Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 12

Chapter 123,355 wordsPublic domain

Meine Sammlungen konnte ich in Pongkeru nur um einige wenige Stücke vermehren. Das Beste darunter war eine sehr hübsch gearbeitete Ketjápi. Es ist dies eine in buginesischer Prauenform geschnitzte Guitarre. Dieses Instrument ist an und für sich zwar nicht selten, aber fast nie zu erlangen, weil eben nur für den persönlichen Gebrauch angefertigt. Der Küstenbuginese hat viel, sehr viel Zeit zum Nichtstun und vertreibt sich die Langeweile mit Geklimper auf seinem Lieblingsinstrument. Dies ist ihm so unentbehrlich geworden, daß er sich nur schwer davon zu trennen vermag.

Die schon erwähnten Dammarfiguren hätte ich in reicher Auswahl haben können; doch hielt mich ihre Zerbrechlichkeit ab, mehr als einige Belegstücke zu erwerben. -- Schmuckstücke, wie die häufig vorkommenden silbernen Sirihdosen, Kinderamulette, Schamdeckel etc., wurden mir zu exorbitanten Preisen angeboten, so daß ich von Einkäufen solcher Gegenstände absah. -- Für ein zermürbtes und mottenzerfressenes Tuch mit handgroßen Löchern sollte ich 50 Gulden bezahlen. Dabei wußte mir kein Mensch anzugeben, woher das Gewebe stammte. Ich hielt es für ein vorderindisches Produkt. Die so gewebten Tücher dienen angeblich nur als Wöchnerinnenlaken.

+Pongkeru-Malili+, den 22. September.

Die letzte uns noch von meinem Reiseausgangspunkte Malili trennende Etappe sollte auf dem Flusse zurückgelegt werden, und ich freute mich schon darauf, bequem im Boote liegend, die Gegend an mir vorübergleiten zu lassen. -- Der Pongkeru-Fluß ist ein echtes Gebirgskind. In den Kendári-Bergen entspringend, tritt er nach unterirdischem Gebirgsdurchbruch etwas oberhalb der Ortschaft Pongkeru an den Tag. Hier in seinem Oberlaufe ein wilder, stürmischer Gesell, der sich schäumend und tosend über mächtige Felsenbänke hinweg seinen Weg bahnt, wird er erst in seinem Unterlaufe zahmer, um endlich in den Malili-Fluß einzumünden. Die vereinigten Gewässer wälzen sich hernach in breitem Bette langsam und träge der Ussubai zu.

Es ist ein Wagnis, sich auf schmalem Bootsrücken dem ungebärdigen Pongkeru-Flusse anzuvertrauen, und viele hatten es mit dem Verluste ihrer Habe, wenn nicht gar ihres Lebens zu büßen. Ungezählte Bootsladungen Dammars sind dem tückischen Wasser schon zum Opfer gefallen, und eine ansehnliche Liste Ertrunkener mahnt zur Vorsicht. Da ich mich in Begleitung des Herrn v. A. befand, des höchsten Beamten des Distriktes, so verstand es sich von selbst, daß uns eine ausgesucht zuverlässige Rudermannschaft über die Fälle bringen würde, und ich trug daher kein Bedenken, mich und meine Sammlungen den Booten anzuvertrauen. Früh 7 Uhr bestiegen wir die zwei langen schmalen Fahrzeuge. Ein solides Holzdach schützte uns vor Sonnenbrand und allzu intimer Bekanntschaft mit überhängendem Baumgezweig. Um uns vor Spritzern zu sichern, hatte unser Gastfreund, der Dorfchef, auch die Längswände des von uns benutzten Bootes hermetisch mit Atapstücken verschließen lassen, eine Vorsichtsmaßregel, gegen die ich energisch opponierte. Denn erstens hätte man dabei von der Scenerie der Flußufer absolut nichts zu sehen bekommen, und außerdem konnten wir in einem so verrammelten Boote im Falle eines Malheurs elend ertrinken wie eine Maus in der Falle. Die Seitenwände mußten also wieder weg.

Die 7½ Stunden beanspruchende Fahrt nach Malili gestaltete sich, wenigstens in ihrer ersten Hälfte, sehr interessant. In den unglaublichsten Windungen hat sich der Fluß seinen Weg durch die Berge gesucht. Felsentore drängen das Gewässer in enge Kanäle zusammen, durch welche es brausend hindurchschießt. An scharfen Krümmungen des Flusses kamen die Boote mehrmals in Gefahr, an Felsen zu zerschellen. Die an den Bootsenden wachenden mit Stangen ausgerüsteten Männer bedurften der angestrengtesten Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart, um Unfälle zu verhüten. An besonders gefährlichen Punkten sprangen sie ins Wasser und lenkten die Boote über die Hindernisse hinweg. Was die Talfahrt vor allem riskant machte, waren die vielen Untiefen und grobes Geröll. Mit Gepolter und heftigen Stößen, mit Schaben und Knirschen sausten die Fahrzeuge über solche Stellen hinweg. Meist verrät nur eine leichte Wirbelbildung oder ein schnelleres Fließen des Wassers dem kundigen Auge die drohende Gefahr.

Was nun die Gestaltung der Ufergebiete anbetrifft, so gleichen die Bergzüge bei Pongkeru einer geöffneten Schere. Sie treten allmählich nach links und rechts auseinander, um zuerst Dschungelstrecken, später Busch und Auenwäldern Raum zu geben. Gleichzeitig mit der Landschaft änderte auch der Fluß seinen Charakter: sein Bett wurde breiter und sein Lauf ruhiger.

Um die Mittagstunde erreichten unsere Boote die Einmündung des Pongkeru in den Malili-Fluß. Die Talfahrt auf dem in stattlicher Breite dahinfließenden Malili begann etwas einförmig zu werden, zumal die Mittagshitze sich sehr fühlbar machte. Die Strömung war so gemächlich, daß die Leute zu den Rudern greifen mußten. Mangrovendickichte säumten die Ufer. Eine sehr häufige Erscheinung waren hier Leguane und die großen Kammeidechsen, die wir oftmals beobachten konnten, wie sie im Stelzengewirr der Mangroven ihrer Nahrung nachjagten. An einer Flußbiegung überraschten wir auf einer Sandbank ein in der Sonnenglut schmorendes Krokodil, das sich bei der Annäherung unserer Boote schwerfällig und verdrossen in das trübe Wasser zurückgleiten ließ. Diesen drei Arten gefährlichster Fischräuber ist es zuzuschreiben, daß der Malili-Fluß so arm an Fischen ist. -- Gegen 1 Uhr passierten wir die erste Ansiedelung. Es war Wiráo, ein ganz neu angelegter Kampong an der im Bau begriffenen Gouvernementsstraße Malili–Balambáno–Timámpu. Wir legten hier kurze Zeit an und besichtigten den Ort. Die Bevölkerung desselben ist vorwiegend mohammedanisch neben heidnischen Zuzüglern aus dem Landesinnern. Die mit umfriedeten Anpflanzungen umgebenen Häuser Wiráos waren durchweg sehr nett gebaut. Vor vielen Hütten hingen, auf trapezförmiger Sitzstange umhertrippelnd, nur mittels eines Fußringes festgehaltene allerliebste Zwergpapageien mit hellgrünem Gefieder und rotgelbem Köpfchen. Am Pfahlgerüst unter einem Hause baumelte eine auf die Blattscheide einer Sagopalme roh mit weißer Farbe gemalte Schreckfigur. Auf meine Erkundigung nach der Bedeutung derselben erfuhr ich, daß sich im Hause direkt über der Stelle, an welcher dieser Zauber befestigt war, die Liegestätte einer Wöchnerin befand, und daß die Figur ein Abwehrmittel gegen böse Geister darstellte. Diese Erklärung war mir um so wichtiger, als ich bei den Biseia im Gramardistrikte von Britisch-Nord-Borneo ganz genau denselben Brauch vorgefunden hatte. -- Leider gelang es mir nicht, das seltene Stück für meine Sammlung zu erwerben, da nach dem Glauben der Leute Mutter und Kind hätten sterben müssen, falls man es weggenommen hätte. In Borneo konnte ich seinerzeit mehrere solcher Wöchnerinnenzauber ohne jede Schwierigkeit erwerben.

Die Flußfahrt fortsetzend, beobachteten wir etwas unterhalb Wiráo eine von Malili gekommene kreuzfidele buginesische Picknickgesellschaft. Die Leutchen lagerten im Schatten ihrer ans Land gezogenen Boote auf einer kleinen Grasinsel. Während die Männer fischten oder, im Grase liegend, auf ihren Ketjápis zupften, waren die Frauen und Mädchen mit der Bereitung der Mahlzeit beschäftigt. Also eine regelrechte Landpartie, tout comme chez nous. --

Das langsame Dahingleiten auf dem heißen Flusse begann recht langweilig zu werden, zumal die einsetzende Flut viele Stunden weit flußaufwärts die ohnehin geringe Strömung des Malili fast völlig zum Stehen brachte. Die Ruderleute mußten von nun ab tüchtig an die Riemen und feuerten einander mit Gesängen an. Aus dem Buschwerk des Flußufers tauchten jetzt häufig Sagopalmen auf. Der Marktwert einer ausgewachsenen Sagopalme beträgt in Malili 1-1½, verarbeitet aber 10-12 Gulden. In der Regel machen Bodenbesitzer und Kulis halbpart.

Inzwischen war der Malili-Berg in Sicht gekommen. Die Ansiedelungen mehrten sich, und allenthalben lugten die Hüttchen der Eingeborenen unter dem Grün der Kokoshaine hervor. Zahlreiche Boote begegneten uns; in einem winzigen Einbaum saß eine Mutter mit ihren beiden kleinen Jungen. Als sie, um uns vorüberzulassen, einen Augenblick mit Rudern aufhörte, rief ihr der am Steuer sitzende Knirps, ein kaum 5jähriger Bube, ein energisches: Aber Mutter, so rudere doch! zu, und willig folgte diese dem Gebote.

In großen Schleifen umströmt der Fluß die Malili vorgelagerten Berge. Endlich überwanden die Boote die letzte Windung, und Malili lag vor uns. Als wir an der Anlegestelle den Fuß auf festes Land setzten, schlug es eben die 3. Nachmittagstunde.

Nach dreiwöchiger Abwesenheit war ich nun also gesund und voll befriedigt von den Resultaten meiner Inlandmärsche an den Ausgangspunkt meiner ersten Celebes-Expedition zurückgekehrt. Welch ein wundervolles Gefühl der Geborgenheit war es doch, sich nach den vielen Anstrengungen und Entbehrungen in der Wildnis wieder in einem wohnlichen, gastlichen Hause zu wissen! -- Herr v. A. aber sei hiermit nochmals herzlichst bedankt für die an mir geübte generöse Gastfreundlichkeit.

Die wenigen Tage bis zur Ankunft des Postdampfers, der mich von Malili wieder nach Paloppo zurückbringen sollte, vergingen mir im Fluge. Hatte ich doch über 350 Nummern ethnographischer Objekte »europafähig« zu verpacken, und wer da weiß, was solch eine Überseekiste alles auszuhalten hat, wird die Sorgfalt begreifen, mit der ich meine mühsam erworbenen Schätze gegen Zufälle aller Art zu sichern bemüht war.

Am Nachmittage des 28. Septembers verkündeten dumpfdröhnende Gongsignale hoch vom Ausguck des Malili-Berges herab der Bevölkerung das Eintreffen des Postdampfers in der Ussubai. Bereits ein Stündchen später gewahrte ich das den Fluß heraufkommende Motorboot desselben. Der joviale Kapitän des Dampfers, Herr v. P., hatte es sich nicht nehmen lassen, mich persönlich an Bord des »van Spielbergen« abzuholen. Bald schaukelten mich wieder die sanften Wogen des Bonigolfes, und dem im Abendlichte verschwimmenden schönen Land hinter mir eine frohe und glückliche Zukunft wünschend, beschließe ich diesen ersten Teil meiner Celebes-Reisen.

II. Teil.

Reisen in den Toradja-Landen.

Paloppo, der Schlüssel zum gewaltigen Bugireiche Luwu, dessen Gebiet, tief unten im Süden des Boni-Golfes beginnend, fast das gesamte centrale Celebes umfaßt und bis zur Tomini-Bucht im Norden der Insel reicht, lag zum zweiten Male vor mir.

Mit dem »van Spielbergen« von Malili kommend, hatten wir eine unruhige Sturmnacht hinter uns. Ein trüber Morgen dämmerte eben herauf, als die dumpf heulenden Töne der Dampfersirene der Bevölkerung Paloppos das Eintreffen des Postschiffes anzeigten. Die Schönheit des amphitheatralisch aufgebauten Landschaftsbildes, wie sie keinem anderen Küstenplatz von Mittel-Celebes eigen ist, war heut durch graue Dunstschleier stark beeinträchtigt. Dazu kam, daß unter dem bewölkten Himmel die sonst indigoblaue Flut des Golfes von Boni in einem fahlen Graugrün erschien und bei dem hohen Seegange die zahlreichen Boote fehlten, die bei meinem ersten Hiersein die weite Fläche belebten.

Verlassen lag die weite Bucht; weiße Schaumkämme fegten über den Meeresspiegel. Die Küste war wie ausgestorben. Schlief denn noch alles? -- Verwundert suchten wir mit den Feldstechern die Küste und das weit hinausgebaute Pier ab. Wieder und wieder ertönte die Dampfpfeife. Da endlich begann es sich an Land zu regen, und ein einzelnes Boot stieß ab. Endlos lange dünkte es mir, bis es näher kam, und nun sahen wir auch deutlich eine -- gelbe Flagge vom Stern des Bootes wehen. Wer da weiß, daß Gelb die Quarantänefarbe bedeutet, wird die Gefühle verstehen, die der Anblick dieser ominösen Flagge bei uns allen auslöste. Nicht lange mehr, und das Gefürchtete wurde zur Gewißheit: in Paloppo wütete die Cholera. --

Obschon in diesen Breiten die Cholera fast nie ganz erlischt und als nahezu endemisch bezeichnet werden muß, gehört es doch glücklicherweise zu den Seltenheiten, daß die Seuche in so bösartiger Form auftritt, wie es diesmal in Paloppo der Fall war, wo zur Zeit des Höhepunktes derselben bis 17 Todesfälle täglich vorkamen.

Das war nun allerdings ein recht unerwarteter Empfang. Das Fahrzeug mit der Hiobsbotschaft hatte nur die Postsäcke abgegeben und übernommen; an Bord durfte niemand. Der Dampfer konnte unter den obwaltenden Umständen weder Ladung löschen noch einnehmen, so daß der Kapitän beschloß, unverzüglich die Weiterfahrt anzutreten. Ich befürchtete schon, daß auch meiner Ausschiffung Schwierigkeiten bereitet werden könnten. Doch nein, schon näherte sich eine Schaluppe mit der Regierungsflagge im Heck. Der Herr A.-Resident von Paloppo, Herr Breedveldt de Boer, hatte die besondere Liebenswürdigkeit, mich auch heut wieder abholen zu lassen. Ich kam ja aus dem noch unverseuchten Malili und durfte also ungehindert an Land gehen, stand jedoch nach dem Betreten desselben ebenfalls unter Quarantäne und hatte alle Annehmlichkeiten derselben durchzukosten. Doch da gab es kein langes Besinnen. Eiligst verabschiedete ich mich von dem Kapitän und begab mich, nur von meinem makassarischen Boy Rámang begleitet, in das unser harrende Boot.

Es war gerade ein Monat verstrichen, seit ich die betriebsame Luwu-Residenz zum ersten Male betreten hatte. Damals pulsierte ein frohbewegtes Leben im Orte, und das geschäftliche Treiben spielte sich in echt orientalischer Weise vor den Häusern ab, wo Rotangbündel verschnürt, Kopra verladen, Dammar gehandelt und große Körbe voll Baumwolle abgewogen wurden. In der stets bedenklich trüben Flut des Paloppo durchströmenden Flüßchens tummelten sich Scharen von Badenden beiderlei Geschlechts. Auf dem Marktplatze hatten sich Trupps von Inlandbewohnern -- Toradja und Torongkong -- gelagert, um ihre heimatlichen Produkte feilzubieten. Malayische Soldaten der kleinen Garnison pilgerten brüderlich, Arm in Arm oder in Begleitung ihrer Schönen, von Tóko (Laden) zu Tóko. In dem mich umgebenden Nationalitätengemisch waren Ambonesen und Timoresen, Chinesen, Japaner, indische Juden und Araber die hervorstechendsten Elemente neben bedächtig schreitenden einheimischen Bugi und den hochmütigen Luwuresen, welche sich bemühten, durch würdevolles Auftreten zu ersetzen, was ihnen seit der Umgestaltung der politischen Verhältnisse an Einfluß verloren gegangen war.

Wie ganz anders war das alles heut! Öde und leer waren die Straßen des Ortes, verschlossen die Türen der Häuser. Aus den Fensteröffnungen aber drangen murmelndes Beten und verhaltenes Weinen dem Vorübergehenden ins Ohr. Viele Läden waren gesperrt, ihre Inhaber der Seuche erlegen. In ganz Paloppo war kaum ein Haus zu finden, an dessen Pforte nicht ein gelbes Fähnchen vor der Krankheit warnte, und viele Häuser waren durch straff zwischen zwei Bambusstecken ausgespannte quadratische weiße Tücher als Sterbehäuser gekennzeichnet. Vor anderen Türen steckten umgekehrte, mit Kalk beschmierte Tontöpfe auf Stangen, -- eine Art Abwehrzauber gegen die Cholera. Scheu und gedrückt schlichen die wenigen mir auf meinem Wege zum Fremdenhause begegnenden Leute an den Häusern entlang. Verlassen wie der ganze Ort lag auch der Marktplatz, dessen malerisches Treiben mich vordem so entzückt hatte.

Unter derart veränderten Verhältnissen ging mein diesmaliger Einzug im »Pasangrahan« von Paloppo vor sich. Ich war noch mit dem Unterbringen meines Gepäckes beschäftigt, als ich durch den Besuch des Herrn Hauptmannes Knegtmans erfreut wurde. In seiner Begleitung machte ich mich alsbald auf den Weg, dem Herrn A.-Residenten meine Aufwartung zu machen. Er empfing uns in seinem Bureau und bewillkommnete mich freundlichst. Ich hatte die Absicht, meine Reisen im centralen Celebes mit einem Ausflug in die zum Reiche Luwu gehörenden Toradja-Lande zu beginnen, und der Herr A.-Resident war so liebenswürdig, mir diesbezüglich alle Unterstützung zuzusagen und mit mir die geeignetsten Routen zu besprechen. In Anbetracht der augenblicklichen prekären Verhältnisse in Paloppo, und um allen Komplikationen aus dem Wege zu gehen, beschlossen wir, daß ich gleich am kommenden Tage mit dem frühesten die Expedition antreten sollte. Besondere Vorbereitungen dazu waren für mich nicht zu treffen, da meine Ausrüstung allen Anforderungen genügte. Für die notwendigen Träger aber wollte der Herr A.-Resident freundlichst Sorge tragen. Alles irgend entbehrliche Gepäck konnte in Paloppo zurückbleiben. Da die Herren außerdem ein militärisches Schutzgeleit für notwendig erklärten, so wurden hierzu 15 Soldaten bestimmt, die unter der persönlichen Führung des Herrn Hauptmannes K. stehen sollten. Einen angenehmeren Reisegefährten konnte ich mir gar nicht wünschen.

Im Laufe des Tages machte ich noch einen größeren Spaziergang durch Paloppo, wobei mir speziell die Häuser der adeligen Luwuresen auffielen. Diese trugen als Rangabzeichen am Giebel Ananasfrüchte vorstellende Holzschnitzereien. Je mehr Blattreihen dabei den Fruchtkörper umgeben, desto höher ist die Adelswürde des Hauseigentümers. Die Pfahlgerüste, auf welchen die sehr großen, mit Malerei- und Giebelzieraten reich geschmückten Häuser ruhten, waren außergewöhnlich hoch, gemäß dem luwuresischen Adat, wonach das Haus eines Vornehmen so hoch stehen muß, daß unter demselben ein Krieger bequem durchreiten kann. Auf Gemütstiefe läßt die rührende Sitte schließen, wie die Luwuresen ihrer abgeschiedenen Lieben gedenken. Ist in einem Hause ein Sterbefall vorgekommen, so werden der Hut und das Kopfkissen des Verstorbenen auf das Hausdach gelegt, von wo sie erst durch Verwitterung wieder entfernt werden. Es geschieht dies in dem Glauben, daß die Seelen der Verstorbenen immer wieder nach der gewohnten Heimat zurückkehren.

Am Nachmittag dieses Tages sollte ich noch das seltene Schauspiel einer Pest-Prozession erleben, an welcher sich die vornehme männliche Welt der luwuresischen Bevölkerung stark beteiligte. Interessant war dabei die Verbindung mohammedanischer Religionsübungen mit echt heidnischen Gebräuchen. Der Zweck des Umzuges war die Beschwörung der Cholera. Ein Hadschi und eine steinalte Frau -- die Ceremonienmeisterin der Datu -- wurden in Sänften vorangetragen. Sie waren von einer Schar Männer umgeben, welche die Reichskleinodien und uralte geschnitzte Ceremonialstäbe trugen. Auf diese Gruppe folgten der Prinzgemahl sowie eine große Menge Edler und Volk. An jeder Straßenkreuzung machte der Zug halt. Die Sänften wurden niedergesetzt, und die Menge warf sich auf die Knie. Gebete und Beschwörungsformeln wurden gesprochen, wobei eine Anzahl den Zug begleitender ehrwürdiger Matronen mittels Blattbüschel der heiligen roten Pflanze die Menge mit Wasser besprengte.

Den Abend verbrachte ich im gastlichen Familienkreise des Herrn A.-Residenten, wo sich auch die beiden Herren Garnisonoffiziere eingefunden hatten. Er verlief äußerst anregend, und erst die Meldung einer Ordonnanz, daß einer der Soldaten urplötzlich erkrankt und ins Lazarett eingeliefert worden sei, gemahnte an den Ernst der Zeit.

+Paloppo -- Salulimbung+, den 30. September.

Noch kämpfte der Tag mit den letzten nächtlichen Schatten, als ich bereits auf den Beinen war, um das zur Mitnahme bestimmte Gepäck einer letzten Revision zu unterziehen. Auch die als Träger bestellten Toradja-Kulis waren pünktlich zur Stelle, so daß ich präzis um 6 Uhr am Rendezvous-Platz bei der Kaserne eintreffen konnte. Hier wartete meiner bereits Herr Hauptmann K. mit seiner Mannschaft, lauter stämmigen, felddienstmäßig ausgerüsteten Timoresen aus der Elitetruppe der Marechausée. Zu uns gesellten sich noch die Träger der Mannschaftsprovisionen, so daß unser Zug auf die ansehnliche Stärke von mehr als 40 Mann anschwoll. Über die Paloppo vorgelagerte Grasebene hinweg strebten wir auf gutem Wege dem am Fuße der Vorberge gelegenen Latúpa zu. Dieses ist ein am Flüßchen gleichen Namens inmitten schöner Fruchtgärten gelegener Regierungsbungalow. Ein idyllisches Fleckchen Erde, wie geschaffen als Ausflugsort und Erholungsstation für die wenigen Beamtenfamilien Paloppos. Kurz vor Latúpa, noch im Wiesenlande, waren wir an einem Punkt vorübergekommen, an welchem sich die luwuresischen Notabeln gelegentlich der hier zu Pferde betriebenen Hirschjagden zusammenfinden. Es ist dies eine für Luwu charakteristische Art des Jagdsportes, die gewandte Reiter und kräftige Männer erfordert. Die Jäger bedienen sich hierbei sehr langer, fein geschafteter und meist kostbarer, gold- und silberplattierter Lanzen, durch deren oberes Zwingenende ein feingeflochtenes Lasso läuft, das am Sattelknopfe befestigt wird. Durch Bracken werden die Hirsche aus den Hügeln in die Ebene herabgetrieben, hier von den Jägern gehetzt und mittels der in vollem Jagen übergeworfenen Halsschlinge zum Stehen gebracht. Trotzdem die Pferde darauf dressiert sind, geschieht es doch nicht selten, daß der Reiter bei dem plötzlichen heftigen Ruck aus dem Sattel geschleudert wird. Ist der Hirsch gestellt, so springt der Jäger blitzschnell vom Pferde und tötet das Tier mittels Lanzenstiches.

Trotz der verlockenden Reize Latúpas marschierten wir ohne Aufenthalt durch. Wir kamen nun in ein reich angebautes Tal, das sich mehrere Stunden weit zwischen den sich sacht verengenden Gebirgsausläufern dahinzog. Die Hänge derselben waren fast gänzlich entwaldet, und weit hinauf zogen sich die Felder und Hütten der Talbewohner. Gut gepflegte Mais- und Pisang-Anpflanzungen breiteten sich zu beiden Seiten des Weges aus. Allerorts ragten die eleganten, hochstämmigen Arekapalmen über das Buschland hinaus, und in erstaunlicher Anzahl fanden sich Zuckerpalmen, deren schwarzgrüne Riesenwedel sich dem Auge besonders bemerkbar machten. Verhältnismäßig sparsam schienen dagegen Clapabäume (Kokospalmen) vertreten zu sein. Große Flüge isabellfarbener Fruchttauben strichen, aus den fernen Waldgebirgen kommend, über das Tal hinweg, um in die Kulturen der Eingeborenen als ungebetene Gäste einzufallen und erst spät nachmittags gesättigt wieder nach ihren Waldrevieren zurückzukehren. Der laute dumpfe Ruf eines Sumpfvogels wurde von den Soldaten als regenverkündend gedeutet. -- Um ½-9 Uhr erreichten wir bei 300 m Höhe das aus wenigen Hütten bestehende Toradja-Dörfchen Latúpa in bereits recht steinigem Gelände. Die Bewohner waren auf ihren Feldern, und nur in einer engen finsteren Hütte fand ich eine kleine Gesellschaft beisammenkauernder Toradja. Sie nahmen kaum Notiz von meinem Eintreten und ließen alle meine Fragen unbeantwortet. Ich sah, mit Malayisch war es jetzt endgültig Schluß, und mein Boy Rámang würde von nun an Gelegenheit haben, als Dolmetsch seine Sprachkenntnisse zu verwerten. Immerhin dürfte es mit dem apathischen Verhalten der sonst so regsamen Toradja in diesem Falle noch eine besondere Bewandtnis gehabt haben, für die mir die Spuren eines wohl zu lange ausgedehnten Palmweingelages Aufklärung gaben. Nicht umsonst läßt man der Arenga saccharifera hierzulande so liebevolle Pflege angedeihen.

Auf unserem Wege begegneten wir mehrfach Toradja-Männern und -Frauen aus der Umgegend, die alle mit gelbweißen, sackartigen und fast die ganze Figur umhüllenden Umschlagetüchern (ókan) bekleidet waren, erstere außerdem mit den charakteristischen Kopfseilen (tali úlang), letztere mit großen Schattenhüten (sarong súsuk). Die Bevölkerung schien wirklich recht feuchtfröhlich veranlagt zu sein; denn alle führten einen geräumigen Bambusköcher voll süßen Palmweines mit sich, um von Zeit zu Zeit die stets trockene Kehle wieder geschmeidig zu machen. -- Für einen europäischen Gaumen ist dieser Toradja-Nektar herb-säuerlich.