Unter Kopfjägern in Central-Celebes

Part 14

Chapter 143,258 wordsPublic domain

Das Kulturtal von Simbuang-Mápak bildete die Eingangspforte zum Herzen der Toradja-Lande, und es drängte mich, rasch ins Dorf zu kommen. In hastender Eile wurde die letzte kurze Strecke zurückgelegt. Das erste, was mir in der Niederung in die Augen fiel, waren Toradja-Felsengräber. Diese »liang« sind nicht zu verwechseln mit den in Südost-Celebes gefundenen Totenhöhlen der Tolambátu. Dort handelte es sich um keine eigentlichen Gräber, sondern um Gebeinstätten, die dem ganzen Stamme gehören, während ich hier wirkliche, in das Gestein eingemeißelte Grüfte vor mir hatte. Da ich noch öfter Gelegenheit haben werde, auf den in vieler Beziehung merkwürdigen Totenkult der Toradja zurückzukommen, beschränke ich mich jetzt auf eine kurze Beschreibung. An einer steilen, glatten Wand des eben üherschrittenen Berges befanden sich in einer Höhe von 6-10 m über der Talsohle ungefähr ein Dutzend Felsenkammern. Angesichts ihrer Unzugänglichkeit konnte von einer Besichtigung derselben keine Rede sein. Ersichtlich war nur, daß die einzelnen Kammern durch sorgfältig der Felswand eingefügte, weiß und rot bemalte Holztüren verschlossen waren. Die Türöffnungen bildeten Quadrate von etwa ¾ m Seitenlänge. Von einer Planmäßigkeit in der Anlage war nichts zu bemerken. Die Gräber befanden sich regellos über- und nebeneinander, je nachdem sich die Felsenfläche gerade zur Bearbeitung geeignet erwiesen hatte.

Die Felsenvorsprünge oberhalb der Liang waren mit Scharen weißer Kakadus (Cacadua sulfurea) bevölkert. Dem Vernehmen nach stehen diese Vögel in einem gewissen Zusammenhange mit der Totenverehrung der Toradja und werden durch regelmäßiges Füttern an die Nähe der Felsengrüfte gewöhnt. Die unleugbare Bevorzugung dieser Plätze läßt sich jedoch auch ganz gut anders erklären, indem die hungrigen Vögel sich rasch genug mit den bei den Liang niedergesetzten vollen Reis- und Maisschüsseln befreunden werden. Die gewöhnlich scheuen und wilden Kakadus sind an derartigen Lokalitäten ganz zutraulich, und ließen uns auch hier nahe herankommen. Ebenso zahm benahm sich ein großer Habicht, als wir uns den Liang gegenüber unter einem alleinstehenden Baum lagerten. Der Raubvogel ließ sich durch die Menge lärmender Menschen direkt unter seinem hohen Sitz durchaus nicht in seiner Ruhe stören. Flüge von Kakadus, die von den Felsenwänden herübergestrichen kamen, ließen sich dicht neben dem sonst so gefürchteten und gehaßten Räuber nieder, ohne daß dieser die geringste Notiz von ihnen zu nehmen schien. Raubvögel traten vom Mápak-Tale an überhaupt häufig auf; ich konnte während unseres Durchmarsches wenigstens 8 verschiedene Arten unterscheiden.

Um zu dem auf einer kleinen Anhöhe gelegenen Dorfe hinüberzugelangen, hatten wir die vor uns liegenden Reissümpfe auf kaum fußbreiten Dämmen zu überschreiten, wie sie die einzelnen Reisbeete voneinander trennen. Die Hütten waren nach dem von der Küste her eingeführten Typ erbaut und boten nichts Außergewöhnliches. Da wir noch Makále erreichen wollten, durften wir uns ohnedies nicht lange aufhalten. Rasch wurde noch der nächstbeste Mann im Dorfe veranlaßt, uns ein paar junge Kokosnüsse herunterzuholen, für welchen Liebesdienst er mit einem Silberling belohnt wurde. Der vielfach gehörten Behauptung, daß der Genuß junger Clapas (Kokosnüsse) der Gesundheit unzuträglich sei und Fieber und Dysenterie herbeiführe, kann ich nicht beipflichten. Trotz häufigen und reichlichen Genusses junger Nüsse auf allen meinen Expeditionen hatte ich niemals unter der geringsten unangenehmen Nachwirkung zu leiden. Allerdings genoß ich stets nur das Fruchtwasser und nie das Mark.

In geringer Entfernung von Mápak kamen wir an dem Pásarplatz Leálung vorüber. Die Fortsetzung der sich weithin erstreckenden Ebene bildeten Sawas, die hier bereits unter Wasser gesetzt waren, so daß man glauben konnte, einen seichten See vor sich zu haben. Die Eigenart des ungewöhnlichen Landschaftsbildes wurde außerdem durch mittelhohe Randgebirge bedingt, aus deren weichem Gestein die Erosion bizarr geformte Spitzen und scharfe Grate herausgearbeitet hatte. Die abenteuerlich gestalteten Felsen verliehen der Scenerie ein seltsames und äußerst eindrucksvolles Gepräge. Besonders auffallend waren frei in der Ebene stehende und gegenwärtig wasserumspülte Kegel, die steil aus dem Reissumpfe emporragten. Einer derselben, auf dessen kleiner Plattform gerade noch ein knorriger Baum Platz gefunden hatte, war einem Dewáta (Gott) geweiht, und seine steilen Wände waren von Gläubigen über und über mit Bambusstäbchen besteckt, in welchen Sirihopfer eingeklemmt waren.

Immer die Mitte des sich mehr und mehr verengenden Talgrundes einhaltend, gelangten wir zuletzt in ein wahres Felsen-Defilé. -- Während des erst kurze Zeit zurückliegenden Aufstandes gegen die holländische Regierung hatten die Toradja die strategischen Vorzüge dieses Engpasses wohl zu nutzen verstanden. Das durchmarschierende Militär wurde hier mit heruntergerollten Felsenstücken bombardiert und hatte einen harten Stand gegen die in unangreifbarer Position eingenisteten Feinde.

In diesen Schluchten gab es Unmengen zierlicher und herrlich gefärbter Bienenfresser (Meropogon centralis), die hier ideale Nistgelegenheit fanden.

In den Randgebirgen dieser Gegend waren überall zahlreiche Felsengräber. So sah ich unweit unseres Pfades wohl 20 m hoch an einer senkrecht emporsteigenden Berglehne eine bedeutende Menge solcher Grüfte. Diesen benachbart, klaffte hoch oben in der Wand ein tiefer Schlund, eine äußerlich schmale, sich nach innen zu beträchtlich erweiternde Gesteinspalte. Diese Schlucht diente der schauerlichen Bestimmung eines permanenten Massengrabes. Nicht alle Toradja sind in der Lage, sich Mausoleen ausmeißeln zu lassen; ärmere Leute bestatten ihre Toten an dieser Stätte. Man hüllt zu diesem Zweck die Leichen, gleichviel ob Mann, Frau oder Kind, in weiße Laken und schnürt sie auf ein schmales Brett. So verpackt, werden sie von ihren Angehörigen nach der erwähnten Schlucht transportiert, dort an Seilen hochgezogen und sonder Ceremonie in die gähnende Tiefe geworfen! -- Unmittelbar neben diesem Orte des Schreckens hebt sich von einer Felsenplatte, wie mit dem Glase deutlich zu erkennen war, eine tiefschwarz erscheinende sitzende menschliche Figur ab, die anscheinend ein Kind in den Armen hält. Die Proportionen dieser Figur sind weit über lebensgroß, und die Toradja halten das Bildnis für einen Dewáta. Der immerhin beträchtlichen Entfernung halber konnte ich nicht feststellen, ob es sich dabei um eine Malerei oder ein Spiel der Natur handelte. Die Eingeborenen glauben jedenfalls an eine übernatürliche Entstehung dieses Bildnisses, und vor allem sind es Frauen, welche hierher pilgern, um dem Gotte zu opfern und ihm ihre Wünsche und Sorgen zu offenbaren.

Im weiteren Verfolge unserer Marschrichtung nach Makále zu überschritten wir einen niedrigen Höhenzug, wobei wir an einer dicht am Wegerande befindlichen Opferstelle vorbeikamen, die den Wegegeistern errichtet worden war. Der Pfad führte hier an einer niedrigen, von Reissümpfen begrenzten Lehne entlang. Im weichen Sandstein der steilen Böschung hatte man eine Menge kleiner, ovaler oder halbkugeliger Höhlungen ausgemeißelt. Jedes einzelne dieser Löcher enthielt eine Opfergabe an Tabak oder Sirih. Alle hier vorüberkommenden Wanderer haben der Opferpflicht nachzukommen, sollen die nach Toradja-Glauben an diesem Orte hausenden Dewáta nicht erzürnt werden. Sämtliche uns begleitenden Toradja brachten den Wegegeistern ihren Tribut. Auf meine Frage, ob wir anderen denn nicht auch opfern müßten, meinten sie naiv: wir hätten es nicht nötig; denn wir seien den Dewáta fremd, und diese fürchteten sich vor uns. Ihre Rache würden sie jedoch an den Eingeborenen auslassen, und um dem vorzubeugen, wurde der Sirihgabe noch ein kurzes Stoßgebet -- eine extra starke Beschwörung -- hinzugefügt. Der Gebrauch basiert auf der Gepflogenheit der Toradja, alle Unannehmlichkeiten und Widrigkeiten des Lebens dem Einflusse böser Geister zuzuschreiben. Im vorliegenden Falle hatte die Anlage des von der Opferstelle ab beginnenden Knüppeldammes mitten durch die Reisfelder der Bevölkerung zweifellos harte Arbeit gekostet. Schwierigkeit aber ist dem Eingeborenen gleichbedeutend mit Widerstand der am Orte hausenden Geister. Diese also mußten versöhnt werden und in guter Stimmung erhalten bleiben, und deswegen spendet jeder Passant sein Scherflein.

Seitlich an diesem aufgeschütteten Wege fielen mir wiederholt lange, in den Boden gesteckte Bambusgerten auf, die mit Stofflappen und darangeknüpften Sirihpäckchen behängt waren. In allen Fällen hatte man daneben einige Exemplare des heiligen roten Blattes in den Boden gesteckt. Auch dieser Zauber bedeutete eine Dewátabeschwörung. Jede dieser Bambusstangen kennzeichnete nämlich eine besonders böse Wegestelle. Vielleicht fand hier einmal ein Dammbruch statt, oder einem der Arbeiter war ein Unfall zugestoßen -- ein untrüglicher Beweis für die Anwesenheit eines menschenfeindlichen Dämons der durch den hier angebrachten »Zauber« beschwichtigt, resp. unschädlich gemacht werden sollte.

Ziemlich weitab vom Wege sahen wir bald in einem der Talzüge die allseitig von Sawas umgebene Toradja-Festung Tondong-Sueia liegen. Sie stellte ein Gruppengebilde der zahlreichen, diesen Gegenden eigenen, isoliert liegenden Felsengruppen dar, welche die Bewohner dieser Landschaft durch Verhaue und Umwallungen in eine Bénteng umgewandelt hatten. Jeder Vorsprung und jeder freie Fleck auf dem Berge war von einer ihrer Wohnhütten besetzt. In Kriegszeiten mußte diese Felsenburg unschwer gegen feindliche Angriffe zu verteidigen sein. In den vergangenen kriegerischen Zeiten galt es bei den Toradja als Regel, Dörfer auf schwer zugänglichen Plätzen anzulegen. In ursächlichem Zusammenhange mit dieser durch die regelmäßigen Raubzüge ihrer luwuresischen Nachbarn gebotenen Vorsicht dürfte vielleicht auch die Bestattung ihrer Toten in unzugänglichen Felsengrüften stehen. Nach uralter Sitte geben die Toradja vornehmer Herkunft ihren Abgeschiedenen den bei Lebzeiten getragenen Schmuck und außerdem reiche Gaben an Gewändern, Geschirren usw. mit in die Gruft. Diese bildeten somit bei räuberischen Überfällen willkommene Beute. Es hat also wohl einige Wahrscheinlichkeit für sich, daß die Bevölkerung, um ihre hoch in Ehren gehaltenen Gräber vor Schändung durch Feindeshand zu bewahren, auf den Gedanken kam, diese in nicht ohne weiteres erreichbaren Felswänden anzulegen! Im ganzen übrigen Central-Celebes sind diese Liang völlig unbekannt.

Bei der Ortschaft Pásang wurde die Talebene von Tondong-Sueia durch einen Höhenzug mit nahezu senkrecht abfallenden Wänden abgeschlossen. -- Sogar auf schmalen Rändern und Vorsprüngen hatten sich Toradja-Hüttchen eingenistet, die gleich Schwalbennestern an den Felsen klebten. Es war schwer zu verstehen, wie Frauen und Kinder diese Gemspfade und Leiterkombinationen auf und nieder zu steigen vermochten. Daß es sich bei diesen für die Bewohner selbst so unbequemen Wohnungsanlagen um nichts anderes als um Sicherung vor Sklavenjägern handelt, war in Pásang leicht festzustellen. Alle diese Berghütten stammten noch aus älterer Zeit, während nach Beendigung der Kriegswirren sofort ein neues Dorf angelegt worden war, und zwar in einer bequem zugänglichen Einsattelung am Fuße des Gebirges.

Ein durch die Felsen gebrochener Hohlweg brachte uns über den Ausläufer hinweg, auf dessen anderer Seite wir bereits die Zinkdächer der Station Makále aus der Ferne herüberblitzen sahen.

Makále ist das zweitgrößte Kulturcentrum des Landes und Sitz eines Regierungsbeamten, der Militär- und Civilgewalt in sich vereinigt. Ziemlich genau in der Mitte des ungefähr eine Stunde langen Tales ist die Station angelegt. Klippenreiche Gebirgszüge umsäumen es, die eine wirkungsvolle Umrahmung des Landschaftsbildes abgeben. Eine Viertelstunde vor Makále liegt das von Reissümpfen umgürtete Felsennest Tondong-Dandelólo, einst Residenz des Puang Taróngkong, des Fürsten von Makále. Gleich Tondong-Sueia ist auch diese Toradja-Feste auf einem das Land ringsum beherrschenden Felsenhügel gelegen.

Wir erreichten den behaglich eingerichteten Pasangrahan der Station gegen 5 Uhr nachmittags, kurz vor Ausbruch eines heftigen Gewitters. Nach Restaurierung unseres äußeren Menschen statteten wir dem Platzkommandanten Herrn Hauptmann Nobel unsern Besuch ab und fanden bei ihm freundlichste Aufnahme. Unter seiner Führung besichtigten wir die kleine regelmäßig angelegte Station, die einen vorzüglichen Eindruck machte. Sie besteht im wesentlichen aus den Dienstgebäuden für das hier stehende Militär, einem Lazarett, Bureaus und dem hübschen Hause des Kommandanten. Auch Spielplätze und Anlagen fehlen nicht. Das Militär wird zu regelmäßigen Streifzügen in die entfernteren Bezirke, sowie zu polizeilichen Diensten verwendet. So befriedigend es für den Chef der Station sein muß, an diesem entlegenen Vorposten der holländischen Macht nahezu autokratisch wirken zu können, so wenig dürfte dies eine volle Entschädigung für die Entbehrung des Umganges mit Europäern sein. Es war daher zu verstehen, daß Herr Hauptmann Nobel es bedauerte, daß wir schon am nächsten Morgen unsern Marsch fortsetzen wollten.

Das Interessanteste des Makále-Tales war für mich die Benteng Dandelólo und ihr Beherrscher, der Puang Taróngkong. Bei der Kürze unseres Aufenthaltes war es schwierig, die Bekanntschaft des Fürsten zu machen; doch dank der Verwendung des Herrn N. kam ein Arrangement zustande, demzufolge der Fürst noch im Laufe des Abends mit Gefolge nach Makále herüberkam und uns im Pasangrahan aufsuchte.

Puang Taróngkong wird von seinen Untertanen hochverehrt und von ihnen als ein Sohn des obersten Himmelsgottes angesehen. Er war ein kleiner untersetzter Herr mit schlauem Gesichtsausdruck. Trotz redlichsten Bemühens vermochte ich nichts Göttliches an ihm zu finden, wenn man nicht vielleicht sein joviales Wesen als solches ansehen will. Seinen Stammbaum führt er, wie schon erwähnt, bis auf Puang Matówa, den obersten Himmelsgott, zurück. Nach der Toradja-Legende kam Puang Matówa bei Makále vom Himmel zur Erde herab, um hier eine Prinzessin der Unterwelt zu heiraten. Dieser Ehe entsprossen 3 Söhne und mehrere Töchter. Als die Kinder groß geworden waren, kam es zu einem Riesenkampfe zwischen den Himmelsgöttern und den Geistern der Unterwelt, welch letztere die Gemahlin Puang Matówas mit Gewalt in ihre Heimat zurückholen wollten. Wirklich gelang es ihnen, die Prinzessin und deren Töchter in die Unterwelt zu entführen. Von den zurückgebliebenen Söhnen aber ging der eine nach Góa und herrschte dort als Fürst über ganz Süd-Celebes bis Duri. Der zweite ergriff Besitz vom Königreich Luwu bis Koláka; während der letzte und älteste die Toradja-Lande und die im Norden von Celebes gelegenen Fürstentümer als Erbe überkam. Zugleich erhielt dieser älteste als Zeichen seiner göttlichen Abkunft das Himmelsschwert Dóso. Von den 3 Brüdern erhielt nur er sein Blut rein, und die Toradja behaupten deswegen, daß im kleinen Finger ihres Fürsten weißes Blut fließe. Bei ceremoniellen Anlässen trägt der Puang Taróngkong silberne Schutzhüllen an beiden kleinen Fingern.

Der hohe Besuch wurde von uns natürlich auf das beste empfangen. Alle mitgebrachten Schätze wurden dem Fürsten vorgelegt, und einige Geschenke erregten seine besondere Freude. Der Landessitte gemäß ließen wir als Getränk den Fruchtsaft der Arengpalme kredenzen. Das von den Toradja sehr geschätzte, leicht säuerlich schmeckende Getränk (bálok) mundete in der Tat ganz angenehm und erinnerte etwas an guten Most. Nach der Gärung ist der Palmwein herb und bitter, wirkt stark berauschend und ist schließlich nur noch für Eingeborene genießbar. In vorgeschrittener Stunde erst verließen uns unsere Besucher, nicht ohne daß der Fürst mir bereitwilligst die Erlaubnis erteilt hatte, ihn bei unserem Gegenbesuche in Dandelólo photographieren zu dürfen.

+Makále -- Bilálang+, den 2. Oktober.

Die Halme der Reisfelder waren noch schwer vom Morgentau, als wir uns bereits auf dem Wege zur Feste Tondong-Dandelólo befanden. Gewiß waren die dahinführenden Pfade durch die Reissümpfe wenig angenehm; was aber wollte dies heißen gegenüber dem schauderhaften Aufstieg zur Benteng selbst! Da hausten nun diese Menschen seit Generationen hinter ihren Felsenmauern, ohne daß einer auf den Gedanken gekommen wäre, einen halbwegs gangbaren Pfad zu schaffen. Unverdrossen schleppen die Frauen der hier wohnenden Familien tagaus tagein die schweren Wasser-Bambusse oder Lasten vom Felde die steilen Felsenhänge hinan. -- Um den unteren Gürtel der Feste zog sich eine Art Bastion, hinter welcher meterhohes Unkraut wucherte. Ziemlich weit oben erst standen regellos zerstreut die hochgiebeligen, eigenartig aussehenden Wohnhütten, um die sich künstlich errichtete Steinwälle herumzogen, die nur einen schmalen Gang um die Behausungen freiließen. Dürftigkeit und Raummangel drückten den Hütten ihr Signum auf.

Der Puang Taróngkong in höchsteigener Person erwartete uns auf der ersten Plattform der Benteng. Umgeben von einigen Vertrauten und 2 Lanzenträgern empfing uns der Fürst in vollem Ornate. Es kostete uns Mühe, angesichts seiner Ausstaffierung die Fassung zu bewahren. Der wohlbeleibte hohe Herr steckte in kurzen Kniehöschen, deren Farbe noch schüchtern an einstiges unschuldsvolles Weiß erinnerte. Den robusten Oberkörper umhüllte schamhaft ein auf dem bloßen Leibe getragener dicker dunkelblauer Tuchrock, vermutlich ein älteres holländisches Uniformstück, das dunkles Schicksalswalten nach Central-Celebes verschlagen hatte, um es hier zu neuen, hohen Ehren erstehen zu lassen. Die Brustseite dieser Galajacke war mit messingnen Zierknöpfen in phantasievoller Anordnung benäht. Über dem Rocke trug Puang Taróngkong den Lámbung, das weiße Hüftentuch, schärpenartig um die Lenden gewunden, darunter, vom Tuche völlig bedeckt, das Himmelsschwert Dóso. Bei den Toradja wie bei den Luwuresen gilt das Offentragen des Schwertes als ein Zeichen kriegerischer, wenn nicht feindlicher Gesinnung. Es bedurfte daher wiederholter Bitten, ehe sich der Fürst zu dem etikettenwidrigen Vorzeigen des Himmelsschwertes, seines kostbarsten Besitzes, entschloß. Meine schon nicht großen Erwartungen, eine Prunkwaffe sehen zu können, sollten enttäuscht werden. Es handelte sich bei dem Staatsobjekt um ein nach europäischen Begriffen recht unscheinbares Stück, dessen kurze gerade Klinge sich allerdings durch sehr schönen Pamur auszeichnete. Historisch und von allen anderen in Celebes existierenden Formen abweichend war an dem Schwerte nur der aus feinem Pelée-Holze geschnitzte Griff. Der Tradition nach wurde dieser absonderlich gekrümmte Schwertknauf einst in einem heiligen Waringinbaume gefunden. Seit dieser Zeit wurden Schwerter mit dieser Grifform von den Fürsten und Vornehmen der Toradja für ihren ausschließlichen Gebrauch in Anspruch genommen, und kein gewöhnlicher Mann darf eine solche Waffe tragen. Derartige Pusáko-Objekte (uralte Erbstücke) gelten als unveräußerlich, und kein Preisangebot vermag den Besitzer zur Hergabe eines solchen zu bewegen. Die Zähigkeit, mit welcher derartige Objekte von ihrem Eigentümer festgehalten werden, erklärt sich daraus, daß in Ermangelung schriftlicher Urkunden adelige oder fürstliche Abstammung nur durch solche wertvolle Familienerbstücke bewiesen werden kann.

Die Vervollständigung der originellen Kostümierung Puang Taróngkongs bildete ein Unikum von Kopfbedeckung. Ein alter Tropenhelm europäischer Provenienz war anläßlich seiner neuen Bestimmung, ein Fürstenhaupt zu schmücken, rot angestrichen worden. Den derart veredelten Filz hatten Künstlerhände über und über mit kleinen, aus Goldpapier geschnittenen Hahnenfiguren beklebt, während an der Stirnseite ein paar stilisierte Büffelhörner aus demselben Material prangten. Unter dem Helme trug der Fürst noch das gewohnte Kopftuch (úlang) um die Stirn gewunden, dessen 4 Zipfel seitlich und rückwärts hervorstanden. Im drolligen Gegensatze zu dem feierlichen Aufputze des Fürsten standen seine nackten dicken Waden und bloßen Füße, und man wird zugeben, daß es nicht ganz leicht war, dabei ernst zu bleiben. Lediglich der die Brust Puang Taróngkongs schmückende Oranje-Orden enthob mich jeden Zweifels, einen anerkannten Landesfürsten vor mir zu haben.

Nach den Empfangspräliminarien beeilte ich mich, meine mitgebrachten Geschenke, eine Halskette für den Fürsten und einige Perlenketten für seine Frauen, zu überreichen. Ich erwarb mir dadurch seine Huld in so hohem Grade, daß er mir als Gegengabe sofort eine Lanze und einen interessanten alten Schild aus Büffelhaut mit Muschelschmuck überreichen ließ. Nunmehr erfolgte die photographische Verewigung des Herrschers und hernach unter seinem persönlichen Geleit die Besichtigung der Benteng.

Die frühere Bedeutung Tondong-Dandelólos ist seit Begründung der Regierungsstation Makále stark im Zurückgehen begriffen. Der Fürst und die angeseheneren Familien haben sich im Tale neue, bequemere Wohnhäuser erbaut, so daß die gegenwärtigen Bewohner des Felsennestes fast durchgehends der weniger bemittelten Klasse angehörten. Außer einigen wenigen ansehnlichen Holzhäusern mit schön und kühn geschweiften, weit vorspringenden Dächern fand ich daher nur gewöhnliche Bambushütten, unter denen sich Rudel kleiner Schweine herumtrieben. Als Wohnstättengebiet hinterließ mir Tondong-Dandelólo somit keinen besonders erfreulichen Eindruck. Die Dürftigkeit der Hütten wurde jedoch wettgemacht durch die hochinteressanten Felsengräber, welche ich hier besichtigen konnte. Überall in den hohen Gneiswänden waren Grüfte mit quadratischer oder rechteckiger Eingangsöffnung ausgemeißelt. Die Himmelsrichtung scheint bei der Anlage der Liang von keinerlei Bedeutung zu sein. So öffneten sich die bei Mápak gefundenen Gräber in südöstlicher Richtung, die später bei Tondong-Sueia gesehenen in nördlicher und die hier befindlichen hauptsächlich nach West und Nordwest. Die Herstellung der Felsengräber ist außerordentlich mühsam und zeitraubend, und daher lassen die begüterten Toradja ihre Familiengrüfte schon zu Lebzeiten ausmeißeln.

In ihrer äußeren Gestaltung wichen die hier besichtigten Liang von den früher gesehenen etwas ab. Die Holztüren der letzteren schlossen glatt mit der Felswand ab; in Tondong-Dandelólo dagegen waren die Holztüren so tief eingerückt, daß vor ihnen geräumige Nischen freiblieben, deren Bestimmung es war, die Tau-Tau (Totenwachen) aufzunehmen. Mit dieser im Makále-Tale üblichen Aufstellung von Totenwachen hat es eine eigene Bewandtnis. Diese mit kriegerischen Attributen ausgestatteten menschlichen Figuren symbolisieren einen von den Toradja sehr gefürchteten Gott, richtiger: bösen Geist, dem die Bevölkerung den größten Einfluß auf ihre Geschicke zuschreibt, und dem man daher die meisten Opfer darbringt. Damit nun der Dewáta sich überzeugen könne, daß ihm bei den Totenfeierlichkeiten alle gebührenden Ehrungen und Opfer von den Hinterbliebenen dargebracht worden sind, stellt man eine denselben vorstellende Puppe in den Grabnischen auf. Die Größe dieser Figuren ist recht verschieden und richtet sich nach der des Vorraumes. Ich fand solche von ½ m Höhe bis zur vollen Lebensgröße. Es war mir aber nicht möglich, zweifelsfrei festzustellen, ob mit der Bezeichnung »tau-tau« der Name des Dämons gemeint ist, oder ob nur die diesen darstellende Puppe so genannt wird.