Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 10

Chapter 103,262 wordsPublic domain

Der heutige Tag war ein Ruhetag für meine Leute, von mir zu Aufzeichnungen, Besuchen und Erkundigungen über Land und Bewohner benutzt. Die Gesamtziffer der zur Gemeinde gehörigen Einwohner wurde mir auf ungefähr 40 angegeben. Davon hatte sich bereits am frühen Morgen eine Anzahl aus der Umgebung eingefunden. Sie waren durchgehends von knapp mittelgroßer, stämmiger Gestalt. Ihre Hautfarbe war ein dunkles Quittengelb. Der Häuptling schien mir für einen Tolambátu zu herkulisch gebaut und dürfte vielleicht etwas buginesisches Blut in den Adern haben. -- Einige unter den Ortsangehörigen trugen dünne Schnurrbärte, eine um so auffallendere Erscheinung, als Bärte im allgemeinen bei den Bewohnern von Celebes für unschön gelten, ja in gewissen Gegenden sogar als teuflisch verabscheut werden. Das kohlschwarze lange Haar fällt, offen getragen, den Wiwiránern bis über die Schultern herab. Für gewöhnlich wird es, in einen kunstlosen Knoten geschlungen, unter dem Haupttuche verborgen. Ihre Augen fand ich etwas schlitzförmig, die Iris von dunkelbrauner Farbe, die Brauen buschig und öfter nahezu völlig zusammengewachsen, die Nasen kurz angesetzt, die Lippen wulstig aufgeworfen. Letzteres dürfte wohl nur eine Folgeerscheinung des fortwährenden Tabakkauens sein. -- Die gewöhnliche Bekleidung der Leute besteht aus einer durch die Beine gezogenen und um die Hüften geschlungenen Schambinde und einem mehrere Meter langen Tuchstreifen, der turbanähnlich um den Kopf gewunden wird. Bei festlichen Anlässen gesellen sich zu diesen beiden unentbehrlichsten Kleidungsstücken ein kurzes Leinenhöschen à la Buginese, eine knopflose Jacke und ein großes Umschlagetuch. Um den Hals hängt ein Stoff- oder Basttäschchen, welches die Kau-Ingredienzien birgt. Das Tabakkauen gilt auch den Wiwiránern, und zwar beiden Geschlechtern als ein hoher Genuß, von dem sie sich nicht trennen können. Selbst beim Sprechen wird das Priemchen nicht aus dem Munde genommen, eine üble Gewohnheit, unter welcher die Deutlichkeit ihrer Sprache leidet. Nur während des Essens legen sie es sorgfältig beiseite oder verwahren dasselbe in einem kleinen hübsch geflochtenen und speziell für solche Zwecke angefertigten Döschen. Noch öfter jedoch übernimmt, wie ich häufig beobachtet habe, ein gefälliger Nachbar so lange das Weiterkauen des Appetitbissens, bis der Eigentümer in der Lage ist, dieses angenehme Geschäft wieder persönlich fortzusetzen. Diese fast ständig im Munde gehaltenen Tabakpfropfen lassen die Lippen vorgestreckt erscheinen und weiten die Wangen derart aus, daß sie mit den Jahren die Form von Backentaschen annehmen, was durchaus nicht zur Verschönerung der damit Beglückten beiträgt. Als besonders aparten Schmuck trugen in Wiwiráno die jungen Burschen dicht unterm Knie ein Büschel Ziegen- oder Anoahaare, welches bei kleinen Knaben durch einen bunten Wollfaden ersetzt wurde.

Das Auftreten und Benehmen der Leute war unterwürfig und schüchtern. Viel resoluter erschienen mir einige Frauen, die mit großen Augen den nie gesehenen Weißen beguckten und sich auch am Tauschgeschäft lebhaft beteiligten. Unter ihnen befanden sich einige recht ansprechende Gesichter mit auffallend hellem Teint. Die nackten Oberkörper derselben zeigten zart entwickelte, durch das lange Kinderstillen stark deformierte Brüste.

Als letzte Überbleibsel der in früherer Zeit ausschließlich im Gebrauche gewesenen Fuja oder Rindenstoffe fand ich in einigen Hütten noch große rotbraune Umschlagetücher, sowie eine originelle seidendünne Fuja-Frauenjacke, die auf ein kleines Röllchen kunstvoll zusammengefaltet, in der hohlen Hand zu bergen war. -- So außerordentlich armselig die Hütteninterieurs im allgemeinen waren, so machte ich doch in mehreren derselben interessante Dinge ausfindig, die unzweifelhaft einen, wenn auch noch unentwickelten Formensinn verraten. Wie kämen sonst verhältnismäßig recht tief stehende Menschen dazu, so niedlich verzierte Kochgeräte, Pfeffer- und Salzstampfer, Tabakschneidebretter, Medizinbüchsen, Kämme und dergleichen herzustellen! -- Von Musikinstrumenten war auch nicht ein Stück aufzufinden, wenn man von den eingeführten Bronzegongs absehen will, obschon zum mindesten Holztrommeln und Bambusflöten bekannt sein müssen. -- Buschmesser, diese unentbehrlichsten Gebrauchsobjekte der Eingeborenen, wiesen im Wiwiranotale ganz andere Formen auf als bei den Tobela. Diese hier »báde« genannten, in geübten Händen fürchterlichen Waffen verdienen viel mehr die Bezeichnung Schwert, denn Buschmesser. Ihrer bedienten sich auch die »Kopfschneller« bei ihren Menschenjagden, wie sie noch vor kurzer Zeit durchaus nichts Ungewöhnliches waren. Die »báde« werden mit der Schneide nach oben auf der Schulter getragen; sie sind fast stets scheidenlos, und das Schwergewicht derselben ruht in ihrem breit auslaufenden Klingenende. Für wirtschaftliche Zwecke sind die Klingen gewöhnlich bogenförmig geschliffen, während die Kriegsschwerter in schrägen geraden Kanten verlaufen. Die früher allgemein getragenen Lanzen und Speere sind unter der holländischen Regierung streng verpönt. Nach Beendigung des vor kaum 2 Jahren in diesen Gegenden wütenden Guerillakrieges wurden vom Gouvernement die Kriegswaffen konfisziert und vernichtet. Nur mit Waffenpaß versehene Leute dürfen Lanzen für die Jagd oder zur eigenen Sicherheit führen. --

Unter den Nahrungsmitteln der Bevölkerung ist das aus dem Marke der Sagopalme gewonnene Mehl das wichtigste. Die den feuchten Urwald bevorzugende Sagopalme kommt in Südost-Celebes massenhaft vor. Die Verarbeitung geschieht stets an Ort und Stelle, und das erst geschrotene, dann gewaschene und gesiebte Sagoprodukt wird in Rückenkörben fortgeschafft, welche aus den Stammscheiden derselben Palme hergestellt werden. --

Reisbau wird nur in geringem Umfange und ebenso wie der Tabakbau nur für den Eigengebrauch betrieben. Gezogene Fruchtbäume kennt man gar nicht. Seit dem außerordentlichen Aufschwunge des Dammarhandels geht der Feldbau zurück, und die Bevölkerung wendet sich vielfach jener relativ hohen Gewinn bringenden Beschäftigung zu, oder wandert sogar ganz aus, wie das Beispiel Raútas zeigt, dessen frühere Bewohner in die Towuti-Niederung zogen, um mit Transporten über das Gebirge keine Mühe zu haben.

Was nun die Wohnungen der Wiwiráno-Tolambátu anbetrifft, so stellen diese einen sehr merkwürdigen Typus dar, der von den bei den Tobela üblichen Hüttenbauten grundverschieden ist. Ich habe eine solche typische, in einiger Entfernung von Wiwiráno gelegene Tolambátuhütte besucht, und die beigegebene Abbildung gibt das Aussehen einer solchen recht anschaulich wieder. Die darunter befindliche Planskizze soll deren Innen-Einteilung erklären.

Man denke sich den Längsraum unter einem enorm breiten, flach ausladenden Dache in drei Teile geteilt, wie sie die Skizze mit a, b und c kennzeichnet. a ist lediglich ein offener Durchgang unter dem Dache, welcher allerlei häuslichen Beschäftigungen dient, und unter welchem die Reismörser, Wirtschaftskörbe, Dammarvorräte, Brennholz und dergl. ihren Platz finden. Von der Längsmitte dieses Durchganges aus führt ein als Treppe benutzter eingekerbter Stamm zu der aus den Teilen b und c bestehenden eigentlichen Hütte, den Wohnräumen, empor. Diese sind über einem etwa ein Meter hohen Pfahlwerk errichtet und bestehen aus zwei Reihen durch Scheidewände getrennter Kammern (d und e). Der schmale Gang (f) zwischen ihnen stellt den Zugang von der Treppe aus dar. Um diesen Hauptteil der Hütte ziehen sich auf drei Seiten Galerien (h, i und k), von denen h den Aufenthaltsraum für Frauen und Kinder bildet. Die gegenüberliegende Seite i stellt den Küchenraum vor, und die breite Längsplattform der hinteren Seite k ist der den männlichen Familienmitgliedern und Gästen vorbehaltene Platz. Er war ebenso wie die Kemenate völlig mit Matten ausgelegt. In einer Ecke lagen große Haufen noch unsortierten Dammars. Ganze Packe von Dammarfackeln lehnten an den Wänden, und ein praktisches, wenn auch plumpes Holzgestell diente zur Nachtzeit als Fackelträger. -- Der Küchenraum enthielt Kochgeräte aller Art, die aus Holz, Bambus, Kürbisschalen oder Blattscheiden hergestellt waren. Kleingespaltenes Brennholz lag in Bündeln aufgestapelt auf dem Gebälk, und gedörrte Kräuter, als Speisezutaten oder vielleicht auch medizinalen Zwecken dienend, hingen am Sparrenwerk des Daches.

Eine recht peinlich auf die Nerven fallende mephitische Luft und die Unsauberkeit der Insassen machten mir den Aufenthalt im Hütteninnern zur Qual, und ich beeilte mich, wieder an die frische Luft zu kommen.

Von kleineren ethnographischen Objekten konnte ich in Wiwiráno eine ganze Anzahl erwerben, die, wie bereits erwähnt, zum Teil recht hübsche Anfänge von Zierkunst verrieten. Ich hatte auch nach den verschiedenen Gebirgshütten Boten auf die Suche entsandt, die im Laufe des Tages mit manchem guten Stück zurückkamen, so daß ich in dieser Beziehung wohl zufrieden sein konnte. Von den mir speziell erwünschten Kriegsgerätschaften konnte ich allerdings nur wenig erlangen, da mir nur die Nachlese geblieben war. Was da an Helmen, Panzerjacken, Schilden, Bogen und dergl. vorhanden gewesen war, hatte bereits seinen Liebhaber gefunden oder war vernichtet worden. Einige schöne Tolambátu-Schwerter, mehrere feingeschaftete Lanzen, sowie ein paar vielzackige Fischspeere waren die gesamte Ausbeute. -- An diversen anderen Gegenständen, die ich hier erhielt, seien noch erwähnt hübsch geflochtene Frauenhüte, schön gemusterte Speisematten, welche die bei den Buginesen gebräuchlichen, gewölbten Speisedeckel ersetzten, sowie Sitzschürzen von bemerkenswert feiner Arbeit. Die geforderten Preise waren mäßig mit Ausnahme der von dem famosen Kapitan útan erworbenen Gegenstände, welcher für wertlosen Kram Apothekerpreise forderte. Ein Anoa-Gehörn, das ich seiner Schönheit und Größe wegen als Andenken mitnehmen wollte, kostete mich z. B. zwei komplette Khakianzüge. Europäische Gewandung schien es dem Manne einmal angetan zu haben. -- Am Spätnachmittag raffte ich mich trotz meiner bösartig wunden Füße und der schmerzenden, von Buschmilben herrührenden Eiterbeulen an den Beinen zu einer nochmaligen Besteigung des durch Wildfeuer entwaldeten Bergrückens auf, um dort einige Panorama-Aufnahmen zu machen. Bei unserer gestrigen Ankunft an diesem Platze war dies nicht mehr möglich gewesen, da der Apparatträger erst Stunden nach uns ankam. -- Als Beschluß des heutigen Tages galt es noch, die Route des für morgen beschlossenen Rückmarsches festzusetzen, und ziemlich ganz Wiwiráno versammelte sich in unserem Quartiere zur gemeinsamen Bitjára (Besprechung). Es war meine Absicht, von Wiwiráno aus über das Gebirge direkt nach Lingkobále am Towutisee zu marschieren, ohne Raúta nochmals zu berühren. Nun stellten jedoch die beiden Häuptlinge die Behauptung auf, es gäbe dahin keinen Pfad, und es sei unmöglich, durch den Urwald dorthin zu gelangen. Ich stand dieser Aussage skeptisch gegenüber, da Führer und Träger das Vorhandensein eines Pfades wohl nur leugneten, um den Anstrengungen eines Marsches über das hohe, uns von Lingkobále trennende Gebirge zu entgehen. Es kam zu langen Auseinandersetzungen, da ich hartnäckig auf meinem Vorhaben bestand. Der total eingeschüchterte Kapala beteuerte mir jedoch hoch und heilig, es bestände tatsächlich nur die eine über Raúta führende Verbindung mit dem Towuti-See; auch existierte außer Raúta gegenwärtig im ganzen Gebirge kein Kampong mehr. Allein nach Kendári zu, auf einer Strecke von 6 Tagemärschen, fänden sich noch solche. Nach Raúta zu gelangen, gebe es von Wiwiráno aus allerdings noch eine andere Möglichkeit. Man müsse hierbei das Gebirge, über welches wir hierher gekommen waren, umgehen und einem Flußlaufe folgen, in dessen Bette man fast ständig im Wasser und über Felsen hinweg zu marschieren habe. Dies sei also kein eigentlicher Weg, und nur Sago- und Dammarsucher benutzten diesen Buschpfad. Wohl oder übel mußte ich diesen in überzeugungsvollem Tone vorgebrachten Ausführungen Glauben schenken. Dennoch machte ich einen letzten Versuch und bot den Leuten eine dreifache Bezahlung an, wenn sie mich direkt nach Lingkobále führen wollten. Verlegenes Schweigen und die erneute Versicherung der Unmöglichkeit dieses Planes ließen mich von meinem Vorhaben abstehen. Als Resultat der Verhandlungen wurde also beschlossen, die längs dem Flußlaufe nach Raúta führende Wegerichtung einzuschlagen. Spät hernach, als ich mich schon längst zur Ruhe zurückgezogen hatte, hörte ich noch meine Kulis der ungewöhnlichen, sonst den Weibern überlassenen Arbeit des Reisstampfens obliegen, die Vorräte für den Rückweg schafften.

+Wiwiráno -- Raúta+, den 17. September.

Unter beträchtlichen Schmerzen quetschte ich meine kranken Füße in das Schuhwerk und machte mich reisefertig. Die hier erlangten Sammelobjekte waren glücklich in den hierzu recht ungeeigneten, konisch zulaufenden Rückenkörben der in Wiwiráno neu hinzugekommenen Träger verpackt. Zu oberst auf einem der Gepäckstücke thronte in metallischer Farbenpracht ein wilder Hahn (ajam útan), den ich gestern erworben hatte. Ich wollte ihn für die Volière meines Gastfreundes lebend nach Malili bringen. -- Bei all den Vorbereitungen zum Abmarsche war es 7 Uhr geworden, bis wir Wiwiráno endgültig Valet sagten. Dem Kendáriwege folgend, führte unsere Route eine Zeitlang durch Sagodickicht an dem völlig ausgetrockneten Bette eines Baches entlang. Nacktes Gestein trat an beiden Wegeseiten zutage. Allmählich wurde der Pfad romantischer, und wir gelangten an einen tiefen, klaren Wasserlauf, der sich um eine hohe Felsenburg herumwand. In den Klüften der senkrecht abfallenden Wand sollen Salanganennester zu finden sein. -- Nunmehr rückten die Bergzüge auf beiden Seiten nahe zusammen, ein Defilee bildend, das uns zu einem anmutigen waldumrauschten Tälchen führte. Auch die jenseitige Ausgangspforte desselben war in fast gleicher Weise durch solche granitenen Wände gebildet. Dieser versteckte idyllische Talgrund sollte mir unerwartet eine wichtige Entdeckung bringen, die allein den Weg vom Towuti hierher gelohnt hätte. Ziemlich in der Mitte einer Wiesenfläche waren nämlich zwei Maste von drei, bezw. fünf Meter Höhe in die Erde gepflanzt. Diese Holzsäulen wiesen eine merkwürdige Schnitzarbeit auf, indem ihre einzelnen Glieder durch je zwei Doppelreihen von eingekerbten Ringen zu zapfenförmigen Gebilden umgestaltet wurden, die, einen Meter über dem Boden beginnend, sich nach oben hin immer mehr verjüngten. Der größere dieser Pfosten zeigte 24 solcher konisch geformten Zapfenglieder von je 15 cm Höhe. Der zweite, kleinere Mast hatte nur 8 solcher genau ebenso geformten Ringzapfen aufzuweisen. Es waren dies »tuóra« genannte Siegessäulen der Tolambátu, und jeder Zapfen derselben bedeutete einen Triumph der Kopfjäger dieses Stammes, -- einen erbeuteten Menschenschädel (s. Taf. V).

Kamen früher, in einer kaum ein paar Jahre zurückliegenden Zeit die zur Kopfjagd ausgezogenen Krieger mit erbeuteten Köpfen als Trophäen zurück, so wurden an diesem Boawúa genannten Platze Freuden- und Opferfeste veranstaltet. Daran schlossen sich Kriegstänze, in denen der Verlauf der Kopfjagd mimisch dargestellt wurde. Zur bleibenden Verherrlichung der vollbrachten Heldentaten aber errichtete man die Tuóras, die der Nachwelt die Zahl der getöteten Feinde anzeigen sollten. -- Hierzu sei bemerkt, daß diese Kopfjägerei mit Anthropophagie durchaus nichts zu tun hatte, obwohl das Gehirn der erschlagenen Opfer verzehrt wurde. Dies geschah aber nur aus Aberglauben und religiösen Gründen, nämlich in der Meinung, daß man durch den Genuß eines Gehirnpartikelchens vor der Rache des Geistes des Erschlagenen geschützt sei. -- Die Schädel selbst wurden dann später im Häuptlingshause aufbewahrt. Die Veranlassung zu den feigen Überfällen bei einer Kopfjagd, vor denen auch Weiber und Kinder nicht sicher waren, dürfte gleichfalls in Kultgebräuchen wurzeln, wonach z. B. die Söhne eines verstorbenen Häuptlings verpflichtet waren, je einen Schädel zu beschaffen, bevor der Tote begraben wurde. Auch die Sánru, die Zauberer, veranlaßten Kopfjagden, angeblich um Mißernten oder Seuchen fernzuhalten. Die Angriffe von rückwärts motivierte man mir damit, daß es auf diese Weise dem Geiste des Erschlagenen unmöglich sei, seinen Mörder zu erkennen.

Es fiel mir schwer, diese kurzen Angaben aus meinen Begleitern herauszubekommen. Sie wollten von nichts wissen, während wohl mancher unter ihnen gewesen sein mag, der selbst noch die Tuóras mit umtanzt hatte.

Nach einigem Verweilen bei diesen Zeugen aus Celebes’ düsterster Zeit überquerten wir den Talgrund Boawúa und bogen kurz hernach vom Kendáripfade ab, um über Stock und Stein eine Felsenwand hinanzuklettern. Nach diesem vielversprechenden Anfang gelangten wir auf einen zwischen Wäldern eingebetteten Wiesenstreifen, auf dem wir gemächlich dahinwanderten. Geschlossene Bestände dunkel schimmernder Dammarbäume gaben der Scenerie einen leisen Hauch von Melancholie, ohne ihre Anmut zu beeinträchtigen. Aber nicht lange sollten wir uns eines genußreichen Gehens über grüne Fluren erfreuen; wir hatten das unseren ferneren Weg markierende Bergflüßchen schon erreicht, und die mir gestern prophezeite Wasserwanderung begann. Das Vergnügen hatte damit ein Ende gefunden. Nahezu 5 volle Stunden marschierten wir im Flußbette dahin, das wir nur beim Abschneiden einer Krümmung verließen. Abgesehen von den körperlichen Anstrengungen, ist eine solche Wanderung im Bette eines tropischen Wasserlaufes etwas Herrliches. Licht und Sonne finden hier freien Zugang, und die belebende Nähe des Wassers entwickelt die Ufervegetation zu höchster Entfaltung. Farbenprächtige Teppiche von gelb, rot oder violett blühenden Schlinggewächsen bieten den leicht beschwingten Vertretern der exotischen Insektenwelt bevorzugte Rendezvous-Plätze. Darüber leuchteten wie lodernde Flammen die handgroßen roten Blüten eines hohen Baumes aus stolzer Höhe herab. Sonne und Wasser zaubern aber nicht nur unvergleichliche Naturgärten hervor, schaffen nicht nur Tummelplätze für eine tausendfältige Kleintierfauna, sondern locken auch die Vogelwelt in diese Urwaldoasen. Die entzückenden Honigsauger, kleine Sänger, Erddrosseln, Zwergtauben und -papageien sind am leichtesten hier zu beobachten.

Einmal begegneten uns während des Marsches zwei mit Sagokörben schwer bepackte Tolambátumänner. Die fast nackten tiefbraunen Gestalten, bewehrt mit langgeschafteten, schweren Lanzen, die als Waffe und Stütze gebraucht werden, fügten sich ganz prachtvoll in die Umgebung. Eilends, mit scheuem Gruß zogen sie vorüber. Gleich den Tieren des Waldes fürchteten auch sie die Nähe der ihnen fremden Menschen.

Ein anderes Urwald-Intermezzo. Ein paar leuchtende Punkte fesselten plötzlich meinen Blick. Stehenbleibend, gewahrte ich in halber Manneshöhe auf dem Riesenblatte einer Sumpfpflanze eine feuerrot und schwarz gebänderte auf Beute lauernde Schlange. Durch das Geräusch unserer Schritte erregt, richtete sie sich hoch in Angriffsstellung auf. Der Kopf mit den tückisch funkelnden Äuglein wippte zornig hin und her, und die gespaltene Zunge bewegte sich mit fabelhafter Behendigkeit in dem weit aufgesperrten Rachen. Behutsam steckte ich meinen Gehstock in die Ringe des zusammengerollt daliegenden Reptils und schleuderte es unverletzt in die Büsche.

Um die zweite Nachmittagsstunde verließen wir das Flüßchen endgültig, um ganz in seiner Nähe auf einen Fußpfad zu stoßen, welcher uns durch lichter werdenden Laubwald in kaum einer halben Stunde an das Ufer des prächtigen Wuáki-Flusses führte. Hier ließen mir die säumigen Kulis Zeit zur Betrachtung der malerischen Flußscenerie, wobei wir den Spaß erlebten, eine der abenteuerlich gestalteten riesigen Kammeidechsen (Lophura amboinensis) beim Landspaziergange zu überraschen. Der Anblick des augenblicklich Schreckstellung einnehmenden Waranes, der mit hoch aufgerichtetem Rückenkamme in rasender Flucht dem Flusse zueilte, war ebenso belustigend, wie prachtvoll. Mit gewaltigem Schwunge stürzte sich die Echse kopfüber in das hochaufspritzende tiefe Gewässer, wo sie sofort verschwand, um erst weit entfernt an verborgener Uferstelle wieder aufzutauchen.

Inzwischen waren meine Leute nachgekommen und warfen hastig ihre Lasten ab, um im Flusse ein Bad zu nehmen. Dabei machte ich die artige Beobachtung, wie meine schwitzenden Kulis am Flußufer ihren Durst stillten. Ich stellte zwei Varianten des Trinkens fest. Bei der ersten derselben tranken die Lambátu nach Art mancher Tiere, indem sie bis zur Brusthöhe in das Wasser gingen, sich zum Wasserspiegel niederbeugten und das köstliche Naß ohne Zuhilfenahme der Hände einschlürften. Bei der zweiten Art benutzten die Leute zum Trinken die hohle Hand, aber nicht etwa auf die Weise, daß sie das damit geschöpfte Wasser zum Munde führten, sondern indem sie den in den zusammengefalteten Händen befindlichen Wasservorrat aus ziemlicher Entfernung in den geöffneten Mund schleuderten. Ein von mir gemachter Versuch mißlang kläglich und trug mir das Spottgelächter der Zuschauer ein.

Es trennte uns jetzt nur noch eine kurze Wegestrecke von Raúta. Den Wuáki-Fluß überschritten wir trockenen Fußes auf einem Riesenstamm, den die Eingeborenen wohl nur deshalb gefällt hatten, um ihn als Brücke zu benutzen. Drüben folgten wir dem hier einmündenden Raúta-Bache durch sein schmales Tal, wobei wir mehrere Male auf Spuren früherer Besiedelung stießen und einige Gräber auffanden. Weite Flächen des Talgrundes waren mit Himbeergesträuch bewachsen, von dem wir ganze Hände voll köstlich mundender Früchte pflückten. -- Gegen 4 Uhr zog ich zum zweiten Male in Raúta ein. Spät abends machte ich noch eine Blitzlichtaufnahme von meinem Lager. Die Vorbereitungen hierzu und der grelle Lichtschein des Magnesiums hinterließen bei meinen Leuten einen nachhaltigen Eindruck. Sie hielten mich mindestens für einen Zauberer, und noch lange hörte ich sie über das wunderbare Ereignis debattieren.

+Raúta -- Tokolímbu+, den 18. September.

Ein kritischer Tag erster Ordnung. Ich hatte erst am frühen Morgen etwas Schlaf gefunden, aus welchem mich das rücksichtslos laute Korangeplärr des uns begleitenden Buginesen weckte, der um 3 Uhr morgens das Bedürfnis fühlte, seinen religiösen Gefühlen einen hörbaren Ausdruck zu verleihen. Als ich ihn ziemlich energisch zur Ruhe verwies, nahm er dies zwar schweigend, aber völlig verständnislos hin. -- Unzählige Male konnte ich auf meinen Reisen die unglaubliche Langmut der Inselasiaten feststellen, welche bei solchen Attentaten auf ihre Nachtruhe völlig empfindungslos bleiben und in vollster Gemütsruhe jede Störung über sich ergehen lassen. Beinahe ebenso erstaunlich aber ist die Naivität, mit welcher derartige Skandalmacher das Ruhebedürfnis anderer verletzen. Ein schlafloser Kuli zum Beispiel fühlt sich bemüßigt, sich mitten in der Nacht die Zeit mit lautem Gesange zu vertreiben. Neben ihm liegt ein Dutzend todmüder Gefährten. Sie erwachen aus dem Schlafe, erkennen die Ursache der Störung und -- drehen sich, ohne ein Wort zu verlieren, auf die andere Seite. -- Beim Marengotanze stampfen und johlen die Leute ganze Nächte hindurch. Dicht daneben, ja sogar im gleichen Raume schlummern Frauen mit ihren Säuglingen und halbwüchsigen Kindern süß und friedlich, taub bei all dem Höllenlärm.