Unter Kopfjägern in Central-Celebes
Part 11
In nervöser Stimmung ließ ich die Leute um 7 Uhr morgens den Rückweg nach Tokolímbu antreten. Auf demselben Wege, den wir gekommen waren, und unter gleichen Strapazen zogen wir wieder zurück. Gegen 3 Uhr nachmittags hatte ich den Dschungel endlich im Rücken, und das weite Becken des Towuti-Sees lag wiederum vor mir. In heißem Sonnenbrande ging es über den alten Seeboden hinweg, und bald darauf hatte ich von meinem alten Quartier in Tokolímbu wieder Besitz genommen.
Vom Towuti herüber wehte eine würzige Brise. Klar hob sich die Silhouette der Insel Loëha vom abendlichen Himmel ab. Die ganze Seelandschaft atmete Ruhe und Frieden. In stillem Nachdenken ließ ich die Ereignisse der letzten Tage und das Gesehene nochmals an mir vorüberziehen: das verlassene Raúta, die Felsengräber, des Dschungels düstere Pracht und der Berge Formenschönheit, Wiwiráno und Boawúa, den Schauplatz traurigster Unkultur. Voll Genugtuung stellte ich fest, daß es mir gelungen war, in kurzer Zeit Bedeutsames zu erleben, und hoffnungsfroh schmiedete ich neue Pläne.
+Tokolímbu -- Laronang+, den 19. September.
In aller Morgenfrühe ließ ich die Bewohner des Ortes zusammenrufen, um sowohl von den Männern als den Frauen und Mädchen des Kampongs photographische Aufnahmen zu machen. Gleich hernach wurde aufgebrochen. Zwei schon gestern beorderte Prauen harrten bereits meines Eintreffens, um unverzüglich ihre Fahrt längs der Ostküste des Towuti-Sees anzutreten. Auf dem Marsche durch die Seeniederung konnte ich wiederum ganze Rudel von Hirschen (Cervus molukkensis) beobachten, 15, 20 Stück hintereinander, wie sie im hohen Riede ohne Scheu ihrer Äsung nachgingen.
Wir steuerten Lingkobále entgegen, demselben Ort, den ich von Wiwiráno aus über Land hatte erreichen wollen, ein Plan, der sich als unausführbar erwies. Der Küstenformation folgend, kamen wir bei schwachem Winde nur langsam vorwärts. Die Ufergebüsche waren mit Schlangenhalsvögeln kolonienweise besetzt. Es war ergötzlich, das Treiben dieser Tiere zu beobachten, wie sie zutraulich in nächster Nähe unserer Boote ihre Jagd nach Fischen betrieben. Bis zum Halse im tiefen Wasser stehend, warfen sie ihre Beute mit einem energischen Rucke hoch in die Luft, um sie beim Zurückfallen geschickt mit dem weit geöffneten Schnabel wieder aufzufangen und dann mit ein paar Schlingbewegungen hinabzuwürgen.
Wir erreichten das in tief eingeschnittener Bucht völlig versteckte Lingkobále nach 3stündiger Segelpartie. Ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als ich konstatieren mußte, daß dieser vermeintliche Kampong aus einem einzigen elenden Schuppen bestand, der den in der Umgebung sammelnden Dammarsuchern als Stapelplatz für ihre Vorräte und als Unterschlupf diente. -- Wie hier, so ist es um den ganzen See herum: vielversprechende Namen in Menge, hinter denen man ansehnliche Dörfer vermutet, während es in Wirklichkeit heut entstandene und morgen vergessene elende Hütten sind.
Als einziges menschliches Wesen erwartete mich in Lingkobále ein mir schon vor zwei Tagen entgegengesandter Bote des Herrn v. A., der mir mitteilen ließ, daß er bereits den Rückweg nach Malili angetreten und mein Gepäck dahin mitgenommen habe. -- Unter solchen Umständen hatte ich kein Interesse mehr, länger an dem öden Platze zu verweilen, und beschloß, die Fahrt über den See nach Laronang sofort anzutreten, von welchem Orte aus wieder die Landreise beginnen sollte. Dieser Entschluß kam nun allerdings den völlig entgegengesetzten Wünschen meiner Leute, die jede Gelegenheit zum Faulenzen mit Wonne wahrnahmen, sehr ungelegen. Der Sulewátang hielt mir demgemäß eine blühende Rede, worin er beteuerte, daß er bei dem drohenden Unwetter -- kein Wölkchen zeigte sich am Himmel -- die Verantwortung für mein kostbares Leben nicht übernehmen könne. Der Ombak (Sturm) würde die Boote gefährden, und deshalb müßten wir einen Tag warten. Damit hatte er nun kein Glück. Ich stellte es ihm in ebenso wohlgesetzten Worten anheim, für seine Person so lange in Lingkobále zu bleiben, als es ihm beliebe; ich aber würde unter allen Umständen die Weiterreise antreten, und zwar augenblicklich. So geschah es auch, und die Boote wurden wieder bestiegen. -- Statt nun aber direkt quer über den See nach der Bucht von Laronang zu steuern, fuhren mich die Leute dicht am Ufer entlang; denn sie meinten, wenn ich schon darauf bestände, trotz des prophezeiten Ombak noch heut nach Laronang zu segeln, so müßten sie wenigstens die eine Prau als nicht seetüchtig gegen eine andere umwechseln, und dies könne nur in dem nächsten Dammarplatze, Tolére, geschehen. Ich ließ es dabei bewenden, lernte ich doch auf diese Weise abermals einen neuen Platz kennen. Nach einstündiger Fahrt lagen wir weitab vom Ufer im seichten Wasser vor Tolére. Der Ort bestand aus einer Niederlassung buginesischer Dammarhändler, die hier in 3 größeren Hütten beisammen lebten. Ich watete an Land, um eine Aufnahme zu machen; zu sehen gab es da weiter nichts.
Am Strande hochgezogen, lag eine Anzahl Auslegerboote; der Raum um und unter den Hütten zeigte das übliche von Indolenz zeugende Milieu. Dicht hinter den Hütten begann der Urwald. An einer Besichtigung der Behausungen war mir um so weniger gelegen, als die Bewohner einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck machten und ich es überhaupt nach Möglichkeit vermied, islamitische Wohnungen zu betreten. Meine Bootsmannschaften lungerten inzwischen herum, und als ich energisch zur Weiterfahrt drängte, geschah das Unerwartete: die Leute weigerten sich, angeblich wegen Sturmgefahr, die Arbeit wieder aufzunehmen. Es bedurfte erst eines kleinen Donnerwetters gegen meinen fürstlichen Beschützer, um seine Angst vor dem Wetter zu beschwichtigen.
Kurz nach 1 Uhr segelten wir dem weit vorspringenden Kap von Laronang entgegen. Der Wind flaute immer mehr ab, und eine bleierne Hitze brütete über dem Seespiegel. Schneckengleich krochen unsere Boote über das Wasser, und abermals mußte ein Machtwort die trägen Gesellen an die Ruder beordern. Langsam, ganz langsam näherten wir uns der Südwestecke des Sees, und um ½-5 Uhr umfuhren wir die Spitze des Kaps. Hier nahm uns eine langgestreckte, immer schmäler werdende Bucht auf, deren äußersten Zipfel die Einmündung des Laronang-Flusses bildete, an welchem höher hinauf die Siedelung gleichen Namens lag. Ich freute mich, nun das Schlimmste hinter mir zu haben und dem engen Bootskäfig, in dem man sich nicht einmal aufrichten konnte, bald entrinnen zu können. Aber in dieser Erwartung wurde ich grausam enttäuscht. Trotzdem uns jetzt eine leichte Abendbrise schneller vorwärts brachte, verrann Stunde auf Stunde, ohne daß das Ziel in Sicht gekommen wäre. Immer mehr hüllten sich die Kämme der Randgebirge in nächtliche Schatten; immer schwärzer erschienen die Waldpartien mit ihren hier vorherrschenden Kasuarinenbeständen (Casuarina Rumphiana). Längst war der letzte Tagesschimmer über dem See verblichen, und noch nahm die Fahrt kein Ende. -- Schon ließen sich die Ufer nicht mehr unterscheiden, und bald umfing uns dunkle Nacht. Ein kühler Gebirgswind war aufgekommen. Die Leute fröstelten und legten sich schärfer in die Ruder. So wurde es 9 Uhr, bis sich zu unserer Linken ein rötlicher Lichtschimmer zeigte. Rufe schollen herüber und hinüber, und es dauerte nicht mehr lange, so wies uns das ungewisse Flackerlicht einer Dammarfackel den Kurs zur Anlegestelle für unsere Boote. Laronang war erreicht.
+Laronang+, den 20. September.
Das armselige Nest liegt auf einem mühsam dem Urwalde abgerungenen quadratischen Fleckchen Erde und besteht nur aus einem buginesischen Familienhause und einigen Schuppen. Die Front des Hauses ist dem Flusse zugewandt; die beiden Seiten werden von morastigen Tümpeln umfaßt. Als ich gestern nacht den zum Flusse führenden Knüppeldamm erklettert hatte und die unförmliche, auf hohem Pfahlgerüst ruhende Hüttenmasse schwarz und unwirtlich vor mir aufragte, fühlte ich mich versucht, im Freien zu nächtigen. Doch die vom Flusse aufsteigenden kalten Nebelschwaden, das mir wohlbekannte Surren blutgieriger Moskitos und die Malariagefahr ließen mich das Hütteninnere vorziehen. Ich hatte es auch nicht zu bereuen. Mir wurde das ganze geräumige Vorderteil des Hauses zur Verfügung gestellt, und die zahlreichen Hausinsassen zogen sich in die rückwärts gelegenen Räume zurück. Weder durch Unruhe noch durch das gefürchtete Ungeziefer belästigt, verbrachte ich hier eine gute Nacht. Früh am Tage wurde mir ein Schreiben des Herrn v. A. übergeben, der mir mitteilte, daß er unerwartet aufgehalten worden war und erst gestern vormittag, also am Tage meiner Ankunft hier, nach Pongkéru abmarschiert sei. Herr v. A. hatte durch Boten von Pongkéru aus Träger nach Laronang bestellt. Diese hatten daselbst 5 Tage vergeblich auf uns gewartet. Im Glauben, wir hätten bereits die Rückreise über den See nach Timámpu angetreten, waren sie 12 Stunden vor Ankunft des Herrn v. A. unverrichteter Dinge nach Pongkéru zurückgekehrt. Dieser sah sich nun gezwungen, unter Zurücklassung meiner Gepäckstücke seine Bootsleute als Kulis für den Transport seiner eigenen Koffer zu pressen. Gleichzeitig aber teilte er mir mit, daß er mir sofort nach seiner Ankunft in Pongkéru frische Träger entgegensenden werde.
Ich sah mich nun genötigt, eventuell mehrere Tage in Laronang zu bleiben! Und meine Bootsleute? wird man fragen. -- Ja, das war das einzig heitere Moment an der Sache. Diese hatten den Hergang der Dinge schon gestern abend erfahren und in richtiger Ahnung leise ihre Prauen losgemacht und sich bei Nacht und Nebel unter Verzicht auf Bezahlung fortgestohlen. Daß der für mich bestimmte Brief mir erst heut morgen ausgehändigt wurde, war natürlich Verabredung gewesen. Daher auch die ungemein lebhaften Kontroversen gleich nach unserer Ankunft, von denen ich, da sie buginesisch geführt wurden, kein Wort verstand. Nun hieß es, sich in das Unvermeidliche fügen und den Tag, so gut es ging, ausnutzen.
Wie schon erwähnt, bestand der Dammarplatz Laronang aus nur einem sehr großen Buginesenhause auf einer Uferblöße. Eine Anzahl dazugehöriger Schuppen war zur Aufnahme von Dammarvorräten bestimmt. Die unternehmenden buginesischen Händler rücken den Dammarsuchern immer weiter in die Wildnis nach, um auf diese Weise ihre Vorräte aus erster Hand erwerben zu können. Es lagerten hier sorgfältig nach Qualität sortierte ansehnliche Mengen des wertvollen Harzes.
Die teuerste und begehrteste Sorte ist das Buah-Dammar, das in kompakten Stücken aus den Astgabeln der Dammarfichte (Agathis Celebica) herausgeholt oder in abgestorbenen Stämmen gefunden wird, welche nicht selten ganze Blöcke reinen Dammars bergen. Es gehören jedoch halsbrecherische Kunststücke dazu, sich mittels Rotangseile an den glatten Riesenstümpfen in die Höhe zu arbeiten. -- Ebenfalls Buah-Dammar genannt und erstklassig gewertet wird das fossile Dammar, das speziell im Towutigebiete in großen Lagern zu finden ist. Der Dammarsucher sondiert hierbei mit einem spitzen Stocke den weichen Waldboden nach solch verborgenen Schätzen. Unter Umständen genügt das Auffinden einer einzigen solchen Stelle, um den glücklichen Entdecker zu einem nach Eingeborenen-Begriffen wohlhabenden Manne zu machen.
Die zweitbeste Dammarsorte, das Loba-Dammar, wird durch Tapen, d. h. durch Anzapfen der Stämme gewonnen. Den reichsten und schnellsten Ertrag erzielen die Dammarsucher mittels des sogenannten Ringens der Bäume. Bei dieser Methode werden nicht einzelne Kerben eingehauen, sondern rund um den ganzen, manchmal 4-6 m im Umfang messenden Stamm wird eine tiefe Rinne eingeschnitten. Diese Art der Dammargewinnung ist jedoch vom Gouvernement streng verpönt, da die Bäume dabei eingehen. Langjährige Gefängnisstrafe blüht dem ertappten Übeltäter.
In die Kategorie des Loba-Dammars gehört noch das Sicker- oder Tropf-Dammar, das von den Stämmen ausgeschwitzt wird; doch hängt sein Wert von der Größe und Reinheit der Klumpen ab.
Das in einzelnen Tropfen ausgeschwitzte Dammar, wie es, Streifen bildend, an den Bäumen heruntersickert oder die durch Tropfenbildung entstandenen, stark mit Rinde und Erde verunreinigten Harzmassen, wie sie sich am Fuße der Stämme ansammeln, werden »tjóro-tjóro« genannt. -- Innerhalb dieser drei Hauptsorten werden noch eine Menge Unterscheidungen gemacht, die hier nicht alle angeführt werden können.
Während ich die Örtlichkeit besichtigte und verschiedene Aufnahmen machte, schliefen meine Begleiter bis in den späten Morgen hinein. Ich hatte noch mit dem Nachschreiben meiner Notizen zu tun, und die Zeit verging mir rasch. Im Laufe des Nachmittags kam ein etwa 30 Köpfe zählender Trupp Toradja beiderlei Geschlechts. Sie wollten in die Towutiwälder auf die Dammarsuche ziehen und nächtigten heut in Laronang. Diese Menge Menschen brachten Leben auf diesen stillen Platz, und ihre Anwesenheit ermöglichte mir manche interessante Feststellung.
Es begann schon zu dunkeln, als aus dem Walde kommende Stimmen neue Ankömmlinge verrieten. Es waren die mir von Herrn v. A. aus Pongkeru entgegengesandten Toradja-Kulis, 14 Mann, die überraschend schnell schon heut eintrafen. Das Haus hatte natürlich nicht annähernd genug Raum für so viele Menschen, und so entwickelte sich nicht nur in, sondern auch vor und unter demselben ein bewegtes Lagerleben. Eine mich besonders fesselnde Scene aus demselben, die Fackelanfertigung, sei hier wiedergegeben.
Die Toradja beabsichtigten nämlich, auf den nächtlichen Fischfang auszuziehen, und waren nun damit beschäftigt, die hierzu nötigen riesigen Dammarfackeln anzufertigen. Die Herstellung dieser 1-1½ m langen und mehr als 10 cm dicken Fackeln ging auf folgende Weise vor sich. Auf dem freien Platze vor dem Hause wurde ein ansehnlicher Haufen von »tjóro-tjóro« aufgeschichtet und daneben ein loderndes Feuer angefacht. Nun stieß der Fackelmann einen langen über dem Feuer erhitzten Holzstock in den Dammarhaufen. Durch Rollen auf dem Erdboden wurden die dem Stocke anhaftenden Harzklumpen um denselben geformt. Durch wiederholtes Erwärmen des Klumpens und Umwälzen desselben in dem Dammarhaufen vergrößerte sich die am Stocke haftende Harzmasse stetig, und durch das Hin- und Herrollen der so entstehenden Fackel auf dem Boden verbanden sich die aneinanderhaftenden Dammarschichten innig. War auf diese Weise endlich ein erst kugel-, dann walzenförmiger großer Klumpen entstanden, der durch die beigemengten Sandpartikelchen handlicher wurde, so wurde diese zähflüssige Masse durch Ziehen und Zerren mit den Händen in Wurstform gebracht und abermals in feinem Sande umgewendet. Nunmehr wurde der Stock aus der noch weichen Masse herausgezogen. Die noch plumpe Harzstange wurde wie ein Strang gedreht und dabei verlängert, wobei sie bis zum völligen Erkalten immer wieder im Sandbade gerollt wurde. Um die nun richtig geformte Fackel wurden zuguterletzt Blattscheiden des wilden Pisang gewickelt und mittels Rotangfasern fest umschnürt.
Die entzündete Fackel wirft unter starker Qualmentwickelung ein rötliches Licht. Der Geruch des brennenden Dammars ähnelt dem des Weihrauches. -- Der meist sehr ergiebige nächtliche Fischfang wird in der Weise ausgeübt, daß man ein Boot lautlos mit der Strömung schwimmen läßt. Im Vorderteil des Kahnes steckt die schräg hinausragende Fackel, neben ihr steht der Jäger, um die vom Lichte herbeigelockten Fische mit seinem Speere zu spießen. Der für heut nacht geplante Fischzug wurde leider durch einen plötzlich einsetzenden Regenguß unmöglich gemacht. Unseren Toradja verdarb dies übrigens die Stimmung durchaus nicht. Unbeirrt lachten, scherzten und sangen sie, wie ich es bei den viel schwerblütigeren und ernster veranlagten Tobela niemals kennen gelernt hatte. Ohne meinen Einspruch hätte dies lustige Treiben wohl die ganze Nacht gedauert; doch um 10 Uhr gebot ich Ruhe, und willig leisteten alle Folge.
+Laronang-Pongkeru+, den 21. September.
Sehr früh wurde es um mich herum lebendig; schon beim Tagesgrauen waren meine Kulis mit der Zubereitung ihrer Reismahlzeit beschäftigt. Noch viel früher aber, gegen 2 Uhr morgens, hatte mich der laute schwermütige Gesang einer Toradjafrau aus dem Schlafe geweckt, welche nach einem geräuschvollen Flußbade in die Nacht hinausgerudert war; -- wohin? --
Auch für mich hieß es nun, Abschied nehmen von Laronang, nachdem ich die beiden Hausfrauen und deren Kinder für die mir erwiesene Gastfreundschaft mit Geschenken bedacht hatte. Um 6 Uhr brachen wir auf. Der verwachsene, kaum erkennbare Pfad führte uns durch feuchten Urwald. Mauergleich, wie ausgeschnitten standen die Buschwände zu beiden Seiten, und nur die rücksichtsloseste Anwendung der Buschmesser verschaffte uns Durchgang. Mehr über als auf dem Boden balancierten wir auf einem Netzwerk von Baumwurzeln, -- eine Kleinigkeit für meine barfüßigen Leute, desto beschwerlicher aber für den beschuhten Europäer. Es hatte die halbe Nacht hindurch stark geregnet, und noch fielen die Tropfen von allen Blättern. Die zu überschreitenden Stämme waren schlüpfrig, und kolonnenweise in Reih und Glied aufmarschiert, harrten die kleinen hungrigen Landblutegel ihrer Opfer. Eine ungeheuere Dammarfichte von 5 m Umfang dicht am Pfade war um den ganzen Stamm herum in einer Breite von 20 cm geringt und damit dem Absterben verfallen. -- Langsam begann der Weg, bergan zu führen. Nach 1½stündigem Gehen erreichten wir den am Fuße des Laronang-Gebirges gelegenen Dammarstapelplatz Katibusánga, aus drei kleinen Ataphütten bestehend. Hier stießen wir auf einen Trupp lagernder Toradja. Ich benutzte die Gelegenheit, ihre Tabaksbeutel zu untersuchen und eine Anzahl daraus zutage geförderter recht hübscher Behälter und Dosen zu erwerben.
Um 8 Uhr begannen wir den Anstieg zum ungefähr 1100 m hohen Gunung-Laronang. Die Gebirgswand fällt nach dieser Seite zu stellenweise fast senkrecht ab, und nur das die Felsenmassen umstrickende, zähe Geäst und Wurzelwerk des in allen Fugen und Ritzen wuchernden Buschwerkes ermöglichte es den schwer belasteten Kulis, die steile Höhe zu erklimmen. Auch bei dem Vorhandensein dieser natürlichen Hilfsmittel bleibt es eine bewundernswerte Leistung, wie Dammarsucher mit ihren 80-90 Pfund wiegenden Körben hier das Gebirge übersteigen. Ein Pröbchen der geradezu fabelhaften Lungenkraft der Leute sollten mir meine eigenen Träger geben. Während des schwierigsten Anstieges kletterten diese -- ich traute meinen Ohren kaum -- lustig singend und johlend die Felsen hinan, und während des ganzen mehr als eine Stunde beanspruchenden Klimmens unterhielten sie sich laut und lebhaft mit einander. Diese Toradja schienen überhaupt, wie mir bereits gestern in Laronang aufgefallen war, viel lebhafteren Temperamentes und auch kräftiger und ausdauernder zu sein, als die Stämme von Südost-Celebes.
Nahe der Gipfelhöhe des Laronang-Gebirges belohnte mich für die vergossenen Ströme von Schweiß ein letzter hinreißend schöner Ausblick auf den Towuti-See und die Lagune von Laronang. -- Es folgte nun noch eine kurze Strecke bis zur Wasserscheide des Gebirges. Eine Reihe voreinandergelagerter zum Laronang-Massiv gehörender Bergzüge trennte uns noch vom Pongkéru-Tale, und auf und ab in stetem Wechsel führte unser Weg. An den steilen Lehnen der schräg streichenden Gebirgszüge entlang marschierend, stießen wir mehrfach auf einzelne von Dammarsuchern vorübergehend bewohnte Hütten. In einer derselben hausten zwei Tolampumänner, deren einer sich eine gräßlich anzusehende Beinwunde zugezogen hatte. Ich überließ den Leuten einige Arznei und Verbandzeug. -- Zweimal stieß ich auf unserem Marsche, seitlich vom Pfade, auf ein je 10-15 m tiefes kreisrundes Loch von 2 m Durchmesser. Die Entstehung der Löcher dürfte vielleicht auf Unterspülung zurückzuführen sein. -- Mehrmals kam ich im Walde an rohgezimmerten Tischgestellen vorüber, auf denen ausruhende Lastträger ihre schweren Rückenkörbe absetzen können. -- Auf dem nun schon Stunden währenden anstrengenden Marsche war ich meinen Leuten wiederum weit vorausgekommen. Der Buschpfad wurde jetzt besser und war anscheinend begangener, so daß ich bei jeder Wegebiegung glaubte, das Tal von Pongkéru vor mir liegen zu sehen. Aber Kuppe folgte auf Kuppe, Senkung auf Senkung. Fürchterlich brannte die Sonne, und selbst im Waldesschatten herrschte eine drückende Schwüle. -- Wieder einmal hatte ich eine Anhöhe erklommen und war auf eine kleine Waldrodung mit wüst durcheinander liegenden Stämmen hinausgetreten. In flammender Sonnenhitze galt es, über die Hindernisse hinwegzuturnen. Aber süße Musik erleichterte mir das schwere Beginnen: aus der Tiefe herauf drang dumpfes Brausen an mein Ohr. Es war der ungestüme Pongkéru-Fluß, der gegen 800 m unter mir aus dem Gebirge hervorbrach. Eine kurze Strecke unterhalb der Durchbruchstelle aber lag der buginesische Kampong, wo ich die heutige Nacht zuzubringen gedachte. Beflügelten Schrittes ging es zu Tale, so daß das Blut in den Schläfen hämmerte. Unterwegs erfuhr ich von einem mir begegnenden Buginesen zu meiner Freude, daß Herr v. A. noch in Pongkéru weilte und daselbst auf meine Ankunft wartete.
Völlig erschöpft, erreichte ich die Talsohle. Hier sah ich mich dem eigenartig schönen Bilde eines Gebirgskampongs gegenüber, dessen Häuser etagenförmig über einander in die steilen Wände hineingebaut erschienen. Herr v. A. hatte im Hause des Kapala Kámpong Wohnung genommen, das sich ziemlich am Ende des langgestreckten Dorfes befand. Ich traf ihn bereits auf meinem Wege dorthin. Er hatte sich in der guten Stube, hier dem Gebetsraum des Herrn Bürgermeisters, häuslich eingerichtet, welches Quartier er nun mit mir teilte. Meine erste Bitte nach dem 10stündigen Marsche war »Trinken«, meine zweite »Essen«, und erst nach Einverleibung von 3 Flaschen Limonade und -- man erschrecke nicht -- vollen 4 Dutzend kleiner Bananen fühlte ich mich zu einer ausführlichen Berichterstattung befähigt. --
Pongkeru ist rings von hohen Bergen umschlossen, durch die der Fluß sich Durchgang erzwungen hat. In diesem Kessel bildet die Doppelreihe der durchweg sauberen Häuschen eine einzige Straße. Mehrere Holzhäuser sind recht ansehnlich und nach buginesischer Manier mit Schnitzereien und bunter Bemalung reich geschmückt. Auf dem steil abfallenden Gelände ruht die hintere Bodenseite des Hauses oft auf der Erde, während die der Straße zugekehrte Seite von 3 m hohen Stützen getragen wird. Für die zahlreich durchwandernden Towuti-Gänger war am äußersten Ende des Dorfes ein großer Unterkunftsschuppen errichtet. Als besonders eigenartig fielen mir in Pongkeru die in den Fensteröffnungen der schmucken Häuschen an Fäden baumelnden Tierfiguren auf. Diese waren aus Dammarharz geschnitten und stellten häufig den Hahn, aber auch Enten, einen Hundekopf und sogar Katzen dar. --
Vor wenigen Tagen erst war der Ort von einem großen Unglück heimgesucht worden. Ein mehr als 30 m breiter Streifen des hoch über dem Dorfe gelegenen Waldes war herabgestürzt und hatte eine Anzahl Häuser mit sich in den Fluß gerissen. Ein Haus war durch einen der niedergehenden Baumkolosse glatt in zwei Teile gespalten worden. Die eine Hälfte mit den darin befindlichen Dammarvorräten wurde in die Tiefe gerissen; der andere Teil des Hauses, in welchem die Bewohner gerade beim Essen versammelt waren, blieb wie durch ein Wunder erhalten. Ein Chaos von Felsbrocken, Schlamm-Massen und entwurzelten Bäumen zog sich meterhoch durch die Dorfstraße hin und bezeichnete den Weg, den die Erdlawine genommen hatte.