dorfbewohner abwesend, und die Hütten lagen wie ausgestorben. In einer einzigen derselben fand ich eine Familie zu Hause. Der Mann war nur mit dem Tjdako, die anwesenden Frauen waren mit schwarzen Fujaröcken und schauderhaft abgetragenen indigoblauen Jacken bekleidet, so daß sie mir wie in Lumpenbündel gehüllt erschienen. Die Gesichter der Frauen und Kinder waren mit vertikalen schwarzen Harzstreifen bedeckt. Ihre Vorderzähne waren ausgebrochen, und das vom ewigen Tabak- und Sirihgenuß angeschwollene Zahnfleisch fiel unangenehm auf.

Die Anordnung der Wohnräume wich von der bisher angetroffenen ab. In Rato diente eine ganze Längshälfte der Hütten den Familien zum gemeinsamen Aufenthalt während des Tages, während die andere in Kammern geteilt war und die Schlafstätten enthielt. Breite Fensterluken ließen reichlich Licht einströmen -- ein großer Vorzug gegenüber den lichtlosen und ungelüfteten Massenquartieren der Lebonier.

Zu erwerben gab es hier für mich nur wenig. Einiges Hausgerät und eine interessante Kinderwiege waren die ganze Bereicherung meiner Sammlung. Dafür gab es um so mehr zu beobachten. So fiel mir die originelle Art der Fesselung gefangengehaltener, reizender Zwergpapageien auf. Ein Bein des Vögelchens hatte man durch die enge Öffnung eines Holzringes gezwängt, der frei an einem auf die Sitzstange gehängten größeren Holzring befestigt war. Das Ende der Stange war in praktischer Weise zu einem Futternäpfchen umgestaltet, das zugleich ein Hinübergleiten des größeren Ringes und damit ein Entkommen des Vogels unmöglich machte. -- Neu waren mir ferner die in Rato vorgefundenen, hoch rechteckigen Rückenkörbe aus einem Maschengeflecht von Lalanggras, die einem Holzsockel aufsaßen. Die Korbgeflechte waren mit Palmscheiden ausgelegt und mit einem weit vorstehenden Deckel aus dem gleichen Material versehen, so daß der Inhalt gegen Regengüsse vollkommen geschützt war. Derartige Transportkörbe sind für das ganze Posso-Gebiet typisch. -- Merkwürdig schienen mir auch die hier üblichen Maisstampftröge, deren Gestalt an einen Pferdesattel erinnert.

Ich komme nun zur Besprechung des Lobo von Rato. Die Mächtigkeit dieses Gebäudes ließ ohne weiteres den Schluß zu, daß es unmöglich von den wenigen Dorfbewohnern allein errichtet sein konnte. Vielmehr dürfte es der Hauptlobo der Hochebene sein, zu dessen Bau sämtliche Dörfer beigetragen haben mochten. Schon aus beträchtlicher Ferne sah man die schönen Giebelzierate, die windmühlenflügelartig die beiden oberen Sparrenenden schmückten. Sie bestanden aus je 3 durchbrochen geschnitzten Brettern. Diesen Schmuck vervollständigte ein unterhalb dieser Flügel horizontal vorstehender phantastischer Tierkopf, der noch am ehesten für einen Vogelkopf gehalten werden konnte.