Unter Kopfjägern in Central-Celebes
Part 13
Eine geringe Wegestrecke hinter dem Dörfchen Latúpa begann sekundärer Urwald. Die Kulturzone hatte ihr Ende erreicht. Der Fußpfad wurde schmaler und schlechter. An dieser Stelle zog sich quer über den Weg ein torähnliches Bambusgerüst, von dessen Querbalken eine Anzahl fein zerfaserter Palmenblätter mit einzelnen daran befestigten weißen und schwarzen Hühnerfedern tief herunterhing. Daneben am Wegrande war eine größere Anzahl Stäbe in die Erde gestoßen, in deren Enden mundgerecht fertiggemachte Sirihpriemchen steckten. Das Ganze stellte einen Wegezauber vor zur Verhütung einer Einschleppung von Krankheiten. Als Erreger derselben vermuten die Eingeborenen böse Geister (hantu). Um 10 Uhr waren wir am Fuße des quer vor uns liegenden Orásso-Gebirges angekommen, und es galt nun, den 1050 m hohen Gunung-Balúbu zu übersteigen. Durch wundervollen Urwald ging es auf steilen Geröllpfaden in die Höhe. In dem prachtvollen Baumbestande des Balúbu fielen mir vor allem die enorm hohen und kerzengerade in die Höhe strebenden Níbung-Palmen auf, deren Stämme zu den wertvollsten Bauhölzern gezählt werden. -- Unterwegs entdeckten die voranmarschierenden Soldaten auf einem sonnenbeschienenen Fleckchen eine träge ruhende Riesenschlange. Statt sie uns Europäern zu zeigen, machten sie einen derartigen Spektakel, daß es dem Python zu dumm wurde und er sich seitwärts in die Büsche schlug. Ich sah das mächtige, an 5 m lange Tier eben noch im Unterholze verschwinden. -- Diese Malayen benahmen sich wie Kinder. Jede Blume am Wege wurde geköpft, jedes Tier und jeder Vogel mit Hallo verjagt, vorüberschwebende Falter, wenn irgend möglich, zu Boden geschlagen. Sie machten mir auf diese Weise jede Naturbeobachtung unmöglich und mußten deshalb nun hinter uns marschieren.
Nahe vor der Paßhöhe kamen wir an einer Bergrutschstelle vorüber. Eine schätzungsweise 70 m breite Öffnung klaffte hier im Urwaldgürtel. Wie abrasiert war die Schutthalde, die sich in bedeutende Tiefe hinabzog und in ein wüstes Durcheinander entwurzelter Bäume, Sandmassen und Felsbrocken auslief. Über den nicht sehr breiten Rücken des Balúbu hinweg gelangten wir in steilen Serpentinen ins Tal des Salu Pengiu. Dieses bildet nur eine schmale tiefe Rinne, jenseits welcher das Gebirge wieder ebenso hoch ansteigt wie hüben, nur mit dem Unterschiede, daß die nun quer vor uns liegenden Gebirgszüge statt des Hochwaldes höchstens niederen Baumwuchs, Busch und rohrbestandene Flächen aufwiesen. Die Ursache dieser Waldarmut dürften Waldbrände gewesen sein. Bis hierher war unser Weg verhältnismäßig leicht zu begehen gewesen; nun wurde das anders, da die Eingeborenenpfade Umgehungen von Bergen verschmähen und stets eigensinnig geradeaus führen. Wir sollten diese Absonderlichkeit heut noch reichlich zu kosten bekommen. Dazu kam der erschwerende Umstand, daß auf die bisher durchwanderten Gebirgswälder nun schattenlose, sandige Hänge folgten, die wir in der größten Mittagshitze zu erklimmen hatten. Kein Faden blieb dabei trocken, und Herz und Lunge hatten schwere Belastungsproben auszuhalten. Unsere Marschkolonne löste sich wieder in eine lange Linie auf, und als wir an der Spitze des Zuges den ersten Höhenrücken erreicht hatten, sahen wir die letzten Nachzügler eben das Pengiu-Tal verlassen. Oben belohnte uns ein selten schöner Rundblick, der mich gern die Mühe des Anstieges mit in den Kauf nehmen ließ. Der Pfad folgt in seinem weiteren Verlaufe getreulich der Profilierung des Gebirges, und entzückende Ausblicke in die tief unten gelegenen Täler und auf das zerklüftete Orásso-Gebirge eröffneten sich. Während dieser Wanderung stießen wir ein einzigesmal auf eine bewohnte Stätte, eine altersmorsche, etwas abseits vom Pfade gelegene Berghütte. Eine sturmzerzauste einsame Kokospalme ragte als Wahrzeichen des Platzes hoch in die Lüfte. Wie ich hörte, wurden gerade um dieses Gebiet jahrzehntelange, erbitterte Kämpfe zwischen den Toradja-Stämmen ausgefochten, bis die holländische Regierung hier gründlich Remedur schaffte. -- Der von uns begangene Grat fiel an seinem Ende ungemein jäh nach dem Salulimbung-Tale ab. -- Um die 3. Nachmittagsstunde betraten Herr Hauptmann K. und ich die kleine Siedelung Limbung. Ein von der Regierung hier errichtetes kleines Unterkunftshäuschen gewährte uns Obdach, während das nachkommende Militär in einem anderen Quartier untergebracht wurde.
Wie in Südost-Celebes ist auch in den Toradja-Landen das Bestreben des Gouvernements darauf gerichtet, die im Gebirge zerstreut lebenden Familien zu Dorfschaften zu vereinen. Das am Knotenpunkte mehrerer ausstrahlender Gebirgstäler in 516 m Höhe gelegene Limbung ist so entstanden. Die Häuser der hier angesiedelten Toradja-Familien sind auf Veranlassung des Gouvernements nach hygienischen Grundsätzen erbaut, also nüchtern und ohne jede Originalität. Allmonatlich zweimal findet in Limbung ein Markt (pásar) statt. Wir hatten das Glück, gerade an einem solchen Markttage einzutreffen. Der Höhepunkt des geschäftlichen Treibens war zwar bereits überschritten; doch waren noch gegen 200 Menschen anwesend. Ungeachtet meiner Müdigkeit begab ich mich in das Gewühl der zur Heimkehr rüstenden Marktbesucher, die heut aus den entlegensten Ortschaften hier zusammengekommen waren. Auf dem freien Rasenplatze vor unserem Quartier hatten die Verkäufer ihre Waren vor sich ausgebreitet. Wer kein schattiges Plätzchen gefunden hatte, suchte sich durch Matten oder belaubte Zweige gegen die Sonne zu schützen. Überwiegend waren es Frauen und junge Mädchen, die Waren feilboten. Sie saßen in dichten Reihen und streng nach Warengruppen geordnet. Die Mehrzahl unter ihnen bildeten die Reisverkäuferinnen, hinter welchen eine zweite Reihe mit Gemüse und Früchten, Geflügel, Eiern usw. folgte. In einer Ecke des Platzes waren roh gearbeitete Tongeschirre aufgeschichtet, in einer anderen Sonnenhüte, Gewebe, Korbwaren, die viel gekauften geflochtenen kleinen Dosen für Tabak, Gambir usw. -- Der Reis wurde in gebündelten Ähren verkauft, der Mais in Kolben. Eine angeregte Stimmung herrschte unter der Menge, und munteres Gekicher erscholl aus den Reihen. Zwischen den einzelnen Gruppen trieb sich die junge und ältere Männlichkeit herum, und es schienen durchaus nicht nur geschäftliche Angelegenheiten erörtert zu werden.
Die Bekleidung der Männer bestand durchgehends aus der kurzen Bugihose, zu der heut als an einem Festtage noch einfache Kattunjacken kamen, über die sich das gelbe Schultertuch, Okan genannt, togaähnlich herumschlang. Keinem männlichen Wesen durfte das Kopfseil fehlen, das in allen Stärken getragen wurde. Es wird damit das lange Haupthaar festgehalten, und gleichzeitig ersetzt das »tali úlang« jede andere Kopfbedeckung. Wirkliche Hüte trugen nur die Weiber, und zwar weite, gerundete Bastgeflechte mit gefälligem Sternmuster. Junge Frauen und Mädchen waren in prall anliegende Kattunjäckchen gekleidet, die sich in ihrer Ausführung wenig von Männerjacken unterschieden. Vorgeschrittenere Jahrgänge trugen die Brüste unverhüllt, wie dies bei den Toradja-Frauen im Alltagsleben die Regel ist, im Gegensatze zu den unverheirateten Mädchen, welche den Oberkörper stets bedeckt tragen. Die Hüften der Schönen umhüllten Röcke aus ungefärbtem Stoffe, den sie selbst weben. Die niemals durch eine Wäsche gefährdete Widerstandsfähigkeit derselben wird bis ins unendliche ausgenutzt. Ich bekam altehrwürdige Exemplare zu sehen, zerfranst und durchlöchert wie eine alte Sturmfahne und von der undefinierbaren Farbe langjährigen Gebrauches. Dabei tragen gerade die ältesten Semester die kürzesten Röckchen, -- oft so kurz, daß sie kaum noch die Knie bedecken, während sich die jüngere Generation schamhaft bis zu den Knöcheln verhüllt. Die schon erwähnten Schultertücher bestehen aus zwei zusammengenähten, ungefähr je 2 m langen und ¾ m breiten Tüchern aus demselben Gewebe wie die Weiberröcke. Ihre Verwendung ist vielseitig. So werden sie von Männern wie Weibern als Schlafdecken benutzt. Tagsüber dienen sie erstlich als Überwurf, ferner taschenförmig zusammengelegt als Rucksack. Locker gewickelt und hochgebauscht um die Lenden gewunden, mit weit überhängenden Rändern, werden sie von den Männern als Überkleid benutzt, wobei tiefere Falten als Taschen dienen. Fest gerollt und von der Achsel aus schräg über die Brust geschlungen, werden sie meist auf Märschen getragen.
Den Europäer berührt es eigentümlich, die Toradja-Frauen völlig schmucklos oder, wenn es hoch kommt, mit einer Blüte hinter dem Ohr oder einem Farnbüschel im Haar zu sehen, während die Männer aufgeputzt waren wie anderwärts junge Mädchen. Das Prunkstück der Männer bildete stets der Tabaksbeutel vom einfachen Tuchsäckchen an bis zur goldplattierten Tasche, die vorn am Gürtel zur Schau getragen wird. Je nach Wohlhabenheit waren ihre Fingerringe und Armbänder aus dickem Silber, aus Messing oder aus Muscheln hergestellt. Diese Schmucksachen waren vorwiegend Erzeugnisse buginesischer Herkunft, wie auch die zum Teil sehr geschmackvoll gearbeiteten silbernen Kalkdosen. Die Leistungen unbeeinflußter Toradjakunst veranschaulichten die bis ins kleinste sauber gefertigten Behälter aus Bambus mit reizenden eingeschnittenen Dessins. Die zum Teil künstlerischen Geschmack verratenden Muster scheinen Gegenstand der Überlieferung zu sein, da bestimmten Distrikten beharrlich wiederkehrende Zeichnungen eigen sind. Dem Geschmacke des Verfertigers bleibt dabei natürlich ein weiter Spielraum. Die Ornamente werden ohne Benutzung einer Schablone aus freier Hand eingeschnitten, und in Anbetracht des hierzu benutzten primitiven Werkzeuges -- eines gewöhnlichen Messers -- verdient die Arbeit alle Anerkennung. Früher sollen figürliche Darstellungen nicht selten gewesen sein. Trotz ausgesetzter hoher Belohnungen gelang es mir jedoch nicht, auch nur ein Belegexemplar zu erhalten, so daß ich diese Kunst gegenwärtig als erloschen ansehen muß. Es ist dies um so seltsamer, als gerade bei den Toradja Darstellungen aus dem Menschenleben sonst durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören und die Malereien auf ihren Häusern, Reisscheunen und Brückenköpfen, sowie auf ihren Schilden Motive dieser Art in reicher Fülle aufweisen.
Kurz nach 4 Uhr, als sich schon die meisten Marktbesucher auf den Heimweg gemacht hatten, fiel ein kurzer, heftiger Gewitterregen und trieb die Zurückgebliebenen zur schleunigen Flucht. Mit hochbeladenen Rückenkörben traten die Frauen und Mädchen die Heimkehr an, und binnen wenigen Minuten hatte sich die Menge zerstreut.
Ich hatte meine Zeit redlich benutzt, und eine ansehnliche Menge ethnographischer Gegenstände füllte den Vorraum unseres Häuschens. Mittlerweile waren auch das Militär und die Trägerkolonne nachgekommen, und als dem erfrischenden Regenschauer ein herrlicher lauer Abend folgte, entwickelte sich auf dem freigewordenen Marktplatze ein höchst interessantes Leben und Treiben. Die Mannschaften kochten im Freien ab, und die ganze Dorfbewohnerschaft gesellte sich zu den Soldaten. Friedlich lagerte alles bei- und durcheinander, und die Dorfschönen verstanden es gar bald, unsere Soldaten für die Mühe und Entbehrungen auf dem heutigen langen Marsch zu entschädigen.
+Salulimbung -- Makále+, den 1. Oktober.
Mit frischen Trägern verließen wir um 7 Uhr morgens Salulimbung, (= Kesselloch), das seiner Lage den Namen verdankt (limbung = Loch, Kessel; sálu = Fluß; also »Kessel am Flusse«). Auf gutem Stege wurde der nahe Fluß überschritten, dessen vielgewundenem malerischen Tale wir nun mehrere Stunden folgten. Der Pfad zog sich eine Hügelkette entlang, in allzu reichlichem Wechsel steigend und fallend. Die Gegend war absolut waldlos, eine Folge der uneingeschränkten Raubwirtschaft der Talbewohner. Die Äcker zogen sich weit die Hänge hinauf. Häufig bemerkte ich wallumringte kleine Siedelungen, die stets auf isolierten Kuppen angelegt waren, eine Erscheinung, die auf die früheren unsicheren Zustände zurückzuführen ist, als noch Überfälle und Raubzüge durch sklavenjagende buginesische Händler zu den Alltäglichkeiten gehörten. Eine auf einem Hügel errichtete Doppelreihe großer kegelförmiger Steinblöcke ließ eine alte Kultstätte vermuten. Große Talflächen waren intensiv bewirtschaftet und ließen überall deutlich die künstlichen Terrassen von Reisfeldanlagen erkennen. Interessant waren auch die Ufer des Limbung-Flusses, der sich hier tief in die weichen Gesteinsschichten eingewühlt hat. Diese zeigten die verschiedensten Farben: Violett und dunkles Schieferblau, Serpentingrün, Rot, Gelb und kreidiges Weiß aller Schattierungen. Tief ockerfarben erschien auch das Gewässer selbst, und die blank gespülten Böschungen schimmerten metallisch im Sonnenglanze. An der Lisière eines rechts auf einer Anhöhe gelegenen Dörfchens lag ein ungeheuerer Findling von malachitgrüner Färbung. Wie von Titanenfäusten schien er mitten in die Fluren geschleudert zu sein, und deshalb wie seiner merkwürdigen Gestaltung wegen, die an das Vorderteil einer buginesischen Prau erinnert, dünkt er den Eingeborenen dem Himmel zu entstammen. Sie nennen den Felsblock »kápal« (= Schiff) und verehren ihn als Wohnplatz der Geister.
Eine kurze Strecke weiter überschritten wir ein Nebenflüßchen des Salu-Limbung auf einer im Toradja-Stil erbauten Brücke mit einfachen Ornamenten. Bald darauf verließen wir das Salulimbung-Tal um sofort die kahlen Höhen des Kambútu-Gebirges hinanzusteigen. Letzteres trug ausgesprochen vulkanischen Charakter. Regellos liefen die Bergzüge durcheinander. Riesige Erdrisse legten Zeugnis ab von der Tätigkeit gewaltiger Naturkräfte. Nacktes Gestein trat überall zutage, reizvoll durch die Mannigfaltigkeit seiner Farben vom leuchtenden Zinnoberrot bis zum fahlen Grau. Auf der Höhe eines Bergrückens entdeckten wir in windgeschützter Mulde eine einzelne Toradjahütte. Die ganz aus Bambuslatten hergestellte niedrige Kate ruhte auf einem kaum 50 cm hohen Pfahlgerüst mit untergelegten flachen Steinen. Das weit vorspringende, mit Geröllstücken beschwerte Grasdach berührte fast den Boden. Eine niedere schmale Tür vermittelte den Zugang ins Innere. Dieses bestand aus einem einzigen, äußerst beschränkten Gemache, in dem ich nur gebückt zu stehen vermochte. Dabei sind die Gebirgsbewohner durchaus nicht etwa klein, und auch sie vermögen sich nicht aufrecht darin zu bewegen. Der fensterlose Raum empfing einen spärlichen Lichtschimmer nur durch die Türluke, sowie den zwischen Hüttenrand und Dach ringsherum freigelassenen Spalt. Ein beißender Qualm erfüllte die Behausung. -- Zuerst war es mir unmöglich, auch nur das geringste zu erkennen, und erst nach und nach unterschied ich im Halbdunkel mehrere halbnackte Weibergestalten, die um den Feuerplatz in der Mitte herumkauerten und mit Gemüseputzen beschäftigt waren. Mein Eintritt schien sie in Angst versetzt zu haben; denn keine von ihnen wagte aufzublicken. Mein freundliches Zureden in malayischer Sprache wurde wahrscheinlich gar nicht verstanden; jedenfalls fuhren die Frauen in stumpfer Resignation fort, ihre Arbeit zu verrichten, während ein paar kleine Kinder ein mörderisches Geschrei erhoben. Um mich genauer umzusehen, war ich gezwungen, mich ebenfalls auf den Boden niederzuhocken, und was ich dann zu sehen bekam, war auch noch wenig genug. Die unentbehrlichsten, jeder Verzierung ermangelnden Wirtschaftsgeräte, Bündel kleingespaltenen Brennholzes, einige an den Wänden hängende Kleidungsstücke, mehrere Sonnenhüte, einige Fischreusen, Ackergeräte und zwei einfache Lanzen bildeten den Gesamtbestand. Durch einen Querbalken konnte die Tür verriegelt werden. Daß diese Menschen in einem solch engen und finsteren Loche leben mögen, erklärt sich wohl daraus, daß in dieser Gegend häufig Erdbeben und Stürme auftreten, die den hochgebauten, größeren Häusern leicht verderblich werden. Außerdem fehlt diesen völlig abgeschlossen in den Bergen lebenden Leuten jeder Sinn für Behaglichkeit, während ich diese Eigenschaft bei den Toradja in den später von mir besuchten reichen Kulturtälern wohl entwickelt fand. Der armen Gebirgsbevölkerung scheint ein Unterschlupf wie der geschilderte als Schutz gegen die Witterung und als sicherer Schlafplatz für die Nächte gerade zu genügen.
An ethnographischen Gegenständen war hier nichts zu holen. Wieder ins Freie gelangt, atmete ich mit tiefem Behagen die reine Gebirgsluft. Ebenso prachtvoll wie eigenartig war die Aussicht von hier oben. Fast jede der benachbarten Bergkuppen trug auf ihrem höchsten Punkte ein Miniaturdörfchen, das stets von einem dichten Bambuswall umgeben war. Das Ganze erinnerte an die kahlen Kämme der Apenninenausläufer mit ihren uralten römischen Befestigungsanlagen. Der Grund dafür, Wohnungen gerade an so exponierten Punkten anzulegen, war wohl die Angst vor Erdbeben oder wahrscheinlicher vor feindlichen Überfällen. -- Diese hohen Warten gewähren jedenfalls eine unvergleichliche Fernsicht und die Möglichkeit, Feindesnahen zu erkennen. Die zu diesen entlegenen Weilern gehörigen kargen Felder, von denen allein die Eingeborenen ihre Existenz fristen, lagen in versteckten Seitentälern. Mais und Gemüsearten, wie Bohnen, Erbsen, Gurken, Kürbisse und Bataten, sind so ziemlich das einzige, was hier oben angebaut wird.
Bei nicht ganz 1000 m erreichten wir die Kammhöhe, von wo aus wir zu der etwas tiefergelegenen Regierungsstation Kambútu (822 m) niederstiegen. Kambútu bildet den Kreuzungspunkt der Wege nach Makále und Rantepáo, und das Gouvernement hat an dieser Stelle eine schöne Unterkunftshütte nebst Militärbaracken errichtet. Dicht hinter diesen Bauten stürzt aus dem Geklüft des Kambútu-Gebirges ein Wasserfall, welcher die Station mit köstlichem gesunden Quellwasser versorgt. Bei der leerstehenden Hütte wurde ein halbes Stündchen gerastet und das Frühstück eingenommen; dann aber ging es abermals einen steilen Saumpfad hinan, bis wir bei 1120 m auf dem höchsten Rücken des Kambútu-Gebirges standen. -- Ein schwer zu beschreibender, unvergleichlicher Ausblick auf die in ihren höchsten Erhebungen mehr als 3000 m hohe Latimódjong-Kette erschloß sich uns von hier aus. Das mit einer spärlichen Grasnarbe bedeckte Plateau war gleich dem bisher durchwanderten Berggelände kreuz und quer mit Schründen und tiefen Rissen durchsetzt, die eine intensiv violettblaue Färbung der Erdmassen erkennen ließen. Aus dem fahlen Grün des Lalang ragten schwarze Felsblöcke in Kugelform. Auch dieser ungefähr eine halbe Stunde breite Höhenrücken lag bald hinter uns, und nun ging’s talwärts. Aus den Mulden der Tiefe herauf erglänzten silbern schimmernde Wasseraugen; junge Sawas prangten dort in ihrem ersten frischen Grün. Fast jeder Hügel trug auch hier sein Dörfchen, das, eingebettet in hochragende Kokoshaine, uns den baldigen Genuß junger Früchte verhieß. Alles deutete darauf hin, daß wir uns einem dicht bevölkerten Kulturtale näherten. Es war dies die Landschaft Simbuang-Mápak, deren Reisfelder zu uns heraufgrüßten.
Durch die von der See trennenden Gebirgszüge vor den unmittelbaren Übergriffen und Vergewaltigungen der luwuresischen Machthaber etwas geschützt, begann hier das eigentliche Reich des harmlosen und gutmütigen Toradja-Völkchens, das jahrhundertlange Bedrängnis zu überstehen vermocht hatte, ohne eine merkliche Einbuße seiner glücklichen sanguinischen Veranlagung zu erleiden. --
Die Behauptung der Luwu, jeder Toradja trage den Strick schon mit sich, an welchem man ihn als Sklaven fortführen solle -- eine höhnische Anspielung auf die Kopfseile der Toradja-Männer -- zeigt deutlich genug die Gefahren, welchen der Toradja-Stamm gegenüber den zahlreichen und besser bewaffneten Luwu ausgesetzt war. Am eindringlichsten aber predigten in den hier beginnenden volkreichen Distrikten die zahlreichen Bénteng (Felsenburgen) von den Leiden und Kümmernissen vergangener Zeiten, von den unaufhörlichen Angriffen und Kämpfen, welche die Schwächeren gezwungen hatten, auf unzugänglichen Höhen Schutz zu suchen.
Nach den bisherigen Wanderungen durch menschenarme Gegenden war der Anblick auf die sich zu unsern Füßen ausbreitende Landschaft von Simbuang-Mápak überraschend, und mit freudigem Staunen gewahrte ich das rege Leben, dem wir jetzt auf Schritt und Tritt begegneten. Auf allen Feldern und Sawas schafften die Leute. Hier bearbeitete ein nur mit dem Lendenschurz bekleideter stämmiger Mann, mit roh zugespitztem Holzstocke die Erde aufwühlend, das Feld neuer Aussaat. Dort waren ebenso dürftig bekleidete Weiber beschäftigt, die jungen Reispflanzen aus den Saatbeeten in die Sawas zu versetzen, während andere damit beschäftigt waren, Dämme für die Reisbeete aufzuwerfen, wobei sie bis fast zu den Hüften im schlammigen Wasser standen. Halbwüchsige, völlig nackt herumlaufende Kinder beschäftigten sich mit dem Ausjäten des zwischen der Saat wuchernden Unkrautes. Kurz: Leben, wohin man blickte. Alle Stadien des Reisbaues waren zu beobachten. Besonders prächtig wirkten die im jungen Grün prangenden Pflanzenbeete der Reis-Setzlinge; »pady, bras und nasi«, diese drei verschiedenen Benennungen hat die sonst so wortarme malayische Sprache für den Reis. Bereits hieraus geht hervor, welche vielseitige Bedeutung dieses Volksnahrungsmittel im weitesten Sinne des Wortes für den Ostasiaten hat. Pady ist der Reis in der Ähre; Bras wird die bereits entkörnte Frucht genannt; Nasi heißt der geschälte und schon gekochte Reis. In Central-Celebes ist der Reis, der in durchweg gebirgigen Gegenden durch die Maispflanze ersetzt wird, eine verhältnismäßig noch wenig anzutreffende Feldfrucht, und die Distrikte, in denen er gebaut wird, gehören daher stets zu den reichsten des Landes. Im Inneren ursprünglich unbekannt und erst von der Küste her eingeführt, hat derselbe bei den Toradja seine malayischen Namen behalten, wird aber auch »paré« genannt. Der in animistischen Ideen befangene Toradja erblickt auch in der Reispflanze ein beseeltes Wesen, und vom Beginn der Sawabereitung an bis zur glücklich eingebrachten Ernte sind alle Arbeiten mit einem streng zu beobachtenden Ceremoniell verknüpft. Unzählige Mythen knüpfen sich an den Reisbau, und die Reisgötter stehen bei den Toradja in höchstem Ansehen. Tatsächlich gibt es kaum etwas im Leben derselben, wobei der Reis nicht in irgend einer Form eine Rolle spielte, sei es bei der Geburt, bei der Erschließung, bei der Leichenfeier oder im Kriege.